Strohwisch, und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch -- »man sollte
doch wahrhaftig seinem besten Freund -- seinem eigenen Bruder bald nicht
mehr trauen.«
»Aber was ist denn?« frugen ihn die Weinreisenden und übrigen Gäste
erstaunt -- »was war denn?«
»Bin ich vor ein paar Jahren in Pirna,« erzählte Strohwisch, und seine
Stirn hatte so viele Falten, wie der Rock einer Altenburger Bäuerin
-- »und komm da mit diesem Redacteur, dem Herausgeber des Kalenders,
zusammen. Wir sind auch Abends heiter mit einander, und plaudern und
erzählen Geschichten, und ich gutmüthiger Thor erzähle dem Menschen auch
die Anekdote von meinem Freunde Devrient, und jetzt setzt sie mir der
schändliche Kerl in seinen Kalender -- nein das ist niederträchtig.«
Das Glas war wieder leer geworden und um den niederklappenden Deckel zu
beschwichtigen, beschwor Einer vom Gemeindevorstand ein »neies Deppchen«
herauf.
»Nun, erzählen Sie doch die Geschichte aus!« rief da Einer, der den
Pirna'schen Kalender noch nicht gelesen hatte.
»Ah was,« sagte aber Strohwisch ärgerlich -- »wenn einem der Stoff so
förmlich weg_gestohlen_ wird.«
»Nu, denn was anderes,« ermunterte ihn einer der Grünberger -- »irgend
etwas anderes, Herr Doctor, Sie stecken ja voll davon.«
»Nun, meinetwegen,« tröstete sich Strohwisch, und sprach dem
neugekommenen Biere, um vieles getröstet, wieder zu -- »also hier
kommts.«
»Sie haben doch von dem berühmten Schauspieler Rott gehört -- es ist das
einer meiner intimsten Bekannten und ich bin viele fröhliche Abende mit
ihm zusammen gewesen. Rott trank so gern Malvoisier -- doch das gehört
nicht hierher -- also Rott gastirte einmal in Wien, wo ich damals
Dramaturg am Burgtheater war, und hatte sich zu seiner Haupt- und
Glanzrolle ein Ritterschauspiel, >die blutige Rache< hieß es, ausersehn,
in dem er besonders auf eine Scene und einen Kraftmonolog seine ganze
Hoffnung baute. Es war dies die folgende:
»Er, als Heldenvater, hatte eine Tochter, die mit dem Sohn seines
ärgsten Todtfeindes einen Herzensbund geschlossen. Dieser entführt die
Jungfrau bei Nacht und Nebel durch einen unterirdischen Gang. Kaum sind
sie aber hindurch, so kommt er, der Ritter, wüthend und außer sich in
das Gewölbe gestürzt, und trifft hier einen seiner Pagen, der ihm in
Angst entgegenruft:
>Sie flohen durch den unterird'schen Gang.<«
Der Schuster, dem das ungemein komisch vorkommen mochte, lachte laut auf
-- Strohwisch sah ihn von der Seite und zwar durch das Glas, das er eben
zum Munde führte, an, und fuhr fort:
»Ihnen nach!« donnert da mit seiner Riesenstimme der Ritter.
»Sie haben Pferde, Herr!« flehte der Knappe.
»Was, Pferde!« ruft aber jener -- »wenn sie nicht Flügel haben --
Die sie empor zu Duft und Wolken tragen,
So findet sie dies wackre Schwert -- und dann,
Ha Dagobert, dann wehe Dir -- die Schrecken
Der ganzen Hölle, die ein finstrer Geist
In mondenlangem Wahnsinn nicht im Stande,
Nicht fähig wäre, nur zu überdenken,
Die will ich Dir in furchtbar grimmer Lust
So Schlag auf Schlag auf Deine Seele häufen,
Daß dieser Qualen Last -- u. s. w.«
»So etwa lautete der Monolog und hier concentrirte sich der Glanzpunkt
des ganzen Stückes, denn diese Kraftrede mußte von fabelhafter
Wirkung sein. In der Probe wurde deshalb auch besonderer Fleiß auf die
Einstudirung der so bedeutenden Scene verwandt. Nur _eine_ Schwierigkeit
fand man in der Rolle des Pagen oder Dieners, den ein blutjunger, und
durch das viele auf ihn Einreden eher noch verdutzter gemachter Anfänger
gab. Er zeigte sich wenigstens die ersten Male sehr ängstlich, und
konnte nur durch ziemlich fleißiges Einüben dahin gebracht werden, seine
paar Worte: >sie flohen durch den unterird'schen Gang;< und >sie haben
Pferde, Herr!< richtig zu sagen. Rott war denn auch unermüdlich, die
Rede wieder und immer wieder zu probiren, und besonders konnte er die
Stelle: >sie haben Pferde, Herr< -- Was Pferde, ha -- wenn sie nicht
Flügel haben -- u. s. w. -- nicht oft genug wiederholen -- endlich ging
es.«
»Der Abend kam -- das Stück hatte sich bis zu dieser Scene
vortrefflich gespielt -- die Decoration des unterirdischen Gewölbes war
ausgezeichnet, der Monolog, oder vielmehr der >furchtbare Ausbruch
des grimmen ritterlichen Gemüthes<, mußte jetzt dem Ganzen die Krone
aufsetzen, und der Burggraf stürzte mit blitzendem Schwert, während den
oberen Galerien vor Angst und peinlicher Erwartung der Athem verging,
auf die Scene. Er war _ganz_ sicher, denn im Zwischenakt hatte er mit
dem Pagen _die_ Scene _noch_ einmal durchprobirt. Also der Graf stürzte
mit gezücktem Schwert auf die Bühne:
Hab ich dich endlich -- beim allmächtgen Gott,
_Hier_ sollst Du Rede stehn -- ergieb Dich, Schuft
Ha -- was ist das? -- darf ich den Augen trauen.
Allein Du, Page, hier?
(Page in Todesangst):
O hoher Herr --
Sie flohen durch den unterird'schen Gang!
Der Schuster störte hier das Drama ein wenig, denn er hatte
wahrscheinlich geglaubt, dies sei die Pointe des Stücks und fing wieder
unmenschlich an zu lachen, so daß die Uebrigen endlich mit einstimmten.
»Ja aber, wenn Sie auch stets, und gerade an der wichtigsten Stelle
unterbrechen,« sagte Strohwisch pikirt, und trank sein Bier auf einen
Zug aus -- »wie kann ich denn da erzählen.«
»Der Schuaster, lacht schtäte,« sagte der eine Bauer und stieß den also
Erwähnten mit den Knöcheln in die Rippen -- »bist doch ruhig -- 's kummt
ja erscht noch.«
»Ja, nun haben Sie mich ganz herausgebracht,« nahm Strohwisch die
Erzählung wieder auf -- »also der Ritter stürzt herein --
Ha -- was ist das, darf ich den Augen trauen.
Allein Du, Page, hier?
(Page in Todesangst):
O hoher Herr!
Sie flohen durch den unterirdschen Gang.
_Graf:_
Fort, ihnen nach. --
(Page todtenbleich und an allen Gliedern zitternd):
Sie haben -- F -- Flügel, Herr!
Der Burggraf stand entsetzt -- das Furchtbare war geschehn, und seine
Rede ihm an der Wurzel abgeschnitten -- Sie haben _Flügel_, Herr.
>Dann hol' sie der Teufel!< schrie da der Graf in resignirender Wuth,
stieß sein Schwert klirrend in die Scheide zurück, und verließ unter dem
donnernden Bravoruf des Publicums die Bühne.«
Die Zuhörer saßen alle still und schweigend da -- keiner sprach ein Wort
-- selbst der Schuhmacher wagte nicht zu lachen -- fand auch gegenwärtig
keinen Grund -- nur der eine Gemeindevorstand frug nach einer ziemlich
langen feierlichen Pause:
»Un wie wurd's denn nu nachens -- kriggt er se?«
Die Zuhörer schienen sich besonders dafür zu interessiren. Strohwisch
aber hob sein Töpfchen an die Lippen, that einen langen, langen Zug
und trommelte dann, als er endlich gezwungen war, abzusetzen, einen
zweihändigen Generalmarsch auf der Tischplatte. Weitere Fragen von
Seiten der Gesellschaft sollten da ziemlich plötzlich durch einen Lärm
von außen abgeschnitten werden. Die Thür wurde aufgerissen und einer
von den Knechten des benachbarten Bauergutes steckte den Kopf herein und
schrie:
»'S brännt im Gute drungen!«
Rasch schlug die Thüre wieder zu und die Gäste fuhren Alle erschreckt
von ihren Sitzen auf. Nur Strohwisch und die beiden Weinreisenden
blieben sitzen und meinten, es würde nicht so bedeutend sein. Da nicht
Sturm geläutet wurde, schien die Sache auch nicht so gefährlich, der
Gemeindevorstand mußte sich aber doch an Ort und Stelle überzeugen, ihm
folgten die meisten der Anwesenden, und das Kleeblatt war auf einige
Zeit fast im alleinigen Besitz der Schenke -- die Wirthin hinter dem
Ofen und ein alter Bauer, der an einem Tischchen in der Ecke sitzen
geblieben war, natürlich nicht mitgerechnet.
Strohwisch, der sich Trost in einem frischen Töpfchen holte, recitirte:
Der Feuerlärm so in der Nacht
Hat doch was zu bedeuten,
Denn er versammelt tausende
Von -- _aufgeweckten_ Leuten -- hahahaha.
»Nu hiaren Se, Herr Strohwisch,« sagte da der alte Bauer -- »iber so'n
Feier is nu gerade nich zu lachen -- das missen Se nich duhn.«
»Hahaha,« lachte nichts destoweniger der Humorist, »das Feuer ist ein
mir verwandter Geist, alter Freund, das sprudelt Feuerfunken, und ich
sprudle Geistesfunken, und so fühle ich denn fast für jede auflodernde
Gluth, die ich sehe, eine gewisse Art verwandtschaftlichen Interesses --
verstanden?«
Der alte Mann schüttelte sehr bedenklich mit dem Kopf, und trank sein
Bier, und Strohwisch ging mit seinen beiden neugewonnenen Bewunderern
einmal vor die Schenke hinaus, um zu sehn, ob sie vielleicht von hier
aus das Feuer erkennen könnten. Das war aber indessen schon wieder durch
das rasche Hinzuströmen helfender Menschen unterdrückt und gelöscht
worden, und als nach und nach die Leute von dem »Brande« zurückkehrten,
füllte sich auch die Schenke mehr als vorher wieder, und die eben
stattgefundene Brandstiftung, die hier nach all den Umständen
jedenfalls vorlag, bildete natürlich die einzige Unterhaltung, so daß es
Strohwisch, trotz unermüdlichen und zahlreichen Versuchen, nicht möglich
fand, die Aufmerksamkeit der Versammelten wieder wie in einen Brennpunkt
auf sich zu lenken. Er probirte Anekdoten -- Witze -- Verse -- es blieb
Alles gleich fruchtlos -- die Männer nahmen fast gar keine Notiz
von ihm, und selbst die Weinreisenden, der intelligentere Theil des
Publicums, fingen an, die eingehenden Berichte interessanter zu finden,
als seinen Humor.
Das war unerträglich -- Strohwisch, im Begriff Horneck zu verlassen,
denn der nächste Morgen war dazu bestimmt, ihn wieder der Residenz
zuzuführen, sollte also unbewundert, unbeklatscht scheiden? -- Nein,
das ging nicht -- das unselige Feuer drohte ihm allerdings die Palme des
Abends streitig zu machen, noch aber gab er den Kampf gegen das Geschick
nicht auf, noch gab es _ein_ Mittel, den Feind mit seinen eigenen Waffen
anzugreifen, zu besiegen.
»Meine Herren!« rief er, und trat auf einen Stuhl, »meine Herren!« --
der Lärm blieb noch immer ziemlich arg, nur die Gesichter der Meisten
wandten sich ihm zu, und der alte Bauer, der vorher des Städters
»gotteslästerliche Reden,« wie er sie nannte, mit angehört, erzählte den
ihm nächst Stehenden unter vielem und bedenklichem Kopfschütteln,
was der Fremde gesagt, und wie er über das Feuer im Dorfe gelacht
und gespottet habe. Der affectirte Städter war im Ort überhaupt nicht
beliebt, besonders hatten ihn die Bauerburschen auf dem Korn, weil
er mit seinen faden und nicht selten zweideutigen Schmeicheleien
ihre Mädchen verfolgte und ärgerte, und Strohwisch würde kaum mit so
zuversichtlich lächelndem Angesicht auf dem Stuhl oben stehen geblieben
sein, hätte er die keineswegs freundlichen Worte über sich hören können,
die hier in der einen Ecke entstanden, und sich rasch von Mund zu Munde
weiter pflanzten.
»Meine Herren!« rief der zähe Humorist noch einmal und mit immer
gellenderer Stimme -- »bitte, vergessen Sie Ihre Reden nicht -- aber ich
möchte nur ein paar -- nur ganz wenige Worte an Sie richten -- Hm -- Was
sind Sie so außer sich über ein Feuer? -- Was liegt in einem Feuer so
Entsetzliches? -- Es zerstört -- es vernichtet? -- ja, ich gebe es zu --
aber auch Zerstörung und Vernichtung ist manchmal gut, wo es gilt, das
Böse von der Erde auszurotten, die Uebel mit der Wurzel zu vertilgen.«
»Nua? mer söllen uns doch de Haiser nich ibern Kopp anstäcken lassen?«
sagte hier Einer -- dort ein Anderer -- »na, was schwätzt denn der do --
der rädt den Brandschtiftern ooch wol noch das Wort?«
»Meine Herren!« rief aber Feodor, zu dem keins der drohend gemurmelten
Worte drang, »meine Herren -- wo es gilt der Freiheit eine hehre Bahn
zu brechen, da lassen Sie uns selbst Feuer und Brand nicht scheuen,
aber Sie werden verstehen, welches Feuer, welchen Brand ich meine -- die
Fackel des Geistes muß mit kräftiger Faust in die Gebäude der Tyrannei
geschleudert werden, daß die Flamme lodernd und leuchtend zum Himmel
emporglühe.«
»_Was_ seggt der da?« riefen die Bauern verwundert unter einander, und
glaubten ihren Ohren nicht trauen zu dürfen -- »in die Gebaide sullen
mer Fackeln wärfen, un de Flammen sullen in de Hehe giahn? ei, den Kärl,
den sull ja en Dunnerwätter in den Erdboden verschlahn; schmeißt'en doch
'naus!«
»Meine Herren!« rief aber in diesem Augenblick Feodor Strohwisch mit
noch erhöhter Stimme, und suchte dabei in aller Hast wieder nach den
ewig versteckten, den unentgehbaren Gedichten -- die Außenwelt war für
ihn todt, er jauchzte nur in triumphirendem Selbstgefühl, daß er endlich
wieder das Wort erhalten, die Aufmerksamkeit der Schaar gefesselt hatte,
und seines Sieges gewiß, öffnete er das glücklich gefundene Papier, das
er beim Schein der dicht hinter ihm herunterhängenden Lampe recht gut
lesen konnte. »Erlauben Sie mir, Ihnen ein ganz kurzes wunderhübsches
Gedicht vorzulesen, das auf unseren jetzigen Zustand vollkommen paßt,
und dessen Sinn Sie gewiß billigen werden -- ein sehr guter Freund von
mir hat es verfaßt -- bitte, hören Sie.«
Die Bauern standen ganz ruhig -- sie glaubten immer den »Burschen mit
den langen Uahren un den Borschten,« wie er im Dorfe hieß, nicht recht
verstanden zu haben, denn daß Einer hier mitten zwischen ihnen Brand und
Feueranlegen predigen solle, ging ihnen doch fast über die Begriffe. --
Sie wollten also noch einmal hören, was er eigentlich beabsichtige,
und _wenn das wirklich war_ -- ei dann sollte ja dem »verdammten
Federfuchser der Deibel das Licht halten.«
»Meine Herren!« -- begann zum zehnten Mal mit einigem Räuspern der
Humorist -- er hielt in der linken Hand das Papier, zog den Kopf
stolz zurück, streckte die rechte Hand gerade von sich, und sagte mit
erhobener lebhafter Stimme --
»So werft der Freiheit Feuerbrand
In alter Herrschaft morsche Stützen,
Und kehrt den wüsten, faulen Tand
Zu Haufen -- Röcke, Hosen, Mützen --
In Pech und Schwefel sterbe hin,
Was hier den freien Geist gehemmet,
In wilder Gluth soll untergehn,
Was uns den freien Will'n umdämmet.
Hoch lodre zu dem Himmelsdom
Die Flamme auf in lichter Lohe,
Und von Kopenhagen bis nach Rom
Verbreit' die Nachricht sich -- die frohe --
In Brand und Flammengluth gestürzt,
Und unter Trümmern --
»Schmeißt den Kerl doch 'naus!« unterbrach da plötzlich eine gellende
Stimme den Vortrag -- »'naus mit em -- 'naus!« tönte es aus allen Ecken
heraus, und Strohwisch sah rasch auf, wem dieser drohende Ruf eigentlich
gelte.
»Naus mit dem Brandstifter!« schrien in diesem Augenblick auch die ihm
näher Stehenden, und griffen ihn an Arm und Rock an --
»Hallo da, Leute -- was ist das?« sagte der Humorist, mehr erstaunt als
erschreckt, denn er begriff noch immer nicht, was die Menge von _ihm_
wolle, von ihm wollen _könne_.
»Naus mit 'em Hallunken -- 'naus mit dem borschthärigen Dintenkleckser!«
»Aber Leute, seid Ihr denn des Teufels?« rief der _sehr_ gute Freund
des Dichters, und suchte sich den handgreiflichen Erklärungen der ihm
Nächsten zu entziehen -- »ich werde doch wahrhaftig« --
»Schlaht en hinger's Gehär!« schrie aus der Ecke einer vor, der sich
noch die größte Mühe gab, zu dem Ziel seines Zornes hin zu gelangen --
»haut en de Dohle 'nin.«
Strohwisch war von dem Stuhl getreten, und hatte seinen Hut, den er
Anstands halber während er das Gedicht vorlas in der Hand gehalten,
aufgesetzt -- kaum hörte er den letzten Rath aber, so griff er rasch
darnach, ihn wieder herab zu reißen -- doch zu spät -- ein kräftiger,
vortrefflich gezielter Schlag trieb ihm die »Dohle,« wie sie in Horneck
sagten, bis tief über Ohren und Augen, und jetzt in Stockfinsterniß von
allen Seiten gestoßen und geschlagen, nicht einmal mehr im Stande sich
mündlich zu vertheidigen, denn der Hut benahm ihm fast den Athem, wurde
diese Parodie auf »Oeffentlichkeit und Mündlichkeit« im summarischen
Gerichtsverfahren, mit abgetretenen Sporen und zerrissenem Rock zur Thür
hinausgeknufft und geprügelt, und dort, als ob solch ein erbärmliches
Menschenkind aus der Stadt gar keines weiteren Nachsehens werth sei,
seinem Schicksal überlassen.
Was aus ihm geworden, hat man in Horneck nie erfahren -- am nächsten
Morgen war er spurlos verschwunden.
Elftes Kapitel.
Des alten Schulmeisters Lohn.
Papa Kleinholz hatte sich in der letzten Zeit recht gut erholt, die
reine kalte Luft war ihm vortrefflich bekommen; er befand sich schon
wieder wohl genug, stundenlang das Bett zu verlassen, in der Stube herum
zu gehn, und dann und wann auch einen kurzen Spatziergang draußen im
Freien zu machen; aber die Schwäche, die von der Krankheit zurückblieb,
wollte ihn nicht verlassen, und nur auf Lieschens Arm gestützt wurde es
ihm möglich, irgend wie aufrecht zu stehn.
Und wäre das anders möglich gewesen? -- ließ es sich denken, daß bei
solcher Nahrung, wie sie der alte Schullehrer mit den Seinen theilte,
der Körper eines schon ohnedieß alterschwachen Greises gekräftigt werden
konnte? -- Wäre es möglich gewesen, daß diese dünnen wässrigen Gemüse,
mit dem spärlichen Fleisch dann und wann die Woche, ersetzen sollten,
was ihm Krankheit genommen, und woran so lange, lange Jahre hindurch
Sorge und Noth gezehrt und genagt? Kräftige Fleischbrühen, Rindfleisch,
gute in Fett geschmorte Gemüse und solche Sachen sollte der
Reconvalescent bekommen -- das hatte der Arzt, als er zum letzten Mal
in der Schule war, gesagt, und dem alten Kleinholz war, als er die Dinge
alle nennen hörte, das Wasser im Munde zusammengelaufen -- aber wovon
jetzt solche Luxusartikel, solche Delicatessen anschaffen? -- Du lieber
Gott, sie konnten von den paar Thalern, die sie erhielten, und da so
viele Medicin gebraucht wurde, nicht einmal das Alles bezahlen, was sie
nothwendig brauchten, wovon sie leben und existiren mußten, und gar
noch solche extravagante Ausgaben -- nein, das ging nicht an. Dem Doctor
konnte man aber doch die Verhältnisse nicht so g'rad heraussagen, wie
sie waren -- Lieschen schämte sich wenigstens der Gemeinde wegen,
dem fremden Arzt zu gestehn: wir sind nicht im Stande etwas mehr
anzuschaffen, als was wir eben brauchen, um dem Verhungern zu entgehn.
-- Acht Menschen wollen essen, und diese acht Menschen sollten das
von 50 Thalern das ganze Jahr -- wären sie das im Stande? -- Nein --
Schulmeisters Kinder dürfen aber den weisen Generalartikeln nach
nicht betteln gehn -- stehlen wollen sie nicht -- was bleibt ihnen da
übrig? --
Hennig that allerdings was in seinen Kräften stand, und mehr, als
Tausende an seiner Stelle gethan hätten, er betrachtete seine Kasse
als die des alten Lehrers, und aß was er aß, darbte wenn er darbte. Das
konnte aber doch auch nicht auf die Länge der Zeit dauern, denn Hennig
sollte nicht blos, wie der alte emeritirte Lehrer, vegetiren, er sollte
auch lernen, um wieder lehren zu können -- er mußte lesen und studieren
-- um das aber zu thun, hätte er einen Platz dazu und Geld zu Büchern
haben müssen, und blieben die Verhältnisse so wie sie jetzt waren,
so sah er keine Aussicht, wie ihm das je ermöglicht werden könne. Die
Hoffnung lebt aber und stirbt mit uns -- Papa Kleinholz hatte sein
Bittgesuch um Zulage durch den Herrn Pastor und mit dessen Bevorwortung
eingereicht, und das mußte in diesen Tagen wieder zurückkommen, nachher
ließe sich, wenn von dieser Seite Hülfe wurde, schon eher ein Abkommen
treffen. Daß ein Gesuch, auf solche Art an das Ministerium gebracht,
abschläglich beschieden werden könnte, durfte man nicht gut erwarten,
daran dachte Vater Kleinholz auch wirklich nicht einmal, denn er war so
fest überzeugt, und wußte so genau, er _müsse_ eine Zulage und noch dazu
eine ziemlich bedeutende Zulage haben, wenn er nicht effectiv und im
wahren Sinne des Worts verhungern sollte, daß er auch nicht glauben
konnte, die Regierung, die ja doch von allen Seiten so gerühmt ward,
würde es dahin kommen lassen. Einem so rührenden Bericht, wie ihn
sicherlich der Herr Pastor Scheidler eingereicht, hätte selbst
das frühere Ministerium, das sich sonst nicht gerade gern auf
Schulmeisterzulagen einließ, beistimmen müssen, wie viel mehr also
solche Männer, die, aus der Wahl des Volkes hervorgegangen, auch für das
Volk jetzt wirkten, und bis dahin noch immer gewirkt hatten, wenn sie
irgend konnten, und es für nothwendig hielten -- und war es hier etwa
_nicht_ nothwendig?
Die Entscheidung blieb freilich recht lange -- recht entsetzlich lange
aus.
»Wenn es ihnen der Herr Pastor nur auch recht ordentlich an's Herz
gelegt hat,« seufzte Lieschen oft, nachdem der Vater selbst schon mit
seiner Riesengeduld ängstlich geworden war, und die Stunde herbeisehnte,
in der er die Heil und Segen bringende Bewilligung seiner Bitte
erfüllt sehen sollte. Nach solchem Zweifel richtete sich aber der alte
Schulmeister in seinem Stuhle auf, und sagte:
»Laß Du nur den Herrn Pastor gehn, das ist ein ganzer Mann, und weiß,
was er zu thun hat -- dessen Versprechen habe ich, sein Möglichstes in
der Sache zu thun, und was der verspricht, das hält er. Wenn sie
mich armen alten Mann, was sie aber _nicht_ thun werden, wirklich
abschläglich beschieden -- _der_ reiste selbst in die Residenz, und
ginge sogar zum Könige, ihm die Sache vorzustellen -- ich kenne doch
unsern Herrn Pastor.«
Lieschen schüttelte bei solchen Worten immer das Köpfchen, und schaute
nachher nur noch viel trüber und trauriger aus, denn das felsenfeste
Vertrauen auf den Geistlichen konnte sie, sie mochte sich nun Mühe
geben, wie sie wollte, nimmermehr theilen.
So rückte, unter Hoffen und Harren, unter frohen Erwartungen und bangen
Zweifeln der Anfang Februar des Jahres 1849 heran, und die Lage des
alten emeritirten Lehrers wurde mit jedem Tage trauriger. Seine Schulden
in der Apotheke, denn Hennig hatte die eigene Casse schon bis auf den
letzten Pfennig erschöpft -- wuchsen mit jeder Woche; seine Kräfte
nahmen dabei immer mehr und mehr ab, und die dunstige ungesunde
Stubenluft -- da ihn die strenge Kälte des Januar stets in das Haus und
das verschlossene Zimmer gebannt -- that wohl auch das ihrige, die zum
Aeußersten zerrüttete Constitution des alten Lehrers zu untergraben.
Die Kälte hatte jetzt allerdings nachgelassen, und eine weit mildere
Luft kündete, trotz der frühen Jahreszeit, den nahenden Lenz, da kam
eines Morgens Hennig mit der freudigen Botschaft zu dem alten Kleinholz
herüber, der Pastor habe einen Brief vom hohen Ministerium erhalten und
werde am Nachmittag selber herüberkommen.
Einen Brief vom hohen Ministerium -- Gott sei Dank, endlich, endlich
-- so hatte die Noth doch zuletzt ihr Ziel erreicht, und der alte
Schullehrer konnte, wenn auch immer noch in seinen Verhältnissen
gedrückt, wenigstens ohne Angst vor dem Verhungern der Zukunft
entgegensehn. An dem Mittag wurde -- denn für diesen Zweck war sie so
lange aufgehoben, -- die an Weihnachten empfangene zweite Flasche Wein
angebrochen, Schulmeister Kleinholz trank ganz wider Erwarten zwei
tüchtig volle Gläser davon bis auf die Nagelprobe aus, und war überhaupt
heute so munter, so lebenskräftig, daß dem lieben guten Lieschen die
hellen Freudenthränen in den Augen standen, wenn sie ihren Vater nur
ansah. Nichts desto weniger konnte sie auch eine leise, unbestimmte
Angst nicht unterdrücken, wenn sie manchmal an die Folgen dachte, die
eine Täuschung -- aber das war ja doch nicht möglich, also fort mit
den Grillen und Sorgen; ihr alter guter Vater schien ordentlich wieder
frisch aufzuleben, und da sollte sie doch wahrlich die Letzte sein, die
betrübt und kleinmüthig der Zukunft entgegenschaute.
Der Nachmittag kam, die Schule war aus, die Kinder eben in jugendlichem
Uebermuth den steilen Hügel hinunter gesprungen, und Lieschen hatte in
aller Eile das Zimmer so weit gelüftet und aufgeräumt, wie möglich, daß
ihr Vater wieder herunter konnte und der Herr Pastor nicht in das enge,
unfreundliche Bodenkämmerchen hinauf zu klettern brauche.