hat keine andre Pflanze für Java eine so grosse Wichtigkeit, als der
Kaffeestrauch, dessen Kultur mit den dortigen Zuständen in inniger
Wechselbeziehung steht. Java war eine der ersten Kolonien, in welche die
in Mittel-Afrika einheimische, obgleich Coffea arabica genannte Pflanze
eingeführt wurde (1696); von Java verbreitete sich der Kaffeestrauch
über Amsterdam (1706) nach Surinam (1719), Westindien (1722), und von
dort nach Bourbon.[72] -- 1795 lieferte Java 18,600,000 ℔ Kaffee und der
Gewinn an diesem Artikel war schon damals die Haupteinnahme der alten
Kompanie. Als Marschal Daendels Guvernör war (1808-11), dehnte er, um
die Einkünfte der Kolonie schnell zu vermehren, den Kaffeebau mit der
ihm eigenen Energie aus, und pflanzte 45,700,000 Sträucher, wodurch er
ihre Gesammtzahl auf 72,669,860 brachte. Der gehoffte finanzielle Erfolg
trat aber nicht ein: 1811 eroberten die Engländer Java, dessen durch die
Kontinentalsperre vom europäischen Festland ausgeschlossener Kaffee
fast werthlos wurde, so dass viele Pflanzungen wieder eingingen.
Raffles, der englische Guvernör und derselbe der später Singapore
gründete, hob die Zwangsarbeit und die gezwungenen Lieferungen auf und
setzte eine Grundsteuer an die Stelle, was er vielleicht nicht gethan
haben würde, wenn die gezwungenen Kaffeelieferungen eine bedeutende
Einnahmequelle für die Regierung gewesen wären. Als 1816 die Holländer
zurückkehrten, „verpachteten” sie die vorhandenen Kaffeegärten an die
Dorfgemeinden gegen eine Abgabe, die 36-53-1/3 % vom mittleren Ertrag
der Pflanzung gleichkam; über den Rest durfte der Bauer frei verfügen,
und konnte ihn auch für einen feststehenden Preis der Regierung
überlassen. Da letztere aber auf diese Weise nicht genug Kaffee erhielt,
so verbot sie später allen Europäern, Kaffee zu kaufen, und liess es
geschehen, dass ihre Beamten, um die Produktion zu vermehren, allerlei
Zwangsmassregeln anwendeten, so dass allmälig von der freien Arbeit und
freien Verfügung nichts übrig blieb als der Name. -- 1832 wurde das
Kultursystem eingeführt, wodurch die Kaffeeproduktion schnell vermehrt
und gänzlich in die Hände der Regierung gebracht wurde. Jede Familie
eines Bergdorfes musste binnen 4 Jahren 600 Kaffeebäume pflanzen und
unterhalten und 2/5 der Ernte an die Regierung als Grundsteuer, 3/5 „zum
Marktpreis” liefern. Da es gewiss sehr schwierig ist, bei gezwungenen
Lieferungen einen Marktpreis zu ermitteln, so machte die Regierung im
Februar 1833 bekannt, dass sie selbst den Marktpreis jährlich bestimmen
würde. Der von ihr festgesetzte Preis wurde bis 1844 beibehalten, 1845
ermässigt und 1858 in eine „Belohnung” verwandelt, die nach dem
Beschluss der holländischen Kammern (Gesetz vom 2. Sept. 1854, Art. 56)
„dem bei den Regierungskulturen beschäftigten Eingebornen bei gleicher
Arbeit wenigstens gleichen Gewinn, als bei freier Kultur, gewähren
sollte.” In Folge dieser offenbar im Interesse der inländischen
Bevölkerung erlassenen Bestimmung und trotz des höheren Werthes des
Kaffee erhielt der Bauer nun 9,20 Gulden per Pikul, d. h. 0,80 Gulden
weniger als 1833 und 0,87 Gulden mehr als seit 1844. Der mittlere
Marktpreis betrug damals in Java 28,73 Gulden per Pikul, so dass dem
Bauer bei freiem Verfügungsrecht nach Abzug von 2/5 Grundsteuer noch
immer 17,23 Gulden geblieben wären, wovon er indessen den Transport bis
zum Hafen zu zahlen gehabt hätte. Dafür muss die inländische
Bevölkerung die Kaffeepflanzungen nach Anweisung der Regierungsbeamten,
die gewöhnlich keine praktische landwirthschaftliche Kenntnisse
besitzen, oft sehr fern von ihren Dörfern anlegen und unterhalten. Sie
müssen sich auf eigene Kosten verpflegen, ihr Haus und Feld steht
während der Zeit verlassen. Das Risiko, ob die schwere Arbeit nach 4
Jahren durch volle Ernten lohnen wird, ist nicht für Rechnung der
Regierung, welche die Befehle ertheilt, sondern für Rechnung der
Bevölkerung, welche sie ausführt. -- Kein Kaffee, keine Bezahlung; die
Arbeit war dann vergeblich; der Regierung entgeht nur der Gewinn, den
sie am Kaffee gemacht haben würde. Es werden jährlich Hunderttausende
von Bäumen gepflanzt, die nie Früchte tragen und der Bevölkerung nicht
den geringsten Lohn einbringen. Kein Wunder, wenn der Eifer bei diesen
Arbeiten nicht gross ist.
Es leidet wohl keinen Zweifel, dass die Zwangsarbeit, der im Verhältniss
zur Mühe ungenügende Lohn, die Hauptursache des geringen Ertrages der
Regierungspflanzungen ist, besonders bei der Unmöglichkeit einer
ausreichenden Beaufsichtigung. Die Zahl der europäischen Kontrolöre ist
so gering, dass sie trotz dem besten Willen und Eifer nicht den zehnten
Theil der ihnen anvertrauten Pflanzungen gehörig verwalten können. Ihre
Zahl beträgt etwa 200; jeder einzelne hat daher, abgesehen von den
vielen andern ihm obliegenden Geschäften, die Aufsicht zu führen über
1-1/2 Million Kaffeebäume und über die zuweilen gleichzeitige Arbeit von
mehr als 2000 Menschen, in Pflanzungen, die oft meilenweit von einander
entfernt liegen. Trotz aller Mängel, die diesem von der Regierung selbst
betriebenen Gewerbzweig anhaften, liefert derselbe jährlich so
bedeutende Ueberschüsse, dass man sich nicht wundern darf, wenn das
tiefgreifende, die Grundlage der Verwaltung ausmachende System nicht
ohne Weiteres zu Gunsten liberalerer Theorien aufgegeben wird. Es ist
freilich berechnet worden, dass diese Ueberschüsse nur einen scheinbaren
Gewinn darstellen, und dass die Regierung durch Verpachtung und Verkauf
ihrer Pflanzungen an Privatleute, selbst wenn der Ertrag derselben
dadurch nicht vermehrt würde, an Steuern und Ersparnissen viel grösseren
Vortheil ziehen würde, als gegenwärtig, besonders wenn auch das Monopol
der Handelsmaatschappij aufgehoben würde. Wenn die gewöhnliche Annahme,
dass die Pflanzungen in Händen von Privatleuten den doppelten Ertrag,
d. h. 1 ℔ per Baum liefern würden, wirklich in Erfüllung ginge, so
wäre der Gewinn einer solchen Maassregel in die Augen springend; denn
die 2/5, welche die Regierung als Steuer erhebt, wären = 4/5 des
Quantums, das sie jetzt erhält, und der Gewinn an dem fehlenden
Fünftel würde vielfach aufgewogen durch die Ersparung der gesammten
Kulturkosten und durch die Pacht der vorhandenen Pflanzungen oder die
Zinsen des Verkaufskapitals. Bevor aber nicht in andern Kaffeeländern
die Produktion hinreichend gestiegen sein wird, um die Preise
herabzudrücken und der Regierung Verlust statt Gewinn zu bereiten, ist
eine durchgreifende Aenderung des Systems wohl nicht zu erwarten.
Nach Tisch überraschte uns der gefällige Regent von Garut mit einem
Wayang (javanisches Schattenspiel, das die Stelle des Theaters
vertritt). Gespielt wurde in einem um wenige Stufen erhöhten, an einer
Seite offenen Bretterhause. Auf einem darin aufgespannten grossen
weissen Tuche erscheinen die Schatten der dramatischen Figuren, die
äusserst zierlich aus Leder ausgeschnitten, und obgleich dem Zuschauer
nur als Schatten sichtbar, reich bemalt und vergoldet sind. Die Gelenke
sind beweglich. Das Stück fing vor Sonnenuntergang an und dauerte bis
Sonnenaufgang, also ziemlich genau zwölf Stunden. Ein und derselbe Mann
spricht die ganze Nacht hindurch den Dialog, wobei er nur zuweilen durch
Gesang und Musik unterbrochen wird. Allein durch Genuss von Opium soll
es ihm möglich sein, diese grosse Anstrengung auszuhalten. Das
Schauspiel ist der javanischen Mythe entlehnt. Der Dialog wurde
javanisch rezitirt, obgleich die Zuhörer Sundanesen waren. Da wir den
Text nicht verstanden, so zogen wir uns bald zurück. Mehrere hundert
Zuhörer hatten sich eingefunden und folgten der Aufführung in regster
Spannung; trotz gelegentlicher Regenschauer hielten fast alle, auf dem
Boden vor der Bühne kauernd, bis zum Ende aus; in dem geräumigen Hause
standen nur drei Stühle für den Regenten und seine beiden Gäste.
Als wir uns am folgenden Morgen von dem gastfreien Fürsten trennten, lud
er uns zu einer jener berühmten Hirschjagden ein, die gegen Ende der
trockenen Jahreszeit, nachdem die grossen mit Alang-alang-Gras
(Saccharum Koenigii Retz.) bedeckten Flächen abgebrannt worden, in den
Preanger Regentschaften stattfinden. Das Alang-alang erreicht eine Höhe
von 3-5 Fuss. Grosse Strecken Landes sind namentlich im Süden der
Preanger Regentschaften von solchen Graswüsten bedeckt, die an die
Stelle ausgerodeter Wälder treten, sobald die Kultur in den Lichtungen
wieder aufhört. Es sind undurchdringliche Gebiete, die zahlreichen
Hirschen, Wildschweinen und Tigern zum Aufenthalte dienen. Gegen Ende
der trockenen Jahreszeit pflegt man die Graswüsten zu verbrennen; dann
finden auf dem nun zugänglichen Boden jene berühmten Hirschjagden statt,
denen ich leider nicht beigewohnt habe, die aber der Beschreibung nach
so interessant sind, dass sie wohl Erwähnung verdienen. Die inländischen
Fürsten begeben sich mit zahlreichem Gefolge auf das Jagdgebiet und
verfolgen den Hirsch auf sehr edlen, zu dem Zweck besonders
abgerichteten Pferden, welche wegen ihrer Flüchtigkeit „Kuda-burong”
(Vogelpferde) genannt werden; sie sind ungesattelt; der Reiter trägt
ausser Hut und Jagdmesser nur eine kurze Hose, die so ausgeschnitten
ist, dass er nackt auf dem nackten Pferde sitzt. Sobald ein Hirsch
sichtbar wird, verfolgt ihn das Pferd mit dem Eifer eines Jagdhundes und
sucht, wenn es ihn erreicht, dicht an seine Seite zu springen, worauf
der Reiter mit einem Hiebe des Jagdmessers, der die Rippen
durchschneidet, das Thier erlegt. In Batavia sah ich später eine solche
Jagd auf einem grossen Oelbilde von dem talentvollen inländischen
Künstler Raden Saleh dargestellt, der seine Kunst auf Kosten der
holländischen Regierung bei den besten Meistern in Europa erlernt und
nebenbei Eugène Sue das Modell zum Prinzen Djalma geliefert hat. Unser
Regent rühmte sich, auf solche Weise bereits 127 Hirsche erlegt zu
haben.
Bei dieser Gelegenheit hörte ich auch zum erstenmal eine Geschichte,
die mir später noch öfter von sehr glaubwürdigen Männern wiederholt
wurde. Ein General-Guvernör fragte bei seiner Durchreise Herrn L. B.,
einen reichen Pflanzer und grossen Tigerjäger in Salatiga, wieviel
Tiger er schon getödtet habe? Antwort: 144. Als sich der Guvernör bei
seiner Rückkehr nach einigen Tagen die Zahl schriftlich erbat, gab L.
B. 148 an. „Nun wundere ich mich nicht mehr über die grosse Summe”,
antwortete der Guvernör; „neulich waren es nur 144, und heut sind es
148.” „Allerdings,” antwortete Herr L. B., „denn gestern habe ich
vier Tiger erlegt.”
23. Juli. Von Wanaradja setzten wir in nördlicher Richtung die Reise
durch das Manukthal fort bis Tjihorrai, wo das Gebiet von Sumedang
beginnt, das gleichfalls zu den Preanger Regentschaften gehört. Junghuhn
hatte dem Assistent-Residenten unsern Reiseplan mitgetheilt und für uns
seine Unterstützung erbeten, wie dies bei reisenden Regierungsbeamten
üblich ist, bevor sie eine neue Provinz betreten. Danach waren alle
Anordnungen getroffen mit einem Aufwand von Ehrenbezeugungen, von dem
man sich in Europa keine Vorstellung macht. An der Grenze erwartete uns
ein Trupp von dreissig uniformirten Reitern mit Fahnen. Sobald wir die
für uns bereit gehaltenen Pferde bestiegen hatten, setzte sich der Zug
in Bewegung. Es war ein schöner Anblick, als die bunt kostümirten Reiter
auf den schmalen Zickzackpfaden der Bergabhänge hinter Felsen und
Baumgruppen abwechselnd erschienen und verschwanden. An mehreren Stellen
waren neue Brücken über die Bäche geworfen. Der Weg führte östlich in
das Gebirge hinein. Als wir Malembong erreichten, empfing uns ausser der
Gamelangmusik, an die wir nun schon gewöhnt waren, auch noch ein
Sängerchor. Während der Abendmahlzeit entfalteten vor unserer Veranda
ein Paar tanzende Rongengs ihre Reize beim Scheine des Mondes und
einiger Dammarfackeln, von einem zahlreichen Zuschauerkreise umgeben,
während im Hintergrunde mehrere hohe vulkanische Gipfel in die klare
Luft emporragten. Die Tänzerinnen singen beim Tanzen javanische,
gewöhnlich improvisirte Strophen. Zuweilen kommt im Gesang etwas
ergreifend Wildes vor, das auch für europäische Ohren Reiz hat.
24. Juli. Von Malembong nördlich nach Pawenáng. Hier hält der Wagen
still. Ein Trupp Reiter wartet auf uns, um uns ins Gebirge zu begleiten,
worauf wir im Wagen den Weg nach Sumedang, der Hauptstadt des Distrikts,
fortsetzen. Auf allen Stationen steht für uns der Tisch gedeckt, das
Mittagessen fertig. Wir entscheiden uns endlich für Derma-radja, wo
wilder Pfau, appetitliche malayische Karis und mannigfaltige Sambals uns
anlockten.[73] Der Bedana, der hier die Honneurs machte, ein hübscher
junger Mann, war der Sohn und muthmassliche Nachfolger des Fürsten von
Garut. Seine Höflichkeit war zwar eben so gross, als die der übrigen
Bedanas, doch sprach sich dabei gleichzeitig unverkennbar eine gewisse
Vornehmheit aus. In Sumedang schickte der Regent seinen Wagen mit einer
Einladung zu einem malayischen Ballet, die mit Vergnügen angenommen
wurde, da seine Bedajas (Privattänzerinnen) die berühmtesten im ganzen
westlichen Java sind. Der Fürst, ein mit 36 Kindern gesegneter
Familienvater, von denen zehn oder zwölf der Jüngsten in reichen,
goldgestickten Kostümen anwesend waren, empfing uns in seinem Palast an
dem Ende eines langen Saales; er war äusserst liebenswürdig gegen seine
Gäste, und entwickelte dabei eine gewisse Frivolität, wie ich sie selbst
bei einem ~javanischen~ Muhamedaner nicht vermuthet hätte. Es fanden
sich noch mehrere Europäer ein, und als die Gäste vollzählig waren, gab
er das Zeichen zum Anfange.
Vier Tänzerinnen mit goldenem, helmartigem Kopfputz, oranienrother Jacke
ohne Aermel und einem blau und weiss gestreiften Sarong, der bis zum
Boden reicht, traten in zwei Paaren am andern Ende des Saales ein. Sie
hatten Lanzen in den Händen und gingen mit niedergeschlagenen Augen
feierlich um den ganzen Saal. Bei jedem Schritt machten sie Halt und
verneigten sich nach der einen und andern Seite. Sobald dieser Umgang
vorüber, schlug die Musik eine muntere Weise an, der ein lebhafterer
Abschnitt des Tanzes folgte. Der dritte Abschnitt stellte eine
Herausforderung dar. Die Tänzerinnen trugen dabei Pfauenwedel, mit denen
sie einander verächtlich berührten. Darauf folgte der Kampf, wobei Kris,
Pfeil und Bogen angewendet wurden; er schloss damit, dass zwei
Tänzerinnen, als die Besiegten, niedersanken. Der letzte Akt schien
Trauer und Reue über das Vorgefallene auszudrücken. Leider konnte keiner
der Anwesenden die Bedeutung des Tanzes genauer erklären. Jeder
Abschnitt hatte seine besondere Musik, die zuweilen sehr ergreifend und
hinreissend war, einige male fiel auch ein Sängerchor ein.[74] Der ganze
Tanz war ungemein feierlich und ist gewiss religiösen Ursprungs. Alle
Bewegungen waren graziös und ausdrucksvoll, aber gemessen; der Ausdruck
des Gesichts blieb immer schwermüthig und sehr ehrerbietig, drückte aber
eben so wenig die wirkliche Stimmung der muthwilligen Mädchen aus, als
das stereotype Lächeln unserer Ballettänzerinnen nach anstrengenden
Sprüngen dies thut. Die nackten Füsse waren sehr schön geformt, klein
und so wohl gepflegt, wie die Hände eleganter Damen. Zwei Mädchen hatten
recht hübsche Gesichter, alle waren wohl gewachsen. Wahrscheinlich
stammen diese Bedajas noch aus der Hinduzeit, auch erinnert der Kopfputz
sehr an die Wayangfiguren.
Bei dem Assistent-Residenten sah ich eine Sammlung auf Java gefundener
Alterthümer: Bronzen von zum Theil vorzüglicher Arbeit, die einen hohen
Zustand der Kunst verriethen (die aber vielleicht von ausserhalb
eingeführt waren), und eine Sammlung von Waffen, Geräthschaften und
Schmucksachen aus Kiesel, welche, wie ich erfahren habe, jetzt nach
Leyden gekommen sind, und als Proben eines unserer Steinzeit parallelen
Zeitalters auf Java von hohem Interesse für Archäologen sein dürften.
Drittes Kapitel.
Reise nach dem Malabar. -- Cinchonenpflanzungen daselbst. --
Cinchonenbau in Java und Vorderindien. -- Tischchen deck dich. --
Bambus. -- Gärtnerei. -- Pangerango.
In Sumedang trennte ich mich von meinem bisherigen so gefälligen
Reisegefährten, kehrte nach Bandong zurück und schloss mich Herrn de
Vrij an, der eine Dienstreise nach Gedong-banteng, einer mitten im
Urwalde auf dem Malabar (nach Junghuhn: Malawar) angelegten
Chinapflanzung machte, die er aus Gefälligkeit bis zu meiner Ankunft
verschoben hatte. Die Ebene von Bandong wird im Süden zum grossen Theile
von den Vorbergen des Malabar begrenzt, der sich von einer sehr breiten,
fast quadratischen Basis in sanfter Neigung über 7000 Fuss erhebt. Im
Osten scheidet ihn das enge, gewundene Thal des Tjitarum von dem
Gebirgszug, auf dessen östlichem Abhang die früher besuchte Kawa-manuk
liegt, und dessen südliches Ende der Papandayan und sein grosser
Trümmerberg bildet. Der an der südöstlichen Ecke des Malabar im tiefsten
Urwald entsprungene Tjitarum wächst durch Aufnahme vieler Bergwässer so
schnell, dass wir vor der nordwestlichen Ecke desselben Berges auf einer
Fähre übersetzen mussten. Im Galopp ging es dem Berge zu. Ein kleiner
Schaden am Wagen war unterwegs schnell ausgebessert; Bambusen stehen
überall zur Hand, sie lieferten Schienen und Hebebäume; ein
gelbblühender Hibiscusbaum, den man auch gewöhnlich an der Strasse
findet, gab seinen zähen Bast zu Stricken. Der Javane trägt auf Reisen
stets sein Haumesser an der Seite; es ist in seinen Händen ein
Universalinstrument, vermittelst dessen er den Bambus allen seinen
Bedürfnissen anzupassen weiss. Den letzten Theil des Weges legten wir zu
Pferde zurück. Zuerst durch Kaffeegärten, dann durch Urwald reitend,
erreichten wir Tjiníruan, wo in 4820' Höhe eine Chinapflanzung angelegt
ist, deren nähere Besichtigung auf morgen verschoben wurde, da wir noch
vor Sonnenuntergang den Gipfel des Berges erreichen wollten. Die
Eingebornen nennen ihn Puntjak tuwan besar: „Gipfel des grossen Herrn”,
weil ihn der General-Guvernör im Jahre vorher gelegentlich eines Besuchs
der Chinapflanzungen erstiegen hatte. Dies ist auch der Grund, warum ein
bequemer Reitweg mitten durch den Urwald bis auf die Spitze führt, deren
Höhe nach einer oben aufgestellten Tafel 7200 Fuss beträgt und einen
grossartigen Rundblick gewährt: aus dichten, zum Theil nie betretenen
Wäldern, deren dunkles Grün im Norden durch die Kulturebene von Bandong
unterbrochen wird, steigt ein ganzer Kranz von Vulkanen empor.
Gunong-guntur und -papandayan sind mit Dampfsäulen geschmückt; eine
andere, die südwestlich aus dunklem Walde hervorbricht, bezeichnet die
Solfatara des Gunong-wayang; in grösserer Ferne erblickt man die Vulkane
Tjikorai, Gelungung, Gedeh, Tjerimai und Slamat. Mit einbrechender
Dunkelheit kehrten wir nach Gedong-banteng zurück, wo ein gemüthliches
Haus mitten im Walde für die Inspektoren der Chinapflanzungen steht. Wir
brachten einen höchst angenehmen Abend inmitten der grossartigen
Einsamkeit zu, die erst spät durch vier alte Rongengs gestört wurde,
welche der Distrikthäuptling aus besonderer Aufmerksamkeit gegen seine
fremden Gäste von weither herbeigeschafft hatte.
Am folgenden Tage besichtigten wir die Cinchonapflanzungen, die in
verschiedenen Höhen auf dem Malabar angelegt sind, sowie die
Gewächshäuser, in denen lange Reihen von Töpfen mit Stecklingen und noch
viel grössere Mengen von Bambusgefässen mit je einem Samen zum Keimen
aufgestellt waren. Ueberall war musterhafte Ordnung, Sorgfalt, ohne
Rücksicht auf Kosten, und das ernste Streben sichtbar, alle Hindernisse
zu überwinden, die sich bisher der Akklimatisation dieser werthvollen
Bäume entgegengestellt hatten. Das Ergebniss hat aber den aufgewendeten
Mitteln nicht entsprochen. Die Ursache wird mit Recht der Kulturmethode
zugeschrieben, doch liegt sie noch weit mehr im „Kultursystem”, durch
welches der Fehler, auf den man bei einem ersten Versuch gefasst sein
musste, so ausserordentlich vergrössert wurde. Die Engländer, die
mehrere Jahre später Cinchonen von Südamerika nach Indien brachten in
der Absicht, den Anbau derselben Privatleuten zu überlassen, hatten
einen überaus glänzenden Erfolg, der in diesem Maasse freilich nur durch
Zusammentreffen nicht vorherzusehender Umstände herbeigeführt werden
konnte. Ihre Aussichten waren aber gleich von vornherein viel günstiger:
denn im Fall des Misslingens hätte es sich nur um einen verfehlten
Versuch im Kleinen gehandelt, und für das Gelingen desselben war die
Wahrscheinlichkeit weit grösser als in Java; denn unter den vielen, über
die verschiedensten Lokalitäten vertheilten intelligenten Privatleuten,
denen man im Falle eines ersten Misslingens die Pflanzen zu weiteren
Versuchen überlassen haben würde, wäre es doch wohl dem Einen oder dem
Andern geglückt, eine passende Kulturmethode zu finden -- (genau so ist
es mit dem Theebau in Indien gegangen, der zuerst fehlschlug und jetzt
so glänzende Resultate giebt) -- und ebenso war die fortschreitende
Verbesserung der Methoden durch die Strebsamkeit vieler an der Kultur
Betheiligten gesichert. Die fast gleichzeitige Einführung der
interessanten Pflanzen in beide Länder, und die Verschiedenheit der
Ergebnisse, in Folge der verschiedenen befolgten Systeme sind
selbstredend. Als im December 1854 die ersten Cinchonen aus Holland in
Java eintrafen,[75] wurden sie von den Herren Hasskarl und Teysmann in
einer Lichtung auf dem Gedeh in 4400' Höhe gepflanzt. Die Wahl des Orts
war, wie spätere Erfahrung lehrte, eine sehr unglückliche. Die grosse
Trockenheit und grelle Sonne in so geringer Meereshöhe und der
felsharte, nur von einer dünnen Erdschicht bedeckte Untergrund wirkten
so verderblich, dass nach 18 Monaten nur noch 300 kränkelnde Pflanzen
übrig waren. Im Dezember 1855 brachte Junghuhn 139 im botanischen Garten
von Leyden gezogene junge Pflanzen nach Java und übergab sie Herrn
Hasskarl; sechs Monate später waren 76 davon todt. Im Juni 1856 nahm Hr.
Hasskarl wegen Krankheit seinen Abschied; Junghuhn erhielt selbst die
Leitung, zugleich kam Dr. de Vrij als Chemiker nach Java und wurde mit
bei der Chinakultur angestellt.[76] Nun begann ein neues System; Geld
wurde nicht geschont, und es wurde befohlen, dass die Kultur bis zum
völligen Gelingen unter der Leitung wissenschaftlicher Männer bleiben,
dann aber in den gewöhnlichen Betrieb der Provinzialregierungen
übergehen sollte. 1857 blühten einige C. Calisaya und C. Pahudiana, 1858
trugen sie Samen. Die Samen von C. Calisaya, einer anerkannt
vorzüglichen Art, reiften aber nicht in so geringer Meereshöhe, während
C. Pahudiana reichlich Samen lieferte und auch viel üppiger wuchs als
jene. Diese Umstände verleiteten Junghuhn, dem es darum zu thun war,
schnell eine grosse Menge Pflanzen zu erhalten, letztere fast
ausschliesslich zu kultiviren und die guten Arten zu vernachlässigen,
obgleich die C. Pahudiana jedenfalls von zweifelhaftem Werth war.
Hasskarl hatte sie als C. ovata bestimmt, Junghuhn, der den Fehler
entdeckte, nannte sie C. lacumaefolia, nach einer eingebildeten
Aehnlichkeit mit dieser Spezies von Pavon; erst Howard, der berühmte
Monograph der Cinchonen, erkannte sie als eine neue, unbeschriebene Art
und nannte sie dem General-Guvernör zu Ehren C. Pahudiana. Das
Hauptversehen in Java war die ungeheure Vermehrung dieser Art, die von
Markham durchaus werthlos genannt wird: auch wollte kein Händler ihre
1862 auf die Londoner Ausstellung gesandte Rinde kaufen. De Vrij's
Urtheil ist nicht ganz so ungünstig.[77]
Folgendes war Junghuhn's Kulturmethode: Blumentöpfe, aus
Bambusinternodien bestehend, wurden mit fein gesiebter Erde gefüllt und
im Innern des Waldes in Beete von aufgeschütteter Erde eingesetzt, die
an den Abhängen der Gebirge terrassenförmig angelegt waren. Ein Dach von
trockenem Grase, von Stangen getragen, hoch genug, um Seitenlicht
einzulassen, schützte die Töpfe gegen herabfallende Regentropfen. Diese
Saatbeete waren von 200-500 Fuss Länge und zogen sich in parallelen
Reihen, wie Stufen eines Amphitheaters, zwischen den Bäumen hin. Jeder
Topf enthielt nur einen Samen. Die Erde wurde immer feucht gehalten,
indem sie zweimal täglich durch Ausdrücken eines Schwammes angewässert
wurde. Die Töpfe blieben in den Saatbeeten stehen, bis die Pflanzen etwa
einen halben Fuss hoch waren, was ungefähr 8 Monate erforderte, und
wurden während dieser Zeit alle 5 oder 8 Tage gewendet, um das
Krummwachsen der Pflanzen zu verhüten.