Die Malayen sind überwiegend eine seefahrende Nation; ein Theil

derselben, die Orang-laut, Seemenschen, auch Seezigeuner genannt, leben

auf Kähnen vom Einsammeln von Agar-agar, Trepang (essbare Holothurien),

Muscheln und Schildkröten, vom Fischfang, Tauschhandel und Raub; auch

die Angesessenen schlagen ihre Wohnsitze am liebsten an oder in

Flussmündungen auf. Zwei Vorstädte Singapores, Kampong-Malacca und

Rochor, jene von Malayen, diese von Bugis bewohnt, können als Beispiele

dienen. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser oder am sumpfigen Ufer,

der Fussboden besteht aus Latten von Bambus oder Nibong (Caryota urens)

mit Zwischenräumen, durch welche aller Unrath entfernt wird. Die Wände

sind aus gespaltenen Bambusen, Matten oder Palmenblättern, die Dächer

aus Atap. Vor den Häusern läuft ein Steg hin, schwankend, elastisch,

voll Lücken. Bei Ebbe steht das ganze Dorf im Schlamm, die Kinder waten

darin herum, suchen Muscheln, Krabben und Würmer als Köder für die

Angeln und holen aus den Reusen die Fische, die bei der zurücktretenden

Fluth hineingeriethen. Während der Fluth steht Alles unter Wasser, dann

fahren kleine Kähne hin und her, einige kaum gross genug, um einen

kleinen Jungen zu tragen, der ganz nackt in der Spitze hockt und sich

mit den Händen fortplätschert, so dass er fast wie eine Seejungfer

aussieht. Alt und Jung angelt dann unter dem Sonnendach, vor der

Hausthür liegend.

[Illustration: ROCHOR SINGAPORE]

Die in Singapore ansässigen Malayen sind grösstentheils Bootsleute,

Fischer, Sammler von Muscheln, Korallen, Agar-agar und Waldprodukten.

Sie decken die Häuser mit Atap, flechten Körbe und Matten und verrichten

viele untergeordnete Geschäfte, auch als Gärtner werden sie von

Europäern den hiesigen Klings und Chinesen vorgezogen. Als Diener sind

sie fauler und weniger anstellig, aber treuer und bescheidener als jene.

Das wesentliche Kleidungsstück für beide Geschlechter ist der Sarong,

ein baumwollenes Tuch von der Grösse eines Plaid, aber etwas breiter,

dessen beide kürzere Ränder übereinandergelegt und zusammengenäht

werden, so dass eine Art Unterrock entsteht, der vorn in Falten

zusammengenommen und mittelst eines Knotens, seltener durch einen

Gürtel, um die Hüften befestigt wird. Die Männer tragen oft unter dem

Sarong, der dann höher aufgeschürzt ist, eine bis zur Wade reichende

Hose, fast immer ein Kopftuch und zuweilen eine Jacke. Die Frauen ziehen

über den bis an die Knöchel reichenden Sarong einen Kattunrock, der,

vorn offen, nur durch ein Paar Knöpfe zusammengehalten wird und bis ans

Knie reicht. Im Hause und auf dem Felde tragen beide Geschlechter nur

den Sarong; Nachts hüllen sie sich darin ein zum Schlafen; sie baden

sogar darin; nach dem Bade wird er gegen einen reinen vertauscht und

gewaschen; so legt selbst derjenige, der nur zwei Sarongs besitzt,

täglich frische Wäsche an.

In Singapore ist das Tragen von Waffen verboten, sonst aber sieht man

nie einen Malayen ohne Kris oder Waldmesser; die Waffe gehört zum Anzuge

und ist bei der Unsicherheit der Person in den Malayenländern wohl kaum

zu entbehren. Die Frauen gehen meist im blossen Kopf, sie haben üppiges,

schwarzes Haar, schön von Ansehen, aber hässlich anzufühlen, da es

drähtig ist und dick wie Pferdehaar. Die kleinen Kinder gehen meist ganz

nackt, doch tragen kleine Mädchen zuweilen ein silbernes Feigenblatt,

wie unsere Statuen. Zum Putz gehören bei den Frauen gestickte

Pantoffeln, goldene Haarnadeln, Ringe; zu dem der Männer Sandalen. Auf

längeren Wegen legen auch die Lastträger Sandalen von Büffelleder an,

sonst geht gewöhnlich Alles barfuss.

Einen der widerwärtigsten Eindrücke habe ich von einem Besuch bei dem

Sultan von Johore behalten. Er ist der Sohn des Tuanko-Long, der

Singapore an die Engländer abgetreten. Sein Palast, von seinem Vater

aufgeführt, ist ein grosses, steinernes Haus, von aussen ganz

stattlich, aber unbewohnt und in raschem Verfall begriffen. Der von

einer steinernen Mauer umgebene Hof ist wüst und schmutzig; auf einer

Seite desselben befand sich ein langes, niedriges, hölzernes Gebäude mit

weit vorspringendem Dach aus Palmenblättern, das dem Sultan und seinem

Hofstaat zur Wohnung dient. Nachdem ich ein Empfehlungsschreiben des

Guvernörs vorgezeigt, wurde ich vor einen verschlossenen Fensterladen

geführt, vor dem eine hölzerne Bank stand, auf der ich Platz nahm. Es

dauerte einige Zeit, bis der Laden geöffnet wurde; nun erblickte ich den

Sultan, einen noch jungen, sehr fetten Mann. Auf dem Kopf trug er eine

schmutzige Mütze, um den Unterleib ein Tuch, sonst war er völlig nackt.

Er schien eben aus dem Schlaf zu erwachen und lag auf einer Matte. Auf

drei Seiten seines Stalles hingen schmutzige Kattun-Gardinen, um ihn

kauerten einige gräuliche, alte Weiber. Er brauchte fast eine

Viertelstunde, um die wenigen Zeilen des Briefes zu lesen. Dann stierte

er mich mit idiotischem Lächeln an, gähnte und rollte sich auf ein

Kissen. Essen, Schlafen und Opiumrauchen sollen seine einzigen

Beschäftigungen sein. Der ganze Auftritt erinnerte an die

Schaustellungen von fetten Schweinen oder Riesinnen auf Jahrmärkten. In

Folge der gänzlichen Unfähigkeit des Sultans übertrugen die Engländer

willkürlich die Souveränität von Johor auf den Tumongong, einen sehr

fähigen Malayen, der durch den Rath von Europäern geleitet, eine

geordnete Verwaltung dort eingeführt hat und bedeutende Einkünfte

bezieht.

Die allgemeine Verkehrssprache hier sowohl, als in allen Küstenstädten

des Archipels, ist die malayische, die sich zu dem Zweck sehr eignet

durch leichte Aussprache, einfache Satzbildung, grosse Wortarmuth und

Unveränderlichkeit der Wörter. Die Sprache ist wohlklingender als alle

europäischen Sprachen, italienisch nicht ausgenommen, die Satzbildung

erinnert an die Sprache der Kinder; es giebt weder Deklinationen, noch

Konjugationen, die Wörter erfahren gar keine Beugung durch Veränderung

ihres Stammes oder durch Affixe. Während in unsern Sprachen die

Partikeln meist zu einsilbigen Wörtern oder zu blossen Buchstaben

eingeschrumpft sind, an denen die ursprüngliche Bedeutung längst nicht

mehr erkennbar ist, werden im Malayischen fast immer noch die Stämme

unverkürzt als Formwörter gebraucht. Max Müller (Science of lang. 279)

vergleicht den Unterschied zwischen den arischen Sprachen, welchen fast

alle in Europa gesprochenen angehören, und den turanischen, zu denen das

Malayische gezählt werden muss, mit dem zwischen einer guten und einer

schlechten Mosaik. Die arischen Wörter scheinen aus einem Guss, die

turanischen zeigen deutlich die Stellen, wo sie zusammengesetzt sind. Er

hebt hervor, weshalb die turanischen Sprachen auf dieser Stufe der

Entwickelung stehen geblieben: sie werden nämlich fast nur von Nomaden

gesprochen, die keine Literatur besitzen, wenig Verkehr mit einander

treiben, und so war es durchaus nothwendig, dass die Stammwörter ihr

deutliches Gepräge behielten und nicht durch phonetische Korruption

unkenntlich wurden.

Oft kommt im Malayischen dasselbe Wort unverändert als Hauptwort,

Zeitwort oder Formwort vor, aber auch da, wo die Sprache für das

Wurzelwort eine Vor- oder Nachsilbe verlangt, entzieht sich das hiesige

Publikum dieser geringen Mühe und braucht den Stamm meist unverändert in

den verschiedenen Redetheilen, wie es im Chinesischen geschieht. Diese

Neuerung muss wohl der überwiegend chinesischen Bevölkerung

zugeschrieben werden. Unter solchen Umständen sind geschlossene

Konstruktionen und schwierige Perioden gar nicht möglich. Man zerlegt,

was man zu sagen hat, in ganz kurze Sätze und darf sich häufige

Wiederholungen nicht verdriessen lassen. Während in unseren Sprachen

nicht nur für jeden spezifischen Begriff, sondern auch für die

Schattirungen desselben besondere Wörter vorhanden sind, hat die

malayische Sprache oft für eine ganze Gattung von Begriffen nur ein

Wort. So gering der malayische Wortschatz an und für sich aber auch ist,

so kursirt doch nur ein Bruchtheil desselben als Verkehrsmünze in

Singapore. Und wie wenig besitzen die Meisten selbst von dieser! Es ist

wunderbar, wie geringe sprachliche Mittel den Bedürfnissen eines so

grossartigen Handels genügen. Einige Beispiele für das Gesagte dürften

nicht ohne Interesse sein.

_Suda_: schon oder, _abis_: fertig, vollendet, drückt das Präteritum,

_nanti_: warten, oder _mau_: wollen, das Futurum aus, _di_ bezeichnet

das Passivum, z.B. _makan_: essen, _di makan_: gefressen werden; _tuwan

suda makan_: der Herr hat gegessen, _tuwan nanti makan_: der Herr wird

essen; _suda_: geschehen! antwortet der Bediente, wenn man ihm etwas

befiehlt; _suda!_ schreit auch der kleine Junge, wenn er Schläge

bekommt, und wünscht, dass die Gegenwart zur Vergangenheit werde; _makan

nassi_: Reis essen, überhaupt zu Mittag essen; _api makan ruma_: das

Feuer verzehrt das Haus; _angin makan layer_: der Wind bläht die Segel;

_piso makan kayu_: das Messer schneidet Holz; _saratu makan lima_: 100

frisst 5, d. h. 5% Zinsen; so frisst das Löschpapier Dinte, der Bediente

Lohn, der Kummer das Herz, und schliesslich _orang-puti makan angin_:

weisse Männer fressen Wind, d. h. gehen spazieren (den Malayen war

dieser Gebrauch so neu, dass sie erst einen Ausdruck dafür erfinden

mussten).

Unter den aus zwei Wörtern zusammengesetzten Begriffen kommen einige

hübsche Verbindungen vor: _mata_: Auge, _ayer_: Wasser, _mata-ayer_:

Brunnen, _ayer-mata_: Thräne, _mata-hari_: Sonne (das Auge des Tages),

_hidop_: leben, _mata-hari-hidop_: Osten, Sonnenaufgang; _mati_: todt,

_mata-hari-mati_: Westen, Sonnenuntergang, auch _mata-hari-djato_: das

Auge des Tages gefallen, versunken; _djalan_: gehen, Weg, Reise;

_mata-djalan_: Vortrab, Späher; _mata-kaki_: der Fussknöchel;

_mata-mata_ (Augen, Augen): der Spion, der Aufseher, der Polizist;

_besi_: Eisen, _brani_: tapfer, unternehmend, _besi-brani_: der Magnet;

_anak_: Kind, _anak-kontji_: Schlosseskind, Schlüssel; _anak-ayer_:

Bach, _anak-dayong_ (Ruder-Kind): der Ruderer; _anak-prau_: Schiffer;

_anak-duit_ (duit kommt vom holländischen deut und heisst Geld): Kind des

Geldes, Rente; _anak-songej_ (Fluss-Kind): Flussarm und viele Andere.

So sagt man Kuhkind für Kalb, Mannkind für Knabe, Fraukind für Mädchen,

Schweinekind für Ferkel, und im Kirchenstyl _anak-kambing-wolanda_:

Kind einer holländischen Ziege für Lamm Gottes; _bunga_: Blüthe,

_duit_: Geld, _tana_: Erde, und daraus _bunga-duit_: Zinsen,

_bunga-tana_: Landrente; _obad_: Medizin, _bedil_: Flinte,

_obad-bedil_: Schiesspulver; _isi_: Inhalt, _isi-negri_: die

Bevölkerung einer Stadt, _isi-prut_ (Bauch): die Eingeweide;

_bedil trada_ (nicht) _isi_: die Flinte ist nicht geladen.

Fünftes Kapitel.

Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. -- Pfeffer. -- Gambir. --

Sago.

Da von der Stadt aus nach mehreren Richtungen Fahrwege ausgehen, Wagen

in Fülle vorhanden, und schnelle Sampans für Spazierfahrten immer bereit

stehen, kann man zu jeder Zeit angenehme Excursionen machen. Sehr

interessant und für den Sammler ergiebig ist eine Fahrt nach Pulo brani,

einer kleinen bei New harbour, N-O. von Blakang-mati belegenen Insel, wo

ein bei niedriger Ebbe fast trockenes Korallenriff eine reiche Ernte von

Korallen, Seeigeln, Ophiuren, Muscheln und Krebsen liefert. Unter jedem

Block, den man aufhebt, ist Leben. In jedem Tümpel haben Actinien und

verwandte Polypen ihre blumengleichen Tentakel entfaltet; in den

grösseren Becken schwimmen Schwärme kleiner einen oder ein paar Zoll

langer Fische, die in so prächtigen, intensiven, metallisch glänzenden

Farben prangen, dass man sie die Kolibris des Meeres nennen könnte. Ich

hatte oft mit einem Freunde versucht, die behenden Thierchen zu fangen,

immer vergeblich, bis wir uns endlich entschlossen, es mit Toba zu

versuchen. -- Toba oder Tuba (Dalbergia sp. div.) ist ein im Jungle

häufiger kletternder Strauch mit rothen Schmetterlingsblüthen. Wir

hatten für unsern Versuch auf dem Riff einen ziemlich kreisrunden Raum

von etwa 100 Fuss Durchmesser gewählt, der durch Zurücktreten des

Wassers bei der Ebbe ein fast abgeschlossenes Becken, etwa 1/2 Fuss

tief, bildete. Wurzel und Holz der Toba wurde zwischen Steinen zerklopft

und an verschiedenen Stellen ins Wasser geworfen. Nach wenigen Minuten

schwammen die Fische betäubt an der Oberfläche und liessen sich mit der

Hand greifen; nach 1/4 Stunde krochen Aale und andre in Löchern

verborgene Thiere hervor, nach 1/2 Stunde lagen fast alle todt auf dem

Rücken. Die Wirkung des Gifts erstreckte sich weit über unser

Wasserbecken hinaus. Ringsum waren Malayen beschäftigt, die betäubten

Fische mit der Hand zu greifen.

[Illustration: BEI NEW HARBOUR. SINGAPORE.]

Blakang-mati ist von Fiebern heimgesucht. Dr. Little schreibt sie, wohl

ohne genügenden Grund, der Nähe der Korallenbank zu. Eine Bugisfamilie,

die wir besuchten, schien sehr daran zu leiden. In ihrem praktischen,

aus Erfahrungen hervorgegangenen Aberglauben meinen sie, dass ein böser

Geist, der in den hohen Bäumen wohnt, sie hervorbringe. Daher wollten

sie diese Bäume, die ihre Hütten umgeben und feucht und ungesund machen,

umhauen.

Eine andere hübsche Excursion war nach dem 519' hohen sogenannten

Zinnberg (bukit-tima), dem höchsten Punkt der Insel. Man kann bis an

seinen Fuss im Wagen fahren, und wenn der Pony Lust hätte, bis auf den

Gipfel, auf welchem einige hohe Damar-Bäume stehen, aus deren Stamm das

geschätzte Harz reichlich ausquillt. Nach Versicherung eines

französischen Missionärs sind an seinem Fuss Spuren von Zinn und auch

von Gold gefunden worden, aber in zu geringer Menge, um zur Ausbeutung

anzuregen.

Eine kleine Abtheilung Sträflinge war hier beschäftigt, Tigerfallen

anzulegen und die Strasse von der seitlich eindringenden Vegetation zu

säubern, ein Geschäft, das oftmals wiederholt werden muss, da der Wald

sonst bald den ihm abgenommenen Boden wieder besetzt. Von der

Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit einer solchen Waldung geben die

unsrigen keine Vorstellung. Zwischen den Hochstämmen, die sich meist

astlos bis an das 60-80' hohe Laubdach erheben, zieht sich nach allen

Richtungen ein so dichtes Gewirr von Unterholz, Schling- und

Kletterpflanzen, dass es unmöglich ist, ohne Waldmesser einzudringen.

Das grösste Hinderniss bilden die Calamusarten, Palmen, deren lange,

dünne Stämme dicht mit Stacheln besetzt sind. Die Blätter, und

namentlich deren peitschenförmig verlängerte Mittelrippe, tragen an der

unteren Seite scharfe Widerhaken, vermittelst welcher sie sich überall

festhängen, wo sie Halt finden, und so dem Stamm, der viel zu dünn und

elastisch ist, um sich selbst zu tragen, die nöthige Stütze verschaffen.

Einige Arten sollen über 1000 Fuss lang werden, nach Rumphius sogar bis

1800 Fuss;[18] sie ziehen sich wie Stricke nach allen Richtungen quer

durch den Wald; auch werden sie ja, nachdem die Blätter und Stacheln

entfernt sind, als Taue, und gespalten als Stricke, benutzt. Zu diesen

kletternden Palmen gehört auch unser spanisches Rohr oder Stuhlrohr

(Rotang der Malayen), es ist auf allen Inseln des Archipels sehr häufig

und für manche ein wichtiger Ausfuhrartikel.

Aber auch wo eine kleine Lichtung oder ein schmaler Pfad erlaubt hätte,

den Weg zu verlassen und tiefer in den Wald zu dringen, wurde ich durch

die Sträflinge daran verhindert, weil überall an solchen Stellen

Tigerfallen angelegt sind, tiefe Gruben mit Reisig und Erde so geschickt

bedeckt, dass sie selbst den vorsichtigen Tiger zuweilen täuschen. (Am

Tage vor meinem ersten Besuch waren in einer solchen Grube zwei Tiger

lebend gefangen worden.) In den Boden derselben sind häufig spitze

Pfähle eingerammt. Daher sind die Excursionen in diesem Walde, wenn man

vom Wege abweicht, sowohl durch die Tiger selbst, als auch durch die

Fallen in hohem Grade gefährlich. Meine Begleiter schienen allerdings

nur die letzte Gefahr im Auge zu haben. An einen Ueberfall von Tigern

dachten sie gar nicht, obgleich an mehreren Stellen frische Spuren zu

sehen waren.

Die Tiger spielen in Singapore eine grosse Rolle. Nach dem Urtheil der

ältesten Residenten und der am besten darüber unterrichteten Beamten

werden auf dieser kleinen Insel, die nur ein Drittel grösser ist als die

Insel Wight, jährlich 350-400 Menschen von Tigern zerrissen,[19] und

dennoch fürchtet sich Niemand vor ihnen, die Chinesen auf den

Gambirpflanzungen ausgenommen, die ausschliesslich als Opfer fallen. Ich

werde später darauf zurückkommen. Alle Versuche, das Thier auszurotten,

werden wohl fruchtlos bleiben, so lange nicht die ganze Insel von

Strassen durchschnitten und gleichmässiger bewohnt ist. Für jedes

gefangene oder getödtete Thier zahlt die Regierung 50 Dollars,[20]

ebensoviel fügt ein Verein von Privaten hinzu, der die Insel gern von

dieser Geissel befreien möchte. Aber trotz der hohen Prämie, und

obgleich ein Theil der Sträflinge zum Anlegen von Fallen verwendet wird,

scheint die Zahl der Tiger doch eher zu- als abzunehmen. Es unterliegt

keinem Zweifel, dass sie über die Meerenge schwimmen,[21] angelockt

durch die bequeme, reichliche Beute. Denn während der ersten Jahre,

nachdem die Engländer die Insel in Besitz genommen, befand sich kein

Tiger auf derselben. In einem kleinen Aufsatz des damaligen Guvernörs

John Crawfurd über den Ackerbau von Singapore, 1824, heisst es: „der

Tiger und Elephant, die für den Ackerbau in Sumatra und auf der

malayischen Halbinsel so verderblich sind, kommen in Singapore nicht

vor.”

Es ist interessant, die wirklich vorhandene Gefahr mit der gänzlichen

Verachtung derselben zu vergleichen, wie sie hier ganz allgemein

verbreitet ist. Was für eine wilde Flucht würde in Europa unter den

Spaziergängern stattfinden, wenn plötzlich in einem zoologischen Garten

die Tiger aus ihren Käfigen ausbrächen, wie Wenige würden sich wohl in

den Garten wagen, bevor die Thiere wieder eingefangen! Hier fahren aber

die Damen mit ihren Kindern ohne allen Schutz und ohne alle Furcht in

kleinen, offenen Ponywagen noch vor Tagesanbruch und nach der Dämmerung

spazieren, während zu beiden Seiten der dichte Wald, in dem notorisch

Tiger vorhanden sind, hart an die Strasse tritt. So fest ist die

Ueberzeugung von der Feigheit und Menschenfurcht dieser Thiere

eingewurzelt! Frisch angekommene Fremde sind die einzigen, die, wenn sie

von ihrer ersten Excursion heimkehren, mitunter „nicht ganz sicher sind,

aber kaum zweifeln, dass sie im Dickicht ein Paar grosse Augen sahen,

wahrscheinlich von einem Tiger,” sie werden aber regelmässig dafür

ausgelacht, weil Jedermann überzeugt ist, dass es nur ein Phantasiebild

war.

Mehr als die Tiger fürchtet man die Termiten, _rajap_ oder _ani-ani_,

auch _semut puti_, weisse Ameisen genannt, obgleich sie den Menschen

unmittelbar höchstens dann etwas belästigen, wenn die zur Paarungszeit

geflügelten Männchen und Weibchen in dichten Schaaren, Wasserhosen

vergleichbar, aus der Erde emporsteigen, in die Zimmer fliegen, nach

kurzem Herumflattern ihre Flügel verlieren und sammt diesen zu Boden

fallen. Sie kommen in solcher Menge und erscheinen gegen einen dunklen

Hintergrund so weiss, dass ihre Schwärme an die grossflockigen

Schneewetter warmer Wintertage erinnern. Nach dem Verlust ihrer Flügel

laufen sie zwar nicht unbehende, jedoch nicht schnell genug, um sich

ihren zahlreichen Feinden zu entziehen, denn Menschen (Eingeborene) und

Thiere betrachten sie als grossen Leckerbissen. Wahrscheinlich geht nach

diesem kurzen Ausflug der ganze Schwarm mit Ausnahme einiger

befruchteten Weibchen zu Grunde, die als Stammmütter einer neuen Kolonie

erzogen werden. Die Männchen kommen wohl alle um, da sie sich nicht

selbst erhalten können und für ihre Erhaltung durch die andern kein

Grund vorhanden ist; denn ein einmal befruchtetes Weibchen legt viele

Millionen Eier[22] (Berlepsch schätzt die Anzahl Eier, die eine

Bienenkönigin legen kann, auf 1-1/2 Millionen und Dr. Gerstaecker

schliesst aus der Vergleichung der Ovarien, dass ein Termitenweibchen

wenigstens 2 bis 3 mal so viel Eier legen könne). Sehr viel zahlreicher,

als die erwähnten, sind die geschlechtslosen Termiten, die Arbeiter, die

nie Flügel erhalten, sondern ihr ganzes Leben in einer Art von

Larvenzustand verbleiben. Sie wissen sich so geschickt vor dem Menschen

zu verbergen, dass sie ihm fast nie zu Gesicht kommen, wenn sie auch in

seiner unmittelbaren Nähe beschäftigt sind, ihm Haus und Habe zu

zerstören. In unterirdischen Gängen nähern sie sich den Häusern, führen

dann aus an einandergereihten Erdkügelchen einen bedeckten Gang in die

Höhe, der schnell verhärtet, da ihr Speichel wie Mörtel wirkt. Von

diesem aus schreiten sie ungesehen in ununterbrochenen Zügen zum

Angriff. Die fast fingerdicken Gänge sind leicht zu erkennen und zu

beseitigen, werden aber gewöhnlich sehr geschickt an den dunkelsten

Stellen des Hauses, in verborgenen Winkeln angelegt. Die Termiten

vernichten alles Holzwerk, Teak und Kampferholz ausgenommen; eine Kiste

von weichem Holz, von der Art, in welcher Flaschenweine Dutzendweis nach

den Kolonien gesandt werden, kann in einer Nacht gänzlich zerstört

werden, wenn sie im Freien unmittelbar auf dem feuchten Boden steht.

Metall greifen sie nicht an; in früheren Zeiten, wo man in entfernten

Kolonien nicht immer über gewissenhafte Beamte verfügen konnte, sollen

sie zwar oft das in den Regierungskassen vorhandene Geld ohne Rückstand

verzehrt haben. In den Häusern zerstören sie alle Möbel und Vorräthe,

doch gehen sie nicht in Baumwolle und fürchten sich vor Reishülsen,

deren scharfe Spitzen ihren weichen, nackten Körper wohl empfindlich

verletzen würden. In allen Speichern werden deshalb fusshoch Reishülsen

auf den Boden ausgeschüttet, bevor man Kaufmannsgüter darauf lagert, die

Pfosten aller Betten, Schränke und schweren Möbel stehen in

gusseisernen, mit Wasser oder Oel gefüllten flachen Schalen, zugleich

zum Schutz gegen Ameisen, die zwar nicht das Holz, aber die Vorräthe

fressen.

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 5 / 28 段