Europäern bewohnter steinerner, etwas einförmiger Häuser, deren dem
Strand zugewendete Seite mit einer Bogenreihe versehen ist, erhebt sich
ein länglicher, 100 Fuss hoher Hügel, auf dessen Gipfel die malerischen
Ruinen der von Albuquerque gebauten Kirche Madre de Dios und der Klöster
S. Paul und Hermanos de leche stehen. Zur Rechten schliesst sich an die
steinernen Häuser ein Palmenwäldchen, unter dessen Schatten sich eine
ganze Reihe Wohnungen von Portugiesen[42] und Asiaten behaglich
ausdehnt; hinter ihnen ragt tiefblau der Berg Ophir (Gunong Ledang), der
höchste Punkt des südlichen Festlandes (4320') hervor. Zur Linken, am
westlichen Abhang des Hügels, der hier nochmals zu einer kleinen Anhöhe
anschwillt, steht das „Stadthuys”, ein stattliches Gebäude aus
holländischer Zeit, theilweise von einem Angsana-Hain (Pterocarpus
Indicus) verdeckt, der sich parkartig bis zu den Ruinen auf der Kuppe
hinzieht. Die Südfront des Gebäudes ist ebenfalls der See zugekehrt,
seine Westseite begrenzt der kleine Fluss, an dessen jenseitigem Ufer
die eigentliche Stadt liegt, aus der sich die Thürme einiger Moscheen
erheben. Das kleine Flüsschen von Malacca und die Meeresströmungen haben
die Rhede so verschlämmt, dass grosse Schiffe 2 Miles vom Lande ankern
müssen. An den kleinen Inseln, wo 1511 Albuquerque's Flotte in 5-6 Faden
Tiefe lag, können jetzt nur Küstenfahrer anlegen, und nur zwei derselben
sahen wir hier vor Anker. Welch auffallender Unterschied gegen
Singapore! Und doch war vor ca. 300 Jahren Malacca der wichtigste
Handelsplatz in diesen Meeren, Hauptstadt eines mächtigen Königreichs
und auch noch zu Zeiten des holländischen Monopols ein bedeutender
Stapelplatz.
Nach langem Warten kamen einige Boote, kaum genug, um die wenigen
Passagiere zu bergen. Wie einsam und still erschien die Stadt nach dem
Schacherlärm von Singapore! Die wenigen Europäer und ihre Abkömmlinge,
die hier wohnen, sind meist Beamte oder Grundbesitzer von holländischer
Abkunft, ich fand bei ihnen eine fast noch liebenswürdigere Aufnahme,
als in Singapore und lernte einige vortreffliche Menschen kennen. Selbst
unter den Frauen schien keine Eifersüchtelei zu herrschen, keine
Ostentation, kein herausfordernder Luxus. In der Abendkühle schlenderte
man am Strande, oder genoss, auf einem Vorsprung der Küste sitzend, die
Seebrise, und wenn die jungen Mädchen Pfänderspiele vorschlugen, so
betheiligten sich alle Anwesenden in harmloser Freude daran. Es giebt
hier kein Gasthaus; ich erhielt vom Resident-Councillor eine Wohnung in
dem grossen Stadthause angewiesen, das alle Regierungs-Kanzleien
enthält, aber immer noch reichlich Raum hat, um Fremde zu beherbergen.
Eine eiserne Brücke führt über den Fluss, wohl an der Stelle der alten
Brücke, die vor 3-1/2 Jahrhunderten eine so wichtige Rolle gespielt.
Nachdem nämlich der erste Angriff der Portugiesen auf die Stadt
zurückgeschlagen worden war, bemächtigte sich Albuquerque der Brücke,
hielt sie 9 Tage lang besetzt und schnitt dadurch den Einwohnern alle
Zufuhr ab. Am folgenden Tage musste sich die Stadt nach tapferer
Gegenwehr ergeben. -- Die beiliegende Ansicht von Malacca ist von der
Brücke aufgenommen. Zur Rechten sieht man unter schattigen Bäumen die
Westfront des Stadthauses; links, am rechten Ufer des Flüsschens, liegt
die von Asiaten (Chinesen, Malayen, Klings) bewohnte Stadt.
[Illustration: MALACCA.]
Die hiesigen Chinesen stehen in besonders gutem Ruf. Der Wohlstand, den
sie hier in voller Sicherheit gegen Erpressungen geniessen, hat die bei
diesem Volk sonst so schroff hervortretende Selbstsucht sehr gemildert.
Sie sind sehr gastfrei und geben häufig bedeutende Summen für
gemeinnützige Zwecke her.
Wie sich in der Stadt die Wohnhäuser der Chinesen vor allen andern
geltend machen, so hat auch die dieser Nation eigenthümliche grosse
Verehrung der Todten, die sich in der Kostbarkeit und sorgfältigen
Erhaltung der Gräber ausspricht, der umliegenden Landschaft ihr Gepräge
aufgedrückt. Während in Singapore die reichen Kaufleute alle hübschen
Punkte um die Stadt ausgesucht haben, um ihre Wohnhäuser dort
aufzubauen, sind hier die schönsten Anhöhen in der Umgegend mit
chinesischen Gräbern bedeckt, deren einige mit grossen Kosten aufgeführt
sind. Malacca ist ein Lieblingsaufenthalt für die Chinesen. Von hier
stammen die meisten von denen, die in Singapore eine hervorragende
Stellung einnehmen, und hierher ziehen sie sich gerne zurück, um ihr
dort erworbenes Vermögen in behaglicher Ruhe zu geniessen. Viele dieser
Familien sind schon seit Generationen hier ansässig, sie heirathen nur
unter einander, so dass das malayische Blut der Stammmutter bei jeder
neuen Verbindung immer mehr gegen das chinesische zurücktritt. Wegen
ihrer langen Ansässigkeit unter Europäern und der daraus folgenden
Bekanntschaft mit dem Wesen derselben, sowie durch Reichthum und
grössere Bildung haben sie vor denjenigen ihrer Landsleute, welche die
Masse der Bevölkerung von Singapore ausmachen, Vieles voraus.
Einige Tage nach meiner Ankunft fuhr ich auf bequemer Strasse nach
Rumbia, einer mitten im Walde gelegenen Mission, 12 Miles NN-W. von
Malacca. Nachdem man die unmittelbare Umgebung der Stadt verlassen, in
der allerlei kleine Moscheen, Kapellen, Hindutempel und andre
„Josshäuser” von Gärten umgeben, malerisch durch einander liegen,[43]
führt der Weg auf einem Damm unter einer Allee weissblühender Melaleuca
(M. minor) quer über einen weiten grünen Teppich von Reisfeldern, der
mit einzelnen Gruppen von Fruchtbäumen, Cocos- und Arecapalmen
geschmückt ist, unter deren Schatten ein paar malayische Hütten liegen.
Hin und wieder kommt man noch an einer Moschee oder einem grösseren
Gehöft vorbei, welche letztere immer Chinesen gehören und oft
beträchtlichen Wohlstand verrathen. Die Melaleucas haben landschaftlich
grosse Aehnlichkeit mit unsern Birken durch den allgemeinen Habitus und
besonders durch die Silberweisse des Stammes. Wie bei diesen lösen sich
die äusseren Lagen der Korkschicht in dünnen, weissen Blättchen ab, bei
einigen Arten erreicht diese Schicht fast Zolldicke und besteht aus so
feinen Blättchen, dass sie zum Kalfatern der Schiffe verwendet wird. Von
der weissen Farbe des Stammes (kaju: Holz, puti: weiss) hat der Baum
seinen inländischen Namen; auch das Kajeput-Oel, das aus den
getrockneten Blättern einer in den Molukken vorkommenden verwandten Art
(M. leucodendron) gewonnen wird, ist danach benannt. Nach einigen Meilen
erreicht man den Wald, der sehr anmuthig, schattig und zugänglicher ist
als der Jungle bei Singapore. In Tsching, auf halbem Wege, wurde das
Pferd gewechselt; um 9 Uhr Vormittags, 2 Stunden nach der Abfahrt von
Malacca, war ich in Rumbia, wo mir der freundliche Missionär schon von
ferne entgegenkam, sobald er nur den Wagen erblickte. Er nahm mich sehr
gastlich auf, und da er ausser einigen kleinen „Waldmenschen” keine
Bedienung hatte, so ging er selbst ans Werk, mich und mein Gepäck
möglichst bequem unterzubringen. Nach einem Schwimmbade in einem von ihm
selbst gegrabenen Teich wurde gefrühstückt, und alsbald füllte sich das
Zimmer mit neugierigen ~Mintras~, deren zutrauliche, gutmüthige,
bescheidene Art den angenehmsten Eindruck machte. Hr. Bory war wiederum
ein denkwürdiges Beispiel jener katholischen Missionäre, wie man sie
zuweilen auf abgelegenen Stationen findet. Er stammte aus Paris und
hatte sich hier vor mehreren Jahren (1848) niedergelassen, ganz allein
und ohne alle Unterstützung zur Bekehrung der ~Mintras~ und ~Jakuns~,
die zu den wilden Stämmen gehören, welche die Südspitze der malayischen
Halbinsel bewohnen. Sie werden gewöhnlich mit dem gemeinschaftlichen
Namen orang-utan (Waldmenschen),[44] orang-bukit (Bergmenschen) oder
orang binua (Menschen des Binnenlandes), belegt und waren bis 1847, wo
J. R. Logan's trefflicher Aufsatz über dieselben erschien, fast
unbekannt und Gegenstand vieler Fabeln. Dass sie auf Bäumen wohnen und
Schuppen besässen, wie Fische, hat sich allerdings bestätigt. Die Jakuns
bauen noch jetzt ihre Hütten gern auf Bäumen, 20-30' über dem Boden, und
mit den Schuppen hat es insofern seine Richtigkeit, als sehr viele mit
Ichthyosis behaftet sind. Ich sah diese Hautkrankheit an mehreren
Jakuns; die meisten aber, und fast alle Mintras waren so reinlich, wie
Malayen, d. h. reinlicher als die Mehrzahl der Europäer.
Herr Bory theilte mir mit, dass er, als er vor zehn Jahren von Malacca
aus hierher gekommen war, mit einigen dieser Leute Bekanntschaft machte,
und sie bald durch seine Leutseligkeit gewann. Er erzählte ihnen
Geschichten aus der heiligen Schrift; der Kreis aufmerksamer Zuhörer
wuchs mit jedem Besuch und auch die gegenseitige Zuneigung; endlich
erbot er sich bei ihnen zu bleiben, um sie zu unterrichten und zu
Christen zu bekehren. Sein Vorschlag wurde mit Freude angenommen; nur
Ein Punkt machte grosse Schwierigkeiten. Einige Männer hatten nämlich
gehört, dass die Christen nur Eine Frau heirathen und nur durch den Tod
von ihr geschieden werden könnten. Diese Forderung schien ihnen doch gar
zu hart, aber Herr Bory blieb standhaft, und nach vieler Ueberredung
wurde sie mit angenommen. Nun lichtete man ein Plätzchen im Walde, baute
ein Bretterhaus zur Wohnung für den Missionär, ein anderes grösseres zur
Kirche, auch eine Schule; die Mittel wurden durch Almosen von Seiten der
Christen aus Malacca und Singapore aufgebracht, denn ausser 10 Dollars
monatlich erhalten diese Männer keine Unterstützung, freiwillige Almosen
ausgenommen. Die Jakuns können natürlich nichts geben. Herr Bory ging
selbstthätig mit seinen Pfleglingen ans Werk; er beschränkt sich
überhaupt nicht darauf, blosse Scheinchristen aus ihnen zu machen,
sondern sucht sie allmälig zum Betrieb des Landbaus und nützlicher
Künste anzuleiten, freilich noch mit geringem Erfolg; doch sind schon
einige kleine Gärten entstanden, mehrere Cocos- und Obstbäume
angepflanzt, einige Mintras besitzen sogar schon Büffel oder Schweine;
doch ist ihr Haupterwerb immer noch das Einsammeln der Produkte des
Waldes: Rotang, Harze, Guttapercha u. s. w. gegen die sie ihren geringen
Bedarf an Erzeugnissen eines vorgeschritteneren Gewerbfleisses
eintauschen. Herr Bory ist immer von einer Anzahl Mintras umringt,
erzieht sie wie ein Vater seine Kinder und geniesst ihr vollstes
Vertrauen, so dass sie ihn in allen Angelegenheiten erst um Rath fragen.
Wir machten eine Excursion in den Wald, von vielen Mintras begleitet,
die eifrig sammeln halfen, die Gesellschaft war übermunter, da die
Sorgfalt, mit der manche für sie so werthlose Gegenstände etikettirt und
verpackt wurden, immer neuen Stoff zum Lachen gab.
Nachmittags kam eine Anzahl Jakuns in die Mission und brachte ganze Arme
voll Zweige, die ich einlegen sollte. Diejenigen, deren Exemplare
brauchbar waren, zeigten darüber grosse Freude. So vergingen zwei Tage
auf die angenehmste Weise unter diesen gutmüthigen Menschen. Am Sonntag
versammelte sich die ganze Gemeinde, Jakuns und Mintras mit Frauen und
Kindern, um die Messe zu hören. Ihr Gesang klang recht angenehm, sie
sollen überhaupt viel Sinn für Musik haben. Alle waren sehr sauber nach
malayischer Art gekleidet, nur etwas dürftiger. Ich hatte einen
photographischen Apparat mitgebracht und nahm ihre Portraits auf, die
aber leider später verloren gingen. Das ganze Völkchen machte den
Eindruck, als fühlte es sich recht glücklich in seiner Abgeschiedenheit
unter dem Schutz des braven Missionärs.
Früher wurden sie von den piratischen Malayen, die zu ihnen kamen, aufs
ärgste betrogen, beraubt und misshandelt; sie hatten kaum einen andern
Schutz als ihren bösen Ruf als Zauberer und Giftmischer, um ihre
abergläubischen Bedrücker einigermaassen in Schranken zu halten.
Besonders erreichten diese Bedrückungen einen sehr hohen Grad, als die
Anwendung der Guttapercha zur Isolirung der elektrischen Drähte unter
Wasser und unter der Erde eine immer stärkere Nachfrage nach dieser
Substanz veranlasste.[45]
Einer Einladung folgend fuhr ich nach Allor-gadja in Naning, etwa 9
Miles NNW. von Rumbia, wo am nächsten Tage die feierliche Bestätigung
des neuen Pungulu durch den Resident-Councillor stattfinden sollte.
Naning ist ein kleines Gebiet, das landeinwärts an Malacca grenzt und
immer schmaler werdend sich bis zum Berg Ophir erstreckt. Bis zum Jahr
1842, wo es mit Malacca auf gleichen Fuss gestellt wurde, stand es zu
diesem immer in schwankenden Unterthänigkeits-Verhältnissen; statt des
Zehnten zahlte es nur einen Tribut, und der Pungulu schaltete in dem
Gebiet wie ein unumschränkter Fürst nicht nur über die Habe, sondern
auch über das Leben der Einwohner. Im Jahre 1829 beschlossen die
Engländer diesen Zuständen ein Ende zu machen. Es kostete aber zwei
Feldzüge, viele Menschenleben und die Summe von 100,000 £ um die gegen
die beabsichtigten Neuerungen ausgebrochene Empörung zu unterdrücken,
obgleich die Zahl der erwachsenen Männer in Naning zur Zeit des Krieges
1500 nicht überstieg, so dass die Unkosten etwa 450 Thaler per Kopf
betrugen. Der Feldzug endete schliesslich dadurch, dass einer der
fähigsten Empörer zu den Engländern übertrat. Der aufrührerische Pungulu
kapitulirte darauf und starb später in Malacca als Pensionär der
indischen Regierung.
Auf einem angenehmen breiten Waldweg, der dem Kriege seine Entstehung
verdankt, gelangte ich Abends nach Allor-gadja, wo die nicht
unharmonische Musik und Todtenklage der Malayen einen grossen Theil der
Nacht hindurch zu hören war. Wenige hundert Schritt vom
Regierungs-Bungalow liegen die Grabhügel dreier im Kriege gegen Naning
gefallenen englischen Offiziere, ein wenig weiter erhebt sich noch eine
Schanze aus Lehmwällen, in der sich jetzt eine friedliche Polizeistation
niedergelassen hat. Am folgenden Morgen machten wir einen Spaziergang
nach dem etwa 3 Meilen entfernten Ayer (Wasser)- panas (heiss), einer
ziemlich reichlichen Kohlensäure haltigen und einen schwachen Geruch von
Schwefelwasserstoff verbreitenden Quelle. Ihre Temperatur fand ich 9 Uhr
Vormittag 137° F. = 46,6 R. In der Nähe steht ein verfallendes Badehaus.
Die Eingeborenen benutzen das Wasser häufig als Heilmittel. Auf dem
ganzen Wege herrschte überall der rothe Thoneisenstein von Singapore bis
kurz vor der Quelle, die in angeschwemmtem Boden aufbricht, in welchem
sich viele Quarzkörner bis zu Nussgrösse vorfinden. Es ist dieselbe
Formation, in der hauptsächlich die Zinn- und Goldwäschen betrieben
werden. Nach dem Frühstück ging die Feierlichkeit ohne besonderes
Schaugepränge schnell vorüber. Der Resident-Councillor kehrte nach
Malacca zurück; ich fuhr wieder zu meinen Freunden nach Rumbia, deren
liebenswürdiges, harmloses Wesen gegen die finstere Gemessenheit der
Malayen angenehm abstach. Unterwegs sah ich neben einer kleinen Moschee
im Walde eine Pauke von 20 Fuss Länge und mehr als 2-1/2 Fuss
Durchmesser. Es war ein ausgehöhlter Baumstamm, an einem Ende offen, am
andern mit einer Büffelhaut bespannt. Es sollen derartige Pauken von
noch grösseren Dimensionen vorkommen. Ihr Zweck ist, die weit zerstreut
lebenden Gläubigen zum Gebet zu rufen. Noch spät Abends kamen die Jakuns
zur Mission und brachten mehrere Thiere, die sie für mich gesammelt
hatten.
Am folgenden Morgen überraschte ich im Walde ein junges Ehepärchen in
seinem Honigmond. Ihr Haus bestand in einem Sonnendach aus lose
zusammengefügten Palmenblättern. In einem kleinen Töpfchen kochte ihre
Mahlzeit, und während die Frau die Küche besorgte, sang ihr der Mann ein
Liedchen und begleitete sich auf einem Saiteninstrument, das aus einem
fusslangen Bambusrohr bestand, an welchem der Länge nach 3 oder 4 Enden
des kletternden Stammes einer Orchidee aufgespannt und statt der Stege
kleine Wachsklümpchen unter den Saiten angebracht waren. Der glückliche
Ehemann besass auch eine Flöte und Pfeife aus Bambus und musizirte, als
die erste Schüchternheit vorüber war, auf beiden mit grossem
Wohlgefallen ganz angenehm, nur etwas zu anhaltend. Beim Abschied drang
er mir zwei feiste Ratten auf, die er für seine eigene Tafel gemästet
hatte. Die Jakuns sind nicht wählerisch in ihren Nahrungsmitteln,
Schlangen und Ratten sind willkommene Leckerbissen. Der französische
Missionär Lefèvre erzählt: Eine ihrer geschätztesten Speisen ist ein
Honigwaben, nicht wann die Zellen mit Honig gefüllt, sondern wann die
jungen Bienen schon ausgebildet, ein Paar Tage bevor sie flügge sind;
der Waben wird dann in ein Bananenblatt gewickelt, etwas gebraten, und
das Ganze mit grossem Appetit verzehrt.
Ausser dem Waldmesser, das sie immer bei sich tragen, und das ihnen alle
Werkzeuge ersetzt, haben die Orang-bukit kaum irgend welche
Geräthschaften. Zur Jagd bedienen sie sich hauptsächlich der Blasröhre,
aus welchen sie vergiftete Pfeile schiessen. Kleinere Thiere sterben
nach einer Minute. Das Blasrohr „Sumpitan” besteht aus zwei in einander
geschobenen Bambusen, 7 Fuss lang, 3/4 Zoll Durchmesser. Die innere
Oeffnung hat etwa einen halben Zoll Durchmesser; die Pfeile sind 7 Zoll
lang und bestehen aus den Seitennerven eines Palmenwedels; an ihrem
unteren Ende ist ein 3/4 Zoll langer Kegel aus weichem Holz befestigt,
dessen Basis den hohlen Raum des Blaserohrs beinahe ausfüllt. Die sehr
scharfe Spitze ist einen halben Zoll tief in Gift getaucht und ringsum
eingeschnitten, damit sie abbreche und in der Wunde stecken bleibe.
Jeder einzelne Pfeil steckt in einem Rohrfutteral, und eine Anzahl
dieser ist durch Baststreifen eines Artocarpus so aneinander geknüpft,
dass sie sich zu einem Bündel aufrollen wie ein Latten-Rouleau und in
einer Bambuskapsel, die als Köcher dient, aufbewahrt werden können.
Genau ebenso verfertigen die Indianer in Guiana ihre Pfeile und bewahren
sie ebenso auf, mit dem einzigen Unterschied, dass die einzelnen Pfeile
nicht in besonderen Kapseln stecken, sondern unmittelbar mit einander
verknüpft und zusammengerollt werden -- ein auffallender Umstand, da
beide Völker wohl nie in Verkehr gestanden haben. Die Jakuns haben den
Ruf, geübte Sumpitanbläser zu sein. Um ihre Geschicklichkeit zu prüfen,
liess ich einen der geübtesten nach einem etwa 100 Schritt entfernten
Pisangstamm zielen; er traf ihn nachdem er zweimal vorbei geschossen;
eine 30 Schritt entfernte, 1-1/2 Zoll Durchmesser haltende Oranie zu
treffen, erklärte er für zu schwierig; auf 15 Schritt traf er sie. Bei
dem Schiessen wird der Pfeil von unten in das Blasrohr gesteckt, der
Kegel mit einer zunderartigen Substanz umwickelt, damit seitlich keine
Luft entweiche, und das Blasrohr mit beiden Händen fest gegen den Mund
gepresst. Die Luft wird mit solcher Gewalt ausgestossen, dass man einen
pfeifenden Ton hört.
Auf Veranlassung des Herrn Bory wurde das Pfeilgift in meiner Gegenwart
bereitet. Man schlug 3 Pflöcke in die Erde, setzte eine eiserne halb mit
Wasser gefüllte Pfanne darauf, zündete Feuer darunter an, that die
feingeschabte Rinde folgender Pflanzen hinein: akar-ipo (Giftwurzel)
oder lada-ipo (Giftpfeffer) eine starke Handvoll; ipo-batang
(Baumstammgift) und Sabalei je eine kleine Prise. Nach einer Minute
wurde die Rinde im Wasser mittelst der Hand stark ausgepresst und
fortgeworfen. Nachdem der Extract 4 Minuten gekocht hatte, wurde er mit
grosser Vorsicht abgegossen, wobei ein auf den Rand der Pfanne gelegter
kleiner Ballen geschabter Bambusfasern als Filtrum diente, um die noch
in der Flüssigkeit schwimmenden Rindenstückchen zurückzuhalten. Nachdem
die Pfanne sorgfältig mit Sand ausgescheuert, wurde der Absud -- etwa
1/2 Liter -- in dieselbe zurück gegossen. Man setzte, als er zu kochen
begann, einen Theelöffel voll Saft des Ipo-batang hinzu. Dieser geringen
Menge wegen hatte man einen grossen Baum gefällt, aus dessen Querschnitt
der Saft langsam ausschwitzte. Nach Zusatz dieser Substanz entstand in
der bisher klaren Flüssigkeit ein Coagulum, das zu Boden sank. Zwei
Minuten später goss man abermals die klare Flüssigkeit ab, in die man
vorher ein Stückchen durch Realgar verunreinigten Arseniks von der
Grösse eines Stecknadelknopfes geworfen hatte. -- Eine so geringe Menge
kann wohl keine Wirkung haben; auch gilt der Zusatz nach der Aussage des
Giftkochers nicht für wesentlich und unterbleibt, wenn kein Arsenik
vorhanden ist, ohne der Wirksamkeit des Pfeilgiftes zu schaden. --
Nachdem der Bodensatz beseitigt und die Pfanne abermals sehr sorgfältig
mit Sand ausgescheuert worden war, goss man wieder das Filtrat in
dieselbe zurück und dampfte es bis zur Syrupdicke ein. Das fertige Gift
wird entweder gleich auf die Pfeile gebracht, oder in kleinen Bambusen
verwahrt und soll viele Jahre lang seine Wirksamkeit behalten. -- Früher
wurden bei dem Giftkochen allerlei Zauberformeln angewendet, die Herrn
Bory's Einfluss beseitigt hat. Von den verwendeten Pflanzen konnte ich
keine blühende Exemplare erhalten und auch die eingelegten blüthenlosen
Zweige gingen später verloren, so dass eine Bestimmung nicht möglich
war. Ausser dem in meiner Gegenwart bereiteten kaufte ich noch mehrere
Kapseln voll älteren Pfeilgiftes und Köcher voll vergifteter Pfeile.
Später im physiologischen Laboratorium zu Berlin damit angestellte
Versuche ergaben sehr verschiedene Resultate. Das in meiner Gegenwart
bereitete Gift wirkte herzlähmend wie Anthiar, eben so wirkte der Saft
des Ipo-batang, den ich selbst vom Stamm eingesammelt hatte. Die
gekauften Gifte aber wirkten ausserdem noch tetanisirend wie Strychnin.
Wahrscheinlich ist der Ipo-batang-Baum = Anthiaris toxicaria oder eine
verwandte Art, und akar-ipo eine Strychnosart (letzteres ist um so
wahrscheinlicher, da akar nicht nur Wurzel sondern auch Rebe bedeutet).
Durch das Vorwiegen der einen oder andern Substanz mag wohl die
vorherrschende Wirkung auf Herz oder Nerven bedingt werden. Die von
Prof. du Bois-Reymond und Dr. Rosenthal angestellten Versuche, welche
übrigens auch die verhältnissmässige Immunität der Hühner bestätigen,
sind ausführlich beschrieben in den Monatsberichten der Berliner
Akademie 1859. 3. 319 und in Reichert und du Bois-Reymond's Archiv 1865
S. 601.
In allen Jägerkünsten sind die Waldmenschen wohlerfahren, sie wissen dem
Wild auch viele Fallen zu stellen; eine recht sinnreiche von
komplizirtem Bau beschreibt J. R. Logan. Mir zeigten sie an vielen
Stellen im Dickicht verborgen eine sehr einfache anscheinend von grosser
Wirksamkeit. Ein junger elastischer Baum war mit der Spitze zur Ende
gebogen. Bei der leichtesten Berührung eines Schnäppers schnellte er
wieder in die Höhe und durchbohrte mit der an seiner Spitze in einem
fast rechten Winkel befestigten Bambuslanze das Thier, das sich der
Falle unvorsichtig genähert hatte. Einem Aufsatz, den Herr Bory 1861 in
die Tydschr. voor indische Taal, Land en Volkenkunde einrücken liess,
entnehme ich noch einige ergänzende Daten:
Die Gesammtzahl aller Wilden auf der malayischen Halbinsel dürfte nach
H. B.'s Meinung nicht über 8-10,000 betragen; die der Mintras nicht über
2000. -- Sie halten sich für die Ureinwohner, betrachten die Malayen als
Eindringlinge und glauben von 2 weissen Affen abzustammen, aus deren
Nachkommen diejenigen, die in der Ebene blieben, allmälig Menschen
wurden, während die, welche die Berge nicht verliessen, Affen
blieben.[46] Jeder lebt für sich, als wäre er allein in der Welt. Sie
sind gleichgültig, faul, lieben die Ruhe über alles, haben wenig
Energie. Nur auf der Jagd zeigen sie Muth und Ausdauer. Allein, ohne
andre Waffen als Blasrohr, Lanze und Kris, bringen sie Tage und Nächte
im Walde zu. Sie sind friedliebend, streiten selten hartnäckig; der
geringste Zwist hat Auswanderung zur Folge. Sie hängen wenig am Boden,
verändern leicht ihren Wohnsitz, oft mehr aus Laune als aus Ueberlegung.
Der erste Eindruck, den die Mintras auf den Fremden machen, ist ein so
günstiger, dass man geneigt ist, sie für Menschen im Zustand der
Unschuld zu halten. (Herr Bory, der anfänglich auch diese Ansicht
theilte, denkt nach genauerer Bekanntschaft anders über sie).
Die Mintras, wie die andern wilden Stämme der Halbinsel haben ihre
eigene Sprache; sie hat wenig Klarheit und Bestimmtheit. Die
Mintra-Christen verlangten daher, dass ihnen der Religionsunterricht in
malayischer Sprache ertheilt würde. Alle Wilden sprechen malayisch, das
ihnen auch als Verkehrssprache mit benachbarten Stämmen nöthig ist.