Bei solchen Verhältnissen wird man unwillkürlich an eine geistreiche

Aeusserung Huc's erinnert (Chine I, 32). Nachdem er darauf aufmerksam

gemacht, wie die Engländer durch Konterbande, Bestechung der Beamten und

offene Gewalt trotz allem Widerstande der Regierung, das Opium in China

verbreitet haben, führt er an, dass es jetzt schon im Lande selbst

gebaut wird. In seiner allerdings sehr lebhaften Phantasie sieht er die

Zeit kommen, wo die Chinesen das Opium am billigsten produziren, dann

werden die englischen Schiffe, da der Verbrauch in England so schnell

zunimmt, ihren Bedarf aus China holen. Er schliesst mit der Bemerkung:

Beim Anblick dieser Schiffe, welche den giftigen Stoff aus dem

himmlischen Reich heimtragen, um England zu vergiften, wäre es erlaubt,

auszurufen: „Laissez passer la justice de Dieu!”

Nach der Tydschrift voor Staathuiskunde en Statistiek 1863 pg. 339 war

der Opiumverbrauch in Java 1854 48,660, 1855 61,602, 1856 70,787, 1857

84,629, 1858 91,300, 1859 99,807, 1860 105,537 Katti, in 6 Jahren mehr

als das Doppelte!

Die holländische Regierung ist ernstlich bemüht, den Opium-Konsum in

Java zu vermindern, hat aber auch noch kein wirksames Mittel ersinnen

können. Obgleich die Anzahl Opiumläden verringert wurde, stieg der

Verbrauch. Zu der so schnellen Steigerung in den letzten Jahren haben

Duymaer van Twist's wohlgemeinte, aber verfehlte Maasregeln beigetragen,

welche den Verbrauch zu beschränken beabsichtigten. Nach Bleeker betrug

die Bevölkerung von Java und Madura 1860: 12,718,717 Seelen, darnach

würde der Opiumverbrauch per Kopf 77,4 Gran für das Jahr 1860 betragen,

so dass Crawfurd's Annahme, die sich auf eine wenigstens 6 Jahr frühere

Zeit bezieht, wohl eher zu hoch als zu tief gegriffen ist.

Als die gewöhnliche tägliche Dosis eines Opiumrauchers in China giebt

Lockhart 1 Drachme an (Little nimmt für Singapore etwa halb so viel an),

woraus sich bei einer Einfuhr von 67,000 Kisten die Zahl der Raucher in

ganz China auf wenig über 2 Millionen berechnet (nach meiner Rechnung

fast doppelt so viel, da eine Kiste 70 Katti = 93-1/2 ℔ x 226 Drachmen

rauchbaren Extrakts enthält); manche verbrauchen bis 10 Drachmen per

Tag, dies sind aber nur die Reichen.

Ueber die Dosen, die ein Opiumesser in Europa zu sich nimmt, führt

Husemann, Toxicologie pg. 595, höchst auffallende Thatsachen an:

„Eine der merkwürdigsten, dem Opium wohl mehr als irgend einem

andern Narkotikum eigenthümliche Eigenschaft ist die

ausserordentlich verschiedene Wirkung, die es in verschiedenen

Ländern, auf verschiedene Rassen, auf verschiedene Individuen, in

verschiedenen Lebensaltern, unter verschiedenen Idiosynkrasien

hervorbringt. Auf Kinder ist die Wirkung ausserordentlich intensiv

und inkonstant. Abgesehen von 2 vielleicht nicht ganz sicheren

Fällen, wo 1/90 und 1/20 Gran tödtlich wirkten, sind viele Fälle

bekannt, wo Kinder bis zu 5 Jahren durch 1/6 bis 1/2 Gran getödtet

wurden.... Die Quantitäten, an welche sich Erwachsene gewöhnen

können, sind wahrhaft erschreckend. Mir ist eine Dame bekannt,

welche 1/2 Unze Opiumtinktur pro Dose nahm; Bäcker erzählt von

einem Arzt, der täglich 30 Gran Opium in Substanz verzehrte. Die

Confessions of an Opiumeater zeigen am besten, wie weit es ein

Europäer bringen kann. Christison erzählt von einem alten Weibe,

das 40 Jahre lang täglich 1/2 Unze Laudanum nahm; aber dies ist

nichts gegen den Verfasser der Confessions, der es bis zu 8000

Tropfen des „dread agent of unimaginable pleasure” brachte.[32]

Nach Zeviani verzehrte ein Frauenzimmer in 33 Jahren 2 Zentner

Opium, nach Krüger Hansen ein Kranker in 1 Jahr 4700 Gran.

Christison erzählt sogar von einer Steigerung der Gabe bis zu 17

Unzen Laudanum!”

Als Fälle sonderbarer Idiosynkrasien bei Erwachsenen sind in

demselben Werk angeführt: 3 Tage anhaltende Intoxication durch 1/2

Gran Opium; Sopor nach 1/3-1/2 Gran Opium; Vergiftung durch 1 Gran

Opium per Clysma.

Siebentes Kapitel.

Gründung und schnelles Aufblühen Singapores. -- Rhiow. --

Seeräuberei. -- Malayische Kronik. -- Uebersicht der

Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. -- Ausbreitung der Chinesen.

-- Dampfschiffe.

Singapore ist sehr neuer Entstehung. Als die Holländer nach dem Frieden

von 1815 ihre ostindischen Besitzungen zurückerhielten, die ihnen die

Engländer während der französischen Kriege abgenommen hatten, breiteten

sie mit Eifer ihren Einfluss immer weiter über jene Meere aus durch

Besitznahme neuer Territorien und durch Verträge mit einheimischen

Fürsten, die ihnen grosse Vorrechte vor anderen Nationen einräumten. In

England sowohl als in Britisch-Indien wurde damals die grosse

Wichtigkeit des indischen Archipels für den Handel wenig gewürdigt, und

es möchte vielleicht den Holländern gelungen sein, ihre Nebenbuhler

zeitweis aus diesen Gewässern ganz zu verdrängen, wenn jene nicht in Sir

Stamford Raffles einen unüberwindlichen Gegner gefunden hätten. Dieser

hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Monopol der Holländer in

jenen Meeren zum Vortheil seiner Landsleute zu brechen. Mit eben so viel

Kühnheit als Geschick und Beharrlichkeit schuf er durch die Gründung von

Singapore einen Stützpunkt für den britischen Handel in demselben

Augenblick, als die Engländer durch die traktatmässige Rückgabe Malaccas

an die Holländer den letzten Quadratfuss Landes in jenen Gegenden

verloren. Der Plan sowohl, als die Ausführung und die spätere

Vertheidigung seiner Schöpfung gegen die heftigsten Angriffe sind fast

ausschliesslich sein Werk. Es würde zu weit führen, hier alle

Hindernisse aufzuzählen, die er zu bekämpfen hatte. Am heftigsten war

natürlich der Widerstand von Seiten der Holländer, die sich in ihren

vertragsmässigen Rechten gekränkt hielten. Aber auch bei seinen

Landsleuten fand Raffles nur geringe Unterstützung, von mehreren Seiten

grossen Widerstand. Besonders von Pinang aus, das in Singapore einen

gefährlichen Nebenbuhler erkannte, wurden ihm viele Schwierigkeiten

bereitet. In England, wo die schwache Regierung der ostindischen

Kompanie nichts gegen die Beschwerden des holländischen Gesandten

vermochte, und die Wichtigkeit der neuen Kolonie nicht gewürdigt wurde,

kam es so weit, dass Lord Bathurst im offenen Parlament Raffles

desavouirte. Auch von den Direktoren der Kompanie erhielt er einen

Verweis. Nur bei den Kaufleuten fand er einige Unterstützung.

Schon 1818 hatte Raffles dem damaligen General-Guvernör von

Britisch-Indien einen Plan vorgelegt, um mitten im Archipel, am Ostende

der Malaccastrasse, als Gegengewicht gegen den holländischen Einfluss

ein Emporium zu gründen, und als im Januar 1819 Malacca aufgegeben

wurde, zauderte Raffles nicht länger mit der Ausführung. Ohne vorher auf

Instruktionen aus England zu warten, zum Theil auf eigene

Verantwortlichkeit, da er Gefahr im Verzuge sah, verschaffte er sich

bereits am 6. Februar 1819 ein Stück Land am südlichen Rande der Insel

und begann sofort die Gründung einer Stadt. Erst am 2. August 1824

schloss Crawfurd einen neuen Vertrag, wodurch den Engländern die ganze

Insel und Alles, was in einem 10 Miles breiten Gürtel darum liegt, mit

Ausnahme des entsprechenden Streifens auf der Halbinsel Johor,

überlassen wurde. Es befinden sich in diesem Gürtel 75 kleine Inseln,

deren Flächeninhalt zusammen 17 □Miles beträgt. Singapore hat

206 □Miles (ungefähr 10 deutsche Quadratmeilen), die ganze Besitzung

also 223 □M.

Ich erwähne nicht die diplomatischen Verhandlungen mit den einheimischen

Häuptlingen, deren Dispositionsfähigkeit die Holländer bestritten, noch

die Konflikte mit den letzteren, da sie zu verwickelter Art und von zu

lokalem Interesse sind, führe aber am Schluss dieses Abschnitts einige

Stellen aus einer von Raffles' malayischem Schreiber verfassten Kronik

an, welche auch als ein Beispiel der Auffassungsweise eines sehr fähigen

Eingebornen von Interesse sind.

Damals war Singapore eine von dichtem Urwald bedeckte Insel, ein

Zufluchtsort der gefürchtetsten Seeräuber. Etwa 700 Jahre früher war von

Palémbang aus eine Stadt Singa-pura (Löwenstadt) auf der Insel gegründet

worden, die aber später von den Siamesen (?) zerstört wurde. Seit

Jahrhunderten war Alles wieder mit dichtem Walde bedeckt. Erst 1811

hatte sich der Tumongong von Johor, Vater des S. 52 erwähnten, selbst

einer der verrufensten Seeräuberfürsten, am Südrande der Insel mit einem

Gefolge von etwa 150 Mann niedergelassen.

Eine der grössten Schwierigkeiten für Raffles war die Beschaffung eines

~Besitzers~ der Insel, von welchem diese rechtsgültig an die Engländer

abgetreten werden konnte. Unter den verschiedenen Prätendenten, die nach

dem Tode des letzten Sultans von Johor um die Erbschaft stritten, wählte

Raffles den Tuanko-Long, dessen Anrechte durchaus nicht ohne Zweifel

waren, und selbst diesen musste er den Holländern mit grosser

Heimlichkeit und List aus Rhiow entführen. Die Holländer hielten darauf

den Bruder Tuanko-Long's als Gegenkandidaten aufrecht, und Jahre lang

bekämpften sich die beiden Seemächte hinter diesen vorgeschobenen

Puppen. Erst 1824 wurde die Besitznahme von Singapore ausdrücklich durch

die Holländer anerkannt. Aber unter allen diesen Stürmen hatte sich der

gelegte Keim so schnell und kräftig entwickelt, dass Raffles bei seinem

letzten Besuch, 1823, die Freude hatte, in der erst 4 Jahre alten

Kolonie eine Bevölkerung von 10,000 Seelen und einen Handel von 2

Millionen Pfund Sterling vorzufinden![33] Der Grund des schnellen

Aufblühens liegt einerseits in den freien Institutionen, die immer dort

geherrscht haben, andererseits in der günstigen Lage am äussersten Ende

der malayischen Halbinsel. Da Vorder- Indien und China viel weiter

nördlich endigen, während die Halbinsel sich fast bis an den Aequator

erstreckt, das Meer dort überdies frei von Gefahren und Stürmen ist, so

drängt sich die ganze Schifffahrt zwischen Indien und China unmittelbar

an Singapore vorbei, so dass die Rhede dieser Stadt einen Theil der

grossen Handelsstrasse selbst ausmacht.

Die völlige Freiheit von allen Abgaben und aller Kontrolle, den

drückenden Monopolen gegenüber, die bis dahin immer alle in jenen Meeren

herrschende europäische Nationen zur Ausschliessung fremder Flaggen

aufrecht erhalten hatten, andererseits die Sicherheit der Person und des

Eigenthums gegenüber der Rechtlosigkeit und Lebensgefahr in den Staaten

der einheimischen Fürsten, machten Singapore bald zum Stapelplatz der

Produkte des ganzen Archipels sowohl, als zu dem der europäischen,

namentlich englischen Waaren, die von hier aus ihre Weiterverbreitung

nach allen Inseln und nahe gelegenen Küstenländern fanden. Der

Schifffahrt zwischen Indien und China bot Singapore auch grosse

Bequemlichkeiten als eine gerade in der Mitte gelegene Station. Dazu

kommen noch sehr günstige klimatische Verhältnisse, eine für die Lage

milde Temperatur, und trotz des Rhizophorensaumes, der den grössten

Theil der Insel umgiebt, sehr gesunde Luft. Den Chinesen entgingen die

Vortheile nicht, welche ihnen die englische Niederlassung darbot. Sie

strömten massenweis herbei, die Regierung begünstigte ihren Zuzug, da

sie als fleissige Arbeiter unter den trägen Völkern Hinterindiens

willkommen waren.

1826/28 erklärten die Holländer das nahe gelegene Rhiow, auf der Insel

Bintang,[34] zum Freihafen, in der Hoffnung, dadurch einen Theil des

Handels von Singapore abzuziehen und ihm einen Nebenbuhler zu schaffen.

Die Maasregel erwies sich aber als eine verfehlte, denn schon war

Singapore der Mittelpunkt eines grossen Weltverkehrs geworden: es besass

reiche Handelshäuser, Agenturen, Banken, Versicherungsgesellschaften und

grosse Waarenmagazine; -- Rhiow hatte nicht Einen Vorzug vor Singapore.

Selbst in der Lage, worin es ihm noch am meisten nahe kommt, steht es

ihm nach, da die zwischen Indien und China fahrenden Schiffe, um Rhiow

zu erreichen, einen Umweg machen müssen, während sie an Singapore

vorüberfahren, ohne einen Strich aus ihrem Kurs zu weichen. Auf Rhiow

besteht ~kein~ grosses Handelshaus; mehrere, die sich daselbst

aufthaten, wurden mit grossem Verlust wieder aufgelöst. Es ist fraglich,

ob sich die Holländer nicht geschadet haben, indem sie Rhiow zum

Freihafen erklärten, jedenfalls hat aber Singapore dadurch gewonnen, da

der Schmuggelhandel, der von dieser Stadt nach den niederländischen

Besitzungen getrieben wird, dort eine bequeme Station findet.

Ausser Raffles hat Singapore seine schnelle Entwicklung lediglich sich

selbst zu danken. Man kann sich nicht der Betrachtung entziehen, wie in

diesen sonst nur den Monopolen und der Willkür verfallenen Ländern die

Einführung gesunder, freihändlerischer Grundsätze die glänzendsten

Erfolge herbeigeführt hat: In diesem Hafen giebt es weder Einfuhr-, noch

Ausfuhrzölle, Schiffe aller Nationen sind frei von jeder Abgabe. Jeder

kommt und geht, woher und wohin es ihm beliebt.

Anfänglich stand Singapore unter der Regierung von Bencoolen (Sumatra),

dessen Guvernör Raffles war. 1826, als die Engländer gegen ihre

Besitzungen in Sumatra Malacca von den Holländern eintauschten, kam es

mit dieser Kolonie zusammen unter Pinang. 1830 erhielten Singapore,

Malacca und Pinang unter dem Namen „The Straits Settlements” einen

gemeinschaftlichen der Regierung von Bengalen untergeordneten Guvernör;

die Lokalverwaltung in jeder Kolonie führt ein Resident-Councillor.

Bisher hat aber die Bengalische Regierung auf die Entwicklung

Singapores eher hemmend, als fördernd gewirkt. Der Guvernör der

Kolonien in der Meerenge hat sehr wenig Macht und muss sich oft selbst

in reinen Lokalsachen nach Kalkutta wenden, wo die dringendsten

Verbesserungsvorschläge häufig unbeachtet liegen bleiben. Wenn einige

von dort ausgegangene Verordnungen, die für Singapore die schlimmsten

Folgen gehabt haben würden (Einführung von Tonnengeldern,

Einfuhrzöllen, einer neuen Geldwährung u. a.), nicht zur Ausführung

kamen, so ist dies nur der Wachsamkeit und Energie seiner europäischen

Bevölkerung zuzuschreiben, die gegen dergleichen Beschlüsse lebhaft

opponirte und sich direkt an das englische Parlament wendete, von dem

sie rückgängig gemacht wurden. Nicht mit Unrecht warf man der Regierung

von Kalkutta vor, dass Singapore für sie kein anderes Interesse habe,

als das einer Station zur Deportation von Sträflingen. Seine grosse

Wichtigkeit für den Handel scheint dort nie volle Würdigung gefunden zu

haben. Allem Anscheine nach wird aber binnen Kurzem die Verwaltung

dieser blühenden Besitzungen von der indischen Regierung unabhängig

gemacht und unmittelbar unter das Kolonialministerium gestellt werden.

Einer der grössten Uebelstände, die aus der Machtlosigkeit der Regierung

von Singapore hervorgehen, ist ihre Unfähigkeit die Seeräuberei zu

unterdrücken, die eher zu- als abzunehmen scheint. Wegen der

Unsicherheit der dortigen Meere sind alle Schiffe bewaffnet, und wenn

die Gelegenheit günstig ist, so greift das stärkere das schwächere an;

nur ein sehr geringer Theil der Räubereien wird bekannt. -- In seinem

Bericht von 1859 klagt der Guvernör, dass die Seeräuberei im

verflossenen Jahre sehr zugenommen habe, sowohl in Form von eigens

ausgerüsteten Unternehmungen in grossem Massstab, als von Strassenraub

auf offenem Meere, häufig von Mord begleitet; erstere in Junken, die in

Singapore armirt werden.

Die Spanier und Holländer haben bisher mehr zur Vernichtung des

Seeraubes im Archipel gethan als die Engländer. Am meisten hat aber wohl

im Verhältniss zu seinen Mitteln ein englischer Privatmann, Sir James

Brooke, der Rajah von Sarawak, geleistet. Wenn sich nicht alle vier

Seemächte, die jetzt in jenen Meeren Kolonien haben, zu

gemeinschaftlichen Massregeln auf längere Zeit vereinigen, wird es wohl

nicht gelingen, die Seeräuberei auszurotten, denn viele unbewohnte

Küsten und kleine Inseln gewähren Zufluchtsstätten, welche häufig mit

Kokos- und Sago-Palmen versehen, und von einem schützenden Wall von

Rhizophoren-Wäldern oder Korallenriffen umgürtet sind, die Trepang,

Muscheln, Schildkröten und Fische liefern, und nur durch schmale, den

Seeräubern allein bekannte, nur für ihre kleinen Boote zugängliche

Kanäle unterbrochen sind. Die leichten, flachen, sehr stark mit Ruderern

bemannten Boote sind so geschwind, dass nur die schnellsten Dampfer

ihnen folgen können, diese verrathen sich aber schon aus grosser Ferne

an ihrer Rauchsäule, so dass die nur wenige Fuss über das Wasser

ragenden, und folglich in sehr geringer Ferne unsichtbaren „Pankos”

gewöhnlich vollauf Zeit haben, zu entwischen. Auch wechseln die Räuber

wohl Nachts ihren Aufenthalt, wenn Gefahr in der Nähe ist.

Sehr gegen den Willen der Bevölkerung hat die britisch-indische

Regierung seit dem letzten chinesischen Kriege in Singapore grosse

Befestigungen anlegen lassen, und unterhält jetzt daselbst eine

kostspielige Garnison. Singapore fühlte sich hinreichend sicher in

seinen freien Institutionen. Als neutrales Gebiet und Jedem offenes Asyl

hat es einen zu grossen Werth für alle Völker Hinterindiens, als dass

ernstliche Unruhen zu befürchten wären. Der Plan, die Stadt zu

befestigen, entstand während der indischen Revolution in Kalkutta; man

wollte den Europäern im Fall einer Empörung der Chinesen dadurch den

nöthigen Schutz gewähren. Jene finden aber ihre Sicherheit in der

Verschiedenheit der Elemente, aus welchen die dortige Bevölkerung

besteht, in dem damit verbundenen Rassenhass und viel mehr noch in dem

Interesse, das Alle gemeinschaftlich an der Aufrechthaltung der nöthigen

Ruhe und Ordnung haben. Ueberdies fürchtet man, dass im Fall eines

Krieges mit einer europäischen Seemacht Singapore grade jetzt wegen

seiner Befestigungen der Beschiessung und Zerstörung durch feindliche

Schiffe ausgesetzt sein würde.

* * * * *

In der oben (S. 82) erwähnten Kronik (Journ. Ind. Arch. 1854, S. 585)

heisst es:

.... Zu jener Zeit wagte kein Sterblicher durch die Strasse von

Singapore zu fahren, selbst Djins (Genien) und Teufel fürchteten

sich, denn dies war der Ort, den die Seeräuber benutzten, um dort zu

schlafen und nach einem glücklichen Angriff auf die Prauen oder

Boote eines Schiffes ihre Beute zu theilen. Dort brachten sie auch

ihre Gefangenen um, und sie selbst bekämpften und tödteten sich

gegenseitig bei ihren Streitigkeiten um Theilung der Beute....

Was die Seemenschen, Oranglaut, betrifft, welche in Prauen leben, so

sind sie wie wilde Thiere; wenn sie irgend Jemandem begegnen, so

rudern sie gewöhnlich an's Land; wenn sie aber nicht Gelegenheit

haben, auf diese Weise zu entkommen, so springen sie über Bord und

tauchen wie Fische. Eine halbe Stunde vielleicht bleiben sie unter

Wasser, worauf sie 100 oder 200 Faden entfernt wieder erscheinen.

Männer, Weiber und selbst Kinder sind in dieser Beziehung gleich. Es

ist unmöglich, ihre Bestürzung zu schildern, wenn sie civilisirte

Menschen erblicken. Ihre Gesichter sehen aus, als wären sie einem

Tiger begegnet. Mr. Farquhar bemühte sich, sie durch Geschenke von

Reis, Geld und Kleidern zu ermuthigen, so dass sie bald zutraulich

wurden; aber einige derer, die keine solche Gelegenheit hatten,

waren dermaassen von Furcht befangen, dass ihnen unwohl wurde, und

ein Bursche ertrank Teluk-ayer gegenüber ...

Jeden Morgen pflegte Mr. Farquhar (Raffles' Agent) herumzugehen, um

das Land zu untersuchen, aber es war mit hohem Walde bedeckt,

ausgenommen die Mitte der Ebene, wo nur Karmuntink- und

Sikadudu-Büsche mit einigen Kaladbäumen standen, die Seeküste war

bedeckt mit Ambong und Malpari und Aeste davon lagen umhergestreut,

auf der andern Seite des Flusses stand Mangrove und Seraju mit

umherliegenden Aesten. Es war nicht ein Fleck guten Landes

vorhanden, ausser einem Stück, 10 Faden breit, das Uebrige war eine

Sumpffläche, ausgenommen die Hügel....

Längs des ganzen Strandes lagen Hunderte menschlicher Schädel,

einige alt, andre frisch, deren Haar noch daran sass, einige mit

noch scharfen Zähnen und andre ohne Zähne, kurz in verschiedenen

Stufen der Verwesung. Die Seemenschen wurden gefragt, wessen Schädel

dies seien. Sie antworteten: „Dies sind die Köpfe von Menschen, die

von den Seeräubern erschlagen worden sind. Wo immer diese Leute

Prauen oder Schiffe angreifen, so kommen sie nach Singapore, um die

Beute zu theilen. Hier zanken sie sich und tödten einander bei

Vertheilung des Raubes. Einige ihrer Gefangenen binden sie am Rande

des Strandes fest und versuchen ihre Waffen an denselben.” ...

Ueber die Unterredung mit Tuanko-Long, der heimlich aus Rhiow geholt

worden war, heisst es in der Kronik:

„Mr. Raffles benahm sich mit grosser Höflichkeit und Hochachtung

gegen Tuanko-Long. Ersterer begann das Gespräch mit einem Gesicht

von Lächeln umkränzt, sehr liebreich und seinen Kopf neigend, kurz,

sein Benehmen war süss, wie ein Meer von Honig. Wäre eines Menschen

Herz von Stein gewesen, so hätte es schmelzen müssen beim Hören der

sanften, süssen Worte des Mr. Raffles. Seine Stimme war wie

entzückende Musik und darauf berechnet, Angst und Misstrauen aus den

innersten Gedanken zu verscheuchen. Wie die tobende See, die gegen

ein Korallenriff anprallt, sich legt, wie auf den herumschweifenden

Wind in dunkler, stürmischer Nacht stilles, heiteres Wetter mit

milden, duftigen Lüften folgt, im goldenen Licht eines vollen

Mondes, so war die Wirkung der Aufrichtigkeit und Offenheit Mr.

Raffles' auf Tuanko-Long. Freude verdrängte plötzlich den Kummer und

sein Antlitz übergoss sich mit Huld. Sobald Mr. Raffles diese

Veränderung wahrnahm, stand er auf, ergriff Tuanko-Long bei der

Hand, führte ihn in eine Privat-Kajüte, wo sie bei verschlossenen

Thüren zusammen sprachen, so dass Niemand den Gegenstand ihres

Gespräches kennt. Nachdem sie also einige Zeit eingeschlossen

gewesen, erschienen sie wieder, beide mit lächelndem Antlitz und

einander die Hände gebend.”

Darauf landete Raffles mit Tuanko-Long, der immer noch grosse Angst

hatte, dass man ihn als Gefangenen nach Kalkutta bringen wolle. Tuanko

musste seine kostbarsten Kleider anlegen, worauf ihn Raffles im Namen

des General-Guvernörs von Indien zum König von Singapore proklamirte,

mit dem Titel „Sultan Mohamed Schah von Singapore und den dazu

gehörenden Buchten, Flüssen und Provinzen.”

Sobald Tuanko-Long Sultan von Singapore geworden war, trat er es an die

Englische Kompanie ab; er erhielt dafür einen Monatsgehalt von 416-1/4

Dollars, der Tumongong die Hälfte. Später wurden die Gehalte bezüglich

auf 1000 und 700 Dollars erhöht.

* * * * *

Wie glänzend auch die von Raffles für seine Schöpfung gehegten

Erwartungen sich erfüllten, so scheint doch Alles anzudeuten, dass in

den nächsten Jahrzehnten der Verkehr in jenen Meeren sich noch in viel

schnellerem Maasse entwickeln wird als bisher. Und in demselben Maasse

wird auch die Bedeutung von Singapore als Zentralpunkt der dortigen

Schifffahrt zunehmen. Es scheint bestimmt, im fernen Osten ein zweites

Cowes werden zu sollen.[35]

Beim Anblick der bunten, ungewöhnlichen Flaggen, die auf der Rhede von

Singapore neben einander wehen, wird man unwillkürlich angeregt zur

Betrachtung der grossen Veränderungen, die in den Ländern des fernen

Ostens in neuester Zeit stattgefunden haben. In Europa erregen sie,

ausgenommen bei den am Seehandel Betheiligten, durchaus nicht die

Aufmerksamkeit, welche ihre der Erschliessung eines neuen Welttheils

gleichkommende Bedeutung verdient. Ein schneller Ueberblick derselben

wird daher gewiss von Interesse sein:

Bei der Gründung Singapores bestand in Vorder-Indien noch das

Privilegium der ostindischen Kompanie, der Handel mit China war ein

Monopol derselben und fand nur unter grossen Beschränkungen der

chinesischen Regierung statt. Japan,[36] Cochinchina, Anam, Siam, Birma

waren gänzlich, die holländischen und spanischen Kolonien, ebenso wie

die englischen mehr oder weniger gegen fremde Flaggen verschlossen, und

in den nicht unter europäischer Oberhoheit stehenden Malayenländern

wurde mehr Seeraub als Handel getrieben.

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 8 / 28 段