Der alte Poller schlief wirklich, oder lag doch wenigstens mit

geschlossenen Augen so fest und bequem an das Kissen angelehnt,

daß nicht zu fürchten war, er würde durch das eigene schwerfällige

Einnicken, wie das manchmal geschieht, plötzlich wieder aufwachen. Der

Oberpostdirector athmete ebenfalls laut, und hielt noch dazu das Gesicht

der Stube zu, also von der Wand abgekehrt. Karl schlich auf den Zehen

zum Kopfende des Bettes, wo eine Menge Medicinflaschen standen, und

blieb hier eine Weile stehn. Die Uhr im Zimmer schlug in dem Augenblick

halb, und er wollte erst abwarten ob der laute Schlag nicht etwa die

Schläfer störe -- nein -- sie veränderten ihre Lage nicht und der junge

Bursche stand im nächsten Moment, geräuschlos zwischen der Wand und dem

Bette hingleitend, vor den Pistolen. Mit diesen wußte er übrigens gut

genug umzugehn, da er das Schießzeug seines Herrn stets rein und im

Stande zu halten hatte -- rasch und geschickt entfernte er deshalb auch

die gefährlichen Kupferhütchen und nahm sie, damit selbst ihr Fall kein

Geräusch verursache, bis er die Waffen wieder an ihrem Ort gehangen, in

den Mund.

So schnell er konnte, verließ er dann den für ihn so gefährlichen Platz

und gleich darauf auch das Gemach, denn wenn der Feuerlärm, was

jetzt jeden Augenblick geschehen konnte, entstand, durfte er nicht im

Krankenzimmer sein, weil sonst natürlich niemand anders als gerade

er auch fortgeschickt wäre, zu sehn was es gäbe. Mußte also nun »sein

Alter« gehn, wie er bei sich und in leisem Brüten erwog, so kam er rasch

zurück -- mit dem Kranken wurde er bald fertig, wo das Geld lag wußte

er genau, und ehe man an seine Verfolgung denken konnte, war er in der

dunklen Nacht draußen entkommen. _Seine_ Vorbereitungen für das Weitere

hatte er ebenfalls alle auf das Beste getroffen und harrte jetzt draußen

im dunklen Gang mit fieberhaft klopfenden Herzen und immer wachsender

Ungeduld auf das Zeichen -- auf den Lärmen von den Scheunen her.

Als er die Thür hinter sich zuzog, fuhr sein Vater im Stuhl auf, rieb

sich die Augen und schaute verwundert umher; es war etwas kalt im Zimmer

geworden -- es fröstelte ihn und er stand auf und ging, die Hände rasch

aber geräuschlos zusammenreibend, zum Ofen, um dort nach zu legen und

die Lampe, die ebenfalls düster brannte, etwas höher zu schrauben.

Der Oberpostdirector schlief noch immer, oder öffnete doch wenigstens

die Augen nicht -- die Uhr hob aus, um neun zu schlagen!

Der alte Poller drückte die Kohlenschaufel langsam und vorsichtig, um

kein Geräusch zu machen, unter die Braunkohlen, und wollte sie eben

wieder gefüllt herausheben, als er innehielt, und aufmerksam nach dem

Hof hinüberschaute. -- Ein dumpfes unbestimmtes Geräusch drang von

dort zu ihm herüber und es war ihm beinahe, als ob er den Ruf »Feuer«

verstanden hätte. Er ließ die Schaufel in den Kohlen stecken, richtete

sich empor, und schlich auf den Zehen zum Fenster zurück. -- Der Lärm

draußen wurde immer lauter -- auf dem Hof unten liefen die Leute hin

und wieder und es mußte jedenfalls irgend etwas ganz außergewöhnliches

vorgefallen sein.

Das Fenster durfte er nicht öffnen, denn der Kranke war besonders gegen

kalte Luft empfindlich, er wollte also eben leise zur Thüre zurück, um

seinen Sohn zu rufen, daß der einmal nachsehn könne, was vorgefallen

wäre, als er jetzt ganz deutlich und bestimmt den Ruf von unten her

ertönen hörte. --

»Feuer! -- haben sie ihn?«

»Was ist? -- was giebts?« sagte der Oberpostdirector, und drehte den

Kopf nach dem Fenster zu -- »was ist das für ein Lärmen, Poller?«

»Ich weiß wirklich nicht, Herr Oberpostdirector,« erwiederte der alte

Mann etwas ängstlich, denn er fürchtete nicht mit Unrecht nach solcher

Nachricht die zu große Aufregung des Kranken, und hoffte dabei noch

immer, daß die Sache vielleicht gar nicht so schlimm sei, und bald

wieder beseitigt werden könne. »Ich weiß wirklich nicht -- irgend ein

Betrunkener, wahrscheinlich -- eine Schlägerei oder etwas derartiges --

ich will doch gleich einmal nachsehn lassen.«

Er ging rasch nach der Thür, öffnete diese und rief hinaus:

»Karl -- Karl! -- Wo der Schlingel nun wieder steckt -- Karl -- Karl!«

»Das ist ein nichtsnütziger Bube!« stöhnte der Kranke -- »und ich habe

mich jetzt genug mit ihm geärgert -- er soll mir morgen am Tag aus dem

Hause -- wo bleibt der verdammte Schuft -- kommt er?«

»Nein, Euer Gnaden,« sagte der Alte, der eine kleine Weile auf den

dunklen Gang hinausgehorcht hatte -- »ich höre noch Nichts -- Karl --

Karl! -- Christoph -- Hans!«

Es hörte ihn Niemand; der gerufene Karl kauerte allerdings kaum zwanzig

Schritte von ihm entfernt, hinter der dunklen Treppe, die in das obere

Stock hinaufführte, wartete aber nur darauf, daß sein Vater das Zimmer

verlassen sollte, und dachte gar nicht daran, dem Ruf Folge zu leisten.

»Das weiß der liebe Gott, das ganze Haus muß auf den Beinen sein, es

ist, als ob es ausgestorben wäre,« brummte Poller vor sich hin, als er

die Thüre wieder schloß.

»Feuer?« fragte der Gutsherr plötzlich, und suchte sich, erschreckt, und

seine Leiden vergessend, aufzurichten, fiel aber gleich wieder mit einem

leisen Schmerzgestöhn auf sein Lager zurück -- »Feuer?« wiederholte

er nach kleiner Pause -- »mir war es, als ob ich draußen >Feuer< rufen

hörte -- Poller!«

»Euer Gnaden --«

»Lauf einmal rasch hinaus, und bring mir -- Jesus, wie das wieder sticht

-- und bring mir Nachricht, was es giebt -- ob -- ob Feuer ist, und --

und wo es brennt -- aber schnell -- schnell!«

»Und ich soll Euer Gnaden so lange hier allein lassen?« frug der alte

Diener.

Der Lärmen draußen wurde immer lauter, das Hin- und Herlaufen der

Menschen immer ärger.

»Mach rasch -- mach rasch!« rief ungeduldig werdend der Gutsherr, »soll

ich denn Alles hundert Mal sagen, und mir um jeder Kleinigkeit willen

die Galle an den Hals ärgern -- fort mit Dir.«

Der alte Poller schüttelte mit dem Kopf, wußte aber auch nur zu gut, daß

hier weiteres Einreden gar Nichts nützen würde, sondern griff nur nach

seiner Pelzmütze, die neben der Thür auf dem Stuhl lag, und verließ das

Zimmer.

Kaum konnte er Zeit genug gehabt haben, das Hausthor zu erreichen, und

eben waren erst seine Schritte im Gang verhallt, als sich die Thür des

Zimmers wieder öffnete, und Karl Poller schnell aber geräuschlos herein

glitt.

»Nun?« frug der Gutsherr, der die Augen wieder geschlossen, -- »was

ist's, Poller -- Feuer?«

Karl antwortete nicht, sondern schob rasch den Riegel vor, und trat zum

Tisch, von dem er die Schlüssel aufgriff. Beim Klappern derselben sah

der Kranke plötzlich auf -- sein Blick begegnete dem des Diebes, und der

Instinct fast sagte ihm, was das unstäte, wilde Auge, das scheue Wesen

des Burschen, und seine Unruhe bedeuteten.

»Was willst Du mit den Schlüsseln, Schurke!« schrie er, und versuchte,

aber vergebens, sich auf seinen Ellbogen empor zu richten -- »laß die

Schlüssel liegen, sag' ich -- Canaille!« --

»Brauche sie jetzt einen Augenblick selber,« lachte aber der junge

Bösewicht mit einer Art triumphirender Bosheit, »will mir nur einen

kleinen Vorschuß erbitten, um die Auswanderung eines sehr guten Freundes

-- wie Herr Doctor Strohwisch immer sagte, damit bestreiten zu können --

bloß ein paar hundert Thaler.«

»Schuft Du -- diebische Bestie -- willst Du die Schlüssel hinlegen!«

schrie jetzt der Oberpostdirector, heiser vor Wuth, und griff nach

seinen Pistolen an der Wand -- »willst Du, Canaille?«

»Bitte, geniren Sie sich nicht,« grinste der Dieb -- »bedienen Sie

sich gefälligst,« -- und mit rascher, gewandter Hand öffnete er

blitzesschnell den Schrank, und griff rasch nach dem Geldsack, der

hinten, an dem ihm wohlbekannten Platz in der Ecke stand.

»Räuber!« rief erschreckt der Kranke -- spannte den Hahn des Pistols,

zielte, und drückte auf seinen Bedienten ab. Der Hahn schlug aber

machtlos nieder, -- die Kraft fehlte, die allein den Schuß hätte

entzünden können. Poller lachte nur; der Herr von Gaulitz hatte schon

die andere Waffe erfaßt, spannte den Hahn, und drückte fast in demselben

Moment auch diese ab -- »Teufel« -- knirschte er aber, als auch diese

versagte, und in machtloser Wuth schleuderte er das untreue Rohr nach

dem Verbrecher -- es fiel machtlos vor ihm nieder.

»Hülfe!« tönte da die gellende Stimme des Verzweifelten, der sich

in machtloser Wuth, und trotz des rasenden Schmerzes, mühte sich

emporzurichten -- »Hülfe -- Hülfe -- Hülfe!« umsonst, er brach halb

ohnmächtig auf seinem Lager zusammen, und der Dieb sprang eben aus der

einen Thür, die nach dem Thor zuführte, hinaus, als der alte Poller

wieder zurückkam, seines Herrn Hülferuf (der aber von dem übrigen

Gesinde, wenn es wirklich in der Nähe gewesen, doch nicht beachtet

wäre, da der Kranke schon einen großen Theil des Abends so geschrien)

vernommen, und nun zu seinem nicht geringen Entsetzen die Thür von innen

verriegelt fand. Vergebens pochte und schlug er daran, sie wurde nicht

geöffnet, dann lief er zurück, um durch die andere, durch die sein Sohn

eben das Zimmer verlassen, zu seinem Herrn zu kommen, doch auch hier

hatte der schlaue Räuber den Schlüssel umgedreht und mitgenommen,

und ehe sich der alte ängstliche Mann entschließen konnte, förmlich

einzubrechen, ja ehe es ihm nur mit seinen schwachen Kräften, allein und

von allen verlassen, wirklich gelang, und er nun im Stande war, von

dem, seiner Sinne kaum mächtigen Kranken die fürchterliche Wahrheit zu

erfahren, hatte der Dieb schon einen solchen Vorsprung gewonnen, um bei

Nacht, selbst in ruhiger Zeit jeder Verfolgung spotten zu können. Jetzt

aber, in diesem Lärm und Aufruhr, und in der Verwirrung, die auf dem

ganzen Gute herrschte, wäre eine solche nur um so erfolgloser gewesen.

Allerdings sandte der Alte gleich Leute nach allen Richtungen, um

wenigstens seine Schuldigkeit gethan zu haben, ließ auch den Jäger

hinüberschicken, und diesen gleich auf's Schloß bescheiden, der Bote

aber brachte nach etwa einer halben Stunde die Nachricht, der alte

Holke sei mit einem Zeichenschläger im Walde draußen, und werde auch

vor tiefer Nacht nicht wieder zu Hause kommen, und die Verfolger kehrten

ebenfalls unverrichteter Sache wieder. Was überhaupt noch geschehen

konnte, mußte jedenfalls am nächsten Morgen geschehen.

Neuntes Kapitel.

Der Brandstifter.

Indessen müssen wir aber doch wohl einmal wieder zu dem Genossen des

Diebes zurückkehren, der den kaum minder gefährlichen Auftrag des

Brandstiftens auszuführen hatte, und zu diesem Zweck auch schon um acht

Uhr, im Wagenschuppen über dem noch eine Partie Reisigbündel lagen,

sein Versteck gewählt hatte. Hier nun hätte er seine Absicht mit größter

Leichtigkeit und fast ohne Gefahr ausführen können, hier war aber das

Hinderniß, daß der Wagenschuppen eigentlich mit keinem größeren

Gebäude in Verbindung, ferner doch wieder zu sehr in der Nähe der

herrschaftlichen Wohnung, und überhaupt so stand, um schwerlich

große Besorgniß zu erregen, wenn er wirklich brennen sollte. Auf die

Verwirrung im Gut war aber großentheils sein Plan gebaut, und gelang es

ihm nicht, die hervorzubringen, so war Poller vielleicht nicht einmal

im Stande, das Geld zu bekommen, und die ganze Mühe und Angst umsonst

gewesen.

Es blieb keine andere Wahl, als die etwas gefährliche Expedition

gegen die Scheunen zu unternehmen, und so wie sich der Hof ein wenig

beruhigte, d. h. so wie die Knechte ihre Pferde, die Mägde ihre Kühe

besorgt, und sonst ihre ganze Tagesarbeit beendet hatten, und nun in

die Gesindestube gingen, die ersteren, um sich faul auf die Bänke

auszustrecken, die letzteren noch bis um zehn Uhr für die Herrschaft

zu spinnen, da schlich er langsam und vorsichtig aus seinem Versteck

heraus, drückte sich, immer dabei im dunkeln Schatten der Mauern

bleibend, über den Hof hinüber und an den Ställen vorüber, und erreichte

eben das Obertenne, als er Schritte dicht hinter sich hörte. Es blieb

ihm weiter Nichts übrig, als sich rasch hinter ein paar Schiebkarren zu

werfen, die umgekehrt neben der Düngergrube standen, und dort zu warten,

bis sich die unwillkommenen Störer entfernt hätten.

Es war der Verwalter mit dem Brenner, die neben einander auf dem

schmalen, zwischen den Schweineställen und der Düngergrube liegenden

steinernen Damm hingingen, und der letztere sagte, gerade als sie bei

Krautsch vorübergingen, zum Verwalter:

»Sie können sich darauf verlassen, ich habe Jemand dort drüben an der

Mauer hin und hierher zu schleichen sehen; es war jedenfalls ein Mann,

der es um jeden Preis zu vermeiden schien, von Jemand gesehen zu werden.

Jeder Andere, der ruhig seinen Weg hier hinter zu ging, wäre mir ja

sicherlich gar nicht aufgefallen.«

»Ja, aber was soll denn Einer hier hinten zu suchen haben?« sagte der

Verwalter, und blieb vielleicht zehn Schritte von Krautsch stehn -- »Die

Scheunen sind verschlossen -- Schweine kann er nicht stehlen, denn er

bringt sie unbemerkt gar nicht aus dem Hof, und Getreide? da müßte er

erst durch die Ställe zu den Thüren, und das wäre doch sehr viel gewagt.

Uebrigens sah ich auch Niemand, wir sind jetzt fast durch den ganzen Hof

gegangen, und hier kann sich doch wahrhaftig Keiner groß verstecken --

er müßte denn unter dem Schiebkarren dort liegen.«

Krautsches Herz schlug ihm wie ein Hammerwerk in der Brust -- wurde er

hier versteckt gefunden, so war er jedenfalls verloren, denn dann kam

auch mehr zur Sprache, als gerade der jetzige Verdacht. Und noch dazu

das verdammte Feuerzeug, das er bei sich trug, hätte das nicht auf das

vollständigste gegen ihn ausgesagt? -- Er fuhr schnell mit der Hand in

die Tasche, griff den verrätherischen Brennstoff auf und wollte sich

hinunter auf den Dünger fallen lassen, als der Brenner zum Verwalter

sagte:

»Wenn wir nun einmal in den Ställen nachsähen? -- hier draußen wird er

sich schon nicht verhalten -- ist er irgendwo hier, so kann er kaum bis

in den Pferdestall gekommen sein.«

Krautsch athmete wieder hoch auf -- gingen sie in den Pferdestall,

so konnte er sich zu einem sicheren Ort zurückziehn, und bessere Zeit

abwarten -- im schlimmsten Fall wenigstens entkommen. -- »Gott sei

Dank,« murmelte er leise -- sie gingen wirklich auf die Stallthüre zu --

traten hinein -- jetzt war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren -- er

richtete sich auf, um, so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder

zu erreichen, knirrschte aber auch gleich darauf einen wilden Fluch

zwischen den zusammengebissenen Zähnen, als er in demselben Moment,

gerade von daher, wohin er wollte, Schritte und Stimmen hörte. Er

hielt sich schon für entdeckt, und machte sich nur bereit, die erste

Ueberraschung der Kommenden zu benutzen, neben ihnen hin Bahn, und

dadurch Vorsprung zu gewinnen, und wenigstens seine eigene Person in

Sicherheit zu bringen, da stieß er auf den schmalen Damm und, hinter

einen kleinen Vorbau der niederen Ställe tretend, an eine nur angelehnte

Thür -- der Koben war jedenfalls leer, und ohne sich auch nur einen

Moment zu besinnen, ja nicht einmal der Gefahr gedenkend, der er

ausgesetzt wäre, wenn Jemand zufälliger Weise von außen den Riegel

vorschob, schlüpfte er hinein, und zog die Klappe hinter sich zu.

Gleich darauf kamen der Verwalter und Brenner wieder aus den

Pferdeställen zurück, gingen einzeln rings um den Hof herum, sprachen

einige Minuten mit den letzten, deren Stimmen Krautsch gehört, und

gingen dann wieder nach vorn; es war jetzt ebenfalls für sie Essenszeit

und ihr Suchen doch erfolglos geblieben.

Krautsch getraute sich noch eine lange Zeit danach nicht aus seinem, so

glücklich gefundenen Schlupfwinkel heraus, die Zeit verrann aber auch

mehr und mehr, auf der Gutsglocke hatte es schon lange ein Viertel

geschlagen, und ein Entschluß mußte endlich gefaßt werden. Vorsichtig

recognoscirte er jedoch erst, ob die Luft rein sei, ehe er seinen

duftenden Bau verließ. -- Es war kein Mensch mehr zu hören noch zu sehen

-- der Hof lag in Todtenstille, nur dann und wann scholl das dumpfe

Brüllen einer Kuh, das Blöken eines Kalbes, oder das Scharren und

Schlagen eines noch unruhigen Pferdes durch die schweigsame Nacht. Auch

der Himmel schien dem Vorhaben günstig, der Wind fing an ziemlich scharf

zu wehen und es wurde recht bitter kalt, Krautsch war wenigstens, trotz

seiner sehr warmen Kleidung, halb erstarrt, und konnte seine Finger kaum

regen.

Schon deshalb durfte er aber auch keine Zeit verlieren -- rasch trat

er also aus dem Koben heraus, sprang auf den hart gefrorenen Dünger

hinunter, auf dem er unbemerkter nach den Scheunen hingelangen konnte,

und erreichte bald eine günstige Stelle, an der er hoffen durfte, sein

bübisches Vorhaben rasch und unentdeckt ausführen zu können.

Es war dieß der Ort, an dem die Düngergrube gerade da in eine ziemlich

scharfe Spitze auslief, wo das Ober- und Untertenne durch ein niederes

kleines Haus, in denen Strohschneidemaschinen etc. standen, getrennt

wurde; dort lagen gerade heute Abend etwa ein Dutzend Schütten Stroh,

welche die Knechte liegen gelassen hatten, um erst zum Abendbrod zu

gehen und nachher die Schlüssel zu der Kammer gleich mitzubringen. An

diese drückte er sich hinan, sah sich vorher noch einmal schüchtern

um -- es war kein Mensch zu sehen -- entzündete rasch einige

Schwefelhölzer, und an diesen ein kleines Packet, das er aus

Schwefelfaden, Schwamm, und anderen leicht brennbaren Sachen

zusammengewickelt bei sich trug, und schob diese _mit_ seinem Feuerzeug,

damit man selbst im ungünstigsten Falle, daß er doch noch erwischt

würde, keine Beweise des Brandstiftens bei ihm finde -- in eins der

Löcher hinein, die unten in den Scheunen stets angebracht sind, damit

das innen aufbewahrte Getreide auch hinlänglich Luft habe, und nicht

modere und verderbe.

Das Knistern und Knattern drinn verrieth ihm bald, daß sein Verbrechen

gelungen sei -- er stopfte also schnell etwas leichtes Stroh von außen

hinein, daß man die Gluth vom Hof her nicht so leicht erkennen und zu

schnell dagegen einschreiten könne, und sprang dann ohne einen weiteren

Augenblick zu verlieren, in die Grube zurück, jetzt das Uebrige dem

Geschick überlassend, und nur einzig und allein darauf bedacht, seine

Flucht glücklich zu bewerkstelligen.

Unbemerkt hatte er auch schon, wie er meinte, das Ende des

hinteren Hofes und die Stelle erreicht, wo neben dem Herrenhaus die

Gesindestuben, die Verwalterei, Brennerei und noch einige andere Gebäude

lagen, und eben wollte er über den freien Platz hinlaufen, um das

noch offene Thor zu gewinnen, als plötzlich, aus der dunklen Thür der

Brennerei eine ziemlich breite kräftige Gestalt, ohne ein Wort zu sagen,

vorsprang, und ihm den Weg abschnitt. Krautsch stutzte einen Moment,

und war noch ungewiß, ob er suchen sollte vorbei zu kommen und einen

möglichen Angriff zurück zu schlagen? -- Wie aber, wenn sich die beiden

Fäuste da in seine Kleider hingen, oder ihn umklammerten, und trotz

alles Widerstandes doch festhielten? Die Gedanken zuckten ihm mit

Blitzesschnelle durch den Kopf, und fast unwillkührlich wandte er sich

zu gleicher Zeit wieder seitwärts ab, seinem früheren Versteck, dem

Holzschuppen zu. Kaum aber sah jener zu so ungelegener Zeit erstandene

Verfolger, daß der, auf den er bis dahin nur den dunklen Verdacht böser

Absichten gehabt, zu entfliehen suchte, als er den auch völlig bestätigt

fand und nun laut nach Hülfe rief, um den Flüchtigen einzufangen.

Krautsch war's, als er den lauten Ruf hinter sich hörte, und nun ganz

genau wußte, was ihm, wenn er eingefangen würde, bevorstand, gerade so

zu Muthe, als ob ihm Jemand ganz plötzlich und unerwartet einen Kübel

eiskaltes Wasser über den Leib gegossen hätte; er floh nun in raschen

Sätzen der Stelle zu, wo die Pflüge und Eggen theils aufgeschichtet,

theils in Reih und Glied umgedreht und geordnet standen, und hoffte,

wenn er über die wegsetze, seinen Verfolger entweder abzuhalten, oder

doch zwischen dem Ackergeräth zum Fall zu bringen. Dieser aber -- der

Brenner, der, wie wir schon früher gesehn, zuerst dem Verwalter

seinen Verdacht mitgetheilt, und dann aufgepaßt hatte, ob er den

Eingeschlichenen vielleicht doch noch ertappen könne -- war zu genau

mit dem Terrain bekannt, um in eine solche Falle gleich zu gehen. -- Er

wußte recht gut noch, nach welcher Richtung hin der Unbekannte einzig

und allein nur fliehen könne; er brauchte deshalb also gar Nichts weiter

zu thun, als ihm den Weg nur so lange abzuschneiden, bis er Hülfe bekam,

und nachher durfte Jener gar nicht mehr hoffen zu entkommen.

Aus der Gesindestube traten in diesem Augenblicke schon einige, durch

den lauten Ruf herausgelockte Knechte, die Krautsch kaum sah, als er

die Richtung einschlug, als ob er gerade wieder nach den hinteren Tennen

zurückflüchten wolle, dann aber plötzlich rechts ab einen Haken schlug,

und dadurch den Brenner irre zu leiten suchte. Der aber war nicht so

leicht anzuführen, denn er wußte gut genug, es könne dem so heimlich

eingeschlichenen Gesellen nur daran gelegen sein, wieder aus dem Thor zu

entkommen, und _den_ Ausweg hielt er deshalb fest und unerschütterlich

besetzt.

»Feuer!« tönte da plötzlich der Schreckensruf aus dem hinteren Theile

des Hofes vor -- »Feuer -- Feuer in den Scheunen Feuer! --«

Das Wort flog von Mund zu Mund und Alles wandte sich, den bisher

Verfolgten ganz vergessend, nach der Gegend zu, von wo aus der Ruf

herüber drang. Krautsch wußte aber, daß jetzt für ihn, und zwar

vielleicht nur auf Momente, die Zeit gekommen sei, der immer

gefährlicher werdenden Lage zu entgehen, rasch also seinen Entschluß

fassend, sprang er über die ihm nächsten Pflüge, gerade auf das Thor

zustrebend hin, stieß den einen Knecht, der sich hier aufgestellt,

mit verzweifelter Kraftanstrengung zur Seite, und hatte fast schon die

Stelle erreicht, wo ihm selbst der etwas plumpere, aber auch stärkere

Brenner nicht mehr hätte erreichen können, als dieser sich von

seinem ersten Schrecken erholte, schnell zufahrend den gerade an ihm

Vorbeisetzenden erwischte, und mit dem lauten Ausrufe:

»Haltet ihn -- haltet den _Mordbrenner_!« festhielt.

»Mordbrenner!« das Wort zündete -- »haltet den Mordbrenner!« schrie

Alles, und selbst das Feuer war in dem Augenblicke, über dem einen

Gefühle der Rache vergessen; so schwach aber auch Krautsch sonst wohl im

Arme des sehnigen Brenners gewesen wäre, eine so rasende Kraft gab ihm

in diesem Augenblicke die Verzweiflung und Todesgefahr. -- Er packte den

Brenner mit wüthender Gewalt und beiden Fäusten an der Kehle, preßte ihm

diese so ein, daß der Mann seine Arme wohl auf einen Moment nachlassen

_mußte_, schleuderte ihn dann rasch von sich ab, traf den nächsten auf

ihn einspringenden Knecht so richtig mitten in's Gesicht, daß er ihn wie

einen Ochsen zu Boden fällte, stieß den alten Thorwärter, der ihn in den

Weg rennen wollte, bei Seite und verschwand im nächsten Augenblicke aus

der schmalen Pforte hinaus in die dunkle Nacht.

»Das war der nichtsnutzige Mensch, der Krautsch,« rief der alte

Thorwart, als er sich vom Boden wieder aufraffte -- »na wahre Dich, mein

Bursche, das gedenk' ich Dir auch noch.«

»Krautsch?« sagte da der Brenner, der in diesem Augenblicke ebenfalls

herbeisprang -- »ei, daß die mordbrennerische Bestie der böse Feind hole

-- mich hat sie bald erwürgt.«

Einzelne der nachgesprungenen Knechte kehrten, die Verfolgung in solcher

Dunkelheit gar bald als unnütz aufgebend, schon wieder zurück, während

die meisten in dessen dem Orte zugesprungen waren, von dem der Feuerlärm

hertönte.

In diesem Augenblicke kam, in seinen Mantel gehüllt, und unter diesem

etwas im Arme tragend, der junge Poller aus dem herrschaftlichen Hause

und ging rasch am Thorwärter vorbei.

»Nun, wohin jetzt noch?« frug dieser.

»Apotheke,« lautete die bündige Antwort, und der Gefragte verließ den

Hof und verschwand nach derselben Richtung hin in der dunklen Nacht

draußen, die der flüchtige Krautsch vor wenigen Minuten eingeschlagen

hatte.

* * * * *

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band. · 第 7 / 11 段