»Lächerlich?« rief die Tochter und richtete sich, von der Erregung des

Augenblicks hingerissen und mit durch mehr als Fiebergluth gerötheten

Wangen hoch auf im Bett -- »lächerlich? Hast Du je gehört, _was_ er

und _wie_ er zum Volk gesprochen? Hast Du gehört, wie er für die

Proletarier, für die arme unterdrückte Classe mit Wort und Schrift

gekämpft, und selbst Kerker und Lebensgefahr nicht scheute, sein

schönes herrliches Ziel zu verfolgen? -- Wenn Du je seine Reden an das

versammelte, in athemlosem Schweigen lauschende Volk gehört, wenn Du

je mit uns Allen hingerissen gewesen wärst von den mächtig ergreifenden

Worten, dem feurigen in wilder Begeisterung auflodernden Feuer des

Redners -- dann Vater, dann hättest Du, wie ich, geglaubt, daß die

Schwüre, die mir der nämliche Mund in heiliger Stunde flüsterte, auch

wahr und heilig wären, wie die That, die sie sonst zu edlem Handeln

entflammte. Dann Vater hättest Du Dich auch, wie ich, dem süßen Traum

hingegeben, das Wesen allein in der weiten großen Welt zu sein, daß

_diesen_ Mann, zu dem Tausende und Tausende mit Bewunderung aufschauten,

fesseln könnte. O der Gedanke war so schön -- so lieb -- ich war so --

so stolz darin geworden -- -- Vater -- Du wolltest mir ja immer einmal

erzählen,« brach sie plötzlich ab, »wie Du eigentlich Deine frühere, so

glückliche Laufbahn in der Stadt verlassen, und dazu gekommen wärst

-- Dir auf den Dörfern Dein Brod durch Musiciren zu _erarbeiten_ --

jedesmal aber, wenn ich davon angefangen habe, schwiegst Du still, oder

sangst wunderliche tolle Lieder und ließest mich nicht mehr zu Worte

kommen. Soll ich es heute vielleicht erfahren? -- -- wer weiß was morgen

die Zeit bringt -- ich fürchte mich fast vor dem neuen Jahr, und doch

freu' ich mich darauf.«

»Hm« sagte der alte Musikant, und legte die Violine still neben sich

nieder -- »Ihr Frauen bleibt Euch doch Alle gleich -- Deine Mutter war

eben so -- wo Ihr einmal etwas heraus zu bekommen habt, gebt Ihr nicht

Ruh noch Rast, und haltet keinen Frieden. Ich weiß aber eigentlich gar

nicht, weshalb ich Dir _die_ Geschichte nicht hätte erzählen wollen --

sie ist einfach und unbedeutend genug -- nur das Ende war häßlich --

oder ist vielmehr _noch_ häßlich.«

»Und der Anfang?«

»Nun Du weißt doch, daß ich Musikdirector in G. -- war, und mein gutes

Auskommen hatte -- vor zwölf oder dreizehn Jahren aber, wo die Leute

verrückt wurden und für lauter alt Klassisches schwärmten und Alles

was recht deutsch d. h. verständlich war, mit Nasenrümpfen und über die

Achsel ansahen, da kam ich zuerst in Miskredit. Ich hatte alle Achtung

vor den todten Meistern und schwärmte besonders für Weber und Mozart,

wenn aber etwas Neues, Gutes kam, wollte ich's auch haben, und wollte

ihm Achtung verschaffen, und da trat ich zuerst in's Fettnäpfchen mitten

hinein. Die >große Welt< wurde wie gesagt aesthetisch -- wollte nichts

wie Gluck und Sebastian Bach hören -- ich opponirte, ein anderer

trat gegen mich auf, Cabalen wurden geschmiedet und ich -- erlag. Sie

schickten mich fort -- Du warst damals bei Deiner Tante in Wien und

erfuhrst nichts von der ganzen Geschichte, die Alte starb aber --

hinterließ ihr ganzes Vermögen einer frommen Stiftung -- ihrem im

Elend sitzenden Bruder nicht einen rothen Pfennig, und _der_ wurde

_Musikant_.«

»Etwas bin ich wohl auch mit schuld an meiner Lage« nahm der alte Mann

endlich, nachdem er den Refrain eines kleinen lustigen Liedes halblaut

vor sich hingepfiffen, den Faden seiner Erzählung wieder auf -- »aus

Mismuth und Aerger, eines protegirten Holzkopfs wegen, der nur an den

rechten Stellen zu katzenbuckeln wußte, mein Brod verloren zu haben --

ergab ich mich in etwas dem Trunk -- Deine Mutter bat mich genug, es

nicht zu thun -- aber der Wahnsinn hatte sich mir nun einmal in's Hirn

gesetzt -- das verdammte Saufen blieb nicht mehr Leidenschaft, es wurde

zur Krankheit, und ich selber -- was ich jetzt bin -- Brrrrr -- es ekelt

mich manchmal, wenn ich mich selber anfassen soll.«

»Aber wo starb die Mutter?« frag mit leiser Stimme Marie.

»Du kamst damals aus glücklichen Verhältnissen, aus Reichthum und

Ueberfluß heraus, in unser Elend,« sagte der Vater, ohne auf die an ihn

gerichtete Frage zu antworten -- »es sah hübsch bei uns aus -- wie? --

Du warst aber ein braves Mädchen, und suchtest und fandest gleich eine

Stelle, wo Du arbeiten, und Deinen Vater unterstützen konntest. Ja

-- wer einmal Nichts haben _soll_, dem fällt auch die Butter vom Brod

herunter -- das ist ein altes Sprichwort, und so wurde es auch bei uns.

Na, ich denke, _Du_ hast's ebenfalls erfahren -- aber doch wohl

noch nicht so arg, wie Deine Mutter -- die hat traurige Zeiten mit

durchgemacht.«

»Und wo starb sie?« sagte noch einmal das Mädchen.

»Gottes Zorn trieb mich damals unter das Lumpenpack, mit dem ich zwei

volle Jahre herumzog -- der Trunk hatte mich zum Thier erniedrigt, und

ich -- war ein recht schlechter Mensch geworden. -- Ich weiß -- es gab

einmal eine Zeit, wo ich -- aber Pest und Donner, ich bin ja heut' Abend

förmlich wie ein altes Waschweib, und winsele und lamentire, daß es

einen Stein erbarmen möchte. -- Ei zum Henker, wollen einmal wieder

trinken -- da vergehen die Grillen, und die Welt bekommt eine ganz

andere Farbe. Das verwünschte Bachstetten hab' ich überdieß auf dem

Strich, und ich weiß bei Gott nicht, _was_ mich wieder hierher geführt

hat, manchmal ist's aber ordentlich, als ob Einen etwas ganz anderes

triebe, als der freie Wille, und als ob es eine Art Verhängniß -- ah,

meinetwegen -- 's mag kommen -- ich bin fertig.«

»Vater,« sagte die Tochter plötzlich, und berührte seinen Arm -- »die

Lampe will ausgehen!«

»Die Lampe?« brummte dieser, der den Kopf auf die Brust gesenkt, in eine

Art dumpfes Brüten gefallen war -- »Unsinn, die brennt hell genug.«

Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen, unheimlichen Raum -- draußen

schüttelte der Wind die entlaubten Birken, die vor dem Fenster standen,

und warf nach einer Weile den Hut in die Stube, den der Alte in die

letzte, nicht mit Bretern vernagelte, aber jetzt auch zerbrochene

Glasscheibe gesteckt hatte. Meier stand auf, drückte den Hut wieder auf

seinen alten Platz, denn der scharfe Luftzug, der durch die Oeffnung

hereinpfiff, drohte das Licht zu verlöschen, legte dann einen Stein

hinein, und setzte sich wieder auf die Bettkante nieder.

»Vater -- mir ist recht wunderlich zu Muthe,« sagte da plötzlich das

Mädchen, und versuchte, sich auf ihrem Lager emporzurichten -- »ich

wollte -- ich wollte, _er_ wäre hier.«

»Er? -- wer?« knurrte der Alte -- »nenn' mir noch einmal den Kerl, und

sieh dann, was ich thue -- hol' ihn der Böse mit seinen Redensarten und

Versprechungen -- hätte er _eine_ gehalten, so lägen wir jetzt nicht

hier und bliesen Trübsal.«

»Hätt' er nur damals -- meinen Brief -- gelesen --« flüsterte das

Mädchen in abgebrochenen Sätzen, und eine eigenthümliche Unruhe wurde

in ihrem ganzen Wesen bemerkbar -- ihr Vater achtete nicht darauf, er

vertiefte sich mehr und mehr in seinen Gedanken, und horchte nur

einmal aufmerksam lauschend auf, als die Thurmuhr draußen langsam und

schwerfällig drei Viertel schlug.

»Wie viel Uhr ist das, Vater?«

»Drei Viertel auf zwölf -- 's wird gleich Mitternacht sein, und dann

-- springen wir in's neue Jahr hinein. Beim Himmel, beinahe so ein

Sylvester wie vor drei Jahren -- und gerade die Stelle wieder -- ich muß

mir nur noch ein Glas Grog machen -- das hilft.«

»Vater!« sagte da das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme -- »nimm doch --

nimm doch den Hut -- den Hut wieder aus dem Fenster heraus -- es wird --

es wird so heiß -- so schwül hier.«

Der alte Mann sprang wie von einer Kugel getroffen in die Höhe, sah

erst seine Tochter ein paar Secunden mit stieren, fast aus ihren Höhlen

drängenden Augen an, sprang dann nach der Lampe, griff diese auf, und

hielt sie hoch über seinem Kopf gegen der Tochter Lager, daß der helle

Schein des flammenden Dochtes auf die bleichen, geisterhaften Züge des

armen Kindes fiel.

»Marie -- Mädchen -- Kind!« schrie er dabei mit zitternder, von

Todesangst fast erstickter Stimme -- »was ist Dir -- wie siehst Du aus?

-- großer -- großer allmächtiger Gott -- und an der nämlichen Stelle, wo

vor drei Jahren Deine Mutter starb --«

Marie raffte sich gewaltsam zusammen.

»Was -- hier? -- hier war es?« lispelte sie, und die großen glanzlosen

Augen hafteten in einem unbeschreiblichen Gemisch von Schreck und Freude

auf dem bleich und bebend vor ihr stehenden Vater -- »hier in dem Haus?

-- in der Sylvesternacht?«

Der Alte nickte schweigend mit dem Kopf.

»Wie ist Dir denn jetzt eigentlich, Marie?« sagte er endlich etwas

ruhiger -- »Du hast mir einmal einen Schreck eingejagt -- es ist wohl

gar nicht so schlimm.«

»In demselben Zimmer, Vater?«

Der alte Musikant nickte noch einmal, und sah sich, fast wie scheu, in

dem öden Raume um -- »auf demselben Gestell, auf dem _Du_ jetzt liegst,«

flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme.

Die Kranke sank wieder in ihre frühere Lage zurück, ein schwaches

Lächeln stahl sich um ihre bleichen Lippen, und mit gefalteten Händen

murmelte sie einige, dem Vater unverständliche Worte. Endlich streckte

sie ihre linke Hand gegen ihn aus, und sagte:

»Vater -- wolltest Du mir wohl eine Bitte erfüllen -- eine Bitte, mit

der Du mir eine recht große Liebe erzeigen könntest?«

Der alte Mann war indessen aufgestanden, und mit raschen Schritten im

Zimmer hin und hergegangen; augenscheinlich arbeitete er daran, die

weiche Stimmung, in der er sich befand, nieder zu kämpfen -- er pfiff

bald, bald summte er kurze, abgebrochene Sätze komischer Lieder vor sich

hin. Bei der Bitte der Tochter wandte er sich rasch nach dieser um --

sich plötzlich aber besinnend stampfte er mit dem Fuß, murmelte einen

halb abgebrochenen Fluch in den Bart, und sagte:

»Ah was -- laß die Possen -- wir wollen lieber schlafen gehn.« Er schien

die frühere, augenblickliche Rührung vollkommen abgeschüttelt, und sein

rauhes unwirrsches Wesen wieder angenommen zu haben. Der Zustand der

Tochter war ihm nämlich zu schnell und überraschend gekommen, und

hatte dadurch all' die früheren, schon einmal an diesem Ort durchlebten

Schreckbilder heraufbeschworen -- sollte er das aber jetzt dem Kinde

merken lassen? -- Gott bewahre -- -- wenn aber nun doch? -- Er heftete

den scheuen ungewissen Blick fest und forschend auf das Antlitz der

Kranken -- und wie mit einer eiskalten Hand griff's ihm an's innerste

Herz. -- In _den_ Zügen stand der Tod -- und dem hatte er schon zu oft

in das grauenvolle Antlitz geschaut, um sich darin noch irren zu können

-- mit schneller, beruhigender Stimme setzte er hinzu -- »was ist es

denn, Marie, kann ich es Dir bringen?«

»Nur noch ein Lied -- sing mir -- sing mir heute Abend -- dann wollen

wir uns schlafen legen -- morgen werd' ich schon wieder besser sein --

willst Du, Vater?«

»Was für ein Lied, Marie?«

»Mein Lieblingslied -- die Ballade von -- von der todten Sängerin.«

»Es ist gar so ernst,« sagte der alte Mann, und kämpfte, jetzt die

Blicke nicht mehr von dem immer blässer und leichenähnlicher werdenden

Angesicht der Tochter wendend, gewaltsam gegen den unbezwingbar in ihm

aufsteigenden Schmerz an --

»Die Ballade, Vater!«

Der Vater griff nach der Violine, die Tochter winkte aber bittend mit

der Hand --

»Nicht das Instrument,« flüsterte sie -- »die scharfen Töne thun mir weh

-- nur Deine Stimme, Vater -- und -- und Deine Hand dazu -- das ist ja

Alles, was -- mir noch -- geblieben.«

»Es ist so ein langweiliges Lied,« warf der Vater noch einmal ein, und

suchte nur Zeit zu gewinnen, seine Thränen niederzuwürgen -- »wie ist

Dir denn, Marie?«

»Gut -- gut, Vater -- aber die Ballade!«

»Hm -- ahem,« räusperte sich der Alte -- setzte ein paar Mal an, und

mußte immer wieder aufhören -- »ahem«

Die Kranke ließ seine Hand nicht mehr los, lag aber still und geduldig

des Anfangs harrend. Endlich hatte sich der arme alte Mann so weit

gesammelt, daß er wenigstens seine Stimme gewinnen konnte, und mit

leisen, klangvollen, aber doch vor niedergehaltenem Schmerz zitternden

Tönen sang er:

Es steht am Meeresstrande

Eine stille bleiche Maid,

Barfuß im kalten Sande

Mit flatternd dünnem Kleid.

Und auf die schaumzersprühten

Und krausen Wogen aus

Streut sie zerpflückte Blüthen

Aus einem frischen Strauß. --

Mit solchem Ausdruck hatte der Mann noch nie gesungen! Die hellen

Thränen rollten ihm über die faltigen hageren Wangen hinunter, als er

Vers nach Vers beendete, und dem ängstlichen Blick nur immer mehr Grund

zu wirklich ernster Besorgniß wurde. So wie er aber aufhören wollte, bat

ihn ein leiser Druck der Hand fortzufahren, und er konnte _der_ Bitte

nicht widerstehen.

Zum drittletzten Vers war er so gekommen

Das -- das war seine Stimme!

Hier ist -- hier kommt die Braut!

Da schlug es draußen auf dem Thurm in langsam gemessenen Schlägen zwölf,

und Marie zuckte, wie von Todesschauern ergriffen, zusammen.

»Mein Kind -- mein Kind!« sagte der Greis, und wollte sich über sie

hinüberbeugen.

»Den Schluß, Vater -- den Schluß,« flüsterte die kaum noch hörbare

Stimme -- »o den Schluß!«

Am stillen öden Strande,

Vom Fluthenstrom umzischt.

sang der alte Mann, aber er war nicht mehr im Stande, den Tönen Worte

zu geben -- die Laute blieben ihm in der Kehle stecken -- er machte ein-

oder zweimal den Versuch, doch umsonst -- es ging nicht, und während

seine Thränen immer unaufhaltsamer quollen, pfiff er mit zitternden

Lippen den Schluß der Ballade.

Mit dem letzten Ton dröhnte auch der letzte Schlag der schläfrigen

Thurmuhr aus --

»Mutter!« lispelte das Mädchen, und der Greis sprang mit einem lauten

Aufschrei von seinem Sitz empor --

»_Marie!_« rief er, und strich ihr mit vor Angst fieberhaft fliegenden

Händen die kalte, feuchte Stirn -- »Marie« --

Umsonst, alter kinderloser Mann -- Deine Marie hört Dich nicht mehr

-- -- sie ist zur Mutter gegangen.

Laut schluchzend sank er neben dem Bett auf die Knie nieder, und barg

sein Gesicht an dem kalten, harten Lager und stöhnte:

»War mir's doch den ganzen langen Tag, als ob eine Leiche im Zimmer

läge.«

Achtes Kapitel.

Pollers Rache.

Unten im herrschaftlichen Hofe ging es recht still und geräuschlos her

-- der Oberpostdirector lag noch immer an den Folgen des Sturzes schwer

darnieder, und wenn auch das eigentliche Wundfieber wohl überstanden

war, so mußte sein Geist doch noch in furchtbarer Aufregung sein,

denn er sprach viel und oft recht böse Sachen im Traum, und warf sich

gewöhnlich so lange auf seinem Lager herum, bis ihn der Schmerz seiner

kranken Glieder wieder aufweckte.

Der alte Poller war dabei gewöhnlich der Einzige, den er um sich

duldete; seine Frau -- sie mochte bitten oder weinen wie sie wollte --

durfte nur sehr selten in's Zimmer, und dann auch nur wenige Minuten

bleiben; der junge Poller ging ab und zu, und besorgte besonders alle

die nöthigen Wege, sah nach dem Feuer u. s. w. Unten vor den Fenstern

war dabei Stroh gelegt, damit das Rasseln der Wagen und das Klappern der

Hufe auf dem Pflaster den Leidenden nicht stören solle, und die Knechte

und Mägde hatten strengen Befehl, vor den Fenstern des Krankenzimmers

besonders nicht zu lachen. Der Oberpostdirector konnte eher alles Andere

hören, nur kein Lachen.

Heute schien er übrigens wieder einmal seinen ganz besonders bösen Tag

gehabt zu haben, der junge Poller mußte springen und rennen und wurde

fast ununterbrochen geschimpft und gescholten und wenn er sich ja einmal

zum Ausruhn in einen Winkel drückte, trieb ihn sein Vater immer zuerst

selbst wieder heraus. Der kleine giftige Bursche knirschte vor Zorn

und Unmuth, entgegnete aber, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit,

kein einziges Wort des Widerspruchs und ertrug Alles -- wenigstens

schweigend.

Die Abenddämmerung rückte so langsam heran; immer die schlimmste Zeit

mit dem Kranken, der dann stets eine Art Fieberanfall bekam, und oft

bis Mitternacht die Aufmerksamkeit seiner Wärter im vollsten Grade

in Anspruch nahm. Der junge Poller hatte dabei lange eine Gelegenheit

gesucht, einmal auf eine kurze Zeit sich zu entfernen, gerade jetzt war

aber nicht ein einziger Weg für ihn zu gehn, und er mußte bis lange

nach sechs Uhr, und also schon in völlige Nacht hinein, fortwährend

Handreichungen am Bette thun, und aus der Küche herauf und

hinunterspringen.

Endlich sollte der Verband an der einen Quetschwunde, die den Kranken

heftig zu schmerzen begann, erneuert werden, die Traubenpommade war aber

nirgends zu finden -- der junge Poller kroch unter allen Stühlen und

Schränken herum, drehte das oberst zu unterst, und machte, jedoch immer

ohne Erfolg, einen solchen Lärm, daß ihm sein Vater endlich ärgerlich

zuflüsterte, mit dem verdammten Spektakel einzuhalten und rasch nach der

Apotheke hinauf zu laufen, um andere zu holen. Karl Poller ließ sich das

nicht zweimal sagen, griff nach seiner Mütze und sprang davon.

»Aber zum Dunnerwatter, wua stäckst de denn?« redete ihn da, als er

einen schon früher mit Krautsch besprochenen Sammelplatz erreichte,

dieser würdige Mann in der übelsten Laune von der Welt an -- »ich stiehe

und stiehe hiar un han mer die Hänge und Fiße beinah derfruren; un keen

Mensche kimmt niche -- wua bist de denn su lange gebliaben -- he?«

»Das weiß der Henker,« stimmte Poller selbst mit ein, »heute war

kein Loskommen; als ob die beiden alten Schufte -- mein Vater und der

Oberpostdirector, ordentlich gemerkt hätten, daß ich irgend 'was im

Schilde führe.«

»Oho -- jo niche,« sagte Krautsch erschreckt.

»Hab' keine Angst,« lachte der junge Verbrecher, »die glauben sich

sicher genug bewahrt; ich soll jetzt Traubenpommade in der Apotheke

holen.«

»Un nu mußt de in die Apothek ruff?« frug Krautsch bestürzt -- »das

giaht ja gar niche -- mer missen uns doch --«

»Ich werde nicht so dumm sein,« lachte Poller -- »ich hab' ja die

Traubenpommade, ein ganz frisches Stück von heute Morgen -- selbst erst

in die Tasche gesteckt, um nur eine Ausrede zu kriegen und wegzukommen

-- die bring ich dem Alten jetzt wieder -- der weiß viel, ob das neue

oder alte ist.«

Krautsch lachte heimlich vor sich hin.

»Un dann kennen mer jetzt die Sache en bischen beriaden?«

»Nun das versteht sich,« lautete die Antwort, »aber etwas rasch, denn

_zu_ lange darf ich doch nicht wegbleiben.«

»Nu, wollen mer's denn noch hinte Obend machen?« flüsterte der Bauer --

»ich bin g'rade uffen Zeug.«

»Ich denke,« erwiederte ihm Poller eben so leise -- »im Schloß drin

scheint auch Alles günstig, der Alte hat auch einmal wieder seinen bösen

Abend, und da darf keiner weiter in die Zimmer kommen, wie wir Beide,

mein Alter und ich -- ich glaube, heute Abend gehts -- aber welche

Zeit?«

»Nu vor neine niche!« meinte Krautsch.

»Nein -- aber auch nicht später, denn wenn das Thor erst einmal zu ist,

kann der Teufel sein Spiel haben und uns in die Falle drin halten -- ich

dächte, so gegen neun.«

»Hm -- guat -- da han ich ooch nischt derwidder -- un da machen mer's

so, wie mer's beschprochen han?«

»Nun versteht sich, das Zeichen für mich ist der erste Feuerlärm --

mißlingt es und wird _kein_ Lärm, nun so unterbleibt für heute die

ganze Geschichte, denn wenn das Thor draußen geschlossen ist, mag ich's,

obgleich ich selbst den Schlüssel dazu habe, nicht riskiren -- es hält

zu lange auf.«

»Un mer treffen uns an der Blutbuche.«

»Nun das versteht sich, das ist ja Alles schon besprochen,« brummte

der junge Bursche; »wo aber denkst Du am sichersten anzukommen, am

Obertenne?«

»Do brännt ja de ganze Beschäring wek,« sagte Krautsch erschreckt --

»wenn das urdentlich Feier fängt, nachens haben se Zeit mit Leschen --

ne ich dachte an's Ungertenne -- do thuts nich so viele, un Spektakel

geihts doch gening.«

»Mir wäre die Obertenne lieber,« sagte Poller -- »daß der böse Feind dem

alten Schuft nur noch immer ärger in seine lahmen Gliedmaßen hineinfahre

-- dem gedenk' ich die Schläge, und wenn wir bis zum jüngsten Tag neben

einander ausharrten -- im Obertenne kannst Du auch besser ankommen, wie

im Untertenne, und bist nachher gleich an der Gartenmauer, an der

Du Dich bis zum Thor und zwischen den Reisigbündeln durch leicht

hinschleichen kannst.«

»Hm -- nu mer wullen sähn -- irgendwu wärd' ich schonst ankommen,

un nachens mach ich mich sachte rar. -- Aber Du -- wie wärsch denn

eegentlich, wenn ich erscht geschwinde in's herrschaftliche Gebäude käme

-- kinnten mer denn da nich verleicht noch een oder das --«

»Unsinn --« sagte Poller -- »na mach Du solche Geschichten, daß sie Dich

beim Kragen kriegen und beistecken -- weißt Du wohl, daß heute Morgen

der Befehl eingegangen ist, Dich aufzufangen und an das Gericht hinein

zu liefern?«

»Jemine!« rief der Bauer erschreckt -- »un von _wägen_?«

Poller nickte nur einfach mit dem Kopfe.

»Läge der alte Baron jetzt nicht krumm, so hätten sie Dich am Ende schon

abgefaßt,« sagte er, »so aber hat er die Geschichte, glaub' ich, noch

gar nicht gelesen, morgen käm' es aber doch jedenfalls vor. Also bist

Du gescheidt, so hältst Du Dich so viel wie möglich außer Rufs Nähe

von Allen, die Dich kennen könnten, ich glaube, Du kannst dadurch nur

profitiren.«

»Nu ja -- 's kennte meglich sin,« meinte Krautsch, -- »also denn

bleibts derbei -- um dreiviertel uf neine« -- Und ohne weiter Gruß

oder Abschiedsworte an den Verbündeten zu richten, glitt er aus seinem

Versteck vor, sprang über die dicht daran stoßende niedere Gartenmauer,

und war im nächsten Augenblicke in der dahinter lagernden Dunkelheit

verschwunden.

Poller kehrte so schnell er konnte, um jetzt wo möglich jeden Zank und

dadurch entstehende Unruhe zu vermeiden, nach Hause zurück, und suchte

nur -- was übrigens gar nicht so schwer war -- den Vater an das Bett des

launenhaften Kranken zu fesseln. Der Oberpostdirector schien aber auch

wirklich heute einmal einen seiner allerbösesten Abende zu haben -- er

hatte nicht Ruhe noch Rast -- wollte bald auf dieser, bald auf jener

Seite unterstützt werden, warf sich -- trotz aller Vorstellungen des

hinzukommenden Arztes -- fortwährend herum und zankte und schimpfte

seine Umgebung -- den Doctor keineswegs ausgenommen -- auf das

Unbarmherzigste. -- Ja, er wollte endlich, was ihm aber dieser auf das

Strengste verbot, unter jeder Bedingung von seinem Lager aufstehn, und

schrie nun, als ihn der alte Poller gewaltsam zurückhielt -- so laut um

Hülfe, daß das Gesinde des ganzen Hauses zusammenkam, und schon glaubte,

es wäre irgend etwas Entsetzliches geschehn.

Der Arzt sandte die Leute aber wieder zurück, und versicherte sie, sie

brauchten um ihren Herrn sich nicht zu sorgen; es sei nur ein etwas

stärkerer Fieberanfall als gewöhnlich. Er verordnete dann einige

beruhigende Mittel, trug dem alten Poller noch verschiedenes auf und

kehrte, da er dort noch einige Kranke besuchen mußte, mit dem schon

wartenden Wagen in die Residenz zurück.

Dem jungen Poller schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust -- der

Augenblick der Entscheidung rückte immer näher und sein Vater saß wie

Blei -- wenn er _den_ nicht zur rechten Zeit aus dem Zimmer -- denn hier

in der Krankenstube selber lag das Geld -- entfernen konnte, war die

ganze Sache, die ganze Gefahr, der sich Krautsch aussetzte, umsonst

gewesen -- Krautsch? ei beim Teufel, der kümmerte ihn wenig -- aber er

selber -- wer weiß denn, ob sich so günstige Gelegenheit ihm wieder bot

-- seine ganze Hoffnung ruhte jetzt noch allein auf dem Feuerlärm.

Der Kranke war, nach dem heftigen Toben, in eine Art Erschlaffung und

Abspannung gefallen, die sich bald in einen Halbschlaf verwandelte. --

Der alte Poller saß in der Ecke, im großen Sorgenstuhl des Herrn und

fing, ebenfalls zum Tod erschöpft, gerade ein wenig an einzunicken --

die Schlüssel zum Schrank lagen dicht neben dem Bette des Gutsherrn, und

das einzige Gefährliche bei der Sache schienen dem jungen Bösewicht ein

paar geladene Pistolen, die stets und zwar so niedrig über dem Bett

und zu Köpfen des Herrn hingen, daß er sie jeden Augenblick mit

ausgestrekter Hand erreichen konnte.

Entfernen durfte er die Waffen nicht -- der Director selbst, oder

sein Vater wenigstens, hätten das augenblicklich bemerkt und natürlich

Verdacht geschöpft -- wie aber wenn es ihm gelang die Zündhütchen

herunter zu bringen? -- Der Versuch mußte jedenfalls gewagt werden,

denn Karl Poller hatte allen Respekt vor Schießgewehren, und der

Oberpostdirector schoß ziemlich gut. Beim gewöhnlichen Stande des Bettes

wär' ihm jedoch ein solches Vorhaben ganz unmöglich gewesen, denn sobald

das Bett dicht an die Wand gerückt stand, würde er natürlich nur darüber

hin an die Waffen gekonnt haben, jetzt aber und bei dem Leiden des

Kranken, der fortwährend Schmerz empfand und anders gelegt sein wollte,

war es nöthig geworden das Bett etwas, wenn auch nur wenig, von der Wand

abzurücken, damit Jemand dahinter treten und von dort aus heben konnte.

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band. · 第 6 / 11 段