Des Menschen Seele ist durch seinen ganzen Leib ergossen, alsbald
zerfällt er, wenn sie von ihm weicht; doch ihr Bewußtseinslicht ist bald
hier bald da.[9] Nur eben sahen wirs im engen Leibe hin und wider
wandern, wechselnd dem Aug, dem Ohr, dem innern und dem äußern Sinn zu
leuchten, um endlich im Tode ganz darüber hinaus zu wandern, wie der,
dessen kleines Haus zerstört wird, worin er lange hin und her gegangen,
auf immer in die Weite zieht und eine neue Wanderung beginnt. Der Tod
setzt keine andere Scheide zwischen beiden Leben, als daß er den engen
Schauplatz der Wanderung mit dem weiteren vertauschen läßt. Und so wenig
in dem jetzigen Leben das Bewußtseinslicht immer und überall zugleich
ist, wo es nacheinander sein und wohin es sich zerstreuen kann, wird es
im künftigen Leben sein. Der Schauplatz der Wanderung ist nur unsäglich
größer, die mögliche Verbreitung weiter, die Wege freier und die
Aussichtspunkte höher, alle niederen des Diesseits unter sich
begreifend.
Selbst schon im jetzigen Leben aber sehen wir ausnahmsweise, in seltenen
Fällen, das Bewußtseinslicht aus dem engeren Leibe in den weiteren
wandern und wieder heimkehren, Nachricht bringend von dem, was in fernem
Raume oder, in dessen weiten Zusammenhängen wurzelnd, in ferner Zeit
geschieht; denn die Länge der Zukunft fußt auf der Breite der Gegenwart.
Plötzlich öffnet sich eine Spalte in der sonst immer verschlossenen Tür
zwischen Diesseits und Jenseits, um schnell sich wieder zu schließen,
der Tür, die im Tode sich ganz öffnen wird, und erst da sich öffnen
soll, um nie mehr sich zu schließen. Auch frommts nicht, vorher durch
die Spalte nur zu schauen. Doch die Ausnahme von der diesseitigen
Lebensregel ist nur ein Fall der größeren Lebensregel, welche Diesseits
und Jenseits zugleich umfaßt.
Es kommt vor, daß der engere Leib nach einer Seite tief genug
einschläft, um nach anderer über seine Grenzen hinaus in ungewohnter
Weise zu erwachen, und doch nicht so ganz und tief, um nie mehr zu
erwachen. Oder im weiteren Leibe wird ein Punkt so ungewöhnlich stark
erregt, um in den engeren hinein eine die Schwelle übersteigende Wirkung
aus einer sonst unzugänglichen Ferne zu erstrecken. Damit beginnen die
Wunder des Hellgesichts, der Ahnungen, der vorbedeutenden Träume; lauter
Fabeln, wenn der jenseitige Leib und das jenseitige Leben Fabeln sind;
sonst Zeichen des einen und Vorzeichen des andern; was aber Zeichen hat,
ist da, und was Vorzeichen hat, wird kommen.
Doch sind es keine Zeichen diesseitigen gesunden Lebens. Das Diesseits
hat den Leib des Jenseits nur für das Jenseits zu bauen, nicht schon mit
dessen Auge und Ohr zu sehen und zu hören. Die Blüte gedeiht nicht, die
man vor der Zeit aufbricht. Und ob man den Glauben an das Jenseits
durch den Glauben an diese Spuren seines Hineinleuchtens in das
Diesseits #unterstützen# kann, so soll man ihn doch nicht darauf
#bauen#. Der gesunde Glaube baut sich auf Gründen und schließt sich ab
in höchsten Gesichtspunkten des gesunden Lebens, indem er selbst zu
seiner Gesundheit und zum Abschluß seiner höchsten Gesichtspunkte
gehört.
Du hattest seither gemeint, die leichte Gestalt, in der ein Verstorbener
dir in der Erinnerung erscheint, sei bloß dein innerer Schein. Du irrst;
er selbst leibhaftig ists, der in bewußtem Gange damit nicht bloß zu
dir, sondern in dich eintritt. Die frühere Gestalt ist noch sein
Seelenkleid; nur nicht mehr beschwert mit seinem frühern festen Leibe
und träge mit ihm wandelnd, sondern durchsichtig, leicht, der irdischen
Last entkleidet, im Momente jetzt hier jetzt da, dem Rufe jedes folgend,
der den Toten ruft oder von selber sich dir stellend, dann mußt du des
Toten denken. Auch hat man sich ja immer die jenseitige Erscheinung der
Seelen so leicht, so körperlos, so unabhängig von des Raumes Schranken
gedacht, und damit, das Rechte zwar nicht meinend, das Rechte doch
getroffen.
Auch hörtest du wohl von Geistererscheinungen sprechen. Den Ärzten
heißen sie Phantasmen, Halluzinationen. Sie sind es auch für die
Lebenden, doch zugleich wirkliche Erscheinungen der Toten, die wir so
nennen. Denn wenn schon die schwächern Erinnerungsgestalten in uns es
sind, wie sollten es die soviel stärkeren entsprechenden Erscheinungen
nicht sein. Warum also noch streiten, ob sie das eine oder andere sind,
wenn sie zugleich das eine und das andere sind. Und warum dich künftig
noch vor Geistererscheinungen fürchten, wenn du dich vor den
Erinnerungsgestalten in dir, die es schon sind, nicht fürchtest.
Doch ganz fehlt nicht der Grund dazu. Ungleich den von dir selbst
gerufenen, oder in den Zusammenhang deines innern Lebens von selbst
leise und friedlich eintretenden, hilfreich daran mit fortspinnenden
Gestalten kommen sie ungerufen, überkommen dich mit nicht abwehrbarer
Stärke, scheinbar vor dich, wirklich in dich tretend, am Gewebe deines
innern Lebens vielmehr zausend als fortspinnend. Ein krankhaft Wesen
zugleich des Diesseits und des Jenseits. So sollen Tote mit Lebenden
nicht verkehren. Es ist schon halber Tod des Lebenden, die Toten
annähernd so deutlich, so objektiv zu schauen, wie sie sich
untereinander schauen mögen; darum das Grausen der Lebendigen vor
solcher Erscheinung der Toten; es ist zugleich ein halbes
Zurückversinken der Toten aus dem Reiche über dem Tode in das Reich
unter dem Tode; daher die Sage -- und ob nicht mehr als Sage? -- daß nur
Geister umgehen, die nicht ganz erlöst sind, die noch mit einer schweren
Kette an dem Diesseits hängen. Den Unseligen zu scheuchen, ruf' einen
besseren und stärkeren Geist zu Hilfe; der beste und stärkste aber ist
der Geist ob allen Geistern. Wer hat in seinem Schutz dir etwas an! Auch
dazu stimmt die Sage, daß vor dem Anruf Gottes jeder böse Geist weicht.
Inzwischen droht in diesem Gebiete geistiger Krankheit, der Glaube
selbst zum Aberglauben zu erkranken. Am einfachsten, sich vor dem Kommen
von Gespenstern zu bewahren, bleibts immer, an ihr Kommen nicht zu
glauben; denn glauben, daß sie kommen, heißt schon, ihnen auf halbem
Wege entgegenkommen.
Wie sie einander selbst erscheinen mögen, sagt ich. Denn dieselbe
Erscheinung, die wider die Ordnung des Diesseits ist, ist nur
vorweggenommen aus der Ordnung des Jenseits. Licht, voll, klar und
objektiv werden die Bewohner des Jenseits einander in der Gestalt
erscheinen, wovon wir nur einen schwachen Abklang, eine dämmernde
Umrißzeichnung in der Erinnerung an sie haben, weil sie einander mit dem
ganzen vollen Wesen durchdringen, wovon nur ein kleiner Teil in jeden
von uns bei der Erinnerung an sie eindringt. Nur daß es jenseits wie
diesseits der auf die Erscheinung gerichteten Aufmerksamkeit bedürfen
wird, um sie zu haben.
Nun mag man immer fragen: wie ist es möglich, daß, die sich so
durchdringen, sich doch so gegenständlich und begrenzt erscheinen. Aber
frage erst, wie ist es möglich, daß, was als Erscheinung eines Lebenden
in dich eingeht und in der Erinnerung an einen Toten dein Gehirn
durchdringt -- und anders nichts liegt deiner Seele vor, darauf zu
fußen --, dir als Anschauung doch objektiv, als Erinnerung noch begrenzt
erscheint. Die selbst nicht mehr begrenzte Wirkung, die der Erinnerung
unterliegt, spiegelt dir doch noch die Begrenzung der Gestalt, wovon sie
anfangs ausgegangen, vor. Du weißt vom Diesseits nicht, warum; wie
kannst du es vom Jenseits wissen wollen.
Und so sage ich wieder: schließe nicht von Gründen des Diesseits, die du
nicht kennst, noch von Voraussetzungen, die du machst, sondern von
Tatsachen des Diesseits, die du kennst, auf die größeren und höheren
Tatsachen des Jenseits. Der einzelne Schluß kann irren; auch der, den
wir nur eben machten; also hefte dich an keine Einzelheit der
Zusammenschluß der Schlüsse in Richtung dessen, was wir vor allem
Schluß und über allem Schluß zu fordern haben, wird unsers Glaubens
beste Stütze von unten und Führung nach oben sein.
Faßtest du aber den Glauben gleich recht von oben, leicht fiele dir der
ganze Glaubensweg herunter, den wir herauf genommen.