Liebes unschuldiges Kind, das Du von klein auf gelernt hattest, zu

dem geistlichen Vorgesetzten Deines Vaters mit stummer Ehrfurcht

aufzuschauen, welche bittere Ironie sprachst Du -- unbewußt -- in den

wenigen Worten »damit der Herr Pastor nicht in das enge, unfreundliche

Bodenkämmerchen hinauf zu klettern braucht« -- Du schämtest Dich

des Platzes, nur des Herrn Pastors wegen, und wolltest ihm gern die

Unbequemlichkeit ersparen, jenen unfreundlichen, traurigen Aufenthalt

auch nur zu betreten -- daß aber Dein armer alter Vater -- der Lehrer

und Erzieher fast des ganzen Dorfes, in den vier Wänden leben --

existiren mußte -- daß ihm ein solcher Raum zu seiner bleibenden Wohnung

angewiesen worden, während der Geistliche sein behagliches geräumiges,

ja kaum halb benutztes von Reben umranktes Haus da drüben stehen hatte,

das fiel Dir nicht auf, das fandest Du ganz in der Ordnung -- und

weshalb? -- Ei, das war ja der Herr _Pastor_, und Dein Vater? -- _Nur_

der _Schulmeister_ im Dorfe.

»Der Herr Pastor!« riefen endlich die Kinder, die schon seit peinlichen

drei Viertelstunden am Fenster auf der Lauer gestanden, um die Ankunft

des ehrwürdigen Herrn voraus zu verkünden, und dem alten Kleinholz

flogen in seinem harten, mit Kissen aber sorgfältig ausgestopften

Armstuhl, die Glieder wie Espenlaub. Aus tiefgewurzeltem Respect wollte

er sich jetzt auch absolut emporrichten, um seinen gütigen Vorgesetzten

stehend zu empfangen, das gab aber Hennig unter keiner Bedingung zu.

Der alte Mann hätte es übrigens auch gar nicht gekonnt -- wie er nur den

Versuch machte, sank er gleich wieder kraftlos zurück, und so mußte es

denn, »da es der Herr Pastor auch wohl seiner Schwäche zu Gute halten

würde,« unterbleiben.

Die Thür ging auf, und der Geistliche trat, von den Bewohnern der Schule

freundlich begrüßt, und den Gruß eben so freundlich erwiedernd -- o das

war sicherlich ein gutes Zeichen -- herein. Fast unwillkührlich machte

Kleinholz einen neuen Versuch, sich emporzurichten, Hennigs Hand lag

aber auf seiner Achsel, und Pastor Scheidler sagte gütig:

»Bleiben Sie sitzen, lieber Kleinholz, bleiben Sie sitzen, was wir mit

einander abzumachen haben, können wir Beide sitzend abmachen,« und er

ließ sich dankend auf den, ihm von Lieschen schnell herbeigetragenen

Stuhl nieder, nahm aber dabei schon ein Packet oder einen großen Brief,

den er in der Brieftasche gehabt, heraus, und fuhr fort: »ich will auch

gleich zur Sache kommen, und Ihnen mittheilen -- denn Herr Hennig wird

Ihnen ja wohl schon gesagt haben, daß eine Antwort vom hohen Ministerium

eingetroffen ist -- was Ihnen dasselbe gnädigst bewilligt hat.«

»Bewilligt,« murmelte der alte Mann freudig und leise vor sich hin, und

faltete in Dank und Jubel die bleichen, abgezehrten Hände vor der Brust.

»Es ist freilich nicht viel,« fuhr der Herr Pastor, das Papier

entfaltend fort, »aber Du lieber Gott, man muß in jetziger gedrückter

Zeit selbst mit Wenigem zufrieden sein, und Besseres erwarten, wozu das

hohe Ministerium auch gegründete Hoffnung giebt. -- Ich will Sie, lieber

Kleinholz nicht mit dem Vorlesen des ganzen langen Schreibens, das

überdieß nur großentheils allgemeine Bemerkungen über den jetzigen Stand

der Schule enthält, ermüden, sondern Ihnen nur das besonders für Sie

Wichtigste daraus mittheilen.«

Der alte Schulmeister nickte nur schweigend mit dem Kopf, und schaute,

todtenbleich im Gesicht, nach dem Munde des Geistlichen, aus dem ihm

jetzt der so lange und heiß ersehnte Spruch des Heils -- nur das Fristen

seines armen, dürftigen Lebens -- ertönen sollte. Auch die Blicke der

Uebrigen hingen an den Lippen des Pastors, und dieser begann, nachdem er

die Einleitung flüchtig und fast unverständlich vor sich hingemurmelt,

dem alten, athemlos lauschenden Lehrer das Rescript des hohen

Ministeriums zu eröffnen. Es war auch nicht in dem alten schwülstigen

Canzleistyl abgefaßt, also der Inhalt klar und deutlich, aber -- leider

wenig tröstlich. Das Schreiben sprach sich zuerst in kurzen Worten über

den Uebelstand aus, der allerdings in der allzugeringen Besoldung

der Schullehrer liege, wie über die nothwendige Abänderung desselben,

versicherte aber, in der jetzigen Krisis, wo gerade die Casse

so ungemein in Anspruch genommen wäre, und Bittschreiben und

Unterstützungsgesuche von allen Seiten und allen Ständen einliefen,

bedeutende Gehaltserhöhungen auf eigene Verantwortlichkeit nicht

gewähren zu können, ehe die Kammern darüber entschieden haben würden.

Nichts desto weniger wollten sie, da es sich hier doch nur um eine

»kleine« Unterstützung handle, und der Lehrer alt sei, und wohl

eine Erleichterung seiner Ausgaben verdiene, für jetzt, und bis

das Pensionsverhältniß der emeritirten Lehrer regulirt sei, eine

Gehaltszulage von _fünf_ Thalern jährlich gewähren.

»_Fünf Thaler_?« unterbrach hier der alte Kleinholz, sich in Todesangst

in seinem Stuhle aufrichtend, und immer noch in dem Glauben, er habe

falsch gehört, den Geistlichen -- »_fünf_ Thaler, sagten Sie, Herr

Pastor -- nur fünf Thaler soll ich jährlich -- das ganze Jahr hindurch,

Zulage bekommen?«

»Nicht für immer, lieber Kleinholz,« suchte ihn dieser zu beruhigen --

»nicht für immer, nur bis zu der Zeit, wo, wie hier in dem Schreiben

steht, die Kammern die Pensionate der Schullehrer festgestellt haben,

dann bekommen Sie jedenfalls ziemlich bedeutend mehr -- wenigstens die

volle Hälfte Ihres Gehaltes -- oder doch ziemlich so viel.«

»Fünf Thaler,« stöhnte der alte Mann, und stützte seine Stirn auf

die fest und krampfhaft zusammengefalteten Hände, »fünf Thaler auf

dreihundert und fünf und sechzig Tage -- o Du mein gütiger Gott -- Du

mein gütiger Gott!«

»Herr Pastor,« nahm hier Hennig, der schweigend und traurig bis jetzt

dabei gestanden hatte, das Wort -- »dem Ministerium kann die Sache wohl

nicht dringend -- wohl nicht so, wie sie wirklich ist, vorgestellt sein

-- Sie erwähnten auch vorhin, daß es sich einem, allem Anschein citirten

Ausdruck nach, hier nur um >eine Kleinigkeit< handeln solle. Wenn die

Worte in der Eingabe standen, so ist es kaum anders möglich, als daß das

Resultat so ausfallen mußte, wie es ausgefallen ist.«

»Mein lieber Herr Hennig,« sagte Pastor Scheidler etwas pikirt -- »Sie

werden mir doch hoffentlich zutrauen, daß ich weiß, wie eine Eingabe

an ein hohes Ministerium gemacht werden muß -- es ist nicht die erste

gewesen, sollte ich denken, und wird hoffentlich nicht die letzte

sein -- ich kann mit einem Minister nicht reden und Forderungen an

ihn stellen, wie an unseres Gleichen, das werden Sie mir hoffentlich

zugeben, denn so weit sind wir doch, Gott sei Dank, noch nicht mit der

_Emancipation_ gekommen, daß der Respect _ganz_ verloren gegangen, und

die Achtung und Ehrerbietung vergessen wäre, die man seinen Vorgesetzten

schuldig ist --«

»Dürfte ich Sie ersuchen, Herr Pastor, mir jene Schrift nur auf wenige

Momente zu erlauben; ich möchte sie gern selbst einmal lesen,« sagte

Hennig endlich.

Der Pastor zögerte einen Augenblick; es war fast, als ob er den Brief

nicht gern aus der Hand gäbe, er konnte das Lesen desselben aber auch

nicht gut verweigern, und reichte ihn endlich dem Schulmeister, der

damit an das Fenster ging, und sich bald in dessen Inhalt vertiefte.

»Fünf Thaler,« wimmerte da wieder der greise Lehrer, und die hellen

Thränen stürzten dem alten Mann jetzt, in nicht mehr zu dämmender Fluth

über die eingefallenen Wangen nieder -- »und elf Thaler sind wir in der

Apotheke schuldig -- drei beim Kaufmann, und jeder Tag, den ich noch

lebe, muß das vermehren, bis -- bis mir die Leute nichts mehr borgen --

und dann muß ich armer, alter Mann, der ich sieben und vierzig Jahre

das harte Brod eines Dorfschullehrers gegessen -- mit meinen Kindern

verhungern -- o schlagt mich doch lieber todt -- schlagt mich lieber

gleich todt, daß ich nur von der Erde komme, ich alter unnützer --

unglückseliger Dorfschulmeister!«

Und wieder gab er sich, die Gegenwart des Geistlichen fast gar nicht

mehr beachtend, seinem ganzen, ungezügelten Schmerze hin, und weinte und

schluchzte wie ein Kind. Lieschen, die bis jetzt -- erst in gespannter

Erwartung, dann in peinlichem Schmerz an seiner Seite gestanden, und

immer noch gehofft hatte, in dem starren Angesicht des Geistlichen einen

Strahl von Hoffnung zu lesen, der die Unglücksbotschaft, die er brachte,

Lügen strafen sollte, bog sich jetzt mit liebender Sorgfalt über den

Vater nieder, und suchte den alten verzweifelnden Mann zu trösten.

»Sieh nur, Väterchen,« sagte sie schmeichelnd -- »fünf Thaler sind schon

eine ganz hübsche Summe, und dann gehe ich hinunter auf das Gut, und

nehme den Dienst dort an, der offen ist. Jettchen hier ist allerdings

noch klein, kann Dich aber doch auch schon pflegen, und Dir besorgen,

was Du brauchst, und Abends komm' ich ein halb Stündchen herauf, und

sehe wie Dir's geht.«

»Herr Pastor,« sagte da Hennig plötzlich -- »in der Eingabe muß

jedenfalls irgend etwas irrthümlich angegeben, oder oben mißverstanden

sein. Der Minister sagt hier, daß er sich mit den nothwendigen

Unterstützungen, um die er fortwährend angegangen würde, natürlich

größtentheils auf >Familienväter< beschränken müßte, und >Schulmeister

Kleinholz scheine keine Familie zu haben.< Seine sieben Kinder sind

entweder nicht erwähnt, oder übersehen worden; wäre es da nicht besser,

Sie, Herr Pastor, setzten vielleicht ein neues Gesuch auf, und schickten

es, mit den genaueren Angaben und Einzelheiten noch einmal ein? -- Der

Fall ist dringend hier -- der alte Mann kann ja beim ewigen Gott nicht

warten, bis die Kammern über sein Leben oder seinen Tod einen Beschluß

gefaßt haben -- wir leben gegenwärtig in einer zu wichtigen Zeit -- die

ruhigen Reformen des inneren Staatslebens werden das Letzte sein,

woran man denkt, da es jetzt ja noch das wichtigere Werk, eine Einigung

Deutschlands und die Vertheidigung des Vaterlandes gegen äußere Feinde

gilt. Eine richtige, einfache Darstellung dieses alten emeritirten

Lehrers wird und kann nicht bei dem jetzigen liberalen Ministerium ohne

Erfolg bleiben -- sie dürfen den alten Mann hier doch wahrhaftig nicht

auf dem Stroh verderben lassen. O wenn Sie nur einmal selbst mit dem

Herrn Minister sprechen könnten --«

Kleinholz sah, als er den Vorschlag hörte, wie von einem neuen

Hoffnungsstrahl durchzuckt, rasch und fragend zu dem Geistlichen auf

-- sein ohnedieß schon bleiches Angesicht hatte eine fahle, förmliche

Todtenfarbe angenommen, und die Augen lagen ihm tief und glanzlos in den

Höhlen. Der Pastor aber schüttelte mit dem Kopf --

»Das geht nicht, das geht nicht, Herr Hennig,« sagte er, »zweimal um

eine und dieselbe Sache petitioniren, wenn schon gleich beim ersten

Mal ein Zugeständniß gemacht wurde, und noch dazu so ganz dicht

hintereinander, ist gegen allen Gebrauch, und würde höheren Ortes sehr

mißliebig bemerkt werden; und was nun gar eine persönliche Audienz

betrifft -- ei, wo denken Sie da hin? Wie dürfte ich erstlich die

mir anvertraute Gemeinde so lange allein lassen? (in seinen eigenen

Angelegenheiten hatte er Horneck schon mehrere Mal, und gleich auf

einige Tage verlassen.) Und dann sind die Herren Minister auch so von

Besuchen überlaufen, daß ein solcher Schritt für den Mann, der ihn

wagte, wohl kaum eine Empfehlung sein möchte. Ueberlassen wir der Zeit

auch etwas -- das Gesetz über den Gehalt der Schullehrer wird in den

Kammerverhandlungen, wie mir schon versichert ist, ziemlich bald, wenn

auch nicht gleich in den ersten Wochen, zur Sprache kommen, und nachher

findet sich das andere, wenn man _dann_ wieder einmal durch eine neue

Petition eine kleine Nachhülfe giebt, von selber.«

»Herr Pastor,« murmelte Kleinholz, und streckte die zitternden Hände

nach ihm aus -- »Herr Pastor -- ich -- ich --« seine Worte wurden zu

einem dumpfen, unartikulirten Röcheln, er brachte kein verständliches

Wort über die Zunge, und nur die Augen sprachen, zehntausendmal

deutlicher als es Worte auch vermocht, die kalte lähmende, trostlose

Verzweiflung aus, die sich jetzt -- da alle, alle Hoffnungen mit _einem_

Schlage vernichtet worden, seiner bemächtigt hatte.

»Lieber Kleinholz,« sagte der Pastor, und suchte so viel Trost- und

Mutheinsprechendes in seine Worte zu legen, als ihm das möglich war,

»verzagen Sie nicht -- es kann noch Alles gut gehn -- ich will mich

direct an den Vater meines Schwiegersohnes wenden -- es ist sehr leicht

möglich, daß der im Stande ist, etwas Wesentliches für Sie zu thun;

jedenfalls können wir von ihm genau erfahren, welche Schritte am Besten

geschehn müssen, um Ihnen sobald als möglich eine Erleichterung zu

verschaffen -- sind Sie damit einverstanden?«

Kleinholz hielt den Blick noch immer still und stumm auf ihn geheftet,

und der ganze Ausdruck seiner Züge schien sich nur in dem einen

quälenden Gedanken zu concentriren -- »also das sind Deine

Versprechungen, _das_ ist die Hülfe, die Du dem armen, bis dahin in

den Staub getretenen Schulmeister werden läßt.« Der Pastor, der den

vorwurfsvollen Blick aus Augen, die sonst nur in höchster Ehrfurcht und

Anhänglichkeit zu ihm aufgeschaut, nicht ertragen konnte, griff fast wie

unwillkührlich in die Tasche, nahm einen Thaler heraus, legte diesen,

als er in den anderen mehr gesucht, keinen aber mehr gefunden hatte, auf

den Tisch, und verließ hastig das Zimmer.

»Das erste Almosen,« stöhnte der alte Lehrer, und sank, sein Gesicht

mit den Händen deckend, auf das Kissen, das seine rechte Stuhllehne

schützte, nach vorne auf die Stirne nieder. -- Hennig faltete

erschüttert die Hände, und Lieschen bog sich weinend über den Greis,

während die Kinder, der für sie drückenden Gegenwart des Geistlichen

jetzt enthoben, laut schluchzend zu dem Vater sprangen, seine Knie

umfaßten, und ihn baten, ihr guter, guter Vater zu sein, und sich nicht

zu härmen und zu grämen -- sie wollten ausgehn und arbeiten, Gänse

hüten und Obst bewachen, kurz Alles thun, was in ihren Kräften stand,

ebenfalls ihr Brod zu verdienen, und nachher würd' es schon besser --

nachher würde es recht gut mit ihnen allen werden.

Vater Kleinholz rührte und regte sich nicht, und der eine Arm sank ihm

über die Stuhllehne nieder.

»Lieschen -- bitte Lieschen,« sagte Hennig rasch, und trat vor das

Mädchen -- »holen Sie mir doch ein Glas Wasser -- mir ist -- mir ist

nicht recht wohl.«

Lieschens Blicke hafteten in stierem Entsetzen an der regungslosen

Gestalt des Kranken -- die Worte, die Hennig zu ihr sprach, hörte sie

gar nicht.

»Thun Sie mir die Liebe, gutes Lieschen, und holen Sie mir ein Glas

Wasser,« bat Hennig dringender, ergriff ihre Hand, und suchte sie von

dem Stuhle fortzuführen.

»_Vater_!« flüsterte aber in diesem Augenblick mit leiser kaum

hörbarer Stimme die Tochter -- »Vater!« -- Sie sprang, Hennigs Hand

zurückstoßend, auf ihn zu, hob seinen Oberkörper empor, warf nur einen

einzigen Blick auf die blassen, geisterhaften Züge und stürzte mit

lautgellendem Schmerzensruf ohnmächtig zu Boden.

Der alte Schulmeister war todt.

Zwölftes Kapitel.

Schluß.

Gebe Gott, daß diese Ueberschrift eine Lüge werde -- daß es kein

_Schluß_ des armen gedrückten Lehrerlebens mehr sei, wie ich es hier

beschrieben, und wie es, o leider so oft, so entsetzlich oft -- in

unserem »gesegneten« Deutschland geschehen ist. Den Ruhm haben wir

bis jetzt für uns beanspruchen wollen, das civilisirteste, das

intelligenteste Volk der Erde zu sein, und die Leute, die uns allein

dazu bringen könnten es zu werden -- lassen wir _verhungern_ oder ihr

Leben doch wenigstens auf so traurige, elende Art dahinschleppen, daß

sie an Leib und Seele -- erst körperlich und dann geistig zu Grunde gehn

_müssen_.

_Deutschland ist krank_ und zwei Quacksalber mühen sich ab, und ereifern

sich das arme, kranke Deutschland unter dem Vorgeben, es heilen zu

wollen, in sein frühes Grab zu bringen. Sie beide kehren sich keinen

Deut um die wirkliche Gesundheit und Kraft, um die wirkliche _Genesung_

des Patienten, nur ihre eigenen selbstsüchtigen Zwecke haben sie

im Auge, nur ihr eigenes Interesse ist es, das sie in geschäftiger

Thätigkeit an das Lager des Leidenden treibt.

Der eine dieser Aerzte will nur _Ruhe_ -- das Stöhnen, der Krampf --

das wilde, unruhige Aufzucken des Kranken -- seine Fieberphantasien und

schlaflosen Nächte ängstigen ihn selbst, und lassen _ihm_ keine Ruhe,

also verschreibt er Opiate -- immer nur Opiate, und im Fall etwas

stärkerer Aufregung sogar Zwangsjacke und Ketten -- »nur Ruhe, lieber

Patient, nur Ruhe.« --

Der andere ist ein noch ganz junger -- blutjunger Arzt -- der betrachtet

den Patienten mit einer gewissen Liebe und Zärtlichkeit -- er nennt ihn

»seinen Patienten« -- _sein_ Deutschland, und lächelt vergnügt bei dem

Gedanken, daß dieß der erste ernste Fall ist, der unter seine Hände

kommt. Ei was für prachtvolle _Experimente_ kann er jetzt an dem

Leidenden vornehmen -- wie lacht ihm das Herz nur in der Aussicht auf

all' die Amputationen und Kreuz- und Querschnitte, Sondirungen und

Beobachtungen eiternder Wunden. Je toller der Kranke dabei rast und

wüthet, desto lieber ist es ihm -- er drückt sich dann nur rasch in die

sichere Ecke und schaut aufmerksam zu, um die Wirkungen zu beobachten,

die ein etwas tieferer Schnitt als gewöhnlich, oder ein neues, noch

nicht erprobtes Instrument, eine selbst erfundene Medicin vielleicht,

auf ihn machen. Nur wenn ihm das Toben etwas zu arg wird, wenn der

Paroxismus steigt, und er doch vielleicht fürchtet, der etwas übermäßig

maltraitirte Kranke möge endlich einmal den Arm nach _ihm_ ausstrecken

und ihn fassen, dann drückt er sich rasch zur Thür hinaus über die

Grenze, und wartet draußen ruhig die Crisis ab. Er verordnet dabei

fortwährend verzweifelte Mittel -- indianische Schwitzbäder

und halsbrechende Kuren -- Medicinen, durch die er den Kranken

ununterbrochen an den Rand des Grabes bringt, und freut sich dabei wie

ein Kind darauf zu sehn, ob der Leidende das wirklich aushält, oder --

ob er darüber zu Grunde geht.

Und Deutschland? -- wird nicht eher genesen, bis es die beiden

Quacksalber, den einen wie den anderen, beim Schopf nimmt, und zu Thür

oder Fenster -- beides gleich gut -- hinausschleudert. Deutschland

leidet an keinem Uebel, das durch Opiate beschwichtigt oder durch

rasende Kuren, mit Biegen oder Brechen in einer Nacht geheilt werden

könnte -- der Sitz der Krankheit ist bei ihm im Unterleib -- das ewige

Stubenhocken -- die dunstige Luft, in der es, o so lange, lange Jahre

hinter Schloß und Riegel gehalten wurde, hat seinen ganzen Körper

geschwächt und erschlafft -- seinen Gliedern ihre volle Thätigkeit

geraubt, und nur ein ordentlicher, verständiger Arzt, der mit Umsicht

und ernstem Eifer zu Werke geht, kann hier heilbringend sein -- und der

Arzt ist der _Lehrer der Volksschulen_ -- macht es _dem_ erst einmal

möglich, den Geist des Volkes aus seinem stumpfen Starrsinn zu wecken,

und das Volk selbst zum klaren Bewußtsein seiner Lage zu bringen, und

seht dann, wie schnell es den Opiumhändler und Chirurgen mit seinen

Lanzetten, Sägen und Messern selbst zu Thüren und Fenstern hinaussendet.

Der Volksschullehrer ist der Mann, von dem wir wirkliches, wahres Heil

für unsere lieben Kranken erwarten dürfen, und den Mann hegt und pflegt

nur dafür -- den Mann zieht aus dem Staub und Elend, in das er bisher

durch Verhältnisse und Geistliche hineingetreten wurde, hervor, dem

Manne löst die Hände und füllt den Magen, daß er nicht halb verhungert

mehr, und mit gebundenen Gliedern, Eure Kinder und kommenden

Geschlechter auch wirklich erziehen und zu Menschen -- und nicht bloß

zu Unterthanen des Staats und der Kirche -- heranbilden kann, und seht

dann, wenn Ihr das keinen Augenblick mehr versäumt, sondern frisch

und rasch dabei an's schöne -- heilige Werk geht, welcher kräftige,

herrliche Körper -- welche Heldengestalt das war, die unter Perrücke und

Zopf, unter dem dreieckigen Hütchen und dem bestaubten Knechtsgewand,

gebückt und mit schwankenden Schritten einherging. -- Nicht genug

also, daß Ihr dem für sein ganzes Leben an den Felsen Geschmiedeten

die Fesseln löst, und zu ihm sagt, »nun kämpfe,« Ihr müßt ihn auch erst

wieder gehen, und die erstarrten Glieder gebrauchen lehren -- bis dahin

wird ihm die Waffe nur ein machtloses Spielwerk, er selbst aber nie im

Stande sein, sie zu führen.

Bis jetzt sind wir aber noch nicht so weit -- noch sterben die alten

emeritirten Lehrer -- die sich Menschenalter hindurch quälten und

mühten, das aufwachsende Geschlecht »im Nothwendigsten« zu unterrichten,

in Hunger und Kummer, und die jüngeren Lehrer -- leben darin; der Mann

aber, der eigentlich der _erste_ im Staat sein sollte, ist der _letzte_.

Der alte Schulmeister Kleinholz war todt -- auf den Acker trugen sie ihn

hinüber, wohin er selber so manchen zur letzten Ruhe begleitet; -- _ihn_

aber trugen Sie nicht zur _letzten_ Ruhe hinaus -- armer alter Lehrer --

es war, so alt und schwach Du geworden, Deine _erste_ Ruhe.

Der Tod des alten Lehrers ging in Horneck ziemlich spurlos vorüber --

»es ist ein Glück für den alten Mann, daß er gestorben ist,« sagten

die Leute -- es schien sich ganz von selbst zu verstehn, daß ein alter

dienstunfähiger Schulmeister doch nichts weiter mehr vom Leben, und

nicht die geringsten Ansprüche auf ein ruhiges Greisenalter gehabt haben

könne.

In der Pfarre wurde indessen gepackt, und unter Jammer und Thränen

Vorkehrung für die Auswanderung der ältesten Tochter, der jungen Frau

Doctorin Wahlert, getroffen. Wahlert selbst war schon früher, man wußte

in Horneck nicht recht wohin, vorausgereist, denn eine, von Berlin

aus gegen ihn anhängig gemachte Klage auf Hochverrath und

Majestätsbeleidigung, bei der sich das _Volk_ vollkommen ruhig verhielt,

und seine eigene Verhaftung auch eben so ruhig mit angesehen hätte,

ließen ihn wünschen, die wirkliche Republik so bald als möglich zu

erreichen, um dort, mit erneuter Thätigkeit, nicht etwa die deutsche

Sache aufzugeben, sondern erst recht zu beginnen, für Deutschlands

Wohl und Zukunft in dem Sinne zu wirken, den er für sein Vaterland am

schnellsten zum Ziele führend, glaubte.

Hennig hatte trotz des Geistlichen Drohungen und Unwillen, seine

neugegründete Zeitung nicht aufgegeben, sondern arbeitete thätig daran

fort, und es war fast, als ob der Eifer seines Strebens, wenn ihm auch

das schöne Ziel _nach_ dem er strebte, entrissen worden, eher vermehrt

und genährt, als vermindert wäre. Für die Kinder des alten Schullehrers

Kleinholz mußte jetzt freilich, da ihr Ernährer gestorben war, die

Gemeinde sorgen, und sie wurden deshalb theils bei Handwerkern, theils

auf Bauergütern, und zwar alle ziemlich gut untergebracht -- die armen

Kleinen, die noch fast keine Jugendlust gekannt, waren an Arbeit und

Entbehrung gewöhnt, und fanden sich, als der erste Schmerz der Trennung

von der einstigen Heimath überstanden war, leicht in ihre neue,

jedenfalls körperlich verbesserte Lage. Nur Lieschen mochte nicht mehr

zu fremden Leuten ziehn, und folgte gern und freudig jetzt, da ihr armer

alter Vater unter der Erde ruhte, und ihrer nicht bedurfte, und sie auch

alle die Geschwister besser versorgt sah, als sie selbst hätte für sie

sorgen können, der Einladung, ja der Bitte Sophiens, sie über das Meer

hinüber zu begleiten. Die Vergangenheit lag wie ein dunkler Schleier

hinter ihr, und ihrer treuen hoffenden Seele zeigte die Zukunft nur

Freude, Glück und Segen.

Der alte Musikant wanderte, als er sein einziges Kind beerdigt, in die

Residenz -- Wahlert, der ihn nach der Tochter Tod gefunden, und ihm des

Oberpostdirectors Schein überliefert hatte, sorgte auch noch weiter für

ihn, und verschaffte ihm durch einen Freund dort eine zwar beschränkte,

aber doch sichere Stellung, in der er sein Brod und einen Wirkungskreis

für seine Thätigkeit fand.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band. · 第 10 / 11 段