zwischen der Residentschaft Buitenzorg und den Preanger Landen bildet.
Die Strasse überschreitet ihn mit Verschmähung fast aller Zickzacklinien
auf einem Pass von 4620 Fuss. Daher ist dies Joch für Lastwagen nicht
übersteigbar; leichte Postchaisen gebrauchen einen Vorspann von 6
Büffeln; der Güter-Transport geschieht durch Lastträger, und wird
dadurch so vertheuert, dass er sich auf unentbehrliche Gegenstände
beschränken muss. Nur auf grossem Umwege und nicht zu allen Jahreszeiten
können die reichen Erzeugnisse des Ackerbaues aus den Preanger Landen
Batavia erreichen. Auf schwierigen Gebirgswegen werden sie in
Büffelkarren nach Tjikao, an die Grenze der grossen nördlichen Ebene,
geschafft, und setzen von dort auf dem durch Aufnahme mehrerer Bäche für
Prauen schiffbar gewordenen Tjitarum in einem grossen Bogen und vielen
Windungen die Reise bis ins Meer, und dann zur See nach Batavia fort.
Da die Transportmittel so unvollkommen und der Boden in den Preanger
Regentschaften sehr fruchtbar ist, so sind dort alle Lebensbedürfnisse
sehr billig; der Pikul Reis kostet selten mehr als 1-1/2 bis 2 fl.; es
herrscht keine sichtbare Noth, aber auch kein Wohlstand, und grosse
Einfachheit der Sitten.[58] Ein schmaler kühler Waldweg führt nach
einem nahe gelegenen kleinen See, Telaga-warna, einem alten
Kraterbecken. Die steilen Wände sind mit dichtem Wald bekleidet,
zwischen den Hochstämmen viele Baumfarne, wilde Musen und Scitamineen.
Die alten Bäume sind mit kletternden Farnen, Moosen und blühenden
Orchideen bedeckt. Das Wasser ist spiegelglatt, nicht ein Laut ertönt,
um das Gefühl der Waldeinsamkeit zu stören. Die Strasse steigt an der
Südostseite des Jochs hinab: tiefe Schluchten erlauben häufig einen
Einblick in die Struktur des Berges. Es wurde dunkel, bevor wir
~Tjipanas~ erreichten, nach einer heissen Quelle benannt, die hier in
3390 Fuss Höhe am nördlichen Abhang des ~Pangerango~ oder Gedeh-Gebirges
hervorbricht. Hier steht ein einfaches Landhaus mit einem grossen Garten
für den General-Guvernör, der zwar nur selten Zeit hat, die Besitzung zu
besuchen; der Garten liefert ihm aber in dieser Meereshöhe unter Leitung
eines europäischen Gärtners eine solche Fülle der feinsten europäischen
Gemüse für die Tafel, dass immer noch sehr viel für etwa Durchreisende
übrig bleibt, die das Glück haben, in der Wohnung des Gärtners Aufnahme
zu finden. Heute gelang es nicht. Wir ritten nach dem einen Paal weiter
entfernten Padjit, wo ein ~Pasanggrahan~ steht, d. h. ein geräumiges
Haus mit Nebengebäuden zur Aufnahme der im Dienste der Regierung
reisenden Beamten. In allen grösseren Orten giebt es Gasthäuser, in
denen nicht mehr als 5 Gulden für den Tag und die Person gefordert
werden darf. An solchen Orten, wo die Frequenz der Reisenden zu gering
ist, um die Kosten zu decken, macht die Regierung die nöthigen
Zuschüsse; an weniger besuchten Orten, besonders in den
Kaffeedistrikten, sind für die kontrolirenden Beamten Pasanggrahans
angelegt. Hier traf ich einen mir schon dem Namen nach bekannten
deutschen Arzt, der mir für den folgenden Tag einen Platz in seinem
Wagen zur Reise nach Tjandjur und Bandong anbot, was dankbar angenommen
wurde.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit meinem neuen Bekannten, welcher
„Officier van Gezondheid” für die Preanger Regentschaften war, vor
Tagesanbruch in offenem Wagen vierspännig und von drei Vorreitern
begleitet weiter. In Folge des Geräusches, das ein über den Wagen als
Sonnendach ausgespanntes Zinkblech verursachte, wurden die Pferde so
unlenksam, dass wir, um Zeit zu gewinnen zwei davon ausspannten und
zurücksandten. Das Mittel hatte den gewünschten Erfolg. Tjandjur war
bald erreicht, wir stiegen im Bungalow des Doktors ab. Während des
Frühstücks vertrieben uns zwei zahme Hirsche und zwei Affen die Zeit.
Einer der letzteren, ein behender Hylobat, war äusserst drollig und
unerschöpflich in Neckereien gegen einen Lotong (Semnopithecus maurus),
dem er an Gewandheit sehr überlegen war.
Tjandjur ist die Hauptstadt der Preanger Regentschaften, welche die
grösste Provinz Java's bilden und an interessanten geologischen,
namentlich vulkanischen Erscheinungen, malerischer Schönheit und
schnellem Wechsel zwischen hochkultivirten Ländereien und wilden
Gebirgs- und Waldlandschaften von keiner Provinz übertroffen werden. Das
ausserordentlich sanfte, liebenswürdige, einfache, biedere Wesen der
Bewohner verleiht ihr noch einen ganz besonderen Reiz. Das Verbot des
Opiums in dieser Provinz und die Ausschliessung der Chinesen -- nur
einige sind in den Hauptorten unter der unmittelbaren Aufsicht der
europäischen Beamten zugelassen -- tragen gewiss wesentlich dazu bei die
Sitteneinfachheit aufrecht zu erhalten. Die Provinz fiel den Holländern
nicht durch Eroberung, sondern durch Verträge mit den einheimischen
Fürsten zu. Als eine Folge davon haben die von ihnen abstammenden
Regenten eine etwas unabhängigere Stellung als die in den andern
Provinzen, und da sie meistens auch grosse Einkünfte beziehen, so
führen sie einen glänzenden Hofstaat, der viele interessante
Eigenthümlichkeiten darbietet. Die Bewohner dieser Provinz und des
ganzen westlichen Theils von Java sind Sundanesen und haben ihre eigene
Sprache. Im östlichen Java wird javanisch gesprochen, an den Küsten
malayisch, welches aber auch im Innern so verbreitet ist, dass der
Reisende damit ausreicht. Wir machten dem Residenten und übrigen Beamten
unsern Besuch. Nachmittags sollte die Umgegend besichtigt werden, was
aber wegen heftigen Regens auf den folgenden Tag verschoben wurde.
15. Juli. Morgens 4 Uhr erschien zur Spazierfahrt ein vom Regenten
gesandter schöner vierspänniger Wagen mit zwei Livréebedienten vor
unserer Thür. Nachmittags machten wir, von mehreren holländischen
Beamten begleitet, einen Ritt durch Stadt und Umgegend. Die Häuser der
Europäer sind von Stein, einstöckig, geräumig, meist mit einer
Säulenhalle versehen, das Erdgeschoss ist nur wenige Fuss über dem Boden
erhaben, schöne Gärten umgeben sie. In den von den Eingebornen bewohnten
Stadttheilen herrscht nicht nur grosse Sauberkeit, auch Zierlichkeit
macht sich überall bemerkbar. Die Wände der Häuschen aus gespaltenen,
plattgedrückten, theils weissen, theils schwarz gefärbten Bambusen sind
nach hübschen Mustern geflochten. Ein gut im Stande gehaltener
Bambuszaun oder eine Hecke von blühenden Sträuchern fasst jedes Gehöft
ein.
Die Eingebornen, Männer und Weiber, kauern ehrerbietig nieder, nehmen
den Hut ab und verhüllen ihr Gesicht, sobald der Zug naht. Als wir
vorgestern von Buitenzorg heraufritten, wichen uns die schwerbeladenen
Kulis aus, verliessen den schmalen glattgetretenen Pfad und gingen auf
dem kleinen vulkanischen Gerölle, womit die Strasse beschüttet ist bis
sie an uns vorüber waren. Wenn einige es nicht gleich von selbst thaten,
so verfehlte mein Reisegefährte nicht, ihnen gebieterisch „~pinggir~”
(auf die Seite) entgegenzurufen. Auch schwer beladene Wagen wichen uns
aus.
16. Juli, 5 Uhr früh von Tjandjur abgefahren. Die Strasse nach Bandong
ist sehr bergig; wo es steil bergauf geht, werden drei Gespann Büffel
vorgelegt. Ueber den Tjitarum setzten wir in einer Fähre; der
diesseitige Bergabhang war so steil, dass die Pferde ausgespannt werden
mussten, der Wagen rollte durch seine eigene Schwere abwärts. Vier und
vierzig Menschen, die uns hier erwartet hatten, hemmten ihn vermittels
eines langen aus Büffelfell geflochtenen Strickes. Es ging sehr laut
dabei zu; den meisten Lärm machten natürlich die kleinen Jungen, die
unaufhörlich kommandirten. Um 10 Uhr Vormittags erreichten wir Bandong,
wo ich in dem gastlichen Hause des Assistent-Residenten die
liebenswürdigste Aufnahme fand. Nachmittags wurde ein geognostisch
interessanter und landschaftlich schöner Wasserfall besucht.
Bandong liegt im westlichen Theile der grossen nach ihm benannten, rings
von vulkanischen Gebirgen eingeschlossenen 2100-2200 Fuss hohen Ebene,
einem der schönsten Gebiete dieser schönen Insel. Der fruchtbare
vulkanische Tuff, aus dem der Boden besteht, von den umgebenden
Waldbergen reichlich mit Wasser versehen, welches der Fleiss der
Bewohner in unzählige Rinnen verbreitet hat, liefert jährlich zwei
Reisernten. Hier herrscht ein ewiger Frühling. Am nächsten Morgen ritt
ich zu Junghuhn hinauf, der 1400' höher in Lembang am Fuss des
Tankubang-prau noch kühler, aber auch feuchter wohnte. Ein Brief von
Humboldt verschaffte mir sogleich die herzlichste Aufnahme in dieser
sonst nur Wenigen zugänglichen Einsiedelei.[59] Die Thätigkeit des
berühmten Naturforschers war jetzt fast ausschliesslich auf die
Vermehrung und Akklimatisation der Cinchonapflanzen gerichtet.
Hier erneuerte ich auch die Bekanntschaft mit Dr. de Vrij, der als
Regierungschemiker sein Laboratorium in Bandong hatte und namentlich mit
der Bestimmung der Alkaloide der neu eingeführten Cinchonen und mit der
Untersuchung und Ermittelung der den Kulturpflanzen günstigsten
Bodenarten beauftragt war.
Zweites Kapitel.
Reise nach Trogon. -- Strassen. -- Waringibäume. -- Bogenschiessen.
-- Religion der Javanen. -- Vulkan Guntur. -- Erdtransport durch
Wasser. -- Solfataren. -- Theebau. -- Vulkan Papandayan. -- Telaga
bodas. -- Kaffeebau. -- Schattenspiel. -- Hirschjagd. -- Malayische
Küche. -- Tänzerinnen in Sumedang. -- Gamelang-Musik.
Da der gefällige Arzt, der seit Padjet seinen Wagen mit mir getheilt,
grade eine Dienstreise nach Garut vor hatte und mir anbot ihn zu
begleiten, so arbeitete Junghuhn für mich einen Reiseplan aus, der sich
möglichst an jene Reise anschloss und mir Gelegenheit gab, einige
interessante geognostische Excursionen zu machen. Nachmittags kehrten
wir nach Bandong zurück.
Unterwegs gingen vor uns einige Frauen mit Sonnenschirmen. Als der uns
begleitende Amtsdiener sie gewahrte, rief er „payong!” (Schirm), worauf
sie alsbald die Schirme zumachten und in voller Sonne an der Seite des
Weges niederkauerten, indem sie ihr Gesicht abwandten. Die Frauen
begnügen sich nämlich nicht, wie die Männer mit dem Niederkauern,
sondern wenden als einen gesteigerten Ausdruck der Unterwürfigkeit den
Europäern den Rücken zu. Die kleinen Jungen machen es wie ihre Mütter
und nehmen aus Ehrerbietung eine Stellung an, die, da sie keine Hosen
tragen in Europa eher für den Ausdruck des Gegentheils gelten würde.
Abends war in Bandong „Receptie”, wobei mir, wie später noch oft bei
ähnlichen Gelegenheiten, das elegante Französisch auffiel, welches in
den gebildeten Kreisen sehr allgemein zu sein scheint. Deutsch verstehen
auch die Meisten, englisch nur sehr Wenige. Auch sind die Engländer
wenig beliebt, das Volk nennt sie eine „Natie (spr. nazie) van
Zeeroovers”, doch scheint trotzdem eine grosse gegenseitige Hochachtung
zu bestehen, wie sie sich wohl bei so langer zäher Nebenbuhlerschaft
entwickeln musste.
18. Juli. Der Blitz hat die Brücke über den Tjigaro zerstört; eine
Depesche meldet, dass sie vor eilf nicht hergestellt sein kann; so
fahren wir denn erst um 9 Uhr ab. Unsere Reise geht nach Trogon über die
ganze Ebene von Bandong. Links treten die sie nördlich einfassenden
Berge dicht an die Strasse, rechts breitet sich die grüne Fläche aus,
ein ungeheures Reisfeld. In dem Pasanggrahan einer jeden Distriktsstadt
stehen Erfrischungen für uns bereit: Thee, Wein, Obst und Gebäck. Der
Bedana (Distriktshäuptling) macht die Honneurs des Hauses, darf aber
nicht das Zimmer betreten ohne besondere Einladung der Reisenden und
darf sich nur setzen, wenn ihm ein Stuhl angeboten wird; sein Gefolge
kauert am Boden.
Durch das ganze Land führen schöne fahrbare Strassen, deren erste Anlage
man dem Marschal Daendels verdankt, der 1808-11, als Holland eine
französische Provinz war, hier schaltete. Sein Gedächtniss wird noch
lange in Java fortleben wegen der Energie, Willkür und Grausamkeit, die
ihn auszeichneten. Die Javanen nennen ihn tuwan- (Herr) besar- (gross)
guntur (Donner).[60] Die Flüsse werden theils auf Fähren, theils auf
Brücken überschritten. Letztere sind auf belebten Strassen aus Holz und
überdacht, gewöhnlich aber aus Bambus und, wenn auch nicht sehr
dauerhaft, doch schnell wiederherzustellen. Reist ein hoher Beamter in
wenig besuchten Gegenden, so sind oft Tage vorher hunderte von Menschen
thätig, um Wege durch den Wald zu bahnen und Brücken zu schlagen. Ausser
der Art wie ein König zu reisen kann man nur noch zu Fuss oder zu Pferde
fortkommen. Eilwagen und Omnibus sind mit Ausnahme einiger ganz kurzen
Strecken nicht vorhanden.
Mittags erreichten wir Trogon, am SO. Abhang des noch thätigen Vulkanes
~Guntur~. Wir stiegen bei dem Kontrolör ab, dessen Haus am Alun-alun
liegt, einem grossen viereckigen schön gehaltenen Rasenplatz, wie ihn
jeder grössere Ort in Java besitzt. Gewöhnlich stehen auf demselben
einige Waringibäume (Ficus benjamina und F. indica), unter deren weitem
Schattendach oft ein Trupp Reiter Platz hat. Diese herrlichen Bäume
können mit ihrem dichten Laubdach einen ausserordentlich grossen Raum
überspannen. Von den horizontalen Aesten gehen Luftwurzeln aus, die wenn
sie den Boden erreichen, darin Wurzel schlagen und dann die Funktion
selbstständiger Stämme verrichten, obgleich sie immer noch mit der
Mutterpflanze zusammenhängen (vergl. S. 13 Rhizophoren); oft
verschlingen und verstricken sich viele solcher Luftwurzeln in der Nähe
ihres Ursprungs, während sie noch dünn sind und wachsen dann zu einer
einzigen sonderbar gewundenen Säule zusammen; auf dieselbe Weise bilden
sich zwischen den Säulen Bögen, die um so flacher sind, je entfernter
von einander die zu einer solchen Säule verwachsenen Luftwurzeln
entsprangen. So entstehen herrliche natürliche Tempel mit Säulengängen,
grossen und kleinen Hallen, von einer gewöhnlich sehr regelmässig
geformten flachen Laubkuppel überwölbt. Es ist kein Wunder, wenn die
Phantasie der Menschen sie überall zu Wohnungen überirdischer Wesen
erkor. Der grösste Waringibaum auf Java soll sich in Bantam befinden;
noch viel grössere kommen in Indien vor, wo sie häufig von den Brahmanen
als Tempel benutzt werden; überall werden sie in hohen Ehren
gehalten.[61] Forbes, Oriental Memoirs I 25 erzählt von einer solchen
Feige (F. microcarpa?) an den Ufern des Nerbudda: ... „Hohe Fluthen
haben zu verschiedenen Zeiten einen beträchtlichen Theil dieses
ausserordentlichen Baumes fortgerissen, aber das was noch steht hat, um
die Hauptstämme gemessen, fast 2000 Fuss Umfang. Die überhängenden
Zweige, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, bedecken einen viel
grösseren Raum, darunter wachsen Anonen und andre Fruchtbäume. Es sind
an 350 grössere und über 3000 kleinere Stämme vorhanden; ein jeder
sendet fortwährend Aeste und herabhängende Wurzeln aus, um neue Stämme
zu bilden.... Der Häuptling von Putnah pflegte unter diesem Baum mit
grosser Pracht zu lagern; er hatte einen Empfangssaal, Speisesaal,
Gesellschaftssaal, Schlafzimmer, Bäder, Küche und alle übrigen
Räumlichkeiten, jede in einem besonderen Zelte; dennoch bedeckte dieser
herrliche Baum das Ganze zusammen mit den Wagen, Pferden, Kamelen,
Wächtern und Dienern; während seine weitreichenden Aeste schattige
Stellen boten für die Zelte seiner Freunde mit ihren Dienern und ihrem
Vieh; und es ist bekannt, dass der Baum bei dem Marsche eines Heeres
7000 Mann Obdach gewährt hat.”
Am Alun-alun liegen fast immer die Moschee und die Häuser der ersten
inländischen Beamten. Auf einer Seite steht der Bobantjong, eine um
mehrere Stufen erhöhte Plattform, unter einem von Säulen getragenen
Ziegeldache. Auf dieser Tribüne pflegen die Regenten den Festen und
Volksversammlungen beizuwohnen, die in Folge des javanischen
Gemeinwesens periodisch auf diesen Plätzen stattfinden. Heute war die
Tribüne von einem Musikcorps eingenommen. Von Zeit zu Zeit wechselte die
wohlklingende, obgleich etwas einförmige Gamelangmusik mit einem
Sängercorps ab, das auf der andern Seite des Platzes im Schatten eines
Waringibaumes lagerte. In einiger Entfernung vor unserm Hause sassen
einige Häuptlinge behaglich auf dem Rasen, umgeben von ihren Dienern und
schossen mit Pfeil und Bogen nach einem sechzig Schritt entfernten Ziel.
Die Bogen sind kaum 3-1/2 Fuss lang und werden horizontal gehalten.
Viele schiessen gleichzeitig, so dass immer eine Menge Pfeile in der
Luft schweben, nur wenige trafen die Scheibe. Sind alle Pfeile
verschossen, so laufen kleine Jungen herbei und bringen ihren Herren die
an der verschiedenen Farbe der Federn kenntlichen Geschosse zurück.
Frauen waren bei dem Feste nicht anwesend.
Gegen Abend besuchten wir eine drei Paal entfernte, in einer Schlucht
des Guntur gelegene warme Quelle. Sie ist rings von hohen üppig
bewachsenen Felsen umgeben; ein Riesenbaum beschattet sie so wie zwei
sehr zierliche Bambus-Tempel, in denen ein Paar fromme Eingeborne ihre
Andacht verrichteten. Die Javanen sind sehr oberflächliche Muhamedaner,
etwa so wie die Indianer der spanischen Kolonien Christen sind. Der
Islam hat bei ihnen keine tiefen Wurzeln geschlagen, neben ihm aber sind
grossartige Naturerscheinungen, die einen tiefen Eindruck auf ihr Gemüth
machen, Vulkane, warme Quellen, auch Waringibäume, Gegenstände
religiöser Verehrung. Sie glauben sie von Geistern bewohnt und bringen
ihnen Opfer. Mit wirklicher Innigkeit verehren sie auch Alterthümer aus
der Hinduzeit, besonders solche, deren Kunstwerth die Leistungen der
heutigen Javanen so unendlich übertrifft, dass sie von ihnen für die
Werke höherer Wesen gehalten werden. Von den strengen Muhamedanern
unterscheiden sie sich besonders sehr vortheilhaft durch völlige
Duldsamkeit; die Frauen gehen unverschleiert und verkehren mit den
Fremden so frei wie in Europa.
19. Juli. Um 5 Uhr früh ritt ich von Trogon an der gestern besuchten
heissen Quelle vorbei, dann durch ein Bambuswäldchen und noch eine kurze
Strecke den Abhang des Guntur hinauf. Der eigentliche Kegel, ein grosser
Schutthaufen, kann nur zu Fuss erklommen werden. Der Doktor und der
Kontrolör begleiteten mich eine Strecke weit. Eine Schaar Reiter hatte
sich angeschlossen und eine noch grössere Menge von Begleitern zu Fuss.
Jeder wollte etwas tragen; Einer hatte die Karte, Andere die Hämmer
genommen; brauchte man etwas, so war nichts zur Hand. Das sind die
Unbequemlichkeiten der Vornehmen.
Mit nur wenigen Begleitern erreichte ich um 9-1/2 Uhr den Gipfel, dessen
flach gewölbte Decke aus Sand und Rapilli besteht, und von einem grossen
Krater durchbohrt ist. Sehr auffallend trat hier die von Junghuhn so
deutlich hervorgehobene Erscheinung der mit dem Kraterrande
konzentrischen Risse hervor. Die dem Rande nächsten bildeten bereits
eine tiefe senkrechte Kluft, das durch sie abgetrennte Stück Bergwand
war nahe daran in den Abgrund zu stürzen. Durch solche Einstürze wird
der Krater regelmässig erweitert. Seine Wände sind oben senkrecht,
weiter unten durch die hinab stürzenden Schuttmassen trichterförmig. In
dem ganzen weiten Kessel ist nicht ein Dike[62] wahrzunehmen, und aus
der Abwesenheit derselben, die andere Vulkane wie ein Gerüst durchsetzen
und ihnen Festigkeit geben, erklärt sich die hier so prägnant
hervortretende Erscheinung des regelmässigen Einstürzens der Wände. Aus
allen Spalten, die mit der Entfernung vom Rande immer schmäler werden,
drangen heisse Wasserdämpfe mit Chlorwasserstoff hervor; ich schätzte
ihre Temperatur auf 40° R. Der Abhang hat 22 bis 24° Neigung; das
Hinabsteigen ging schnell und bequem: wir kamen auf einen Streifen losen
Gerölles, auf dem man stehend durch seine eigene Schwere hinabrutschte,
indem man allmälig tiefer darin einsank; man hatte sich dann nur wieder
oben aufzustellen, um auf dieselbe Weise ohne alle Bemühung eine grosse
Strecke weiter befördert zu werden.
Nachmittags fuhr ich mit dem Doktor nach ~Garut~, der Residenz des
Regenten, und da dieser in Folge eines Missverständnisses nicht anwesend
war, Abends nach Trogon zurück. Unterwegs sahen wir eine sinnreiche
Verwendung der Wasserkraft, um einen Erdhügel nach einer mehrere tausend
Fuss entfernten Stelle zu schaffen. Man hatte einen in der Nähe
vorbeifliessenden Bach gegen den Hügel gelenkt, so dass er denselben
unterspülte: Büffel traten die überhängende Erde in das Wasser, welches
sie weiter führte bis zu der Stelle, wo eine kleine Mulde damit
ausgefüllt werden sollte. Dort war ein grosses Gitter von Bambus und
Reisig angebracht, welches die Erde wie in einem Sieb zurückhielt, das
Wasser durchliess.
20. Juli. Von Trogon ritten wir über Pasir-kiamis, wo in der Nähe des
Pasanggrahans eine heisse Schwefelquelle hervorbricht, in südwestlicher
Richtung durch herrlichen Hochwald auf einem neugebahnten Pfade nach
Kawa-manuk, einer Solfatara in trachytischem Gebirge mitten im üppigsten
dichten Walde. Sie soll erst 1772 bei dem Ausbruch des Papandayan
entstanden sein. Der ganze Boden ist im Umkreis von ein paar tausend
Fuss Durchmesser durch Wasser und heisse Dämpfe unterwühlt. Stösst man
ein Loch durch das zersetzte Gestein, so brechen beide mit Gewalt
hervor. Man muss durch vorsichtiges Tasten die Stellen aufsuchen, die
noch aus hartem Gestein bestehen; denn wer durch die dünne Kruste
bräche, würde in dem heissen Schlamm seinen Tod finden. Ich sah vier
grössere Becken von 20 bis 30 Fuss Durchmesser, in welchen der dünne,
dunkelgraue Schlamm hoch aufbrodelte; zuweilen spritzte er zwei Fuss
hoch. In andern Tümpeln war das Wasser bereits verdampft und hatte eine
feingeschlämmte Thonmasse zurückgelassen. An unzähligen Stellen brachen
Wasser und Wasserdämpfe hervor. Das Wasser enthielt viel
Schwefelwasserstoff. Ausser Schwefel, der sich ziemlich reichlich in
kleinen Krystallen gebildet hatte, fanden sich nur noch Gyps und Alaun
in geringer Menge. Der Trachyt kommt in allen Stufen der Zersetzung bis
zum reinen Kaolin vor. Mitten zwischen den kochenden Schlammsprudeln und
giftigen Gasen grünten und blühten noch einige Sträucher, darunter
einige schöne rothe Rhododendren, während enorme Bäume von Laub und
Rinde entkleidet, verdorrt und gebleicht am Boden lagen und ihre Aeste
emporstreckten. Den grellsten Kontrast mit dieser Scene der Verwüstung
bildete der üppige Wald, der sie dicht umgab.[63]
Als wir in den Pasanggrahan von Pasir-kiamis zurückkehrten, fanden wir
ein vortreffliches Mittagessen für uns aufgetragen, eine Aufmerksamkeit
des Regenten von Garut, die um so überraschender war, als das Haus tief
im Walde liegt. Von hier ritten wir südöstlich bis ~Tjisirupan~, auf
neuen Bambusbrücken viele Bäche überschreitend, die in westöstlicher
Richtung aus dem vulkanischen Waldgebirge in den Tjimanuk eilen, welcher
das herrliche Thal von Trogon und Garut bewässert. Der letzte Theil des
Weges führt über das untere Ende der Schuttmassen, die sich in einem
grossen Bogen bis zum Krater des Papandayan verfolgen lassen. Dieser
Vulkan hat in historischer Zeit nur einen, aber einen furchtbaren
Ausbruch gehabt. Im Juli 1772 wurde plötzlich ein grosser Theil des
bisher kegelförmigen Berges zertrümmert und ungeheure Steinmassen, der
Neigung des Bodens folgend, schoben sich bis in das Thal von Garut,
vierzig Dörfer verwüstend, und fast 3000 Menschen begrabend.
In Tjisirupan standen muthige Bergpferde bereit, die uns nach
~Tjikatjang~ brachten, einer 3770 Fuss hoch, in fast gleicher Entfernung
vom Gunong Papandayan und Tjikorai, am südlichen Abhang des sie
verbindenden Sattels gelegenen Theepflanzung, wo uns der Vorsteher, ein
junger Holländer, auf das zuvorkommendste aufnahm. Von dem Betriebe
derselben sahen wir nur wenig, da wir am andern Morgen in Begleitung
unseres freundlichen Wirthes den Papandayan besuchten. Der Theestrauch
war ganz niedrig und kugelig gehalten, so dass die Pflanzung aus einiger
Entfernung wie ein grosses Kohlfeld aussah. Tjikatjang ist eine der
grössten Theeplantagen auf Java und beschäftigt gegen 1000 freie
Arbeiter, deren Fleiss der Vorsteher sehr lobte.