vierspänniger Extrapost nach Buitenzorg. Das Reisen auf diese Weise ist
zwar kostspielig, doch billig im Verhältniss zu dem aufgebotenen
Apparat, wenigstens vier tüchtigen, kleinen Pferden, einem Kutscher und
zwei Läufern. Die Pferde laufen immer Galopp, alle fünf bis sechs Paal
hält der Wagen unter einem grossen Schuppen, der die ganze Breite der
Strasse überdacht. Geschäftige Kulis begiessen die Achsen mit Wasser, um
sie zu kühlen. Sobald umgespannt ist, laufen die „~Loopers~” so lange
neben den Pferden her, bis diese durch Schreien und Peitschenhiebe in
das gehörige Tempo gebracht sind und springen dann auf ein hinten am
Wagen für sie angebrachtes Brett, von wo aus sie durch Knallen und
Schreien die Pferde weiter antreiben, bis irgend eine kleine Unordnung,
die bei den eigensinnigen Pferden selten lange ausbleibt, sie wieder
zwingt, nebenher zu laufen. In vier Stunden legten wir die Strecke von
etwa 40 Paal zurück. Die Poststrasse ist vortrefflich; neben ihr läuft
ein desto schlechterer, in der nassen Jahreszeit unergründlicher, bei
trockenem Wetter im höchsten Grade holpriger Weg, auf welchem die
Frachtgüter in Büffelkarren, von denen uns lange Züge begegneten,
transportirt werden.[52] Weltevreden nebst den übrigen von Europäern
bewohnten Dörfern dehnt sich fast bis zur ersten Poststation aus, nur
werden die Häuser immer ländlicher, die Gärten grösser, und gehen
allmälig in Pflanzungen über. Hinter der zweiten Station sahen wir die
ersten Reisfelder. Das Land erscheint ganz flach, denn obgleich
Buitenzorg 850 Fuss höher liegt als Batavia, so ist die Erhebung eine so
allmälige, dass man nichts davon merkt. Erst wenn man jenem Orte näher
kommt, wird die Landschaft welliger, im Hintergrunde erscheinen die
hohen Kegelberge Salak und Pangerango, die von Batavia aus in dieser
Jahreszeit wegen der trüben Luft selten sichtbar sind.
[Illustration: SALAK VON BATU-TULIS. JAVA.]
Buitenzorg, malayisch Bogor, liegt grade südlich von Batavia und ist die
gewöhnliche Residenz des General-Guvernörs. Sein glänzender Palast ist
von einem schönen Park umgeben, an welchen sich der, allen Botanikern
wenigstens dem Rufe nach, so wohlbekannte Garten anschliesst. Er nimmt
die schmalste Stelle eines flachen Rückens ein, dessen Ostseite steil
gegen das Flüsschen Tjiliwung abfällt, während die Westseite in sanften
Wellen in ein reich bebautes, von dem Tjidani in vielen Windungen
durchflossenes Thal übergeht. Im Süden, jenseits des Wassers, begrenzen
den Horizont rechts der Salak, links der Pangerango in schönen Linien,
wie sie nur Vulkanen eigen sind.[53] Mehr noch als durch seine schöne
Lage, zeichnet sich der Garten durch seine Pflanzenschätze aus, unter
denen wohl jetzt schon alle bemerkenswertheren Nutz- und Zierpflanzen
des Archipels vertreten sind. Besonders reich ist die Sammlung der
ersteren. Fast alle von der holländischen Regierung in ihre Kolonie neu
eingeführten Kulturpflanzen haben hier ihre erste Station gemacht, und
mancher Baum, dessen zahlreich verbreitete Nachkommenschaft jetzt
wichtige Produkte liefert, steht hier noch als Stammvater seines
Geschlechts und kulturgeschichtliches Denkmal.
Von besonderem Interesse, als etwas Neues, war damals eine
Vanillepflanzung (Vanilla planifolia), die mehrere lange Spaliere
bekleidete und eine bedeutende Ernte versprach. Die Vanille war zwar
schon lange in Java eingeführt, trug aber keine Früchte, weil das Insekt
fehlte, das in Amerika die Befruchtung vollzieht. Herr Teysmann, der
„Hortulanus”, war der erste, der die künstliche Befruchtung bei dieser
Kultur anwandte, und durch reichlichen Ertrag belohnt wurde. Bei weitem
die grösste Sehenswürdigkeit war aber eine blühende Rafflesia Arnoldii,
eine der ersten, die in Java geblüht haben, da die Einführung aus
Sumatra erst vor Kurzem geglückt war. Diese merkwürdige Pflanze, eines
der grössten Wunder der Pflanzenwelt, besteht nur aus einer prächtigen
Blume von 3 - 3-1/2 Fuss Durchmesser und schmarotzt ohne Stiel und
Blätter pilzartig auf dem Stamm oder der Wurzel einer grossen Liane
(Cissus scariosa oder serrulata). Das Verdienst, sie aus Sumatra
eingeführt zu haben, gebührt ebenfalls Herrn Teysmann, aber der Ruhm,
sie in Europa zur Entfaltung zu bringen, was bei den heut vorhandenen
Mitteln und bei ernstem Willen wohl sicher gelingen müsste, ist noch zu
erlangen.
Während meines hiesigen Aufenthalts brachte eine Stafette von Junghuhn
auf Lembang ein kleines in feuchte Baumwolle verpacktes Pflänzchen, das
trotz der nächtlichen Stunde sogleich dem General-Guvernör übergeben
wurde und grosse Freude erregte. Es war der erste auf Java selbst
gepflückte Same einer Cinchona, der ~gekeimt~ hatte.
Erst in den fieberreichen tropischen Ländern lernt man den Segen des
Chinins gehörig würdigen. Der Verbrauch dieses köstlichen Heilmittels
würde noch viel grösser sein, wenn der hohe Preis es nicht Vielen
unerreichbar machte. In den südamerikanischen Wäldern haben zwar nicht
die Chinarinden im Allgemeinen, wohl aber die chininreichen
Calisaya-Rinden in Besorgniss erregender Weise abgenommen[54]. Die
holländische Regierung hatte daher lange beabsichtigt diese Bäume in
ihre Kolonien einzuführen, aber erst 1852 gelang dies dem
General-Guvernör Herrn Pahud zur Zeit als er Kolonialminister war. Die
durch Herrn Hasskarl aus Peru geholten Samen wurden theils in Java,
theils in verschiedenen botanischen Gärten in Holland ausgesäet, von
ersteren gingen unverhältnissmässig wenige auf; aber auch als die
Sämlinge von Holland in Java eintrafen, schien der Erfolg des
Unternehmens nicht gesichert; es wurde bezweifelt, ob man Bäumen, die
eine so beschränkte lokale Verbreitung haben, dass sie nie ausserhalb
ihrer eigenthümlichen Bezirke angetroffen werden, in Java das zu ihrem
Gedeihen erforderliche klimatische Medium verschaffen könnte. Die ersten
Versuche waren nicht ermuthigend, die meisten Pflanzen gingen aus; als
endlich einige blühten, fielen die Blüthen fast alle ab, ohne Samen
anzusetzen, und als man schliesslich reife Samen erhielt, wurde ihre
Keimfähigkeit bezweifelt. Durch die Ankunft des jungen Pflänzchens, dem
am folgenden Tage im Buitenzorger Garten ein Ehrenplatz angewiesen
wurde, schien die Akklimatisation dieser wichtigen Pflanzen, von denen
später noch ausführlicher die Rede ist, gesichert.
Von Seiten des General-Guvernörs fand ich eine überaus entgegenkommende
Aufnahme; auch hatte ich das Glück seine liebenswürdige Familie kennen
zu lernen. Durch die Güte meiner Freunde in der Berliner Akademie
musste ich ihm wohl sehr angelegentlich empfohlen sein; denn er bot mir
sogar den kostenfreien Gebrauch der Regierungspostpferde an, eine
Gunst, die sonst nur hohen, in Angelegenheiten der Regierung reisenden
Beamten zu Theil wird. Alle meine Einwendungen gegen eine so
ausserordentliche Begünstigung und meine Versicherung, dass ich nur zu
meiner Belehrung und zu meinem Vergnügen reise, wurden den amtlichen
Empfehlungsdokumenten gegenüber für Aeusserungen der Bescheidenheit
aufgenommen. Als ich am folgenden Abend aus dem Palast nach Hause kam,
fand ich nicht nur den Befehl, mir auf meiner Reise durch Java die
Regierungspostpferde unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, sondern
auch einen Empfehlungsbrief an alle Beamte in Java und den andern
holländischen Besitzungen. Wie sehr ich auch von einem so unverdienten
Wohlwollen überrascht war, so ahnte ich doch nicht, dass das
Empfehlungsschreiben des General-Guvernörs ein Talisman war, der den
glücklichen Besitzer für die Dauer seines Aufenthalts in Java in eine
Art von Prinzen verwandelt, wie es sonst nur im Mährchen geschieht.
Einige Tage später trat ich auf einem bescheidenen Pony meine Reise an,
da ich mich nicht für berechtigt hielt, wie ein hoher Beamter zu reisen.
Ein junger Mann, der Land und Leute genau zu kennen behauptete, schloss
sich mir an, er war sehr zuvorkommend, hatte, während ich in Buitenzorg
Ausflüge machte, meine Sachen gepackt und expedirt und begleitete mich
auf der ersten Tagereise. Unterwegs sprach er mehreremal den Wunsch aus,
dass ich ein gutes Wort für ihn bei den „Herren Residenten” einlegen
möchte, da ihm dies von grossem Nutzen sein könnte. Dies war die erste
Wirkung meines Talisman, ich war plötzlich in einen grossen Herrn
verwandelt, um dessen Gunst man sich bewarb. Das Ziel meiner Reise war
Lembang, wo Junghuhn, der Verfasser des vortrefflichen Werkes über Java,
seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte.
Von Batavia bis Bogor führt die Strasse fast genau nach Süd bis an den
Fuss des ~Gunong Salak~, der sich zu 6760' erhebt, dann läuft sie an
seinem Nordostrand entlang bis Gadok, wo ein Sanatarium unter Leitung
eines deutschen Arztes, des auch in Europa wohlbekannten Ornithologen
Dr. Bernstein besteht.[55] Bis Gadok hat man den Salak immer zur
Rechten, der ganze untere Theil seines Abhanges ist durch Menschenhand
in breite Terrassen gegliedert, die sich wie eine Riesentreppe bis zu
2000 Fuss Höhe hinaufziehen; es sind die ~Sawas~, Reisfelder mit
erhöhten Rändern, in denen das Gebirgswasser, bevor es die Tiefe
erreicht, gezwungen wird einen ausserordentlich vergrösserten
Flächenraum zu bewässern und dadurch für den Reisbau nutzbar zu machen.
Der Salak erscheint von hier wie eine enorme Pyramide auf einem Unterbau
von Sawas. Von der oberen Grenze der Reisfelder bis zum Gipfel ist alles
mit dichtem Wald bedeckt. Die terrassenförmigen Sawas (sawa darat)
scheinen den Berglandschaften Java's eigenthümlich zu sein; in der
grossen nördlichen Alluvialebene und auf den zentralen Tafelländern wird
der Reis in flachen mit kleinen Dämmen umgebenen Feldern (sawa dalam)
gebaut, wie in vielen andern Reisländern; sie unterscheiden sich, aus
der Ferne gesehen, vielleicht nur durch das lebhaftere Grün von unseren
Kornfeldern. In Java werden aber auch die Abhänge der Berge zum Reisbau
benutzt, indem man sie bis zu grosser Höhe mit künstlichen Teichen
umgiebt, die wie die Bänke eines Amphitheaters hinter einander
aufsteigen. Sie folgen den Konturen der Berge und bringen dadurch etwas
Architektur in die Landschaft, ein Element das sonst in tropischen
Bildern fast immer fehlt, wo das Wirken des Menschen so winzig und das
der Natur so gewaltig ist. Der Boden eines jeden dieser Teiche ist
völlig eben und an der Aussenseite von einem etwa fusshohen Damm
eingefasst, der an mehreren Stellen kleine Einschnitte hat, durch welche
das Wasser in unzähligen in der Sonne glitzernden Streifen aus den
höheren Becken in die tieferen fliesst, wodurch zugleich das Stagniren
verhindert wird. Die Art den Boden dieser Becken zu ebnen ist sehr
zweckentsprechend: die nach dem Berg zu schräg ansteigende Erde wird mit
spitzen Stöcken aufgelockert, dann lässt man den Teich bis an den Rand
voll Wasser strömen, die lockere Erde wird zu Schlamm, der sich allmälig
absetzt und einen völlig ebenen Boden bildet. Das Berieselungswasser
wird entweder unmittelbar von höher liegenden Rinnsalen, oder von
seitlich oft ziemlich fern gelegenen Bächen durch künstliche Kanäle
(Solokan) auf die Sawas geleitet. Das Wasser führt alljährlich neues
fruchtbares Erdreich aus dem Gebirge zu, eine andere Düngung erhalten
die Sawas nicht, von denen manche Jahrhunderte lang in ununterbrochener
Reihenfolge Ernten liefern sollen.
In der Broschüre Het Rijst[56] ist ein Reisbau-Kalender angeführt, nach
welchem der Javane das Jahr in zwölf sehr ungleiche, den verschiedenen
Phasen des Reisbaus entsprechende Zeiträume theilt. Danach findet das
Verpflanzen der bereits fusshohen, 40-50 Tage alten, in besonderen
Beeten gezogenen Sämlinge im März, die Erndte im Juli statt. Da aber in
Java die Jahreszeiten nur in Bezug auf die Regenmenge wesentlich von
einander abweichen, so sind künstlich bewässerte Sawas von der
Jahreszeit fast unabhängig. Daher finden an verschiedenen Orten fast
alle auf den Reisbau bezüglichen Verrichtungen gleichzeitig
nebeneinander statt; namentlich empfängt der Reisende den Eindruck, als
wären die einzelnen Verrichtungen an keine bestimmte Jahreszeit
gebunden, da er bald auf grüne, bald auf gelbe Reisfelder blickt, heute
pflanzen, morgen ernten sieht. Sawas haben deshalb einen vielfach (nach
Crawfurd 5 bis 10fach) höheren Werth als Land, das nicht zu bewässern
ist. Ausser in Sawas wird in Java auch Reis (Bergreis) in Gagas und
Tegals gebaut. Gagas sind neue Lichtungen, in denen die Bäume nur
theilweis gefällt und verbrannt sind. Man stösst an den geeigneten
Stellen mittelst eines spitzen Stockes Löcher in den Boden, in welche
man je einige Reiskörner wirft und erhält so ohne alle weitere
Vorarbeiten nach 4 bis 5 Monaten eine mässige Ernte. Durch weiteres
Aufräumen und Verbrennen der Baumstämme und Urbarmachen des Bodens
verwandelt man die Gaga in ein Tegal oder Tipar auf dem regelmässig
Bergreis gebaut wird, oder in eine Sawa falls die Stelle fortdauernd
bewässert werden kann. Gagas sind daher der Anfang aller Reiskultur. Die
roheren Völker des Archipels haben es kaum bis zu den Gagas gebracht.
Von allen Inseln des Archipels hat in Java der Reisbau die höchste Stufe
der Vollkommenheit erreicht. Noch jetzt erzeugen nur die fruchtbarsten,
zivilisirtesten Inseln -- Java, Bali, Lombok und einige der Philippinen
-- mehr Reis, als sie verzehren. Auf den Molukken fehlt der Reisbau
ganz; in Borneo, Celebes, Sumatra und manchen der Philippinen ist er
noch äusserst unvollkommen und in demselben Verhältniss stehen auch die
Bewohner auf einer tieferen Kulturstufe. Einige bauen Bergreis, doch
selten in ausreichender Menge und ersetzen den Ausfall durch bequemer zu
erlangende aber noch stickstoffärmere Nahrungsmittel, besonders
Knollengewächse und Früchte und Mark von Palmen.
Bei der Reis-Ernte, die auf trockenem Felde stattfindet, da das Wasser
schon Wochen vorher abgelassen worden, wird jeder Halm einzeln
geschnitten; es wäre ein Frevel eine so köstliche Gabe Gottes weniger
rücksichtsvoll zu behandeln. (Eine ähnliche abergläubische Verehrung hat
sich in Deutschland in Bezug auf „das liebe Brod” erhalten, während es
nicht gerade für sündlich gilt bessere und theurere Nahrungsmittel zu
vergeuden.) Der grösste Theil des Halms bleibt auf dem Felde stehen, man
lässt nur einen kurzen Stiel an der Aehre. Bei einer so zeitraubenden
Art zu ernten ist es nöthig, die ganze Bevölkerung des Dorfs, alt und
jung aufzubieten. Der Schnitterlohn ist hoch, er beträgt 1/5 bis 1/10
der Ernte. So empfängt jeder einen Antheil auch wer kein Feld besitzt.
Trotz seiner grossen Fruchtbarkeit erzeugt Java nach dem Verfasser von
„Het Rijst” nicht hinreichend Reis, um seine Bevölkerung angemessen zu
ernähren. Ein grosser Theil, fast 1/10 geht durch die fehlerhafte Art
des Enthülsens mittelst Stampfens in Holzmörsern verloren, wobei sehr
viel Körner zerbrochen, die Bruchstücke zermalmt und beim Waschen
fortgeführt werden. Die Hauptursachen des Uebels findet er aber in dem
gemeinschaftlichen Grundbesitz der Dorfbewohner, im „Kultursystem” und
in dem Ausschliessen der europäischen Privatindustrie: drei grosse
Uebelstände, und als solche von allen liberalen Beamten anerkannt, aber
schwer zu beseitigen, da mit ihnen das ganze jetzt herrschende System
fallen würde. Da noch oft vom „Kulturssytem” die Rede sein wird, so
dürfte gleich hier eine kurze Beschreibung desselben am Platz sein.
Nach einer kleinen Schrift des ehemaligen General-Guvernörs Duymaer van
Twist, betitelt „Artikel 56” war die Grundlage des vom General van den
Bosch eingeführten Kultursystems: Ein Dorf, welches den fünften Theil
seiner Reisfelder zum Bau von Produkten für den europäischen Markt
hergab, die nicht mehr Arbeit erforderten als der Reisbau, sollte von
der Grundsteuer befreit sein. Der durch Taxe festzustellende Mehrwerth
des Produkts über die schuldige Grundsteuer sollte einem solchen Dorf zu
gut kommen; die Missernten sollten für Rechnung der Regierung sein, in
sofern sie nicht durch Mangel an Eifer und Fleiss seitens der Javanen
veranlasst waren. Die Bestellung von einem Fünftel des Bodens mit
Gewächsen für den europäischen Markt befreite den Javanen von der
schuldigen Grundsteuer und der Bauer war seinen Verpflichtungen
nachgekommen, wenn er das Gewächs bis zur Reife gebracht hatte; die
Arbeit in der Fabrik sollte so viel als möglich durch freie Arbeiter
verrichtet werden, v. d. Bosch betrachtete sein System nur als ein
Mittel, um die nach dem belgischen Krieg (1830) grosse Finanznoth seines
Vaterlandes zu lindern, indem er den Anbau von Kolonialprodukten in Java
durch künstliche Mittel ausserordentlich schnell ausbreitete, viel
schneller als er sich spontan unter völliger Freiheit, besonders zu
einer Zeit entwickelt haben würde, wo der Unternehmungsgeist viel
geringer war als gegenwärtig. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er
seine geniale Schöpfung nur als eine Uebergangsstufe zur Privatindustrie
mit freier Arbeit betrachtete; und die Absicht hatte allmälig die einmal
eingerichteten Pflanzungen an Privatleute zu verpachten; -- und auch
dies sollte nur ein Uebergang zum individuellen Grundbesitz und zur
Kolonisation durch Europäer sein. Wäre das System genau nach den obigen
Grundsätzen durchgeführt worden, so hätte die inländische Bevölkerung
wohl zufrieden sein können, denn sie war gewöhnt der an die Stelle der
einheimischen Fürsten getretenen, und daher für die Besitzerin des
Bodens geltenden Regierung 1/5 ihrer Ernte und 1/5 ihrer Zeit als Abgabe
für den Niessbrauch des Bodens zu zahlen. Das ursprüngliche System wurde
aber allmälig so verändert, dass jetzt noch, nach Duymaer van Twist,
die Regierung einfach den Inländern den Boden fortnimmt den sie zur
Erzielung von Produkten für den europäischen Markt bedarf, und die
ansässige Bevölkerung zwingt, gegen einen von ihr festgesetzten
Lohn denselben nach ihren Anordnung zu bebauen. Bei einigen
Kulturgegenständen die grössere Sorgfalt in der Bereitung erfordern,
nimmt sie die Vermittelung europäischer Privatleute zu Hülfe, denen sie
zum Theil Kapital zinsfrei vorschiesst, Frohnarbeiter stellt u. s. w.
Eine natürliche Folge des Kultursystems war, dass alle Privatindustrie
wegen der Konkurrenz, die sie dem Regierungsmonopol gemacht haben
würde, in der Regel nicht gestattet war, und wo sie ausnahmsweise
gestattet wurde, meist nur unter Beschränkungen aller Art und
eifersüchtiger Kontrolle der Regierungsbeamten, die mit grosser
diskretionärer Gewalt bekleidet, nicht gern unabhängige Europäer neben
sich duldeten. -- Ein so grossartiges und konsequent durchgeführtes
Monopolsystem hat wohl noch nie und nirgends bestanden; um so glänzender
ist der Triumph der Freihandelsprinzipien, wenn auch seine praktischen
Folgen bisher noch gering waren; denn es hat sich die Thatsache ergeben,
dass das System, „das einst bestimmt schien, ganz Java in ein grosses
Kulturland zu verwandeln, in dem die ganze Bevölkerung für Rechnung der
Regierung gewinnbringende Produkte für den europäischen baute (D. v.
T.)”, auf die Erzeugung der meisten derselben nicht mehr Anwendung
findet, weil es nicht lohnend war, dieselben mit Frohnarbeit auf von der
Bevölkerung urbar gemachtem Boden selbst unter Aufsicht ebenso fähiger
und eifriger als rechtlicher Beamten zu bauen; während gleichzeitig
Privatleute, in so weit ihnen überhaupt der Landbau gestattet war, auf
gepachtetem Boden mit nach dem Marktpreis bezahlter Arbeit in denselben
Zweigen des Ackerbaues, welche sich die Regierung aufzugeben veranlasst
sah, glänzende Ergebnisse erzielten. Die Zuckerfabrikanten, die in Folge
ihrer Kontrakte Anspruch auf sehr billige Zwangsarbeit hatten,
verzichteten in manchen Fällen darauf, weil sie freie Arbeit billiger
fanden. Ja die Regierung selbst fand es zuweilen vortheilhaft, diesen
Weg einzuschlagen: bei den Wasserbauten in Surabaya kosteten die
Erdarbeiten 1 fl. 50 d. per Kubikmeter, bei Zwangsarbeit zu 20 d.
Tagelohn, und als man freiwillige Arbeiter zu 30 d. Tagelohn annahm,
0,60 d.; 2 freiwillige Arbeiter leisteten also so viel als 7,5
Zwangsarbeiter (Tijdsch. v. Nederl. Indie 1858, II. 294). Gegenwärtig
liegt den holländischen Kammern ein Gesetzentwurf vor, wonach alle
Regierungskulturen, mit Ausnahme jedoch des Kaffeebaues, aufgegeben
werden sollen. --
[Illustration: WARONGS. JAVA.]
Hinter Gadok wird die Gegend immer schöner: einzelne Gruppen
Fruchtbäume, von Palmen überragt, erheben sich aus den Reisfeldern und
verbergen unter ihrem Laubdach die Desas (Dörfchen), deren aus Bambus
zierlich geflochtene Hütten zwischen einem Wohnhaus und einem Korbe die
Mitte halten. Jetzt hatten wir das Gedehgebirge, dessen höchster Gipfel
9326' erreicht, gerade vor uns. Es begann zu regnen, wir suchten Schutz
in einem ~Warong~; so heissen die Garküchen unter Bambusschuppen, welche
man auf allen Landstrassen Javas findet. Die in ihnen feilgebotenen
Speisen sind schmackhaft, mannichfaltig und unglaublich billig. Die
Zeche mancher Gäste beträgt nicht über 1 bis 2 Deuten, deren 160 erst
einen Gulden ausmachen. Arecanüsse, Betelpfeffer und Tabak fehlen nie im
Warong. An Speisen findet man namentlich Reis in den verschiedensten
Zubereitungen, getrocknete Fische und Ding-ding d. h. Fleisch von Hirsch
oder Büffel, das entfettet, in äusserst dünne Scheiben quer gegen die
Muskelfaser geschnitten, mit Salz und Pfeffer bestreut, an der Sonne
getrocknet und wie Zwieback gegessen wird; ferner Sambals, sehr pikante,
stark gepfefferte Salate. Ausser Thee und Palmensyrup sind zur
Erfrischung häufig Kokosnüsse, Bananen, Oranien u. s. w. vorhanden.
Ein eigenthümliches Gericht bestand aus 1/2 Zoll dicken Kuchen von
Erdnüssen, katjang-tana, (Arachis hypogaea), auf denen ein zollhoher
oranienrother Schimmel wuchs. Die Erdnüsse werden zur Grösse von Gries
zermahlen und die daraus gebackenen Kuchen wie die Roquefortkäse so
lange in dunkeln, feuchten Räumen aufbewahrt, bis sich der Schimmel
gebildet hat, der ihnen erst den so geschätzten Geschmack giebt.[57]
Um die Warongs entfaltet sich fast immer ein buntes Volksleben. Da
erholen sich die müden Lastträger unter dem Schatten eines breiten
Waringibaumes und tauschen mit den Nachbarn Neuigkeiten aus. Eine
besonders willkommene Staffage nach dem langen Aufenthalt in Singapore
waren die vielen Frauen. Sie tragen ihre kleinen nackten Kinder
rittlings auf der linken Hüfte, unterstützt durch ein über die
entgegengesetzte Schulter geschlungenes Tuch, Slendang; bei längeren
Märschen hüllen sie dieselben in ein Stück Zeug, das sie tornisterartig
auf den Rücken binden, so dass nur Kopf, Arm und Beine herausragen, wie
die Glieder einer Schildkröte aus ihrer Schale; naht ein Fremder, so
zieht das Kleine auch gleich sein Köpfchen unter das Tuch zurück. Die
ärmeren Weiber tragen hier gewöhnlich kein anderes Kleidungsstück als
einen einfachen Sarong, der entweder unmittelbar über oder unter der
Brust zusammengebunden wird und von da herabhängt. -- Starke Brüste
werden hier nicht geschätzt. Im Gegensatz zur europäischen Kleidung ist
die malayische mehr auf das Beseitigen als das Hervorheben derselben
berechnet.
[Illustration: PANGERANGO VOM MEGAMENDONG. JAVA.]