Manche Handwerke, die von Hausirern auf offener Strasse getrieben

werden, sind den Chinesen eigenthümlich. So werden zerbrochene Gläser

auf folgende Weise geflickt: Nachdem die Scherben aneinandergefügt sind,

bohrt man zu beiden Seiten des Sprunges paarweis feine Löcher, dann wird

ein feiner weicher Draht von der konvexen Seite durch ein Löcherpaar

gesteckt, an der anderen Seite fest angezogen und so abgeschnitten, dass

nur zwei kurze Enden hervorragen. Diese werden mit einem Hämmerchen

platt geschlagen, so dass dadurch zwei Nieten entstehen. Manche alte

Lampenglocken sind wohl mit 20 solcher kleinen Anker zusammengeflickt.

Man kann daraus auf den hohen Werth des Glases im Innern Chinas

schliessen. In Singapore verschwindet dieser Industriezweig immer mehr,

da hier das Glas fast so billig als in Europa ist.

Die interessanteste Strassen-Industrie ist das Flicken eiserner Pfannen;

diese Pfannen sind von sehr sprödem, dünnem Gusseisen und springen

leicht. Der chinesische Pfannenschmied schlägt erst zu beiden Seiten des

Sprunges einen dünnen Streifen Eisens ab, um die Oeffnung zu erweitern

und frischen Bruch zu erhalten, dann zündet er einen kleinen tragbaren

Kohlenofen aus feuerfestem Thon, 10 Zoll hoch, 6 Zoll Durchmesser, an,

stellt einen Schmelztiegel hinein, der einige Stückchen Eisen enthält,

und bläst an. Das Gebläse ist das Miniaturmodell eines Cylindergebläses;

jedoch noch einfacher in seiner Einrichtung, indem der Windbehälter

nicht zwei, sondern nur ein Ventil hat. Auch steht es nicht aufrecht,

sondern wird bei dem Gebrauche auf den Boden gelegt. In einem fusslangem

Bambusrohr von etwa 1-1/2 Zoll innerem Durchmesser bewegt sich als

Kolben eine am Rande mit Baumwollenwatte umgebene, an einem Stäbchen

befestigte Scheibe. In jeder Endfläche des Bambuscylinders ist eine sich

nach innen öffnende Klappe zum Eintritt der Luft angebracht. Während

durch die Bewegung des Kolbens die eine Klappe Luft einlässt, schliesst

sich die andere und umgekehrt. Die zusammengepresste Luft strömt

abwechselnd durch eins von zwei in der Wand des Bambus nahe den

Endflächen befindlichen Löchern in den Windkasten, einen hölzernen Trog

von vierseitigem Querschnitt, der mit seiner offenen Seite an dem

Bambusrohre luftdicht befestigt ist. Aus diesem Behälter entweicht die

Luft durch ein in der Mitte der dem Cylinder gegenüberliegenden Seite

befindliches Loch. An diesem nun ist ein trichterförmiges Blechrohr

befestigt, dessen Spitze in eine unter der Feuerung befindliche Oeffnung

gesteckt wird. Damit aber der Luftstrom ununterbrochen sei, was zum

Schmelzen des Eisens durchaus erforderlich ist, hängt in der Mitte des

Windkastens an der Bambuswand der Austrittsöffnung gerade gegenüber eine

zungenförmige, in den Trichter hineinragende Klappe, welche, durch den

komprimirten Luftstrom abwechselnd nach rechts oder links gestossen,

diesem den Ausgang öffnet und zugleich die Verbindung mit dem Raume

schliesst, in welchem die Luft verdünnt ist. Ist das Eisen in Fluss, so

schöpft der Arbeiter ein wenig davon auf einen mit Thon beschmierten,

mit Kohlenpulver bestäubten Lappen und drückt damit das Metall von unten

in die Spalte, indem er gleichzeitig mit der Basis eines walzenförmigen

Stückes Holzkohle auf die oben herausquellende Masse drückt, welche sich

fest anlegt, einen Theil der Spalte ausfüllt und oben und unten eine

dünne Ausbreitung bildet. Bei grösseren Sprüngen wird dann dasselbe

Verfahren so lange wiederholt und werden so viele eiserne Flicken

aneinander gereiht, bis der ganze Riss ausgefüllt ist.

Die chinesischen Einwanderer kommen fast ausschliesslich aus den beiden

südlichen Küsten-Provinzen Quang-tong und Fuh-kien und bestehen

grösstentheils aus dem elendesten Proletariat, auch sollen sich die

dortigen Behörden der Auswanderer-Schiffe bedienen, um ihre Krüppel und

Taugenichtse loszuwerden. Die Schiffe setzen sich während des NO.-Monsun

in Bewegung und treffen in Singapore frühestens um Neujahr ein. Bei der

Ankunft schuldet der Einwanderer fast immer die Ueberfahrt und

vermiethet sich auf ein Jahr ohne Lohn gegen Beköstigung und eine kleine

Geldunterstützung an einen schon ansässigen Chinesen. Dieser bezahlt

dafür die Ueberfahrt, deren Betrag mit dem Bedürfniss nach

Arbeitskräften steigt oder fällt. Ein solcher Einwanderer heisst Sinkay,

der freie Arbeiter dagegen Kuli. Nicht alle, die hier ankommen, bleiben

in Singapore, mehrere tausend landen hier jährlich auf ihrer Durchreise

nach anderen Ländern des Archipels. Die meisten kommen mit der Absicht,

nachdem sie ein kleines Kapital erübrigt, in ihre Heimath

zurückzukehren. Es scheint aber, dass dies nur der Minderzahl gelingt.

Sehr Viele ergeben sich dem Opiumgenuss und Spiel und gehen daran zu

Grunde. Einige bleiben auch im Archipel und verheirathen sich mit

eingebornen Frauen. Es giebt Familien hier, die schon seit Generationen

in europäischen Kolonien leben, grosses Ansehen und bedeutende

Reichthümer besitzen und im Verkehr mit den Europäern viele gute

Eigenschaften von diesen angenommen haben. Die Zahl der jährlich hier

ankommenden Chinesen beträgt jetzt schon weit über 10,000. Es ist aber

wahrscheinlich, dass die Auswanderung aus dem übervölkerten China sehr

zunehmen wird, da immer mehr die künstlichen Schranken fallen, welche

ihr einerseits von den chinesischen Behörden, andererseits von den

europäischen Kolonial-Regierungen entgegengestellt sind. Auch war von

China aus das Auswandern der Frauen streng verboten, wodurch die

Mehrzahl der Männer bewogen wurde, wieder in ihre Heimath

zurückzukehren. In neuester Zeit gehen aber viele Frauen sowohl nach

Kalifornien als nach dem Archipel, und wenn sie auch nicht zu den

respektabelsten gehören, so ist es doch immerhin ein Anfang. Die inneren

Unruhen in ihrem Vaterlande veranlassen seit Kurzem auch viele im

Archipel als Handwerker oder Kaufleute etablirte Chinesen, ihre Familien

nachkommen zu lassen. Noch zahlreicher sind die Einwanderungen

unabhängiger Frauen, die hier ein grosses Feld für ihre Thätigkeit

finden. Viele von ihnen werden auf Kosten der geheimen Gesellschaften

hergebracht, die den Einfluss derselben auf die Männer für ihre Zwecke

ausbeuten (im November 1863 kamen 72 in einem Schiffe an).

In den holländischen und spanischen Kolonien legt man den Chinesen

allerlei Hindernisse in den Weg, indem man ihre Anwesenheit nur an

einzelnen Lokalitäten gestattet, ihre Thätigkeit auf gewisse Gewerbe

beschränkt, sie hohen Steuern und einer lästigen Polizeiaufsicht

unterwirft: alles in der ausgesprochenen Absicht, die Eingebornen gegen

die Habsucht, Schlauheit, Gewissenlosigkeit der Chinesen zu schützen.

Trotz aller gesetzlichen Beschränkungen hat aber die Einwanderung der

Chinesen stetig zugenommen; in den Philippinen soll sie eine

beträchtliche Einnahmequelle derjenigen Beamten sein, von deren Ermessen

die Erlaubniss zum Verbleib im Lande abhängig ist. Jetzt scheinen beide

Regierungen zu einer freisinnigeren Politik übergehen zu wollen und es

ist daher zu erwarten, dass sich bald ein stets wachsender Strom von

Arbeitskräften aus China über die Inseln ergiessen und die grossen

Hülfsquellen erschliessen wird, die jetzt in den spanischen Kolonien

fast ganz schlummern und in den holländischen nur sehr unvollkommen

ausgebeutet werden. Für das chinesische Proletariat wird der Archipel

daher wohl bald eine noch grössere Bedeutung erhalten, als Amerika für

das europäische. Die Länder der einheimischen Fürsten kommen immer mehr

und mehr unter den Einfluss der europäischen Regierungen, wodurch die

Sicherheit für Person und Eigenthum zunimmt, deren Mangel bisher auch

ein grosses Hinderniss für die Ausbreitung der Chinesen war. Bis jetzt

werden noch viele im Gebiet malayischer Fürsten liegende Zinngruben von

Malacca aus betrieben.

In den englischen Niederlassungen der Meerenge ist die Einwanderung

der Chinesen immer begünstigt worden. Sie geniessen dort Ansehen und

Freiheit und Sicherheit gegen Erpressungen, wie wohl in keinem anderen

Lande der Welt. Dass aus dieser unbeschränkten Freiheit der Kolonie

ernste Gefahren erwachsen könnten, ist kaum zu befürchten, da in einem

solchen Falle sich Alles gegen die Chinesen verbinden würde.

Bedeutende Störungen haben sie freilich schon oft veranlasst; sie

bilden einen Staat im Staate; fast Alle gehören geheimen

Gesellschaften an, gegen deren Thätigkeit die Regierung nichts vermag.

In Bezug auf diese Gesellschaften sagt der Guvernör in seinem

amtlichen Berichte 1858-59: „Ein anderes grosses Hinderniss bei

Entdeckung schwerer Verbrechen sind die chinesischen Hoeys, oder

geheimen Gesellschaften.... Es ist kein Zweifel, dass diese

Gesellschaften sich dazu hergeben, den Gang der Gerechtigkeit zu

hemmen. Man nimmt allgemein an, dass sie den Ehrgeiz haben, alle

Kriminalfälle unter ihren Landsleuten vor ihr eigenes Tribunal zu

ziehen. In Civilsachen wird ihre Schlichtung von Streitigkeiten eher

günstig als anders aufgenommen, und nach ihrer Auffassung sind ihre

Ansprüche, Kriminalfälle zu entscheiden, ebenso wohl begründet. Dass

dergleichen Tribunale bestehen, unterliegt keinem Zweifel, und es ist

zu befürchten; dass, um dieselben aufrecht zu erhalten und zu

verhindern, dass man sich an unsere Gerichtshöfe wende, sowie auch, um

die Wirksamkeit der letzteren zu lähmen, die Chinesen kein Bedenken

tragen, zu den gewaltsamsten Maassregeln zu greifen. Mord und

Menschenraub sollen häufig vorkommen, um lästige Zeugen zu beseitigen,

vielleicht aber ist einige Uebertreibung in der angeblichen Häufigkeit

dieser Verbrechen.” Schliesslich zweifelt der Guvernör an der

Möglichkeit, diese Gesellschaften auf dem Wege des Gesetzes

auszurotten und glaubt, dass alle Verordnungen dagegen nur den Zweck

haben würden, die Gesellschaften noch vorsichtiger zu machen und ihren

Widerstand zu verstärken.

Ich führe aus den Artikeln der einen geheimen Gesellschaft zur Probe

zwei Paragraphen an (das Original-Dokument wurde von der Polizei in

Beschlag genommen und befindet sich gegenwärtig in der Berliner

Bibliothek): „§ 4. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft

Hung müssen alle Brüder bei jeder Gelegenheit, wo die Brüderschaft

sich gegen die Regierung erhebt, und die Soldaten ihr Widerstand

entgegensetzen, nach ihren äussersten Kräften Hülfe leisten; sie

müssen sich bemühen, alle Gefangenen, die gemacht wurden, zu befreien,

und dürfen nichts thun, was ihrer Flucht hinderlich sein könnte. Mögen

Alle, die anders handeln, binnen eines Monats sterben, vom Blitz

getroffen, und ihre Gliedmaassen zerstreut werden.

§ 5. Vom Augenblick des Eintritts in die Brüderschaft Hung darf Keiner

gegen Bestechung Emissäre der Regierung führen, um andere Brüder

gefangen zu nehmen. Sollten Habsüchtige oder lasterhaft Gesinnte also

handeln, so mögen sie umkommen innerhalb eines Monats unter 10,000

Schwertern. Werden sie aber entdeckt, so sollen sie sicherlich von den

Brüdern erschlagen werden.”

Ausser diesen Hoeys, die von China übergesiedelt und zum Theil sehr alt

sind, werden auch fortwährend geheime Gesellschaften zu besonderen

Zwecken, namentlich zur Erhöhung der Löhne, gebildet. Ist einmal ein

Europäer von einer solchen Gesellschaft in die Acht erklärt, so kann er

keinen chinesischen Bedienten bekommen, kein Handwerker arbeitet mehr

für ihn. Zwischen den verschiedenen Gesellschaften bestehen alte Fehden,

die schon häufig zu blutigen Strassenkämpfen Veranlassung gaben,

namentlich im Jahre 1854; aber auch in der allerneuesten Zeit scheinen

dergleichen wieder in grösserem Massstabe stattgefunden zu haben, wie

aus einem interessanten Artikel der Overland Straits Times vom 21.

November 1863 hervorgeht: „Die unaufhörlichen Unruhen und Fehden der

Chinesen, die oft in Strassenkämpfe ausarten, haben ihren Ursprung in

dem gegenseitigen Hass der verschiedenen geheimen Gesellschaften, mehr

noch in dem Hass der verschiedenen Faktionen oder Clans, in welche die

Chinesen gespalten sind. Es scheint, dass die Chinesen weniger

Individualität besitzen, als irgend ein anderes Volk; sich, wie schwache

Thiere, erst in Heerden wohl fühlen, und von jeher das Bedürfniss

fühlten, sich auf diese Weise zu schaaren. In China aber bewegt sich

jede Heerde auf ihrem eigenen Gebiet, während hier Mitglieder der

verschiedensten Verbindungen nur ein gemeinschaftliches Gebiet haben und

daher häufig in Kollision kommen. In den holländischen Kolonien ist in

jedem District, wo über 100 Chinesen wohnen, einer der Angesehensten

von Amtswegen als Hauptmann angestellt, der mit anderen unter ihm

Stehenden, auch amtlich ernannten Gehülfen die chinesische Bevölkerung

in Ordnung zu halten hat und bis zu einem gewissen Grade für sie

verantwortlich ist.”

In neuester Zeit hat man sich in Singapore damit geholfen, die

vornehmsten Chinesen nach englischer Sitte zu Spezial-Konstablern zu

machen, eine Massregel, die den besten Erfolg gehabt hat. Man

beabsichtigt, künftig bei Unruhen die angesehensten Chinesen, welche

gewöhnlich die höchsten Aemter in den Gesellschaften bekleiden, nicht

eher als Konstabler zu entlassen, bis die Unruhen völlig gedämpft sind.

Bisher blieben diese Kämpfe lediglich auf die Chinesen selbst

beschränkt, natürlich nicht ohne grosse Störungen der öffentlichen

Ruhe. Erwägt man übrigens, dass die hiesige chinesische Bevölkerung

nur aus den untersten Klassen und zum Theil aus dem Auswurf der

südlichen Küstenprovinzen Chinas hervorgegangen ist, dass ihnen die

Frauen, und also die Mittel zur Begründung einer Familie, gänzlich

fehlen, dass auch nicht die Spur einer Polizeikontrolle besteht, so

kann man sich nur wundern, dass so selten ernstliche Unruhen

vorkommen. Der Grund liegt gewiss in der Leichtigkeit des Erwerbes und

in dem „Selfgovernment”, das sich unter so freien Institutionen, an

deren Erhaltung Alle ein gleiches Interesse haben, nothwendig

entwickeln muss.

Einige Chinesen haben sich grosse Reichthümer erworben und gehören zu

den geachtetsten Bürgern der Stadt; manche haben bedeutende Summen zu

öffentlichen Zwecken geschenkt. Einer der hervorragendsten unter ihnen

ist Tan-kim-tsching. Sein Haus in der Stadt ist ein so schönes Beispiel

chinesischer Bauart, dass eine kurze Beschreibung von Interesse sein

dürfte. Durch eine kunstvolle Thür in durchbrochener Arbeit tritt man in

die Vorhalle. An der rechten, wie an der linken Wand derselben steht

eine ununterbrochene Reihe geschnitzter Stühle und Tische, je zwei

Stühle und ein kleiner Tisch aus demselben Holz. Die Tische sind höher

und schmäler als die Stühle, haben aber dieselbe Tiefe, so dass die

ganze Reihe wie aus einem Guss erscheint. Durch diese Anordnung hat

jeder Gast zur Rechten oder Linken die Hälfte eines Tischchens zur

Verfügung, um den Arm aufzulegen oder seine Theetasse abzusetzen. Die

Einrichtung ist so hübsch und zweckmässig, dass sie Nachahmung verdient.

Da hier zu Lande ein harter, kühler Sitz angenehmer ist als ein warmes

Polster, so sind die Böden der Stühle gewöhnlich aus Holz oder

spanischem Rohr gefertigt. In diesem Hause aber bestehen sie aus

eigenthümlichen Steinplatten, einer Art Kalkstein, vom Ansehen des

Florentiner Ruinenmarmors,[17] dem aber die Kunst nachgeholfen, indem

sie durch gewisse Beizen an passenden Stellen Infiltrationen erzeugt

hat. Bei einigen Platten ist die von der Natur gelieferte Zeichnung sehr

geschickt benutzt und durch Hinzufügung einiger Striche und Drucke ein

ganz nettes Bildchen zu Stande gebracht worden, während man bei andern

Platten im Nachhelfen zu weit gegangen, so dass sich sogleich die Hand

des Menschen verräth. Diese Platten sollen aus Yünan und Szechuen

kommen, die Kunst, sie zu fertigen, ist aber jetzt verloren gegangen; so

erfuhr ich wenigstens später in Kanton auf vielfache Nachfrage.

Vielleicht steht ihre Wiedergeburt in Europa durch Anwendung der

Kuhlmannschen Entdeckungen bevor. Die Hinterwand der Vorhalle besteht

aus reich geschnitzter, durchbrochener Holzarbeit mit Perlmutter

eingelegt; sie wird durch zwei bis zur Decke reichende Pforten in drei

Theile getheilt. Dahinter befindet sich ein Zimmer in demselben Stil,

aber reicher dekorirt und möblirt: statt der Hinterwand ist nur eine

Reihe zierlicher Säulen, durch welche man in den mit Fliesen belegten

Hof tritt. Zu beiden Seiten desselben bildet ein vorspringendes Dach

einen gegen den Regen geschützten Gang. Am gegenüberliegenden Ende des

Hofes befindet sich die Wohnung der Frauen, Fremden nicht zugänglich. In

den vier Ecken des Hofes sind Regengossen aus gebranntem Thon

angebracht, grosse Bambusen in Form und Farbe täuschend darstellend. An

ihrem unteren Ende lehnen sich schön modellirte Nelumbium-Blätter und

Blüthen aus demselben Material gegen die Wände, und wurzeln scheinbar in

den grossen Kübeln, die das Regenwasser aufnehmen. Aus gebranntem Thon

bilden die Chinesen auch sehr schöne Reliefs, die sie mit den reichsten

Farben verzieren. Die Figuren sind zwar für unsern Geschmack zu barok,

aber ihre Nachbildungen von Pflanzen, Vögeln u. s. w. sind meisterhaft,

naturgetreu und mit vollendeter Technik ausgeführt. Sie werden zur

Verzierung der Wände, Thüren, Dächer und Giebel verwendet; auch der Hof,

dessen Wände einfach grau gestrichen und mit einer rothen Borte

eingefasst waren, enthielt eine Anzahl solcher Reliefs; ein ganzer Fries

davon lief unter dem Dach entlang.

Für Dekorationen und Kostüme zeigen die Chinesen viel Geschmack, ihre

Theatergewänder sind prachtvoll. Eine der schönsten Prozessionen, die

mir je vorgekommen, sah ich in Singapore bei Gelegenheit einer

Feierlichkeit, in welcher gewisse Götzenbilder aus einem Tempel in der

Stadt wieder nach einem Tempel vor der Stadt, ihrem gewöhnlichen

Aufenthalte, zurückgebracht wurden. Den Glanzpunkt bildeten die Kinder

reicher Eltern in Gewändern alter mythischer Helden, zum Theil zu

Pferde, von vielen Dienern begleitet. Noch reicher und origineller waren

einzelne Gruppen auf niedrigen Rollwagen, welche letztere aber durch die

Dekoration so geschickt verhüllt waren, dass man einen grossen,

künstlichen Felsen vor sich zu haben glaubte. Auf dem Felsen wuchsen

prachtvolle, phantastische Blumen, und in dem Kelche oder auf dem

äussersten Zweige sass, wie eine Elfe, ein ganz kleines, reich und

sonderbar gekleidetes Mädchen, mit einem Fächer oder einer Blume in der

Hand. Andere Felsen trugen Sträucher oder Rohr, über welchen ein Reiher

oder grosser Raubvogel schwebte, und auf dem Vogel ritt oder stand ein

ganz junger Knabe. Auf alten chinesischen Vasen sieht man wohl

dergleichen Figuren, die uns wegen ihrer Abenteuerlichkeit für eine

Verirrung der Phantasie des Malers gelten. Hier sah man alle diese

Bilder leibhaftig vor sich. Dass Drachen und Ungeheuer aller Art nicht

fehlten, versteht sich von selbst. Jede dieser Hauptgruppen war von

einem langen Zug von Kulis begleitet, die von den Reichen zu diesem

Zweck gemiethet und in schöne Livreen gesteckt werden. In den Händen

trugen sie Fahnen, Laternen, Sonnenschirme, meist von schwerer Seide,

mit reicher Stickerei, und an den Füssen Schuhe und Strümpfe, was einen

besonders feierlichen Eindruck machte, da sie sonst immer barfuss, oder

wenigstens ohne Strümpfe, gehen. Abends ging ich mit einem Freunde durch

das Chinesen-Viertel, das aber nicht illuminirt war, wie wir erwartet

hatten. In einem grossen Speicher, gedrängt voll von Zuschauern, wurde

ein Schattenspiel aufgeführt. Der Puppenspieler sang mit näselnder

Fistelstimme hinter dem aufgespannten Laken, auf welchem sich der

Schatten einer Chinesin lebhaft bewegte. Das Publikum bildete den Chor.

Die Bühne stellte ein Zimmer mit einem grossen Bett dar. Ein Anwesender

erklärte uns das Stück: Der alte Ehemann der Dame ist verreist, ihr

junger Freund, den sie von ganzem Herzen liebt, ist ins Haus

gedrungen.... Wir warteten das Ende des Stücks nicht ab, obgleich unser

Dolmetscher uns versicherte, das Beste käme noch.

Ein anderes Mal sah ich eine chinesische Leichenfeier. Vor dem Hause des

Verstorbenen stand ein gedeckter Tisch, auf welchem verzierte Gerichte

aufgestellt waren, daneben erklang rauschende Musik. Nachdem der Sarg

auf Böcke gestellt worden, führte man die Kinder des Verstorbenen

heraus, einen Knaben und zwei Mädchen. Sie waren in Sackleinen

gekleidet, ganz verhüllt; der Zopf war aufgelöst, zwischen dem losen

Haar hingen Baststreifen herunter. Nachdem die Mädchen eine Zeit lang am

Sarge geweint, gingen sie in das Haus zurück. Der Knabe legte sich mit

untergezogenen Beinen flach auf den Boden, wie ein Schwimmender, und

blieb so, mit dem Gesicht die Erde berührend, während der ganzen Dauer

der Feierlichkeit liegen. Ein Mann trat nun an den Tisch und opferte,

unter verstärkten Gongschlägen, dem Geist des Todten, indem er dabei

abwechselnd kniete und sich mit weit ausgestreckten Armen erhob. Der

Sarg war inzwischen mit einem bunten, seidenen Tuch bedeckt und mit

Blumen bestreut worden. Zum Schluss wurde den Göttern zu Ehren eine

grosse Menge Goldpapier verbrannt. Aber die verschmitzten Chinesen

machen sich kein Gewissen daraus, selbst ihre Götter zu betrügen; nur

das erste Päckchen, dessen Blätter mit Ostentation einzeln ins Feuer

geworfen wurden, bestand durchweg aus Goldpapier; bei den übrigen

Päckchen, die ungeöffnet verbrannt wurden, war nur das oberste Blättchen

vergoldet, das Uebrige gemeines Packpapier. Der Sarg wurde dann von

Kulis auf die Schultern genommen und nach dem Kirchhof getragen. Die

Musik schritt voran, neben dem Sarge gingen die Hausgenossen, es folgte

ein grosser Haufe gemeinen Volks. Die Chinesen halten sehr viel auf ihre

Gräber und legen dieselben oft schon bei Lebzeiten an, zuweilen mit

grossen Kosten. Der katholische Provikar erzählte mir, dass ein Chinese,

der zur Zeit, wo das Hasardspiel noch erlaubt war, als Spielpächter viel

Geld erworben, sich bei Lebzeiten einen kostbaren Sarg verfertigen und

ganz mit Dollars ausfüttern liess. Als vorsichtiger Mann hinterliess er

eine Stiftung zur Besoldung von vier Grabwächtern, aber bald nach seiner

Beerdigung kam eine Schaar Kulis, vertrieb die Wächter, warf den

Leichnam aus dem Sarge und theilte sich in die Beute. Die

Todtenverehrung ist für Viele die einzige religiöse Uebung; sie hängt

unmittelbar mit der grossen Ehrfurcht zusammen, welche die Kinder ihren

Eltern erweisen.

Das Familienleben, soweit man es zu sehen bekommt, d. h. das Verhältniss

zwischen Vater und Kindern, bildet einen der angenehmsten Züge im

Charakter dieses so selbstsüchtigen Volkes.

* * * * *

Die Malayen, obwohl sie hier zu Hause sind, nehmen nur eine

untergeordnete Stellung ein. Unter den Armeniern, Persern, Arabern,

Juden und Vorderindiern sind viele grosse Kaufleute von beträchtlichem

Reichthum; die Malayen bleiben arm, sie haben weder Geschick zu

Gewerben noch zum Handel, und stehen hier an Fleiss, Ausdauer und

Umsicht den übrigen Asiaten nach. Ihnen haften mehr die ritterlichen

Tugenden und Untugenden an. Im Verhältniss zu den Andern sind sie stolz,

zurückhaltend, verschlossen, gleichgültig, ernst, fast traurig, bei

guter Behandlung aber anhänglicher, zuverlässiger, gegen Beleidigungen

empfindlicher. Im Verkehr unter einander sind sie sehr rücksichtsvoll,

sie gebrauchen keine Schimpfwörter; „orang tjelaki, Unglücklicher!”

vertritt deren Stelle. Sie lügen auch weniger als die Anderen. Während

die Handlungen des Chinesen nur durch Eigennutz, niemals durch Ehrgefühl

bestimmt zu werden scheinen, ist bei dem Malayen mit Geld oft nichts

auszurichten. Liegt er nach genossener Mahlzeit auf seiner Matte

hingestreckt, so ist es schwer, ihn durch Geldanerbietungen zum

Aufstehen zu bewegen.

Die Farbe der Malayen ist gelbbraun, bei den Vornehmen heller, bei

denen, die viel im Freien sind, dunkler. Ihr Kopfhaar ist schwarz,

schlicht, drähtig; sonst sind sie fast unbehaart. Sie sind klein,

wohlgebaut, haben zierliche Hände; ihr Gesicht ist breit, flach; die

kleine Nase hat breite Flügel, der Mund ist gross, die Lippen sind nicht

aufgeworfen, ragen aber fast so weit vor, als die Nase.

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 4 / 28 段