-- »es wäre wahrlich eine Verlockung, sich dem _Teufel_ zu verschreiben,
wenn man nur vermuthen müßte, daß _solche_ Menschen einst in den Himmel
kämen. Doch genug der Worte, ich habe Sie nicht aufgesucht, um mit Ihnen
zu feilschen und zu handeln und um Procente zu streiten. Meine Frage
gilt einfach dem _Mann_, dem ich als Mann gegenüber stehe, und die
Alternative ist die, daß ich mich von hier aus auf ein Pferd werfe und
morgen früh schon in der Residenz die Klage gegen den Oberpostdirector
von Gaulitz beim Criminalgericht eingebe, und daß _ich_ die _Zeugen_
stelle, darauf können Sie sich verlassen. Einfach also Ihre Antwort --
hier ist das Papier -- dort steht Feder und Dinte -- wollen Sie, oder
nicht?«
»Mit der Pistole auf der Brust« -- sagte verlegen der Gutsherr.
»Bitte um Verzeihung, Herr von Gaulitz,« erwiederte mit besonderem
Nachdruck der junge Mann »ich bin unbewaffnet -- die Pistole wäre nur
-- Ihr Gewissen, die Ihnen hoffentlich geladen und gespannt bis zu Ihrer
letzten Todesstunde vor den Schläfen stehen soll. -- Ich bitte um Ihre
Entscheidung.«
»Dreihundert Thaler jährlich? --«
»Bis zu ihrem Tod -- in dem Fall aber hundert Thaler an ihren Vater.«
Der Oberpostdirector ging mit verschränkten Armen wohl fünf Minuten lang
rasch und schweigend im Zimmer auf und ab; Wahlert lehnte an der Ecke
eines Spieltisches und sprach kein Wort, störte sein Nachdenken durch
keinen Laut, durch keine Bewegung, nur sein Auge haftete mit seiner
Adlerschärfe auf ihm, und folgte ihm, wohin er sich wandte, und es
schien fast, als ob der Gutsherr das wisse, und der Blick gerade es sei,
der ihn so unruhig herüber und hinüber jage, denn nicht ein einziges Mal
schlug er das Auge zu dem so unwillkommenen Besuch empor. Endlich, doch
wohl einsehend, daß ihm hier wirklich nur die Wahl zwischen öffentlicher
Schmach und einem, wenn auch bedeutenden Geldopfer liege, schien sein
Entschluß gefaßt. Er trat an den Tisch auf dem, neben dem Dintenfaß das
Dokument lag, ergriff die Feder -- und noch zögerte seine Hand.
Wahlert schaute mit der gespanntesten Aufmerksamkeit auf ihn hinüber
-- plötzlich zuckte ein triumphirendes Lächeln über seine Züge -- das
Kritzeln der hastig geführten Feder kündete ihm seinen Sieg. Im nächsten
Augenblick reichte ihm der Oberpostdirector das Blatt hinüber -- er warf
einen Blick darauf, verbeugte sich, faltete es zusammen, schob es
in seine Brusttasche und öffnete eben die Thür, das Zimmer wieder zu
verlassen, als draußen eine wildverstörte, blutbedeckte, von Lumpen
umhangene Gestalt mit der aufgezogenen Jagdflinte in der Hand in die
Thüre sprang, und eine heisere Stimme in kaum hörbaren Lauten frug --
»Wo ist der Herr?«
»Heiliger Gott!« rief Wahlert und trat, entsetzt über den schaurigen
Anblick, auf den Vorsaal hinaus, der Oberpostdirector aber, durch den
Ausruf aufmerksam gemacht, folgte ihm rasch, sah zuerst die Gestalt, die
er wahrscheinlich nicht einmal gleich erkennen mochte, erstaunt an und
rief dann, mehr überrascht als bestürzt: --
»Fritz Holke -- was machst Du in _dem_ Aufzug hier? -- Mensch wie siehst
Du aus?«
»Retten -- Schützen Sie mich!« war aber Alles, was der arme Teufel vor
Erschöpfung und Angst und Aufregung über die Lippen bringen konnte --
»ich habe -- ich habe einen Menschen -- erschossen -- den Müllerburschen
aus -- aus der Rauschenmühle -- sie werden -- sie werden gleich hier
sein -- großer allmächtiger Gott, ich bin ein _Mörder_!«
Wahlert war an die Seite und etwas zurückgetreten, und ein schweigender
aber wachsamer Zeuge der folgenden Scene.
»Ein Mörder?« rief der Gutsherr jetzt wirklich bestürzt, und blickte
die Leidensgestalt, in deren Antlitz jeder Zug die Wahrheit der Worte
bestätigte, forschend an, »Mensch, Du siehst fürchterlich aus!«
Fritz erzählte jetzt mit flüchtigen Worten, und so gedrängt als möglich,
den ganzen Vorfall, wie er von den Bauern mishandelt, mit was er bedroht
worden, und endlich nur in letzter Verzweiflung, seiner selbst fast
unbewußt, nach der Waffe gegriffen und die Mündung dem vorspringenden
Feind drohend vorgehalten habe -- dann war der Schuß gefallen -- der
Mann -- als er sich nach ihm umschaute, gestürzt, und weiter wußte er
selber Nichts mehr, weder von sich selbst noch von der ihn umgebenden
Welt -- Flucht war sein einziger Gedanke gewesen, Flucht, vor dem
Erschlagenen fast mehr als den verfolgenden Menschen, und er, der
Gutsherr, der ihm selber befohlen habe, streng gegen alle Wildfrevler
zu verfahren, sei der Mann, der ihn schützen werde, schützen _müsse_ vor
der Rache der Bauern.
»Nun _das_ hätte mir noch gefehlt!« rief jetzt der Herr von Gaulitz,
der in dem Interesse, das er an der athemlosen Erzählung seines
Jägerburschen nahm, die Anwesenheit des dritten Mannes ganz vergessen
zu haben schien. -- »_Ich_ soll mich in deine Streitigkeiten mit dem
Bauergesindel mischen, und wohl gar noch einen Mörder und Todtschläger
in meinem Hause beherbergen, daß sie mir nachher das Dach über dem Kopf
anstecken? -- nein wahrhaftig nicht -- wer hieß Dich gleich abdrücken,
der, der Blut vergießt, des Blut soll wieder vergossen werden, steht in
der heiligen Schrift -- >wo Jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn
mit List erwürget, so sollst Du denselben vor meinen Altar nehmen, daß
man ihn tödte< und >Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um
Fuß, Brand um Brand, Wunde um Wunde, Beule um Beule!<«
»Herr des Himmels« stöhnte da Fritz in Todesangst, -- »_Sie_ sagen das,
_Sie_, der Sie mir hier an dieser Stelle, wo wir jetzt bei einander
stehn, zuriefen -- >Schieße die Wildfrevler nieder -- und auf _meine_
Verantwortung?< An mich gehalten hab' ich und Alles ertragen, um nicht
ein Mörder zu werden, die Feindschaft aller Bauern dabei durch den Eifer
auf mich gelenkt, den ich in Ihrem Dienst bewiesen, und jetzt -- jetzt,
wo ich in Selbstvertheidigung vielleicht mein Leben, oder was noch mehr
ist, meine Ehre retten mußte -- jetzt, wo ich den ärgsten Wilddieb, der
je auf Hornecker Revier mit der Flinte herumgezogen, _auf_ Hornecker
Revier, niedergeschossen habe, jetzt bin ich ein ruchloser Mörder und
soll allein, elend in die Welt hinausgestoßen werden. Gut, ich will
gehen, den Bauern will ich entgegengehn und sagen hier -- hier Ihr
Schurken -- hier nehmt Rache an dem vergossenen Blut -- Auge um Auge,
Zahn um Zahn -- aber _mein_ Blut kommt über den Gutsherrn drinn und Gott
möge ihm einst in seiner letzten Stunde --«
»Poller -- Poller!« rief der Oberpostdirector, in voller Aufregung
zu der schmalen steilen Treppe gehend, die in die Bedientenstube
hinunterführte -- »Poller!«
»Zu Befehl Euer Gnaden!« antwortete die bereite Stimme des Dieners, der
unten an der Treppe gehorcht, sich aber wohl gehütet hatte, seinen Kopf
oben blicken zu lassen.
»Ruf mir den Christoph und Dietrich -- schnell -- sie sollen mir den
Burschen da aus dem Hause prügeln.«
»_Prügeln_!« rief der arme mishandelte und in den Staub getretene
Jägerbursche, und wie unwillkürlich fuhr er mit der gewohnten Waffe
empor.
Der Oberpostdirector wandte sich in diesem Augenblick nach ihm um, sah
die drohende Bewegung des so schon zur Verzweiflung getriebenen Jägers,
der mit flatternden Haaren und blutbedecktem Antlitz, wie ein zum
Sprung bereiter Panther vor ihm stand, und trat, mit einem nur halblaut
ausgestoßenen Schrei einen Schritt zurück. Dicht hinter ihm aber waren
die Stiegen, er verfehlte die oberste Stufe, glitt aus, griff nach
dem Geländer -- der schwere Körper gewann aber das Uebergewicht und
polternd, und Hülfe rufend, stürzte er die wohl zwanzig Fuß tiefe, sehr
steile Treppe, mit dem Kopf voran, unaufhaltsam hinunter.
»Gebe Gott, daß er den Hals gebrochen hat!« sagte Wahlert ruhig, während
Fritz in stummem Entsetzen zur Treppe sprang, um nach zu sehn, ob sich
der Gutsherr wirklich Schaden gethan. Wahlert aber ergriff seinen Arm,
zog ihn mit sich nach der Thür und sagte hier rasch und leise:
»Jetzt fort mit Ihnen -- überlassen sie den Cadaver seinem Schicksal --
ob er todt oder lebendig ist, braucht uns wenig zu kümmern -- es wäre
ein Gottesgericht gewesen -- aber auch zu milde, denn wenn es überhaupt
Gerechtigkeit in der Welt giebt, hatte ich immer noch gehofft _den_
Schurken einmal hängen zu sehn. Für Sie ist aber kein Bleibens mehr im
Ort -- auch drüben bei Ihrem Vater können Sie sich nicht aufhalten, Sie
würden jedenfalls, dem souverainen Volk jetzt gegenüber, eingezogen --
vielleicht gestraft, und doch sagt mir Ihr ganzes Aeußere, daß Sie recht
gehandelt.«
»Aber wo soll ich hin?« rief Fritz verstört und unschlüssig -- »in
diesem Aufzug --«
»Dazu kann Rath werden« erwiederte Wahlert -- »hier« -- und er zog
seinen Burnus aus, hing ihn dem Jägerburschen über und drückte ihm dann
den eignen Hut in die Stirn. -- »So, hier drinn steht eine Flasche mit
Wasser, da -- nehmen Sie dieß Taschentuch, so -- über dem Auge ist noch
etwas -- oh das ist eine Wunde, nun die wird schon heilen; ziehen Sie
den Hut ein wenig in's Gesicht und gehn Sie jetzt geraden Wegs nach
Bachstetten hinüber zum Schullehrer -- halt -- der ist heute Abend hier
in Horneck -- desto besser -- so kann er Sie selbst mitnehmen -- jetzt
nur fort. Oben wo der Graben in den Wald läuft, in welchem ich damals
von gewissen Leuten verfolgt, heraus und nach der Pfarre zu kroch,
treffen wir uns -- fort -- die Leute kommen mit dem Gestürzten herauf.«
»Aber meine Flinte? --«
»Nehme ich unterdessen und werde dafür sorgen, daß sie wieder in Ihre
Hände kommt.«
»Und mein Vater?«
»Soll durch mich erfahren, daß Sie in Sicherheit sind.« --
»Und --«
»Und _wer_?« -- Fritz antwortete nicht -- »Fort denn,« sagte Wahlert,
»Sie haben keine Secunde mehr zu verlieren!«
Er zog den Jäger mit sich aus der Thür, die er hinter sich wieder
schloß, brachte ihn vor das Gut hinaus und sah dort noch eine Weile
hinter ihm drein, als er nach flüchtigem aber herzlichen Dank in der
mehr und mehr einbrechenden Dämmerung auf schmalen dunkeln, ihm aber
wohlbekannten Gartenpfaden durch das Dorf hinauf und wahrscheinlich
direkt der ihm von Wahlert bezeichneten Stelle zufloh, wo er später
einen sicheren Versteck sollte angewiesen bekommen.
Drittes Kapitel.
Fritz Holke's Flucht.
Die Aufregung, die durch den Tod Müller Friedens in all' die umliegenden
Ortschaften kam, war entsetzlich. -- Das Gerücht ging, der Horneck'sche
Jäger habe den Mann blos deshalb erschossen, weil er einen kranken Hasen
hätte fangen wollen. Krautsch, der den Schnitt durch's Gesicht davon
getragen, that ebenfalls sein Möglichstes, die Wuth gegen den ihm
ohnedies verhaßten Jäger noch zu schüren und zu erhöhen, und die
Gerichte, von allen Seiten bestürmt, mußten wohl auf den flüchtigen,
seit jenem Abend aber verschwundenen Mörder fahnden, wollten sie nicht
besorgliche Auftritte heraufbeschwören, die doch am Ende die Ruhe der
hochweisen Polizei vielleicht gestört hätten.
Und der Postdirector von Gaulitz?
Der lag drei Tage besinnungslos auf seinem Bett -- und phantasierte,
als er endlich wieder zu sich kam, von entsetzlichen Sachen, die den
Umstehenden das Haar zu Berge sträubten. Die Frau von Gaulitz ließ
auch endlich gar Niemanden weiter in's Krankenzimmer, als den Arzt, dem
überhaupt gleich ein kleines Gemach im Gute eingeräumt worden war,
damit er, wenn sein Aufenthalt nicht ganz unumgänglich nothwendig in
der Residenz war, hier bleiben und schlafen konnte, denn das Leben des
Postdirectors schwebte lange in höchster Gefahr.
Im Anfang hieß es dabei sogar, der Jägerbursche, dessen drohende Stimme
Poller unten in seiner Stube gehört haben wollte, hätte den alten Mann,
der dem Mörder seinen Schutz verweigert, die Treppe hinabgeschleudert,
Wahlert trat dagegen aber augenblicklich und auf das nachdrücklichste
als Zeuge auf, und sagte aus, wie er dabei gestanden habe, als der
Postdirector, die Stufe verfehlend, hinabgestürzt sei, ohne daß ihm
der Jäger auch nur auf sechs Schritte zu nahe gekommen wäre. Das
rechtfertigte diesen allerdings von der Anklage, half aber dem
Postdirector nur wenig, der sich auch noch, wie eine spätere, allerdings
zu späte Untersuchung, darthat, die Hüften ausgerenkt und zwei Rippen
gebrochen hatte.
Der Jäger war indessen glücklich in seinen Versteck entkommen, durfte
aber gar nicht daran denken, selbst in späterer Zeit nach Horneck
zurückzukehren, und mußte sich nun einen Ort in der weiten Welt suchen,
wo er sich einen Heerd, eine neue Heimath gründen könne. Ohne Abschied
von Lieschen zu nehmen, war er aber, selbst an dem Abende nicht, von
Horneck geschieden; trotz der Gefahr, in der er sich befand, schlich
er von hier zur Schulwohnung hinüber, das bekannte Zeichen rief sein
darüber zum Tod erschrockenes Mädchen, der das entsetzliche Gerücht
schon zu Ohren gekommen, vor die Thür hinaus, und dort gelobten sich
die beiden armen Kinder noch einmal -- unter dem freien hellbestirnten
Himmelszelt, ewige Liebe und Treue, wie das Schicksal auch ihre
Bahnen werfen, ihr Leben gestalten möge. Fritz war dabei schon fest
entschlossen, was seinen künftigen Plan betraf -- er wollte nach
Amerika, dort sich mit Fleiß und Sparsamkeit so viel verdienen, um eine
kleine Farm kaufen zu können, und dann sein Lieschen, sein liebes gutes
Lieschen, nachholen. Dazu schüttelte aber diese gar traurig den Kopf,
den armen Vater hier in all seinem Elend, in seiner Krankheit allein
zurück lassen -- nein, das ging unmöglich an. -- Aber der Vater bekam
bald Zulage -- eine Unterstützung vom Ministerium -- und der Pastor
hatte ihm ja ebenfalls Hülfe zugesagt -- Das waren Alles _fremde_
Menschen, wie das arme Mädchen mit recht traurigem Ausdruck in den Zügen
sagte, die _versprachen_ Alle, aber sie hielten Nichts, und dann blieb
der arme Vater doch nur immer wieder allein und ganz allein auf sie
angewiesen, und hätte sie den Greis in dem Zustande verlassen können,
Fritz selbst würde ihr das, bei kaltem Blute und ruhiger Ueberlegung,
nicht zugemuthet, ja wenn sie selbst wollte, es nicht gestattet haben.
Dagegen half keine Einsprache -- Fritz nahm Abschied von ihr, mit
dem ausdrücklichen Versprechen jedoch ehe er das Vaterland verließ,
jedenfalls noch einmal zu ihr zu kommen, um den gemeinschaftlichen
künftigen Lebensplan zu bereden, und als Lieschen weinend am Gartenzaune
stand und mit ängstlichen Blicken, mit fieberhaft schlagenden Pulsen den
mehr und mehr in der Ferne verhallenden Schritten des Geliebten horchte,
eilte dieser, so schnell ihn seine Füße trugen, dem ihm von Wahlert
bezeichneten, wohlbekannten Versteck zu, und blieb dort, bis ihn Abends
spät der Bachstettener Schullehrer -- der Wahlert zu Liebe noch an dem
nämlichen Abende in sein Dorf zurückkehrte -- abholte und mit sich zu
Hause nahm.
Mehrere Tage vergingen so, und trotz des gegen Fritz Holke,
Jägerburschen aus Horneck erlassenen Steckbriefs, war keine Spur des
total von der Erde Verschwundenen aufgefunden worden. Fritz Holke war
aber nicht der Einzige, dessen Aufenthalt ganz urplötzlich nicht mehr
ermittelt werden konnte, auch Marie Meier und der alte Musikant hatten
-- Niemand wußte wohin, in derselben Nacht das Dorf verlassen und
Wahlert bot vergebens Alles auf, um die Spuren der Entflohenen zu
finden. Selbst der Wirth, bei dem sie gewohnt, schien gar Nichts von
ihrer Abreise vorher erfahren zu haben, denn nicht eine mal die paar
Thaler Miethzins hatte der alte Mann bezahlt und der Hausbesitzer,
ein reicher Bauer aus Horneck, der zwei kleine Häuser einmal um eine
Schuldforderung angenommen, fluchte und wetterte über das »Gesindel«,
bis ihm Wahlert den rückständigen Zins in die Hand drückte und den
Zürnenden dadurch zum Schweigen brachte.
Was konnte er jetzt thun, um die Unglücklichen wieder aufzufinden? --
Er schrieb augenblicklich in die Residenz, sandte Boten auf alle
umliegenden Dörfer aus und versprach Gensdarmen und Forstläufern
ansehnliche Summen, wenn sie ihm Kunde von dem alten Musikanten
brächten, oder gar seinen Aufenthalt anzugeben wüßten, doch Alles ohne
Erfolg.
So sicher sich jene Beiden aber auch ihr Versteck gewählt hatten, so
viel unsicherer wurde mit jedem Tage des armen Jägerburschen kaltes
Dachstübchen, in dem er jetzt, bei plötzlich eintretendem Frost,
besonders in der ersten Nacht fast erfroren wäre. Dort konnte er nicht
länger bleiben, als ihn aber der gutmüthige Kraft die nächste Nacht
herunter in seine eigene Kammer nahm, war es die Magd gewahr geworden,
und auf rasche Entfernung, sollte nicht die Entdeckung die übelsten
Folgen nach sich ziehen, mußte so schnell als möglich gedacht werden.
Fritz verließ am nächsten Abend bei Dunkelwerden Bachstetten und floh
-- natürlich augenblicklich nach Horneck in die Schule, wo ihn der jetzt
davon in Kenntniß gesetzte Hennig zwei Tage, mit größter Gefahr für sich
selbst, zu verbergen wußte. Indessen hatten sie aber auch nun den Plan
entworfen, den sie künftig verfolgen wollten, Lieschen ward sogar mit
in den Kriegsrath gezogen und der Beschluß gefaßt, daß Fritz jetzt ohne
Weiteres voraus nach Amerika überfahren und dort das Land einige Monate
durchziehen solle. Zum Frühjahr, wo er schon einen Platz zur Ansiedlung
ausgewählt haben konnte, kam Wahlert mit seiner jungen Frau nach.
Und Lieschen? -- Ach dem armen Kinde standen die großen hellen Thränen
in den Augen, daß es nicht mit ziehen konnte in das freie herrliche
Land, wo es keine Noth mehr gab und -- keine Nahrungssorgen, wo der
Arbeitsame und Ehrliche sein Brod fand, und nicht wie hier in Kummer und
Elend verderben mußte. Aber -- es ging nicht -- Vater und Geschwister
durfte, konnte sie hier nicht allein zurücklassen und wehmüthig nickte
sie nur mit dem Köpfchen, als ihr Fritz versicherte, wie er bald, recht
bald so viel verdient haben werde, um sie und die Ihrigen zu ernähren
und sie dann alle mit einander nachholen zu können.
Noch in derselben Nacht verließ er, von Wahlert hinlänglich mit Geld
unterstützt, und mit ein paar Briefen nach Havre versehen, Horneck,
setzte nach der Rauschenmühle über, nahm dort von seinem Vater, den
er auch in späterer Zeit noch in Amerika zu sehen hoffte, herzlichen
traurigen Abschied, und wanderte dann getrosten Muthes nach der
Residenz. Wahlerts Rathe nach sollte er hier Post nach Coblenz nehmen
-- auf der Post frug ihn kein Mensch nach einem Paß, und von dort aus
erreichte er schnell die französische Grenze und Havre de Grace.
Lieschen schwebte indessen in Todesangst -- jedes fremde Gesicht, das
ihr begegnete, schien zu sagen: sie haben Deinen Fritz erwischt und
er wird jetzt in Ketten wieder zurück transportirt. -- Keine derartige
Kunde wurde ihr aber, im Gegentheil mußte sie jetzt, da der Steckbrief
nicht erledigt wurde, der Entflohene also auch nicht eingefangen sein
konnte -- hoffen, daß er glücklich entkommen sei -- dennoch war ihr
die Ungewißheit, ach, so peinlich, und die Tage schlichen ihr lang und
traurig dahin.
Viertes Kapitel.
Pastor und Schulmeister.
Der neunte December brach trübe und düster an; im Nordwesten hatten sich
dunkle, drohende Wolkenmassen gebildet, und mit der Tagesdämmerung sah
es fast so aus, als ob an diesem Tage der erste Schnee fallen müsse.
Auch waren schon mehrere Züge wilder Gänse schnatternd und schwirrend
dicht über Horneck weg, vom Norden herunter kommend, dem wärmeren Süden
zugestrichen -- ein ziemlich sicheres Zeichen des nahenden Winters -- um
neun Uhr aber, der Stunde der Wetterscheide, drehte sich der Wind mehr
nach Süden herum, und ein kalter, dünner Regen, der im Anfang wie
Staub auf den Kleidern lag, um später desto sicherer einzudringen, fiel
geräuschlos auf die feuchte lehmige Erde nieder.
Selbst den Enten schien es in dem, unten gleich am Pfarrhügel liegenden
Teich zu naß geworden zu sein, und sie watschelten schnatternd in ihrem
schwerfälligen Marsch -- eine hinter der anderen genaue Linie haltend
-- unter die Pflaumenbäume, wo sie erst eine ganze Weile die Köpfe
schüttelten, als ob sie selbst nicht wüßten, was sie über den
dießjährigen Herbst denken sollten, dann sich die Flügel und das
bewegliche Schwänzchen putzten, und zuletzt ganz ehrbar und bedächtig
still saßen, die Köpfe hinten in den Nacken drückten, und mit halb
geschlossenen Augen träumend nach den grauen unbehaglichen Wolken in die
Höhe schauten.
Der Gänsejunge stand dabei unten am Teich, und wusch sich die
bloßen Füße in der kalten, schmutzigen Flut, und ein kleines dralles
Bauermädchen im bloßen Kopf, das ein Gefäß in der Hand trug, und von
seiner Mutter wahrscheinlich in den nächsten Kaufmannsladen geschickt
war, um Essig, oder sonst eine Flüssigkeit zu holen, schien Gefallen an
dem Fußbad zu finden. Sie trat dicht zu dem gleichgültig nach ihr sich
umschauenden Jungen heran, tauchte erst ganz sorgfältig die eine Spitze
des sauber geschmierten Schuhes in das Wasser, und freute sich, wie
die Fluth in trüben Perlen auf dem schwarzen Fett hängen blieb -- dabei
wurde sie aber immer kecker und kecker, nahm jetzt den anderen Fuß,
und dann diesen wieder, bis sie es endlich einmal versah, und sehr zum
Ergötzen des schadenfrohen Gänsejungen zu tief trat, so daß das Wasser
ihr den Strumpf netzte und in den Schuh lief. Ei, wie rasch hob sie da
das kleine Bein, und rannte, dann und wann einmal stehen bleibend und
den nassen Strumpf betrachtend, spornstreichs den schmuzigen Fahrweg
entlang in die schmale Gasse, die zum Kaufmann führte.
Hier und da schaute ein mißmuthiges Gesicht aus den Fenstern der
benachbarten Bauernhäuser heraus, und der Knecht, der sonst immer
pfeifend neben seinem Geschirr herging, zog heute verdrossen und dicht
in seinen alten grauen Regenmantel gewickelt, hinter dem Mistwagen her,
während selbst die Pferde, dann und wann die Ohren schüttelnd, und
nicht rechts noch links schauend, wie verdrießlich in den Deichselketten
hingen, daß der schwergeladene Wagen nicht zu rasch den Abhang hier
hinunter rolle, und ihnen etwa in die Hacken käme.
Aus den Scheunen tönte das monotone Dreschen herüber, immer trüber und
trüber umzog sich der Himmel, und die ganze Natur sah aus, wie der Bauer
in seinem Regenmantel.
Es war wieder an einem Sonnabend, und Hennig, froh endlich einmal der
dunstigen Schulatmosphäre enthoben zu sein, ging in die Pfarre hinüber,
wo er den Kindern Musik, und Sophien -- o wie er sich die ganze lange
Woche hindurch auf die _eine_ selige Stunde freute -- Zeichenstunde gab.
Am letzten Sonnabend war ihm auch diese Freude, wenigstens zum großen
Theil verbittert worden, denn der Fremde, Doctor Wahlert, der in der
Pfarre wohnte, ging die ganze Stunde nicht aus dem Zimmer, und es kam
ihm da gerade so vor, als sei ihm der Tag -- der einzige Erholungstag
der ganzen Woche, auf solche Art ganz schändlich und heimtückisch
gestohlen worden. Heute konnte ihm das nicht widerfahren -- Wahlert
war gestern Abend erst fortgeritten, und kam keinesfalls vor der
Zeichenstunde zurück, und Hennig hatte die Zeit kaum erwarten können,
so daß er eine volle halbe Stunde -- sehr zum Entsetzen der »jungen
Pastors,« die gar noch nicht an's Clavier dachten, hinüber in die Pfarre
ging.
Dort war aber erst gestern Abend der frühere Diaconus Brauer, jetzt
Pastor zu Kloneck, eingetroffen, um mehreres mit seinem Collegen, dem
Pastor Scheidler zu bereden, und es schien fast, als ob ihm auch
heute die liebste Stunde geraubt werden sollte; als Vorbedeutung wurde
wenigstens -- und wie lachten die »junge Pastors« -- die Clavierstunde
ausgesetzt. Als sich jedoch Hennig, um die Unterredung nicht zu stören,
wieder entfernen wollte, bat ihn Pastor Scheidler, zu bleiben, da sie
Manches mit einander zu besprechen hätten.
»Manches zu besprechen? Lieber Gott,« dachte Hennig -- »die alte
Geschichte; wenn sich ein Pastor dazu herabläßt, mit dem Schulmeister
etwas zu besprechen, so bedeutet das gewöhnlich weiter gar nichts, als
er will ihm wieder einmal den Text lesen -- und das nennt er nachher
_besprechen_.« Hennig hatte sich auch nicht geirrt, die Kinder waren
noch nicht einmal hinaus, als Pastor Scheidler, der Hennig gewinkt
hatte, einen Stuhl zu nehmen, anfing, ein paar Mal im Zimmer auf und ab
zu gehen -- ein sicheres Zeichen, daß irgend ein Sturm im Anzug sei --
dann nach einigen Hm's und mehrmaligem Räuspern zum Tisch trat, und ein
Zeitungsblatt -- die Probenummer eines neu zu erscheinenden Blattes,
»die Leuchte« in die Hand nahm.