wunderte sich aber doch darüber, den Pastor einer solchen Sache wegen so
ernst zu finden.
»Lieber Hennig,« nahm Pastor Scheidler nach einigem Zögern und einem,
scharf auf den Lehrer gerichteten Blick, das Wort -- »Sind Sie wirklich
der Redacteur dieses Blattes, das vom ersten Januar 1849 an regelmäßig
erscheinen, und die hier vorn angegebene Tendenz verfolgen soll?«
»Allerdings, Herr Pastor,« erwiederte ihm Hennig, »und mit Gott hoff'
ich, zum Nutzen und zur Aufklärung der Menschen recht viel Gutes damit
zu wirken.«
»Ich dächte, Sie hätten sich immer beklagt, daß Ihnen so wenig Zeit zu
Ihren Studien bliebe?« frug mit etwas bitterem Ton der Geistliche --
»hiernach scheint es doch fast, als ob Sie weit mehr Zeit hätten,
als ein Lehrer, der eine schon übergesetzliche Zahl von Kindern zu
unterrichten hat, haben sollte.«
»Lieber Herr Pastor,« antwortete ihm Hennig mit wehmüthigem Lächeln --
»das Gesetz verstattet aber auch in seiner grenzenlosen Milde dem Lehrer
neun bis zehn volle Stunden Schlaf und Ruhe, und von denen, die
doch mein Eigenthum sind, benutze ich drei an jedem Abend zu solchen
Arbeiten, die meinem Geist eine angemessene Beschäftigung gewähren,
meinen Gefühlen und Gesinnungen entsprechen, und mir zu gleicher Zeit
eine, ich kann wohl sagen _nöthige_ Unterstützung geben sollen, ohne die
ich am Ende nicht einmal auskommen könnte.«
»Nicht auskommen könnte, lieber Hennig?« frug der Diaconus erstaunt;
»wenn ich nicht irre, haben Sie fast den doppelten Gehalt jetzt, den Sie
damals, als ich in Horneck noch Diaconus war, hatten? -- davon sollten
Sie doch leben können.«
»Ja, -- wenn ich den armen alten Kleinholz dabei _verhungern_ lassen
will,« sagte Hennig ruhig.
»_Verhungern_?« rief aber jetzt Pastor Scheidler auffahrend -- »Herr
Hennig, in _meinem_ Dorfe ist noch nie ein Mensch _verhungert_ -- am
wenigsten der Schullehrer, und es klingt -- Sie nehmen mir das nicht
übel, wenn ich aufrichtig zu Ihnen spreche -- fast ein wenig -- wie soll
ich denn gleich sagen -- ein wenig -- anmaßend von Ihnen, zu thun, als
ob _Sie_ allein der Erhalter des alten Kleinholz wären. Bekommt er nicht
etwa regelmäßig seinen Gehalt als emeritirter Lehrer? -- Wir müssen
_Alle_ sehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen,
es thut aber auch ein _Jeder_, was in seinen Kräften steht, mein guter
Hennig, ein _Jeder_.«
»Herr Pastor,« erwiederte Hennig ruhig -- »dürfte ich Sie wohl fragen,
wie viel Ihr jährliches Einkommen beträgt? -- bitte, beantworten Sie mir
das.«
»Das ist eine sehr merkwürdige und hier gar nicht her gehörende Frage,«
sagte Pastor Scheidler, durch den Absprung aber doch etwas außer Fassung
gebracht.
Pastor Brauer schüttelte mit dem Kopfe, erwiederte aber gar nichts.
»Sie könnten mir aber doch, wenn ich Sie darum bitte, die Frage
beantworten,« beharrte Hennig.
»Es kommt ja hier gar nicht auf hohen oder geringen Gehalt an, lieber
Hennig,« eilte hier der frühere Diaconus dem bedrängten Collegen zu
Hülfe -- »lassen wir das -- dieß neue Blatt war es ja wohl, weshalb Herr
Pastor Scheidler mit Ihnen zu sprechen wünschte.«
»Bitte, lassen Sie mich, Herr Pastor,« sagte ruhig der Lehrer -- »es ist
besser, wir machen erst die eine Frage ab, sie hilft mir zugleich zur
Erledigung der zweiten -- Sie, Herr Pastor Scheidler, haben circa zwölf
bis vierzehnhundert Thaler Gehalt, und sagen dabei, wir müssen _Alle_
sehen, daß wir ordentlich und ehrlich durch die Welt kommen -- und der
alte Kleinholz -- großer allmächtiger Gott, mit _funfzig_ Thalern,
die _Sie_, Herr Pastor, alle vierzehn Tage beziehen, soll der arme
unglückselige Greis _das ganze Jahr_ mit seinen sieben Kindern
auskommen. Ist das _möglich_.«
»Sie vergessen, daß ich selbst um Zulage für ihn eingekommen bin,«
entgegnete ihm, die indirecte Anklage parirend, der Pastor -- »ich habe
meinen ganzen Einfluß angewandt, es durchzusetzen.« (Er hatte eine ganz
gewöhnliche Eingabe gemacht, da er nur kurz vorher ein dringendes Gesuch
an das Ministerium, einem Neffen zu Liebe gestellt, und doch nicht
gleich zweimal hinter einander mit dringenden Bitten kommen wollte.)
»Gebe Gott, daß jenes Gesuch erfolgreich sei,« sagte Hennig seufzend --
»sonst kommt es zu spät.«
»Ist Kleinholz so krank?« frug Brauer besorgt -- »ich will doch nachher
einmal hinüber gehen.«
»Sie werden ihm viele Freude damit machen,« sagte Hennig -- »er spricht
viel und gern von Ihnen -- Sie waren sonst immer so freundlich gegen
ihn.«
»Also nur um ihr Einkommen zu vergrößern, haben Sie die Redaction
dieses Blattes übernommen?« frug, auf den ersten Punkt jetzt wieder
zurückkommend, der Pastor Scheidler -- »ist dem so?«
»Nein,« erwiederte ihm Hennig kopfschüttelnd, »dem ist nicht so, Herr
Pastor -- nicht allein des _Geldes_ wegen, wenn auch, Gott sei es
geklagt, ein armer Dorfschulmeister der Letzte sein sollte, der von Geld
verächtlich spräche -- bin ich dazu gekommen, mir die Zeit am Schlaf
abzusparen, und als Schriftsteller mit meinen geringen Kräften in die
Welt zu treten -- das Bedürfniß war es, über das, was mir so heiß und
heilig am Herzen lag, über die Schulreform, über das Verhältniß der
Schullehrer zu einander, über das, was den Kindern nützt oder schadet,
und in dieser verschiedenen Wirkung Einfluß auf ihr ganzes künftiges
Leben ausübt, mich einmal so recht tüchtig und gründlich aussprechen zu
können. Die sächsische Schulzeitung verfolgt denselben Zweck, ist aber
in unserem Ländchen viel zu wenig gelesen, und mein kleines Blatt dringt
da vielleicht als helle, trostbringende Leuchte in manches arme düstere
Lehrerherz, und ruft es mit auf zum heiligen Kampf für Wahrheit, Licht
und -- Gerechtigkeit. Selbst die gutgesinnten Geistlichen werden uns
darin nicht entgegen sein, denn ihnen ist sicherlich mehr daran gelegen,
gute, freudig wirkende und eifrige Schullehrer zur Seite zu haben, die
mit ihnen Hand in Hand an dem schönen Werke der Volkserziehung arbeiten,
als Menschen zu _beaufsichtigen_, denen man nur _mittelbar_ das
Stundenhalten anvertraute, die aber, wie das Gesetz angenommen zu haben
scheint, fortwährend unter strenger Controle gehalten sein wollen, um
nur nicht lässig und faul in ihrem _Dienst_ zu werden.«
»Dann rechnen Sie _mich_ also nicht mit zu den gutgesinnten
Geistlichen,« sagte Herr Pastor Scheidler, und zog die Brauen, den
Lehrer scharf dabei ansehend, hoch herauf.
»Herr Pastor!« rief dieser --
»Nein, nein, nein, nein, Herr Hennig, nein und nochmals nein,« sagte der
geistliche Herr, sich mehr und mehr ereifernd, »ich muß Ihnen, da wir
endlich einmal auf das Kapitel gekommen sind, auch meine Meinung, wie
sich das gehört, frisch und frei heraussagen. Im Anfang, und im Beginn
der politischen Bewegung -- oder nennen wir es lieber mit dem
richtigen Namen -- des _Aufruhrs_ in Deutschland, mochte ich diesem
Emancipationsstreben nicht so schroff entgegentreten, die Gemüther waren
überdieß aufgeregt, und ich hielt es nicht für gut, solche Stimmung noch
mehr zu reizen, jetzt aber hat das _Wühlen_, denn das allein ist
der richtige Ausdruck dafür, lange genug gewährt, und ich bin nicht
gesonnen, es länger selbst unter meinen Augen zu dulden!«
»Herr Pastor?« sagte Hennig erstaunt.
»Nein, nicht zu _dulden_, Herr!« fuhr aber der Geistliche, der jetzt das
lang gesuchte Bett für die Stromflut seines Zornes gefunden -- eifrig
fort -- »Was müssen die anderen Geistlichen, was müssen meine Collegen
denken, wenn hier, ich möchte sagen, in meinem eigenen Hause, die Waffen
geschmiedet würden, mit denen man sie -- und warum denn überhaupt auch
nur _sie_, nein auch mich selbst, eben so gut mich selbst -- fortwährend
angreift und bekämpft. Ich sage Ihnen noch einmal, Herr Hennig --
treiben Sie mich nicht zum Aeußersten -- ich kann Ihnen allerdings,
unseren jetzigen liebenswürdigen Gesetzen nach -- die Herausgabe eines
_solchen_ Blattes nicht officiell _verbieten_ -- und werde das auch
nicht -- geben Sie es aber _doch_ heraus, achten Sie das, was ich
darüber denke, so gering, und wollen Sie der _ganzen_ Geistlichkeit, und
also auch _mir_ feindlich gegenüberstehen, so messen Sie sich auch die
Folgen bei, die das für Sie haben würde. _Noch sind_ wir die Herren
-- _noch_ gelten unsere Berichte, und die Schlußfolge können Sie sich
selber daraus ziehen. -- -- Ich hoffe aber,« fuhr er nach ziemlich
langer Pause, in der keiner der übrigen Männer ein Wort erwiederte,
etwas ruhiger fort -- »daß Sie über das oben Gesagte -- über Ihre
Stellung, etwas nachdenken werden. Ich will Ihnen wohl, Hennig, ich
dächte sogar, ich hätte Ihnen das schon mehr als einmal bewiesen. Hab'
ich Sie z. B. je in der Schule belästigt, ist die nicht allein Ihrem
Wirken und Fleiße überlassen? -- Was Anderen geschieht, geht _Sie_
aber Nichts an, um das mögen sich auch Andere kümmern. Und das alte
Verhältniß ändern? -- Lieber Hennig, glauben Sie nur, ich habe darin
mehrfache Erfahrung, und sehe vielleicht weiter in die Weltgeschichte
hinein, als Sie glauben möchten -- die Umsturzpartei _hätte_ das
vielleicht gekonnt, sie hatte wenigstens das Heft in Händen; jetzt aber
ist es zu spät -- mit dem Bade schütteten sie das Kind heraus, die
ganze Welt traten sie auf den Fuß, und wollten sich dann nicht einmal
entschuldigen; nun -- stehen _wir_ aber wieder fester, als wir, möcht'
ich fast sagen, vorher gestanden haben. Also überlegen Sie sich das,
lieber Hennig -- denken Sie an das Gleichniß mit der Mauer -- ein Kopf
ist viel welcher als eine Mauer, und ein vernünftiger Mann darf nichts
_Unmögliches_ versuchen wollen.«
Er nickte dem Schullehrer freundlich zu, und verließ das Zimmer --
als ihm Hennig wie träumend nachschaute, bemerkte er erst, daß Sophie
Scheidler indessen ebenfalls eingetreten war; sie stand am Fenster, und
ihr Blick, der mit stiller Theilnahme auf ihm, dem armen Schullehrer
haftete, begegnete dem seinen, senkte sich aber dann auch schnell -- er
glaubte scheu -- zu Boden nieder.
Hennig stützte den Kopf in die Hand, und sah lange still und sinnend vor
sich nieder.
»Hennig« sagte da Pastor Brauer und ergriff des Freundes Hand -- »Sie
wissen, daß ich in früherer Zeit in gar manchen Sachen Ihre Meinung
getheilt habe.«
»In _früherer_ Zeit?« frug Hennig erstaunt und blickte zu dem Manne auf
-- »haben _Sie_ sich da verändert, oder ich mich, daß das nicht mehr der
Fall sein sollte?«
»Wir sind noch hoffentlich Beide die Alten geblieben« lächelte da
Brauer, »aber die -- _Zeiten_ haben sich geändert -- in der Welt selber
ist vieles Anders -- manches schlechter geworden, als es früher war,
und dem Menschen ward deshalb der überlegene Geist gegeben, daß er
nicht schroff und blind seine einmal begonnene Bahn fortgehe, sondern
überlege, prüfe, forsche, und dann erst wie er es am Besten erfunden,
_handele_, Sie wissen ich bin der Lehreremancipation nicht entgegen
gewesen.«
»Und sind es auch hoffentlich _noch_ nicht« rief Hennig in erschrecktem,
fast bittenden Ton -- »es wäre hart gerade jetzt im schwersten Kampf
einen solchen Freund zu verlieren.«
»Ich bin es _noch_ nicht« bestätigte Pastor Brauer, »aber doch auch
nicht in so ausgedehntem Maaße, wie Sie vielleicht zu vermuthen
scheinen. Der Lehrer muß in seinem Einkommen, in allem, was seine
pecuniären Verhältnisse betrifft, unbedingt besser gestellt und ferner
befreit werden von den lästigen Küster- und Glöcknerdiensten, deren
Ertrag er dann auch nicht, wenn ihm sein Gehalt erst vom Staat
ausgezahlt wird, zu vermissen braucht -- was aber die _Inspection_ des
Geistlichen betrifft, lieber Hennig, da weiß ich doch nicht, ob es nicht
-- in den meisten Fällen natürlich nur, denn eine Ausnahme davon sind
Sie zum Beispiel -- nicht doch besser wäre, wenn es --«
»Eben beim Alten bliebe --« ergänzte Hennig monoton, und schaute voll
und klar zu dem Geistlichen auf.
»Nun Gott ja, wenn Sie's so, --« sagte etwas verlegen lächelnd, Brauer,
während er mit dem Frühstücksmesser spielte, und auf dem Teller einzelne
kleine Brodkrummen zu zerschneiden suchte, »wenn auch das Wort, >beim
Alten lassen< im letzten Jahre etwas verpönt geworden ist. -- Ich will
übrigens gar nicht, daß es ganz beim Alten gelassen werden soll, der
Herr Pastor Scheidler hat Ihnen früher schon selber einen trefflichen
Vorschlag, gründliche Reform betreffend gemacht, und wenn Sie in einem
Schulvorstand zur Majorität die Lehrer haben, dann, lieber Hennig, bin
ich doch fest überzeugt, daß Sie sich nicht darüber beklagen dürfen und
thäten Sie es doch, wären Sie ungerecht.«
»Uebrigens wird Ihnen nicht unbekannt sein« fuhr Pastor Brauer, als
Hennig kein Wort darauf erwiederte, nach einem kurzen Stillschweigen
fort, »daß sich mehrere Lehrerconferenzen schon ebenfalls in diesem
Sinne ausgesprochen haben -- Sie wissen ja sogar was die Hornecker
darüber gesagt; die Lehrer selber sehen ein, daß sie _wohlgesinntere_
Inspectoren kaum mehr unter ihren Collegen, als unter den Geistlichen zu
hoffen haben. Die Schulmänner sind nicht selten -- ich spreche hier von
den alten starren Fachleuten -- anmaßend und pedantisch, und würde
Ihnen das, lieber Hennig, nicht weit peinlicher sein von Jemandem
beaufsichtigt, überwacht zu werden, der mit Ihnen auf einer Stufe steht,
der aus demselben Stand ist wie Sie selbst, und nur durch die Wahl
einer, vielleicht sehr geringen Majorität zu ihrem Vorgesetzten gemacht
wurde? -- Der Geistliche kann auch am kräftigsten dahin wirken, bei
seiner Gemeinde die Theilnahme für die Schule zu wecken und zu erhöhen.
Wo sich der Geistliche die Liebe und Achtung seiner Kirchkinder erworben
hat, gilt auch sein Wort viel, und leicht wird er dann dem Lehrer in
die Hand arbeiten, den Lehrer schützen und stützen können gegen
Unannehmlichkeiten und Aerger, und ihm ein treuer Freund und Hüter
werden.«
»Ein _Hüter_ -- das war das richtige Wort« sagte Hennig rasch, aber mit
einem recht wehmüthigen Ausdruck in den Zügen -- »>auch Du mein Sohn
Brutus< -- sehen Sie _Herr Pastor_, das thut mir recht in der Seele
weh, daß wir Beiden wenigstens nicht mehr so freudig Hand in Hand gehen
können wie bisher. Die Zeiten haben sich nicht geändert -- die _Zeiten_
ändern sich nie -- die Menschen nur sind es, die Menschen und ihre
Ansichten, und es ist traurig, daß die stets durch ihre Verhältnisse
bestimmt werden. Wäre das freilich nicht, so würden wir vollkommen sein.
So wird, zum Beispiel die Religion noch gelehrt und gepredigt, wie sie
vor sechs Monaten gelehrt und gepredigt wurde, der _Pastor_ scheint
sich aber in das gefügt zu haben, was den _Diaconus_ als unerträglich
drückte. Doch ich will hier nicht den alten Kampf gegen geistliche --
nicht geistige Inspection beginnen, mein Ziel hab ich mir gesteckt, und
dem streb' ich mit frohem Muthe entgegen. -- Sagen Sie mir lieber, was
Ihnen Herr Pastor Scheidler noch aufgetragen hat -- ich bin bereit, es
zu hören.«
»Aufgetragen?« frug Pastor Brauer leicht erröthend, »aufgetragen in der
That Nichts, aber auch ich wollte Ihnen als alter Freund rathen, die
Zeitung, wenigstens nicht in dem Sinne, wie es die Probenummer kündet
erscheinen zu lassen. -- Sie machen sich viele Feinde und richten
_dadurch_ wahrlich Nichts, weder für sich noch ihre Standesgenossen aus.
Lassen Sie Geistliche und Lehrer vereint an die Reform der Schule gehn,
dann werden Sie den wachsenden Baum schöne und herrliche Früchte tragen
sehn, wollen Sie aber unbedingten Kampf, dann, guter Hennig, zerstören
Sie gerade das, was Sie zu wecken wünschen.«
Pastor Brauer stand auf und schien im Begriff das Zimmer zu verlassen,
Hennig aber ergriff seine Hand und sagte herzlich, aber dennoch mit
einem leisen Vorwurf im Ton:
»Es gab eine Zeit, wo wir Beide Hand in Hand einem schönen Ziele
entgegen strebten, wo wir als Freunde handelten, als Freunde dachten,
und Gott wolle verhüten, daß _die_ Zeit, die schöne Zeit vorüber sei.
Hier aber handelt es sich um das Höchste was der Mensch in seinem Innern
erkennen sollte -- um seine Ueberzeugung -- hier handelt es sich um das,
wonach ich mit allen meinen schwachen Kräften getrachtet und gestrebt
-- hier handelt es sich allein noch darum, den Sieg gewinnen oder
verzweifelnd _jede_ Hoffnung aufgeben zu müssen -- von einem Rücktritt
kann da keine Rede sein. Ich sehe in der Selbstständigkeit des Lehrers
die einzige Möglichkeit einer freien Entwickelung des Volks und in
dieser wieder nur die Aussicht auf eine mögliche Selbstständigkeit
desselben -- _sollten geknechtete Menschen im Stande sein Freie
heranzubilden_? Und ist der Lehrer etwa _nicht_ geknechtet, liegt nicht
jetzt sein freier Wille in der Hand des Geistlichen und duldet er nicht
die schmählichste Knechtschaft durch die Nahrungssorgen, die seinen
Geist niederbeugen müssen? Nein, wohl weiß ich, daß sich viele
Lehrerconferenzen _gegen_ die Trennung der Kirche von der Schule
ausgesprochen haben, die armen verblendeten Menschen wissen aber nicht,
daß sie sich den Stahl in das eigene Fleisch rennen -- sie begreifen
nicht, wie alle die Uebelstände, die sie jetzt aus einer Ueberwachung
der Schulen durch Schullehrer selber entstehn zu sehn glauben, durch das
Aufhören des Pastorzwanges auch in sich selbst zusammenstürzen müßten.
Das aber spricht ebenfalls nur wieder mehr für mich, und ein Schritt
weiter zurück, kündet uns auch hier die Ursache. Wie werden die
Seminaristen schon, die doch einst Lehrer werden sollen, behandelt --
wie erbärmlich ist meistens die Kost, mit der sie auf den autokratischen
Willen des >Hausmanns< angewiesen sind -- wie gedrückt ihre Behandlung
-- _das Alles_ muß anders werden, der Lehrerposten muß ein _Ehren_posten
werden im Staat, und _daß_ er das werde, dahin geht mein Streben.
Ueberzeugen Sie mich, daß ich den falschen Weg gehe und ich will
umkehren, das, was Sie bis jetzt gesagt, überzeugt mich _nicht_.«
»Aber der Herr Pastor Scheidler.«
»Meint es sonst gut mit mir, und wird mir da, wo er einsehn muß, ich
handele aus Ueberzeugung, nicht feindlich entgegentreten. Uebrigens
habe ich Nichts zu scheuen, und die heimlichen Conduitenlisten -- das
Vehmgericht des Schulvorstandes -- werden hoffentlich auch bald ihr Ende
erreichen.«
»Ich sehe, wir überzeugen einander doch nicht,« sagte Brauer lächelnd --
»Sie sind einmal unverbesserlich -- doch, Sie haben wohl auch gar hier
Stunde zu geben, da will ich nicht stören.«
»Es hat erst eben zehn Uhr geschlagen,« sagte Sophie, die bis dahin,
dem Gespräch still aber aufmerksam lauschend, an ihrem Nähtisch gesessen
hatte.
»Kann ich den alten Kleinholz jetzt sehn?« frug Pastor Brauer den
Schulmeister.
»Er wird sich herzlich freuen« -- erwiederte dieser -- »wir haben ihn
heute, wo die Schulstube doch nicht gebraucht wird, herunter in diese
geschafft, damit oben nur einmal gelüftet werden kann. Er ist übrigens
um vieles besser, und ich denke, wir werden ihn wohl durchbringen.«
Pastor Brauer nahm seinen Hut, verbeugte sich gegen Fräulein Scheidler,
nickte Hennig freundlich zu und verließ das Zimmer. --
Fünftes Kapitel.
Die Zeichnenstunde.
Als Pastor Brauer die Thür hinter sich zugezogen hatte, räumte das
Mädchen die noch vom Frühstück dastehenden Teller und Gläser hinaus, und
Sophie trug das Papier und die Zeichnenapparate herbei, um die Stunde zu
beginnen.
Hennigs Wangen glühten von der gehabten Unterredung in fieberhafter
Aufregung und seine Augen leuchteten von einem ganz ungewöhnlichen
Feuer. Er sprach aber kein Wort, und bereitete sich ruhig vor, die
gewöhnlichen Stunden auf gewöhnliche Art zu beginnen. Nur im Herzen
war's ihm leicht und hell geworden -- das klare Bewußtsein, der feste
Wille, sein schönes Ziel im Auge, sich durch kein Hinderniß, keine
Drohung abschrecken zu lassen, verlieh seinem ganzen Wesen eine größere
Elasticität, eine edlere Festigkeit, als er sie noch je in sich gefühlt
und empfunden.
Sophie legte die Vorzeichnung vor sich hin, spitzte die Kreide, schob
sich Gummi und Wischer zurecht und schaute erst, wie zerstreut, ein paar
Secunden vor sich nieder. Hennig sah von der Seite zu ihr auf -- der
ganze schöne Traum seines Lebens flog in lieblichen lockenden Bildern
zauberschnell an seiner Seele vorüber und wie von Seraphsklängen
durchschauert, hörte er den süßen zitternden Laut, der in heiligen,
ahnungbelebten Accorden durch seine Seele schwoll.
»Herr Hennig!« sagte da die leise Stimme der Jungfrau, und Hennig fuhr,
wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen. Selbst Sophien
entging, obgleich sie, während sie sprach, die Augen auf das Papier
geheftet gehalten, dieser schnelle Schreck nicht, und sie blickte
erstaunt den Lehrer an. Hennig sammelte sich aber rasch wieder.
»Fräulein Scheidler --«
»Ist Ihnen nicht wohl?« frug Sophie, der die plötzliche Blässe des
jungen Mannes auffiel -- »Sie sehen so bleich aus.«
»Nein -- ich danke tausendmal -- es ist wahrlich Nichts -- nur die
Aufregung vorher, vielleicht -- ich war in der Vertheidigung meiner
Lieblingsidee warm geworden, ich fühle mich jetzt schon wieder ruhiger.«
»Herr Hennig,« wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie --
»sein Sie mir nicht böse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an
Sie thue.«
»Mein Fräulein. --«
»Nun gut -- sehn Sie -- Sie -- Sie meinen es mit der Schule und Ihrem
Stande gewiß recht gut, und -- sollte ich so recht frei vom Herzen weg
reden -- und wäre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube,
ich könnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie
gerade dem Vater immer so? Ich weiß, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn
Sie beide zusammen über das leidige Kapitel stritten, habe ich Thränen
in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres >Gute Nacht<
von ihm -- als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater
wird aber alt und ein wenig krittlich, und da müssen Sie schon etwas
nachsehn -- überhaupt -- und nicht wahr, Herr Hennig, _mir_ werden Sie
über die Frage nicht so böse, wie dem Pastor Brauer --«
»Fräulein Scheidler --«
»Also will ich's wagen -- ist es denn gar so etwas Erschreckliches,« und
Sophie lächelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der
Seite an -- »wenn der Geistliche, von dem man doch vernünftiger Weise
erwarten muß, daß er ein _guter_ Mensch sei, die Oberaufsicht über die
Schule führe? -- und wär es denn gar nicht möglich, daß Sie -- nur ein
ganz klein wenig von Ihren Ansichten -- abweichen -- wenigstens die
häßliche Zeitung aufgeben könnten, über die sich der Vater, wie ich
Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht geärgert
hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, daß es für Sie besonders recht
gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat
wirklich -- aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort
davon sagen -- die besten Absichten mit Ihnen. -- Es steht Ihnen eine
ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor -- nur ein
klein wenig nachgeben müssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst
willen,« fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte,
sondern nur still und wehmüthig _vor_ sich niedersah, fort -- »es ist
wahrlich zu Ihrem künftigen Glücke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie
Alle so gern, und möchten Ihnen gern wohl.«
»Auch Sie, Fräulein Scheidler?« sagte Hennig leise und ohne die Augen
vom Boden zu heben, aber mit einem so eigenthümlichen Ausdruck im Ton,
daß Sophie im Anfang nicht gleich recht wußte, ob diese Frage auf ihre
letzte Aeußerung sich bezog, oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein
sollte.
»Auch ich,« erwiederte sie deshalb nach kurzer Pause, leicht erröthend
-- »warum ich weniger?«