Die Sehnsucht, die jedem Menschen inwohnt, denen, die ihm hier am
liebsten waren, nach dem Tode wieder zu begegnen, mit ihnen zu verkehren
und das frühere Verhältnis zu erneuern, wird in vollkommnerem Grade
erfüllt werden, als je geahnt und versprochen worden.
Denn nicht bloß begegnen werden sich in jenem Leben die, welche in
diesem durch ein gemeinschaftliches geistiges Element verknüpft waren,
sondern in eins zusammenwachsen werden sie durch dies Element; es wird
ein ihnen gemeinschaftliches Seelenglied werden, das beiden mit gleichem
Bewußtsein angehört.
Denn schon jetzt sind ja die Toten mit den Lebenden, wie die Lebenden
selbst untereinander, durch unzählige solche gemeinschaftliche Elemente
verwachsen; aber erst, wenn der Tod den Knoten löst, den der Körper um
die Seele jedes Lebenden zieht, wird zur Verknüpfung des Bewußtseins
auch das Bewußtsein der Verknüpfung treten.
Jeder wird im Augenblicke des Todes erkennen, daß das, was sein Geist
von früher Verstorbenen aufnahm oder mit ihnen gemeinschaftlich hatte,
auch diesen Geistern immer noch mit angehört, und so wird er nicht wie
ein fremder Gast in die dritte Welt eintreten, sondern wie ein längst
Erwarteter, dem alle, mit denen er hier durch eine Gemeinschaft des
Glaubens, des Wissens, der Liebe verknüpft war, die Hände
entgegenstrecken werden, ihn an sich zu ziehen als ein ihnen zugehöriges
Wesen.
In gleich innige Gemeinschaft werden wir auch treten mit jenen großen
Toten, die lange vor unserer Zeit die zweite Lebensstufe durchwandert
und an deren Beispiel und Lehre sich unser Geist gebildet. So, wer hier
ganz in Christo lebte, der wird dort ganz in Christo sein. Aber seine
Individualität wird nicht erlöschen in der höhern Individualität,
sondern nur Kraft gewinnen in ihr und jener Kraft zugleich verstärken.
Denn welche Geister miteinander verwachsen durch ihre gleichen Momente,
die gewinnen jeder des andern Kraft zu ihrer eignen und bestimmen sich
zugleich durch das damit zusammenhängende Verschiedene.
So werden sich manche Geister gegenseitig verstärken durch große Teile
ihres Wesens, andre auch nur verknüpft sein durch einzelne
zusammenfallende Momente.
Nicht alle diese Verknüpfungen, die auf die Gemeinschaftlichkeit eines
geistigen Moments gegründet sind, werden bleiben; aber die werden
bleiben, deren Moment der Wahrheit, Schönheit oder Tugend angehört.
Alles, was nicht die ewige Harmonie in sich trägt, wird, wenn es auch
dieses Leben noch überdauert, doch endlich in sich zerfallen und eine
Zerspaltung der Geister bewirken, die eine Zeitlang dadurch zu einem
verwerflichen Bunde vereinigt waren.
Die meisten geistigen Momente, die im jetzigen Leben sich entwickeln und
die wir in das folgende mit hinübernehmen, tragen zwar einen Kern des
Wahren, Guten und Schönen in sich, aber eingehüllt durch viel Zusatz des
Unwesentlichen, Falschen, Verkehrten und Verderbten. Welche Geister
durch solche Momente zusammenhängen, die können verbunden bleiben oder
sich trennen; je nachdem sie sich beide vereinigen, das Gute und Beste
darin festzuhalten und das Schlechte den bösen Geistern, bei ihrer
Scheidung von ihnen, allein zurückzulassen oder je nachdem der eine das
Gute, der andere das Schlechte ergreift.
Welche Geister aber einmal sich einer Form oder Idee des Wahren, Schönen
oder Guten in ihrer ewigen Reinheit gemeinschaftlich bemächtigt haben,
die bleiben auch durch sie verbunden in alle Ewigkeit und besitzen sie
auf dieselbe Weise als Teil ihrer selbst in ewiger Einigkeit.
Das Erfassen der ewigen Ideen von den höhern Geistern ist daher ein
Zusammenwachsen derselben durch diese Ideen zu größern geistigen
Organismen; und wie alle individualen Ideen in allgemeinen und diese in
allgemeinern wurzeln, so werden zuletzt alle Geister als Gliedmaßen mit
dem größten Geiste, mit Gott, zusammenhängen.
Die Geisterwelt in ihrer Vollendung wird daher nicht eine Versammlung,
sondern ein Baum von Geistern sein, dessen Wurzel in dem Irdischen
eingewachsen ist und dessen Krone in den Himmel reicht.
Nur die größten und edelsten Geister, Christus, die Genien und Heiligen,
vermögen unmittelbar mit ihrem besten Teile bis zur innern Höhe Gottes
hinanzuwachsen; die kleineren und geringeren wurzeln in sie wie Zweige
in Äste und Äste in Stämme ein, und hängen so mittelbar durch sie mit
dem, was in dem Höchsten das Höchste ist, zusammen.
So sind die gestorbenen Genien und Heiligen die wahren Vermittler
zwischen Gott und den Menschen; sie sind zugleich der Ideen Gottes
teilhaftig, führen sie den Menschen zu, zugleich empfinden sie die
Leiden, Freuden und Wünsche der Menschen, und führen sie Gott zu.
Hat sich doch der Kultus der Toten mit dem vergötternden Naturkultus
gleich im Ursprunge der Religion halb verschwistert, halb geteilt; die
rohsten Völker haben das Meiste, die gebildetsten das Höchste davon
behalten, und wo gäb es heut noch eine, die nicht ein großes Bruchstück
davon als ihr Hauptstück bewahrte.
Und so sollt es in jeder Stadt einen Tempel ihrer größten Toten geben,
angebaut an den Tempel Gottes oder in ihm eingebaut, indes man Christus
wie bisher mit Gott selbst im selben Zimmer wohnen lasse.