Zehntes Kapitel

Des Menschen Seele ist durch seinen ganzen Leib ergossen, alsbald

zerfällt er, wenn sie von ihm weicht; doch ihr Bewußtseinslicht ist bald

hier bald da.[9] Nur eben sahen wirs im engen Leibe hin und wider

wandern, wechselnd dem Aug, dem Ohr, dem innern und dem äußern Sinn zu

leuchten, um endlich im Tode ganz darüber hinaus zu wandern, wie der,

dessen kleines Haus zerstört wird, worin er lange hin und her gegangen,

auf immer in die Weite zieht und eine neue Wanderung beginnt. Der Tod

setzt keine andere Scheide zwischen beiden Leben, als daß er den engen

Schauplatz der Wanderung mit dem weiteren vertauschen läßt. Und so wenig

in dem jetzigen Leben das Bewußtseinslicht immer und überall zugleich

ist, wo es nacheinander sein und wohin es sich zerstreuen kann, wird es

im künftigen Leben sein. Der Schauplatz der Wanderung ist nur unsäglich

größer, die mögliche Verbreitung weiter, die Wege freier und die

Aussichtspunkte höher, alle niederen des Diesseits unter sich

begreifend.

Selbst schon im jetzigen Leben aber sehen wir ausnahmsweise, in seltenen

Fällen, das Bewußtseinslicht aus dem engeren Leibe in den weiteren

wandern und wieder heimkehren, Nachricht bringend von dem, was in fernem

Raume oder, in dessen weiten Zusammenhängen wurzelnd, in ferner Zeit

geschieht; denn die Länge der Zukunft fußt auf der Breite der Gegenwart.

Plötzlich öffnet sich eine Spalte in der sonst immer verschlossenen Tür

zwischen Diesseits und Jenseits, um schnell sich wieder zu schließen,

der Tür, die im Tode sich ganz öffnen wird, und erst da sich öffnen

soll, um nie mehr sich zu schließen. Auch frommts nicht, vorher durch

die Spalte nur zu schauen. Doch die Ausnahme von der diesseitigen

Lebensregel ist nur ein Fall der größeren Lebensregel, welche Diesseits

und Jenseits zugleich umfaßt.

Es kommt vor, daß der engere Leib nach einer Seite tief genug

einschläft, um nach anderer über seine Grenzen hinaus in ungewohnter

Weise zu erwachen, und doch nicht so ganz und tief, um nie mehr zu

erwachen. Oder im weiteren Leibe wird ein Punkt so ungewöhnlich stark

erregt, um in den engeren hinein eine die Schwelle übersteigende Wirkung

aus einer sonst unzugänglichen Ferne zu erstrecken. Damit beginnen die

Wunder des Hellgesichts, der Ahnungen, der vorbedeutenden Träume; lauter

Fabeln, wenn der jenseitige Leib und das jenseitige Leben Fabeln sind;

sonst Zeichen des einen und Vorzeichen des andern; was aber Zeichen hat,

ist da, und was Vorzeichen hat, wird kommen.

Doch sind es keine Zeichen diesseitigen gesunden Lebens. Das Diesseits

hat den Leib des Jenseits nur für das Jenseits zu bauen, nicht schon mit

dessen Auge und Ohr zu sehen und zu hören. Die Blüte gedeiht nicht, die

man vor der Zeit aufbricht. Und ob man den Glauben an das Jenseits

durch den Glauben an diese Spuren seines Hineinleuchtens in das

Diesseits #unterstützen# kann, so soll man ihn doch nicht darauf

#bauen#. Der gesunde Glaube baut sich auf Gründen und schließt sich ab

in höchsten Gesichtspunkten des gesunden Lebens, indem er selbst zu

seiner Gesundheit und zum Abschluß seiner höchsten Gesichtspunkte

gehört.

Du hattest seither gemeint, die leichte Gestalt, in der ein Verstorbener

dir in der Erinnerung erscheint, sei bloß dein innerer Schein. Du irrst;

er selbst leibhaftig ists, der in bewußtem Gange damit nicht bloß zu

dir, sondern in dich eintritt. Die frühere Gestalt ist noch sein

Seelenkleid; nur nicht mehr beschwert mit seinem frühern festen Leibe

und träge mit ihm wandelnd, sondern durchsichtig, leicht, der irdischen

Last entkleidet, im Momente jetzt hier jetzt da, dem Rufe jedes folgend,

der den Toten ruft oder von selber sich dir stellend, dann mußt du des

Toten denken. Auch hat man sich ja immer die jenseitige Erscheinung der

Seelen so leicht, so körperlos, so unabhängig von des Raumes Schranken

gedacht, und damit, das Rechte zwar nicht meinend, das Rechte doch

getroffen.

Auch hörtest du wohl von Geistererscheinungen sprechen. Den Ärzten

heißen sie Phantasmen, Halluzinationen. Sie sind es auch für die

Lebenden, doch zugleich wirkliche Erscheinungen der Toten, die wir so

nennen. Denn wenn schon die schwächern Erinnerungsgestalten in uns es

sind, wie sollten es die soviel stärkeren entsprechenden Erscheinungen

nicht sein. Warum also noch streiten, ob sie das eine oder andere sind,

wenn sie zugleich das eine und das andere sind. Und warum dich künftig

noch vor Geistererscheinungen fürchten, wenn du dich vor den

Erinnerungsgestalten in dir, die es schon sind, nicht fürchtest.

Doch ganz fehlt nicht der Grund dazu. Ungleich den von dir selbst

gerufenen, oder in den Zusammenhang deines innern Lebens von selbst

leise und friedlich eintretenden, hilfreich daran mit fortspinnenden

Gestalten kommen sie ungerufen, überkommen dich mit nicht abwehrbarer

Stärke, scheinbar vor dich, wirklich in dich tretend, am Gewebe deines

innern Lebens vielmehr zausend als fortspinnend. Ein krankhaft Wesen

zugleich des Diesseits und des Jenseits. So sollen Tote mit Lebenden

nicht verkehren. Es ist schon halber Tod des Lebenden, die Toten

annähernd so deutlich, so objektiv zu schauen, wie sie sich

untereinander schauen mögen; darum das Grausen der Lebendigen vor

solcher Erscheinung der Toten; es ist zugleich ein halbes

Zurückversinken der Toten aus dem Reiche über dem Tode in das Reich

unter dem Tode; daher die Sage -- und ob nicht mehr als Sage? -- daß nur

Geister umgehen, die nicht ganz erlöst sind, die noch mit einer schweren

Kette an dem Diesseits hängen. Den Unseligen zu scheuchen, ruf' einen

besseren und stärkeren Geist zu Hilfe; der beste und stärkste aber ist

der Geist ob allen Geistern. Wer hat in seinem Schutz dir etwas an! Auch

dazu stimmt die Sage, daß vor dem Anruf Gottes jeder böse Geist weicht.

Inzwischen droht in diesem Gebiete geistiger Krankheit, der Glaube

selbst zum Aberglauben zu erkranken. Am einfachsten, sich vor dem Kommen

von Gespenstern zu bewahren, bleibts immer, an ihr Kommen nicht zu

glauben; denn glauben, daß sie kommen, heißt schon, ihnen auf halbem

Wege entgegenkommen.

Wie sie einander selbst erscheinen mögen, sagt ich. Denn dieselbe

Erscheinung, die wider die Ordnung des Diesseits ist, ist nur

vorweggenommen aus der Ordnung des Jenseits. Licht, voll, klar und

objektiv werden die Bewohner des Jenseits einander in der Gestalt

erscheinen, wovon wir nur einen schwachen Abklang, eine dämmernde

Umrißzeichnung in der Erinnerung an sie haben, weil sie einander mit dem

ganzen vollen Wesen durchdringen, wovon nur ein kleiner Teil in jeden

von uns bei der Erinnerung an sie eindringt. Nur daß es jenseits wie

diesseits der auf die Erscheinung gerichteten Aufmerksamkeit bedürfen

wird, um sie zu haben.

Nun mag man immer fragen: wie ist es möglich, daß, die sich so

durchdringen, sich doch so gegenständlich und begrenzt erscheinen. Aber

frage erst, wie ist es möglich, daß, was als Erscheinung eines Lebenden

in dich eingeht und in der Erinnerung an einen Toten dein Gehirn

durchdringt -- und anders nichts liegt deiner Seele vor, darauf zu

fußen --, dir als Anschauung doch objektiv, als Erinnerung noch begrenzt

erscheint. Die selbst nicht mehr begrenzte Wirkung, die der Erinnerung

unterliegt, spiegelt dir doch noch die Begrenzung der Gestalt, wovon sie

anfangs ausgegangen, vor. Du weißt vom Diesseits nicht, warum; wie

kannst du es vom Jenseits wissen wollen.

Und so sage ich wieder: schließe nicht von Gründen des Diesseits, die du

nicht kennst, noch von Voraussetzungen, die du machst, sondern von

Tatsachen des Diesseits, die du kennst, auf die größeren und höheren

Tatsachen des Jenseits. Der einzelne Schluß kann irren; auch der, den

wir nur eben machten; also hefte dich an keine Einzelheit der

Zusammenschluß der Schlüsse in Richtung dessen, was wir vor allem

Schluß und über allem Schluß zu fordern haben, wird unsers Glaubens

beste Stütze von unten und Führung nach oben sein.

Faßtest du aber den Glauben gleich recht von oben, leicht fiele dir der

ganze Glaubensweg herunter, den wir herauf genommen.

Das Büchlein vom Leben nach dem Tode · 第 16 / 20 题