in Gesellschaft eines Bergmanns aus Cornwallis, der im Auftrag einer
englischen Gesellschaft die Ergiebigkeit der hiesigen Zinnlagerstätten
untersuchen sollte, einen Ausflug nach dem oberen Lingiflusse zu
machen, von wo wir nach dem berühmten Zinndistrikt, Songei-Udjong,
wollten. Bis zur Mündung des Lingi konnten wir das Kanonenboot der
Regierung benutzen. Wir verliessen Malacca Nachmittags um 5 Uhr und
fuhren in geringer Entfernung von der Küste, die eine ununterbrochene
Reihe lieblicher Landschaften entfaltete: im Vordergrund eine bebaute
Ebene, auf welcher sich Hügel und weiter hinten tief blaue Berge in
scharfen Umrissen erhoben. Der Sonnenuntergang war ausserordentlich
prächtig und nahm über 150° des Horizontes ein. Wir brachten die warme
Nacht 23,2° R. auf dem Verdeck zu, um 3 Uhr trat Regen ein und zwang
uns, in der kleinen, heissen Kajüte Schutz zu suchen. Wir waren der
Mündung des Lingi nahe, mussten aber noch 3 Stunden lang kreuzen,
bevor wir landen konnten, da wir Wind und Strömung gegen uns hatten.
Dieser Fluss bildet die Grenze Malaccas gegen den kleinen Malayenstaat
~Salangore~. An seiner Mündung, auf der linken (englischen) Seite,
liegt ein kleines, aus wenigen Hütten bestehendes malayisches Kampong
und daneben die Umfangsmauer eines während des Krieges mit Naning
gegründeten Forts. Das Kanonenboot setzte seine Fahrt fort, wir
blieben und hatten bis 11 Uhr mit habsüchtigen, mürrischen Leuten zu
feilschen, bevor wir zur Fahrt Fluss aufwärts um hohen Preis ein Boot
erlangten. Die breiten Mündungen dieser Flüsse sind namentlich in der
Mittagssonnengluth nicht angenehm zu befahren. Die Fluthwelle reicht
viele Meilen weit hinauf, und soweit sie das Seewasser trägt, zieht
sich zu beiden Seiten ein einförmiger Rhizophorensaum hin; erst nach
stundenlanger Fahrt flussaufwärts erscheinen einige stammlose
Nipapalmen, die allmälig häufiger werden, sobald der Salzgehalt des
Wassers hinreichend abnimmt, dann treten Pandanusarten auf, welchen
sich bald blühende Sträucher und enorme Waldbäume anschliessen, deren
einige bis auf 100 Fuss Höhe fast astlos, und glatt wie Säulen
emporragend, nur am Boden mit grossen Strebepfeilern versehen sind,
während andere vielfach verästelt, durch Luftwurzeln gestützt und nach
allen Richtungen mit Lianen, Kletterfarnen und Orchideen behangen, ein
unauflösliches Gewirre bilden. Gegen Abend wurde der Fluss immer
enger, die Windungen häufiger, endlich bogen wir in einen kleinen
Bach, unter dessen dichtem, tiefhängendem Laubdach wir ein kleines
Kampong erreichten. Am Ufer stand ein Schuppen, der als Niederlage für
das aus der Umgegend kommende Zinn dient, welches von hier aus nach
Malacca verschifft wird. Der „Dato” (Häuptling) wohnt eine Mile
landeinwärts; wir begaben uns zu ihm, um den Empfehlungsbrief des
Guvernörs abzugeben. Zu unserer Ueberraschung führte statt eines engen
Waldpfades ein Fahrweg nach seiner Wohnung; den Dato hatten bei einem
Besuche in Singapore die dort gebräuchlichen Wagen so entzückt, dass
er einen gekauft, und um ihn benutzen zu können, mitten in seinem
Walde ein Stück Strasse von einer Mile Länge gebaut hatte, auf der er
täglich spazieren fuhr. Er wohnte in einem sauberen steinernen Hause,
in dem mehrere europäische Möbel und Luxusgegenstände aufgestellt
waren. Unsere beabsichtigte Reise nach Songei-Udjong schien ihm nicht
angenehm zu sein; er machte allerlei Einwendungen dagegen, schilderte
sehr beredt die Gefahren und Strapazen, die uns bevorständen,
bedauerte uns in seiner Wohnung kein Quartier geben zu können, und
entschuldigte sich, dass die Nahrungsmittel sehr knapp seien. Zum
Glück waren wir in dieser Beziehung gut versehen. Er bat uns ihm zwei
oder drei Zwieback zu verkaufen, und als wir ihm ein Dutzend geschenkt
hatten, fragte er nach dem Preise des Bieres; wir schenkten ihm zwei
Flaschen. Nun wünschte er auch den Preis des Weines zu erfahren; wir
schenkten ihm eine Flasche und zogen uns nach dem Landungsplatz
zurück, wo wir in einer Ecke des Zinnsschuppens die Nacht zubrachten.
Der Dato hatte versprochen, uns am andern Morgen um 6 Uhr Leute zu
schicken, die uns als Träger und Führer begleiten sollten; er schlief
aber bis 12, und keiner seiner Leute wagte mit uns zu gehen. Wir
beschränkten daher unsere Excursionen auf die nächste Umgebung. Als
wir um 2 Uhr in brennender Sonne wieder zurückkehrten, war unser
Gastfreund bereits wieder schlafen gegangen; erst gegen fünf stand er
auf und begleitete uns auf einer Jagdpartie. Er war heut noch
zudringlicher als gestern und weigerte sich schliesslich geradezu uns
Träger nach Udjong zu geben. Seine Beweggründe waren uns nicht recht
klar. Da aber die Haupteinnahme-Quelle dieser kleinen Raubritter in
der gesetzlosen Ausbeutung der ihr Gebiet betretenden Zinngräber
besteht, so mag er wohl triftige Gründe gehabt haben um uns einen
näheren Einblick in sein Treiben zu wehren. Mein Gefährte hatte
Aussicht die Reise nach Songei-Udjong später mit besserem Erfolg zu
machen; so beschlossen wir denn am nächsten Morgen umzukehren, um
nicht länger mit dem unverschämten Burschen und seiner zudringlichen
Umgebung zu thun zu haben. Doch war es beinahe Mittag, als wir am
folgenden Tage nach vielen Plackereien und Prellereien die Rückreise
antreten konnten.
Das Boot, das wir nach langem Zögern endlich erhielten, hatte kaum Raum
für unser Gepäck, so dass wir auf demselben hocken mussten; es füllte
sich durch ein Leck und durch strömenden Regen schneller als es
ausgeschöpft werden konnte. Wir kehrten daher wieder um, setzten eines
der grossen am Strande liegenden Boote in Stand und fuhren darin bequem
flussabwärts. Eine Anzahl fauler Kerle, die unter dem Schuppen standen,
sahen uns müssig und mürrisch zu, doch wagten sie nicht uns zu hindern.
Bald nach Sonnenuntergang landeten wir in einer kleinen Polizeistation
auf englischem Gebiet nahe der Mündung. Der Dato von Lingi ist nur ein
kleiner Häuptling, dessen Einkünfte im Handel und in Erpressungen
bestehen, dennoch nahm er, obgleich unmittelbarer Nachbar der Engländer,
keine Notiz von dem ebenso höflichen als angelegentlichen
Empfehlungsbrief des Guvernörs; so geringen Einfluss haben die Engländer
auf diese kleinen Staaten, in denen Mord- und Raubanfälle sehr häufig
sind, ein Uebelstand, der in der Kolonie lebhaft gefühlt wird und ein
Hauptgrund, weshalb sie eine selbstständigere Regierung zu haben
wünscht. Grade während meiner Anwesenheit machte ein kleiner
Bugishäuptling aus Singapore, der angeblich für den Sultan von Johor
focht, die Umgebung des Berges Ophir unsicher und that sogar räuberische
Einfälle auf englisches Gebiet, gegen die, wenigstens zur Zeit, nicht
eingeschritten wurde.[47]
Mein Gefährte setzte am nächsten Tage die Reise bis Ponchor fort, einer
zwischen Lingi und Malacca an der Küste gelegenen Häusergruppe, ich
blieb in der Polizeistation zurück, und verbrachte eine sehr unruhige
Nacht. Denn wir befanden uns in dem Monat, in welchem die Muhamedaner,
nachdem sie von Morgens 6 bis Abends 6 gefastet, sich Nachts durch
Schmausen, Musiziren und allerlei Lärm entschädigen. Am andern Morgen
begab ich mich auch nach Ponchor, in einem kleinen Boot der Küste
folgend, deren Schönheit mich aber bald einlud, den Weg zu Fuss
fortzusetzen. Man geht bequem auf ebenem Granitsand, aus welchem grosse
oft dicht mit blühenden Orchideen bekleidete Granitblöcke hervorragen.
Meinen Freund traf ich in einem geräumigen verlassenen Schuppen, mit
freier Aussicht auf das Meer neben einer klaren Felsenquelle recht
behaglich eingerichtet. Wir durchstreiften die liebliche Gegend mit der
Vogelflinte, badeten Abends in der Brandung, assen ohne aufgedrungene
malayische Gesellschaft, und fischten Nachts bei Fackelschein.
Am folgenden Morgen besichtigten wir eine in der Nähe gelegene
Zinngrube. Zinn kommt im gediegenen Zustande in der Natur nicht vor.[48]
Alles Zinn wird aus Zinnerz oder Zinnstein, einem reinen, nur durch
mechanische Beimengungen verunreinigten Zinnoxyd gewonnen. Es tritt in
schmalen Gängen, sogenannten Stockwerken, im Granit oder andern
Eruptivgesteinen auf, die es so unregelmässig durchsetzt, dass man
häufig dadurch veranlasst wird, Tagebau darauf zu treiben; oder es kommt
in grossen regelmässig abzubauenden Gängen vor. Alles Zinn von
Cornwallis wird gegenwärtig aus solchen Gängen gewonnen; die früher
daselbst betriebenen Stockwerke sind erschöpft und liefern nichts oder
fast nichts mehr. Durch Pochen und Waschen wird das viel schwerere Erz
(sp. Gew. = 6,8 bis 7) leicht vom Ganggestein getrennt, aber nicht von
dem es gewöhnlich begleitenden Wolfram und den Arsenik- und andern
Kiesen, die ungefähr gleich schwer sind; diese entfernt man durch
Rösten, wobei sie sich zersetzen, und abermaliges Waschen.[49] Der ganze
eben beschriebene Prozess vollzieht sich in der Natur spontan, indem
durch die Einwirkung der Atmosphaerilien das Gebirge verwittert, die
Kiese sich zersetzen, lösliche Verbindungen eingehen, und sammt dem
verwitterten Gestein durch Regen und Bäche in die Tiefe geführt werden.
Wenn sich aus dem zur Ruhe gekommenen Wasser die darin schwebenden
Stoffe absetzen, bildet das Erz wegen seiner Schwere die tiefste
Schicht, auf welcher sich die Verwitterungsprodukte des Muttergesteins,
Kaolin, Quarzsand, Grus und Trümmer ablagern. Im Verlauf langer
Zeiträume bilden sich auf diese Weise Lager von grosser Mächtigkeit. Man
nennt diese erzführenden Ablagerungen in Deutschland Seifen, in Cornwall
Streamworks, in beiden Ländern hat aber ihre Ausbeutung jetzt gänzlich
aufgehört, da sie erschöpft sind. Alles Zinn von Hinterindien (Malacca,
Junk-Ceylon, Banca, Siam u. s. w.) wird aus Seifen gewonnen, die
ursprüngliche Lagerstätte ist noch gar nicht bekannt. Das Zinn von Banca
und Malacca ist fast absolut rein, und überhaupt ist Seifenzinn immer
reiner als das aus Gangerzen gewonnene.
Nach Crawfurd (Dictionary) ist das Malayische Zinngebiet ohne allen
Vergleich das ausgedehnteste und reichste der Welt und erstreckt sich
von Tavoy 14° N. bis Billiton 3° S. d. h. über 17 Breiten- und 10
Längengrade. Der grösste Theil des Gebiets ist noch mit Urwald bedeckt,
so dass man erwarten darf das Erz noch an vielen Stellen zu finden. Der
Vorrath scheint sehr gross, der Ertrag steht im Verhältniss zu den
aufgewendeten Mitteln an Kapital und Arbeitskräften. Die Gruben von
Banca werden seit 1710 betrieben, die erste Grube bei Malacca wurde 1793
eröffnet, aber erst seit 1840 findet daselbst die Ausbeutung mit
grösserem Nachdruck durch Chinesen statt. Auch in den benachbarten
Malayenstaaten, namentlich in denen der Ostküste, Kalantan und Tringano,
so wie in Siam nimmt die Zinnproduktion sehr zu, recht bedeutend ist sie
auf Junk-Ceylon.[50]
Um das Erz aus dem Seifengebirge zu gewinnen, wiederholt und vollendet
der Mensch was die Natur im Grossen gethan hat; er schlämmt und wäscht
die erzführenden Schuttmassen, bis nur das reine Erz zurückbleibt.
Die Grube vor uns wurde von 34 Chinesen bearbeitet, gehörte also zu
den kleinsten. In manchen Gruben sind mehrere Hundert Arbeiter
beschäftigt. Da das ganze, gewöhnlich 12' bis 18' mächtige Deckgebirge
abgetragen werden muss, um auf die Erzschicht zu kommen, so ist es
nicht lohnend, mit geringen Arbeitskräften die Ausbeutung zu
betreiben. Unter einer 2' dicken Schicht Ackerkrume lag eine etwa
doppelt so dicke Schicht grauen Sandes, darunter folgte eine weisse 4
bis 5 Fuss mächtige aus reinem Kaolin mit Quarzkörnern und
Glimmerblättchen bestehende Schicht, „Kong” genannt; dann eine
sechszöllige gelber Erde, die das Zinnerz enthält. Die Unterlage
bestand wieder aus demselben weissen Kong, wie die Decke. Ein
ehemaliger Bach hatte sich in dem lockeren Boden in N. S. Richtung
sein Bett bis auf die zinnführende Schicht ausgewaschen und es dann
wieder zum Theil mit Thon angefüllt, fast reinem Kaolin, durch
verkohlte Pflanzenreste schwarz gefärbt. Die Nordwand der Grube zeigte
die beschriebenen Verhältnisse in einem Profil von einer Deutlichkeit,
wie man sie sonst gewöhnlich nur in den schematischen Figuren
geognostischer Monographien findet; die grellen Farben trugen dazu
nicht wenig bei.
Man hatte zuerst den schwarzen Thon, der das alte Bett des Bachs
ausfüllte, bis auf die Erzschicht fortgeräumt, dann die östliche
Uferwand; jetzt war man beschäftigt die westliche Wand abzuräumen, indem
man sie auf die Ostseite hinübertrug. Zum Fortschaffen der Erde bediente
man sich kleiner Tragkörbe, als Leitern dienten schräg liegende
Baumstämme mit eingehauenen Stufen. Das auf dem Boden der Grube sich
ansammelnde Wasser wurde durch eine Schaufelkunst gehoben, die aus einer
Reihe flacher an einer Kette ohne Ende befestigter Bretter bestand,
welche sich in einer schrägen Rinne aufwärts bewegten und das Wasser vor
sich herfegten. Der Apparat hatte grosse Aehnlichkeit mit einer
Baggermaschine und wurde durch ein am oberen Ende angebrachtes Wasserrad
getrieben, an dessen Welle aber auch noch Tretbretter befindlich waren,
um es bei Wassermangel durch Menschenkraft in Bewegung zu setzen. In
auffallender Weise war bei der Anlage die gehörige Ausnutzung der
vorhandenen Wasserkräfte und Niveauverhältnisse übersehen worden, so
dass nach der Schätzung meines erfahrenen Begleiters wohl 5' Fall
verloren gingen. Auch war der Kasten, in welchen das Wasser des
oberschlächtigen Rades sowohl, als das aus der Grube heraufgeförderte
sich ergoss, so ungeschickt gemacht, dass immer ein sehr beträchtlicher
Wasserstand darinblieb, wodurch abermals ein erheblicher Kraftverlust
entstand. Gewöhnlich haben doch reisbauende Völker grosses Geschick in
allen Wasserbauten und hier war doppelte Veranlassung, es anzuwenden, da
das Treten des Rades nicht nur sehr anstrengend, sondern auch, falls
nicht Alle gleichzeitig aufhören, wegen des Rückschlags sehr gefährlich
ist und Beinbrüche veranlassen kann. Das erzführende Gestein wird auf
einen Haufen zusammengetragen und erst dann geschlämmt und geschmolzen,
wenn die ganze Grube leer ist.
Wir durften die Grube nur barfuss, ohne Hut und Sonnenschirm betreten.
Es finden noch mehrere andere abergläubische Beschränkungen statt, auch
zahlreiche Opfer an Vieh, Geflügel, Goldpapier, Kerzen und Schwärmern,
um die Berggeister günstig zu stimmen.
Die Besitzer der grösseren Zinngruben wohnen meist in Malacca; die
Arbeiter stehen zu diesen in demselben Verhältniss, wie die
Gambirpflanzer in Singapore zu ihrem Patron. Ein Theil dient um die
vorgeschossene Passage von China zu tilgen (Sinkay), andere um festen
Lohn, 4 bis 5 Ds. per Monat und Kost. Alle haben aber einen, wenn auch
noch so kleinen Antheil am Ertrag. Die Zinngewinnung nimmt mit jedem
Jahre zu. Einige Gruben sind so ergiebig, dass sie nach Blundell den
Eindruck machen, als würden harte Thaler aus einer grossen Vertiefung
ausgeschaufelt. Solche Erfolge veranlassten eine grosse Ausbreitung
dieses Bergbaues. Nach Blundell, der als ehemaliger Guvernör genau
unterrichtet ist, deckt aber die Hälfte der Unternehmungen kaum die
Kosten; eine Hälfte giebt mässigen Gewinn und nur 4 oder 5 sind
Haupttreffer in dieser Lotterie; denn eine solche ist nach seiner
Ansicht dieser Erwerbszweig in seinem gegenwärtigen Betrieb. Der Reiz
des Spiels hat aber die Aufschliessung vieler neuen Gruben zur Folge
gehabt. Die Erlaubniss zum Bergbau giebt die Regierung gratis, sie
erhebt aber ein Zehntel des gewonnenen Zinns als Abgabe, und verpachtet
diese Steuer, wie das Opium und Branntweinmonopol dem Meistbietenden.
Zur Verhinderung des Schmuggelns wird solches Zinn, von welchem die
Abgabe entrichtet ist, gestempelt, und steigt dadurch um 8 bis 9% an
Werth, da ungestempeltes Zinn in England höheren Eingangszoll zahlt.
Nach dem unangenehmen Eindruck, den die Malayen von Lingi auf uns
gemacht, waren mir einige Ausflüge im Gebiet von Malacca doppelt
angenehm, weil ich dabei dies Volk von einer ganz andern, sehr
vortheilhaften Seite kennen lernte. Ich wohnte in kleinen Hütten, mitten
im Walde, bei armen Leuten, die mir den besten Platz im Hause und die
besten Matten einräumten, sehr bescheiden, gefällig und höflich waren,
doch immer ohne jene Zeichen hündischer Unterwürfigkeit, mit denen viele
andere Asiaten so freigebig sind, wenn sie dadurch eine Gunst zu
erlangen hoffen. Es scheint, dass zwischen den alten Ansiedlern
holländischer Abkunft und den auf ihrem Gebiet wohnenden Malayen ein auf
gegenseitiges Zutrauen gegründeter freundschaftlicher Verkehr
stattfindet, jedenfalls bestand ein solcher zwischen meinem Freunde W.
B. und seinen Insassen. Die einfachen Sitten und die Biederkeit dieser
Ackerbau treibenden Malayen waren mir um so wohlthuender, je weniger ich
diese Eigenschaften erwartet hatte. In Lingi, dessen Bewohner von mehr
oder weniger gesetzlichem Handel, Erpressungen und gelegentlichen
Räubereien leben, traten ihre gehässigsten Eigenschaften hervor, aber
auch in Singapore werden die besseren Züge ihres Wesens von dem
Golddurst, der dort Alle ergreift, in den Hintergrund gedrängt.
Die Ausflüge um Malacca sind sehr angenehm und für den Sammler lohnend.
Zwischen dem ~Lingi~- und ~Kassang~fluss, die das Gebiet begrenzen,
ergiessen sich ausser mehreren Bächen der ~Malacca~- und der
~Dujong~fluss (nach letzterem ist die Seekuh Halicore Dugong benannt,
wobei aber irrthümlich das _j_ in ein _g_ verwandelt worden). Beide
Flüsse sind für Kähne auf mehrere Miles weit zugänglich. Ihre Ufer
wimmeln von Krokodilen, in den Bäumen klettern Vögel, Schlangen,
Eichhörnchen und Affen umher, und man ist sicher, mit reichlicher Beute
zurückzukehren, wenn man mit einer Vogelflinte versehen, auf einem aus
einem einzigen Baumstamme gezimmerten Kahne in die Tiefen des Waldes
eindringt. Ich habe nie so viele Baumschlangen gesehen, als am
Malaccafluss. In einer halben Stunde hätte ich ein Dutzend schiessen
können. Sie lagen meist aufgerollt auf das Wasser überragenden Zweigen,
von welchen sie sich herabfallen liessen und behende weiter schwammen,
wenn sie Gefahr im Anzuge glaubten. Das Zigeunerleben im Walde, so nahe
einer Hafenstadt, in der man sich immer wieder mit Vorräthen, sogar mit
Luxusgegenständen versehen kann, in Begleitung eines gelehrigen,
bescheidenen Dieners, unter gefälligen, sanften Eingebornen war so
angenehm, dass ich es jedem Touristen aufs angelegentlichste empfehlen
möchte. Wir durchstreiften den Wald nach allen Richtungen, im Boot oder
zu Fuss, und kehrten oft erst spät Abends beim Schein der Dammarfackeln
nach unserm Lagerplatz zurück, um das Gesammelte zu präpariren.
Der Grund, warum tropische Länder, die jetzt so leicht zu erreichen
sind, so selten besucht werden, liegt, wie ich glaube, besonders in der
Furcht vor dem Klima, den Giftschlangen und dem Ungeziefer. Die
ungesundesten Gegenden sind aber immer den in der Nähe Wohnenden
bekannt, und können gewöhnlich von dem, der nur zum Vergnügen reist,
vermieden werden. Uebrigens ist eine gewisse Mässigkeit in allen
Genüssen, ohne strenge Enthaltung, bei gehöriger Bewegung und angenehmer
Beschäftigung ein anerkanntes Mittel, Krankheiten fern zu halten; gegen
die gefürchtetsten, Fieber und Dysenterie, pflegen Chinin und
Opiumtinktur, zeitig angewandt, zu helfen. Das Leben in den Hafenplätzen
ist den Europäern freilich weniger zuträglich. Sie arbeiten dort lange
und oft angestrengt in Kontoren, halten reichliche Mahlzeiten, geniessen
stark gewürzte, den Durst reizende Speisen und geben sich wohl noch
andern Excessen hin. Auch die europäische Kleidung, die schon bei uns
weder schön noch besonders zweckmässig ist, wird hier zu einer wahren
Plage und der Gesundheit nachtheilig. Im Walde kleidet man sich, wie man
will. Nach mehreren Versuchen nahm ich später einen Anzug an, den ich
als besonders zweckmässig empfehlen kann: Hose und lange Jacke von
blauem Kattun (weiss würde alle Thiere verscheuchen), Schuhe aus
Segeltuch und einen chinesischen Hut in Form eines Helms. Die Jacke
vertritt zugleich die Stelle des Hemdes, ist ungefüttert, enthält aber
mehrere Taschen. Strümpfe sind sehr unbequem, barfuss gehen schwer zu
lernen, Segeltuchschuhe sind am zweckmässigsten. Reitet man durch einen
Fluss, so zieht man sie aus und hat dann gleich wieder trockene Füsse.
So lange man geht, schaden nasse Füsse nicht. Kommt man Abends ins
Quartier, so wechselt man den ganzen, gewöhnlich von Schweiss oder Regen
durchnässten Anzug, und wäscht alles, mit Ausnahme des Hutes; am andern
Tag ist alles wieder trocken. In einer so dünnen Hülle, die so leicht
gewechselt und gewaschen wird, belästigt die Hitze fast gar nicht. Es
verschwinden zugleich fast alle Terrainschwierigkeiten; denn es ist
ziemlich gleichgültig, ob man auf dem Trocknen, im Sumpf oder im Wasser
geht. Der Hut, der wegen seiner Zweckmässigkeit eine besondere
Beschreibung verdient, besteht aus dem Mark eines Baumes, angeblich
Aeschynemone aspera, so porös, leicht, die Wärme schlecht leitend, wie
Holundermark. Er ist von grösserem Umfang als der Kopf, man trägt ihn
vermittelst eines zollbreiten, geflochtenen Ringes, der innerhalb des
Hutes an seinem unteren Rande angebracht, und nur an drei oder vier
Stellen so mit ihm verbunden ist, dass die Luft ringsum zwischen Hut und
Kopf zirkuliren kann. An der hinteren Seite hängt eine kurze Gardine, um
den Nacken gegen die Sonne zu schützen. Der Ueberzug besteht aus hellem
Seidenbast, der des breiten unteren Randes aus blauem oder grünem Stoff,
um die Augen zu schützen.
Die grosse Furcht vor Schlangen und reissenden Thieren ist ganz
ungerechtfertigt. Alle Thiere fürchten sich vor dem Menschen; auch sind
die meisten Schlangen giftlos, und alle ziehen sich gewöhnlich bei
Zeiten zurück, wenn sie Menschen kommen hören. Wie schwer sie
anzutreffen sind, erfährt man am besten, wenn man ihnen eifrig
nachstellt. Wir suchten immer nach ihnen; ich zahlte für das Stück 6
pence oder 1 shilling und dennoch habe ich in vier Jahren kaum einige
hundert zusammengebracht. Ist erst die Furcht vor ihnen verschwunden,
die wohl jeder, der viele Reisebeschreibungen gelesen hat, empfindet,
wenn er zum ersten mal den tropischen Wald betritt, so sind sie leicht
zu fangen: mit einem Schlag tödtet man sie, auch ist es nicht schwer,
sie lebend zu fangen, wenn man sie mit einem Stock gegen den Boden
drückt, und sie dann unmittelbar hinter dem Kopf fest anpackt. Die
Diener, die mit mir waren, hatten anfänglich immer die grösste Furcht
vor allen, auch den ganz harmlosen Schlangen; besonders gefürchtet war
die Zunge, die für sehr giftig gilt. Hatten sie aber erst einmal
gelernt, wo die Giftzähne sitzen, und sich überzeugt, dass das Thier
sonst wehrlos ist, so trat an die Stelle der früheren Furcht eine solche
Dummdreistigkeit, dass ich oft Unglück befürchtete. Tritt man
unversehens auf eine im Kraut verborgene Schlange, so beisst sie wohl
aus Nothwehr, das ist aber auch fast die einzige Gefahr, der man von
ihnen ausgesetzt ist, und diese Gefahr ist namentlich für Europäer
gering, die gewöhnlich mehrere Personen im Gefolge haben, deren Lärmen
die Thiere früh genug warnt.
Von Insekten wird man in Indien viel weniger geplagt als im Süden
Europas. Flöhe giebt es nicht, die Läuse der Eingebornen suchen den
Europäer nicht heim; dies ist besonders sehr auffallend in den
Philippinen, wo die Eingebornen sehr viel reinlicher als die Spanier
sind. Jene baden sich täglich und pflegen ihr schönes Haar, während
diese in beidem nachlässiger sind, doch haben die Tagalen, namentlich
die Frauen, fast immer Ungeziefer im Haar, die Spanier wohl nie.