Von der Wichtigkeit der Erfindung, Nahrungsmittel in

hermetisch-verschlossenen Büchsen aufzubewahren, bekommt man erst auf

Seereisen und mehr noch in den Kolonien, besonders in den abgelegenen

Stationen, eine richtige Vorstellung.[11] Wenn aber die Zubereitung

nicht sehr schmackhaft ist, so stellt sich nach fortgesetztem Gebrauch

allmälig ein solcher Ekel ein, dass selbst die Matrosen Salzfleisch

vorziehen. Dies tritt namentlich bei englischen Präparaten bald ein, bei

französischen habe ich es nie empfunden. Hoffentlich ist der Zeitpunkt

nicht mehr fern wo man wenigstens die für die Passagiere bestimmten

Nahrungsmittel während der ganzen Reisedauer nur durch Kälte frisch

erhalten wird. Wenn die Eismaschinen erst den nöthigen Grad von

Vollkommenheit erreicht haben, dürfte es wohl an der Zeit sein, sie mit

einem System von Röhren zu verbinden, die, mit einer schwer erstarrenden

Flüssigkeit gefüllt, einen angemessenen Raum hinreichend kalt erhalten,

um alle darin niedergelegten Nahrungsmittel völlig frisch zu bewahren.

Man sollte glauben, dass die Kosten der Einrichtung und des Betriebes,

besonders auf Dampfschiffen, wo ein kleiner Bruchtheil der vorhandenen

Kraft zu diesem Zweck abgezweigt werden könnte, beträchtlich geringer

sein würden, als die des jetzt eingeführten Gebrauchs, lebende Thiere

sammt Futter und Wärter mitzunehmen. Abgesehen aber vom Kostenpunkt

würden die Annehmlichkeiten für die Reisenden sehr gross sein. Der

Zahlmeister könnte auf jeder Station diejenigen Artikel in Fülle

einkaufen, die gerade dort am vorzüglichsten sind; statt des Fleisches

von Thieren, die durch die Seereise gelitten haben, könnte man den

Reisenden mit wahrscheinlich geringeren Kosten stets das beste, gleich

in geeigneten Stücken eingekaufte Fleisch vorsetzen. Führte man ein

solches Röhrensystem durch die von den Passagieren bewohnten

Schiffsräume, wie man Häuser durch warmes Wasser heizt, so könnte die in

niederen Breiten, besonders an Bord überfüllter Dampfschiffe, so

unerträgliche Hitze auf ein Minimum herabgedrückt werden. Namentlich

aber für die Fahrt auf dem rothen Meere, die während einiger Monate so

verrufen ist, dass die Gesellschaften während dieser Zeit genöthigt

sind, ihre Preise herabzusetzen, würde eine solche Einrichtung von

grossem Werthe sein.

Nachdem ich in dem schönen Landhause einige Wochen zugebracht, die unter

der Masse neuer Eindrücke und Bekanntschaften sehr angenehm verflogen,

entschloss ich mich, die wahrhaft fürstliche Gastfreundschaft unseres

Konsuls nicht länger in Anspruch zu nehmen, bezog eine kleine Wohnung in

der Stadt und wollte anfangen, recht fleissig zu sammeln und zugleich

Individuen der verschiedenen Rassen, welche die völlige Freiheit des

Verkehrs hier zusammenführt, zu photographiren. In Europa hatte ich viel

von der Vortrefflichkeit und Billigkeit der indischen Diener gehört und

meine Ansprüche, sowie meine Ausrüstung danach zugeschnitten. Einen

Diener wollte ich zum Sammeln und Präpariren von Thieren, einen zweiten

auf Pflanzen, einen dritten auf photographische Handleistungen

abrichten. Auch konnte ich, wenigstens im Anfang, Diener genug bekommen,

sie fanden aber keinen Geschmack an meinen Liebhabereien und verliessen

mich gewöhnlich wieder nach einigen Tagen. Durch Vermittelung eines

gefälligen Freundes wurde mir ein kleines, niedliches Bretterhaus, 100

Schritt vom Meer, das der Regierung gehörte und zur Zeit unbenutzt

stand, zur Verfügung gestellt. Ich liess mich mit meinem Gepäck darin

nieder und verlebte hier einige sehr angenehme Monate. Die

Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, die ich ohne Ausnahme von allen

Europäern erfuhr, wird mir immer eine der liebsten Erinnerungen bleiben.

Einmal zeigte mir Jemand ein Glas voll Schlangen und Eidechsen in

Spiritus, ohne sie mir anzubieten, und ich erinnere mich noch, dass ich

von einem so unerwarteten Verfahren ganz betroffen war. Ich wüsste die

Gefälligkeiten, die mir ununterbrochen von allen Seiten erwiesen wurden,

nicht schlagender anzudeuten, als durch dies Geständniss. Der Tag

verging unter den mannigfachsten Beschäftigungen, die Abende brachte ich

gewöhnlich auf dem Landhaus irgend eines Freundes zu. Freilich fehlte es

auch nicht an allerlei kleinen Miseren, welche aber gegen die Freuden

des damaligen Lebens sehr zurücktraten. Eine dauernde Unbequemlichkeit

war die Schwierigkeit, einen guten Diener zu finden. Als ich in meinem

Häuschen die grossen Kisten geöffnet hatte und der Bediente den Inhalt

erblickte, schüttelte er bedenklich den Turban und sprach halb englisch,

halb malayisch: „Viel, viel Sachen, Herr, nehmt einen andern Diener, zu

viel Mühe!” und ging ab. Ich wagte nicht auszugehen, da das Haus nicht

verschliessbar war. Bald kam ein Platzregen, der durch das schadhafte

Dach drang und die ausgepackten Sachen durchnässte. Nach einigen Tagen

erbarmte sich meiner eine Dame und verschaffte mir ein wahres Muster von

Bedienten, der Alles allein zu machen versprach. Auch stattete sie mich

noch mit allerlei Gegenständen der Bequemlichkeit aus, um mir den

Aufenthalt in meiner neuen Wohnung angenehm zu machen. Als ich spät

Abends nach Hause kam, fand ich aber dasselbe offen, der Diener war

nicht da, weil er, wie er mir am andern Tage sagte, noch keine

Schlafmatte hatte. Um eine zu suchen, verbrachte er den grössten Theil

des zweiten Tages ohne Erfolg. Am dritten Tage kam er spät und brachte

noch einen Landsmann mit, der ihm helfen sollte; dieser schien ein

Literat zu sein, er las den ganzen Tag, deklamirte und schrieb;

verlangte ich etwas von ihm, so seufzte er und sprach: „much, much

trouble.” Nachmittags fand ich ihn in meiner Geldtasche wühlend und

entliess ihn. Den andern behielt ich noch 6 Tage, davon war er 2 Tage

krank, einmal musste er vor Gericht, ein andermal hatte er dringende

Geschäfte in Familienangelegenheiten. Nachdem ich in kurzer Zeit einige

Malayen und mehrere Klings gehabt, bekam ich einen berühmten, kleinen

Chinesen. Leider verstand er nicht malayisch und ich nicht chinesisch.

Er verstand überhaupt nichts, da er noch nicht gedient hatte, besass

aber grossen Eifer. Meine Schuhe putzte er nicht nur von aussen, sondern

auch von innen, und als ich ihm auftrug, meinen schwarzen Frack zu

reinigen, um darin bei einem amtlichen Diner des Guvernörs zu

erscheinen, wusch er ihn mit Seife und Wasser. Dadurch wurde der kleine

Bursche so berühmt. Seine angenehmste Eigenschaft aber war, dass er

immer lief, wenn ich „lakas” rief. Dies hatte für mich einen solchen

Reiz, nachdem ich mich so lange mit den faulen, mürrischen Klings

beholfen hatte, dass ich den armen Jungen fast nur in diesem schnellen

Tempo benutzte. Aber nach 6 Wochen war er's müde. Als auch er mich

verlassen hatte, blieb ich längere Zeit ohne alle Bedienung. Mein Haus

war eigentlich nur dem Scheine nach verschlossen, obgleich ich oft den

ganzen Tag und einen Theil der Nacht abwesend war. Auf meinem Balkon

hingen mehrere Thermometer ganz frei, mir ist aber nie etwas gestohlen

worden. Und doch stand das Haus auf einem Grundstück, das nur zum Theil

durch eine Hecke eingefasst war und an einer wenig frequenten, Abends

nicht beleuchteten Strasse lag. Den Grund weiss ich mir nicht zu

erklären.

Wenn aber auch ein hiesiger Diener den Anforderungen, die man in Europa

an einen solchen stellt, nicht entspricht, so kann man sich doch sehr

gute Bedienung verschaffen, wenn man für verschiedene Dienstleistungen

im Hause verschiedene Diener annimmt, was bei ihren bescheidenen

Ansprüchen nicht sehr theuer ist. Auch verlangt die Gerechtigkeit, zu

erwähnen, dass ich schliesslich einen vorzüglichen Diener bekam, treu,

anstellig, fleissig, bescheiden; zu meinem grossen Bedauern zog er sich

später in den Wäldern von Malacca ein Junglefieber zu, wodurch ich

gezwungen wurde, ihn in Singapore unter der Pflege eines Arztes

zurückzulassen.

Viertes Kapitel.

Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. -- Reis. -- Chinesen. --

Malayen. -- Malayische Sprache.

Die Stadt bildet ein Kreis-Segment, dessen Sehne, der Strand, von NO.

nach SW. streicht, während der nach NW. gerichtete Bogen im N. von

einem Kanal, in seinem weiteren Verlauf durch eine Reihe von Anhöhen

begrenzt wird. Gegen 20 dieser, im Durchschnitt 100 Fuss hohen Hügel

treten unmittelbar an den Rand der Stadt und schon beginnen die

Häuser, sich an den Abhängen in die Höhe zu ziehen. Jeder Gipfel

gewährt einige hübsche Bilder, die alle aus denselben, aber immer

anders gruppirten Elementen bestehen. Die schönste Rundsicht hat man

vom Government-hill, jetzt Fort Canning, das mitten in der Stadt

liegt. Hart an seinem Fuss fliesst der kleine Fluss, der die Stadt in

zwei Theile sondert. Die nördliche, räumlich grössere Abtheilung

enthält die meisten öffentlichen Gebäude, viele Wohnhäuser reicher

Kaufleute und Beamten, die noch unvollendete Kirche und die

Esplanade, einen schönen grossen Rasenplatz dicht am Meere, auf

welchem jeden Abend ein kleiner Korso und Cricket, das nationale

Ballspiel der Engländer, mehrere Male in der Woche auch Militärmusik

stattfindet. Auf der Südseite ist das Geschäftsleben konzentrirt.

Diese vertritt die „City”, jene das „Westend”; letzteres liegt aber

östlich. Dicht an seiner Mündung hat der Fluss nach Süden zu ein

quadratisches Stück Land von etwa 1000 Fuss Länge und Breite

angeschwemmt; Raffles, der Gründer der Stadt, hat die Trümmer eines

Hügels, der früher an der Mündung stand, darauf geschüttet. Es hängt

nur auf einer Seite mit dem Lande zusammen, zwei andre Seiten werden

vom Meere, die vierte vom Fluss gebildet. In diesem Viereck befinden

sich alle grösseren Geschäftshäuser und Speicher der Europäer sowohl,

als der Asiaten. Auf den dem Meere zugekehrten Seiten ragen

Landungsdämme ins Wasser, an welchen die Güter für die verschiedenen

Firmen unmittelbar in die daran stossenden Speicher gebracht werden.

In der Mitte des Vierecks liegt der Commercial square, der

Centralpunkt des Verkehrs für die Europäer, und vertritt fast die

Stelle einer Börse. Noch lebhafter aber ist das Gewimmel auf und an

dem kleinen Flusse: an seinen beiden Ufern liegt eine fast

ununterbrochene Reihe von Leichtern und andern kleinen Booten, welche

Waaren aus- und einladen, die von stämmigen chinesischen Kulis oder

durch Ochsenkarren weiter geschafft werden. In der Mitte bewegen sich

vom frühesten Morgen bis spät Abends dichte Züge ein- und

ausfahrender Lastboote aller Grössen.

[Illustration:

MALAYIN (SINGAPORE) CHINESIN (FU-TSCHAU) CHINESE (OPIUMRAUCHER)

BATTA (SUMATRA) MALAYE (JOHORE) BATTA (FRAU)

]

Die Rhede ist umschlossen von dichtbewaldeten Inseln, über die sich die

Kronen zahlreicher Palmen erheben. Gewöhnlich ist das Meer so ruhig, wie

ein Binnensee und bedeckt mit Schiffen aller Länder, zwischen denen

unzählige kleine Boote hin- und herfahren. Eine ganze Kette solcher

kleinen Eilande und Felsen liegt im Süden der Hauptinsel und setzt in

SO-Richtung den Umriss der Küste wie in einer punktirten Linie fort.

Die südlichste derselben, St. John, musste früher von allen grösseren

Fahrzeugen umschifft werden, bis man unmittelbar an der Südküste von

Singapore selbst eine Durchfahrt entdeckte, tief genug für die grössten

Schiffe. Sie wird im Süden von der Insel Blakang-mati begrenzt, welche

fleissige Bugis in ein Ananasfeld verwandelt haben, und bildet den

sogenannten neuen Hafen, New harbour, in dem jetzt die grössten

Dampfschiffe anlegen und ihre Kohlendepots haben. Es sind daselbst Docks

und Landungsbrücken errichtet, so dass die Schiffe unmittelbar am Lande

anlegen und löschen können, während in Singapore Alles durch Leichter

gelandet werden muss. New harbour hat aber so wenig Raum, dass er kaum

für die Bedürfnisse der Dampfschifffahrt ausreicht.[12]

Das bunte Treiben in den Strassen entspricht dem, was die Schiffe auf

der Rhede vermuthen liessen. Die Stadt ist der Sammelplatz aller Völker

des fernen Ostens. Weitaus überwiegend an Zahl und Bedeutung sind die

Chinesen. Dann folgen der Menge nach die Völker malayischer Rasse,

Bewohner des Archipels: Bugis, Javanen, Sundanesen, echte Malayen und

endlich die Klings, wie hier allgemein sämmtliche Bewohner

Vorder-Indiens ohne Unterschied genannt werden, obgleich das Wort, eine

Korruption von Telinga, ursprünglich nur die Eingebornen der Ostküste

der vorderindischen Halbinsel bezeichnet. Diese drei Völkerschaften

bilden die Hauptmasse; mehr vereinzelt erscheinen zwischen ihnen Araber,

Perser, Parsis, Armenier, Siamesen, Birmanen, Anamiten, Tagalen und

Juden in alttestamentarischer Tracht.

In allen Hauptstrassen der Stadt sind die Häuser im Erdgeschoss mit

fortlaufenden Bogengängen versehen, unter welchen man zwar Schutz gegen

die Sonne findet, aber nicht gegen die Zudringlichkeit der kleinen

Handelsleute, die hier als Geldwechsler, öffentliche Schreiber und

Krämer ihr Wesen treiben. Bei letzteren findet man oft das sonderbarste

Gemisch von Waaren, namentlich bei den Klings: neben europäischen Eisen-

und Kurzwaaren sieht man die verschiedensten Produkte des Archipels,

indische Medikamente, Hülsenfrüchte und mitten unter den

Nahrungsmitteln grosse Stücke Arsenik in offenen Schalen, das

namentlich nach Madras zum Einbalsamiren der Leichen, auch nach anderen

Häfen zum Präpariren der Häute geht. Eine andere in die Augen fallende

Waare, die man aber nur an den Thüren der Grosshändler trifft, sind

Kanonen von jedem Kaliber, für die immer ein guter Markt ist, da sich

hier sowohl die Seeräuber zum Angriff, als die friedlichen Kauffahrer

zur Vertheidigung ausrüsten.

Besonders auffallend im hiesigen Strassenleben ist die fast gänzliche

Abwesenheit der Frauen. Chinesen und Klings, die mit der Absicht kommen,

nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in ihr Vaterland

zurückzukehren, bringen keine Frauen mit, und ein grosser Theil der

Bevölkerung ist fluktuirend, kommt mit dem einen Monsun und kehrt mit

dem andern in die Heimath zurück, die Familie bleibt daheim. Von den

wenigen Frauen, die hier ansässig sind, werden die meisten, der Sitte

des Orients gemäss, im Hause gehalten. Nach den statistischen Berichten

ist das Verhältniss der Frauen zu den Männern ohnehin nur wie 1: 8, aber

auf der Strasse fehlen erstere fast ganz. Nie geht eine Frau neben ihrem

Mann, oder gar von ihm geführt, es könnte die Würde des Mannes

beeinträchtigen, ihn lächerlich machen. Die malayischen Familien gehen

gewöhnlich Einer hinter dem Andern, zuerst die Kinder, dann die Mutter,

dann der Vater und die Erwachsenen. Auch Männer gehen immer nur hinter

einander, der Vornehmste voran, die andern folgen genau nach ihrem

Range. Sie haben diese Gewohnheit wohl in der Heimath angenommen, wo nur

schmale Pfade durch den Wald führen, und befolgen sie hier auch auf den

breitesten Strassen. Derselbe Gebrauch ist unter den Indiern in Amerika

allgemein: daher der englische Ausdruck: Indian file. Manche können es

auch nicht unterlassen, wenn sie an Hecken vorbeigehen, einige Zweige

einzuknicken, wie sie es im Walde gewöhnt sind, zu thun, um den Rückweg

zu finden.

[Illustration:

TELINGA. (BAYADERE.) TELINGA. JAVANE.

BUGIS. (CELEBES.) MANN. BALINESIN. BUGIS. (CELEBES.) FRAU.

]

Den buntesten, interessantesten Anblick gewährt die Stadt wohl Abends

zwischen 8 und 10 Uhr. Die Strassen, in welchen die Geschäftshäuser der

europäischen Kaufleute liegen, sind dann öde und finster, aber in den

anderen Stadttheilen, besonders im Viertel der Chinesen, herrscht die

grösste Lebendigkeit. Hier sind alle Läden offen und mit grossen, bunten

Papierlaternen, die zugleich als Firmaschilder dienen, beleuchtet,[13]

alle Werkstätten in voller Thätigkeit. Längs der Häuser haben sich ganze

Reihen kleiner Geschäftsleute, Hausirer, besonders aber viele Garköche

mit ihren tragbaren Gestellen eingefunden, welche an dem einen Ende

eines Bambus die Küche, am andern sämmtliches Geschirr tragen.

Dazwischen wogt eine dichte Menschenmenge, die hier ihre Abendmahlzeit

kauft und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt.

Die Chinesen bedienen sich zum Essen der bekannten kleinen Stäbchen;

alle andern hiesigen Asiaten essen mit den Fingern, zuweilen auf sehr

unappetitliche Weise. Noch unappetitlicher ist die Art, wie die Gäste

ihrem Wirth nach beendigter Mahlzeit ausdrücken, dass sie völlig satt

sind. Die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung lebt fast nur von Reis.

Viele geniessen kaum etwas anderes.[14] Fleisch und sonstige Zuspeisen

werden von den Aermeren nur in so geringer Menge dazu genossen, als bei

uns Pickles oder andre Reizmittel. Darauf sind auch die Garköche

eingerichtet; für ein paar Pfennige kann sich dort Jeder die kleinsten

Portionen seiner Lieblingsgerichte kaufen, die zuweilen auf römischen

Wagen, nicht grösser als eine Goldwage, abgewogen werden. Es sieht

drollig aus, wenn eine Anzahl chinesischer Kulis ihre Mahlzeit

einnehmen. Sie hocken um einen Eimer voll Reis, um welchen im Kreise

herum eine Anzahl pikanter Zuspeisen in kleinen Tassen stehen. Jeder

füllt sich eine geräumige Schale mit dem Nationalgericht, fasst seine

beiden Essstäbchen, die so dick wie Bleistifte und anderthalb mal so

lang sind, indem er sie mit Daumen und Mittelfinger gegen den

Zeigefinger presst, und schaufelt sich mit den beiden Enden, den Athem

dabei einziehend, eine grosse Anzahl Reiskörner zu, die einzeln, aber in

enggeschlossener Reihe, in den weit geöffneten Mund fliegen, um auf

einmal verschlungen zu werden; ab und zu holt er sich mit seinen

Stäbchen, indem er sie wie eine Zange gebraucht, ein Stück Fleisch oder

Fisch aus einer der Tassen, beisst ein wenig davon ab, legt den Rest in

seine Schale und schaufelt von neuem weiter. Es ist auffallend, wie die

hiesige chinesische Bevölkerung gesund und kräftig bleiben kann bei

einer Kost, die fast nur aus Stärkemehl besteht und an Stickstoffgehalt

selbst von der Kartoffel übertroffen wird, wenn man von dieser den 3/4

des Gewichts betragenden Wassergehalt ausser Rechnung lässt; die

chinesischen Lastträger, wenigstens die im Dienst der Europäer, essen

allerdings nicht unbedeutende Mengen Schweinefleisch.

Die Chinesen sind als sehr geschickte Köche bekannt; auch haben sie ein

grösseres Feld, als die unsrigen, da sie viele Dinge verwenden, die dem

Europäer als unrein gelten. Die von Max Müller (Science of language S.

346) nach Farrar erzählte Geschichte, welche ihm Veranlassung giebt,

eine der Annahmen über den Ursprung der Sprache als die Bau-Bautheorie

im Gegensatz zur Puh-Puhtheorie zu kennzeichnen, ist noch heute in China

unter den Europäern gang und gäbe. Ein Engländer nämlich, dem man eine

Schüssel vorgesetzt hatte, die ihm verdächtig schien und der wissen

wollte, ob es Ente sei, fragte: Quack-Quack? und erhielt die klare,

offene Antwort: Bau-Bau! Einige ihrer Leckerbissen sind für uns geradezu

Ekel erregend, z. B. faule oder angebrütete Eier, deren Schale etwas

geöffnet wird, damit der Käufer sehe, dass er nicht etwa getäuscht

werden und statt des begehrten ein frisches Ei erhalten solle.[15] Diese

Liebhaberei scheint aber doch nicht allgemein zu sein. Sie haben auch

ein Verfahren, Eier sehr lange frisch zu erhalten. Hier ist das Rezept:

2 Maas Asche, 1 Maas Salz mit Wasser zu einem Brei gemischt, mit dem die

aufzubewahrenden frischen Eier bedeckt werden.

Das chinesische Element tritt namentlich in einigen Theilen der Stadt so

sehr in den Vordergrund, dass man sich in China wähnen könnte. Alle

Handwerke, besonders solche, die Geschick und Ausdauer verlangen, werden

fast nur von Chinesen betrieben. Sie mögen wohl das fleissigste Volk auf

Erden sein, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht sieht man sie

arbeiten. Mit Ausnahme des Neujahrsfestes giebt es für sie keinen

Feiertag. Neben dem grossen Fleiss bilden auch Sparsamkeit und

Genügsamkeit sehr hervorragende Züge in ihrem Charakter. Ihr

Handwerkszeug, ihre Kleidung und ihre Nahrung sind von der einfachsten

Art, auch sind sie in fast allen ihren Genüssen sehr mässig; ihre

Tabakspfeife hat kaum die Grösse eines Fingerhuts, von einer Cigarre

rauchen sie gewöhnlich nur einige Züge hinter einander und heben den

Rest auf. Sie trinken fast nur dünnen Thee, der sehr billig ist, immer

ohne Milch und Zucker aus ganz kleinen Tässchen. Die reichsten Chinesen

gehen kaum besser gekleidet, als die armen; eine kurze, weite Hose, eine

baumwollene Jacke, und bei den Wohlhabenden Schuhe ohne Strümpfe, bilden

nebst Zopf und Fächer den ganzen Anzug.

Ein grosser Theil des Handels und der Schifffahrt ist in ihren Händen,

nur an dem direkten Handel nach Europa und Amerika bleiben sie bis jetzt

unbetheiligt.[16] Alles aber, was an Produkten des Archipels nach

Europa kommt, geht erst durch Vermittelung der Chinesen an die

europäischen Exportöre über, ebenso wie die meisten europäischen Waaren

erst durch ihre Hände zu den Eingebornen gelangen. Noch ehe ein

einheimisches Schiff Anker geworfen hat, ist schon ein Chinese an Bord,

der mit dem Patron Bekanntschaft macht, ihn während der ganzen Dauer

seines Aufenthalts nicht aus den Augen verliert, ihm Geld vorschiesst,

seine Schwächen erlauscht und ausbeutet und schliesslich Eigenthümer der

Ladung wird. Ich versuchte einige Male Muscheln oder Kuriositäten an

Bord neu angekommener Prauen zu kaufen, es gelang aber nie, da Alles

immer schon von Chinesen belegt war. Wollte ich aber von diesen einen

Gegenstand erwerben, so boten sie ihn entweder umsonst als Probe und

fragten, wie viel Pikul sie mir davon liefern sollten, oder verlangten

einen enormen Preis dafür, in der Meinung, dass der Gegenstand für mich

einen ganz besonderen Werth haben müsste.

Die Handwerke werden alle, wie schon erwähnt, in offenen Läden oder auf

der Gasse selbst betrieben, so dass man im Schlendern durch die Strassen

bequem zusehen kann. Am auffallendsten ist dabei der geringe Raum, der

dem Chinesen genügt, und die einfachen Werkzeuge, deren er sich bedient.

Unglaubliche Sparsamkeit an Zeit, Raum und Stoff, wie sie sich nur unter

einer so überdichten Bevölkerung, wie China sie besitzt, ausbilden

konnte, tritt Einem auf immer neue Weise vor Augen. In einem schmalen

Laden werden häufig zwei verschiedene Handwerke betrieben, auf der einen

Seite arbeitet ein Schneider mit einem Dutzend Gesellen, auf der andern

ein Schuster, jeder Einzelne nimmt kaum mehr Raum ein, als der Stuhl,

auf dem er hockt. Einzelne Handwerke weichen in ihren Manipulationen von

den unsrigen ab: die Zinngiesser giessen ihre Zinn- und Blei-Legirungen

auf dickes Bambuspapier, worauf es sich gleichmässig flach ausbreitet,

und benutzen die so erhaltenen dünnen Kuchen statt der gewalzten Tafeln,

die man bei uns anwendet. Noch viel dünnere Tafeln erhalten sie nach

Lockhart, indem der hockende Arbeiter mit geschickter Handbewegung je

einen Löffel voll geschmolzenen Metalls zwischen zwei auf dem Boden

liegende mit dergleichen Papier bezogene Steine schleudert, wobei er den

obersten Stein auf einen Augenblick mit den Fersen lüftet und gleich

wieder fallen lässt. Ein kleiner tragbarer Thonofen bringt zugleich die

Legirung in Fluss und erhitzt die Löthkolben. Die Drehbank besteht aus

einem rohen Gestell, in welchem horizontal eine um ihre Axe drehbare

Walze liegt. Um diese ist eine Schnur geschlungen, deren Enden an zwei

unten angebrachten Tretbrettern befestigt sind, durch welche die Walze,

wie bei uns das Rad eines Scheerenschleifers, in Bewegung gesetzt wird.

Ein Schwungrad ist nicht vorhanden. An dem, dem Arbeiter zugekehrten

Ende der Walze, das mit Harz überzogen ist, wird der zu drehende

Gegenstand, nachdem er vorher erwärmt worden, festgeklebt.

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 3 / 28 段