Wohl auf manchen Wegen mögen die Geister der Lebenden und Toten sich
unbewußt begegnen, auf manchen auch nur bewußt von einer Seite. Wer kann
diesen ganzen Verkehr verfolgen und ergründen. Sagen wir nur kurz: sie
begegnen sich, wenn sie sich mit Bewußtsein begegnen, und die
Verstorbenen sind da, wo sie mit Bewußtsein da sind.
Ein Mittel gibts bewußtester Begegnung zwischen den Lebenden und
Verstorbenen; es ist das Andenken der Lebenden an die Verstorbenen.
Unsere Aufmerksamkeit auf die Verstorbenen richten, heißt ihre
Aufmerksamkeit für uns wecken, wie ein Reiz, der einen Lebendigen
trifft, seine Aufmerksamkeit gleichsam dahin lockt, wo er ihn trifft.
Ist doch unser Andenken an die Verstorbenen nur eine in uns bewußt
gewordene, sich auf sie zurückwendende Folge ihres diesseitigen bewußten
Lebens, das jenseitige aber wird infolge des diesseitigen geführt.
Auch wenn ein Lebender an einen Lebenden denkt, mags einen Zug auf
dessen Bewußtsein geben; doch er wirkt nichts, weil dessen Bewußtsein
noch ganz in den Banden seines engen Leibes gefesselt liegt. Das durch
den Tod entfesselte Bewußtsein aber sucht seine Stätte und folgt dem
Zuge, der darauf geäußert wird, so leichter und so stärker, je öfter
und je stärker er zuvor darauf geäußert ward.
Wie nun ein und derselbe körperliche Schlag stets zweiseitig vom
Schlagenden und vom Geschlagenen zugleich gefühlt wird, ist es nur #ein#
Bewußtseinsschlag, der in der Erinnerung an einen Verstorbenen
zweiseitig gefühlt wird. Wir irren, nur die diesseitige Bewußtseinsseite
für da haltend, weil wir die jenseitige nicht spüren; und dieser Irrtum
hat Folgen des Irrtums und der Versäumnis.
Einer Geliebten ist der Geliebte, einer Gattin der Gatte, einer Mutter
das Kind entrissen worden. Umsonst suchen sie in einem fernen Himmel das
von ihnen abgerissene Stück Lebens, strecken umsonst Blick und Hand ins
Leere nach dem, was gar nicht wahrhaft von ihnen abgerissen worden ist;
nur der Faden äußeren Verständnisses ist abgerissen, weil aus dem durch
äußere Sinne vermittelten Verkehr, in dem beide sich verstanden, ein
innerer unmittelbarer durch den inneren Sinn geworden ist, in dem sie
sich noch nicht verstehen gelernt.
Einst sah ich eine Mutter ihr noch lebendiges Kind mit Ängsten in Haus
und Garten suchen, das sie auf dem Arme trug. Größer noch der Irrtum
jener, die das verstorbene in einer fernen Leere sucht, wonach sie nur
ins Innere zu blicken hätte, um es bei sich zu finden. Und findet sie es
da nicht ganz, hatte sie es denn ganz, da sie es äußerlich auf dem Arme
trug? Die Vorteile des äußeren Verkehrs, das äußere Wort, den äußeren
Blick, die äußere Pflege kann sie nicht mehr haben und geben; die
Vorteile des inneren erst jetzt haben und geben; sie muß nur wissen, daß
es einen innern Verkehr und Vorteile eines solchen gibt. Man spricht
mit dem nicht, reicht die Hand nicht dem, von dem man meint, er sei
nicht da. Wißt ihr aber alles recht, so wird ein neues Leben der
Lebendigen mit den Toten beginnen, und mit den Lebendigen die Toten
zugleich dabei gewinnen.
Denkt eines Verstorbenen nur recht -- und nicht bloß der Gedanke an den
Verstorbenen, der Verstorbene selbst ist im Momente da. Ihr könnt ihn
innerlich beschwören, er muß kommen, ihn festhalten, er muß bleiben,
haltet nur Sinn und Gedanken auf ihm fest. Denkt seiner mit Liebe oder
Haß, er wird es spüren; -- mit stärkerer Liebe, stärkerm Haß, er wird es
stärker spüren. Sonst hattet ihr wohl Erinnerung an die Toten; nun wißt
ihr sie zu brauchen; könnt einen Verstorbenen noch wissentlich mit eurem
Andenken beglücken oder plagen, euch mit ihm versöhnen oder
unversöhnlich streiten, nicht euch bloß wissentlich, auch ihm. Tuts
stets im besten Sinne; und sorgt nun aber auch, daß das Andenken, was
ihr selber hinterlaßt, euch künftig selber fromme.
Wohl dem, der einen Schatz von Liebe, Achtung, Verehrung, Bewunderung im
Andenken der Menschen hinter sich gelassen. Was er fürs diesseitige
Leben hinter sich gelassen, gewinnt er mit dem Tode, indem er das
zusammenfassende Bewußtsein für alles gewinnt, was die Nachgelassenen
von ihm denken; hebt damit den Scheffel, von dem er im Leben bloß
einzelne Körner zählte. Das gehört zu den Schätzen, die wir für den
Himmel sammeln sollen.
Weh dem, welchem Verwünschungen, Fluch, ein Andenken voll Schrecken
folgen. Die ihm im Diesseits folgten, holen ihn im Tode ein; das gehört
zu der Hölle, die seiner wartet. Jedes Wehe, das ihm nachgerufen wird,
ist ein ihm nachgesandter Pfeil, der in sein Inneres eindringt.
Nur in der Gesamtheit der Folgen aber, die das Gute und Schlechte aus
sich selbst gebiert, vollendet sich die Gerechtigkeit. Wohl müssen die
Gerechten, die hier verkannt werden, davon noch im Jenseits wie von
einem äußern Übel leiden, und den Ungerechten wird ein ungerechter
Nachruhm als wie ein äußeres Gut zustatten kommen; also halte deinen Ruf
hienieden möglichst rein, und stelle dein Licht nicht unter den
Scheffel. Aber unter den Geistern des Jenseits selbst hört das Verkennen
auf; was unten falsch gewogen wird, wird oben recht gewogen, und durch
eine Zulage auf der anderen Seite überwogen. Die himmlische
Gerechtigkeit überbietet endlich alle irdische Ungerechtigkeit.
Was immer das Andenken an die Toten weckt, ist ein Mittel, sie
herbeizurufen.
An jedem Feste, was wir den Toten geben, steigen sie herauf; um jede
Statue schweben sie, die wir ihnen setzen; bei jedem Liede, das ihre
Taten singt, hören sie mit zu. Ein Lebenskeim für eine neue Kunst! wie
war sie schon gealtert, wie müde, die alten Schauspiele den alten
Zuschauern immer von neuem vorzuführen. Nun öffnet sich auf einmal
gleichsam über dem Parterre mit der untern Schicht der alten Zuschauer
ein Kreis von Logen, aus dem sie eine höhere Gesellschaft niederschauen
sieht; und nicht, wie die unten, sondern wie die oben es haben möchten,
zu schaffen, ist fortan ihr höchstes Ziel; die unten aber sollen es
haben wollen, wie die es oben möchten.
Die Spötter spotten, und die Kirchen streiten. Es gilt ein Geheimnis,
widervernünftig für die einen, übervernünftig für die andern, beides,
weil den einen wie den andern ein größeres Geheimnis ganz verborgen
blieb, aus dessen Offenbarung endlich einfach und klar fließt, woran
der Verstand der Spötter und die Einigkeit der Kirchen gescheitert. Denn
nur ein größtes Beispiel einer allgemeinsten Regel ists, worin sie eine
Ausnahme von aller Regel oder über aller Regel sehen.
Nicht bloß mit einem Leib aus Mehl und Wasser geht Christus bei seinem
Gedächtnismahle in die Gläubigen ein; genieß es recht mit dem Gedanken
seiner, und er wird mit seinem Gedanken nicht bloß bei dir, sondern in
dir sein; -- je mehr du an ihn denkst, so mehr; je stärker, mit so
stärkerer Kraft wird er dich stärken; doch denkst du seiner nicht, so
bleibt es Mehl und Wasser und gemeiner Wein.