Nicht Alle hatten jedoch des Brandstifters Verfolgung so leicht

aufgegeben, als die bald zurückkehrenden Dienstleute; einer der

Brennerknechte, ein flüchtiger, gewandter Bursche, der gleich im

Anfange seinem Herrn zu Hülfe gesprungen und nur wenige Secunden zu spät

gekommen war, ließ sich selbst durch die Dunkelheit nicht abschrecken,

und blieb dem Flüchtigen so dicht er konnte, ohne jedoch auch nur ein

Wort zu sagen, oder einen einzigen Schrei auszustoßen, auf den Hacken,

ja folgt ihm, er mochte nun links oder rechts, durch Garten oder Hofraum

abspringen, manchmal unter dunklen Hecken hinlaufen, manchmal freie

Grasplätze überfliegen, still und unverdrossen wie sein Schatten.

Krautsch, der im Anfang schon geglaubt hatte, allen Feinden glücklich

entgangen zu sein, blieb einen Augenblick stehen, um auszuruhen und

zurückzuhorchen, als er dicht hinter sich die rasch nahenden Schritte

hörte. Im Nu nahm er die Flucht wieder auf, dem stillen Verfolger aber

entging er nicht; so oft er auch -- jetzt in immer wachsender Angst

-- einen Vorsprung zu gewinnen glaubte, so hielt jener mit ihm stets

gleiche Entfernung, ja es kam ihm sogar so vor, als ob er ihm bei

ebenem, geraden Wege gar näher und näher rücke. Er verließ deshalb die

Richtung, die ihm dem verabredeten Rendezvous entgegenführte, sprang

über eine niedere Mauer, floh durch einen Obstgarten und erreichte

einen schmalen Streifen Feld, der zwischen dem Dorfe und einer dort

errichteten Windmühle lag -- der Brennknecht that dasselbe -- er

wechselte in das Dorf zurück -- sein Verfolger ebenfalls, und Krautsch

fing schon an, in abergläubischer Furcht den unerbittlichen Verfolger

für irgend ein überirdisches Wesen zu halten, das ihm in der Art sein

ganzes Leben lang auf den Fersen bleiben, und rastlos von Ort zu Ort

weiter jagen solle und werde. Er fühlte endlich, wie ihn, durch Angst

und Anstrengung erschöpft, die Kräfte verließen und daß er, wenn er

nicht auf eine List sinne, und sein Feind wirklich ein Mensch von

Fleisch und Blut sei, rettungslos in dessen Hände fallen müsse. Durch

öfteres Abdrehen war es ihm jetzt wenigstens für einen Moment gelungen,

dem Verfolger aus den Augen zu kommen, wenn er auch auf dem gefrorenen

Grunde die Schritte noch deutlich genug hören konnte, zu gleicher Zeit

sah er, wie hier und da aus dem Dorfe Einzelne dem Hofe zuliefen, da die

Nachricht, es sei Feuer im Gute unten, sich mit Blitzesschnelle im Dorfe

verbreitet hatte. Das letzte Mittel also wagend, sprang er, gerade als

ein junger Bursche den Weg vor ihm hinabgelaufen war, rasch über die

Hecke, die ihn von der breiten Straße jetzt trennte, kroch hier einige

Schritte rechts ab hinter einige Haufen Steine, und blieb hier mit

klopfendem Herzen, aber regungslos liegen.

Kaum zehn Secunden später folgte ihm mit gewandtem Satz und noch

immer unermüdeten Gliedern der Brennknecht, blieb an der Hecke einen

Augenblick stehen und schlug sich dann, den eben vorbeigelaufenen

Bauerburschen, da er Niemand weiter sah, für den Verfolgten haltend,

links ab, diesem nach. Allerdings entdeckte er seinen Irrthum sehr

bald, Krautsch hatte aber auch die wenigen ihm vergönnten Minuten so

vortrefflich benutzt, daß er seinen Feind jedenfalls von der Fährte

brachte. Dieser suchte wohl eine Viertelstunde mit unermüdlichem Eifer

zwischen den benachbarten Hecken und Gräben herum, doch vergebens, der

Brandstifter blieb verschwunden und der Brennknecht kehrte erschöpft,

trotz der bitteren Kälte durch und durch in Schweiß gebadet, nach dem

Gute zurück, wo man indeß des Feuers ziemlich Herr geworden zu sein

schien.

Sobald sich Krautsch, wenigstens von dieser Seite aus, sicher wußte --

und eine wahre Felsenlast war ihm dadurch vom Herzen genommen -- schlug

er wieder die früher beabsichtigte Richtung, dem Orte zu, ein, wo er

seinen Verbündeten treffen sollte. Durch diese hartnäckige Verfolgung

war er aber entsetzlich aufgehalten worden, und wenn er sich jetzt auch

mit allen Kräften abmühte, recht rasch vorwärts zu kommen, fühlte er

sich doch so erschöpft und abgemattet, daß er die Glieder kaum regen und

die Beine heben konnte. Nichtsdestoweniger zögerte er keinen Augenblick

mehr, das Versäumte nachzuholen, und wunderte sich nur fortwährend,

die Lohe noch nicht aus den Scheunen herausschlagen zu sehen, da er den

Feuerlärm unten doch mit eigenen Ohren vernommen.

Endlich erreichte er das Holz und, hier mit Weg und Steg genau bekannt,

auch den schmalen Fußpfad, der ihn gerade bis dicht zur verabredeten

Stelle führen mußte. -- Er blieb ein paar Mal stehen, hielt sich, um nur

nicht umzusinken vor Mattigkeit an die nächsten Bäume an und sah jetzt

die kleine, etwa hundert Schritt im Durchschnitt haltende Waldwiese, in

der, gleich am Rande, die Blutbuche stand, und wo ihn Poller, falls er

eher eintreffen sollte als er, erwarten sollte.

* * * * *

An dem nämlichen Abende war der alte Holke, wie man ja auch dem Boten in

der Försterwohnung gesagt, mit einem von seinen Zeichenschlägern in den

Wald gegangen, um einem Wilddiebe, dessen Schlichen er erst in letzter

Zeit auf die Spur gekommen, nachzuspüren. Der mußte aber wohl von irgend

einem guten Freunde Nachricht erhalten haben, oder es war ihm die Nacht

zu kalt und dunkel gewesen, kurz, trotz der sehr bestimmten Anzeige, daß

er jedenfalls in der und der Zeit an einer gewissen Stelle im Walde zu

finden sein würde, ließ er sich gar nicht sehen, und Holke kehrte eben

ziemlich mißmuthig und durchfroren mit seinem Begleiter nach Horneck

zurück, als sie plötzlich Beide gar nicht weit entfernt und zweimal

hintereinander einen Pfiff -- jedenfalls als Signal, hörten.

Die beiden Männer standen wie in den Boden gewurzelt und lauschten mit

der gespanntesten Aufmerksamkeit dem bedeutungsvollen Ton. -- Einige

Secunden Ruhe und der Pfiff wurde wiederholt.

»Das ist er ganz bestimmt,« flüsterte Holke und faßte des Holzschlägers

Arm -- »ruhig jetzt, Schmidt -- ich will den Schuft abwarten, vielleicht

geht er in die Falle.« Er antwortete vorsichtig und horchte dann wieder

mit angehaltenem Athem.

Noch einmal tönte das Zeichen und dann kamen ziemlich schwere Schritte

langsam und, allem Anschein nach, jedes Geräusch vermeidend, näher.

»Jetzt aufgepaßt,« zischte der Jäger, nahm die Flinte in die linke Hand,

um sie im schlimmsten Falle bereit zu haben, und machte sich mit dem

Holzschläger zum Ansprung fertig.

* * * * *

Krautsch blieb, als er den helleren Fleck der Wiese zu seiner Linken sah

und an dem Fußpfad genau die Blutbuche erkannte, einen Augenblick stehen

-- es war ihm, als ob er Schritte im Laube höre. Das mußte jedenfalls

sein Verbündeter sein, denn der konnte, nach all dem Aufenthalt, den

er selbst gehabt, den Platz schon recht gut vor einer Viertelstunde

erreicht haben; es fing ihn aber jetzt, durch das langsamere Gehen und

nach der früheren Erhitzung, doch an zu frieren, und er gab deshalb

rasch, immer aber noch vorsichtig im dunklen Schatten der Bäume

bleibend, das verabredete Zeichen. -- Er pfiff zweimal leise und wartete

dann auf Antwort.

Alles todtenstill. -- Poller mußte wahrhaftig doch schon da sein. Er

wiederholte den Pfiff und diesmal etwas lauter, und gar nicht weit wurde

er, jedoch nicht dicht neben der Buche, sondern wohl zwanzig Schritte

davon entfernt, beantwortet. Krautsch ging rasch auf die Richtung zu,

pfiff, um sich als den Rechten zu legitimiren, noch einmal und

sagte dann, als er den Platz glaubte erreicht zu haben, mit leiser,

vorsichtiger Stimme:

»_Poller_ -- Poller -- bist De do?«

»Ja,« lautete nach einigem Zögern die eben so leise Antwort -- »wer

ist's?«

»Krautsch -- hast De's?«

»Ja -- komm!«

»Herr Je,« lachte der Bauer mit unterdrücktem Jauchzen, »nu aber

dusemang nach Amerika,« und er trat mit den Worten auf den kleinen

dunklen Busch zu, stürzte aber auch in demselben Moment mit dem

Schreckensrufe »alle guten Geister!« auf die Knie nieder, denn zwei

wilde Gestalten fuhren mit Blitzesschnelle auf ihn zu, faßten ihn und

warfen den Überwundenen zu Boden nieder.

»Schuft!« rief zu gleicher Zeit der alte Holke -- der Eine von diesen

Beiden -- und knüpfte dabei seine Hundeleine von der Jagdtasche los, den

Ertappten, im Falle es nöthig sein sollte, damit zu binden -- »was

hast Du wieder hier im Schilde geführt, Du Lump Du, willst Du

gleich gestehen, oder Dich soll ein Himmelsackerment in den Erdboden

hineinschlagen!«

Krautsch, der im ersten Schreck wirklich geglaubt hatte, sein früherer

unheimlicher Verfolger sei unbemerkt sogar bis hierher gekommen und

halte ihn nun in den Klauen, fühlte, wie ihm das Herzblut sogar in den

Adern stockte, und glaubte sich rettungslos verloren. Als er aber

gleich darauf Stimme und Angesicht des alten Jägers erkannte, der ihn

wahrscheinlich Wilddiebstahls wegen in Verdacht hatte, und nun, da er ja

doch keine Flinte bei sich führe, leicht zu befriedigen sein würde, auch

von dem Brande im Schlosse noch gar nichts wissen konnte, kehrte ihm der

Muth etwas wieder.

Er protestirte vor allen Dingen gegen eine solche Behandlung, frug,

weshalb er räuberischer Weise im Walde angefallen würde, und verlangte

freigelassen zu werden, da er nicht gewilddiebt, ja nicht einmal ein

Gewehr bei sich habe. Der alte Holke hatte aber zu viel Ursache, diesen

Burschen zu hassen, um nicht hier, wo wirklich Grund zum Verdacht

vorlag, die Gelegenheit zu benutzen, seine Rache an ihm in etwas

zu kühlen. Ueberdies waren die Worte, die er beim ersten Begegnen

gesprochen, jedenfalls bedeutungsvoll. -- Weshalb erwartete er, hier

draußen mitten im Wald und zu so später Stunde Einen der beiden Poller

hier zu finden -- und »jetzt nach Amerika?« -- das verlangte eine nähere

Erklärung, Krautsch blieb aber hartnäckig dabei, er wisse von Nichts --

er habe keinen Menschen hier treffen wollen, sondern nur seinen Heimweg

verfehlt; von Amerika etwas gesagt zu haben, könne er sich nicht

erinnern und verlange allen Ernstes freigelassen zu werden.

Das Leugnen machte ihn natürlich noch verdächtiger, und Holke wollte

eben daran gehen, ihm die Hände zu binden, als Krautsch noch einmal

Gewalt der Gewalt entgegenzusetzen suchte -- matt und erschöpft aber,

wie er war, konnte er gegen die beiden Männer, und der eine von diesen

war ein junger rüstiger Holzschläger mit wahrhaft riesigen Fäusten,

nichts ausrichten -- er wurde übermannt, gebunden und jetzt

aufgefordert, sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben, und dem Jäger mit

in das Gut hinein zu folgen.

Als Krautsch nun sah, daß er weder mit Leugnen, noch mit Widerstand

etwas ausrichten könne, und der Jäger wirklich im Begriff sei, seine

Drohung wahr zu machen, da verließ ihn endlich der starre, freche Muth,

welcher bis jetzt alle seine Handlungen und sein ganzes Wesen bezeichnet

hatte, er sank in die Knie nieder und bat den »Herrn Förster« um Gottes

und des Heilands Willen, ihn nur heute Abend nicht mit aufs Schloß zu

nehmen, sondern heim zu seinen Kindern, zu seiner Frau gehn zu lassen --

sie wären krank zu Hause -- eines liege im Sterben -- ach nur dies eine

und einzige Mal Gnade, und er wolle nie in seinem ganzen Leben wieder

eine Flinte anrühren, oder ein böses Wort gegen einen Jäger sagen.

Alles vergebens, hier bei _den_ Männern hatte er kein Erbarmen zu

hoffen, und Bitten wie Thränen, denn der rohe Geselle heulte endlich in

wilder Angst und Verzweiflung, blieben gleich erfolglos. Hätte er nichts

verbrochen, so brauche er sich auch nicht zu scheuen, die halbe Stunde

Wegs mitzugehn, und _hätte_ er etwas verübt, denn die Flinte könnte er

immer irgendwo versteckt haben, ei dann möge er sich jetzt auch auf die

Folgen gefaßt machen, denn heraus bekämen sie's, es möge gewesen sein,

was es wolle.

Krautsch, der hier auf für ihn so unselige Weise dem Jäger, seinem

Todtfeind, in die Hände gefallen war, mußte den beiden Männern nach dem

Gute hinunter folgen, und der Verbrecher wußte was ihn erwarte, wenn ihm

Gerechtigkeit würde.

Zehntes Kapitel.

Der Letzte der Strohwische.

Ich habe übrigens einen unserer alten Bekannten fast zu lange unbeachtet

gelassen, und es wird Zeit, daß ich ihn dem Leser noch einmal vorführe.

Allerdings trägt Feodor Strohwisch dabei selbst großentheils die

Schuld, denn als all' die Bewohner der Residenz mit ihren langweiligen

Kaffeeklatschen und Theevisiten vor den rauhen Nordstürmen zurück in

die wärmeren Mauern der Städte gezogen waren, blieb Feodor -- wie ein

flügellahmer Kranich am fernen Gestade -- einsam in Horneck zurück

und »büffelte«, wie er es selbst poetisch nannte, an einem Bande

humoristischer Gedichte, die er bei seiner Rückkehr nach der Stadt

»unterzubringen« dachte. So wenig er aber auch im Sommer gearbeitet, so

fleißig schien er jetzt zu sein, wo ihn auch die holden Töne von oben

nicht mehr störten (denn Anna Schütte war schon wieder der Schrecken

aller der Bewohner der Residenz geworden, die einmal gehofft hatten,

einen Nachmittag ungestört allein sein zu können) und das kalte Wetter

ihn überdies in sein Zimmer bannte. Die poetischen Funken flossen ihm

ordentlich elektrisch aus der Feder, und seine Gedichte mußten in der

That humoristisch sein, wenn sein eigenes Urtheil nämlich auch nur im

mindesten dabei angeschlagen werden konnte.

Feodor Strohwisch hatte nämlich die Eigenheit, sich jedesmal, wenn

er einen Vers gemacht, denselben fünf oder sechs Mal hinter einander

vorzulesen, und hatte darüber mehrere Male so gelacht, daß die

Wirthsleute erschrocken in das Zimmer gestürzt waren, um zu sehen, ob

ihrem Miethsmann vielleicht gar ein Unglück zugestoßen sei.

An diesem nämlichen Tage nun beendete Feodor wirklich das zu einem

vollständigen Bande nöthige Gedicht, schrieb es sauber ab, legte es

in seine Mappe und that, mit dem darüber auf's Aeußerste erstaunten

Puppenkopf im Arme, drei von donnernden Hurrah's begleitete

Freudensprünge. An dem nämlichen Abende lud er den Apotheker, den

Schulmeister -- der sich jedoch entschuldigte -- den Gemeindevorstand

und ein paar der reichsten Bauern in die Schenke ein -- nicht etwa, um

dort mit prosaischen Victualien ihre Magen zu überladen, nein, um

ihnen bei einem Glas Bier -- das sich die Bauern nicht nehmen ließen,

abwechselnd für ihn zu bezahlen, was er aber in seiner Zerstreuung gar

nicht bemerkte -- seine unsterblichen Gedichte vorzulesen und sie theils

zu stürmischem Beifall hinzureißen, theils ihre Lachmuskeln (ich glaube,

dieselben Muskeln benutzt die wirthschaftlich waltende Natur auch zum

Gähnen) bis zum Zerspringen anzustrengen.

Die kleine Gruppe, zu der sich noch ein paar zufällig dort

durchpassirende Grünberger Weinreisende gesellt hatten, saß oben im

»grünen Zimmer« bei einer ziemlich unbestimmten Anzahl von »Krügeln

Bier« um einen großen runden Tisch herum, und Strohwisch, vor dem ein

ganzer Haufen Papiere lag, führte das Präsidium mit Autorität.

»Meine Herren!« rief er nach einer kleinen Pause, in der er ebenfalls

einen Toast in Versen auf den »Nährstand« ausgebracht -- »meine Herren

-- aber nur nicht zu sehr dem Ernst sich hingegeben, nur die Humoristik

nicht aus den Augen gelassen -- es giebt im Menschenleben Augenblicke,

wo man dem Schicksal näher ist als sonst, und eine Frage frei hat an die

Götter -- sie antworten Einem aber nicht -- hahahahahaha.«

Der Schneider lächelte ebenfalls etwas dünn, die anderen saßen aber

ziemlich verlegen um den Tisch her, lächelten nur, und hätten vielleicht

sonst was darum gegeben, zu wissen, um was es sich hier eigentlich

handele, bis endlich der Gemeindevorstand, der sich nun endlich doch

überzeugt hatte, daß das jedenfalls ein Witz gewesen sein mußte, ganz

urplötzlich, und zwar mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, laut

herausplatzte.

»Einige famose Gedichte habe ich hier, meine Herren,« sagte Strohwisch

jetzt, der den allgemeinen Tumult benutzt hatte, seines Nachbars Bier

auszutrinken, worüber nachher ebenfalls wieder gelacht wurde -- »meine

Herren -- ich bitte Sie um Gotteswillen, keinen solchen Spektakel zu

machen -- bedenken Sie -- meine Herren -- daß wir mit solchen Ausbrüchen

jugendlicher Begeisterung Tageslicht verbrennen. -- Also Sie erlauben

mir vielleicht, meine Herren, daß ich Ihnen einen kurzen Bischofsextract

aus diesem >Wust der Wüste<, aus diesem Chaos literarischen Geistes

herauswüste -- hier ist ein famoses, epigrammatisch gehaltenes

Sinngedicht, was ein _sehr_ guter Freund von mir einmal in einer

heiteren Stunde gemacht hat -- hören Sie mir aufmerksam zu. -- Diese

einzelnen kleinen Sachen sind übrigens, wie ich Ihnen hier vorher

bemerken möchte, ebenfalls so -- so unbedeutend sie Ihnen auch auf den

ersten Anblick scheinen mögen -- von einem sehr berühmten Componisten,

Herrn Schultze, in Musik gesetzt, ich -- nein ich habe es wohl nicht bei

mir -- das schadet Nichts, ich werde Ihnen nachher einmal die Melodie

nur ganz kurz vorsingen. Also -- mein Freund schreibt:[1]

[1]: Die nachfolgenden Verse habe ich der interessanten Sammlung

»humoristische Mondlichter« von Theodor Drobisch entnommen.

Der Gutsherr starb und der Amtmann

Schrieb in das Dorf: Legt Trauer an!

Da schrie der ganze Bauernchor:

Hurra! jetzt kommen wir in Flor!

Hahahaha.«

Die Umsitzenden stimmten in das Gelächter ein und Feodor wandte sich

erläuternd an sie.

»Ich muß nämlich, meine Herren, hier mit Ihrer Erlaubniß eine kurze

Bemerkung einflechten -- diese Gedichte sind, wohlverstanden, alle unter

dem belebenden Einfluß der frischen herrlichen Landluft, der freien

Berge niedergeschrieben -- mein Freund hält sich den Sommer hindurch

gewöhnlich auf dem Lande auf -- hahaha -- also weiter:

Brennt doch die Gaslaternen an,

Rief höchst ergrimmt ein Bettelmann,

Daß man -- zum Betteln sehen kann!«

»Hahahahaha« -- lachte der dankbare Chor.

»Weil Siegellack so spröde ist,

So nimmt man jetzt Oblaten

Zu Liebesbriefen, daß sie gleich:

_Du bist geleimt_! verrathen.

Wär Michels Kopf so spitz,

Wie seiner Mutter Zunge,

Dann wäre er fürwahr

Ein grundgescheiter Junge.

Wie kommt's, daß Veit so trocken ist,

Dies könnt Ihr nicht errathen?

Er brauchte nicht, so wie wir Beid',

Zu schwimmen und zu waten.

Wie? Clara, diesen kargen Fant

Zum Mann? -- Mein Herz ist ganz beklommen;

Sie wollt' längst einen Knicker haben

Und -- hat ihn endlich doch bekommen.«

Die Meisten lachten über die Verse, der Schuster aber, der wenig Sinn

für Poesie hatte, sagte:

»Ei, so laßt das langweilige Gereime endlich einmal sein -- Donnerwetter

-- erzählt uns ein paar von Eueren komischen Geschichten -- die sind

viel mehr werth. --«

»Schuster, Schuster,« warnte ihn Feodor -- »gefährlich ist's den Leu zu

wecken, gar grimmig ist des Tigers Zahn, doch ach, das schrecklichste

der Schrecken, das ist ein Schuster in seinem Wahn.«

»Hahahahaha --« lachten die Uebrigen, Feodor aber seinen Sieg mit

raschem Feldherrnblick überschauend und verfolgend, fuhr fort:

Die Schuster sollte Gott Merkur

Mit Ehr und Ruhm bedecken,

Weil es ihr Handwerk mit sich bringt,

Den _Absatz_ zu bezwecken.

Strohwisch feierte einen glänzenden Triumph, der Schuster war, unter

einem wahren Sturm von Applaus, vollständig vernichtet, und mußte,

wollte er nicht ganz zu Grunde gehn, selbst mitlachen.

»Aber nu auch 'was erzählen,« sagte er endlich, als ob damit sein

früherer Angriff vollkommen gesühnt sein müßte, »keene Versche mehr.«

»Ja, was erzählen, was erzählen!« riefen die Umsitzenden, und Einer des

Gemeindevorstandes setzte hinzu:

»Was von's Deater, das kennt' er so schiane.«

»Ja, was von's Deater, was von's Deater,« stimmte der Chor ein.

»Hm, hm,« räusperte sich Feodor, und klappte vor allen Dingen einmal

den Deckel seines leeren Kruges, wie ganz in Gedanken, an das Glas an --

seine Zuhörer aufmerksam zu machen, daß es »am Besten« mangele. Der Wink

blieb dann auch nicht unbeachtet -- Einer der Bauern winkte mit einem

-- »holla Annegrethe« -- das flinke Schenkmädchen herbei und sagte dann,

über die Anderen hinüberrufend und auf Strohwisch zeigend:

»Geiht den Minschen do emol ä Glas Bier uf meene Kreide --

verschtanden?«

Das Mädchen nickte lächelnd mit dem Kopfe und führte den Befehl rasch

aus, Feodor aber, das eben erhaltene Glas erst einmal wohlgefällig gegen

das Licht hebend, that einen langen, kräftigen Zug, wischte sich den

Mund, worüber die ihm aufmerksam zuschauenden Bauern ebenfalls wieder

lachten, und begann:

»Ihr wißt, daß ich früher sehr befreundet mit dem berühmten Devrient

war« (allerdings hätte sich wohl Keiner der Anwesenden darüber können

eidlich vernehmen lassen, um aber die erwarteten Anekdoten nicht

aufzuhalten, nickten die Meisten schweigend mit dem Kopfe, als ob das

eine allbekannte, sich von selbst verstehende Sache sei) -- »also,« fuhr

Feodor fort -- »Devrient war ein verfluchter Kerl, Champagner immer die

Hülle und Fülle -- und auch immer Geld dazu, zu was Anderem aber gar

Nichts -- nicht die Probe -- die Ellbogen sahen ihm manchmal zum

Fenster heraus, aber den letzten Thaler wandte er an ächten Sillery oder

Burgunder.«

»Sellerie?« frugen die Zuhörer erstaunt.

»Sillery,« berichtigte Feodor -- »der Name eines famosen Champagners --

hätten wir ein Glas davon -- also, wo war ich stehen geblieben -- ja. --

Ich und Devrient saßen also auch einmal Abends in der Kneipe zusammen,

denn er konnte gar nicht ohne mich sein, und sagte immer, es fehle ihm

sogar etwas, wenn er Morgens aufwache und mich nicht da sehe -- und

Devrient, der das eine Bein unter dem Tische vorstreckt und den Fuß

in die Höhe hebt, zeigt mir das höchst zweideutige Oberleder und die

abgelaufenen Sohlen und versichert mich im Vertrauen, kein Schuster

wolle ihm mehr auf Credit arbeiten, und er werde, wenn ihn nicht ein

glücklicher Einfall oder ein >Pump< zu ein paar neuen Stiefeln verhelfe,

nächstens barfuß gehen müssen. Geld hatt' ich nie -- von einem

>Pump< konnte also bei mir auch gar nicht die Rede sein -- aber einen

>glücklichen Einfall< -- das schlug in mein Fach -- dafür war ich

humoristischer Schriftsteller, einen Augenblick saß ich nur, stützte den

Kopf auf den Tisch und dachte nach -- dann streckte ich auf einmal die

Hand gegen ihn aus und rief: »Topp!« Er sah mich ganz erstaunt an, und

wußte gar nicht, was es zu bedeuten habe -- ich riß ihn aber bald aus

seinen Zweifeln. -- >Devrient,< sagt ich -- >Du sollst ein paar Stiefeln

haben -- straf mich Dieser und Jener -- Du sollst sie haben!< >aber

wie?< >gleichviel, Du kriegst sie< rief ich, nahm ihn unter den Arm

führte ihn auf die Straße und theilte ihm hier mit wenigen Worten meinen

Plan mit -- er war entzückt davon -- >Strohwisch!< rief er, >das werd

ich Dir nie vergessen, das ist famos und wird ein capitaler Spaß.<«

»Aber wie war's denn?« frug der Schuster neugierig, zu erfahren, wie es

die beiden »liederlichen Stricke«, wie er sie nannte, gemacht hätten, um

einen seiner armen Collegen hinters Licht zu führen.

»Werdet's gleich erfahren,« fuhr der Humoristiker fort -- »Devrient

beendete nämlich an demselben Tage sein Gastspiel in Wien, und verließ

die Stadt am nächsten Morgen -- darauf war mein Plan gebaut. Abends spät

schickte er zu einem der berühmtesten Schuhmacher der Residenz und läßt

diesen auffordern, mit einigen paar Stiefeln zu ihm zu kommen -- der

Meister erscheint augenblicklich und bringt einen Gesellen und sechs

paar prachtvolle Stiefeln mit. Devrient lacht das Herz im Leibe, er

läßt sich aber Nichts merken und probirt die Stiefeln an. Ein Paar paßt

vorzüglich -- nur der linke drückt etwas auf dem Ballen -- ließe sich

das wohl ändern? -- Oh versteht sich -- nichts leichter als das -- nur

die Nacht auf den Leisten stehn -- gut -- der Preis? -- doch gleichviel,

wir werden schon einig darüber werden. Der Meister ist entzückt -- läßt

den einen Stiefel da und rennt spornstreichs zu Hause, den anderen auf

den Leisten zu schlagen. Was thut Devrient indessen, -- der schickt nach

einem anderen Stiefelleur und --«

»Ah --« schrie der Schuster und zeigte lachend mit dem Finger auf den

verblüfft ihn ansehenden Strohwisch -- »das ist eine alte Geschichte,

die stand vor drei Jahren im Pirna'schen Kalender -- die hab' ich selber

zu Hause.«

»Im Pirna'schen Kalender?« frug Strohwisch entrüstet.

»Ja ja ja,« lachte der Schuster -- »beim Monat März, aber der

Schauspieler hieß nich Defrieng und es war auch gar kein Schauspieler,

sondern ein Sänger.«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band. · 第 8 / 11 段