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Pfarre und Schule.
Eine Dorfgeschichte
von
Friedrich Gerstäcker.
Dritter Band.
Leipzig,
Georg Wigand's Verlag.
1849.
Inhalt des dritten Bandes.
Erstes Kapitel. Seite
Die Treibjagd 1
Zweites Kapitel.
Der Oberpostdirector 32
Drittes Kapitel.
Fritz Holkes Flucht 51
Viertes Kapitel.
Pastor und Schulmeister 59
Fünftes Kapitel.
Die Zeichnenstunde 80
Sechstes Kapitel.
Der heilige Abend 91
Siebentes Kapitel.
Sylvesternacht 114
Achtes Kapitel.
Pollers Rache 139
Neuntes Kapitel.
Der Brandstifter 158
Zehntes Kapitel.
Der Letzte der Strohwische 180
Elftes Kapitel.
Des alten Schulmeisters Lohn 205
Zwölftes Kapitel.
Schluß 223
Erstes Kapitel.
Die Treibjagd.
Eben hatte der alte Holke angefangen, zu einem neuen Treiben ablaufen zu
lassen; die »Herrschaften« standen in kleinen Gruppen, etwas abgesondert
von den übrigen Schützen und Treibern, zusammen, und die Bauern und
Jäger, Verwalter, Controleure etc. etc., die den großen Pulk der mit
Gewehren Versehenen bildeten, mußten von Anfang an wieder den weiten
Bogen um den ganz abzujagenden Plan umlaufen.
Da übrigens wohl der größte Theil der Leser, möglicher Weise nicht eine
einzige der Leserinnen, einen richtigen Begriff von einem Treiben und
besonders von einem sogenannten »Kesseltreiben« (ja nicht zu verwechseln
mit »Schüsseltreiben«, das Frühstück oder Nachtessen) hat, so wäre es
vielleicht gut, wenn ich, zu besserem Verständniß des Ganzen, eine kurze
Beschreibung hier vorangehen ließe.
Die Treibjagd wird im Spätherbst und Winter, und zwar zu einer Zeit
veranstaltet, wo der Hase nicht mehr hält -- das heißt, vor dem nahenden
Jäger über Schußweite aufgeht, und man deshalb nun das ganze Revier
abtreiben, oder mit anderen Worten: das Wild darin den Jägern zutreiben
muß. Die gewöhnlichen Anlegetreiben sind die einfachsten; die Jäger
werden dabei auf zwei Seiten gewöhnlich _vorgelegt_, und die Treiber
kommen nun in einer Linie von der Grenze des beabsichtigten Treibens
langsam auf diese zu. Die nachher zwischen Treibern und Schützen
aufgehenden Hasen laufen meistens, durch den Lärm der ersteren
erschreckt, auf die letzteren zu, und fallen hier den ruhig in Anschlag
Liegenden zur ziemlich sicheren Beute.
Interessanter sind dagegen die sogenannten Kesseltreiben, wo gewisse
Felder, die man mit seinen Leuten gerade umzingeln zu können glaubt,
von diesen vollkommen eingekesselt werden. Dies Einkesseln geschieht
folgendergestalt: Der Jäger oder Jagdliebhaber läßt von irgend einem
Punkte an der Grenze des beabsichtigten Treibens _abgehn_. Er schickt
erst zwei Männer rechts und links aus, die mit den Grenzen genau bekannt
sein und auch wissen müssen, welche Richtung sie zu nehmen haben, um auf
den ihnen angegebenen Punkt wieder zusammen zu kommen, und dadurch den
Ring den ihnen nachfolgenden Jägern zu schließen.
War das ein Schütze, so kommt nach diesem in etwa siebzig bis achtzig
Schritt Entfernung, je nachdem man viel oder wenig Leute hat, ein
Treiber, dann wieder in eben der Entfernung ein Schütze, und so fort.
Diese folgen genau in derselben Bahn, wie die ersten, und beschreiben
also einen ziemlich bedeutenden Bogen, dem ihnen gerade gegenüber
liegenden Theile zu. Treffen die beiden Ersten, die zu gleicher Zeit
links und rechts abgingen, zusammen, so wird ein Zeichen gegeben, der
»Kessel« ist geschlossen, und Alles rückt nun so rasch als möglich
nach dem Mittelpunkte zu, um die aufgehenden Hasen vorerst dorthin zu
treiben, und zugleich gegenseitig so nahe zusammen zu kommen, daß
kein Hase durchgehen kann, ohne wenigstens einem Schützen in richtige
Schußnähe zu kommen. Hat man das erreicht, so rückt der Kessel etwas
langsamer weiter vor, und Jeder schießt, was ihm am nächsten kommt, nur
nicht nach anderen Schützen zu, damit kein Unglück geschieht. Ist
man endlich ziemlich zusammengekommen, so deutet ein anderes Zeichen,
gewöhnlich mit dem Horn, an, daß nicht mehr in's Treiben, sondern nur
auf die Hasen, die schon durch die Schützen gegangen sind und jetzt dem
freien Felde entgegen laufen, geschossen werden darf.
Es war an diesem Tage das sechste Treiben und die Leute natürlich etwas
ermüdet; so sehr sich die Schützen daher auch sonst im Anfang, und
besonders bei recht kaltem Wetter, herandrängen, die Ersten beim
Ablaufen zu sein, so sehr hielten sie sich jetzt zurück, und Einer
drückte sich hier, ein Anderer da, hundert oder zweihundert Schritte vom
Ablaufplatze entfernt, an Rain oder Wegweiser an, um nicht gleich wieder
mit unter den Ersten fortgeschickt zu werden und dann auch den weitesten
Bogen beschreiben zu müssen.
Der alte Holke hatte alle Hände voll zu thun und war noch dazu in der
übelsten Laune von der Welt, er fluchte und wetterte die Treiber an, daß
ihm Keiner auf zehn Schritte zu nahe kommen mochte, und sah aus, als ob
er den ersten Besten mit Haut und Haare hätte verschlingen können.
»_Treiber da!_ Donnerwetter, hört und seht Ihr nicht, Ihr verdammtes,
faules, hundsföttisches Lumpenpack, Ihr -- _müßt_ Ihr's denn immer so
machen wie andere Leute -- halt da, zur Schock-Schwerenoth, jetzt laufen
wieder viere auf einmal -- daß Euch ein Gewitter verschlage. -- Hier
ein Schütze -- ach --« (und mit ganz verändertem Ton aber nur mühsam
unterdrückten Aerger, wandte er sich rasch an einen der Officiere, der
sich eben bei einem anderen eine Cigarre anzündete) »dürfte ich Sie wohl
bitten, Herr Lieutnant -- wenn's gefällig wäre.«
»Ach bitte, Holke, lassen Sie mich noch einen Augenblick warten, ich bin
beinah immer der Erste gewesen« -- es war ihm nämlich nicht eingefallen
-- »ich möchte auch gern nachher hier unten herein abgehn.«
»Zu Befehl -- daß Dich ein heiliges Donnerwetter in den Erdboden
'neindrücken möge, Du verdammter, milchbärtiger -- näsiger Hallunke
Du,« murmelte er dabei hinter her, und wandte sich an einen der
Nebenstehenden:
»Wenn's gefällig wäre, Herr Baron.«
»Ja wohl, Holke, ja wohl -- ach, der Rittmeister ist noch nicht da --
ach, lieber Holke, wir möchten gern zusammen gehn -- lassen Sie mich
noch ein paar Minuten hin.«
»Zu Befehl, Herr Baron« -- er biß die Pfeifenspitze, die er im Munde
hielt, kurz und klein, und frug noch, mit einem wachsenden, aber auch
immer verhaltenen Grimm vier oder fünf andere, bis er endlich einen
Gutwilligen fand, der mit einem:
»Herr Gott, ich muß auch immer der Erste sein,« der Aufforderung Folge
leistete.
»S'ist ein Glück, daß die Jagd nun bald ganz beim Teufel ist,« brummte
der Alte endlich halblaut vor sich hin und schnitt sich dabei den oberen
Theil des zerkauten Horns an der Pfeife ab -- »mit _solchen_ Schützen,
und nachher auch noch keine Hasen, nu da kann Einer Freude erleben --
wenn er eben Geduld hat und nicht vorher zu Grunde geht -- Jetzt
seh Einer, was der Mensch für ein Loch macht -- geht, als ob er alle
Augenblicke einschlafen wollte, und bleibt dann auch noch alle hundert
Schritte stehen und -- ei so schlag doch ein Himmelsackerment in das
Kesseltreiben. _Zu_rücken da hinten -- zum Donnerwetter _zu_rücken!«
Das Zeichen war gegeben, und von allen Seiten drückten Schützen und
Treiber, wie sich das auch gehörte, herein, wie aber hier und da ein
Hase aufging, und seine Richtung nach einer oder der anderen Fronte
nahm, blieben die immer stehen, um Lampen nicht irre zu machen, und hier
und da drückte sich auch wohl noch ein Schütze, ganz gegen Jägersitte
und sehr zum Aerger seiner Nachbarn, auf die Erde nieder, und glaubte
dadurch Hasemann jedenfalls zu bethören, bedachte aber nicht, daß
seine beiden nächsten Treiber in der Zeit die Arme ruhig hin und her
schlenkerten, und alle seine Bemühungen dadurch vollständig annullirten.
Dabei wurde noch schmählich geschossen, überall gingen die Hasen durch,
und hier und da, wo irgend ein armer Lampe mit zerschossenem Hinter-
oder wüthend schlenkernden Vorderlauf seinen »Quälern« zu entkommen
suchte, brachen überall aus heimlichen Verstecken und Hinterhalte
Gesindel, das in den Dörfern herumlungerte, ja selbst Bauern vor, und
suchten die kranken Geschöpfe selbst hinter der Fronte und vor den
Hunden wegzustehlen.
Holke war außer sich.
»Ei Du blutiger Herrgott!« schrie er und schleuderte dabei die grüne,
mit weißem Pelz gefütterte Mütze auf den Sturzacker nieder, als wenn sie
dort für ewige Zeiten liegen bleiben sollte, »jetzt wird's erst hübsch
hier draußen. Erst dämmeln sie Einem in dem Treiben herum, machen die
Hasen rebellisch und jagen hinaus, was nicht ganz niet- und nagelfest
liegt und sich auf den Kopf treten läßt und nachher mausen sie auch noch
am hellen lichten Tag die paar angekrepelten Kreaturen -- und da darf
man nicht hineinschießen in die _Hunde_ -- Gott verdamm mich, Hektor,
nimm's nicht übel, daß ich das Gesindel Hunde genannt habe -- die
_Aas_jäger die!«
Das Treiben war beendet, hier und da knallte noch, meist ohne Erfolg,
ein Schuß hinter einem bis dahin liegen gebliebenen und nun plötzlich
und unerwartet herausprellenden Hasen her, die paar Geschossenen --
funfzehn Stück im Ganzen, wurden an den nächsten Weg gelegt, wo sie der
nachfahrende Wagen leicht abholen konnte, und der Ruf:
»Letztes Treiben, letztes Treiben, Schützen vor!« ging von Mund zu Mund.
»Das war nun ein Treiben, in dem wir voriges Jahr neun und sechszig
schossen, und heuer funfzehn,« sagte Holke, als sein Sohn die Erlegten
eben gezählt und in sein Taschenbuch eingetragen hatte, »und dabei soll
man noch einen grünen Rock auf dem Leibe tragen. -- Und kein Huhn --
nicht ein einziges -- und was waren für schöne Hühner drinne! Die Kerle
schießen aber wie die Schulbuben, immer eine halbe Meile zu kurz -- und
wie haben Sie mir die Hasen zerlästert -- hol sie der Teufel!«
»Jetzt kummt das Schkorditzer Treiben?« frug ein Bauer, der mit einer
alten langen einläufigen Entenflinte auf dem Rücken, die Hände in der
Tasche, und das eine Bein rechts, das andere links hinauswerfend, als ob
er hinter dem Pfluge her die Erde von den Stiefeln schlenkern wolle, auf
den Jäger zukam.
»Ja,« sagte dieser mürrisch, die antiwaidmännische Gestalt mit finsteren
Blicken musternd -- »'s wird das große nicht drin sitzen.«
»Ne,« lachte der Bauer und zog das Maul von einem Ohr bis zum andern,
daß es ordentlich aussah, als ob sich die beiden Mundwinkel die Flinte
hinten auf dem Rücken betrachten wollten -- »ne -- sehre nich -- die
Schkorditzer sin Luderkerle, die han's faustdicke hinger den Uahren.
Vurgestern han se ooch schunst getriaben.«
»Die Skorditzer?« frug der Jäger, erstaunt stehen bleibend, »hier auf
den Feldern?«
»Ne, hinger dem Dorfe driben, uff dem Polswitzer Revier!« meinte der
Bauer.
»So? -- recht schön das, und was haben die Herrn geschossen?«
»Nu 's mächtige niche,« sagte der Bauer und die Mundwinkel gingen wieder
hinter -- »zwee Hasen un en Schneider un ene zahme Gans, der so en
Racker von en Karnickel zwischen de Beene durch wulle -- der Schmidt
uffem Dorfe hat se geschossen -- das Karnickel hot er aber gefählt.«
»Na, gebe nur Gott, daß sich die Hälfte von jeder Gemeinde erst einmal
todtgeschossen hat,« seufzte der Jäger seinen frommen Wunsch, »nachher
werden sie die Jagd ja wohl satt bekommen.«
»Vater,« unterbrach da Fritz, zum alten Jäger tretend, das Gespräch,
»komm einmal her!«
»Nun was giebts wieder -- sind die Hasen fort?«
»Ja -- alle, hör einmal,« und er ergriff ihn am Arm und zog ihn ein
Stück bei Seite -- »Dahlens Karl sagte mir eben, daß in Skorditz die
Bauern schon alle mit Flinten, Flegeln, Sensen und Mistgabeln
bereit stehen, und so wie wir auf die Skorditzer Fluren kommen, soll
Generalmarsch geblasen werden.«
»Unsinn!« brummte der Alte -- »die Jagd ist noch nicht frei, und wenn
sie in Frankfurt zehnmal dem Bauer das auch noch in den Hals geschoben
haben; wer sich auf dem Felde von den Canaillen mit einer Flinte blicken
läßt, dem wird sie weggenommen, und er kann nachher auch noch Strafe
obendrein zahlen.«
»Aber wenn sie nun Alle miteinander kommen, Vater, man darf ja doch
nicht zwischen sie hinein schießen. Es wäre vielleicht besser, wir
riefen die Treiber zurück, und zeigten die Sache lieber erst an.
Der Herr von Gaulitz ist zwar schon auf's Gut hinein gegangen, der
Rittmeister wird das aber auch abmachen können, und dann haben _wir_
keine Verantwortung.«
»Ah was!« rief der Alte, »daß die Lumpe nachher prahlen und sagen,
>hoho, wir brauchen uns nur hier im Dorfe aufzustellen, dann wissen sie
schon, was die Glocke geschlagen hat<, nein, das geht nicht -- lassen
wir's dem Einen zu, dann können wir schon morgen lieber ganz zu
Hause bleiben, oder dürfen uns wenigstens nur auf den gottsleeren
Rittergutsfeldern herumtreiben, denn das machen sie augenblicklich in
Horneck und all' den übrigen Nestern ebenfalls nach. -- Na, was
steht Ihr da, und habt Maulaffen feil, he?« fuhr er ein paar lange
Treiberjungen an, die neugierig und mit ziemlich albernen Gesichtern den
ärgerlichen Worten des Försters lauschten -- »macht, daß Ihr fort kommt,
oder _ich_ will Euch Beine machen.«
»Wenn Du nur einmal mit dem Rittmeister sprächst,« meinte der Sohn nach
kurzer Pause -- »vielleicht will der selbst nicht, daß --«
»Laß mich zufrieden,« erwiederte ihm mürrisch der Alte -- »wir stehen
jetzt schon mit der Nase vor'm Skorditzer Revier, ich werde doch
wahrhaftig nicht noch umlenken sollen? Lauf Du nur gleich mit Peter
rechts ab, Du kennst ja die Grenze, und die Saatspitze, die nach dem
Birnbaum hinunter geht, läßt Du liegen, da sitzt doch nichts darauf, und
sie bringt uns sonst das Treiben nur in Unordnung.«
»Herr Förster -- Herr Förster!« kam in dem Augenblick ein Treiber
angekeucht --
»Nun, was giebt's -- was ist?«
»Sie sollen emal glaich zun gnädigen Härrn Rittmeester kummen,« sagte
der Mann, »en paar Schkorditzer Bauern sprechen mit emm.«
»Na, da haben wir die Geschichte,« sagte Fritz.
»Die wollen wir heim schicken,« knurrte der Alte, »die kommen mir g'rade
recht.«
Er schritt rasch auf die Gruppe zu, um die sich schon die meisten
Schützen gesammelt hatten, und das Gespräch, das im Anfang ziemlich
ruhiger Natur gewesen, artete bald in eine etwas hitzigere Unterredung,
ja endlich in förmlichen Zank aus. Das Endresultat blieb denn auch
natürlich, daß die beiden Bauern, die von ihrer Gemeinde abgeschickt
waren, den Jägern zu sagen, daß sie auf ihren Feldern nicht schießen
dürften, keine Vernunft annehmen, von publicirten oder nicht publicirten
Gesetzen nicht das mindeste Wort hören, und selber keinen Vorschlägen
Raum geben wollten, sondern immer nur erklärten, sie möchten weiter
Nichts wissen, als _das_: ob die Herren auf _ihren_ Feldern zu schießen
beabsichtigten oder nicht. Als dieß nach einem kurzen Wortwechsel
endlich bejaht worden, zeigten sie sich soweit zufrieden, daß sie die
Unterhaltung augenblicklich abbrachen, und nun querfeldein, direct auf
ihr Dorf wieder zusteuerten.
»Ablaufen!« rief der Rittmeister von Gaulitz dem Jäger zu --
»Fritz -- Peter -- geht ab!« sagte dieser. »Du, Wendler -- geh Du einmal
links herum -- Du kennst ja auch die Grenze -- Du brauchst auch nicht
bis dicht an's Dorf zu gehen -- wo der Fuhrweg herüberläuft, schneidest
Du ab!«
Die Schützen folgten diesen, und etwa zwölf von ihnen hatten auf jeder
Seite das Skorditzer Revier betreten, als plötzlich im Dorfe drinn die
Allarmhörner tönten, und eine große schauerliche Trommel ihre dumpfen
Wirbel hören ließ.
»Bei Gott, die machen Ernst,« sagte der Herr Baron, der gerade ebenfalls
ablaufen wollte, zum Lieutnant von Ebersfeld, und blieb stehen -- »das
wollen wir hier lieber erst abwarten, man kann sich doch nicht mit der
Canaille herumprügeln.«
»Auf Ehre, nein,« meinte Herr von Ebersfeld und strich sich den
Schnurrbart -- »das ist doch impertinentes Volk!«
»Bauer bleibt Bauer!« versicherte der Baron.
»Nun, darin haben Sie recht!« rief der Jäger, ganz den sonstigen Respect
vergessend, und im ingrimmigsten Zorn dazwischen hinein, »und der Bauer
ist ein niederträchtig, halsstörrisches, harthirniges Lumpenpack,
mit dem man in größter Leichtigkeit die Wände einrennen, aber kein
vernünftiges Wort reden kann. Ueberzeuge einmal Einer so einen Bauer,
daß er in irgend etwas unrecht gehabt oder habe -- da möcht' ich dabei
sein. Doch die kriegen auch noch ihren Lohn, und dann -- dann möcht' ich
auch dabei sein -- straf mich Gott!«
Das Treiben war durch das Lärmblasen im Dorfe in's Stocken gerathen; die
Schützen, die noch nicht abgelaufen waren, wollten nicht weiter vor, und
die im Feld draußen blieben ebenfalls stehen, aus dem Dorfe aber kam
ein bunter Schwarm von Bauern und Tagelöhnern mit allem möglichen sonst
friedlichen, jetzt aber zu grausen Waffen erhobenen Handwerkszeug quer
über die Felder, gerade nach rechts und links in zwei ziemlich gleiche
Haufen auszweigend, auf die vorgerückten Colonnen der Schützen zu.
Auch von diesen zogen sich einige auf den Jägertrupp, wo sie sich
wahrscheinlich gesicherter fühlten, zurück, die meisten aber behaupteten
ihre Plätze, und erwarteten ruhig das Kommen der Herren der Fluren.
Die Ansprache lautete kurz und bündig, »=short and sweet=« wie der
Engländer sagt:
»_Wullt_ er machen, daß er vun die fremmen Fälder kummt, Ihr
Himmelsackerloter?« schrie der Führer der einen Schaar, und legte den
fragenden Accent wunderbarer Weise mit besonderem und pathetischen
Nachdruck auf die erste Sylbe _»Wullt«_.
»Auf den Feldern hier hat der Oberpostdirector von Gaulitz die Jagd
gepachtet,« erwiederte hier aber Fritz, ohne die drohende Stellung der
Gegner zu erwiedern, und mit der Flinte auf dem Rücken, »noch ist das
Gesetz, das jedem verstattet auf eigenem Grund und Boden zu jagen, nicht
heraus, und bis dahin, wenigstens bis zu Ablauf der Jagdzeit, hat der
Herr Oberpostdirector sein Recht mit gutem Gelde bezahlt.«
»Papperlapp, Mosje,« fiel ihm aber hier der Sprecher der Schaar, und
zwar ein alter Bekannter von uns, Krautsch aus Skorditz, in die Rede --
»Ihar macht jetzt daß Ihar mit Eiren olen Schießpriegeln heeme kommt,
oder mer schlagen se Eich im de Keppe, daß die Schlesser drinn herim
flegen. Das hier sin unse Fälder, un wär da druffen en Hasen schießt,
den sperren mer in, un bringen en in de Residenz als en Wilddieb --
verstanden?«
»Ich habe Euch gesagt, was Ihr zu wissen braucht,« entgegnete ihm Fritz,
ohne von dem frechen Burschen weitere Notiz zu nehmen, entschlossen,
»mit Euch hab' ich überdieß Nichts zu schaffen, denn Ihr seid gerade
Einer von denen, die Jagd auf fremder Leute Eigenthum am stärksten
treiben, zu gleicher Zeit am unverdrossensten dagegen schrein, und dann
nicht einmal einen Fuß breit Land im Vermögen haben, um ein Schwein
darauf zu halten. Treiber vorwärts -- wenn die Herren im Kessel bleiben
wollen, dürfen sie sich auch nicht nachher beklagen, wenn sie vielleicht
ein paar Schrote in die Beine kriegen -- vorwärts, Treiber!«
Die Treiber gingen schon, die hatten, wie sie recht gut wußten, ohne
Flinten Nichts zu fürchten, die Schützen aber glaubten es, allem
Anschein nach, ihrer eigenen Haut schuldig zu sein, sich in die
Streitigkeiten zwischen Oberpostdirector und Bauern nicht zu mischen,
und blieben entweder stehn, oder hingen auch ihre Flinten, mit
niedergelassenen Hähnen über die Schultern und schritten langsam und
pfeifend, als ob sie diese retrograde Bewegung nicht etwa der Drohungen
der Bauern wegen, sondern einzig und allein aus freiem Antrieb machten,
langsam zurück und der Stelle zu, wo der Rittmeister von Gaulitz noch
immer, des Resultats harrend, stand.
Fritz that sein möglichstes, um das Treiben in Ordnung zu halten, er bat
und schimpfte und suchte die Schützen für jetzt nur wenigstens auf ihrem
Stand zu behaupten, damit er sich erst einmal beim Rittmeister eine
Ordre holen könne, dem förmlichen _Angriff_ dann auch wieder mit Gewalt
zu begegnen, aber umsonst.
»Ich werde mich hier doch nicht prügeln sollen« lautete die stete und
fast allgemeine Antwort und die Schützen hatten sich damit, besonders
ihrer eignen Meinung nach, vollkommen gerechtfertigt. Die Bauern sahen
aber auch ihrerseits bald, wie sie mehr und mehr Terrain gewannen, und
schöpften, je feiger sich die Gegenpartei bewies, desto mehr Muth aus
dem überaus günstigen Erfolg ihres Auftretens.
»Siaht' ersch, se han kain gut Gewissen -- se kneifen aus!« riefen sie
sich Einer dem Andern ermuthigend zu, und es dauerte nicht lange so
kamen sie im vollen Laufe heran, schnitten einen Theil der früher
Ausgeschickten ab, und erklärten hier nun unverschämt genug der
ihnen, wenn auch nicht an Zahl, doch an Waffen weit überlegenen
Jagdgesellschaft, die jetzt schon wieder größtentheils auf Hornecks
Felder zurückgekehrt war, augenblicks sich »heeme zu schären« und es
sich nicht etwa einfallen zu lassen, je im Leben wieder auf Skorditzer
Fluren zu kommen, wenn sie nicht »das Blaue vom Himmel 'runger besähn
wullten.«
Der Rittmeister suchte den Leuten den jetzt noch existirenden
Rechtsstand vernünftig auseinander zu setzen, ja aber Du lieber Gott --
»ein Bauer und Vernunft annehmen,« wie Holke verächtlich meinte --
das blieb fruchtlos. Die Burschen behaupteten, es wäre gar kein Recht
weiter, als daß sie in Frankfurt ausgemacht hätten, von jetzt an
könne jeder auf seinen Feldern jagen, und wie sie früher nicht auf der
Herrschaft Fluren mit der Flinte gedurft, so solle die Herrschaft auch,
in Wechselwirkung, nicht auf ihre mit der Flinte kommen dürfen. Das war
einfach genug, und wenn die »eenlitzigen Härren,« die da noch »hingen
'rumstiefelten« nicht bald machten, daß sie fortkämen, so sollten sie
einmal sehn, was die Skorditzer Flegel für hartes Holz hätten.
Der Rittmeister schien jetzt übrigens -- so sehr er sich bis dahin auch
selbst gehütet hatte auf das, als feindlich bezeichnete Revier hinüber
zu treten -- selber etwas wärmeres Blut zu bekommen. Der hartnäckige und
von gar keinen Gründen, sondern nur von der rohen Gewalt unterstützte
Widerstand, erweckte den alten soldatischen Geist in ihm und das:
»Meine Herrn, wollen Sie gefälligst abgehn -- Holke lassen Sie doch
ablaufen«, zeigte, wie _er_ wenigstens gesonnen sei, es einmal auf rohe
Gewalt auch ankommen zu lassen.
»Aber die Leute, die aus dem Dorf da noch alle herüber kommen, sind
ja mitten im Treiben d'rin --« demonstrirte ein etwas ängstlich
umschauender Aktuar aus der Residenz.
»Wenn sie im Treiben _bleiben_ wollen,« sagte der Rittmeister
achselzuckend, »so können wir's ihnen nicht verwehren -- es ist
Geschmackssache und ihre eigene Schuld, daß ihnen vielleicht die Beine
vollgeschossen werden.«
Die Bauern, die hier auf einmal hörten, daß die Jagd doch, trotz ihres
Ausrückens beginnen solle, und wirklich lief auch Fritz schon wieder zum
zweiten Mal mit seinen Treibern ab, rotteten sich dicht auf einen
Haufen zusammen und Krautsch und Müllers Friede, die beiden vorragenden
Charaktere der Gruppe, die sich _gegen_ das Jagen auf fremdem Gebiet
aussprachen, reizten zum vollen Aufruhr an.
Hätten die Schützen Alle so gedacht wie der Rittmeister von Gaulitz und
der alte Holke, es wäre vielleicht hier schon zu einer recht bösen
Scene gekommen, so aber war die Mehrzahl doch gegen einen wirklichen
Zusammenstoß, bei dem sie keine Ehre, sondern höchstens nur Beulen
erndten konnten. Die Meisten erklärten dem Rittmeister, sie würden das
Treiben, unter solchen Umständen, nicht mitmachen, und dieser sah sich
endlich genöthigt, die Jagd für heute aufzuheben, erklärte übrigens,
daß er sich an das Ministerium wenden werde, um diese Sache und ihre
Anstifter genau untersuchen und bestrafen zu lassen. Er wünsche, wie
er versicherte, kein Blutvergießen, aber so viel sei doch bestimmt, daß
dieser Zustand nicht länger fortdauern könne, ohne ernste Folgen nach
sich zu ziehn.
Die rohe Schaar höhnte, pfiff und lachte; unter ihrem Spott und Jauchzen
verließ die Jagdgesellschaft die Skorditzer Grenze und schritt, denn der
Abend war ebenfalls nicht mehr fern, Horneck oder doch wenigstens dem
oberen Theil der Felder zu, um dort die Straße zu erreichen und auf ihr
bequemeren Weg zu haben.
Die Bauern blieben noch lange zurück und fingen endlich, da viele von
ihnen Flinten mitgebracht hatten, gerade selber ein wenig an zu treiben,
als oben aus dem jetzt schon fast nicht mehr sichtbaren Schützentrupp,
ein Schuß fiel. Ein Hase, der sich irgendwo in ein kleines, schmales
Rapsstück, dicht hinter einem Feldstein, hineingedrückt gehabt, war
durch einen, ihm doch etwas zu nahe gekommenen Jäger aufgescheucht, und
dieser dadurch so überrascht worden, daß er nur schnell die Flinte noch
von der Schulter reißen konnte, aufzog und hinter dem nicht schlecht
Haken werfenden Lampe herhielt.
Beim Schuß knickte das arme Thier zusammen, floh aber dann wieder rasch,
mit zerschossenem rechten Hinterlauf gerade auf den noch ziemlich dicht
stehenden Knäul der Skorditzer Bauern zu.
Fritz löste rasch seinen Hund und dieser würde den »Angeflickten« auch
bald genug eingeholt haben, wäre er nicht durch das wilde Brüllen der
Treiber und Schützen »hab Acht, hab Acht!« gleich im Anfang irre gemacht
worden. -- Wie er den Hasen endlich sah, hatte der schon einen tüchtigen
Vorsprung gewonnen und es ließ sich kaum anders erwarten, als daß er
ehe ihn der Hund fassen konnte, die Bauern erreicht haben müßte. Fritz
suchte den Hektor abzupfeifen, die Entfernung war aber schon zu groß,
und der sonst ungemein folgsame Hund hörte nicht im Geringsten auf das
so wohlbekannte Zeichen.
Mehr aus Besorgniß um diesen als um den Hasen, den er den Bauern gern
gelassen hätte, knüpfte jetzt Fritz rasch seine Leine vom Ring der
Jagdtasche los, und folgte so schnell er konnte dem Hund; die übrigen
Jäger gingen aber indessen ruhig ihren Schritt weiter, nur ein
paar blieben stehn, um zu sehn, ob Hektor den Hasen, dem einige der
Bauerburschen schon den Weg abzuschneiden suchten, wirklich bringen
werde oder nicht, und wandten sich dann auch, als sich die Sache in die
Länge zu ziehn schien, ab von dem so oft gesehenen Schauspiel.
Fritz war der Einzige, der von der ganzen Jagdgesellschaft mit seinem
Hund zwischen den Skorditzer Bauern zurückblieb.
Hektor hatte sich indessen durch all das Schreien und Rennen der
Skorditzer, unter denen es sogar der Schulze des Dorfe für passend
gehalten, als Hasendieb aufzutreten, keineswegs abschrecken lassen und
ruhig und unverdrossen den armen flüchtigen Lampe im Auge behalten, der
seiner Seits durch Hakenschlagen den Dauerlauf in die Länge zu ziehn
und seinen, ihm an Kräften so weit überlegnen Feind zu ermüden suchte.
Hektor war jedoch nicht der Hund, sich durch einen Hasen ein x für ein
u machen zu lassen, er paßte mit unverwüstlicher Geduld auf, in welcher
Richtung Lampe die Absicht hatte auszustreichen, ließ sich nie durch
eine plötzlich fingirte Richtung beirren, rannte nicht toll und blind
in's Zeug hinein, sondern hielt lieber seine Distance, wo ihm die Beute
doch über kurz oder lang werden mußte, und überzeugte bald den
armen gehetzten Hasen, daß er in seinem ganzen Leben noch nie einen
schlimmeren Feind hinter sich gehabt, und auch wohl nie einen anderen
wieder hinter sich haben werde. Seine Laufbahn war beendet, und an einem
schmalen Streifen hochgeackerten Sturzlandes, den er mit dem kranken
Lauf nicht so schnell überspringen konnte, faßte ihn Hektor, endete mit
_einem_ Biß seine Leiden, und hob ihn dann, mit dem Schwanze freundlich
dazu wedelnd, stolz aus, seinem Herrn das so mühsam errungene Stück zu
überbringen.
Hektor sollte sich aber in seinen, doch wahrlich nur gerechten
Erwartungen, getäuscht sehn -- die Bauernschaar, die durch den Anblick
des angeschossenen Lampe zu voller Erwartung auch auf den Braten selber
gebracht und dadurch erst recht hitzig geworden war, hatte den Hund
jetzt umzingelt und warf sie von allen Seiten auf den überrascht und
erstaunt stehen bleibenden.
So unerwartet Hektor aber auch ein solcher Angriff, der ihm in seiner
ganzen Praxis noch gar nicht vorgekommen war, sein mochte, dachte er
doch gar nicht daran, seine Beute auch nur einen Augenblick aufzugeben
und als Einer der Bauerburschen endlich, seiner Meinung nach so
»glücklich« war, den Hasen an einem Lauf zu erwischen und ihn nun den
Hund aus den Fängen reißen wollte, ließ dieser, der wohl fühlen mochte,
daß er dem vollen Gewicht des Angreifers nicht ganz gewachsen sei,
plötzlich los, fuhr dem erschreckt Aufschreienden mit kräftigem Biß in
die Wade, griff dann den Hasen wieder auf und wollte seinen Weg ruhig
fortsetzen.
Wie aber einem alten Sprichwort nach, »viele Hunde des Hasen Tod« sind,
so waren hier viele Bauern des Hasen, nicht gerade Retter, aber doch
Rächer an seinem Sieger.
»Luderkriate, willst de baißen?« schrie ein vierschrötiger Knecht
und schlug nach dem armen Thiere mit einer Mistgabel und zwar so gut
gemeint, daß, hätte er ihn so getroffen, wie seine Absicht gewesen,
Hektor wohl sein ganzes übriges Leben hindurch kreuzlahm geblieben wäre.
»Laßt den Hund gehn,« schrie da der herbeieilende junge Jäger und riß
in allem Eifer und in Besorgniß um seinen armen Hektor, die Doppelflinte
von der Schulter, »laßt den Hund gehen, sag' ich -- verdammte Canaillen
Ihr.«
»Hoho, ist das Fritzchen auch wieder hier?« rief Müllers Friede, durch
die Stimme erst auf den Herbeieilenden aufmerksam gemacht -- »jetzt
haben _wir_ einmal die Karten in Händen, und wollen sehn, ob wir nicht
Trumpf spielen können. Luderkröte!« schrie er dann, und trat dabei das
arme Thier, das sich jetzt, da sein Herr in der Nähe war, jedes weiteren
Selbstschutzes enthoben glaubte, dermaßen in die Rippen, daß es laut
aufheulend gegen die Beine ein paar anderer Bauerburschen auflog und
wie todt und nach Luft schnappend, den Hasen aber jetzt natürlich
loslassend, auf dem Platze liegen blieb -- »warte Beest -- willst Du
_beißen_.«
»Schuft!« schrie Fritz und sprang in wilder Wuth auf den Buben zu, der
seinen treuen Hund auf so niederträchtige Weise mißhandelte, und den er,
ehe es die Umstehenden verhindern konnten, mit kräftigem gutgemeinten
Faustschlag in's Gesicht traf.
»Hollo Ferschterchen!« riefen aber Krautsch und Andere dazwischen
springend, »hier wird nischt gereecht -- Euer Handwerk is Uech gelegt,
un jetzt braucht er nich mehr dumm zu thun. -- Uff uns Bauern sidd er
lange genug herim getrappelt, jetzt wullen mer emol e Wailchen oben uf
sitzen.«
»Hund verdammter!« brüllte aber jetzt auch Müllers Friede, der von
dem Schlag betäubt zurücktaumelte, und sein rechtes Auge im Nu fast
aufschwellen fühlte -- »er hat mich geschlagen.«
»Ei Du Wetterkriate!« schrie Krautsch und wollte auf den Jäger
zuspringen, dieser aber trat rasch einen Schritt zurück, wo er rings
um sich her einen kleinen Raum frei hatte, und rief, die Flinte im
Anschlag, die Schaar mit finsterem drohenden Blicke überfliegend:
»Wer mich anrührt, ist ein Kind des Todes -- zurück da -- oder beim
ewigen Gott, ich mache eine Leiche aus ihm.«
»Ah, Papperlapapp,« lachte Krautsch, »'s wird nich gleich so gefährlich
sin -- här mit 'er Muschkete, Mosjechen, Ihr sidd hier uf fremmen Grund
un Boden, un hat mer meine ooch weggenommen -- Wurscht wieder Wurscht.«
Es hatte sich indessen um den Jäger, den in seiner drohenden Stellung
doch keiner, selbst Krautsch nicht, anzugreifen wagte, ein Kreis von
Bauern gebildet, als Müllers Friede, durch den erhalten Schlag, wie
durch den Schmerz seines Auges zur wildesten Wuth angestachelt, ausrief:
»_Der_ Hund darf nicht gesund wieder fort, so lange ich noch ein Glied
am Leibe rühren kann, aber erst wollen wir ihn einmal nackt durch
Skorditz jagen, wie sie's dem Jäger in Hohenbuchen auch gemacht haben --
nehmt ihm das Schießeisen ab und reißt ihm die grünen Fetzen vom Leibe
und nachher soll er Spießruthen laufen!«
»Zurück da!« schrie Fritz, die Hand am Drücker, obgleich aber jetzt von
allen Seiten die jungen kräftigen Bursche, die auch selbst nicht recht
glaubten, daß er wirklich schießen würde, zusprangen, konnte er es nicht
über's Herz bringen, abzudrücken -- es war ein Menschenleben, das auf
dem Spiele stand, und hier wehrte er sich vielleicht seiner eignen Haut
auch noch so. Die Flinte also hoch haltend, um sie den Händen der
danach Greifenden zu entziehen, schlug er mit der Rechten so tüchtig
und kunstgerecht um sich her, daß er für wenige Momente die Andrängenden
kräftig im Schach hielt und mit nur einiger Hülfe von Außen den Leuten
wohl zu schaffen genug gemacht hätte; so aber konnte er gegen die
Uebermacht doch nicht lange ankämpfen. Von hinten fielen sie ihm in die
Arme, entrissen ihm das Gewehr, faßten ihm die Ellbogen, und hielten ihn
so, daß er sich nicht regen und rühren konnte.
»Nun 'runter mit den Kleidern!« schrie Müllers Friede, der in dem
letzten Kampfe noch einen Schlag bekommen hatte, vor Wuth schäumend --
»runter damit und dann die Canaille durch's Dorf gejagt.«
»Runger mit den Lumpen!« rief die rohe Schaar jubelnd, in den
niederträchtigen Vorschlag eingehend, und da das Ausziehn der Kleider
mit zu viel Umständen verknüpft gewesen wäre, trennte ein Schnitt mit
einem Genickfänger die grüne Piquesche über den Rücken herunter in zwei
Hälften und von allen Seiten niedergezerrt, hing ihm das Kleidungsstück
augenblicklich in Fetzen vom Leibe herunter.
»Laßt mich gehn!« rief da Fritz, der den Wüthenden doch jetzt am Ende
die Ausführung ihrer schändlichen Drohung zutrauen mochte, »laßt mich
gehn, oder beim -- ewigen -- Gott!«
»Hoho Birschchen,« lachte Krautsch, der ihm hinten die Ellenbogen mit
Riesenkräften zusammenhielt -- »nur nich so schtrampeln, das hilft doch
niche -- nur hibsch dusemang -- so -- nu halt emal de Beene.«
»Hülfe!« schrie der Jäger, der in wüthender Kraftanstrengung sich
vergebens den Händen seiner Henker zu entziehen suchte -- »_Hülfe_ --
Hülfe -- Hülfe!«
Das rohe höhnische Lachen der Schaar war die einzige Antwort, die er
erhielt, die ganze Schützengesellschaft, die ihn unverantwortlicher
Weise den Händen dieser Brut überlassen, war längst hinter den höher
liegenden Feldern verschwunden -- sein Vater mußte bei dem Hasenwagen
bleiben und keine Rettung schien für ihn aus der Gewalt dieser
entmenschten Bauern.
»Nackigd muß er dorch's Dorf!« schrie Müllers Friede und riß mit einem
Ruck seiner starken Faust die Halsbinde entzwei und das Hemd hinten von
einander -- »nachens kann er springen.«
Fritz erwiederte kein Wort, aber mit einem plötzlichen Stoß gelang es
ihm, seinen rechten Arm frei zu bekommen, und ehe die Nächststehenden
diesen erfassen konnten, fuhr er in die rechte Tasche seiner weiten
hellfarbenen Beinkleider, aus denen er mit glücklichem Griff den dort
bewahrten Genickfänger riß, die Scheide flog im Herausziehen ab, und
Krautsch, der ihn jetzt an der Gurgel gefaßt hielt, mit scharfem
Strich das Messer durch's Gesicht ziehend, daß dieser laut aufschreiend
zurücktaumelte, schwang er es hoch und brachte dadurch seine Henker zu
einem plötzlichen fast unwillkürlichen Rücksprung.
Mit raschem kundigen Blick überflog aber jetzt der, zur Verzweiflung
getriebenen Jäger das Terrain; gerade dort an der lichtesten Stelle
stand ein kleiner Junge, der die ihm selbst genommene Flinte halten
mußte; auf den flog er, ehe nur Einer sein Vorhaben ahnen oder gar
verhindern konnte, zu, riß, indem er ihn zu Boden schlug, das Gewehr an
sich und wandte sich zur Flucht.
»Halt ihn!« schrie da Müllers Friede und warf sich ihm mit heiserem,
wüthenden Zornesruf entgegen -- und noch ein Moment und er hatte ihn
ergriffen -- dann aber --
Ein Schuß schmetterte mitten in die entsetzt zurückfahrende Schaar
hinein.
»Ich bin getroffen!« schrie da Müller -- lief mit ausgestreckten Armen
wohl fünf Schritte hinter dem jetzt in flüchtigen Sätzen entspringenden
Jäger her und stürzte dann -- eine Leiche -- auf das Gesicht nieder.
»Faßt ihn -- haltet ihn!« rief Krautsch, dem durch den Schnitt über's
Gesicht das Blut in die Augen gelaufen war, daß er diese nicht einmal
öffnen konnte.
Aber keiner regte sich von der Stelle -- der Tod war zu plötzlich und
entsetzlich zwischen sie getreten, als daß sie in diesem Augenblicke
Lust zu weiterer Gewaltthat gehabt, oder auch nur an Verfolgung gedacht
hätten.
Fritz entsprang dem Walde zu, um dort den Feinden, falls sie ihm
nachsetzen sollten, am leichtesten zu entgehn, da er aber keinen
derselben hinter sich sah, änderte er seine Richtung und floh jetzt, so
rasch er konnte, dem unteren Theile von Horneck, in dem das Rittergut
lag, zu.
Zweites Kapitel.
Der Oberpostdirector.
»Der Herr Oberpostdirector sind eben von der Jagd zurückgekommen, aber
sogleich zu sprechen -- wenn der Herr Doctor sich nur einen Augenblick
gedulden, und hier gefälligst eintreten wollten,« sagte der alte Poller,
und öffnete mit einem knechtischen unterthänigsten Diener die Thür des
nächsten Zimmers.
»Gut -- schön,« sagte Wahlert zerstreut, nahm den Hut ab, und betrat das
Gemach, wo er, als er Niemanden darin erblickte, rasch und ungeduldig
hin und wieder schritt -- manchmal am Fenster stehen blieb, in den Hof
hinabsah, wieder umkehrte, und seine Wanderung von Neuem begann.
Endlich ging die aus dem Nebenzimmer hereinführende Thür auf, und der
Herr von Gaulitz betrat mit höflicher, mild freundlicher Verbeugung das
Zimmer. Doctor Wahlert erwiederte kalt und förmlich den Gruß.
»Ah, Herr Doctor Wahlert,« sagte, als ob er einen lieben, lange
nicht gesehenen Freund ganz plötzlich wieder erkannt hätte, der
Oberpostdirector -- »ei, das freut mich ja doch ganz ungemein, daß
Sie mir die Ehre geben. Es waren allerdings ganz eigenthümliche
Verhältnisse, unter denen wir uns das letzte Mal sahen, aber die Zeit
-- die Umstände -- Sie werden -- Sie haben gewiß -- Sie tragen mir gewiß
keinen Groll deshalb nach, nicht wahr, mein guter Herr Doctor --
ganz eigenthümliche Verhältnisse. -- Was -- wenn ich fragen darf, --
verschafft mir denn jetzt eigentlich das so ganz unerwartete Vergnügen?
-- aber bitte, wollen Sie sich denn nicht setzen?«
»Wunderbarer Weise führen mich eben so eigenthümliche Verhältnisse,
_auch_ durch die _Zeit_ geboten, zu Ihnen her,« erwiederte ihm, die
Einladung zum Sitzen mit leiser Handbewegung ablehnend, Wahlert. »Herr
Oberpostdirector, ich komme nicht für mich, sondern für ein anderes
unglückseliges Geschöpf, das _Sie_ elend gemacht haben, hierher,
Gerechtigkeit zu verlangen -- Gerechtigkeit zu _fordern_, und wenn ich
sie nicht erlangen kann, sie im schlimmsten Fall zu -- _erzwingen_. Es
ist besser, daß wir uns ohne weiteres auf den Standpunkt stellen, auf
dem wir zusammen stehen müssen, wir ersparen dabei eine Menge Umstände,
die uns im anderen Falle nur die kostbare Zeit rauben würden.«
»Sie sind ungemein aufrichtig und ungenirt,« lächelte der Herr von
Gaulitz in süßer Verlegenheit den jungen Mann an -- »spannen aber doch,
wie ich wirklich gestehen muß, und trotz Ihrer lobenswerthen Eile,
um zur Sache zu kommen, meine Neugierde in peinlichster Weise auf die
Folter. _Dürfte_ ich Sie wohl ersuchen, mir zu sagen, was dieser langen,
schönen Rede kurzer Sinn eigentlich ist, und ob Sie auch in der That
den Oberpostdirector von Gaulitz gesucht haben, um an ihn all' diese
wunderbaren, und durch ein so treffliches Vorwort eingeleiteten
Anforderungen zu stellen?«
»Herr Oberpostdirector,« sagte Wahlert, der sarkastischen Kälte wiederum
ernste Ruhe entgegenstellend, »die Sache geht Sie tiefer an, als
Sie vermuthen, und ich erbitte für wenige Minuten mir Ihre volle
Aufmerksamkeit.«
»Aber bitte, wollen Sie sich denn nicht setzen?«
Wahlert ließ sich, ohne etwas darauf zu erwiedern, dem Oberpostdirector
dicht gegenüber auf einem Stuhle nieder, und sagte mit leiser,
absichtlich halb unterdrückter Stimme:
»Kennen Sie _Marie Meier_?«
Der Oberpostdirector entfärbte sich leicht, sammelte sich aber bald
wieder, sah eine kurze Zeit, wie über etwas nachdenkend vor sich nieder,
und antwortete dann:
»Hm, hm -- ich dächte -- ich dächte, eine Marie Meier wäre einmal vor
einiger Zeit Wirthschafterin bei mir gewesen -- ich kann mich aber doch
nicht mehr so recht darauf besinnen.«
»Herr Oberpostdirector,« sagte Wahlert aufstehend, »ich kenne Ihr ganzes
Verbrechen, Verstellung -- Leugnen, helfen Ihnen nichts mehr -- Marie
hat mir Alles gestanden, und Sie wissen, was Ihnen bevorsteht, wenn ich
diese Thatsachen der Oeffentlichkeit übergebe.«
»Mein Herr --« sagte von Gaulitz, der noch immer hoffte, durch eine
kecke Stirn dem jungen unerschrockenen Mann zu imponiren -- »Sie
vergessen, mit wem Sie reden -- ich bin ein Mann, dessen frommer Wandel
der Welt bekannt ist, und den ehrenschänderische Gerüchte nicht im
Stande sind, weder vor den Augen des Publicums, noch vor Gericht zu
verdächtigen. Ich ersuche Sie in meinen eigenen vier Pfählen um die
Achtung, die ich in meiner Stellung erwarten und beanspruchen kann.«
»So zwingen Sie mich denn,« erwiederte mit finsterem Blick und Ton
Wahlert, »zu einem Schritt, den ich _Ihret_wegen gern vermieden hätte.
-- Herr Oberpostdirector, ich kenne Ihren ganzen Charakter -- mein Vater
ist, wie Sie wissen, Generalsuperintendent, und Ihnen, wenn auch nicht
be_freundet_, doch bekannt -- durch ihn erfuhr ich diese sogenannte
_Frömmigkeit_, mit der Sie vor den Augen der Welt den Ruf eines
gottesfürchtigen _ehrlichen_ Mannes zu behaupten wußten.«
»_Herr Doctor Wahlert_!« rief von Gaulitz, seinen aufsteigenden Zorn
kaum unterdrückend.
»Hierdurch aufmerksam gemacht,« fuhr aber Wahlert, den aufwallenden
Grimm des Mannes gar nicht beachtend, fort, »und den Interessen des
Volkes meine Zeit widmend, nahm ich mir die Mühe, mich näher nach
_Ihnen_ zu erkundigen -- meine Menschenkenntniß wollte ich mit dem
Resultat bereichern, ob ein Mann von Ihrer Bildung, in Ihrer Stellung
und von -- Ihren Zügen -- denn ich gebe etwas auf Physiognomie --
wirklich so fromm und gottesfürchtig sein, und doch stets mit leeren
Bibelsprüchen um sich her werfen, und seine Briefe und Gespräche damit
würzen könnte. Ich fand daß ich mich _nicht_ geirrt.«
»Diese Unverschämtheit ist so originell,« sagte endlich der
Oberpostdirector mit einem erzwungenen Lachen »daß sie wirklich
interessant wird -- fahren Sie fort,« und er biß seine Lippen fest
zusammen, verschränkte die Arme, und stand, die Augen mit einem recht
boshaft tückischen Ausdruck auf das offene Angesicht des ihm gegenüber
Stehenden geheftet, still und schweigend dem weiteren Verlauf der Rede
lauschend, da.
»Das ist meine eigene individuelle Meinung,« fuhr Wahlert fort, »und
die braucht Sie wenig zu kümmern; andere Thaten aber ruhen im Mund Ihrer
Untergebenen, und nur an einem unerschrockenen Auftreten hat es bis
jetzt gefehlt, ihnen Worte zu geben. -- Die Sünde, die Sie an Marien
begangen, brauche ich Ihnen nicht zu wiederholen -- sie allein wäre
hinreichend, tausendfältigen Fluch auf ihr schuldbeladenes Haupt herab
zu rufen -- andere Verbrechen sind es aber noch, deren Sie bezüchtigt
werden, und soll mir Gott in meiner letzten Stunde beistehen, wie ich
auftreten will gegen Sie, fügen Sie sich nicht dem, was ich jetzt von
Ihnen fordere.«
»Was wissen Sie von mir, Herr?«
»Gut denn, wenn Sie es nicht anders wollen,« sagte Wahlert, mit düsterer
Entschlossenheit im Blick, »so hören Sie, und urtheilen Sie dann
selber, ob ich im Stande wäre, Ihnen gefährlich zu werden. -- Auf dem
Verbrechen, das Sie an Marien begangen, steht _Eisen_strafe, daß Sie
Ihnen freundlich gesinnte Dirnen an Ihre Untergebenen verheirathet, und
diese dann ungerechter Weise bevorzugend, in höhere Stellen einrücken
ließen, wie vor gar nicht langer Zeit auf solche Art einen Postillon,
der schurkisch genug war, sich Ihrem Willen zu fügen, in eine
Secretariatsstelle, glaub' ich -- das sind Nebensachen. Das vornehme
>Gesindel< in den Städten liebt dergleichen Unterhaltungen, und
lohnt stets auf anderer Leute Kosten; aber ich weiß auch, daß Sie des
Ehebruchs, selbst in neuster Zeit überführt sind, und kann Ihnen die
-- _falschen Zeugen_ vor Gericht bringen, die Sie gegen Ihr armes Weib
gedungen. Jetzt also, Herr Oberpostdirector, frage ich Sie zum letzten
Mal, wollen Sie es, mir gegenüber, zum Aeußersten kommen lassen; wollen
Sie _Alles_ leugnen, und dann versuchen, wie weit ich die Sache treibe?«
Der Oberpostdirector schwieg, und schaute, an den Nägeln der linken Hand
kauend, stier vor sich nieder.
»Gut -- es steht in Ihrer Gewalt!« sagte Wahlert plötzlich nach einer
langen Pause, in der er auf eine Antwort gewartet zu haben schien --
»thun Sie, was Sie für sich selber als das Beste halten -- aber bedenken
Sie auch, daß wir nicht mehr das alte System haben, unter dem die
>Großen des Reichs< wie fast unverletzliche Personen standen, und Einer
durch den Anderen beschützt wurden -- _Gerechtigkeit_ herrscht jetzt
im Lande, Herr Oberpostdirector, _und denken_ #Sie# _sich Ihr
fürchterliches Loos, wenn_ #Ihnen Gerechtigkeit# _würde_.«
»Sie häufen Beleidigungen auf Beleidigungen,« sagte Herr von Gaulitz
mit leiser, heiserer Stimme, verließ seinen Platz am Tisch, und ging mit
raschen Schritten im Zimmer auf und ab --
»Und Ihre Antwort?« frug Wahlert ernst.
Der Gutsherr, dessen Gesicht eine Leichenfarbe angenommen hatte, blieb
plötzlich stehen, sah den jungen Mann mit einem Blick des tiefsten,
bittersten Hasses an, den dieser jedoch mit einem trotzigen Lächeln
erwiederte, und sagte schnell:
»Sie können mir Nichts beweisen, Herr, nicht das Mindeste -- alle Ihre
Beschuldigungen sind falsch -- falsch, wie die Hölle, in der sie gebraut
wurden. -- Wagen Sie es, mit solchen Klagen gegen den Oberpostdirector
von Gaulitz vor Gericht zu treten -- wagen Sie es, aber >der Herr wird
seine Feinde vernichten, und die in den Staub werfen, so wider Ihn die
Waffen ergreifen -- das Licht des Gottlosen wird verlöschen, und der
Funke seines Feuers wird nicht leuchten.<«
»Herr Oberpostdirector,« erwiederte ihm leise der junge Mann, »ich
könnte Sie vielleicht selbst mit Bibelversen schlagen, läge mir daran,
einen Wortstreit mit Ihnen zu haben. >Ein falscher Zeuge bleibt nicht
ungestraft, und wer Lügen frech redet, wird nicht entrinnen< -- was
sagen Sie z. B. zu der Stelle. -- Doch genug der Worte -- Thaten will
ich jetzt, und die _letzte_ Frage möchte ich hiermit an Sie richten --
wollen Sie sich meiner Forderung fügen?«
»Was wollen Sie von mir!« sagte der Oberpostdirector, die Nägel seiner
linken Hand noch immer mit den Zähnen beschneidend, während er sich
halb von dem jungen Manne abwandte, als ob er den Blick desselben nicht
ertragen könnte -- »was ist es -- was fordern Sie?«
»Nichts für mich,« entgegnete ihm Wahlert ruhig, »nur die Unterschrift
dieser Zeilen.«
Der Oberpostdirector nahm sie schweigend aus seiner Hand, und überflog
sie rasch mit dem Blick --
»Sind Sie wahnsinnig?« frug er da rasch und plötzlich -- »halten Sie
mich für einen Crösus?«
»Ich _weiß_, daß der Herr Oberpostdirector gute Geschäfte mit Geld auf
Zinsen zu leihen nicht verschmäht, und arme Teufel, die von ihm ein
Capital geborgt, plötzlich sehr geschickt und zur rechten Zeit um
ein halbes oder ganzes Procent zu erhöhen weiß -- natürlich nur der
>schlechten Zeiten< wegen, aber stets unter Androhung der Aufkündigung
des Capitals. Was sind dreihundert Thaler jährlich für ein armes
Mädchen, deren Lebensglück auf das Schändlichste, Nichtswürdigste
zerstört und vernichtet wurde, und die dieser Summe nur eigentlich zu
Nichts weiter bedarf, als -- um nicht auch noch _betteln_ zu gehn.«
»Es thut mir leid, daß sich Marie Meier in so traurigen Umständen
befindet,« versicherte der Oberpostdirector -- »und ich will gern Alles
thun, was --«
»Wollen Sie dieses Papier unterschreiben?« frug ihn Wahlert eintönig.
»Was in meinen Kräften steht, will ich thun,« sagte von Gaulitz -- »aber
das -- das ist zu viel.«