Die Geister der dritten Stufe werden in der irdischen Natur, von der die
Menschheit selbst ein Teil ist, wohnen wie in einem gemeinschaftlichen
Leibe, und alle Prozesse der Natur ihnen dasselbe sein, was uns jetzt
die Prozesse unseres Leibes. Ihr Leib wird die Leiber der zweiten
Lebensstufe umfangen als eine gemeinschaftliche Mutter, gleichwie die
Leiber der zweiten Stufe die der ersten umfangen.
Nur das aber hat jeder Geist dritter Stufe von dem allen gemeinsamen
Leibe als seinen ihm eigenen Teil, was er im irdischen Reiche
fortentwickelt, fortgebildet hat. Was in der Welt durch eines Menschen
Dasein anders geworden, als wäre er nicht dagewesen, ist sein ferneres
Dasein auf der gemeinsamen Wurzel alles Daseins.
Zum Teil sinds feste Einrichtungen und Werke, zum Teil fortlaufende in
sich kreisende und auf sich zurückschlagende Wirkungen, wie auch der
jetzige Leib aus Festem und aus Veränderlichem, was an dem Festen seinen
Anhalt hat, besteht.
Nun greifen aber alle Daseinskreise, welche das Leben der jenseitigen
Geister tragen, durcheinander, und du fragst, wie ist es möglich, daß so
unzählige sich kreuzen, ohne sich zu stören, zu irren, zu verwirren.
Frage doch erst, wie ist es möglich, daß unzählige Wellenkreise sich in
demselben Teiche kreuzen, daß unzählige Schallwellen sich in derselben
Luft kreuzen, daß unzählige Lichtwellen sich in demselben Äther kreuzen,
daß unzählige Erinnerungswellen sich in demselben Haupte kreuzen, daß
endlich die unzähligen Lebenskreise der Menschen, welche ihr Jenseits
tragen, sich schon diesseits kreuzen, ohne sich zu stören, zu irren und
zu verwirren. Vielmehr kommt nur dadurch ein höheres Leben und Weben der
Wellen, der Erinnerungen, der diesseitig und endlich der jenseitig
Lebenden zustande.
Was aber scheidet die Bewußtseinskreise, die sich kreuzen?
Nichts scheidet sie in irgendwelchen Einzelheiten, worin sie sich
kreuzen; sie haben alles einzelne gemein; ein jeder hat es nur in
anderen Beziehungen als der andere; das scheidet sie im ganzen und
unterscheidet sie in höhern Einzelheiten. Frage wieder, was
Wellenkreise, die sich kreuzen, unterscheidet oder scheidet; einzeln
nichts; doch unterscheidest du sie leicht selbst äußerlich im ganzen;
noch leichter werden sich Kreise, die innerlich selbst bewußt sind, auch
innerlich selbst unterscheiden.
Vielleicht schon manchmal hast du aus einem fernen Weltteil einen Brief
empfangen, gekreuzt beschrieben nach Länge und nach Quere. Was läßt dich
beide Schriften unterscheiden? Nur der Zusammenhang, den jede in sich
selber hat. So kreuzen sich die geistigen Schriften, womit das Blatt der
Welt beschrieben ist; und jede liest sich selbst, als hätte sie den
Platz allein, und liest zugleich die andern als solche, die sie kreuzen.
Nicht bloß zwei Schriften freilich, unzählige kreuzen sich in der Welt;
der Brief ist aber auch nur ein schwaches Bild der Welt.
Wie aber kann das Bewußtsein seine Einheit in so großer Verbreitung
seiner Unterlage noch bewahren, wie vor dem Gesetz der Schwelle des
Bewußtseins noch bestehn?[5]
Frag erst, wie es seine Einheit in der kleineren Ausbreitung des Leibes
bewahren kann, deren Fortsetzung die große doch nur ist. Ist denn dein
Leib, ist dein Gehirn ein Punkt? Oder gibt es einen Mittelpunkt darin
als Sitz der Seele? Nein.[6] Wie's jetzt der Seele Wesen ist, den
kleinen Zusammenhang deines Leibes zu knüpfen, wirds künftig ihr Wesen
sein, den größeren des größeren Leibes zu knüpfen. Gottes Geist knüpft
sogar den ganzen Zusammenhang der Welt; -- oder wolltest du auch Gott in
einem Punkte suchen? -- Du wirst im Jenseits an seiner Allgegenwart nur
größern Teil gewinnen.
Sorgst du aber, daß die Welle deines künftigen Lebens in ihrer
Ausbreitung nicht mehr an die Schwelle reiche, die sie diesseits
übersteigt, so denke auch daran, daß sie sich nicht in eine leere Welt
hinein verbreitet, da sänke sie wohl rettungslos in den Abgrund, sondern
in eine Welt, welche als ewiger Unterbau Gottes zugleich dem Deinigen
sich unterbaut; denn nur auf Grund des göttlichen Lebens vermag die
Kreatur überhaupt zu leben.[7]
So kann der Zaunkönig auf dem Rücken des Adlers leicht einen Berggipfel
überfliegen, wozu er für sich zu schwach wäre, und endlich von dem
Rücken des Adlers aus den allgemeinen Flug desselben noch ein Stücklein
überfliegen. Gottes aber ist der große Adler wie das kleine Vöglein.
Wie aber kann der Mensch nach dem Tode des Leibes, des Gehirnes missen,
des so kunstvoll gebauten, das jede Regung seines Geistes trug, das von
den Regungen des Geistes noch weiter ausgebaut solche in immer größerer
Kraft und Fülle trug. War es umsonst gebaut?
Frage die Pflanze, wie sie des Samenkornes missen kann, wenn sie
dasselbe sprengt, ins Licht zu wachsen, des so kunstvoll gebauten, was
durch Treiben des innern Keimes sich noch weiter in sich selber
ausgebaut. War es umsonst gebaut?
Doch wo ist draußen ein gleich kunstvoller Bau, wie dein Gehirn, der es
im Jenseits ersetzte, und wo gar einer, der es überböte; doch soll das
Jenseits ja das Diesseits überbieten.
Aber ist nicht schon dein ganzer Leib ein größerer und höherer Bau, als
Auge, Ohr, Gehirn, nicht über jedem Teil? -- So und unsagbar mehr
überbietet die Welt, wovon die Menschheit mit Staat, mit Wissenschaft,
mit Kunst und mit Verkehr nur ein Teil ist, dein kleines Hirn, den Teil
von diesem Teil. Sieh nur, willst du zu einer höhern Ansicht dich
erheben, in der Erde nicht bloß noch einen Ball aus trocknem Erdreich,
Wasser, Luft; sie ist ein größeres und höheres einheitliches Geschöpf
als du, ein himmlisches Geschöpf, mit wunderbarerm Leben und Weben in
ihrem Oberraum, als du in deinem kleinen Gehirn trägst, womit du nur ein
Winziges zu ihrem Leben beiträgst. Umsonst wirst du von einem Leben
#nach# dir träumen, wenn du das Leben #um# dich nicht zu erkennen weißt.
Was sieht der Anatom, wenn er in das Gehirn des Menschen blickt? ein
Gewirr von weißen Fasern, dessen Sinn er nicht enträtseln kann. Und was
siehts in sich selbst? eine Welt von Licht, Tönen, Gedanken,
Erinnerungen, Phantasien, Empfindungen von Liebe und von Haß. So denke
dir das Verhältnis dessen, was du, äußerlich der Welt gegenüberstehend,
in ihr siehst, und was sie in sich selbst sieht, und verlange nicht, daß
beides, das Äußere und Innere, sich im ganzen der Welt mehr ähnlich
sehe, als in dir, der nur ihr Teil. Und nur daß du ein Teil von dieser
Welt bist, läßt dich auch einen Teil von dem, was sie in sich sieht, in
dir sehen.
Und fragst du endlich etwa noch, was unsern weitern Leib, den wir so
nennen, erst jenseits erwachen läßt, nachdem wir ihn doch schon
diesseits ins irdische Reich hinausgetrieben, und er schon jetzt die
Fortsetzung unsers engern Leibes ist?
Das selbst, daß dieser engere einschläft, ja vergeht. Nichts als ein
Fall derselben allgemeinen Regel, die durchs ganze Diesseits reicht,
Beweis, daß sie auch noch darüber hinaus reicht. Du Zweifler willst ja
immer nur vom Diesseits schließen, also schließe.
Die lebendige Kraft des Bewußtseins entsteht nie wahrhaft neu, geht
niemals unter, sondern kann wie die des Körpers, worauf sie ruht, nur
ihre Stelle, Form, Verbreitungsweise zeitlich und räumlich wechseln,
heut oder hier nur sinken, um morgen oder anderwärts zu steigen, heut
oder hier nur steigen, um morgen oder anderwärts zu sinken.[8] Damit das
Auge wache, du mit Bewußtsein sehest, mußt du das Ohr in Schlaf senken,
damit die innere Gedankenwelt erwache, die äußern Sinne schlafen lassen;
ein Schmerz am kleinsten Punkt kann das Bewußtsein deiner Seele ganz
erschöpfen. Je mehr sich das Licht der Aufmerksamkeit zerstreut, so
schwächer wird das Einzelne davon erleuchtet, je heller es auf einen
Punkt trifft, so mehr ins Dunkel treten alle andern; auf etwas
reflektieren, heißt von anderm abstrahieren. Dein Wachsein heut
verdankst du deinem Schlaf seit gestern, je tiefer du heut einschläfst,
so munterer wirst du morgen erwachen, und je munterer du gewacht hast,
so tiefer wirst du schlafen.
Nun aber schläft der Mensch diesseits im Grunde stets nur einen halben
Schlaf, der den #alten# Menschen wieder erwachen läßt, weil noch der
alte da ist; erst im Tode den vollen Schlaf, der einen neuen erwachen
läßt, weil der alte nicht mehr da ist; doch die alte Regel ist noch da,
die einen Ersatz des alten Bewußtseins fordert, und dazu der neue Leib
als Fortsetzung des alten; also wird auch ein neues Bewußtsein da sein
als Ersatz und Fortsetzung des alten.
Als Fortsetzung des alten! Denn was den Leib des Greisen noch die
Fortsetzung desselben Bewußtseins tragen läßt, welches der Leib des
Kindes trug, von dem er kein Atom mehr hat, wird auch den Leib des
Jenseits noch dasselbe Bewußtsein tragen lassen, was der Leib des
Greisen trug, von dem er kein Atom mehr hat. Das ists, daß jeder
folgende die Fortwirkung dessen, der das frühere Bewußtsein trug, in
sich aufgehoben hält und dadurch gebaut ist. Also ist es ein Prinzip,
welches das diesseitige Leben von Heute in Morgen und vom Diesseits ins
Jenseits sich fortsetzen läßt. Und kann es ein anderes als ewiges
Prinzip der ewigen Forterhaltung des Menschen geben?
Und so frage auch nicht: was machts, daß Wirkungen, die du diesseits in
die Außenwelt gezeugt, die über dich hinaus sind, dir mehr als
irgendwelche andere, die über dich hinaus sind, noch zugehören sollen.
Das machts, daß jene vielmehr als diese von dir ausgegangen. Jede
Ursache behält ihre Folgen als ewiges Eigentum. Im Grunde aber waren
deine Folgen nie über dich hinausgegangen; sie bildeten schon die
diesseits die unbewußte, nur des Erwachens zu neuem Bewußtsein harrende
Fortsetzung deines Wesens.
So wenig ein Mensch je sterben kann, der einmal gelebt, könnte er je zum
Leben erwacht sein, hätte er nicht vorher gelebt; nur daß er vorher
nicht für sich gelebt. Das Bewußtsein, womit das Kind bei der Geburt
erwacht, ist nur ein Teil des ewig dagewesenen allgemeinen göttlichen
Bewußtseins, das sich in der neuen Seele für sich zusammengenommen. Wir
können freilich die lebendige Bewußtseinskraft so wenig durch alle Wege
und Wandlungen verfolgen, als die lebendige Körperkraft.
Sorgst du aber, das menschliche Bewußtsein werde, weil aus dem
Allgemeinbewußtsein herausgeboren, auch wieder in ihm verfließen, so
sieh den Baum an. Es hat lange Jahre gedauert, ehe die Zweige aus dem
Stamme kamen; einmal gekommen, gehen sie nicht wieder in ihm unter. Wie
wollte der Baum wachsen und sich entwickeln, wenn es geschähe; auch der
Lebensbaum der Welt aber will wachsen und sich entwickeln.
Nach allem ist das die große Kunst des Schlusses vom Diesseits auf das
Jenseits, nicht von Gründen, die wir nicht kennen, noch von
Voraussetzungen, die wir machen, sondern von Tatsachen, die wir kennen,
auf die größern und höhern Tatsachen des Jenseits zu schließen, und
dadurch den praktisch geforderten, an höheren Gesichtspunkten hängenden
Glauben von untenher zu festigen, zu stützen und mit dem Leben in
lebendigen Bezug zu setzen. Ja, brauchten wir den Glauben nicht, wozu
ihn stützen; doch wie ihn brauchen, hätte er keine Stütze.