Wie bedeutend der Schiffsverkehr in Singapore, und wie sehr

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SINGAPORE MALACCA

JAVA.

~REISESKIZZEN~

VON

F. JAGOR.

MIT VIERUNDZWANZIG FEDERZEICHNUNGEN.

[Illustration]

BERLIN 1866.

VERLAG VON JULIUS SPRINGER.

MONBIJOU-PLATZ 3

Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.

VORWORT.

Die Absicht des Verfassers ist, in den vorliegenden Reiseskizzen,

welche achtzehn Monate einer fast fünfjährigen Reise umfassen, kurze

Schilderungen der hervorragendsten Gegenstände zu geben; die rein

persönlichen Erlebnisse und rein wissenschaftlichen Einzelnheiten sind

daher in der Regel fortgelassen worden, während Dinge, die für einen

grösseren Leserkreis von Interesse schienen, etwas ausführlicher

behandelt worden sind. -- Die Angaben über den Kaffee- und Reisbau in

Java sind zum grossen Theil aus zwei von der Maatschappij tot nut van

't algemeen herausgegebenen Schriften „de Koffij” und „de Rijst”

entnommen, viele Angaben über die Cinchonen aus: Travels in Peru and

India von Markham, der die Pflanzen nach Indien übersiedelte. Ferner

sind benutzt worden: Journal of the Indian Archipelago, Crawfurd

Dictionary, Singapore Free Press, Singapore Straits Times, Royle

fibrous plants of India, Porter Tropical agriculturist, Nassau-Lees

Tea Cultivation in India, Tijdschrift voor Nederlandsch Indie,

Tijdschrift voor taal-, land- en volkenkunde, Junghuhn's Java.

Die Bilder sind nach Originalzeichnungen und Photographien des

Verfassers ausgeführt, zum Theil von ihm befreundeten bedeutenden

Künstlern, die ihm mit der liebenswürdigsten, uneigennützigsten

Bereitwilligkeit entgegengekommen sind; die Bilder zu S. 35, 36, 50, 54,

101 nach Photographien, die zu 129, 138, 215, 218, 226 nach

Camera-lucida-Aufnahmen, so dass sie fast die Genauigkeit von

Photographien haben. Die Schiffe zu S. 7 und 50 sind Dumont d'Urville's

Atlas entnommen, die Vögel S. 198 und die Fledermaus 216 nach

ausgestopften Exemplaren gezeichnet.

* * * * *

Die malayischen Namen sind nach der deutschen Aussprache geschrieben;

_s_ muss aber = _ss_ gesprochen werden.

1 Seemeile, 60 auf den Grad, = 1/4 deutsche Meile. 1 Mile (engl.) = 2/9

deutsche Meilen.

Bei Singapore und Malacca sind englische, bei Java folgende Maasse

gebraucht: Pariser Fuss = 0,325 M. = 1,035' rh., Paal = 1/5 preuss.

Meile = 4800' rh., Bau = 71 ares = 500 Quadratruthen.

In Singapore und Malacca wird der Pikul (= 100 Katti), wie in

China, = 133-1/3 ℔ engl. a. d. p. = 120,96 Zoll ℔, in Java = 125

℔ = 136 ℔ engl. = 123,4 Zoll ℔ gerechnet. 1 Ton = 20 Cwts. =

2240 ℔ engl. = 2032 Zoll ℔. 1 Dollar = 42,4 Sgr., 1 Rupie = 20 Sgr.

[Illustration]

In der Unterschrift zur Zeichnung S. 210 lese man Bandjar-negara statt

Wonosobo.

Inhalt.

Singapore.

~Erstes Kapitel.~ Seereise. -- Flaggensprache. -- Feuer an Bord.

-- Gefärbte See. -- Ankunft in Singapore 3.

~Zweites Kapitel.~ Rhede von Singapore. -- Junken. -- Prauen. --

Nipa-Palme. -- Rhizophoren. -- Palankinfahrt. -- Hindufest 9.

~Drittes Kapitel.~ Landhaus. -- Klima. -- Muskatnuss-Pflanzung.

-- Europäer. -- Früchte. -- Nahrungsmittel. -- Diener 17.

~Viertes Kapitel.~ Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. --

Reis. -- Chinesen. -- Malayen. -- Malayische Sprache 33.

~Fünftes Kapitel.~ Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. --

Pfeffer. -- Gambir. -- Sago 54.

~Sechstes Kapitel.~ Opium 70.

~Siebentes Kapitel.~ Gründung und schnelles Aufblühen

Singapores. -- Rhiow. -- Seeräuberei. -- Malayische Kronik. --

Uebersicht der Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. --

Ausbreitung der Chinesen. -- Dampfschiffe 81.

Malacca.

Anblick von Malacca. -- Portugiesen. -- Chinesen. -- Melaleuca.

-- Mission unter den Mintras und Jakuns. -- Guttapercha. --

Neuer Pungulu in Allor-gadja. -- Rückkehr zu den Mintras. --

Ehepärchen. -- Blasrohr. -- Pfeilgift. -- Fahrt nach Lingi. --

Der Dato von Lingi. -- Zustände in den kleinen Malayenstaaten.

-- Zinn. -- Leben im Walde. -- Zweckmässige Kleidung. --

Insektenpulver. -- Chinesischer Leichenzug. -- Geschichte von

Malacca. -- Tapioka. -- Djaggeri 99.

Java.

~Erstes Kapitel.~ Batavia. -- Buitenzorg. -- Botanischer Garten.

-- Gunong Salak. -- Reisbau. -- Kultursystem. -- Warongs. --

Erdnüsse. -- Megamendong-Pass. -- Telaga warna. -- Pasanggrahans

und Gasthäuser. -- Preanger Regentschaften. -- Bandong. --

Junghuhn 127.

~Zweites Kapitel.~ Reise nach Trogon. -- Strassen. --

Waringibäume. -- Bogenschiessen. -- Religion der Javanen. --

Vulkan Guntur. -- Erdtransport durch Wasser. -- Solfataren. --

Theebau. -- Vulkan Papandayan. -- Telaga bodas. -- Kaffeebau.

-- Schattenspiel. -- Hirschjagd. -- Malayische Küche. --

Tänzerinnen in Sumedang. -- Gamelang-Musik 142.

~Drittes Kapitel.~ Reise nach dem Malabar. --

Cinchonenpflanzungen daselbst. -- Cinchonenbau in Java und

Vorderindien. -- Tischchen deck' dich. -- Bambus. -- Gärtnerei.

-- Pangerango 167.

~Viertes Kapitel.~ Vulkan Tankubang-prau. -- Kostbare Waffen. --

Tiger. -- Kawali. -- Schirme. -- Fest in Pandjalu. -- Ausbruch

des Gelungung. -- Büffelkarren. -- Teakholz. -- Kindersee. --

Universalmittel. -- Pfahldorf. -- Zimmet. Loro-Kidul. -- Essbare

Vogelnester und abergläubische Gebräuche beim Einsammeln

derselben. -- Kampf zwischen Tiger und Büffel. -- Tigerstechen.

-- Reise nach dem Slamat. -- Rhinozerosse 182.

~Fünftes Kapitel.~ Hochebene von Dïeng. Vulkane. Solfataren.

Tempel. -- Vogelscheuchen. -- Tempel Perot. -- Affengemeinde.

-- Bad. - Fliegende Hunde. -- Borobudor. Pavon. Mundut. --

Sultan von Jokjokarta und seine Familie. -- Salzgewinnung. --

Karang-tritis. -- Getäuschter Gastfreund. -- Landpächter. --

Indigofabriken. -- Begräbnissplatz Imogiri. -- Tempel bei

Kalasan und Prambanan. -- Surakarta. -- Der Kaiser und sein

Hofstaat. -- Betelkauen. -- Pangerans. -- Tanz. -- Der alte

Blücher. -- Batek. -- Berg Lawu. Raden Rio. -- Neujahrsfest in

Surakarta 209.

~Sechstes Kapitel.~ Festung Ambarawa. -- Samarang. Schule.

Waisenhaus. -- Surabaya. Maschinenfabrik. -- Tempel um Malang.

-- Ardjuno. Legende. -- Semeru. -- Lamongan. Gewitter. --

Rückkehr nach Batavia 234.

Singapore.

Erstes Kapitel.

Seereise. -- Flaggensprache. -- Feuer an Bord. -- Gefärbte See. --

Ankunft in Singapore.

Im Juni 1857 verliess ich Hamburg und landete nach 105 Tagen in

Singapore. Für unser Schiff, das selbst bei dem besten Winde selten mehr

als sechs Seemeilen in der Stunde machte, war es eine sehr schnelle

Reise, die ohne die besondere Gunst des Wetters und den rastlosen Eifer

des Kapitäns nicht möglich gewesen wäre. Klipperschiffe fahren oft mit

mehr als doppelter Geschwindigkeit und dennoch pflegen sie den Weg kaum

in kürzerer Zeit zurückzulegen, da sie bei Windstillen, deren fünf Zonen

zu passiren sind, leicht wieder einbüssen, was sie bei gutem Winde

gewonnen haben. So kam es auf hoher See mehrere Male vor, dass bessere

Segler uns überholten, und dennoch fand sich bei Vergleichung unserer

Daten, dass sie Europa vor uns verlassen hatten, also länger unterwegs

waren, als wir.

Ausgenommen zwei kleine wüste Felsen, Martin Vas und Trinidad, die in

20-1/2° südlicher Breite vor der Küste von Brasilien liegen, sahen wir

auf der ganzen Reise kein Land; zwar hätten wir den 12,172 Fuss hohen

Pik von Teneriffa erblicken müssen, da wir nur 30 Seemeilen davon

vorüberfuhren, der Nebel verhüllte ihn aber.[1]

Als wir Ende Juli bei Tagesanbruch mit dem leisesten Luftzug an jenen

Felsen vorübertrieben, waren vom Mast aus dreizehn Schiffe in Sicht,

deren Wege sich hier kreuzten. Mit Hülfe der Marryat'schen

Flaggensignale entstand bald eine lebhafte Unterhaltung; jeder fragt und

versteht die Antwort in seiner eigenen Sprache, unbekümmert um das Idiom

seines Korrespondenten, man tauscht die Namen aus, erkundigt sich,

woher, wohin, und schliesst nach einigen Spezialfragen gewöhnlich mit

einem freundlichen Gruss. Ein schönes Schiff, nach seiner Reisedauer

gefragt, erwiderte aber barsch: das geht Niemand etwas an;

wahrscheinlich war es lange unterwegs und ärgerte sich darüber.[2]

Maury hat so anschaulich geschildert, wie das scheinbar pfadlose Meer in

Wirklichkeit von grossen Handelsstrassen durchschnitten wird, auf

welchen sich alle Schiffe bewegen, wie die Karawanen in der Wüste, und

hier befanden wir uns offenbar an einem Kreuzpunkt: Schiffe, die um das

Kap Horn, andere, die um das Kap der guten Hoffnung gekommen waren, und

solche, die von Europa kamen und nach den östlichen oder westlichen

Gestaden des stillen Meeres wollten, begegneten sich hier. Bei gutem

Winde eilen die Schiffe schnell an einander vorüber; eine so zahlreiche

Versammlung ist nur bei Windstillen auf solchen Hauptstrassen möglich.

Wir befanden uns zwischen der südlichen Grenze des SO.-Passats und der

nördlichen des westlichen Gegenstromes. Am Nachmittag begannen wir

allmälig den Einfluss des letzteren zu fühlen und schon am folgenden

Tage empfanden wir seine volle Wirksamkeit. Diese westlichen Winde sind

viel kräftiger und konstanter, als der SO.-Passat, sie brachten uns

schnell um's Kap; wir fuhren aber 5° südlich daran vorbei, sowohl um die

Agulhas-Strömung zu vermeiden, die, aus dem indischen Ozean kommend,

sich dicht um's Kap herum drängt und dann im südatlantischen Ozean

fächerförmig ausbreitet (sie wird von den heimkehrenden Schiffen

benutzt), als auch, um den Weg abzukürzen, indem wir nicht einem

Parallel-, sondern einem grössten Kreise folgten. Auf der Mercators

Projection scheint unser Kurs ein Umweg zu sein, auf dem Globus ergiebt

sich der Vortheil sogleich.

So lange wir uns in diesen Breiten befanden, waren, da der August unserm

Februar entspricht, Sturmvögel, Sturzwellen, Schnee und kaltes Wetter

unsere beständigen Begleiter, freilich hatten wir auch immer frische

Brisen, die sich zuweilen bis zum Sturm steigerten. Das Schiff war aber

schon seit Wochen darauf vorbereitet; alles, was nicht fortgestaut

werden konnte, war festgemacht, alle nicht ganz zuverlässigen Segel und

Taue durch neue ersetzt und, da gegen die Tüchtigkeit des Schiffes wie

des Kapitäns kein Zweifel bestand, so war es ein grosses Vergnügen,

pfeilschnell durch die hohen Wellen getrieben zu werden.[3]

Als wir uns schon wieder in wärmeren Breiten im indischen Ozean

befanden, brach Nachts Feuer aus. Es schlief Alles, ausgenommen der

Steuermann und vielleicht die wachthabenden Matrosen, die sich auf dem

Vorderdeck aufhielten. Durch einen Zufall wurde die Gefahr bemerkt, als

schon der ganze Salon mit dichtem Rauch erfüllt war. Die Wand einer

Kajüte brannte in hellen Flammen, und wenig fehlte, so wäre der daneben

liegende Raum, in welchem Theer, Firniss und andere Brennstoffe

aufbewahrt wurden, von der Flamme ergriffen worden und jede Rettung

unmöglich gewesen. Wir hatten 1000 Centner Pulver an Bord, die der

Rheder bis zum Tage vor der Abfahrt klug verschwiegen hatte. Das Feuer

wurde schnell gelöscht. Wie so häufig bei wirklich grosser Gefahr,

verlor Niemand den Kopf; eine gewisse Aufregung war nur an dem

Schiffsjungen zu bemerken, der als Urheber des Brandes eine Tracht

Prügel erhielt.

Am 20. September mussten wir nach der Schiffsrechnung ganz nahe bei der

Sunda-Strasse sein. 52 Tage waren vergangen, seitdem wir jene Felsen

gesehen, deren astronomisch bestimmte Lage uns zum letzten male

Gelegenheit gegeben hatte, den Gang unseres Chronometers zu prüfen.[4]

Es war ein sehr trüber Tag, alle Augen suchten den Horizont ab, um

zuerst Land zu entdecken. Endlich schien an einer Stelle der Nebel etwas

dichter zu werden; es war keine Wolke, die Form zeichnete sich immer

bestimmter, mehr und mehr Einzelheiten traten hervor, wie bei dem

Entwickeln einer Photographie, und bald lag Javahoofd deutlich vor uns

in der Gegend, wo es liegen sollte. Das Tageslicht reichte noch aus, um

uns den Felsen, die Brandung und die üppige Vegetation der Südostspitze

Java's deutlich erkennen zu lassen; da es aber nicht rathsam schien, uns

Nachts in die enge Sunda-Strasse zu wagen, so wurde beigedreht, um den

Tag abzuwarten. Javahoofd bildet den östlichen Pfeiler des einen

Hauptthores zur indischen Inselwelt. Es ist im Besitz der Holländer. Als

das zweite Hauptthor muss man die Strasse von Malacca betrachten, durch

welche der ganze Handel zwischen China und Indien geht. Es ist durch die

Niederlassungen von Pulo-Pinang, Malacca und Singapore in den Händen

der Engländer; das südliche Ufer, die Küste von Sumatra, gehört zwar den

Holländern, doch ist es für die Schifffahrt nicht geeignet, so dass die

Engländer in ungestörtem Besitze dieser Strasse sind.

[Illustration]

Von hier an war die Fahrt höchst angenehm; wie ein grosses bewegliches

Panorama zogen lange Küstenstriche von Java, Sumatra, Banca und viele

kleine Inseln, bis an den Meeresspiegel dicht bewaldet, an uns vorüber.

Gleich an der Eingangspforte ragte der Vulkan Krokotan aus dem Meere

hervor, stark rauchend, während der dahinter liegende Vulkan Pulo-Besi

nur seinen Umriss durch den Nebelschleier erkennen liess. An Anjer, wo

die Sundanesen den Schiffen gewöhnlich das erste Willkommen in der

Tropenwelt darbringen, kamen wir leider Nachts vorüber, so dass wir von

den köstlichen Früchten und anderen Erfrischungen nichts erhielten. Das

Meer wurde immer belebter, in ganzen Geschwadern erschienen die

sonderbarsten kleinen Schiffe, zwischen deren hohen Mattensegeln fast

nackte Eingeborne wie Katzen herumkletterten. Die letzten Sturmvögel

hatten uns in 26° südl. Br. verlassen, jetzt schwebten Tropikvögel hoch

über uns hin, mehrere kleine bunte Sänger kamen an Bord, um auszuruhen,

und die Matrosen litten nicht, dass die Schiffsjungen das Gastrecht

gegen sie verletzten. Auch einen Schmetterling trug uns der Wind zu und

einige glänzende Käfer.

In diesem von Inseln eingeschlossenen Meere regte sich nur ein sanfter

Luftzug, wir brauchten eine Woche bis Singapore, obgleich die Entfernung

von Javahead wenig über 500 Seemeilen beträgt. Doch war dies immerhin

noch kein ungünstiges Verhältniss. Ein Klipper, der einige Monate nach

uns in Singapore eintraf, hatte die Reise von Australien bis zu jenem

Kap in ungewöhnlich kurzer Zeit zurückgelegt, und brauchte von dort

sechs Wochen, um den Hafen zu erreichen. Die Segelschiffe sind hier so

häufigen Windstillen ausgesetzt, dass man die wahrscheinliche Reisedauer

nach Europa gehender Schiffe gewöhnlich erst von dem Tage an rechnet, wo

sie die Sunda-Strasse passirt haben. In Anjer werden alle aus- und

einfahrenden Schiffe verzeichnet und in besonderen Listen bekannt

gemacht; die Betheiligten suchen mit Ungeduld den Namen ihres Schiffes

darin, weil erst ausserhalb der Sunda-Strasse auf beständige Winde zu

rechnen ist.

Am 21. September war das Meer mit einer Substanz bedeckt, die vom Schiff

aus täuschend wie Sägespähne aussah (wahrscheinlich Cook's sea

saw-dust); sie war nicht gleichmässig über die Oberfläche vertheilt,

sondern in parallele Streifen geordnet, die 1 bis 10 Fuss breit waren

und in sehr verschiedenen Zwischenräumen einander folgten. Zuweilen

fuhren wir stundenlang durch Bänder, die nur wenige Fuss von einander

getrennt waren, dann kamen Zwischenräume von 10 bis 20 Minuten vor, die

bei unserer langsamen Fahrt Entfernungen von 1/2 bis 1-1/2 Seemeilen

entsprachen. Selbst vom Mast aus gesehen, reichten die Streifen bis an

den Horizont. Fast drei Tage lang fuhren wir durch diese Substanz, am

Nachmittag des dritten Tages wurde das Meer bewegter, die Streifen

vermischten sich, die ganze Oberfläche nahm eine gleichmässige

schmutzige Färbung an, am nächsten Morgen war die Erscheinung

verschwunden. Unter dem Mikroskop erschienen die einzelnen Partikelchen

als zierlich verflochtene Fäden; jeder Faden bestand aus einer Reihe von

Zellen, deren Scheidewände in der Mitte des Fadens flach, nach beiden

Enden hin gewölbter wurden und an den Enden selbst halbkugelförmig

waren; jede dieser Zellen war noch durch eine gerade Querwand getheilt,

längs der Mittellinie lagen Chlorophyllkügelchen. Bei dem Filtriren des

Wassers, in welchem die Substanz schwebte, röthete sich das Filtrum, wie

von Jod, die Färbung verschwand bald wieder. Es ist die von Professor

Ehrenberg im rothen Meer entdeckte, später von vielen Reisenden

beobachtete Pflanze Trichodesmium erythraeum. Wo sie vorkommt, findet

sie sich immer in ungeheurer Menge beisammen. Vielleicht entstehen diese

Pflanzen in geschützten Buchten, die durch Treibholz oder ähnliche

Hindernisse zeitweise geschlossene Becken bilden, und wuchern darin so

lange fort, bis durch einen Zufall der schützende Damm zerbrochen wird.

Dann würde der äussere Rand der Einwirkung der Wellen blossgelegt

werden, die bei so ruhiger See vielleicht gerade die rechte Kraft

besässen, um je einen schmalen Streifen vom Rande zu lösen und

fortzuschwemmen. Da dies nur bei Ebbe stattfinden könnte, indem die

Fluth die Substanz zurückdrängen würde, so entsprechen vielleicht die

grossen Zwischenräume, die wir zuweilen unter den Streifen wahrnahmen,

den Fluthzeiten.

Am Sonntag, nachdem wir zuerst das Land erblickt, kam ein leichter

Sampan auf uns zu und brachte einen malayischen Lootsen an Bord, der uns

durch die Rhiow-Strasse führte; es war ein ruhiger, intelligenter

Mensch, doch verstand er, mit Ausnahme der Schiffs-Ausdrücke, fast kein

Wort englisch. Mit Sonnenuntergang liessen wir auf der Rhede von

Singapore den Anker fallen. Natürlich gingen wir noch an's Land,

obgleich es schon Nacht war, es war entzückend wieder festen Boden unter

den Füssen zu haben, den würzigen Duft der Bäume einzuathmen, unter

Palmen zu wandeln. Einen eigenthümlichen Reiz, mit einem Anklang von

Bangigkeit, hatte es auch, die Eingeborenen vorübergleiten zu sehen, die

in der Dunkelheit so wild aussahen. Alles war so fremdartig, nicht

~eine~ europäische Kleidung war zu sehen, bevor wir das Gasthaus

erreichten, wo wir den Abend mit Champagner, Chesterkäse und englischen

Zeitungen beschlossen.

Zweites Kapitel.

Rhede von Singapore. -- Junken. -- Prauen. -- Nipa-Palme. --

Rhizophoren. -- Palankinfahrt. -- Hindufest.

Als wir am andern Morgen an Bord erwachten, war das Schiff von einem

Kranz von Booten umgeben, die Geschäfte mit uns machen wollten. Am

willkommensten war uns eine grosse Mannichfaltigkeit tropischer Früchte,

von denen ich nur Ananas, Cocos und Bananen kannte. Es kamen Schneider,

Schuhmacher, Wäscher, Klempner, Händler mit Getränken, Fleisch,

Geflügel, Glaswaaren, Steingut, Kuriositäten; ein wahrer schwimmender

Markt, als hätte die Stadt eine Probe geschickt von Allem, was sie zu

leisten vermag, und unser Steuermann, der nach einer Fahrt von mehr als

100 Tagen noch nicht Lust hatte, an's Land zu gehen, konnte sich hier

wenigstens einen allgemeinen Ueberblick verschaffen. Die meisten Leute

sprachen ein paar Worte englisch, alle waren von einem ungeheuren

Schachergeist besessen, am eifrigsten, lautesten und zudringlichsten

gebahrten sich die Chinesen, wie sie auch die zahlreichsten waren.

Um uns auf der Rhede lag eine grosse Anzahl stattlicher europäischer

und amerikanischer Schiffe, und hinter ihnen eine solche Musterkarte

der allersonderbarsten Fahrzeuge und Flaggen, wie sie vielleicht kein

anderer Hafen der Welt aufzuweisen haben möchte. Doch waren keine

chinesischen Junken darunter, diese fangen erst im December an, ihre

Heimath zu verlassen, wenn der NO.-Monsun in Kraft ist, und kommen

frühestens gegen Neujahr hier an.[5] Sind sie einmal hier, so richten

sie sich ganz häuslich ein, da sie vor dem Monat Juni, wenn der

SW.-Monsun beständig ist, selten zurückkehren. Obgleich ihre Zahl mit

jedem Jahre abnimmt und von europäischen Schiffen ersetzt wird, sah

ich doch einige Monate später ihrer viele hier liegen. Die Gestalt der

Junken ist aus chinesischen Bildern allgemein bekannt. Interessant ist

aber das Treiben an Bord und rings umher. Das Schiff wird gleich nach

Ankunft abgetakelt und in ein schwimmendes Waaren-Magazin verwandelt,

oder vielmehr in einen Bazar; denn die Ladung ist nicht einem

Superkargo anvertraut, sondern jeder handeltreibende Passagier (und

jeder Chinese treibt Handel) hat sein Geld in denjenigen Waaren

angelegt, die ihm den meisten Gewinn versprechen, und feilscht mit

seinen Kunden auf eigene Hand. Lange rothe Papierstreifen, mit grossen

Buchstaben bemalt, vertreten die Handelsschilder, Proben der

verkäuflichen Waaren werden an den Seiten der Junke ausgehängt. Durch

eben so viele Käufer und Verkäufer wird auch die Rückfracht beschafft,

und da die nie müssigen Chinesen, wenn sie sonst nichts zu thun haben,

die bösen Geister durch Gong-Musik und Knall-Feuerwerk vertreiben, so

herrscht immer um die Junken ein wüster Lärm. Jetzt wimmelte der Hafen

von „Prauen” aller Art, die sich aber nun bald in Bewegung setzen, um

nach den östlich gelegenen Inseln und Küsten zurückzukehren. Diese

Fahrzeuge sind nur klein, aber sehr malerisch, manche reich mit

Schnitzwerk verziert, bunt bemalt und vergoldet. Die Mattensegel und

groben Stricke aus Rotang (spanisch Rohr) oder Palmenfasern, die

hölzernen Anker und die Bewaffnung vermehren das eigenthümliche

Ansehen. Die Kabel und Taue dieser Prauen bestehen zuweilen aus

dünngespaltenem, zusammengedrehtem Stuhlrohr, häufiger aus der

schwarzen Faser, die bei der Gomutipalme (Arenga saccharifera) den

Ursprung der Blattstiele am Stamm bekleidet (daher sie bei den

Spaniern Cabo negro heisst), oder aus Coir, der Faser, welche den Kern

der Cocosnuss umgiebt, derselben, die jetzt so viel zu Fussdecken

verarbeitet wird. Beide letztere sind zwar weniger stark, als

Hanfstricke, aber leichter und elastischer. Vor Erfindung der

Ankerketten hatten viele Schiffe in den indischen Gewässern

dergleichen Kabel, und hielten vor Anker Stürme aus, bei denen

stärkere, aber weniger elastische Hanfkabel zerrissen. Zu

Passagierbooten benutzt man die weitberühmten Sampans, leichte,

bequeme, schnelle Kähne mit einem Sonnendach für den Passagier. Sie

sollen nicht europäischen Booten nachgebildet sein, sondern diesen zum

Theil als Muster gedient haben. Obgleich die Mannschaft aus vier

Ruderern und einem Steuermann besteht, sind sie sehr billig. Eine

Fahrt in solchem Boot, namentlich in der Gegend, wo die Schiffe der

Eingeborenen am dichtesten liegen, gehört zu den angenehmsten

Ausflügen und liefert eine Unzahl interessanter Genrebilder. Noch

billiger, sicherer, freilich auch viel langsamer, fährt man auf dem

Schuhboot der Chinesen; es ist fast so breit als lang, und wenn ein

schneller Raubfisch das Modell zum Sampan geliefert hat, so ist das

Schuhboot wohl der Schildkröte nachgebildet. Vorn hat es einen

Schnabel, wie andere Boote auch, an seinem abgestutzten Hintertheil

aber zwei kurze Schwänze, vorn ist natürlich auch auf jeder Seite ein

grosses, in die Tiefe schauendes Auge angebracht, sie fehlen keinem

chinesischen Fahrzeuge („no got eye, how can see?”). Gegen das Land

hin nimmt das Gewimmel der kleinen Boote und Leichter immer mehr zu,

und an der Mündung des kurzen Flusses ist ein Gedränge und Gesumme,

wie am Eingang eines Bienenkorbes.

[Illustration]

Wie bedeutend der Schiffsverkehr in Singapore, und wie sehr die deutsche

Rhederei daran betheiligt ist, zeigt folgender Auszug aus der Singapore

Free Press vom 6. Mai 1865: „Abgesehen von inländischen (d. h. nicht

europäischen und amerikanischen) Schiffen, liegen jetzt 154 grössere

Schiffe mit Raaen (square rigged vessels) im Hafen, wovon 3 britische

und 2 Kolonial-Kriegsdampfer, 2 englische, 2 amerikanische

Handelsdampfer, 2 holländische Postdampfer, 78 englische Kauffahrer, 19

hamburger, 9 bremer, 8 französische, 5 dänische, 5 preussische, 4

amerikanische, 4 holländische, 3 oldenburger, 2 hannoveraner, 2

schwedische, 2 siamesische, 1 norwegisches, 1 belgisches. Von den

Kauffahrern verhalten sich die unter deutscher Flagge (38) zu den

englischen wie 1 zu 2 und zu denen aller übrigen Nationen wie 2 zu 1

(dies würde stimmen, wenn die unter dänischer Flagge fahrenden Schiffe,

wie es früher meist der Fall war, holsteiner wären). Vor acht Jahren

lagen um dieselbe Zeit nur 60 Kauffahrer im Hafen; das Verhältniss der

deutschen zu den englischen Schiffen war damals wie 1 zu 11, und das der

deutschen zu denen aller übrigen Nationen, wie 1 zu 8. So weit haben es

Freihandel und deutscher Unternehmungsgeist gebracht. Wir würden uns

durchaus nicht wundern, wenn in wenigen Jahren das Verhältniss noch mehr

zu ihren Gunsten wäre.”

Vom Hafen aus gesehen zeigt die Insel Singapore einen langgestreckten,

stellenweis steilen Küstensaum, über den sich einige sanfte Hügelwellen

erheben. Von der Stadt ist nur ein Theil sichtbar, in der Nähe derselben

liegen viele einzelne Häusergruppen, weiterhin ist Alles mit dichtem

Wald bedeckt, der einen zusammenhängenden einförmigen immergrünen

Teppich bildet, nur in der Nähe des Strandes mit einigen Landhäusern

geschmückt. Der Anblick ist lieblich, aber nicht besonders schön, da es

an Kontrasten und hervorragenden Gegenständen fehlt. Die schöne grosse

Kirche, die künftig die Hauptzierde der Stadt sein wird, ist noch im Bau

begriffen. Die Insel liegt bekanntlich unmittelbar vor der südlichen

Spitze der malayischen Halbinsel, des südlichsten Punktes von Asien, und

ist nur durch eine Meerenge getrennt, die im Allgemeinen eine Meile, an

einer Stelle aber nur 2000 Fuss breit ist. Früher ging der ganze Handel

nach China durch diese schmale Gasse, jetzt fahren die Schiffe um die

Südseite der Insel unmittelbar an der Stadt Singapore vorbei. Die Insel

besteht, wie das gegenüberliegende Festland selbst, aus Granit und

älteren geschichteten Gesteinen, letztere nehmen den grössten Theil des

Flächenraumes ein, es ist noch nie ein Fossil darin gefunden worden;

auch fehlen alle Anhaltspunkte, um ihr relatives Alter genauer bestimmen

zu können. Uebrigens haben sie ganz den Habitus unserer ältesten

Gesteine und gehören auch wohl den ältesten Gebilden an; es sind

Sandsteine, Thone, Letten; an vielen Stellen tritt ein sehr

eisenhaltiger Thoneisenstein auf, meist in Nestern, seltener in Bänken;

bis jetzt wird er ausschliesslich zum Strassenbau benutzt, obgleich er

sich wegen seiner geringen Festigkeit wenig dazu eignet. Der Granit, der

einen viel kleineren Flächenraum einnimmt, tritt nie an die Küste, er

bildet den Centralkern der Insel; aus ihm besteht auch der höchste Punkt

derselben, Bukit-tima. Der Boden ist nicht fruchtbar, in den Niederungen

häufig versumpft; die dem Meere näher gelegenen Sümpfe sind brakisch, in

ihnen wuchert die stammlose Nipa-Palme und ein Dickicht von Mangelbäumen

(Rhizophoren), das an flachen Stellen weit in's Meer hinein reicht und

die ganze Insel, ausser wo die Ufer steil sind, mit einem Sumpfgürtel

umgiebt. Aus den Wurzeln der Nipa-Palme (Nipa fruticans) wird in Borneo

Salz gewonnen; die Blüthe liefert in den Philippinen und in Siam Zucker

und Branntwein, wie viele andere Palmen, und nach demselben später zu

beschreibenden Verfahren. In Singapore werden nur die Blätter zum Behuf

der Dachdeckung zu „Atap” verarbeitet und die ganz jungen, noch gelben

unentfalteten zur Herstellung von Cigaretten, indem man Tabak darin

einrollt. Die Ataps sind eine wesentliche Vervollkommnung ihres

Prototyps, des längs des Blattstiels gespaltenen Palmenwedels. Man

erhält sie, indem man die Seitenblätter im Drittel ihrer Länge, von der

Basis an gerechnet, umknickt, sie auf einen mehrere Fuss langen Stock

dachziegelförmig aneinander reiht und durch einen Rotang-Splitt in

dieser Lage befestigt. Die einzelnen Ataps werden beim Dachdecken wie

Dachschiefer übereinander gelegt. Ein solches Dach ist sehr leicht,

völlig regendicht, nur muss es häufiger ausgebessert werden, als ein

Ziegeldach.

Die Mangelsümpfe (mangrove swamps) werden durch die merkwürdige Ordnung

der Rhizophoraceen gebildet, die in tropischen Meeren alle flachen

Küsten umsäumen. Es sind fast die einzigen Bäume, die im Meere wachsen

und auf Kosten desselben das Land vergrössern, indem sie immer weiter

darin vordringen und mit dem dichten Faserwerk ihrer Wurzeln das durch

die atmosphärischen Wasser in das Meer geschwemmte Erdreich

zurückhalten, so dass man oft nicht weiss, ob man schon am Lande oder

noch im Meere ist. Bei keiner Pflanze tritt die Fortpflanzungsfähigkeit

so schlagend vor die Augen, als bei dieser, wo die Früchte, noch an den

Zweigen der Mutterpflanze hängend, sich schon in junge Bäume verwandeln

mit langer spindelförmiger Wurzel. Beim Abfallen bleiben sie senkrecht

im Sumpf stecken und wachsen sogleich weiter, oben Blätter, unten

Wurzeln entwickelnd, während die an den niedrigeren Zweigen hängenden,

ohne sich abzulösen, den Sumpf erreichen und darin fortwachsen. So

sendet der Wald immer einen Gürtel junger Pflanzen vor sich her, indem

er weiter in's Meer rückt. Sind die Bäumchen etwas grösser geworden, so

entspringen am Umfange des Stammes Luftwurzeln, die in einem Bogen den

Sumpf erreichen. Diese Wurzeln senden seitlich wieder Wurzeln aus, und

schliesslich steht der Stamm, der 30 bis 40 Fuss hoch wird, auf einem

domartigen Geflecht von Luftwurzeln, das bei Ebbe entblösst, bei Fluth

gewöhnlich bis an den Stamm bedeckt ist, dann hat man einen Wald im

Meer. Auch von den Aesten senken sich Luftwurzeln herab, die, wenn sie

den Boden erreichen, darin weiter wachsen als Stützen der Aeste, aber zu

selbstständigen Bäumen werden, wenn die Verbindung mit der Mutterpflanze

aufgehoben wird. Das Holz wird hauptsächlich zur Feuerung benutzt, die

Rinde zum Gerben (sie enthält mehr Tannin als die Eichenrinde), auch

zum Färben dient sie den Eingebornen. Die Rizophorenwälder sind ein

Lieblingsaufenthalt für Krokodile, Krabben, Einsiedlerkrebse und viele

Gastropoden; auch Austern sitzen an den Stämmen; mit der Behendigkeit

einer Eidechse kriecht und hüpft mittelst der Brustflossen ein

sonderbarer Fisch auf dem Schlamme umher (Periophthalmus sp. div.).

Dergleichen Sümpfe sind ein sicherer Zufluchtsort für Seeräuber,

und gewöhnlich wegen ihres dichten, für die Sonnenstrahlen

undurchdringlichen Laubdaches eine Quelle böser Miasmen. In Singapore

aber, wo sie nur einen schmalen Gürtel bilden, werden sie durch die

beständig mit einander wechselnden Land- und Seebrisen hinreichend

gelüftet.

Wie gefährlich dergleichen Sumpfwaldungen zuweilen sind, zeigt folgende

Notiz aus meinem Tagebuch: „14. Juni 1858. Als wir uns bei der dicht vor

der NW.-Küste von Borneo (5° 04' N' 115° 12' O.-Gr.) liegenden Insel

Moarro befinden, kommt ein Boot auf uns zu und meldet, dass das vor uns

vor Anker liegende Schiff, die englische Barke Anna Maclean, in Noth

sei. Unser Kapitän begiebt sich an Bord, bald darauf nehmen wir das

Schiff in's Schlepptau und bugsiren es in den Hafen von Labuan. Das

Schiff hatte, um Kohlen zu laden, auf Moarro, der Mündung eines Flusses

gegenüber, angelegt, der viele Meilen weit durch die Sumpfwälder

fliesst, aus denen hier die Küste von Borneo besteht. Der Nachts wehende

Landwind hatte ihm die giftigen Miasmen wie aus der Mündung eines

Trichters zugeführt; in wenigen (2?) Tagen war die ganze Mannschaft

theils erkrankt, theils gestorben. Der Kapitän, der Steuermann, 3

Matrosen waren todt, nur ein Mann war noch dienstfähig.”

Unser Lootse, der uns gestern durch die Rhiow-Strasse gebracht, führte

uns heut durch das Gewirr der Gassen von Singapore nach dem Handelshaus,

dem unser Schiff konsignirt war. Man hatte uns frühestens 14 Tage später

erwartet, ich fand die liebenswürdigste Aufnahme.

Zunächst wollte ich eine Fahrt durch die Stadt machen, und nahm deshalb

einen Palankin, so heissen die hiesigen Miethswagen; es sind länglich

viereckige, vierrädrige Kasten, mit Vorder- und Rücksitz, ringsum von

Jalousien umgeben und mit einem kleinen Pony bespannt, beispiellos

billig (1 Dollar pro Tag) und sehr zweckmässig, bis auf den Anstrich,

der weiss statt schwarz sein sollte. Der Kutscher war ein Kling (Telinga

von der Küste Koromandel), fast schwarz, mit einem grossen Turban und

einem Lendentuch, sonst unbekleidet, doch sah er nicht unanständig aus,

da die dunkle Farbe den Eindruck des Nackten fast aufhebt. Mitten auf

der Stirn trug er einen Fleck von rothem Ocker, so gross wie eine

Oblate. Alle Hindus haben dergleichen Abzeichen von verschiedener Form

an der Stirn, und bezeichnen dadurch die religiöse Sekte, der sie

angehören.

Ich liess mir die Tour, die ich machen wollte, ins Malayische

übersetzen, lernte die Worte nach dem Klang auswendig, und hatte die

Genugthuung, sogleich vom Kutscher verstanden zu werden, was er durch

einen Salam (Anlegen der Hände an die Stirn und Verneigung) ausdrückte.

Er ergriff das Pferd am Zügel und lief in kurzem Trabe mit ihm davon.

Einige Male setzte er sich während der Fahrt auf das vorn angebrachte

Brett und versuchte, das Pferdchen von dort aus zu lenken. Dies gelingt

aber selten auf die Dauer, da die meisten hiesigen Ponies zu eigenwillig

sind, dann muss der arme Bursche wieder absteigen und nebenher laufen.

So kamen wir bald vor die Stadt, die Landstrasse wurde immer einsamer.

Ich liess halten und stellte den Kutscher zur Rede, er vertheidigte sich

sehr fliessend, doch konnten wir gegenseitig kein Wort verstehen.

Endlich kehrte er aber um und führte den Wagen an die Stelle zurück, wo

ich eingestiegen war. Hier brachte ein vorübergehender Kling, der

Englisch verstand, Alles in Ordnung. Es ergab sich, dass der Kutscher

fast ebenso fremd war, als ich, kein Wort Malayisch verstand und nur auf

meine Ortskenntniss gerechnet hatte. Ich habe dies so ausführlich

erzählt, weil ganz ähnliche Auftritte täglich vorkommen und sie so

bezeichnend für die Art der Eingebornen sind, die auf die Frage, ob sie

Dies oder Jenes wissen oder können, immer Ja antworten, wenn sie

glauben, dass solche Kenntniss oder Fähigkeit ihnen Vortheil bringen

werde; sehen sie aber mehr Mühe als Lohn voraus, so machen sie es

natürlich umgekehrt.

Nachmittags begegnete mir eine grosse Kling-Prozession, der ich folgte.

Den Zug eröffnete eine Musikbande, dann kamen einige Paare, die lange

Stecken trugen, mit denen sie gegenseitig Schein-Angriffe machten und

parirten; sie besassen grosse Gewandtheit und Sicherheit. Ihnen folgte

paarweis ein Zug von Hindus, deren nur um die Hüften verhüllter, sonst

nackter Körper mit gelbem Turmerikpulver[6] eingerieben war. Die Meisten

trugen Hals- und Armbänder aus aufgefädelten kleinen weissen Blüthen.

Einige dieser Leute hatten sich einen etwa fusslangen Spiess durch

Lippen und Zunge, einen zweiten Spiess durch Backen und Zunge gestossen.

Andere hatten sich auf jeder Seite des Körpers in der Gegend der Hüften

zwei zwei Zoll lange Einschnitte gemacht, und durch die so entstandenen

Oesen lange Stricke gesteckt, die von davor- und dahintergehenden

Männern beständig hin- und hergezogen wurden. Unmittelbar auf sie

folgten die Götter, deren Gunst durch diese Verstümmelungen erlangt

werden sollte, theils auf Schultern getragen, theils auf Ochsenkarren

gezogen. Es waren schöne Gruppen darunter: vor den reich drapirten

Nischen, in welchen sich die Bilder der Gottheiten, von Gold und Silber

glitzernd, befanden, standen je zwei junge Hindu-Mädchen in sehr

glänzender Kleidung von Gold- und Silberbrokat, die auffallend an die

Festkleider der Mutter Gottes in katholischen Kirchen erinnerte. Sie

trugen langgestielte Wedel von weissen Federn, die sie feierlich hin-

und herbewegten. Später überzeugte ich mich, dass es keine wirklichen

Mädchen waren, sondern Knaben, die ihre Rollen so täuschend spielten.

Auf einem freien Platz vor der Stadt machte der Zug Halt. Es waren viele

Zuschauer anwesend, vorwiegend Klings, Chinesen, Malayen, fast kein

Europäer. Die Meisten kauerten, hockten, sassen auf dem Boden, nur die

hintersten Reihen standen. Jeder hatte gewiss die ihm behaglichste

Stellung eingenommen, die aber zum Theil der Art war, dass sie bei uns

kaum ein Turner auf die Dauer ausgehalten hätte. Diese Leute, die von

Jugend auf nie einen Stuhl oder Tisch benutzen, weder enge Kleider, noch

Schuhe tragen, wissen aus ihren unteren Gliedmassen viel mehr Nutzen zu

ziehen, als wir. Die Beine müssen häufig als Arme aushelfen, wobei die

Füsse die Stelle der Hände vertreten; so heben sie Sachen vom Boden auf,

ohne sich zu bücken, halten das eine Ende eines Gegenstandes mit den

Füssen fest, während sie das andere Ende mit den Händen bearbeiten.

Besonders verstehen sie sich durch die grosse Gelenkigkeit ihrer Beine

eine Auswahl bequemer Stellungen zu verschaffen und die Last des

Oberkörpers so geschickt zu balanciren, dass sie nicht ermüden können.

Selbst wenn man ihnen einen Stuhl anbietet, ziehen sie die Beine in die

Höhe und richten sich auf dem Sitz ein, als ob sie am Boden sässen.

Diese beneidenswerthe Fertigkeit ist aber leider nur in der ersten

Jugend zu erlernen, in Kinderstuben, wo es keine Stühle giebt, und nur,

wenn die Ausbildung der Füsse nicht durch Schuhe gehemmt wird.

Mitten auf dem Platz war ein grosses Feuer angezündet. Als es

ausgebrannt war, lag die Gluth fast fusshoch und hatte gegen 20 Fuss

Umfang. Die freiwilligen Märtyrer wurden bis an den Rand geführt,

sprangen hinein, gingen langsam hindurch und taumelten in einen mit

Wasser gefüllten Graben am jenseitigen Rande. Ihre Freunde liefen

herbei, ermunterten, unterstützten sie und führten sie nach einer kurzen

Erholungspause einzeln in einen grossen Kreis, den die Zuschauer offen

gelassen hatten. Hier wurden sie mit einer gewaltigen Peitsche

gegeisselt, bis sie vor Schmerz hinstürzten, worauf sie von ihren

Freunden mit triumphirendem Gemurmel durch die Reihen getragen wurden.

Es war ein ekelhaftes Schauspiel, das diese Leute von schönster

kaukasischer Rasse hier vor den Malayen und Mongolen aufführten.

[Illustration]

Ueber die Bedeutung des Festes konnte ich in Singapore nichts

Zuverlässiges erfahren, später aber fand ich in den Blaubüchern der

Präsidentschaft Madras, dass auch dort das Naruppuh-terunaul oder

Feuerfest immer noch besteht, die Theilnahme sich jedoch, ebenso wie

hier, auf die untersten Volksklassen beschränkt und überall im Abnehmen

begriffen ist. Es ist keine von der Hindu-Religion vorgeschriebene

Feierlichkeit. Nach einigen Berichten hat sie insofern eine religiöse

Bedeutung, als sie mit der Verehrung der Gottheit Durmarasawney der

Tamil, oder Veerbudrasawney der Telegu, in Beziehung steht, deren Zorn

dadurch abgewendet werden soll; nach den meisten Berichten aber hat die

Religion gar nichts damit zu schaffen, es ist nur ein alter Brauch, dem

die niederen Klassen aus roher Schaulust zugethan sind, während die

Gebildeteren fern bleiben. An manchen Orten sind es dieselben

Individuen, die alljährlich die Feuerprobe bestehen und dafür bezahlt

werden, wie andere Gaukler. Häufig aber sind es beschränkte Menschen aus

den niedrigsten Kasten und Parias, die sich zur Erfüllung eines Gelübdes

die Peinigung auferlegen. Es sollen fast nie üble Folgen eintreten,

namentlich keine Todesfälle (zwei in den Berichten erwähnte waren

jedenfalls nur mittelbar durch die Feuerprobe veranlasst), und

wahrscheinlich ist ein grosser Theil des Eindrucks der guten Aufführung

zuzuschreiben. Die indische Regierung beschloss in Folge jener Berichte,

das Fest nicht amtlich zu verbieten, da sie ihr Ziel sicherer zu

erreichen glaubte, indem sie ihren Beamten empfahl, für das allmählige

Aufhören unter der Hand nach Kräften zu wirken.

Drittes Kapitel.

Landhaus. -- Klima. -- Muskatnuss-Pflanzung. -- Europäer. --

Früchte. -- Nahrungsmittel. -- Diener.

Der preussische Konsul, dem ich während meines Aufenthalts in Singapore

sehr viel verdankte und der mir auch noch später, so weit der Einfluss

seiner Empfehlungen reichte, mit der freundschaftlichsten,

angelegentlichsten Fürsorge den Weg ebnete, hatte mir auf seinem

Landhause eine Wohnung einrichten lassen, die ich wenige Tage nach

meiner Ankunft bezog. Es war wohl die schönste Besitzung auf der Insel,

jetzt dient sie dem Guvernör zum Aufenthalt. Fast alle grossen Kaufleute

haben ein Haus vor der Stadt, gewöhnlich auf dem Gipfel eines Hügels, wo

die Seebrise alle Räume durchweht und abkühlt. Die hiesigen Landhäuser

sind die angenehmsten und zweckmässigsten, die ich in heissen Ländern

kennen gelernt habe, fast alle nach demselben Typus gebaut. Der leitende

Gedanke dabei ist, die bewohnten Räume allseitig von Luft umkreisen und

durchdringen zu lassen und sie gegen die Sonnengluth zu schützen. Das

Haus ruht auf steinernen Pfeilern, gegen 15 Fuss hoch, der Raum zwischen

den Pfeilern ist meist offen, nur wo es an Platz gebricht, werden

einzelne Räume zwischen den Pfeilern durch leichte Holzwände oder Gitter

abgetheilt. Der obere Stock, die eigentliche Wohnung, ist rings von

einer breiten Gallerie, Veranda, umgeben, die vom Dach weit genug

überragt wird, um gegen den Regen geschützt zu sein. An der äusseren

Seite der offenen Veranda sind dunkelgrüne Rouleaux aus feingespaltenem

Bambus angebracht, ein chinesisches Substitut für Jalousien; sie lassen

die Luft durch, schliessen aber das blendende Licht aus. Durch

rechtzeitiges Aufziehen und Herablassen derselben wird die Veranda und

die von ihr umgebene Wohnung stets angenehm kühl erhalten. Die Zimmer

haben nur Jalousien statt Glasfenster und massiver Thüren und öffnen

sich alle nach der Veranda. So ist der ganze bewohnte Kern des Hauses

ringsum von einer isolirenden Luftschicht umgeben. Von jedem

Schlafzimmer führt eine kleine Treppe in ein zur ebenen Erde

befindliches Badezimmer. Küche, Stallung, Remise, sowie die Wohnungen

der Dienerschaft befinden sich in kleinen Nebenhäusern, durch einen

bedeckten Gang mit dem Haupthause verbunden, wodurch aller widerwärtiger

Geruch und Lärm ferngehalten wird. Im Speisesaal und in den

Gesellschaftszimmern fehlt nie die Punka, ein grosser Fächer, bestehend

aus einem mit Zeug bespannten Rahmen, der von der Decke herabhängt und

durch ein Loch in der Wand mittelst einer Schnur von Aussen in Bewegung

gesetzt wird.[7] Rings um das Haus des Konsuls war ein Garten, der eine

Auswahl der schönsten Pflanzen des Archipels und neben anderen

ausländischen Zierpflanzen auch europäische Rosen enthielt, denen man

aber ansah, dass sie hier nicht heimisch sind. Der frühere Besitzer, der

auch als Botaniker bekannte Arzt Oxley, hatte durch eifriges Sammeln und

Tauschen den schönen Garten geschaffen. Da stand die Amherstia nobilis,

das einzige grössere Exemplar auf der ganzen Insel, neben der Poinciana

regia und dem Prachtstrauch Duranta Plumieri, umgeben von Ixoren in

allen Farben und ebenso mannigfaltigen Hibiscusarten, darunter die Rose

der Chinesen, von den Bedienten Schuhblume genannt, weil sie die

lackirten Schuhe ihrer Herren damit putzen, Bauhinien, Passifloren und

unter dem dichten, von sonderbar verschlungenen Luftwurzeln gestützten

Schattendach eines Ficus die herrlichsten Orchideen und epiphytischen

Farne. Fast Alles war in Blüthe, wie denn die meisten Pflanzen hier das

ganze Jahr hindurch gleichzeitig Blüthe und Frucht tragen.

Da Singapore nur 1° 17' nördlich vom Aequator liegt, so herrscht dort

ein ewiger Sommer. Der Unterschied zwischen dem längsten und kürzesten

Tag beträgt nur 7-1/2 Minuten; praktisch genommen sind also alle Tage

des Jahres durchaus gleich lang. Der Temperaturunterschied zwischen dem

Mittel des kältesten und des wärmsten Monats beträgt weniger als einen

halben Grad, die mittlere Jahreswärme 22-1/2° R. Die äussersten

Thermometerstände sind 17° und 26° R. Die Morgen sind angenehm kühl,

aber die Sonne steigt schnell so hoch, dass alles mit blendendem Lichte

und sengender Gluth übergossen sein würde, wenn nicht Wolken, häufige

Regenschauer und regelmässig wechselnde Land- und Seebrisen Licht und

Hitze milderten. Es regnet an 180 Tagen etwa 90 Zoll; im Winter etwas

mehr als im Sommer, doch vergeht selten eine Woche ohne Regen; trockene

und Regenzeit, die weiter nach den Wendekreisen hin fast ebenso

deutlich, wenn auch nicht so schroff gesonderte Jahreszeiten bilden, wie

unsere Sommer und Winter, fehlen hier in der unmittelbaren Nähe des

Aequators. Der erste Januar ist vom ersten Juli nicht zu unterscheiden.

Bei einer so beträchtlichen Regenmenge in so hoher Temperatur ist die

Feuchtigkeit der Luft immer sehr gross. Es ist sehr schwer, Eisengeräthe

gegen Rost zu schützen. Das Leder verschimmelt, Papier verstockt, der

Phosphor läuft von den Zündhölzern ab.

Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor. · 第 1 / 28 段