Chinesen, scheint die Spielsucht. In Canton spielt der hungrige Kuli mit
dem Garkoch um das Essen; gewinnt er, so speist er gratis, im andern
Fall verliert er den Einsatz und speist gar nicht. Das Spielen ist aber
hier sowohl als in Pinang und Malacca streng verboten, und wird deshalb
heimlich getrieben. Es ist ein öffentliches Geheimniss, dass die
niederen Polizeibeamten, alle selbst Asiaten, im Sold der
Spielunternehmer stehen und nicht nur die Spielhäuser nicht verrathen,
sondern sie gewöhnlich bei Zeiten warnen, wenn einmal von Seiten der
höheren Beamten ein Ueberfall gegen ein verdächtiges Haus ausgeführt
werden soll. Im Anfang des Bestehens der Kolonie waren auch Spielhäuser
gestattet, die Konzession dazu wurde, wie zum Opium- und
Branntwein-Handel dem Meistbietenden verpachtet und bildete eine der
bedeutendsten Einnahmen. Der einflussreichere Theil der europäischen
Bevölkerung fand aber hierin etwas Unsittliches; so ist denn jetzt das
Spiel seit einer Reihe von Jahren verboten, obgleich jedermann weiss,
dass die polizeilichen Mittel zur wirklichen Unterdrückung desselben
nicht vorhanden sind. In neuester Zeit wird daher die Ansicht immer
allgemeiner, dass es unter den bestehenden Verhältnissen angemessener
wäre, wieder öffentliche Spielhäuser einzurichten und sie zu einer
Steuerquelle zu benutzen, wie die Holländer und Spanier thun. -- In
diesem Sinne hat sich auch die Grand-Jury in ihrem letzten Bericht über
den Zustand der Kolonie (1865) ausgesprochen. Jedenfalls scheint es eine
grosse Inkonsequenz, das Spiel aus moralischem Zartgefühl zu verbieten
und das ~Opium~rauchen zu gestatten, das noch schlimmer ist, als
Hasardspiel, da es, einmal zur Leidenschaft geworden, den Menschen nicht
nur eben so sicher, wie jenes, moralisch und finanziell, sondern auch
physisch zu Grunde richtet. Die Ursache der Inkonsequenz liegt wohl in
dem grossen Gewinn, den die britische Regierung aus der Bereitung des
Opiums, die Kolonial-Regierung aus der Accise und die Kaufleute aus dem
Vertrieb ziehen, an dem sich übrigens nicht nur Engländer, sondern Leute
von allen Nationen mit gleichem Eifer und mit derselben Unbefangenheit
betheiligen, wie am Handel mit Tabak oder Spirituosen.
Opium ist bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des Gartenmohns
(Papaver somniferum) und wird besonders in der Türkei und in Indien
gewonnen. Das türkische Opium wird in Europa und Java, das indische in
China und Hinterindien genossen. In Britisch-Indien ist die
Opiumerzeugung Monopol der Regierung, in den Malwa- und andern Staaten
unter einheimischen Fürsten steht sie jedem frei; das Fabrikat zahlt
aber in Bombay einen Transitzoll von 400 Rupien per Kiste. Das Opium von
Behar, im Handel als Patna bekannt, und das von Benares, beide unter der
strengen Aufsicht englischer Beamten dargestellt, sind besser als
Malwa-Opium. Letzteres geht fast ausschliesslich nach Nord-China.[25]
Zum Rauchen ist das Opium, wie es aus Indien kommt, noch nicht geeignet;
es wird erst durch ein umständliches Verfahren, das 18 Stunden Zeit in
Anspruch nimmt, im Wesentlichen aber nur im Ausziehen der in Wasser
löslichen Bestandtheile und Eindicken des Auszugs besteht, in die von
den Rauchern beliebte Substanz ~Tschandu~ verwandelt, die wie Melasse
aussieht, aber noch konsistenter ist.[26]
Das Recht, das Tschandu zu bereiten, ist in Singapore Monopol der
Regierung, die es dem Meistbietenden verpachtet. Diese Pacht bildet ihre
~Haupt-Einnahme~; der Pächter ist immer ein Chinese, keinem Andern würde
es möglich sein, unter der hiesigen Bevölkerung eine gewinnbringende
Kontrolle auszuüben. Der Pächter, der gewöhnlich sehr reich wird,
verkauft das Tschandu an die Opiumkrämer, von denen es die Raucher in
einzelnen Dosen entnehmen. Die Wiederverkäufer erhalten gar keinen, oder
nur sehr geringen Rabatt, der höchstens für solche, die entfernt wohnen,
bis auf 8% steigt. Die Konsumenten kaufen ihr Tschandu bei dem Pächter
nicht billiger, als bei dem Kleinhändler; der Gewinn des letzteren
besteht lediglich in den Abfällen. Das Tschandu hinterlässt nämlich beim
Rauchen einen Rückstand, bestehend aus Kohle, brenzlichen Oelen, einigen
Salzen und etwas unverbranntem Opium. Dieser Rückstand heisst Tinko und
beträgt fast die Hälfte des ursprünglichen Tschandu. Er wird an die
ärmere Klasse zum halben Preis verkauft; man raucht oder verschluckt
ihn. Im ersterem Falle lässt er wieder einen Rückstand, Samsching, der
von noch Aermeren gekauft und verschluckt wird, da er nicht mehr
brennt. Aus dem Verkauf der Rückstände bestreitet der Opiumkrämer die
Miethe seines Lokals und den Unterhalt seiner Familie.
Wohlhabende rauchen ihr Opium zu Haus, Aermere bei den Krämern, die zu
dem Zweck einen besonderen Raum verfügbar halten, in welchem mehrere
Bambuspritschen angebracht sind. Diese engen, heissen, von Opiumrauch
erfüllten Räume werden als eine der Sehenswürdigkeiten Singapores
gewöhnlich von Fremden besucht. Daher sind die „Gräuel dieser Höllen,
der fürchterliche Qualm und die Entsetzen erregenden Gestalten der
Unglücklichen, die dem Laster fröhnen”, schon oft mit sehr lebhaften
Farben beschrieben worden. Ich habe diese Orte mehrere Male besucht,
fand aber den Qualm nie so unerträglich, als den Tabaksqualm mancher
deutschen Bierstuben, auch gelang es mir ebenso wenig, die schrecklichen
Folgen des Lasters gleich auf den Gesichtern der Raucher zu lesen, als
die Folgen der Trunksucht auf den Gesichtern von Stammgästen, oder die
des Spielens auf denen, die in Baden den Roulettetisch umgeben. Der
Raucher liegt auf einer Pritsche ausgestreckt, nimmt mit einer langen
Nadel eine kleine Menge Tschandu, zündet sie an, wozu einige
Geschicklichkeit gehört, da die Masse schwer brennt, und bringt sie auf
die feine Oeffnung eines birnförmig gestalteten Pfeifenkopfs, zieht den
Rauch mit einem oder einigen langen Athemzügen ein, behält ihn einige
Zeit bei sich und bläst ihn aus.
Nach Crawfurd wird an keinem Ort der Welt im Verhältniss zur Kopfzahl so
viel Opium konsumirt als in Singapore. Den Grund dafür sieht er in den
hohen Löhnen und in der überwiegend chinesischen Bevölkerung. Nach ihm
soll sich der Opiumverbrauch in Singapore zu dem in China und in Java
verhalten wie 33 zu 14 zu 4. C. giebt aber die Quellen dieser Zahlen
nicht an. Ich habe vergeblich versucht, ihre Richtigkeit zu prüfen, da
die in den mir zugänglichen Schriftstellern und Reports enthaltenen
einander so widersprechen, dass sie nicht in Einklang zu bringen sind.
Es wäre aber eine sehr interessante Arbeit für Jemand, dem ausreichendes
Material zur Verfügung steht, eine auf zuverlässige Zahlen begründete,
vergleichende Uebersicht der schnellen Zunahme des Opiumverbrauchs nicht
nur in Asien, sondern auch in Europa und Amerika aufzustellen; besonders
für ~England~ scheint Gefahr im Anzuge.
Ob die Regierung von Singapore die Macht besässe, das Opiumlaster jetzt
noch zu unterdrücken, ist eine andre Frage; ist es doch selbst in den
europäischen Polizeistaaten nicht gelungen, die Ueberhandnahme des
Tabakrauchens zu verhindern; um wie viel schwieriger wäre es in einem
Freihafen wie Singapore, wo alle Mittel zum Zwange fehlen, dem mit viel
grösserer Leidenschaftlichkeit getriebenen Opiumrauchen ein Ende zu
machen. Geradezu unmöglich wäre es vielleicht nicht, wenn der ernste
Wille vorhanden wäre und das Bestehen der Kolonie davon abhinge; gelingt
es doch dem Opiumpächter, dem Schmuggeln der Droge vorzubeugen.
Wie wenig übrigens an eine solche Maasregel gedacht wird, geht aus
folgenden Auszügen aus dem Chinese Commercial Guide, Hongkong 1863,
hervor: danach betrug die jährliche Opiumeinfuhr in China während der
letzten 10 Jahre 70,000 Kisten. Das reichte für den Bedarf nicht aus und
beförderte die Produktion in China, wo gegenwärtig 20,000 bis 30,000
Kisten durch einheimische Pflanzer erzeugt werden. Die Nettoeinnahme in
Indien beträgt ungefähr 4,000,000 £ jährlich, das Produkt kostet der
Regierung etwa 400 Rupies (40 £) per Kiste. Der Opiumbau soll dort sehr
ausgedehnt und der Preis herabgesetzt werden, um das chinesische Opium
vom Markt zu verdrängen, was, wie man glaubt, stattfinden wird, wenn das
indische zu 450 Ds. per Kiste geliefert werden kann, während sein
Durchschnittspreis in den letzten 4 Jahren 800 Ds. betrug. Die
Gesammtausfuhr aus Indien von 1798-1855 betrug 1,197,041 Kisten und
stieg von 4000 Kisten im ersten Jahre auf 78,454 im letzten Jahre, die
indische Regierung zog daraus einen Gesammtgewinn von 67,000,000 £ und
darüber. 180,000 Kisten davon wurden in den malayischen Ländern
verbraucht.... In China wird das Opium in Schan-si, Schen-si,
Kwei-tschau, Yun-nan und Sze-tschuen gebaut. Sein Preis schwankt
zwischen 25 und 30 tael per 8-1/2 ℔ Englisch.[27] Auch in der Mongolei
und in Nord- China, sowie in Fuh-kien und Hün-nan wird der Mohn gebaut.
Der Werth des gegenwärtig in China eingeführten Opiums ist dem Werth der
Ausfuhr von Thee und Seide fast gleich. Als eine Errungenschaft des
letzten Krieges ist der Opiumhandel jetzt gesetzlich erlaubt. Der
Gebrauch der Droge hat sich über das ganze Reich verbreitet und seine
Billigkeit für Raucher, die fern von der Küste wohnen, wird den
Verbrauch wohl bedeutend steigern, sowie auch die damit verbundenen
Uebel ... Die Geschichte der Anstrengungen, welche die Beherrscher
dieses heidnischen Volks gemacht haben, um die Einführung des Opiums
abzuwehren, weil sie fühlten, dass es für die Einkünfte, die
Sittlichkeit und den Gewerbfleiss ihres Volkes schädlich war, und das
gänzliche Misslingen dieser Anstrengungen bildet eines der lehrreichsten
Kapitel in den chinesischen Annalen ...
Es ist zugleich die Geschichte der Anstrengungen des christlichen Volks
der Briten, um den „umnachteten Heiden” trotz allem Widerstande, durch
Schmuggel, Bestechung der Mandarine und offenbare Gewalt, ja sogar durch
zwei Kriege das Gift aufzuzwingen. Man sieht daraus, was es mit der
civilisatorischen Mission auf sich hat, wenn sie mit dem Eigennutz
kollidirt.
Dies hat unter der Ostindischen Kompanie stattgefunden. Jetzt aber steht
Indien und seine Opiumproduktion unmittelbar unter der englischen Krone,
die nun für eigene Rechnung Opium produzirt und verkauft, und auf jede
mögliche Weise das lukrative Gewerbe auszudehnen bemüht ist. Nach der
Times vom Mai 1865 ist der jüngste Ausfall im indischen Budget
hauptsächlich der über alle Maassen gesteigerten Opiumproduktion in
Indien zuzuschreiben (man hatte aus übergrossem Eifer weite Strecken
Landes, die dafür nicht geeignet waren, mit Mohn bebaut, auch fehlte es
an geübten Händen für die so sehr vermehrte Produktion).[28] Lockhart
druckt im „Medical Missionary in China” einen im Verein mit Rev.
Medhurst für ein Blaubuch geschriebenen Aufsatz über das Opium in China
ab, der viele interessante Thatsachen enthält; besonders geht daraus die
schnelle Ausbreitung des Lasters über das ganze chinesische Reich
hervor, „es hat als ein Bächlein begonnen und wäre jetzt eben so schwer
zurückzudrängen, als die Meeresfluth.”
Als Mittel der Abhülfe schlägt Lockhart der englischen Regierung vor,
den Opiumbau in ihrem Gebiet und den Transit durch ihr Gebiet ganz zu
untersagen; die englische Regierung zieht aber aus dieser Quelle
4,000,000 £ (nach Lockhart sogar 5,000,000 £)! Ausserdem empfiehlt er
das Gebet der Missionäre, Ermahnungen an die Chinesen und ähnliche
Mittel, auch fordert er die Opiumhändler in China auf, der Quelle ihrer
Reichthümer aus Rücksicht für ihre Nebenmenschen zu entsagen. Von allen
diesen Mitteln scheint das dritte noch das wirksamste, doch ist auch von
ihm nicht viel zu erwarten, denn die ungläubigen, genusssüchtigen,
eingebildeten, die Fremden verachtenden, auf ihre alte Kultur stolzen
Chinesen sind der schlechteste Rohstoff für christliche Missionäre. In
gleichem Maasse, wie die Nachfrage, wird auch die Opiumproduktion
zunehmen. Es wird wohl schwerlich ein anderes Mittel zur Beschränkung
des Missbrauchs erfunden werden, als das, welches sich in allen
ähnlichen Fällen bewährt hat: allgemeine Zunahme des Wohlstandes und der
Bildung und der in gleichem Maasse steigenden Selbstachtung und
Selbstbeherrschung.
Nach dem Urtheil mancher Aerzte und anderer am Opiumhandel nicht
Betheiligter soll mässiger Opiumgenuss nicht schädlicher sein als
mässiger Genuss von Spirituosen. Für diese Ansicht scheinen allerdings
die Tüchtigkeit und Körperkraft der chinesischen Bevölkerung von
Singapore zu sprechen, von der nach Dr. Little jeder Dritte ein
Opiumraucher sein soll. Manche geben sogar dem Genuss des Opiums den
Vorzug vor dem der Spirituosen. Jedenfalls ist der Opiumraucher für
seine Umgebung weniger lästig, da er sich während seines Rausches am
liebsten gegen die ganze Aussenwelt abschliesst, während sich der Säufer
aufdrängt und Händel sucht. Man sieht in den Ländern, wo Opium geraucht
wird, nicht die durch Völlerei veranlassten hässlichen Auftritte, ausser
in der Nähe der von europäischen, namentlich englischen Matrosen
besuchten Branntwein-Kneipen. Mässig genossen, befähigt es zum Ertragen
von Strapazen und Entbehrungen, denen der Mensch sonst erliegen müsste,
worüber Johnston's Chemistry of comm. life sehr schlagende Beispiele
enthält. Die grosse Gefahr liegt in dem zauberhaften Reiz, den das Opium
auf seine Verehrer ausübt, in der unwiderstehlichen Gewalt, die es über
ihre Willenskraft erlangt, in der Nothwendigkeit, die Dosis allmälig zu
steigern, um gleiche Empfindungen hervorzurufen. Daher ist es besonders
für reiche Wüstlinge verderblich, die weder durch den hohen Preis der
Droge noch durch ernste Beschäftigungen verhindert werden, dies immer
bereite Mittel zum Sinnenrausch anzuwenden.
Die in vielen ärztlichen und andern Büchern beschriebenen
physiologischen Wirkungen des unmässigen Genusses auf Geist und Körper
sind vielleicht noch abschreckender als die der Trunksucht.[29]
Abgesehen von den spezifisch verschiedenen physiologischen Folgen
nehmen unmässige Opiumraucher ein ähnliches Ende, wie Säufer. Sie
verlieren ihre gesellschaftliche Stellung, bringen sich und ihre Familie
in die tiefste Noth und sterben elend auf der Gasse. Darin stimmen Alle
überein, dass es sehr viel leichter ist, sich den Trunk abzugewöhnen,
als das Opium, wenn es einmal zur Leidenschaft geworden ist; Viele
halten es für unmöglich. Auch geschieht es nie ohne grosse Qualen des
Körpers und Geistes, und nur unter grosser Gefahr für die Gesundheit.
Lockhart erzählt aber, dass im Hospital von Shanghai Tausende von
Opiumrauchern behandelt wurden, von denen viele den Gebrauch aufgaben.
Ueber die oben angedeutete schnelle Zunahme des Opiumkonsums in
~England~ haben die dortigen Zeitungen schon oft berichtet, doch scheint
man in Deutschland von dem Umfang des Uebels keine Vorstellung zu haben.
Johnston sagt: „Der Opiumverbrauch in Grossbritannien ist, mit China
oder Indien verglichen, freilich unbedeutend, die Zunahme aber sehr
beträchtlich. Die eingeführte Menge betrug 1839, 41,000 ℔;
1852, 114,000 ℔: nach 15 Jahren fast das Dreifache!”
Johnston giebt leider ebensowenig wie Crawfurd die Quellen seiner Zahlen
an, und scheint zwischen Einfuhr und Verbrauch keinen Unterschied zu
machen, was bei steuerbaren Waaren richtig ist, da solche nur, nachdem
sie für den Verbrauch im Lande versteuert worden, in den Importlisten
aufgeführt werden, während die unversteuerten, für den Transit
bestimmten, bei der Wiederausfuhr unter „Transshipment” stehen. Bei
steuerfreien Gegenständen, wie Opium, trifft aber diese Annahme gewiss
nicht immer zu, da es keinen erheblichen Unterschied in den Unkosten
machen kann, ob man eine so theure, wenig voluminöse, steuerfreie Droge
vom eignen Lager oder von den Docks aus verschifft.
In dem Annual Statement of Trade and Navigation of the United Kingdom
1864 finden sich über Opium folgende Angaben:
Import. Export. Transshipment.
1859 141,168 ℔ 79,059 ℔ 90,794 ℔
1860 210,867 „ 98,072 „ 91,922 „
1861 284,005 „ 290,120 „ 53,580 „
1862 221,381 „ 146,337 „ 57,820 „
1863 254,314 „ 110,101 „ 104,756 „
Der mittlere Preis ist 1 £ per ℔.[30]
Nimmt man an, dass die Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr den Verbrauch in
England darstellt, so erhielte man als das 5jährige Mittel 1859/63:
77609,2 ℔. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Annahme zutrifft, da 1861
284,005 ein- und 290,120 ℔ ausgeführt, also 6115 ℔ mehr aus- als
eingeführt sind, während England doch kein Opium produzirt und viel
konsumirt. Bei einem Verbrauch von 77609,2 ℔ zu 7000 Gran und einer
Bevölkerung von 30,000,000 kämen 18,11 Gran jährlich auf den Kopf. Legt
man Johnston's Zahl 114,000 ℔ für 1852 zu Grunde, so erhält man 26,6
Gran per Kopf und Jahr. (Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass
ein beträchtlicher Theil des in England verbrauchten Opiums zur
Darstellung des Morphins auch für das Ausland verwendet wird.)
Nach Crawfurd ist der Verbrauch in Singapore per Kopf und Jahr 330 Gran,
in China 140 Gran, in Java 40 Gran. Da aber bei der in China und
Hinterindien üblichen Art, das Opium im Wege des Rauchens zu geniessen,
die Hälfte seines Nutzeffekts verloren geht, so muss man diese Mengen
halbiren, um sie mit dem Konsum in England zu vergleichen. Man erhält
dann 165, 70 und 20 Gran gegen 18, resp. 26,6 Gran in England. Nach der
Angabe des Commercial Guide, dass China jetzt 100,000 Kisten per Jahr
verbrauche, erhielte man, die Kiste zu 70 Katti Tschandu (rauchbaren
Extrakt) = 93-1/3 ℔ engl. gerechnet, 163-1/3 Gran per Kopf und Jahr bei
einer Bevölkerung von 400 Millionen, d. h. für China so viel, als
Crawfurd für Singapore annimmt!
Johnston sagt, dass trotz der grossen Zunahme des Opiumverbrauchs in
England durchaus die statistischen Daten fehlen, auf welchen man die
Annahme begründen könnte, dass der Opiumgenuss schon jetzt unter der
Bevölkerung Grossbritanniens ein Nationallaster geworden sei oder bald
werden würde. Nach ihm soll die ländliche Bevölkerung noch frei davon
sein.
Eine England eigenthümliche Form des Opiummissbrauchs, dessen
ausgedehnte Verbreitung nach J. auf unbestreitbarem Zeugniss beruht, ist
aber die folgende: Die Mütter in den Fabrikstädten geben ihre Kinder an
Pflegemütter und diese beruhigen die Kinder und bringen sie in Schlaf
durch Opium. Rev. Clay gab an, dass allein in Preston 1843, 1600
Familien die Gewohnheit hatten, Godfrey's Cordial oder eine andre ebenso
schädliche Komposition zu gebrauchen, und dass in einem der
Begräbnissklubs jener Stadt 64% der Mitglieder vor dem fünften Jahre
starben.
Seitdem scheint sich aber das Uebel auch in der ländlichen Bevölkerung
eingebürgert zu haben, wie nachfolgende wörtlich übersetzte Stellen aus
dem 6^{th.} Report of the Medical Officers to the Privy Council 1863 pg.
81 zeigen:
„Es kann, sagt Dr. Hunter, kein Zweifel an der Wahrheit der
entsetzlichen Thatsache sein, die fast jeder Arzt in den
Marschländern angiebt, dass daselbst keine Tagelöhnerwohnung zu
finden sei, in welcher man nicht die Opiatflasche sähe, und kein
Kind, das nicht davon auf eine oder andre Weise erhielte. In
andern Gegenden, wo Frauen ausser dem Hause arbeiten, wie in den
Fabrikstädten, wird es den Kindern von den Pflegemüttern
eingegeben, und man braucht sich nicht zu wundern, dasselbe
Verfahren hier in Anwendung zu finden; aber andre Umstände treten
hinzu, die es zu einer allgemeinen Gewohnheit machen, dieses
System des Dokterns in einer Ausdehnung zu betreiben, wie man es
nur in dem fraglichen Distrikt kennt.
Die schmerzhaften Rheumatismen und Neuralgien, die in den Mooren
immer noch häufig sind (d. h. unter älteren Leuten, aber
wahrscheinlich ohne allen Verdacht, dass kleine Kinder daran
leiden), behandelt man allgemein durch reichlichen Gebrauch von
Opium, und die ganze Bevölkerung ist mit dieser Droge durchaus
vertraut geworden. Die Drogengrosshändler berichten, dass sie
ungeheure Mengen nach diesen Gegenden senden, und die Drogenkrämer
verkaufen oft bis zu 200 ℔ im Jahr[31]. Sie wird in Pillen und
Penny-Stangen verkauft und ein Laden mit guter Kundschaft versieht
wohl an einem Samstag Abend 300-400 Kunden mit diesem Artikel. Die
Drogisten meinen, dass ihre grössten Konsumenten nicht die
Bewohner der Dörfer oder kleinen Städte seien, in welchen sich ihr
Laden befand, sondern vielmehr die Bewohner kleiner Weiler oder
einzeln gelegener Bauernhöfe in den Mooren.
Opium wird oft unter irgend einem rothwälschen Namen verlangt, und
die damit verbundene Vorstellung ist die einer verbotenen Lust.
Die Menge, die ein Opiumesser zu sich nehmen kann, ist oft
angeführt worden (etwa eine halbe Unze täglich ist nicht
ungewöhnlich), sie findet ihre Grenze eher im Preise, als in der
Stärke der Droge. Ein Mann in Süd-Lincolnshire beklagte sich, dass
seine Frau 100 £ für Opium ausgegeben habe, seit seiner
Verheirathung. Man sieht mitunter auf dem Felde einen Mann im
Schlaf, auf seine Hacke gelehnt, -- er fährt auf, wenn man ihm
nahe kommt, und arbeitet eine Zeit lang rüstig weiter. Ein Mann,
der ein schweres Stück Arbeit vorhat, nimmt seine Pille als eine
Vorbereitung, und Viele trinken ihr Bier nie, ohne ein Stück Opium
hineinzuwerfen. Um dem volksthümlichen Geschmack zu entsprechen,
aber zur höchsten Unbehaglichkeit für Fremde, werden dem Bier
narkotische Mittel von den Brauern oder Wiederverkäufern
zugesetzt. Vor einem halben Jahrhundert wurde der Bau des
Gartenmohns für den Londoner Drogenmarkt in diesem leichten Boden
betrieben. Damals nahm der Landmann Mohntrank mit aufs Feld, und
jetzt bildet der Mohnkopf, obgleich der Anbau des Artikels für den
Handel fast aufgegeben ist, den Hauptbestandtheil der Kräuterthees
und Hausmittel der Umgegend. Bei solcher Vertrautheit mit der
Droge ist es kein Wunder, dass ein Jeder bereit ist, sie
anzuwenden, um ein schreiendes Kind zu beruhigen, obgleich es dann
sicher wieder schreit, sobald es erwacht. Opiumesser sollen immer
Proselytenmacher sein und einem Kinde wohl Opium hinter dem Rücken
der Mutter oder Amme geben. Die beliebteste Form für Kinder ist
Godfrey's Cordial, eine Mischung von Opium, Syrup und einer
Infusion von Sassafras. Es ist dickflüssig und wird häufig in
einer Theetasse geholt. Wenn die Mutter auf Feldarbeit geht und
ihr Kind einer Wärterin übergiebt, so hält sie es für das Beste,
ihre eigene Flasche Godfrey zurückzulassen, denn die Praeparate in
den verschiedenen Läden sind verschieden, und es giebt keinen
kleinen Dorfladen, der überhaupt etwas verkauft, welcher nicht
auch seinen eigenen Godfrey verkaufte. Den Absatz der Opiate in
diesen kleinen Läden zu steigern, ist das eifrige Bestreben
einiger unternehmender Grosshändler. Bei den Drogisten gelten sie
für den „Haupt-Artikel” und der Gewinn daran ist gering, wenn er
im rohen Zustande verkauft wird. Nicht selten ist es vorgekommen,
dass eine Pflegeamme ihren eigenen Godfrey statt desjenigen ihrer
Clientin gereicht, und über die Wirkung erschrocken, den Wundarzt
herbeigerufen hat, der ein halbes Dutzend kleiner Kinder im Zimmer
umherliegend antrifft, einige schnarchend, andere schielend, alle
bleich mit hohlen Augen, und vergiftet.”
Auch unter den wohlhabenden Klassen soll der Gebrauch immer mehr
zunehmen, namentlich bei nervösen Frauen und geistig thätigen Männern in
Form von Medizin. Nach Angabe der Aerzte und Missionäre nehmen auch in
China die Meisten das Opium zuerst als schmerzstillendes, angenehm
erregendes Mittel und gewöhnen sich allmälig so an den Genuss, dass sie
ihm nicht mehr entsagen können. De Quincey's angeblich gegen das
Opiumlaster geschriebene Buch hat auch gewiss schon manchen Proselyten
unter müssigen Reichen gemacht.