St. Just.

Eben erhalte ich eine Denunziation. Man konspiriert in den

Gefängnissen; ein junger Mensch namens Laflotte hat alles entdeckt. Er

saß mit Dillon im nämlichen Zimmer, Dillon hat getrunken und

geplaudert.

Barère.

Er schneidet sich mit seiner Bouteille den Hals ab; das ist schon mehr

vorgekommen.

St. Just.

Dantons und Camilles Weiber sollen Geld unter das Volk werfen, Dillon

soll ausbrechen, man will die Gefangnen befreien, der Konvent soll

gesprengt werden.

Barère.

Das sind Märchen.

St. Just.

Wir werden sie aber mit dem Märchen in Schlaf erzählen. Die Anzeige

habe ich in Händen; dazu die Keckheit der Angeklagten, das Murren des

Volks, die Bestürzung der Geschwornen - ich werde einen Bericht

machen.

Barère.

Ja, geh, St. Just, und spinne deine Perioden, worin jedes Komma ein

Säbelhieb und jeder Punkt ein abgeschlagner Kopf ist!

St. Just.

Der Konvent muß dekretieren, das Tribunal solle ohne Unterbrechung den

Prozeß fortführen und dürfe jeden Angeklagten, welcher die dem

Gerichte schuldige Achtung verletzte oder störende Auftritte

veranlaßte, von den Debatten ausschließen.

Barère.

Du hast einen revolutionären Instinkt; das lautet ganz gemäßigt und

wird doch seine Wirkung tun. Sie können nicht schweigen, Danton muß

schreien.

St. Just.

Ich zähle auf eure Unterstützung. Es gibt Leute im Konvent, die ebenso

krank sind wie Danton und welche die nämliche Kur fürchten. Sie haben

wieder Mut bekommen, sie werden über Verletzung der Formen

schreien...

Barère(ihn unterbrechend)

Ich werde ihnen sagen: Zu Rom wurde der Konsul, welcher die

Verschwörung des Katilina entdeckte und die Verbrecher auf der Stelle

mit dem Tod bestrafte, der verletzten Förmlichkeit angeklagt. Wer

waren seine Ankläger?

Collot (mit Pathos).

Geh, St. Just! Die Lava der Revolution fließt. Die Freiheit wird die

Schwächlinge, welche ihren mächtigen Schoß befruchten wollten, in

ihren Umarmungen ersticken; die Majestät des Volks wird ihnen wie

Jupiter der Semele unter Donner und Blitz erscheinen und sie in Asche

verwandeln. Geh, St. Just, wir werden dir helfen, den Donnerkeil auf

die Häupter der Feiglinge zu schleudern! (St. Just ab.)

Barère.

Hast du das Wort Kur gehört? Sie werden noch aus der Guillotine ein

Spezifikum gegen die Lustseuche machen. Sie kämpfen nicht mit den

Moderierten, sie kämpfen mit dem Laster.

Billaud.

Bis jetzt geht unser Weg zusammen.

Barère.

Robespierre will aus der Revolution einen Hörsaal für Moral machen und

die Guillotine als Katheder gebrauchen.

Billaud.

Oder als Betschemel.

Collot.

Auf dem er aber alsdann nicht stehen, sondern liegen soll.

Barère.

Das wird leicht gehen. Die Welt müßte auf dem Kopf stehen, wenn die

sogenannten Spitzbuben von den sogenannten rechtlichen Leuten gehängt

werden sollten.

Collot(zu Barère).

Wann kommst du wieder nach Clichy?

Barère.

Wenn der Arzt nicht mehr zu mir kommt.

Collot.

Nicht wahr, über dem Ort steht ein Haarstern, unter dessen

versengenden Strahlen dein Rückenmark ganz ausgedörrt

wird?

Billaud.

Nächstens werden die niedlichen Finger der reizenden Demaly es ihm aus

dem Futterale ziehen und es als Zöpfchen über den Rücken

hinunterhängen machen.

Barère (zuckt die Achseln).

Pst! davon darf der Tugendhafte nichts wissen.

Billaud.

Er ist ein impotenter Masoret. (Billaud und Collot ab.)

Barère (allein).

Die Ungeheuer! - »Es ist noch nicht lange genug, daß du den Tod

wünschest!« Diese Worte hätten die Zunge müssen verdorren machen, die

sie gesprochen.

Und ich? - Als die Septembriseurs in die Gefängnisse drangen, faßt ein

Gefangner sein Messer, er drängt sich unter die Mörder, er stößt es in

die Brust eines Priesters, er ist gerettet! Wer kann was dawider

haben? Ob ich mich nun unter die Mörder dränge oder mich in den

Wohlfahrtsausschuß setze, ob ich ein Guillotinen- oder ein

Taschenmesser nehme? Es ist der nämliche Fall, nur mit etwas

verwickelteren Umständen; die Grundverhältnisse sind sich gleich. -

Und durft' er einen morden: durft' er auch zwei, auch drei, auch noch

mehr? wo hört das auf? Da kommen die Gerstenkörner! Machen zwei einen

Haufen, drei, vier, wieviel dann? Komm, mein Gewissen, komm, mein

Hühnchen, komm, bi, bi, bi, da ist Futter!

Doch - war ich auch Gefangner? Verdächtig war ich, das läuft auf eins

hinaus; der Tod war mir gewiß. (Ab.)

Siebente Szene

Die Conciergerie

Lacroix. Danton. Philippeau. Camille.

Lacroix.

Du hast gut geschrien, Danton; hättest du dich etwas früher so um dein

Leben gequält, es wäre jetzt anders. Nicht wahr, wenn der Tod einem so

unverschämt nahe kommt und so aus dem Hals stinkt und immer

zudringlicher wird?

Camille.

Wenn er einen noch notzüchtigte und seinen Raub unter Ringen und Kampf

aus den heißen Gliedern riß! Aber so in allen Formalitäten wie bei der

Hochzeit mit einem alten Weibe, wie die Pakten aufgesetzt, wie die

Zeugen gerufen, wie das Amen gesagt und wie dann die Bettdecke gehoben

wird und es langsam hereinkriecht mit seinen kalten Gliedern!

Danton.

Wär' es ein Kampf, daß die Arme und Zähne einander packten! Aber es

ist mir, als wäre ich in ein Mühlwerk gefallen, und die Glieder würden

mir langsam systematisch von der kalten physischen Gewalt abgedreht.

So mechanisch getötet zu werden!

Camille.

Und dann daliegen allein, kalt, steif in dem feuchten Dunst der

Fäulnis - vielleicht, daß einem der Tod das Leben langsam aus den

Fibern martert - mit Bewußtsein vielleicht sich wegzufaulen!

Philippeau.

Seid ruhig, meine Freunde! Wir sind wie die Herbstzeitlose, welche

erst nach dem Winter Samen trägt. Von Blumen, die versetzt werden,

unterscheiden wir uns nur dadurch, daß wir über dem Versuch ein wenig

stinken. Ist das so arg?

Danton.

Eine erbauliche Aussicht! Von einem Misthaufen auf den andern! Nicht

wahr, die göttliche Klassentheorie? Von Prima nach Sekunda, von

Sekunda nach Tertia und so weiter? Ich habe die Schulbänke satt, ich

habe mir Gesäßschwielen wie ein Affe darauf gesessen.

Philippeau.

Was willst du denn?

Danton.

Ruhe.

Philippeau.

Die ist in Gott.

Danton.

Im Nichts. Versenke dich in was Ruhigers als das Nichts, und wenn die

höchste Ruhe Gott ist, ist nicht das Nichts Gott? Aber ich bin ein

Atheist. Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und

ich bin etwas, das ist der Jammer! - Die Schöpfung hat sich so breit

gemacht, da ist nichts leer, alles voll Gewimmels. Das Nichts hat sich

ermordet, die Schöpfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen,

die Welt ist das Grab, worin es fault. - Das lautet verrückt, es ist

aber doch was Wahres daran.

Camille.

Die Welt ist der Ewige Jude, das Nichts ist der Tod, aber er ist

unmöglich. Oh, nicht sterben können, nicht sterben können! wie es im

Lied heißt.

Danton.

Wir sind alle lebendig begraben und wie Könige in drei- oder

vierfachen Särgen beigesetzt, unter dem Himmel, in unsern Häusern, in

unsern Röcken und Hemden. - Wir kratzen fünfzig Jahre lang am

Sargdeckel. Ja, wer an Vernichtung glauben könnte! dem wäre geholfen.

- Da ist keine Hoffnung im Tod; er ist nur eine einfachere, das Leben

eine verwickeltere, organisiertere Fäulnis, das ist der ganze

Unterschied! - Aber ich bin gerad einmal an diese Art des Faulens

gewöhnt; der Teufel weiß, wie ich mit einer andern zurechtkomme. O

Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam ließe! - Und wenn

ich ganz zerfiele, mich ganz auflöste: ich wäre eine Handvoll

gemarterten Staubes, jedes meiner Atome könnte nur Ruhe finden bei

ihr. - Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht sterben. Wir sind

noch nicht geschlagen. Wir müssen schreien; sie müssen mir jeden

Lebenstropfen aus den Gliedern reißen.

Lacroix.

Wir müssen auf unsrer Forderung bestehen; unsre Ankläger und die

Ausschüsse müssen vor dem Tribunal erscheinen.

Achte Szene

Ein Zimmer

Fouquier. Amar. Vouland.

Fouquier.

Ich weiß nicht mehr, was ich antworten soll; sie fordern eine

Kommission.

Amar.

Wir haben die Schurken: da hast du, was du verlangst. (Er überreicht

Fouquier ein Papier.)

Vouland.

Das wird sie zufriedenstellen.

Fouquier.

Wahrhaftig, das hatten wir nötig.

Amar.

Nun mache, daß wir und sie die Sache vom Hals bekommen.

Neunte Szene

Das Revolutionstribunal

Danton.

Die Republik ist in Gefahr, und er hat keine Instruktion! Wir

appellieren an das Volk; meine Stimme ist noch stark genug, um den

Dezemvirn die Leichenrede zu halten. - Ich wiederhole es, wir

verlangen eine Kommission; wir haben wichtige Entdeckungen zu machen.

Ich werde mich in die Zitadelle der Vernunft zurückziehen, ich werde

mit der Kanone der Wahrheit hervorbrechen und meine Feinde zermalmen.

(Zeichen des Beifalls.)

(Fouquier, Amar und Vouland treten ein.)

Fouquier.

Ruhe im Namen der Republik, Achtung dem Gesetz! Der Konvent

beschließt:

In Betracht, daß in den Gefängnissen sich Spuren von Meutereien

zeigen, in Betracht, daß Dantons und Camilles Weiber Geld unter das

Volk werfen und daß der General Dillon ausbrechen und sich an die

Spitze der Empörer stellen soll, um die Angeklagten zu befreien, in

Betracht endlich, daß diese selbst unruhige Auftritte herbeizuführen

sich bemüht und das Tribunal zu beleidigen versucht haben, wird das

Tribunal ermächtigt, die Untersuchung ohne Unterbrechung fortzusetzen

und jeden Angeklagten, der die dem Gesetze schuldige Ehrfurcht außer

Augen setzen sollte, von den Debatten auszuschließen.

Danton.

Ich frage die Anwesenden, ob wir dem Tribunal, dem Volke oder dem

Nationalkonvent Hohn gesprochen haben?

Viele Stimmen.

Nein! Nein!

Camille.

Die Elenden, sie wollen meine Lucile morden!

Danton.

Eines Tages wird man die Wahrheit erkennen. Ich sehe großes Unglück

über Frankreich hereinbrechen. Das ist die Diktatur; sie hat ihren

Schleier zerrissen, sie trägt die Stirne hoch, sie schreitet über

unsere Leichen. (Auf Amar und Vouland deutend:) Seht da die feigen

Mörder, seht da die Raben des Wohlfahrtsausschusses!

Ich klage Robespierre, St. Just und ihre Henker des Hochverrats an. -

Sie wollen die Republik im Blut ersticken. Die Gleise der

Guillotinenkarren sind die Heerstraßen, auf welchen die Fremden in das

Herz des Vaterlandes dringen sollen.

Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein? - Ihr wollt

Brot, und sie werfen euch Köpfe hin! Ihr durstet, und sie machen euch

das Blut von den Stufen der Guillotine lecken! (Heftige Bewegung unter

den Zuhörern, Geschrei des Beifalls.)

Viele Stimmen.

Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn! (Die Gefangnen werden mit

Gewalt hinausgeführt.)

Zehnte Szene

Platz vor dem Justizpalast

Ein Volkshaufe.

Einige Stimmen.

Nieder mit den Dezemvirn! Es lebe Danton!

Erster Bürger.

Ja, das ist wahr, Köpfe statt Brot, Blut statt Wein!

Einige Weiber.

Die Guillotine ist eine schlechte Mühle und Samson ein schlechter

Bäckerknecht; wir wollen Brot, Brot!

Zweiter Bürger.

Euer Brot, das hat Danton gefressen. Sein Kopf wird euch allen wieder

Brot geben, er hatte recht.

Erster Bürger.

Danton war unter uns am 10. August, Danton war unter uns im September.

Wo waren die Leute, welche ihn angeklagt haben?

Zweiter Bürger.

Und Lafayette war mit euch in Versailles und war doch ein Verräter.

Erster Bürger.

Wer sagt, daß Danton ein Verräter sei?

Zweiter Bürger.

Robespierre.

Erster Bürger.

Und Robespierre ist ein Verräter!

Zweiter Bürger.

Wer sagt das?

Erster Bürger.

Danton.

Zweiter Bürger.

Danton hat schöne Kleider, Danton hat ein schönes Haus, Danton hat

eine schöne Frau, er badet sich in Burgunder, ißt das Wildbret von

silbernen Tellern und schläft bei euren Weibern und Töchtern, wenn er

betrunken ist. - Danton war arm wie ihr. Woher hat er das alles? Das

Veto hat es ihm gekauft, damit er ihm die Krone rette. Der Herzog von

Orléans hat es ihm geschenkt, damit er ihm die Krone stehle. Der

Fremde hat es ihm gegeben, damit er euch alle verrate. - Was hat

Robespierre? Der tugendhafte Robespierre! Ihr kennt ihn alle.

Alle.

Es lebe Robespierre! Nieder mit Danton! Nieder mit dem Verräter!

Vierter Akt

Erste Szene

Ein Zimmer

Julie. Ein Knabe.

Julie.

Es ist aus. Sie zitterten vor ihm. Sie töten ihn aus Furcht. Geh! ich

habe ihn zum letzten Mal gesehen; sag ihm, ich könne ihn nicht so

sehen. (Sie gibt ihm eine Locke.) Da, bring ihm das und sag ihm, er

würde nicht allein gehn - er versteht mich schon. Und dann schnell

zurück, ich will seine Blicke aus deinen Augen lesen.

Zweite Szene

Eine Straße

Dumas. Ein Bürger.

Bürger.

Wie kann man nach einem solchen Verhör soviel Unschuldige zum Tod

verurteilen?

Dumas.

Das ist in der Tat außerordentlich; aber die Revolutionsmänner haben

einen Sinn, der andern Menschen fehlt, und dieser Sinn trügt sie

nie.

Bürger.

Das ist der Sinn des Tigers. - Du hast ein Weib.

Dumas.

Ich werde bald eins gehabt haben.

Bürger.

So ist es denn wahr?

Dumas.

Das Revolutionstribunal wird unsere Ehescheidung aussprechen; die

Guillotine wird uns von Tisch und Bett trennen.

Bürger.

Du bist ein Ungeheuer!

Dumas.

Schwachkopf! Du bewunderst Brutus?

Bürger.

Von ganzer Seele.

Dumas.

Muß man denn gerade römischer Konsul sein und sein Haupt mit der Toga

verhüllen können, um sein Liebstes dem Vaterlande zu opfern? Ich werde

mir die Augen mit dem Ärmel meines roten Fracks abwischen; das ist der

ganze Unterschied.

Bürger.

Das ist entsetzlich!

Dumas.

Geh, du begreifst mich nicht! (Sie gehen ab.)

Dritte Szene

Die Conciergerie

Lacroix, Hérault auf einem Bett, Danton, Camille auf einem andern.

Lacroix.

Die Haare wachsen einem so und die Nägel, man muß sich wirklich

schämen.

Hérault.

Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Sie niesen mir das ganze Gesicht

voll Sand!

Lacroix.

Und treten Sie mir nicht so auf die Füße, Bester, ich habe

Hühneraugen!

Hérault.

Sie leiden noch an Ungeziefer.

Lacroix.

Ach, wenn ich nur einmal die Würmer ganz los wäre!

Hérault.

Nun, schlafen Sie wohl! wir müssen sehen, wie wir miteinander

zurechtkommen, wir haben wenig Raum. - Kratzen Sie mich nicht mit

Ihren Nägeln im Schlaf! - So! Zerren Sie nicht so am Leichtuch, es ist

kalt da unten! -

Danton.

Ja, Camille, morgen sind wir durchgelaufne Schuhe, die man der

Bettlerin Erde in den Schoß wirft.

Camille.

Das Rindsleder, woraus nach Platon die Engel sich Pantoffeln

geschnitten und damit auf der Erde herumtappen. Es geht aber auch

danach. - Meine Lucile!

Danton.

Sei ruhig, mein Junge!

Camille.

Kann ich's? Glaubst du, Danton? Kann ich's? Sie können die Hände nicht

an sie legen! Das Licht der Schönheit, das von ihrem süßen Leib sich

ausgießt, ist unlöschbar. Sieh, die Erde würde nicht wagen, sie zu

verschütten; sie würde sich um sie wölben, der Grabdunst würde wie Tau

an ihren Wimpern funkeln, Kristalle würden wie Blumen um ihre Glieder

sprießen und helle Quellen in Schlaf sie murmeln.

Danton.

Schlafe, mein Junge, schlafe!

Camille.

Höre, Danton, unter uns gesagt, es ist so elend, sterben müssen. Es

hilft auch zu nichts. Ich will dem Leben noch die letzten Blicke aus

seinen hübschen Augen stehlen, ich will die Augen offen haben.

Danton.

Du wirst sie ohnehin offen behalten, Samson drückt einem die Augen

nicht zu. Der Schlaf ist barmherziger. Schlafe, mein Junge,

schlafe!

Camille.

Lucile, deine Küsse phantasieren auf meinen Lippen; jeder Kuß wird ein

Traum, meine Augen sinken und schließen ihn fest ein. -

Danton.

Will denn die Uhr nicht ruhen? Mit jedem Picken schiebt sie die Wände

enger um mich, bis sie so eng sind wie ein Sarg. - Ich las einmal als

Kind so 'ne Geschichte, die Haare standen mir zu Berg. Ja, als Kind!

Das war der Mühe wert, mich so groß zu füttern und mich warm zu

halten. Bloß Arbeit für den Totengräber!

Es ist mir, als röch' ich schon. Mein lieber Leib, ich will mir die

Nase zuhalten und mir einbilden, du seist ein Frauenzimmer, was vom

Tanzen schwitzt und stinkt, und dir Artigkeiten sagen. Wir haben uns

sonst schon mehr miteinander die Zeit vertrieben.

Morgen bist du eine zerbrochene Fiedel; die Melodie darauf ist

ausgespielt. Morgen bist du eine leere Bouteille; der Wein ist

ausgetrunken, aber ich habe keinen Rausch davon und gehe nüchtern zu

Bett - das sind glückliche Leute, die sich noch besaufen können.

Morgen bist du eine durchgerutschte Hose; du wirst in die Garderobe

geworfen, und die Motten werden dich fressen, du magst stinken, wie du

willst.

Ach, das hilft nichts! Jawohl, es ist so elend, sterben müssen. Der

Tod äfft die Geburt; beim Sterben sind wir so hilflos und nackt wie

neugeborne Kinder. Freilich, wir bekommen das Leichentuch zur Windel.

Was wird es helfen? Wir können im Grab so gut wimmern wie in der

Wiege.

Camille! Er schläft; (indem er sich über ihn bückt:) ein Traum spielt

zwischen seinen Wimpern. Ich will den goldnen Tau des Schlafes ihm

nicht von den Augen streifen

(Er erhebt sich und tritt ans Fenster.) Ich werde nicht allein gehn:

ich danke dir, Julie! doch hätte ich anders sterben mögen, so ganz

mühelos, so wie ein Stern fällt, wie ein Ton sich selbst aushaucht,

sich mit den eignen Lippen totküßt, wie ein Lichtstrahl in klaren

Fluten sich begräbt. - Wie schimmernde Tränen sind die Sterne durch

die Nacht gesprengt; es muß ein großer Jammer in dem Aug' sein, von

dem sie abträufelten.

Camille.

Oh! (Er hat sich aufgerichtet und tastet nach der Decke.)

Danton.

Was hast du, Camille?

Camille.

Oh, oh!

Danton (schüttelt ihn).

Willst du die Decke herunterkratzen?

Camille.

Ach du, du - o halt mich! sprich, du!

Danton.

Du bebst an allen Gliedern, der Schweiß steht dir auf der Stirne.

Camille.

Das bist du, das ich - so! Das ist meine Hand! Ja! jetzt besinn ich

mich. O Danton, das war entsetzlich!

Danton.

Was denn?

Camille.

Ich lag so zwischen Traum und Wachen. Da schwand die Decke, und der

Mond sank herein, ganz nahe, ganz dicht, mein Arm erfaßt' ihn. Die

Himmelsdecke mit ihren Lichtern hatte sich gesenkt, ich stieß daran,

ich betastete die Sterne, ich taumelte wie ein Ertrinkender unter der

Eisdecke. Das war entsetzlich, Danton!

Danton.

Die Lampe wirft einen runden Schein an die Decke, das sahst du.

Camille.

Meinetwegen, es braucht grade nicht viel, um einem das bißchen

Verstand verlieren zu machen. Der Wahnsinn faßte mich bei den Haaren.

(Er erhebt sich.) Ich mag nicht mehr schlafen, ich mag nicht verrückt

werden. (Er greift nach einem Buch.)

Danton.

Was nimmst du?

Camille.

Die Nachtgedanken.

Danton.

Willst du zum voraus sterben? Ich nehme die Pucelle. Ich will mich aus

dem Leben nicht wie aus dem Betstuhl, sondern wie aus dem Bett einer

Barmherzigen Schwester wegschleichen. Es ist eine Hure; es treibt mit

der ganzen Welt Unzucht.

Vierte Szene

Platz vor der Conciergerie

Ein Schließer. Zwei Fuhrleute mit Karren. Weiber.

Schließer.

Wer hat euch herfahren geheißen?

Erster Fuhrmann.

Ich heiße nicht Herfahren, das ist ein kurioser Namen.

Schließer.

Dummkopf, wer hat dir die Bestallung dazu gegeben?

Erster Fuhrmann.

Ich habe keine Stallung dazu kriegt, nichts als zehn Sous für den

Kopf.

Zweiter Fuhrmann.

Der Schuft will mich ums Brot bringen.

Erster Fuhrmann.

Was nennst du dein Brot? (Auf die Fenster der Gefangnen deutend:) Das

ist Wurmfraß.

Zweiter Fuhrmann.

Meine Kinder sind auch Würmer, und die wollen auch ihr Teil davon. Oh,

es geht schlecht mit unsrem Metier, und doch sind wir die besten

Fuhrleute.

Erster Fuhrmann.

Wie das?

Zweiter Fuhrmann.

Wer ist der beste Fuhrmann?

Erster Fuhrmann.

Der am weitesten und am schnellsten fährt.

Zweiter Fuhrmann.

Nun, Esel, wer fährt weiter, als der aus der Welt fährt, und wer fährt

schneller, als der 's in einer Viertelstunde tut? Genau gemessen ist's

eine Viertelstunde von da bis zum Revolutionsplatz.

Schließer.

Rasch, ihr Schlingel! Näher ans Tor; Platz da, ihr Mädel!

Erster Fuhrmann.

Halt't Euren Platz vor! Um ein Mädel fährt man nit herum, immer in die

Mitt' 'nein.

Zweiter Fuhrmann.

Ja, das glaub ich: du kannst mit Karren und Gäulen hinein, du findst

gute Gleise; aber du mußt Quarantäne halten, wenn du herauskommst.

(Sie fahren vor.)

Zweiter Fuhrmann. (zu den Weibern).

Was gafft ihr?

Ein Weib.

Wir warten auf alte Kunden.

Zweiter Fuhrmann.

Meint ihr, mein Karren wär' ein Bordell? Er ist ein anständiger

Karren, er hat den König und alle vornehmen Herren aus Paris zur Tafel

gefahren.

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster

der Gefangnen).

Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) Höre, Camille, du

machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor

dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? - Ich

will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehn zwei Sternlein an dem Himmel,

Scheinen heller als der Mond,

Der ein' scheint vor Feinsliebchens Fenster,

Der andre vor die Kammertür.

Komm, komm, mein Freund! Leise die Truppe herauf, sie schlafen alle.

Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst ja nicht zum Tor

herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß,

mach ein Ende! Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht?

Du machst mir Angst.

Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so

ernsthafte Gesichter. Sterben! ich muß lachen über die Gesichter.

Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag mir's, Camille. Sterben! Ich

will nachdenken. Da, da ist's. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer

Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft).

Lucile! Lucile!

Fünfte Szene

Die Conciergerie

Danton an einem Fenster, was ins nächste Zimmer geht. Camille.

Philippeau. Lacroix. Hérault.

Danton.

Du bist jetzt ruhig, Fabre.

Eine Stimme (von innen).

Am Sterben.

Danton.

Weißt du auch, was wir jetzt machen werden?

Die Stimme.

Nun?

Danton.

Was du dein ganzes Leben hindurch gemacht hast - des vers.

Camille (für sich).

Der Wahnsinn saß hinter ihren Augen. Es sind schon mehr Leute

wahnsinnig geworden, das ist der Lauf der Welt. Was können wir dazu?

Wir waschen unsere Hände -. Es ist auch besser so.

Danton.

Ich lasse alles in einer schrecklichen Verwirrung. Keiner versteht das

Regieren. Es könnte vielleicht noch gehn, wenn ich Robespierre meine

Huren und Couthon meine Waden hinterließe.

Lacroix.

Wir hätten die Freiheit zur Hure gemacht!

Danton.

Was wäre es auch! Die Freiheit und eine Hure sind die

kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt

anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren. Aber ich

denke, sie wird die Klytämnestra gegen ihn spielen; ich lasse ihm

keine sechs Monate Frist, ich ziehe ihn mit mir.

Camille (für sich).

Der Himmel verhelf ihr zu einer behaglichen fixen Idee. Die

allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind

unerträglich langweilig. Der glücklichste Mensch war der, welcher sich

einbilden konnte, daß er Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist sei.

Lacroix.

Die Esel werden schreien »Es lebe die Republik«, wenn wir vorbeigehen.

Danton.

Was liegt daran? Die Sündflut der Revolution mag unsere Leichen

absetzen, wo sie will; mit unsern fossilen Knochen wird man noch immer

allen Königen die Schädel einschlagen können.

Hérault.

Ja, wenn sich gerade ein Simson für unsere Kinnbacken findet.

Danton.

Sie sind Kainsbrüder.

Lacroix.

Nichts beweist mehr, daß Robespierre ein Nero ist, als der Umstand,

daß er gegen Camille nie freundlicher war als zwei Tage vor dessen

Verhaftung. Ist es nicht so, Camille?

Camille.

Meinetwegen, was geht das mich an? - (Für sich:) Was sie an dem

Wahnsinn ein reizendes Kind geboren hat! Warum muß ich jetzt fort? Wir

hätten zusammen mit ihm gelacht, es gewiegt und geküßt.

Danton.

Wenn einmal die Geschichte ihre Grüfte öffnet, kann der Despotismus

noch immer an dem Duft unsrer Leichen ersticken.

Hérault.

Wir stanken bei Lebzeiten schon hinlänglich. - Das sind Phrasen für

die Nachwelt, nicht wahr, Danton; uns gehn sie eigentlich nichts

an.

Dantons Tod · 第 4 / 5 段