voll und fest zu ihr aufschauend, und den zum Theil verlegenen Ausdruck
im Antlitz des Mädchens bemerkend, fort -- »mein Glück soll damit
gesichert sein, wenn ich, abhängig wie bisher, kaum so gestellt, um
allein in der Welt dastehn und leben zu können -- viel weniger denn
daran denken zu dürfen, auch an _meinen_ Heerd ein trautes Weib einst
heimzuführen, wenn ich nicht des alten Kleinholz schaudererregendes Bild
Tag und Nacht vor Augen haben will -- mein Glück soll gesichert sein,
wenn ich willig das neue, um wenige Pfunde leichtere Joch auf den Nacken
nehme und dafür Alles -- Alles -- doch nein,« brach er plötzlich ab,
»Sie können nicht wissen, nicht ahnen, wie es in einem solchen vater-,
mutter- und freundelosem Herzen aussieht -- wie sich dessen ganzes
Streben dann, einmal erwärmt, auch nur auf einen Brennpunkt seiner Seele
hindrängt und dem Ziel mit allen -- allen -- mit den letzten Kräften
entgegenwirkt. _Darin_ getäuscht, und es müßte rettungslos untergehn,
denn für ein zweites blieb ihm kein Blutstropfen, nicht die Kraft einer
einzigen Sehne mehr.«
»Aber ich verstehe Sie nicht,« sagte Sophie, von den dunklen Worten, sie
wußte selbst nicht warum, beängstigt.
»Halten Sie es nicht für möglich, Fräulein Scheidler,« sagte da Hennig,
durch Zeit und Aufregung, ja selbst durch des Mädchens wunderbar
befangenes, sich aber doch so freundlich zu ihm neigendes Wesen,
unwiderstehlich zum letzten entscheidenden Schritt -- entscheidend, denn
er sollte den Urtheilsspruch über sein ganzes künftiges Leben sprechen
-- hingezogen, »halten Sie es nicht für möglich, daß ein armer, bis
jetzt schon durch seine Verhältnisse unterdrückter Schullehrer auch
in seinem Inneren sich ein höheres -- das höchste Ziel gesteckt
haben könnte? Würden Sie dem armen Mann da zürnen, wenn er Stolz und
Selbstgefühl genug in sich trüge, sich selbst des Höchsten für werth zu
halten?«
»Ich verstehe Sie wahrlich nicht,« flüsterte Sophie, aber eine
unbestimmte Ahnung drang mit schmerzlicher Wehmuth an ihr Herz und gab
der Lippe kaum Raum, die wenigen Worte zu flüstern.
»Ich habe neulich,« sagte da Hennig plötzlich, den Kopf dabei in die
Hand stützend und stier vor sich nieder auf den Tisch schauend -- »ein
kleines Märchen gelesen -- darf ich es Ihnen erzählen?«
»Ja,« flüsterte Sophie -- »aber -- aber unsere Zeichnen--« Stirn und
Wangen glühten ihr, während Hennigs Gesicht von Todtenblässe überzogen
war. Dieser begann -- die letzten Worte überhörend -- mit ruhiger
Stimme:
»Weit entfernt von hier, in einem schönen herrlichen Lande, wo der ewig
blaue Himmel reizende palmbeschattete Thäler überspannt, da wohnte ein
fleißiges, arbeitsames, aber sonst unterdrücktes und geknechtetes Volk.
Ein ungeheurer mächtiger Riese hauste auf dem Gebirgsrücken, durch
dessen Schluchten der einzige Weg in das freie niedere Land führte,
und brandschatzte die Bewohner des Thales und duldete nicht, daß sie
gediehen und glücklich wurden. Selbst der König war nicht im Stande, das
zu hindern, wenn er es auch gewollt, und sein Volk schmerzte ihn --
er schämte sich aber auch seines Volkes, daß kein einziger Held genug
darunter sei, den Kampf wenigstens mit dem Ungeheuer zu wagen, und das
Land -- die kommenden Generationen -- von dieser Geißel zu befrein.«
»_Der_ König, Fräulein Scheidler,« fuhr Hennig mit etwas leiserer,
bewegterer Stimme fort -- »hatte ein einziges holdes Töchterlein, und
hoch erhaben stand sie über den armen niedergedrückten Unterthanen des
Reichs -- Einer aber von denen, Einer, dem hatte es lange am Herzen
genagt, daß sich ein ganzes Volk von einem einzigen solchen Wesen -- und
wenn es selbst ein Riese gewesen wäre -- sollte knechten lassen, und er
gürtete oft sein Schwert um und ging aus, den Kampf zu wagen -- immer
aber fehlte ihm das Höchste dazu, um glücklichen Erfolg und Sieg sich
zu versprechen. -- Nicht der Muth etwa -- er war voll hohen Muthes und
kannte keine Furcht -- nicht die Ausdauer -- sein in der Schule des
Leidens und Entsagens gestähltes Herz verließ ihn nicht in Sturm und
Noth -- aber noch fehlte ihm die Begeisterung -- die Begeisterung für
das Herrlichste, die uns auch noch im Tode einen Sieg erblicken läßt.«
»Da sah er des Königs Töchterlein -- es war nur _ein_ Blick in das treue
seelenvolle Auge, aber er zündete wie ein Strahl aus himmlischen Höhen.
Und _sie_ des Königs Kind? Schreckte ihn nicht der Glanz und Schimmer,
der ihren Thron umgab, und durfte er, aus niederem Stamme geboren, es
wagen, die Augen zu ihr zu erheben? -- Und weshalb nicht? -- was adelte
in alten Zeiten den kühnen Mann, als eben die kühne Mannes_that_? -- was
schnallte dem armen Knappen den goldnen Sporn an die Ferse, und hing
das Wappenschild an seinen Arm, als der Muth -- der treue unerschütterte
Muth in Kampf und Gefahr? -- Mit Gott -- war sein Wahlspruch -- mit Gott
dem Feinde die frei Stirn geboten -- mit Gott den ungleichen Kampf gegen
Uebermacht und Gewalt begonnen, und blüht Dir dann der Sieg Du armer
treuer Knappe -- prangt dann in Deinem Haar der lohnende Lorbeerkranz
und legt sich um Deine Brust die Ehrenkette, dann -- dann -- ach wer
darf es dem armen Manne verdenken, daß er, berauscht von solchem Traum,
keine Möglichkeit des Mißlingens dachte.«
»Wenn das ein Gleichniß sein soll, das den Kampf der Schule mit der
Kirche darstellt,« sagte Sophie, der das Herz in seinem wilden Pochen
vor Angst und Unruhe die Brust zu sprengen drohte, und die in all
ihrer Noth gar nicht wußte, wie sie die nur zu wohl verstandene Meinung
abwenden -- eine weitere Erklärung wenigstens verzögern solle -- mit
erzwungenem Lächeln, »so ist das wahrlich nicht schmeichelhaft für
meinen Vater -- der wäre ja denn auch wohl mit unter dem >Riesen<, dem
>Ungeheuer< verstanden -- aber Sie -- Sie haben das wohl nicht so bös
gemeint.«
»Sophie,« sagte da Hennig, nicht mehr im Stande, seiner gewaltigen
Bewegung Meister zu bleiben -- »Sophie,« flüsterte er, mit kaum hörbarer
Stimme und ergriff die zitternde Hand der Jungfrau, die ihm nicht
entzogen wurde -- »_bleibt_ dem Armen die Begeisterung? -- lacht ihm
in jenes königlichen Kindes Augen der herrliche Lohn für Tapferkeit und
Muth, und darf er hoffen, wenn er, nicht mehr als unterdrückter Bewohner
des Thals, nein als freier, selbstständiger -- als _befreiter_ Mann
sein Knie vor _der_ Jungfrau beugt -- wird ihm der Lorbeer- und der
Myrtenkranz?«
Sophie entzog ihm ihre Hand -- barg einen Augenblick ihr Antlitz darin
und sagte dann, vom Tische aufstehend, mit leiser, aber fester Stimme:
»Ich würde unrecht handeln, wollte ich mich stellen, als verstände ich
den Sinn Ihrer Rede nicht, lieber Hennig, und ich kann wohl sagen, daß
mich ihr Inhalt tief ergriffen hat -- ich hatte keine Ahnung von solchen
Gefühlen -- konnte sie nicht haben -- und es bleibt mir nur _eine_
Erwiederung. -- Wenn nun -- wenn nun der kühne Kämpfer auf des Königs
Schloß käme -- und fände -- und fände, daß indessen ein Fremder -- ein
Gast ihres Vaters -- die Liebe -- die Hand des Mädchens erhalten?«
Hennig erhob sich still von seinem Platze -- er schaute lange und fest
auf die Jungfrau, die mit gesenkten Blicken vor ihm stand, hinüber, dann
ergriff er langsam ihre Hand -- zog sie an seine Lippen -- drückte einen
leisen, leisen Kuß darauf -- und verließ das Zimmer.
Sechstes Kapitel.
Der heilige Abend.
Hui, wie der eisige Nord über die düstere eherne Erde pfiff und brauste;
wie er die Gräser und Blüthen knickte, die der milde Herbst noch
geschont und gehegt, wie er die letzten gelben Blätter von den Bäumen
riß, und sie im tollen Spiel über die Haide trieb, und die spröden
staubigen Schneeflocken dann in dünnen durchsichtigen Nebelschleiern an
Hängen und Halden vorüberjagte. Hui, wie das tobte und sauste, und die
alte knarrende Wetterfahne auf dem grauen Hornecker Kirchthurm fast zur
Verzweiflung brachte, hui, wie das durch die Bergschluchten strich, und
die Bäche und Quellen faßte, und in stählerne Banden schlug.
_Winter_; die Oefen glühten, und dicht verschlossene Thüren hielten den
kalten, unwillkommenen Gast vor der Schwelle draußen -- _Winter_ -- in
Mäntel und Pelze gehüllt, schritt der Wanderer die öden hartgefrorenen
Pfade entlang -- _Winter_ -- die dünnen Lumpen fest um sich hergezogen,
lag der Arme fröstelnd und zusammengekrümmt auf seinem harten, kalten
Lager, und träumte von geheizten Stuben und warmen Kleidern -- träumte
-- bis ihn der Frost wieder weckte, und zu neuem qualvollen Dasein in
Leben und Bewußtsein rief.
Der Winter war in aller Kraft und Stärke, und zwar ganz auf einmal und
urplötzlich hereingebrochen; und nicht etwa wie ein silberhaariger Greis
kam er, mit dem entlaubten Stab in der Hand, und dem gelben Eichenkranz
im Haar -- sondern toll, wild, wie ein roher, wüster Kriegsgesell, der
mit Morgenstern und starrer Pickelhaube, in die friedliche Wohnung der
Menschen einbricht, und was er nicht plündern kann, zerstört und in
Stücke schlägt, -- nicht deckte Felder, Wald und Dorf die stille,
reinliche, warme Schneedecke, unter der die Saaten friedlich schlummern,
und des kommenden Frühjahrs harren, die dem Wald jene großartige stille
Ruhe verleiht, und den Dörfern ein so sauberes, ja selbst hübsches
Aussehen giebt; wo die weichflockigen Massen die Fenster von außen halb
umschließen, daß der Wind die Ritzen nicht findet, durch die er
sonst muthwillig in die Stube dringt -- wo die festen Decken auf
den Strohdächern liegen, und in Massen, oft wie drapirt davon
herunterhängen, und hohe schloßenweiße Haufen, welche die vor den Thüren
gekehrte »Bahn« umdämmen -- wo die rothbackigen Kinder auf kleinen
schmalen Schlitten mit ängstlich fröhlichen Gesichtern den steilen
Kirchberg herunter schießen, und mit Freuden zehn und zwanzigmal
wieder bergan keuchen, um nur wieder mit Blitzesschnelle auf's Neue
niederfahren zu können -- wo die Hecken und Obstbäume darein schauen,
als ob sie, in schützende wollene Decken gehüllt, mit ruhigem Vertrauen
jetzt einer etwa schärfer hereinbrechenden Kälte entgegensehen würden.
Nein, starr und eisern brach er an; die tiefen Wagengleise der Straße
bannte er in ihre Form, die Sturzäcker blieben unerbittlich hart und
schroff -- dem grünen Raps auf den Feldern draußen, wo der Hase Nachts
sein Mahl hielt, und das Rebhuhn Schutz gegen den schneidenden Nord
fand, brach er das Herz, daß er gelb und abgestorben dahin welkte -- den
Pflug, den noch der nachlässige Knecht im Acker gelassen, hielt er mit
unerschütterlicher Gewalt und felsenfest an seine Stelle gebannt -- die
Gräser starben, die Bäche standen, und knarrende, ächzende Wagen führten
in geschäftiger Eile die so nöthige Feuerung aus dem starr und trübselig
dem gestrengen Winter in's Antlitz schauenden Wald herein.
Es war Weihnachten -- und dieser auf der Pfarre als Sonntag ein
dreifacher Feiertag -- Sophie, des Pastors Töchterlein wurde heute, am
24. December, zum dritten und letzten Male von der Kanzel herunter,
der freundlich zusammenflüsternden Gemeinde als ehrsame Braut des
Franz Hermann Wahlert, =Dr. phil.= und Sohn Sr. etc. etc. des Herrn
Generalsuperintendenten Wahlert etc. etc. -- verkündet, und das holde
Kind selber saß, tief das Köpfchen gesenkt, daß Niemand das rosig
übergossene, frommen Dank athmende Angesicht mit neugierigen Blicken
entweihen und zu noch höherer Röthe treiben könne, auf ihrem stillen
versteckten Plätzchen, schräg der Kanzel gegenüber.
An dem Tag ging es hoch her in der Pfarre, und Pastor Scheidler
hatte, um das schöne Fest so recht mit allem Pomp zu feiern, auch den
Schullehrer und das Gemeindeoberhaupt dazu einladen wollen. Sophie bat
aber so lange, an _dem_ Tag _gar_ keine Gäste sehen und ihn ganz allein
und still in der Familie verbringen zu dürfen, bis der Pastor endlich
nachgab, und nur kopfschüttelnd meinte, das sei wieder einmal eine
der wunderlichen Launen seines lieben Töchterleins, der sich Vater und
Mutter, sie möchten nun wollen oder nicht, fügen müßten. Es geschah aber
doch so, und nur das ließ sich der Pastor nicht nehmen, daß den beiden
Schulmeistern, jedem eine Flasche Wein und eine _tüchtige_ Portion
Kuchen hinübergesandt würde, und Sophie mußte das selber besorgen.
Der Tag verfloß so in der Pfarre in stiller häuslicher Glückseligkeit,
und der Plan für den Tag war folgendermaßen bestimmt. Nach der Predigt
wollte der Pastor bei den Seinen bleiben, die Betstunde konnte
der Schulmeister heute in der Kirche halten, Abends aber, vor der
Bescheerung, und mit hereingebrochener Dunkelheit, wenn die Lichter
angezündet standen, und die Herzen der Kinder in ängstlicher freudiger
Ungeduld an zu pochen und zu schlagen fingen, dann legte Pastor
Scheidler am Altar drüben seines ältesten Töchterleins Hand in die des
Mannes, der ihr für ihr ganzes künftiges Leben Schutz und Hort sein
sollte, und zum Christbaum hinüber führte der glückliche Bräutigam die
erwählte liebe, traute _Gattin_.
So glücklich und froh es aber in der Pfarre aussah, so trübe und traurig
stand es in der Schule drüben, Kleinholz war heute einmal recht schwach
und elend geworden, klagte fortwährend über Kälte, trotzdem daß sie ihn
unten in der Schulstube neben dem derb geheizten Ofen sein Bett gemacht,
und wollte Luft -- Luft -- Luft haben. Das aber war nicht gut möglich,
denn hätten sie Fenster oder Thüren geöffnet, so wäre der kaum erwärmte
Raum augenblicklich wieder durchkältet worden, und jener eigenthümliche
feine, durchdringende Dunst, der niedrigen, feuchtgelegenen Schulstuben
stets eigen ist, legte sich dem armen Kranken nur immer drückender
auf die Brust, und verstattete ihm nicht einmal ordentlich und frei
aufathmen zu können.
Lieschen wich nicht von seinem Bett, und reichte ihm mit treuer Sorgfalt
und wirklich ängstlicher Genauigkeit die verordnete, und von Hennig
selbst gestern aus der Residenz besorgte Medicin. Dabei mußte sie in
demselben Raum und an der anderen Seite des Ofens die Kinder reinigen
und anziehen, in der Röhre das spärliche Mahl kochen, und das Geschirr
am Morgen, wozu ihr bis jetzt noch keine Zeit geworden war, aufwaschen.
Dennoch war dem armen Kinde das Herz dabei froh und leicht -- heute
Morgen am Geburtstage des Herrn, hatte sie Nachricht -- die erste
Nachricht von dem Geliebten erhalten, um den sie sich die ganze Zeit
abgesorgt und gequält -- heute kam der Freudenbote, der ihr einen Brief,
eine ausführliche und genaue Beschreibung seiner Flucht brachte. Und
selbst auf dem Schiff, das ihn hinüber in das Land der Freiheit führen
sollte, war er geschrieben, schon in der See draußen erst vollendet und
zugesiegelt worden, und der »Lootse« (Lieschen wußte freilich nicht,
_was_ das für ein Mann war, und was er bedeute, hatte ihn aber doch
dafür von ganzer Seele lieb) nahm ihn mit zurück an's Land, wo er
versprochen, ihn richtig zu besorgen. Und wie mußte der sein Wort
gehalten haben -- aus einem ganz fremden Land her, wo sie eine andere,
fremde Sprache redeten, wo die See bis dicht an die Stadt kam, wie
ihr Fritz schrieb, und die Leute ganz anders gekleidet gingen, und gar
wunderlich aussähen, kam der Brief, und brachte ihr Trost und Frieden
für das arme so übervolle Herz. Und was versprach er nicht alles für
die Zukunft, wie wollte Fritz in Amerika arbeiten und fleißig sein, und
viel, viel Geld verdienen, bis er so viel habe, daß er sich ankaufen,
und die Lieben dann alle, alle hinüberholen könne -- und wie herrlich
wollten sie dann in Frieden und Seligkeit zusammen leben, und Leid und
Freud' so gern, o so unendlich gern gemeinschaftlich ertragen.
Lieschen las den Brief wohl fünf sechsmal durch, und trug ihn dann auch
noch in der Tasche herum, daß sie dann und wann darnach fühlen, und sich
immer überzeugen könne, es sei wirklich wahr, ihr Fritz habe ihr den
Brief geschickt, und er segle jetzt, frei und glücklich, jeder Gefahr
entronnen -- nur dem bösen Wasser nicht, an das sie manchmal mit Angst
und Grausen dachte -- dem schönen, herrlichen Amerika -- jetzt dem
gelobten Lande ihres Sehnens, ihrer Träume, entgegen.
Die Kirche war aus, und Hennig kam zum Mittagsessen in die Schule. Er
hatte heute, als am heiligen Abend, oben in der Schenke, wo sie ein
fettes Schwein geschlachtet, einen Braten bestellt, und ein so leckeres
Mahl hatte die Tafel der armen Leute lange nicht geziert -- ei, wie die
Kinder mit der braunen Kruste schon vorher, ehe sie zufahren
durften, liebäugelten, und wie Karl, der dritte, ein siebenjähriger
blondhaariger, aber etwas bleich aussehender Bursche zweimal in dem
jeden Tag gehaltenen Tischgebet so stecken blieb, daß ihn der Vater, vom
Bett aus, mit schwacher, aber unwilliger Stimme unterstützen mußte.
Schweinebraten -- Du lieber Gott -- wann war auf Schulmeister
Kleinholzes Tisch Schweinebraten zum letzten Mal gewesen -- und zwei
Flaschen Wein -- nein, da hörte alles auf. -- Eine Flasche wurde
übrigens gleich in den verschlossenen Eckschrank gelegt, denn so hatte
es Hennig angeordnet -- und aus der anderen schenkte er jetzt in die
wenigen Gläser, und als die nicht ausreichten, in Tassenschälchen, das
hellblinkende flüssige Gold ein.
»Und Sie selbst wollen nicht mittrinken?« frug Lieschen erstaunt und
bittend -- »o guter Herr Hennig, das dürfen Sie uns nicht zu leide
thun.«
Hennig hatte Kopfschmerzen -- der Wein bekam ihm überhaupt nicht, und
heute, wo er am Nachmittag noch obendrein Betstunde zu halten hatte,
wollte er es jedenfalls unterlassen -- vielleicht morgen. Weiteres
Zureden half nichts, und das Mahl -- und wie fettig sahen die Kinder
danach aus -- ging still und ruhig vorüber.
Die Betstunde war gehalten -- die rothglühende Sonne, die den ganzen
Tag hell, aber nicht erwärmend geschienen, sank hinter die dunkelgrünen
Fichtenwände, und der Abend brach mehr und mehr herein.
Weihnachten dämmerte, o Du lieber, lieber heiliger Abend Du, mit Deinen
frohen Kindergesichtern, und den eifrig sorgenden und emsig geschäftigen
Eltern, mit den flammenden Kerzen, und dem grünen zackigen Baum, mit den
goldfunkelnden Aepfeln und Nüssen, dem köstlichen Zuckerwerk, und
all' Deiner darunter ausgebreiteten Herrlichkeit. -- Mit Deinem
geheimnißvollen verschwiegenen Zauber, mit dem Du der Kinder Herzen in
heiliger Scheu und Ehrfurcht erfüllst. -- Und jetzt -- jetzt -- endlich
tönt das, o wie lang, wie heiß ersehnte Klingeln -- die Thür wird
aufgerissen -- der Glanz der Lichter blendet die erst so ungeduldige,
und jetzt doch so scheu und schüchtern zögernde Schaar der Kleinen.
Endlich aber ist die erste Ueberraschung besiegt -- überwunden -- das
Jüngste wird auf dem Arm seinem Plätzchen mit dem kleinen winzigen Baum
für sich allein, entgegengetragen, und ihm nach drängen, dadurch Muth
gewinnend, die älteren Knaben und Mädchen, und jetzt --
O Leser, wie unglücklich müßtest Du sein, wenn Du nicht, auch ohne
das Heraufbeschwören des theuren Bildes, die Lust und Wonne selbst
empfändest, an der Eltern Hand zu Deinem Christbaum geführt zu sein
-- _hast_ Du das aber -- glühte Dir nun einmal der helle funkelnde
Kerzenglanz in's Thränen gefüllte Auge, dann giebt es keine Macht auf
dieser Erde -- den Wahnsinn vielleicht ausgenommen -- die Dir so lange
Du lebst und athmest, die Erinnerung -- die selige Erinnerung an jene
Zeit, rauben könnte. Ja, je ärger Noth und Sorge auf Dich einstürmt,
je weiter Du von Deinen Lieben entfernt, in fremden Ländern einsam,
freundlos irrst, mit desto lebendigeren, desto glühenderen Farben tritt
das Andenken an jene selige glückliche Zeit in den trüben Rahmen Deiner
Gegenwart, und nur dann zerfließen die Gebilde in ihr ödes trauriges
Nichts, wenn Du sehnend, verlangend die Arme ausstreckst, sie zu
erreichen.
Weihnachten brach an, Pastors Kinder saßen, in die Hinterstube gebannt,
ungeduldig um den runden Tisch und versuchten mit allerlei altem, aus
Ecken und Winkeln vorgekramten Spielwerk die schleppende Zeit zu kürzen
-- doch vergebens. Immer und immer wieder sprang eins oder das andere
auf und stürmte der Thüre zu, dort das Auge an das Schlüsselloch zu
pressen, und zu sehn, ob denn die Mutter nun endlich mit dem längst
erwarteten Rufe käme.
In der Kirche stand indessen der Altar festlich geschmückt und
erleuchtet und trotzdem, daß auch bei ihnen daheim die Kinder alle
warten und ausdauern mußten, saß fast die ganze Gemeinde im Gotteshaus
versammelt -- Pastors Sophiechen war aber auch mit ihrer Engels Güte und
Sanftmuth der Liebling des ganzen Dorfes und deren Ehrentag hätten sie
um's Leben nicht versäumen dürfen.
Oben auf der Orgel befand sich die ältere Schuljugend, der Theil
der ersten Classe, den der Lehrer zu den geistlichen Liedern tüchtig
eingeübt, daß er die vor und nach der Predigt gesungenen Lieder, wie die
manchmal abirrenden Gemeindemitglieder ordentlich in Takt halten könne,
und der Schulmeister selbst saß vor seiner Orgel, und schaute in einen,
über den Tasten gewöhnlich schräg angebrachten kleinen Spiegel nach dem
von hellem Lichterglanz umflossenen Altar hinüber, vor dem, den Rücken
dem hoch über ihn hinragenden Krucifix zugekehrt, der Pastor stand und
dem jungen Brautpaar mit von eigener Rührung oft unterbrochener Stimme,
gar nicht wie er es sonst gewohnt war, in schwülstigen Phrasen und
Redensarten, sondern schlicht und einfach vom Herzen weg, und deshalb
auch wieder mit solch unwiderstehlicher Gewalt zum Herzen sprechend die
Trauungsrede hielt.
Sophie deckte ihre Augen mit dem Tuch und konnte der Thränen nicht
wehren, und selbst Wahlert -- der sonst über den christlichen Cultus
seine ganz besonderen Ansichten mit sich herum trug -- stand gerührt
und schämte sich fast über die unmännliche Thräne, die ihm, er mochte an
sich halten so viel er konnte, die Wimpern füllen _wollte_.
Nicht weit von dem Paar, aber mehr zur Seite, und von ein paar hölzernen
Pfeilern vollkommen gedeckt, lehnte, in ein weites dunkles Tuch
geschlagen, eine schlanke, weibliche Gestalt, und lauschte mit der
gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten des Predigers. Ihr Antlitz ließ
sich aber nicht erkennen, die schwarze Nebelkappe, die sie trug, deckte
die Züge, hätte sie den Kopf auch nicht so tief gesenkt und vom Lichte
abgewendet, vollkommen.
Die Rede war beendet, die gewöhnliche Trauungsformel wurde gesprochen,
und das Ja der beiden jungen Eheleute, so leise und schüchtern es
Sophie mit ängstlich pochendem Herzen aussprechen mochte, klang klar und
deutlich, während die Versammlung in Todtenstille selbst nicht zu athmen
wagte, bis in die entferntesten Theile des gewölbten Raumes. Die Frau
hinter dem Pfeiler zuckte zusammen und stützte die Schultern fest und
sicher gegen das breite Holz, kaum aber waren die Worte gesprochen,
als oben auf der Orgel der Schulmeister Hennig mit den klangvoll
schwellenden Tönen das einfache herrliche Lied, in das die Gemeinde
jauchzend mit einfiel, anstimmte:
»Nun danket alle Gott,
Mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge thut
An uns und allen Enden.«
Das junge Ehepaar verließ mit dem Vater die Kirche, ihnen folgte, noch
immer singend, die Gemeinde, und von der Orgel herab tönte in immer
weicheren schmelzenderen Accorden, bis er endlich in leisen, leisen
Klängen verschwamm, der Schlußchor:
»Lob dem dreiein'gen Gott,
Der ewig ewig war
Und ist und bleiben wird,
Lob jetzt und immerdar.«
Die Kirche war aus -- die feierliche Handlung beendet; die Knaben
stürmten hastigen Laufs vom Chor herunter der Heimath zu, wo die
Bescheerung -- die, sie mochte nun so dürftig ausfallen, wie sie wollte,
doch immer eine Bescheerung blieb -- ihrer harrte.
Auch die fremde Frau verließ, und zwar die Nähe der Uebrigen, so viel
das gehn wollte, vermeidend, rasch die Kirche -- langsam bewegte sich
die Menschenmenge hinaus, und hinter ihr drein -- aber eine lange lange
Zeit nachdem Alles wieder an seinem gehörigen Platz gestellt, und die
Lichter ausgelöscht worden -- kam der Schulmeister und schloß die Thüre
zu.
Was hatte der Mann so lange in der kalten dunklen Kirche allein
gethan? --
Er schritt jetzt -- und selbst jetzt noch zögernd -- der Schule zu,
wo er den Kindern eine kleine Freude aus der Stadt mitgebracht, und
Lieschen aufgetragen hatte, die Sachen indessen zu ordnen. Lieschen war
aber ebenfalls in der Kirche gewesen und die Kinderschaar deshalb eben
erst durch sie in Vaters dunkles Kämmerchen eingesperrt worden, damit
ihnen indessen der heilige Christ doch das Wenige ungestört bescheeren
könne.