Camille.

Er zieht ein Gesicht, als solle es versteinern und von der Nachwelt

als Antike ausgegraben werden. Das verlohnt sich auch der Mühe,

Mäulchen zu machen und Rot aufzulegen und mit einem guten Akzent zu

sprechen; wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir sähen dann, wie

in einem Zimmer mit Spiegeln, überall nur den einen uralten,

zahnlosen, unverwüstlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger.

Die Unterschiede sind so groß nicht, wir alle sind Schurken und Engel,

Dummköpfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier Dinge

finden Platz genug in dem nämlichen Körper, sie sind nicht so breit,

als man sich einbildet. Schlafen, Verdauen, Kinder machen - das

treiben alle; die übrigen Dinge sind nur Variationen aus verschiedenen

Tonarten über das nämliche Thema. Da braucht man sich auf die Zehen zu

stellen und Gesichter zu schneiden, da braucht man sich voreinander zu

genieren! Wir haben uns alle am nämlichen Tische krank gegessen und

haben Leibgrimmen; was haltet ihr euch die Servietten vor das Gesicht?

Schreit nur und greint, wie es euch ankommt! Schneidet nur keine so

tugendhafte und so witzige und so heroische und so geniale Grimassen,

wir kennen uns ja einander, spart euch die Mühe!

Hérault.

Ja, Camille, wir wollen uns beieinandersetzen und schreien; nichts

dummer, als die Lippen zusammenzupressen, wenn einem was weh tut. -

Griechen und Götter schrien, Römer und Stoiker machten die heroische

Fratze.

Danton.

Die einen waren so gut Epikureer wie die andern. Sie machten sich ein

ganz behagliches Selbstgefühl zurecht. Es ist nicht so übel, seine

Toga zu drapieren und sich umzusehen, ob man einen langen Schatten

wirft. Was sollen wir uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblätter,

Rosenkränze oder Weinlaub vor die Scham binden oder das häßliche Ding

offen tragen und es uns von den Hunden lecken lassen?

Philippeau.

Meine Freunde, man braucht gerade nicht hoch über der Erde zu stehen,

um von all dem wirren Schwanken und Flimmern nichts mehr zu sehen und

die Augen von einigen großen, göttlichen Linien erfüllt zu haben. Es

gibt ein Ohr, für welches das Ineinanderschreien und der Zeter, die

uns betäuben, ein Strom von Harmonien sind.

Danton.

Aber wir sind die armen Musikanten und unsere Körper die Instrumente.

Sind denn die häßlichen Töne, welche auf ihnen herausgepfuscht werden,

nur da, um höher und höher dringend und endlich leise verhallend wie

ein wollüstiger Hauch in himmlischen Ohren zu sterben?

Hérault.

Sind wir wie Ferkel, die man für fürstliche Tafeln mit Ruten

totpeitscht, damit ihr Fleisch schmackhafter werde?

Danton.

Sind wir Kinder, die in den glühenden Molochsarmen dieser Welt

gebraten und mit Lichtstrahlen gekitzelt werden, damit die Götter sich

über ihr Lachen freuen?

Camille.

Ist denn der Äther mit seinen Goldaugen eine Schüssel mit Goldkarpfen,

die am Tisch der seligen Götter steht, und die seligen Götter lachen

ewig, und die Fische sterben ewig, und die Götter erfreuen sich ewig

am Farbenspiel des Todeskampfes?

Danton.

Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.

(Der Schließer tritt ein.)

Schließer.

Meine Herren, Sie können abfahren, die Wagen halten vor der Tür.

Philippeau.

Gute Nacht, meine Freunde! Legen wir ruhig die große Decke über uns,

worunter alle Herzen ausschlagen und alle Augen zufallen. (Sie umarmen

einander.)

Hérault. (nimmt Camilles Arm).

Freue dich, Camille, wir bekommen eine schöne Nacht. Die Wolken hängen

am stillen Abendhimmel wie ein ausglühender Olymp mit verbleichenden,

versinkenden Göttergestalten. (Sie gehen ab.)

Sechste Szene

Ein Zimmer

Julie.

Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still. Keinen Augenblick

möchte ich ihn warten lassen. (Sie zieht eine Phiole hervor.) Komm,

liebster Priester, dessen Amen uns zu Bette gehn macht. (Sie tritt ans

Fenster.) Es ist so hübsch, Abschied zu nehmen; ich habe die Türe nur

noch hinter mir zuzuziehen. (Sie trinkt.)

Man möchte immer so stehn. - Die Sonne ist hinunter; der Erde Züge

waren so scharf in ihrem Licht, doch jetzt ist ihr Gesicht so still

und ernst wie einer Sterbenden. - Wie schön das Abendlicht ihr um

Stirn und Wangen spielt. - Stets bleicher und bleicher wird sie, wie

eine Leiche treibt sie abwärts in der Flut des Äthers. Will denn kein

Arm sie bei den goldnen Locken fassen und aus dem Strom sie ziehen und

sie begraben?

Ich gehe leise. Ich küsse sie nicht, daß kein Hauch, kein Seufzer sie

aus dem Schlummer wecke. - Schlafe, schlafe! (Sie stirbt.)

Siebente Szene

Der Revolutionsplatz

Die Wagen kommen angefahren und halten vor der Guillotine. Männer und

Weiber singen und tanzen die Carmagnole. Die Gefangenen stimmen die

Marseillaise an.

Ein Weib (mit Kindern).

Platz! Platz! Die Kinder schreien, sie haben Hunger. Ich muß sie

zusehen machen, daß sie still sind. Platz!

Ein Weib.

He, Danton, du kannst jetzt mit den Würmern Unzucht treiben.

Eine andere.

Hérault, aus deinen hübschen Haaren laß ich mir eine Perücke machen.

Hérault.

Ich habe nicht Waldung genug für einen so abgeholzten Venusberg.

Camille.

Verfluchte Hexen! Ihr werdet noch schreien: »Ihr Berge, fallet auf

uns!«

Ein Weib.

Der Berg ist auf euch, oder ihr seid ihn vielmehr hinuntergefallen.

Danton (zu Camille).

Ruhig, mein Junge! Du hast dich heiser geschrien.

Camille (gibt dem Fuhrmann Geld).

Da, alter Charon, dein Karren ist ein guter Präsentierteller! - Meine

Herren, ich will mich zuerst servieren. Das ist ein klassisches

Gastmahl; wir liegen auf unsern Plätzen und verschütten etwas Blut als

Libation. Adieu, Danton! (Er besteigt das Blutgerüst, die Gefangnen

folgen ihm, einer nach dem andern. Danton steigt zuletzt hinauf.)

Lacroix (zu dem Volk).

Ihr tötet uns an dem Tage, wo ihr den Verstand verloren habt; ihr

werdet sie an dem töten, wo ihr ihn wiederbekommt.

Einige Stimmen.

Das war schon einmal da; wie langweilig!

Lacroix.

Die Tyrannen werden über unsern Gräbern den Hals brechen.

Hérault (zu Danton).

Er hält seine Leiche für ein Mistbeet der Freiheit.

Philippeau (auf dem Schafott).

Ich vergebe euch; ich wünsche, eure Todesstunde sei nicht bittrer als

die meinige.

Hérault.

Dacht' ich's doch! er muß sich noch einmal in den Busen greifen und

den Leuten da unten zeigen, daß er reine Wäsche hat.

Fabre.

Lebe wohl, Danton! Ich sterbe doppelt.

Danton.

Adieu, mein Freund! Die Guillotine ist der beste Arzt.

Hérault (will Danton umarmen).

Ach, Danton, ich bringe nicht einmal einen Spaß mehr heraus. Da ist's

Zeit. (Ein Henker stößt ihn zurück.)

Danton (zum Henker).

Willst du grausamer sein als der Tod? Kannst du verhindern, daß unsere

Köpfe sich auf dem Boden des Korbes küssen?

Achte Szene

Eine Straße

Lucile.

Es ist doch was wie Ernst darin. Ich will einmal nachdenken. Ich fange

an, so was zu begreifen.

Sterben - Sterben -! - Es darf ja alles leben, alles, die kleine Mücke

da, der Vogel. Warum denn er nicht? Der Strom des Lebens müßte

stocken, wenn nur der eine Tropfen verschüttet würde. Die Erde müßte

eine Wunde bekommen von dem Streich.

Es regt sich alles, die Uhren gehen, die Glocken schlagen, die Leute

laufen, das Wasser rinnt, und so alles weiter bis da, dahin - nein, es

darf nicht geschehen, nein, ich will mich auf den Boden setzen und

schreien, daß erschrocken alles stehn bleibt, alles stockt, sich

nichts mehr regt. (Sie setzt sich nieder, verhüllt sich die Augen und

stößt einen Schrei aus. Nach einer Pause erhebt sie sich:) Das hilft

nichts, da ist noch alles wie sonst; die Häuser, die Gasse, der Wind

geht, die Wolken ziehen. - Wir müssen's wohl leiden.

(Einige Weiber kommen die Gasse herunter.)

Erstes Weib.

Ein hübscher Mann, der Hérault!

Zweites Weib.

Wie er beim Konstitutionsfest so am Triumphbogen stand, da dacht' ich

so, der muß sich gut auf der Guillotine ausnehmen, dacht' ich. Das war

so 'ne Ahnung.

Drittes Weib.

Ja, man muß die Leute in allen Verhältnissen sehen; es ist recht gut,

daß das Sterben so öffentlich wird. (Sie geben vorbei.)

Lucile.

Mein Camille! Wo soll ich dich jetzt suchen?

Neunte Szene

Der Revolutionsplatz

Zwei Henker, an der Guillotine beschäftigt.

Erster Henker (steht auf der Guillotine und singt).

Und wann ich hame geh,

Scheint der Mond so scheh...

Zweiter Henker.

He, holla! Bist bald fertig?

Erster Henker.

Gleich, gleich! (Singt:)

Scheint in meines Ellervaters Fenster -

Kerl, wo bleibst so lang bei de Menscher?

So! Die Jacke her! (Sie gehn singend ab:)

Und wann ich hame geh,

Scheint der Mond so scheh...

Lucile (tritt auf und setzt sich auf die Stufen der Guillotine).

Ich setze mich auf deinen Schoß, du stiller Todesengel. (Sie singt:)

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,

Hat Gewalt vom höchsten Gott.

Du liebe Wiege, die du meinen Camille in Schlaf gelullt, ihn unter

deinen Rosen erstickt hast. Du Totenglocke, die du ihn mit deiner

süßen Zunge zu Grabe sangst. (Sie singt:)

Viel Hunderttausend ungezählt,

Was nur unter die Sichel fällt.

(Eine Patrouille tritt auf.)

Ein Bürger.

He, wer da?

Lucile (sinnend und wie einen Entschluß fassend, plötzlich).

Es lebe der König!

Bürger.

Im Namen der Republik! (Sie wird von der Wache umringt und

weggeführt.)

Dantons Tod · 第 5 / 5 段