des „Oxley-Hügels” einnahm. Das ganze Grundstück, sowie die Fahrwege
in demselben, sind von Hecken aus Zwergbambusen umschlossen, so
gesundheitstrotzend und immergrün, wie keine andere Hecke der Welt. Die
Hauptstiele sind höchstens fingerdick; die Seitenschösse wie starker
Draht und ebenso steif, starren nach allen Richtungen hin so
gleichmässig dicht, dass die immer sorgfältig unter der Scheere
gehaltenen Hecken wie riesige Bürsten aussehen. Wer die vielen schönen,
anscheinend so gesunden Muskatbäumchen betrachtete, die mit Bevorzugung
vor jeder anderen Kulturpflanze die Häuser aller Europäer umgaben,
konnte nicht ahnen, dass diese mit so vieler Mühe und grossen Kosten
angesiedelten Fremdlinge bereits den Keim des Todes in sich trugen. Der
Muskatnussbaum (Myristica moschata) ist so oft und gut beschrieben
worden, dass ich nur Einiges erwähnen möchte, was sich besonders auf
seine Kultur in Singapore bezieht. Heimisch ist er nur auf den Molukken
und den umliegenden Inseln. Sein Produkt, die Muskatnuss und die Macis,
sind, seitdem die Europäer zuerst in jene Meere kamen, Gegenstände des
strengsten Monopols gewesen. Die Banda-Inseln, auf welche die Holländer
der leichteren Kontrolle wegen den Anbau beschränkten, obwohl ihnen dies
nie ganz gelang, lieferten Jahrhunderte hindurch allein dies Gewürz.
Nachdem die ursprüngliche Bevölkerung der Inseln, die sich dem Zwange
nicht fügen wollte, ausgerottet worden, wurde der Anbau durch Sklaven,
jetzt durch Sträflinge, betrieben, unter der Leitung von Europäern, die
zwar die Pflanzungen eigenthümlich besitzen, das Produkt aber nur an die
Regierung zu einem festgesetzten Preise verkaufen dürfen (Perkeniers).
1798, als die Engländer die Molukken inne hatten, übersiedelten sie die
Pflanze nach Sumatra, von wo sie 1819 durch Raffles nach Singapore
gebracht wurde. Ihr Anbau kam hier schnell in Mode, fast alle Landhäuser
wurden mit dergleichen Pflanzungen umgeben. Der Baum, der in seiner
Heimath 70 Fuss hoch werden soll (ich fand später in Camarines auf Luzon
einen fast 100 Fuss hohen, sehr mächtigen, wilden Muskatnussbaum, dessen
Früchte nicht grösser als kleine Kirschen, aber ganz ohne Aroma waren),
bleibt hier strauchartig und übersteigt selten 20 Fuss. Sein Habitus
hält die Mitte zwischen einem Lorbeer und einer Orange. Der einzelne
Baum ist sehr schön, eine Pflanzung aber hat ein zu einförmiges Ansehen.
Die Frucht gleicht einer Aprikose, doch läuft das Ende, an welchem der
Stiel sitzt, spitz zu, wie bei einer Birne. Ist die Frucht reif, so
springt sie auf. Dann sieht man im Innern hinter einem intensiv
karminrothen Netzwerk, der sogenannten Muskatblüthe oder Macis des
Handels, die glänzend schwarze Hülle der Nuss. Die Nuss selbst ist
schwer herauszuschälen. Erst durch sehr langes Trocknen über schwach
glimmendem Feuer schrumpft sie allmälig so weit zusammen, dass die
Hülle, welche die ursprüngliche Grösse behält, durch vorsichtiges
Klopfen zersprengt und abgelöst werden kann. Die Muskatblüthe wird an
der Sonne getrocknet und gepresst und erhält dadurch ihre gelbe Farbe.
Es dauert 9 bis 10 Jahre, bevor die aus Samen gezogenen Bäume Früchte
tragen. Ein grosser Uebelstand ist, dass die männlichen und weiblichen
Blüthen auf verschiedenen Bäumen sitzen, so dass später ein Theil der
unfruchtbaren männlichen Bäume umgehauen und durch neue weibliche
ersetzt werden muss. Gewöhnlich lässt man auf 10 weibliche Bäume einen
männlichen stehen. Während die Pflanze in Banda ohne alle Pflege
wuchert, fordert sie hier unausgesetzt die grösste Sorgfalt. Der
Uebelstand, dass sie erst nach so langen Jahren den vollen Ertrag giebt,
tritt um so mehr hervor, wenn man berücksichtigt, dass der hier übliche
Zinsfuss 12% beträgt. Trotzdem erlangte der Anbau dieses Gewürzes doch
schnell eine grosse Ausdehnung. Einerseits ist sowohl der Boden als das
Klima von Singapore für die Erzeugung der meisten andern
Kolonial-Produkte nicht geeignet. Zucker, Kaffee, Baumwolle, Cacao,
Arrow-root zu ziehen ist versucht worden, jedoch ohne rechten Erfolg.
Andererseits konnten die Muskatgärten bequem vom Besitzer übersehen
werden, da sie keine grosse Ausdehnung haben und unmittelbar sein Haus
umgeben. Auch der Umstand, dass die Pflanze in anderen tropischen
Ländern, wo man ihren Anbau versucht hatte, nicht hinreichend gedieh, um
ihr Produkt zum Handelsartikel zu machen, war nicht übersehen worden;
man hoffte dem indischen Archipel das Monopol zu bewahren. Die
Erwartungen der Pflanzer sind aber gänzlich zu Schanden geworden. Schon
bei meiner letzten Anwesenheit, 1859, begannen viele Bäume zu kränkeln
und trotz aller Bemühungen der Gärtner abzusterben. In fast allen Stufen
seiner Entwickelung wurde der Baum von verschiedenen Insekten
angegriffen. Das Uebel verbreitete sich so schnell, dass jetzt, 1864,
fast alle Pflanzungen sowohl in Pinang, als in Singapore völlig zerstört
sind. Der Verlust an Kapital wurde schon 1862 auf mehr als 500,000
Dollars angeschlagen. Durch das Aussterben der Muskatbäume haben alle
ländlichen Grundstücke eine bedeutende Entwerthung und die
Hypothekengläubiger entsprechende Verluste erlitten. Nach einer
Privatmittheilung hatte beispielsweise ein reicher Chinese 4000 Dollars
auf eine Pflanzung geliehen, die nach dem Absterben der Bäume nicht für
300 zu verkaufen war. Wäre aber das Unglück auch nicht eingetreten, so
würden doch die hochgespannten Erwartungen der Pflanzer nicht in
Erfüllung gegangen sein, da der Verbrauch und mithin auch der Preis
aller Gewürze, mit Ausnahme des Pfeffers, fortwährend abnimmt.[8]
Von der Veranda des schönen Landhauses übersah man einen grossen Theil
der Insel. Zunächst um den Fuss des Hügels und im Thal zwischen den
nächsten Anhöhen liegen in hübschen Gruppen die kleinen Häuschen der
Eingebornen, unter Bambusbüschen und Obstbäumen, von Arecapalmen
überragt, die auf langem, zierlich dünnem Schaft eine Blätterkrone
tragen, so leicht, wie ein Federbusch. Es ist die eleganteste aller
ostasiatischen Palmen, Hooker vergleicht sie mit einem vom Himmel
geschossenen Pfeil; die Eingebornen pflanzen sie aber nicht ihrer
Schönheit wegen, sondern weil sie die Arecanüsse liefert, die sie mit
dem Betelpfeffer kauen. Die besseren dieser Häuser sind aus Brettern
erbaut, viele aber nur aus Bambus, Matten, Palmenblättern und allerlei
Nothbehelf; sie stehen auf Füssen von Palmenstämmen, einige Fuss hoch
über der Erde. Der Fussboden besteht aus gespaltenen Bambusen oder
Nibongpalmen (Caryota urens), die neben einander liegen, ohne sich zu
berühren, so dass Luftzug von unten durchdringt. Das Ganze überragt wie
ein Sonnenschirm ein hohes Dach aus Palmenblättern, das auf den
Seitenwänden nicht fest aufliegt, sondern dem Luftzug eine Oeffnung
freilässt. Solche Häuschen sind recht kühl.
Nach Süden sieht man die Strasse, die zur Stadt führt, aber bald hinter
einem Hügel verschwindet, der auch den grössten Theil der Stadt
verbirgt; im Hintergrund erscheint das Meer mit seinem Inselgürtel. Nach
dem Innern zu erheben sich eine Menge kleiner Hügel; jeder der näher
gelegenen trägt auf dem Gipfel ein schönes geräumiges Landhaus, neben
welchem häufig einzelne Bäume emporragen, deren spärliche Blätterkrone
in gar keinem Verhältniss zu dem enormen Stamm zu stehen scheint. Es
sind die letzten Ueberreste des Urwaldes, der vor Kurzem noch Alles
bedeckte, sie wurden ihrer Grösse wegen als Erinnerungssäulen geschont,
können sich aber nicht in die neuen Verhältnisse schicken; ihr Stamm, an
die Feuchtigkeit und den Schatten des dichten Waldes gewöhnt, kann die
freie Luft und Sonne nicht ertragen und vertrocknet schnell. Weiterhin
werden die Landhäuser immer seltener, dichter Wald überzieht
gleichmässig die ganze Landschaft, deren Einförmigkeit nur durch sanfte
Hügelwellen unterbrochen wird. Ziemlich in der Mitte der Insel hebt sich
Bukit-tima deutlich über die kleineren Anhöhen hervor, und in äusserster
Ferne erblickt man bei heiterem Wetter hinter immer zarter abgetönten
Hügelreihen den Gunong-Pulaï, der dem jenseitigen Festlande angehört.
Zur völligen Behaglichkeit fehlte mir noch ein Diener; denn obgleich
mein Gastfreund deren über ein Dutzend hielt und den grössten Theil des
Tages nicht zu Haus war, konnte ich doch nur sehr schwer
Dienstleistungen von seinen Leuten erlangen, da es die hiesigen Diener
für eine ungerechte Zumuthung halten, einem Anderen, als ihrem Herrn
behülflich zu sein. So ist es auch bei Tisch. Ist man eingeladen, so
bringt man seinen Diener mit, weil man sonst Gefahr läuft, nichts zu
essen zu bekommen. Hinter dem Stuhl eines jeden Gastes steht dessen
Bedienter, gewöhnlich ein Chinese mit langem Zopf, oder ein Kling mit
grossem Turban. Jeder von diesen sorgt ausschliesslich für seinen Herrn
und sucht ihm die besten Stücke zu verschaffen. Oft sieht man sie sich
darum balgen, wobei sie aber immer ihr würdevolles Wesen bewahren, wie
es sich in Gegenwart grosser Herren, für welche hier alle Europäer
gelten, ziemt. Einem Freunde ihres Herrn erweisen sie auch wohl mitunter
eine kleine Gunst, verlangt aber ein Fremder etwas von ihnen, so stehen
sie wie versteinert und in ihrem feierlich-respektvollen Gesicht malt
sich die tiefste Entrüstung über die ungebührliche Zumuthung.
Alle Europäer, die auf dem Lande wohnen, bringen die Geschäftsstunden
von 9 bis 4 Uhr in der Stadt zu. Während dieser Zeit steht ihr Haus
gewöhnlich ganz leer, selbst die Bedienten sind dann meist nicht
anwesend oder schlafen so fest, dass sie ebenso gut abwesend sein
könnten. Das Haus steht offen, keine Thür ist verschlossen, man kann
frei durch alle Räume gehen, die zum Theil mit werthvollen Gegenständen
ausgestattet sind. Aber sonderbarer Weise wird nichts gestohlen.
Obgleich unter den Eingebornen Diebstähle, auch Räubereien, häufig
vorkommen, so war doch kein Fall bekannt, dass je das Haus eines
Europäers beraubt worden wäre. Die Eingebornen haben eine gewisse Scheu,
solches Grundstück zu betreten, die sich aus der Furcht vor den Hunden
nicht genügend erklären lässt; denn Hunde giebt es nicht überall, auch
würden sie entschlossenen Dieben kein Hinderniss sein. Es scheint daher
fast, wenigstens schmeicheln sich die Europäer damit, dass ein gewisser
Nimbus das Haus beschütze.[9]
Die Europäer, deren Zahl sehr gering ist und zum grossen Theil aus
wohlhabenden Kaufleuten und hoch besoldeten Beamten besteht, geniessen
in mancher Hinsicht eine bevorzugtere Stellung, als der hohe Adel in
Europa. Sie sind durch Reichthum, Bildung, Intelligenz,
Unternehmungsgeist und Ehrenhaftigkeit den anderen hier vertretenen
Nationen sehr überlegen. Ausserdem bilden Farbe und äussere Haltung eine
natürliche unübersteigliche Schranke für alle ehrgeizigen Asiaten, deren
einige ebenfalls grosse Reichthümer ansammeln. Auch der Luxus, in dem
sie leben, die Freigebigkeit, mit der sie bezahlen, sind Mittel, bei den
Asiaten Achtung zu erlangen. Einer der angenehmsten Vorzüge, die aus
diesem Verhältniss entspringen, ist das unbegrenzte Vertrauen, das alle
Europäer geniessen. Keiner von ihnen trägt Geld bei sich, und kann
dennoch in jedem Laden kaufen, was er will. Ich hatte einmal in Johore,
auf dem asiatischen Kontinent, jenseits der kleinen Meerenge, eine
Anzahl Jungen benutzt, um Thiere und Pflanzen zu sammeln. Da ich kein
Geld hatte, erhielt jeder für das, was er ablieferte, ein Stückchen
Papier, auf das ich mit Bleistift die Anzahl Cents schrieb, die er dafür
empfangen sollte. Als ich Abends abfuhr, rechnete ich die einzelnen
Zettel zusammen und gab dem ältesten Jungen einen Schein für die ganze
Summe, zahlbar in Singapore. Keiner hatte das geringste Misstrauen, sie
schienen alle so befriedigt, als hätte ich sie baar bezahlt, obgleich
wir einander völlig fremd waren. Als ich Singapore verliess, fuhr mich
mein Kutscher an den Platz der Einschiffung und setzte meinen letzten
Koffer ins Boot. Ich schuldete ihm mehrere Monate Fuhrlohn, schrieb mit
Bleistift einige ihm unverständliche Worte auf einen Zettel, den er bei
meinem Banquier abgeben sollte, er machte seinen Salam und wünschte mir
eine glückliche Reise. Sogar die Hunde, die in dergleichen Dingen immer
eine richtige Witterung haben, erkennen die bevorzugte Stellung an.
Sobald ein ganz fremder Europäer zum ersten Male das Grundstück eines
andern betritt, kommen sie ihm bis an die Hecke entgegengelaufen und
geleiten ihn freundlich bellend und wedelnd ins Haus. Wenn erst die
europäische Bevölkerung mehr zunimmt, Unbemittelte oder gar
Industrieritter hierher kommen, wird dieser Zustand natürlich aufhören.
Die Lebensweise der reicheren Europäer ist äusserst angenehm und mit
Ausnahme der zu kopiösen Mahlzeiten sehr zweckmässig. Die Billigkeit der
Landhäuser, der Dienerschaft und der Pferde erlaubt ihnen mit
verhältnissmässig geringen Kosten einen fürstlichen Haushalt zu führen.
Sie stehen gewöhnlich vor Tagesanbruch auf, nehmen ein Bad und machen
einen grossen Spaziergang. Nach einem einfachen Frühstück, um 9, fahren
sie zur Stadt, arbeiten bis um 4 in ihren meist sehr luftigen Kontoren
und kehren nach Haus zurück. Bei der Ankunft bietet der erste Diener
seinem Herrn ein Glas Sherry an und berichtet, ob etwas vorgefallen,
dann folgt Bad, Ausfahrt in eleganter offener Equipage, gegen 7 Uhr
Diner, nach Tisch wird gelesen, geplaudert, Billard gespielt. Man geht
früh zu Bett, wenn keine Gäste da sind; sonst dauern die Gesellschaften
gewöhnlich bis 11 Uhr. Mit Sonnenuntergang wird das ganze Haus
verschwenderisch beleuchtet, wenn auch kein Besuch da ist.
Frauen sind auch in der europäischen Gesellschaft wenig zahlreich. Sie
leben meist auf so kostspielige Weise, dass nur wenige Männer reich
genug sind, Frauen in dem zum herrschenden Ton gewordenen Luxus zu
erhalten. Auch vertragen dieselben meistens das Klima weniger gut als
Männer; sie werden bald apathisch, kränkeln und sind genöthigt, zur
Wiedererlangung ihrer Gesundheit nach Europa zurückzukehren. Tritt
dieser Fall nicht ein, so zwingt sie bald die Sorge für die Erziehung
der heranwachsenden Kinder zur Heimreise, während der Mann, wenn er noch
kein hinreichendes Vermögen erworben, zurückbleibt.
Wie aber fast jedes Uebel auch seine gute Seite hat, so ist der Verkehr
unter den Männern innerhalb derselben gesellschaftlichen oder eigentlich
finanziellen Schichten, denn in solche ist die hiesige Gesellschaft
streng gesondert, um so bequemer und herzlicher; während in fast allen
kleinen Kolonien, wo es Frauen und gar arme Beamten- und reiche
Kaufmannsfrauen giebt, das Leben durch die Eifersüchteleien der sonst so
liebenswürdigen Wesen sehr verbittert wird. Auch sind Frauen als
Hüterinnen des Anstandes und der Sitte in englischen Kolonien
entbehrlicher, als in jeder andern. Der starre Schematismus der
englischen Erziehung hält für das ganze Leben vor. Während kontinentale
Europäer in fernen Ländern gern jeden lästigen Zwang so bald als möglich
ablegen, sich vernachlässigen, „ihre Kaste verlieren”, bleiben die
Engländer überall Engländer -- Insulaner -- Fremde. Daher ist auch ihr
Einfluss auf die Sitten der Eingebornen ein sehr geringer. Eben so
gering sind auch die Leistungen ihrer wohl besoldeten, fein gebildeten
Missionäre im Vergleich zur Mehrzahl der katholischen, die, ungestört
durch wissenschaftliche Bildung, gesellschaftliche Stellung, häuslichen
Wohlstand und Familienbande, in besonderen Seminaren mit militärischer
Disziplin zum Bekehren erzogen, in ein viel näheres und daher
einflussreicheres Verhältniss zu ihren Täuflingen treten.
Die hiesigen englischen (aber nicht die deutschen) Häuser sind meist nur
Agenturen grösserer Firmen, deren Hauptsitz in England oder Kalkutta
ist, und die noch an mehreren andern Plätzen in China und am Archipel
ihre Kontore haben. Daher finden unter dem Personal häufige Versetzungen
statt. Als ich nach 6 Monat langer Abwesenheit Singapore wiedersah, traf
ich die Hälfte meiner Freunde nicht mehr an; sie waren nach allen
Richtungen zerstoben und durch neue Ankömmlinge ersetzt.
Unter den Europäern herrscht grosse Gastfreundschaft. Fast täglich
ist man eingeladen. Als ich mich zum ersten Male in einer solchen
Gesellschaft befand, machten die geographischen Spezialkenntnisse der
Anwesenden einen grossen Eindruck auf mich. Mein Nachbar rechts war
10 Jahre auf den Philippinen gewesen, der zur Linken hatte so eben
einen grossen Theil Borneo's durchreist; der gegenüber hatte fast
alle grösseren Inseln des Archipels besucht, auch Neu-Guinea und die
Nordküste Australiens. Ein anderer (Col., jetzt General Mac Leod) war
zu Fuss durch Birma bis an die Grenze von China gegangen, durch
Länder, die ausser ihm noch kein Europäer betreten hatte. Wie
erweiterte sich aber erst der geographische Horizont, als die Damen
die Kartoffelfrage behandelten! „Sind dies javanische oder
chinesische Kartoffeln?” -- „Neuseeländische.” -- „Ich ziehe die
kalifornischen vor.” -- Die eine bezog ihren Bedarf aus Holland, die
andere aus Neuholland. -- Europäische Gemüse und Früchte gedeihen
hier nicht. Von den hier gebauten Gemüsen sagen fast nur Bohnen und
mehrere Gurkenarten unserem Geschmack zu. Dagegen liefern die
hiesigen Gärten in grosser Fülle die besten Früchte der heissen Zone.
Am häufigsten ist die Banane oder Pisang (Musa paradisiaca), in sehr
vielen Varietäten, bei weitem die verbreitetste und nützlichste aller
tropischen Früchte. Ihr Geschmack hält die Mitte zwischen Birne und
gekochter Kartoffel; sie dient als Obst und Gemüse, und wird selbst
von Europäern reichlich gegessen, die sonst die meisten Früchte,
sogar die köstliche Ananas, aus Gesundheitsrücksichten ängstlich
vermeiden, was, so weit meine Erfahrung reicht, ein Vorurtheil ist.
Keine Frucht ist leichter zu kultiviren; sobald die Fruchttraube
abgenommen, wird der Stamm umgehauen, um für die aus der Wurzel
aufgeschossenen jüngeren Triebe Platz zu machen; so geht es fort und
fort. -- Die Ananas, malayisch Nanas (Ananas sativa), von Singapore
übertreffen an Wohlgeschmack alle in Java, Siam oder auf den
Philippinen gebauten, und werden selbst von den in europäischen
Treibhäusern gezogenen an Duft nicht übertroffen. An Süssigkeit und
Saftfülle bleiben diese aber hinter der Singapore-Ananas zurück. Sie
ist so billig, dass man sie in Verbindung mit feinem Sand benutzt, um
das Verdeck der Schiffe zu scheuern. Man isst gewöhnlich nur die
untere, süssere Hälfte und wirft die obere fort. -- Von Vielen wird
der Mangustan (Garcinia mangostana) für die Königin aller Früchte
erklärt. Sein Vorkommen ist auf ein sehr kleines Gebiet beschränkt;
weder in Ost- noch Westindien gelang es bisher, ihn zu ziehen. (Es
gilt als einen der grössten Triumphe der Kunstgärtnerei, dass der
Herzog v. Devonshire einige Mangusten zur Reife gebracht hat.) -- Nur
in gewissen Jahreszeiten häufig sind die Mangos (Mangifera indica),
die, wenn sie nicht sehr gut sind, wie Aprikosen mit Terpentin, oft
aber auch wie Terpentin mit Aprikosen schmecken. Dies ist eine der
wenigen tropischen Früchte, von denen es viele durch Kultur
entstandene Varietäten giebt.
Die grösste aller Baumfrüchte ist wohl die Nangka, Jackfruit (Artocarpus
integrifolia), von denen eine einzige über einen halben Centner schwer
wird. Obgleich sie sehr angenehm würzig schmeckt, wird sie von Europäern
fast nie gegessen. Sie ist eine nahe Verwandte der Frucht des Brodbaums
(A. incisa), die hier nicht geschätzt und nur von den Eingebornen als
Gemüse genossen wird. Häufiger erscheint die Papaya auf der Tafel, die
Frucht des Melonenbaumes (Carica papaya), die weder die Grösse, noch den
Geschmack einer sehr mittelmässigen Melone erreicht. In der inneren
Höhlung liegen eine grosse Menge dunkelgrüner Kerne; sie sehen aus wie
Kapern, riechen wie Kresse und schmecken gar nicht. Der Saft der
unreifen Frucht enthält aber Fibrin, das ausser bei Pilzen noch bei
keiner Pflanze nachgewiesen wurde. Dieser Saft, ja die blosse
Ausdünstung der Blätter, mehr noch die Berührung hat die höchst
auffallende Eigenschaft, die Muskelfaser zu zersetzen, das zäheste
Fleisch zart zu machen.[10]
Sehr schön modellirt und gefärbt, wie aus Wachs gebildet, sind die
Jambusen (Eugenia spec. div.), deren einige wie Rosen duften. Sie
erfrischen, ohne den Geschmack zu befriedigen, da ihr loses, schwammiges
Zellengewebe nur schwach säuerliches Wasser enthält.
Angenehmer schmecken die Anonen-Arten, die aber in Singapore noch nicht
die verdiente Verbreitung gefunden haben.
Der Lei-tschi der Chinesen (Nephelium lichi), der in Siam so gut
fortkommt, scheint in Singapore nicht zu gedeihen; der Rambutan, eine
ihm verwandte Nephelium-Art (N. lappaceum?), ist häufig und kommt ihm im
Geschmack sehr nahe. Die fleischige Hülle haftet aber durch unzählige
Fäserchen so fest am Kern, dass ihr Genuss unbequem ist.
Apfelsinen sind in zahlreichen Varietäten vorhanden, in allen Grössen,
vom kleinen Kumqwat, nicht grösser als eine Walderdbeere, bis zur
Pumpelmuse (Citrus decumana), die fast kopfgross wird. Letztere hat zwar
einen grossen Verbreitungsbezirk, erlangt aber nur an gewissen eng
begrenzten Lokalitäten ihr volles Aroma. Am besten geräth sie in Batavia
und in Amoy. Sie ist lange nicht so saftreich, aber würziger, als alle
andren Oranien. Der Name Pumpelmuse klingt sehr holländisch, kommt aber
wahrscheinlich vom Tamil-Wort Bambalmas. Die Engländer nennen sie
gewöhnlich Shaddock nach einem Schiffskapitän, der sie von Batavia nach
Westindien übersiedelte. Dr. de Vry sagt in einem vor der British Assoc.
in Birmingham gehaltenen Vortrage, dass die Pumpelmusen in Bandong
(Java) in 2300' Meereshöhe ungeniessbare Früchte, nicht grösser, als
gewöhnliche Apfelsinen, tragen, dass er aber von einem einzigen Baum in
seinem Garten 200 ℔ Blüthen (!) gepflückt habe und dass er von 1000 ℔
Blüthen 1 ℔ Neroli bester Qualität erhielt (Chemical News. Sept. 29.
65).
Als Unkraut wuchert die Guajava (Psidium pomiferum und P. pyriferum),
deren den Holzbirnen und Aepfeln ähnlich aussehende Früchte die Stelle
unserer Quitten vertreten, ohne ihrem Aroma gleichzukommen; sie werden
fast nur eingemacht gegessen.
Eine der merkwürdigsten Früchte von allen ist der Durian (Durio
zibethinus); nach Crawfurd ist er auf dasselbe kleine Gebiet beschränkt,
wie der Mangustan und wächst auf hohen Bäumen, häufiger im Walde, als
kultivirt, hat ziemlich die Grösse und Gestalt der Ananas, aber die
pyramidalen Warzen, die seine holzige Schale bedecken, sind hart und
spitz. Bei der reifen Frucht springt die Schale an vier Stellen der
Länge nach bis zum Stiel auf und enthüllt eine weiche, weisslich gelbe,
creme-artige Substanz, welche die Zwischenräume zwischen den nussgrossen
Samenkernen ausfüllt. Sie schmeckt besser als der beste Creme, und
riecht schlechter als Knoblauch. Dieser ungemein penetrante Geruch ist
anfänglich Jedem zuwider, der Wohlgeschmack aber so gross, dass der
ursprüngliche Widerwille sich bald in eine wahrhaft leidenschaftliche
Zuneigung verwandelt. Man zahlt oft einen Dollar für das Stück, während
Ananas nur einen Cent kosten, so gross ist die Nachfrage ihrer Verehrer.
-- Hoch bezahlt sind auch steinharte, fade Birnen und Aepfel, die der
Norden von China liefert; sie sind fast ungeniessbar für neue
Ankömmlinge, aber länger Ansässige, denen sie das Obst der geliebten
Heimath versinnlichen, dichten ihnen in frommer Erinnerung einen
Wohlgeschmack an, den sie durchaus nicht besitzen.
Die Sehnsucht nach der Heimath ist ein stehender Zug bei allen
Europäern, die in diesen fernen Landen leben. Eine hübsche Sitte, die
sich darauf gründet, ist der Toast: „Auf die fernen Freunde”, der zum
Schluss des Mahls im besten Wein mit feierlicher Stille getrunken wird.
Viele hiesige Früchte, wenn auch in Gärten gewachsen, sind kaum als
veredelt zu betrachten und unterscheiden sich wenig oder gar nicht von
ihren Stammeltern im Walde. Aber auch diejenigen, die man nicht wild,
sondern nur um die Wohnungen der Menschen antrifft, haben sich nur wenig
von dem ursprünglichen Typus entfernt, da fast keine Varietäten
vorhanden sind (ebenso ist es mit den Zierblumen). Doch ist wohl nicht
zu zweifeln, dass sich aus den vorhandenen Obstarten eine eben so
grosse Menge hochedler Sorten erzielen liesse, als man in Europa aus
fast ungeniessbaren ursprünglichen Arten gezogen hat. Für's Erste ist
aber keine Aussicht auf dergleichen Versuche vorhanden. Die hiesigen
Europäer wenden ihre ganze Energie und Intelligenz dem Handel zu und
kehren, sobald sie können, nach Europa zurück. Die wenigen, die hier
bleiben, haben meist ihre Strebsamkeit verloren, sie nehmen immer mehr
von der Gleichgültigkeit der Eingebornen an. Von ihnen sind Versuche,
die so viel Zeit, Kenntniss und Mühe verlangen, kaum zu erwarten.
Ausser Obst, etwas Gemüse und Geflügel, vielen Fischen und Krebsen
liefert die Insel keine Nahrungsmittel. Es wird aber Alles in Menge
eingeführt, ja oft sind manche Artikel hier billiger, als am
Produktionsort. Hühnerfleisch und Reis isst man täglich wenigstens zwei
Mal. Hammelfleisch ist sehr theuer und gilt für einen grossen
Leckerbissen. Die besten Hammel kommen aus Bengalen, darauf folgen die
vom Peiho, weniger geschätzt sind die von Shanghai und Australien. Puter
kommen aus Java und kosten 5 bis 6 Dollars das Stück. In Singapore
können sie nicht gezogen werden, auch die eingeführten sterben bald.
Von europäischen Speisen sind namentlich die national-englischen in
Blechbüchsen immer vorhanden, sie sind meist aus englischer Fabrik,
daher weder sehr wohlschmeckend, noch mannigfaltig. In anderen Kolonien
lässt man sich dergleichen Sachen lieber aus Frankreich kommen und steht
sich besser dabei. Die gewöhnlichen Getränke sind englisches Bier,
Bordeaux-, Rheinwein. Geeisten Champagner trinkt man so häufig, dass die
chinesischen Bedienten das Wort ihrer Aussprache akkommodirt haben,
indem sie aus Cham-paign sim-kin machen.