Der alte Vater Kleinholz mußte gerade ein Wenig eingeschlafen sein, und

Lieschen, die ihn nicht wecken mochte, rückte so geräuschlos als möglich

den Tisch zurecht, breitete ein schneeiges Tuch darauf und legte

die Handschuh, die warmen Mützen und Filzschuh wie einige andere

Kleinigkeiten zurecht, die anzuschaffen der gute Hennig sich das Geld

hatte mühsam am Munde absparen müssen, und selbst da wäre es noch nicht

gegangen, hätte er nicht für sich einem warmen Rock, so nothwendig er

ihn auch sonst sicherlich brauchte, entsagt. Sollten aber die Kinder des

alten Schullehrers, die einzigen vielleicht im ganzen Dorfe sein,

die Nichts bekamen und dann traurig aus und betrübt nach den

hellerleuchteten Fenstern der Uebrigen hinüberschauen mußten? Nein --

nicht, so lange es in _seinen_ Kräften stand, das zu ändern.

Aber wo blieb er nur? -- Die Kirche war schon so lange aus und Alles

dunkel darin -- Lieschen trat vor die Thür, ah -- jetzt hörte sie

das Zuschlagen der schweren Thüre, das Umdrehen der Schlüssel -- die

langsamen Schritte des Kommenden. Sie senkte das Köpfchen, und seufzte,

während sie mit gefalteten Händen in das Zimmer zurückging.

»O wie mag ihm nur jetzt -- in diesem Augenblick zu Muthe sein -- wir

wollen die Lichter anstecken -- das wird ihn etwas aufheitern.«

Die Thüre öffnete sich und Hennig trat herein -- er sah todtenbleich

aus, und trotz der scharfen Kälte draußen standen ihm die großen

schweren Schweißtropfen auf der Stirn.

»Herr Du mein Gott und Vater,« rief Lieschen erschreckt über des Mannes

Anblick -- »wie sehn Sie aus? Sie sind krank, Herr Hennig.«

»Nein, liebes Kind« sagte ruhig der Schulmeister -- »nur etwas

angegriffen fühl ich mich, vielleicht vom Schreiben gestern Abend --

ich bin noch spät aufgeblieben. -- Wollen wir nicht den Baum zurecht

putzen?«

Lieschen ging auf ihn zu, ergriff mit ihren beiden Händen seine Rechte,

und schaute ihm recht fromm und treuherzig in die trüben glanzlosen

Augen. Hennig begegnete mit ihm selbst unerklärlicher Ruhe dem Blick,

da flüsterte endlich das gute Kind, dem die Wehmuth das Herz zu brechen

drohte, und während ihr die hellen Thränen über die Wangen rollten:

»Sie armer -- armer Herr Hennig!«

Hennig blickte überrascht zu ihr nieder -- er rang nach Fassung -- nur

jetzt -- nur jetzt nicht schwach -- aber es war nicht möglich -- die

menschliche Natur ließ sich bändigen, nicht ertödten, der lang, o so

entsetzlich lang enthaltene Schmerz ließ sich, also geweckt, nicht mehr

zurückhalten; mit riesiger Kraft brach er sich in's Freie hinaus die

Bahn, und der Lehrer war nur im Stande sich rasch abzuwenden und das

Zimmer zu verlassen.

O wie lang, wie entsetzlich lang mußten heute die armen, armen Kleinen

oben in dem kalten dunkeln Dachkämmerchen sitzen und friern und warten

-- aber keins murrte -- Du lieber Gott, es galt ja eine Bescheerung für

sie -- eine Bescheerung, wo sie wußten, daß ihr armer Vater selbst

am Nothwendigsten Mangel litt, und doch, doch sollten sie bescheert

bekommen -- hätten sie da etwa auch noch ungeduldig das gute brave

Lieschen, und den lieben Herrn Hennig ärgern und kränken sollen? Keine

Klage ließen sie hören, nur dicht zusammengekauert saßen sie in dem

Winkelchen, an dem der Schornstein vorbeiführte, und dessen Wand

wenigstens nicht so eisig kalt war, als die übrigen. Und dort erzählten

sie sich leise flüsternd, was sie sich alles wünschten, auf was sie

hofften -- dort malten sie sich aus, wie schön, o wie herrlich schön

das sein würde, wenn jetzt auf einmal Lieschen von der Treppe aus rief:

Kommt Kinder, kommt herunter in die warme Stube -- und sie dann jubelnd

dem Rufe Folge leisteten, jauchzend vor all den schönen Sachen, die

ihnen Herrn Hennigs Güte bescheert, standen, und nachher -- o Jemine,

Jemine, jedes ein Stückchen kalten Schweinebraten zu seinen Kartoffeln,

denn das hatte ihnen Lieschen schon hoch und theuer versprochen, daß sie

das bekommen sollten. -- Ach wenn es doch alle Tage Weihnachten wäre.

Freilich dauerte es, ehe Lieschen wirklich kam, noch eine recht, recht

lange Zeit, aber endlich kam sie _doch_, und ein glücklicheres kleines

Völkchen, und ein sich reicher dünkendes, als des armen Schulmeisters

Kinder an dem Abende waren, gab es wohl im ganzen weiten Lande nicht

mehr. Auch Hennig, der zu dem etwas verzögerten Anzünden wieder

hereinkam, suchte sich, so viel das nur möglicher Weise gehen wollte,

in den Spielen der Kinder zu zerstreuen, und der alte Kleinholz lag

indessen in seinem Bette in der Ecke, weinte fast ununterbrochen,

drückte Hennig wohl zwanzig Mal dankend die Hand, und versicherte eben

so oft -- er sei in seinem Leben nicht so glücklich gewesen, als heute,

da er sich schon wochenlang im Gedanken an diesen Abend, wo _er_ den

Kindern doch gar Nichts bieten konnte, abgehärmt habe.

So stillfröhlich die Kinder aber auch in der Schule waren, und mit so

genugsamer dankbarer Freude sie die wenigen ihnen bescheerten Gaben

empfingen, so toll lärmend, so laut und jubelnd ging's heute in der

Pfarre her, wohin der Herr Generalsuperintendent, den ein Unwohlsein

an sein Lager fesselte, daß er nicht selbst bei seines Sohnes Ehrentag

gegenwärtig sein konnte -- eine Masse Spielzeug und Bilderbücher für die

Kinder geschickt hatte. Auch Wahlert ließ viel aus der Residenz kommen,

und Pastor Scheidler wußte mit den Sachen, die er selbst angeschafft,

wirklich gar nicht mehr wohin mit allen Geschenken.

Die Thüren waren, als Wahlert sein etwas bleiches, aber geliebtes,

holdes Frauchen aus der Kirche in die Pfarre geleitete, festlich mit

Buchsbaum und anderen Immergrünkränzen behangen, und der innere Raum

selbst sah wie ein Garten aus, in so herrlicher Farbenpracht glühten

hier Camelien, Hyacinthen und Tulpen, die es dem Gärtner nicht

wenig Mühe gekostet hatte, in der Kälte unbeschädigt nach Horneck

herauszuschaffen.

Und was für andere prachtvolle Geschenke gab es noch da, Schmuck und

Seidenkleider, Tücher, Shawls, Handschuhe u. s. w.; und der Baum, es war

fast, als ob ein Conditor aus reiner Verzweiflung seinen ganzen Laden

darüber ausgeschüttet habe, und Alles nun, zwischen den grünen, mit

unzähligen weißen Wachslichtern besteckten Zweigen von blitzendem Zucker

und Golde flimmere und funkle.

Und wie lärmten und jubelten die Kinder, und was für einen Spektakel

hatten sie schon oben in der besonders für sie geheizten Stube gemacht,

als Vater und Schwester so lange, so entsetzlich lange in der Kirche

blieben, und sie doch unter jeder Bedingung gleich, und das zwar den

Augenblick bescheert haben wollten. Endlich, endlich -- »schnell machen,

Sophie -- schnell machen, oder wir kommen herunter!« riefen sie durch

die immer und immer wieder, trotz aller Ermahnungen und Verbote,

geöffnete Thür, als sie hörten, wie unten die Hausthüre ging und die so

heiß ersehnten Eltern hereintraten.

Jetzt war das Harren und all die Ungeduld vergessen, sie schwammen in

einem wahren Freudenmeer, und der prachtvolle Baum -- die vielen, vielen

herrlichen nie geahnten, nie geträumten Sachen, schienen ihnen eher

einem Feentraum, einem Märchen der Tausend und einen Nacht, als der

Wirklichkeit anzugehören.

Elf Uhr mochte es etwa sein -- Lichterglanz und Jubel, Gläserklirren und

Tellergeklapper, Lachen und Singen tönte immer aus den hellerleuchteten,

durchwärmten Räumen heraus -- und draußen?

Hinter der Pfarre lag der, im Sommer viel von den Hausbewohnern

benutzte, jetzt aber natürlich vernachlässigte und einsame Obstgarten.

Aus Nordwesten strich der Wind haarscharf über die kahlen Hänge herüber

und schüttelte die trockenen laubleeren Zweige. Die Nacht war dunkel

wie das Grab, denn leichte Dunstwolken fingen selbst an, die Sterne zu

umhüllen, und kein Lichtstrahl fiel in den düsteren Raum, als der, der

aus den dicht verhangenen Fenstern, besonders an einer Stelle, wo sich

die Gardinen inwendig ein wenig zur Seite geschoben hatten, kam.

Da schritt ein Mann langsam und mit verschränkten Armen durch die kleine

offenstehende Pforte, und blieb endlich wenige Schritte entfernt vor

dem hellerleuchteten Eckfenster stehen. Drinnen bewegten sich einzelne

Schatten an der Gardine vorüber und er forschte mit der gespanntesten

Aufmerksamkeit nach den so rasch auftauchenden aber auch eben so rasch

wieder verschwindenden Umrissen. Ein paar Mal war es, als ob er sich zu

der Stelle niederbeugen wolle, wo der zurückgebogene Vorhang einen Blick

in das Innere verstattet hätte, eben so oft trat er aber auch wieder,

ohne es auszuführen, davon zurück, und wandte sich endlich, wie von

einem plötzlichen Entschluß dazu bestimmt, um den Ort zu verlassen. Noch

einmal, an einem hohen Apfelbaume, blieb er stehen, hob wie segnend die

Hand gegen das hellerleuchtete Gebäude empor und flüsterte leise:

»Sei glücklich, Sophie, sei glücklich!«

Ein heiseres, halb unterdrücktes Lachen, dicht an seiner Seite, klang

wie eine Unheil verkündende Antwort auf den Segensspruch -- er fuhr

erschreckt zusammen und schaute sich rasch nach der Stelle um, von

der es hertönte. Unter dem Apfelbaume und dicht an den knorrigen Stamm

desselben geschmiegt, lehnte eine dunkle, festeingehüllte Frauengestalt,

und die jetzt hier und da wieder hervortretenden Sterne ließen ihn ein

bleiches, geisterhaftes Angesicht erkennen.

»Hahaha« -- lachte die Gestalt -- »glücklich? -- wenn zwei Wesen, wie

wir sind, draußen in Frost und Eis mit halberstarrten Gliedern vor den

Fenstern stehen und Blut weinen möchten, heißes, quellendes Herzblut? --

Wahnsinn -- aber wir Beide -- wir passen recht gut zu einander.«

»Wir Beide?« sagte Hennig erstaunt -- »wer bist denn Du?«

»Eine Braut, die bald Hochzeit machen wird,« lachte die Gestalt wieder,

und war im nächsten Augenblicke im Schatten der dahinter befindlichen

Hecken verschwunden. Hennig fühlte, wie ihn ein eisiger Schauer

durchrieselte, es war fast, als ob er mit einem Wesen gesprochen habe,

das dieser Welt gar nicht mehr angehöre. -- Die späte Stunde dazu, die

scharfe Kälte, in der sich doch wahrlich nicht leicht eine Frau, und

noch dazu hier auf dem vom Nordwest bestrichenen Hügel aufhielt. Er

schüttelte schweigend mit dem Kopfe, warf noch einen scheuen Blick der

Richtung zu, in welcher die Gestalt verschwunden war, einen anderen

dorthin, wo in diesem Augenblicke all sein irdisches Glück in

jubelnden Toasten, fröhlich zusammenklingenden Gläsern und Glück und

Segenswünschen zu Grabe getragen wurde, und schritt dann rasch der

eigenen -- o wie traurigen, freudlosen Heimath wieder zu.

Siebentes Kapitel.

Die Sylvesternacht.

Das kleine Dorf Bachstetten lag in einer zwar armen, unfruchtbaren, aber

wirklich pittoresken und wild romantischen Gegend. Der Winter war

mit seiner rauhen Hand über den zarten Schmuck der Wiesen und Haiden

gefahren, und hatte erbarmungslos abgestreift, was er an weichem

saftigen Grün gefunden. Nur die dunkelgrünen Kieferstreifen hatten

dem tollen Gesellen Trotz geboten, und wie zum gegenseitigen Schutz,

schaarten sie sich an den Abhängen einzelner Hügel in dichten

festgeschlossenen Gruppen zusammen, und reichten sich treu und

brüderlich die stachelbewehrten Arme.

Graue Haideflächen deckten die niederen Hügel und wellenförmigen

Thäler, und nur hier und da hob sich plötzlich und schroff ein steiler,

hochaufragender, moosbewachsener Fels empor, und stand, wie ein

starrer, drohender Riese, aufgerichtet zwischen dem anderen regellos

umhergestreuten Gestein, das zu seinen Füßen lag. Schneeweiße

Birkenstämme stachen dabei gar eigenthümlich und in dunkler Nacht

oft unheimlich gegen den düsteren Hintergrund des dunkelgefrorenen

Haidekrautes ab, und hier und da gaben einzeln stehende, noch mit

hellgelbem Laub bedeckte junge Eichen und weit hinausscheinende

rothe Weidenkuppen dem ganzen wilden Landschaftsbild einen gar

eigenthümlichen, wunderbaren Farbenschmelz, der durch zahlreiche,

hoch aufgeschichtete Torfpyramiden, die auf dem gelben Rasen zerstreut

standen, eher erhöht als gestört wurde. Hier und da blitzten kleine

trübe Lachen aus dem monotonen Grau der Haide hervor, und weiter oben,

am Rand einer Schwarzholzspitze, deren Marken sich weit aus in das

Thal hineindehnten, lag das kleine Dorf Bachstetten, mit den neuen

ziegelrothen Dächern -- denn die alten strohgedeckten Gebäude waren vor

einigen Jahren fast sämmtlich ein Raub der Flammen geworden -- fast in

die Schatten des, sich darum hindrängenden Nadelholzes hineingeschmiegt.

Das Dorf selbst war aber so arm und dürftig, wie die öde unfruchtbare

Gegend und Lage es nur machen konnte, und außer einigen wohlhabenden

Bauern, die auch den größten Theil der besseren Felder inne hatten,

lebten nur Häusler, Holzschnitzer und Strohflechter darin, die auf gar

spärliche Weise durch harte und unausgesetzte Arbeit das karge Leben

fristeten. In den letzten Jahren hatten es dabei einige der Bewohner

möglich gemacht, Haus, Heerd und Feld zu verkaufen, und nach Amerika

auszuwandern, und daher kam es, daß einzelne Wohnungen leer und halb

verfallen da standen, und -- wenn sich wirklich Abmiether dazu fanden,

um einen Spottpreis weggegeben wurden.

In ein solches Haus, dessen moosiges Strohdach dicht und schwer auf

den niederen Lehmwänden lag, und das noch dazu vom Dorf fast getrennt,

wenigstens durch ein kleines Kieferdickicht davon abgeschnitten,

versteckt im dichten Nadelholzwalde stand, mag mir der Leser, um ein

paar alte Bekannte dort aufzusuchen, auf wenige Minuten folgen.

Das einzige bewohnbare Zimmer im ganzen Haus befand sich unten zu ebener

Erde, und die Dielen bildete der nackte hartgestampfte Boden; auf

dem war aber, um die Kälte auszuhalten, die von dort herauf sonst

emporschlagen mußte, eine dichte Lage von dickem Laub und Fichtennadeln

gebreitet worden, und von den Bäumen abgezogenes Moos hielt die

Fensterritzen und Thürspalten verstopft. Es stand übrigens ein Ofen im

Zimmer, und ein ziemlicher Haufen trockenes Reisig, das neben diesem

aufgeschichtet lag, wie die, wenigstens nicht unangenehme Temperatur des

Zimmers verrieth, daß die Bewohner der Hütte, so arm sie auch sonst wohl

sein mochten, doch noch keinen Mangel an Feuerung litten.

In der einen Ecke stand ein Bettgestell, und auf diesem lag ein

Strohsack, ein mit Moos gefülltes Kopfkissen und eine wollene Decke

-- und auf dem Bett, -- wenn ein solches Lager auch wirklich ein Bett

genannt werden konnte -- saß, die Hände auf der Decke gefaltet, und in

stillem wehmüthigen Schweigen nach dem, im gegenüberliegenden Winkel,

auf einer Schütte Stroh kauernden Vater hinüberschauend, Marie, des

alten Musikanten krankes Kind, und legte sich, als der alte Mann gar

keine Notiz von ihr nahm, und ebenfalls mit seinen eigenen trüben

Gedanken beschäftigt schien, seufzend wieder auf das harte Kissen

zurück.

»Vater,« sagte da, nach einer langen, langen Pause die Tochter, und man

konnte ihr anhören, wie schwer ihr das Reden wurde -- »Vater -- mir wird

recht sonderbar zu Muth -- ich fühle mich recht unwohl.«

»Möchte auch wissen, wie's anders kommen könnte,« brummte der Alte, »die

Nächte draußen in Kälte und Nebel im Walde 'rum zu rennen, und in _dem_

Aufzug -- wie willst Du nun singen, wenn wir morgen früh nach Delzig

hinüber kommen -- heiser wirst Du sein, daß Du keinen Ton aus der Kehle

bringst, und wer hat's nachher wieder auszubaden? -- Der Alte.«

»Vater,« bat das arme Mädchen.

»Ah was,« knurrte der Alte, »was zu toll ist, ist zu toll; erstlich laß

ich alter Esel mich betölpeln, Hals über Kopf, und heimlich, wie ein

Dieb mit der Mamsell da von Horneck wegzuziehn, wo wir unser gutes

Auskommen hatten, und wo Du in der Pfarre so schönes Geld verdientest --

nicht einmal die Miethe hab' ich mir Zeit genommen zu bezahlen, und

was wird unsere freundliche Wirthin, die so schon immer voller Gift und

Galle stak, von uns denken -- und jetzt liegen wir nun hier, Gott weiß,

wie lange, auf der Bärenhaut, und haben das Wenige, was Du Dir gespart,

denn auch glücklich wieder aufgezehrt. Daß _Du_ Dich aber, wo wir jetzt

wieder hinausziehen _müssen_, schonen solltest, Gott bewahre -- den

ganzen heiligen Abend rennt die Madam in der Kälte umher, kommt Nachts

um zwei Uhr erst wieder halb erfroren zu Hause -- fällt nachher um, daß

ihr Vater einen Todesschreck davon hat, liegt Stunden lang ohnmächtig,

und wundert sich dann auch noch, daß ihr die ganze Woche unwohl und

schlecht zu Muthe ist -- _die_ Natur wollt' ich sehn, die das anders

aushielte und noch dazu bei _der_ Nahrung.«

»Ich glaube es wird kalt hier« sagte auf all diese Vorwürfe mit leiser

Stimme das arme Kind -- »mich friert.«

»Na ich liege da auch in keinem Schwitzbad« meinte der Alte brummend,

stand aber doch langsam auf, und sah nach dem Ofen -- »ein Glück, daß

uns der Staat die Feuerung liefert« lachte er dabei still vor sich hin,

während er die Kohlen zusammenschürte, die Asche bei Seite schob, und

ein paar große Stücken Holz auf die wieder erwachende Flamme legte

-- »das Holz haben ist hier ziemlich bequem im Wald, denn hier in die

Spitze, wo überdieß kein Wild mehr steht, kommt der _alte_ Horneckschen

Förster wohl gar nicht mehr hinein -- und der _junge_? ja, Du lieber

Gott, wo steckt der --

Es hatte ein Knabe wohl einen Strauß

Den kämpft' er mit seinem Gegner aus.

Am andren Morgen, o große Noth

Wie war die Haide so blutig roth. --

»Hol's der Henker,« brach er plötzlich ab, und sah sich wie scheu im

Zimmer um »die Lieder wollen gar nicht mehr aus der Kehle, und es ist

mir manchmal, wenn ich anfangen will zu singen als ob --«

Er schwieg, schüttelte sich, als wenn er vor etwas zusammenschaudere,

klappte die Ofenthüre zu, und ging brummend wieder zu seinem Platz

zurück.

»Als ob? Vater?« sagte Marie leise. --

»Ih laß den Unsinn« lautete die mürrische Antwort, »'s ist mir heut'

Abend so unheimlich genug zu Muthe -- das ist ein schöner Sylvester

heute -- hui, wenn das im neuen Jahr so fortgeht, können wir uns

gratuliren. Und die Kälte dabei, das friert Stein und Bein draußen,

als ob's den Erdboden bis in den Mittelpunkt hinein zu Eis verwandeln

wollte. Daß der Teufel ein solches Leben holte -- Lieder wollen mir auch

gar nicht mehr einfallen. Sonst, wenn ich recht ärgerlich und wild war,

sang ich, und machte meinem Grimm dadurch Luft -- jetzt geht auch das

nicht mehr, und ich muß Alles in mich hineinschlucken.«

»Wie stehts mit dem Gelde, Vater?«

»Wenn ich morgen nicht drüben in Horneck spielen kann, müssen wir

Tannenzapfen kauen -- sonst gut --« brummte der Alte und suchte sich

in eine Art wilden Humors hinein zu bringen. »Ei zum Donnerwetter, was

hilft mir das Grillenfangen -- wir wollen lustig sein, heut' Abend,

kreuzfidel -- die Flasche hier ist noch halb voll Korn, da können wir

uns einen delikaten Punsch davon brauen -- nur heisses Wasser dazu und

-- ja so, weiter haben wir Nichts -- doch was thuts. So -- nun koche und

nachher wollen wir weiter mit einander sprechen.«

Er war dabei aufgestanden, hatte einen, über seinen Lager hängenden

Blechbecher ergriffen, aus dem angebrochenen Krug mit Wasser gefüllt und

auf den Ofen gesetzt, dann nahm er die Geige von der Wand, setzte sich

auf den Stuhl, der vor dem Bett seiner Tochter stand, und fing an zu

stimmen.

»Stört es Dich?« sagte er, als er bald darauf einhielt, und sich nach

ihr umschaute -- »oder willst Du schlafen?«

Es lag eine Art zärtlicher Besorgniß in dem Ton, mit dem der alte rauhe

Mann die Worte sprach, und so ungewohnt kamen sie dem armen Mädchen,

daß sie sich, wie sie nur den Klang derselben vernahm, auf eigene Art

erregt, gerührt fühlte. -- Die Thränen -- ein bei ihr gewiß seltener

Fall, stürzten ihr mit Blitzesschnelle in die Augen und sie konnte nur

leise und lächelnd mit dem Kopfe schütteln.

»Na, dann kann's losgehn« meinte der Vater, präludirte, auf dem jetzt

gestimmten Instrumente, einige kurze melodische Sätze und lachte dann --

»was Lustiges wollen die Bauern haben, immer 'was Lustiges -- wie's

auch bei uns im Herzen aussieht, das ist ihnen einerlei -- nur _'was

Lustiges_ -- ei zum Henker, da habt's denn.«

Und rasch in muntere Weise eingehend, spielte er erst einen Vers aus

der Melodie und fiel dann mit seiner, durch die Kälte allerdings etwas

belegten, aber immer noch klangvollen Stimme ein:

Als ich noch, ein kleiner Knabe,

An dem Hals der Mutter hing,

Noch in toller Kindes-Weise

Schmetterling und Käfer fing;

Kurz als ich, ein wilder Bube,

Mich noch gerne tragen ließ,

Fragten oft die hübschen Mädchen

Wie der kleine Knabe hieß.

Und es küßte dann gar zärtlich

Wohl so mancher Rosenmund

Mir das kleine rothe Mäulchen

Mit den Purpurlippen wund.

Aus der allerfrühsten Jugend

Mich das immer noch verdrießt,

Daß -- wenn man so klein und niedlich --

Auch so schrecklich dumm man ist.

Damals schrie ich Mord und Zeter

Wenn mich Jemand küssen wollt,

Wenn Korallenlippen boten

Mir der Minne süßen Sold.

Mit den Füßen trat ich schreiend

Nach der schönen Mädchen Schaar

Und zum Küssen ich allein nur

Durch Bonbons zu bringen war.

Ach wie dumm ich da gewesen

Mir wohl Keiner glauben mag.

Und es reuet mich wahrhaftig,

Denk' ich dran, noch diesen Tag.

Kämen jetzt doch nur die Mädchen

Böten mir nur einen Kuß,

Ach ich wollt von ihren Lippen

Saugen süßen Ueberfluß;

Doch jetzt bin ich groß geworden,

Steige alt genug umher

Und die Mädchen -- gehn vorüber,

Aber Keine küßt mich mehr.

Er setzte die Violine auf seine Knie, und pfiff eine Weile in tiefen

Gedanken die Melodie fort.

Marie lag wohl eine halbe Stunde lang schweigend auf ihrem Lager --

das Wasser war unter der Zeit heiß geworden -- der Musikant brummte

wenigstens sehr beifällig darüber, als er endlich aufstand und nachsah,

und er nahm jetzt die Kornflasche aus der Ecke, in der er sein Lager

hatte, goß eine hinlängliche -- aber nicht zu große Quantität -- hinzu,

rührte die Mischung eine Weile mit einem abgebrochnen Reisig um, ließ

sie noch ein Weilchen stehn, und hob sie dann sorgfältig, mit seinem

dazu aufgenommenen Rockzipfel vom Ofen herunter auf den Tisch.

Ein blecherner, dortliegender Löffel diente ihm dazu, das Getränk zu

kosten, ohne sich an dem heißen Blech die Lippen zu verbrennen, und sein

wohlzufriedenes --

»Hol mich der Teufel, das schmeckt gut« war von einem vergnügten

Seitenblick auf die Tochter begleitet. »Hier, Marie,« fuhr er dann

nach einer Weile, in der er einen Theil des Tranks in ein verwaistes

Oberschälchen geschüttet und eine kurze Zeit geblasen hatte fort -- »da,

koste einmal, das wird Dir auch gut thun, das wärmt durch und durch, und

innerliche Wärme ist viel mehr werth, wie äußerliche.«

Die Tochter nahm das Schälchen, trank einen Schluck, nickte ihm lächelnd

zu und fiel dann wieder auf ihr Kissen zurück.

»Du bist ja heute recht freundlich« sagte der alte Mann, und blieb

zögernd bei dem Bette stehn, -- »hast Du noch Schmerzen.«

»Nicht viel mehr, Vater -- _jetzt_ gar keine mehr,« lautete die leise

Antwort »es wird schon besser -- schon ganz gut wieder werden.«

»Ich begreif es nicht, daß Du Dich an _den_ Kerl hängen konntest«

brummte der Musikant endlich -- »daß _der_ Dich sitzen ließe, war doch

-- auch ohne all das andere -- an den zehn Fingern abzulesen. Er, der

Sohn eines Generalsuperintendenten -- nimm nur einmal den Titel an --

und Du eine gewöhnliche Wirthschafterin -- Unsinn so was ist noch gar

nicht dagewesen und fällt auch nicht vor. Die größte Dummheit aber

ist's, daß Du Dich jetzt noch darüber sorgst und quälst. _Du_ bist

doch, weiß es Gott, sonst gescheut genug, um auch _das_ vorhergesehn zu

haben.«

»Vater« bat das Mädchen.

»Ach was, es ist wahr -- wenn Du funfzehn, sechszehn Jahr gewesen wärst,

da glaubt man vielleicht solchen Firlefanz. Du aber mit ein und zwanzig

-- es ist lächerlich.«

Pfarre und Schule: Eine Dorfgeschichte. Dritter Band. · 第 5 / 11 段