Die Schritte der Menschheit sind langsam, man kann sie nur nach

Jahrhunderten zählen; hinter jedem erheben sich die Gräber von

Generationen. Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und

Grundsätzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege

starben. Ist es denn nicht einfach, daß zu einer Zeit, wo der Gang der

Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen?

Wir schließen schnell und einfach: Da alle unter gleichen

Verhältnissen geschaffen werden, so sind alle gleich, die Unterschiede

abgerechnet, welche die Natur selbst gemacht hat; es darf daher jeder

Vorzüge und darf daher keiner Vorrechte haben, weder ein einzelner

noch eine geringere oder größere Klasse von Individuen. - Jedes Glied

dieses in der Wirklichkeit angewandten Satzes hat seine Menschen

getötet. Der 14. Juli, der 10. August, der 31. Mai sind seine

Interpunktionszeichen. Er hatte vier Jahre Zeit nötig, um in der

Körperwelt durchgeführt zu werden, und unter gewöhnlichen Umständen

hätte er ein Jahrhundert dazu gebraucht und wäre mit Generationen

interpunktiert worden. Ist es da so zu verwundern, daß der Strom der

Revolution bei jedem Absatz, bei jeder neuen Krümmung seine Leichen

ausstößt?

Wir werden unserm Satze noch einige Schlüsse hinzuzufügen haben;

sollen einige hundert Leichen uns verhindern, sie zu machen? - Moses

führte sein Volk durch das Rote Meer und in die Wüste, bis die alte

verdorbne Generation sich aufgerieben hatte, eh' er den neuen Staat

gründete. Gesetzgeber! Wir haben weder das Rote Meer noch die Wüste,

aber wir haben den Krieg und die Guillotine.

Die Revolution ist wie die Töchter des Pelias: sie zerstückt die

Menschheit, um sie zu verjüngen. Die Menschheit wird aus dem

Blutkessel wie die Erde aus den Wellen der Sündflut mit urkräftigen

Gliedern sich erheben, als wäre sie zum ersten Male geschaffen.

(Langer, anhaltender Beifall. Einige Mitglieder erheben sich im

Enthusiasmus.)

Alle geheimen Feinde der Tyrannei, welche in Europa und auf dem ganzen

Erdkreise den Dolch des Brutus unter ihren Gewändern tragen, fordern

wir auf, diesen erhabnen Augenblick mit uns zu teilen. (Die Zuhörer

und die Deputierten stimmen die Marseillaise an.)

Dritter Akt

Erste Szene

Das Luxembourg. Ein Saal mit Gefangnen

Chaumette, Payne, Mercier, Hérault-Séchelles und andre Gefangne.

Chaumette (zupft Payne am Ärmel).

Hören Sie, Payne, es könnte doch so sein, vorhin überkam es mich so;

ich habe heute Kopfweh, helfen Sie mir ein wenig mit Ihren Schlüssen,

es ist mir ganz unheimlich zumut.

Payne.

So komm, Philosoph Anaxagoras, ich will dich katechisieren. - Es gibt

keinen Gott, denn: Entweder hat Gott die Welt geschaffen oder nicht.

Hat er sie nicht geschaffen, so hat die Welt ihren Grund in sich, und

es gibt keinen Gott, da Gott nur dadurch Gott wird, daß er den Grund

alles Seins enthält. Nun kann aber Gott die Welt nicht geschaffen

haben; denn entweder ist die Schöpfung ewig wie Gott, oder sie hat

einen Anfang. Ist letzteres der Fall, so muß Gott sie zu einem

bestimmten Zeitpunkt geschaffen haben, Gott muß also, nachdem er eine

Ewigkeit geruht, einmal tätig geworden sein, muß also einmal eine

Veränderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf ihn

anwenden läßt, was beides gegen das Wesen Gottes streitet. Gott kann

also die Welt nicht geschaffen haben. Da wir nun aber sehr deutlich

wissen, daß die Welt oder daß unser Ich wenigstens vorhanden ist und

daß sie dem Vorhergehenden nach also auch ihren Grund in sich oder in

etwas haben muß, das nicht Gott ist, so kann es keinen Gott geben.

Quod erat demonstrandum.

Chaumette.

Ei wahrhaftig, das gibt mir wieder Licht; ich danke, danke!

Mercier.

Halten Sie, Payne! Wenn aber die Schöpfung ewig ist?

Payne.

Dann ist sie schon keine Schöpfung mehr, dann ist sie eins mit Gott

oder ein Attribut desselben, wie Spinoza sagt; dann ist Gott in allem,

in Ihnen, Wertester, im Philosoph Anaxagoras und in mir. Das wäre so

übel nicht, aber Sie müssen mir zugestehen, daß es gerade nicht viel

um die himmlische Majestät ist, wenn der liebe Herrgott in jedem von

uns Zahnweh kriegen, den Tripper haben, lebendig begraben werden oder

wenigstens die sehr unangenehmen Vorstellungen davon haben kann.

Mercier.

Aber eine Ursache muß doch da sein.

Payne.

Wer leugnet dies? Aber wer sagt Ihnen denn, daß diese Ursache das sei,

was wir uns als Gott, d. h. als das Vollkommne denken? Halten Sie die

Welt für vollkommen?

Mercier.

Nein.

Payne.

Wie wollen Sie denn aus einer unvollkommnen Wirkung auf eine

vollkommne Ursache schließen? - Voltaire wagte es ebensowenig mit Gott

als mit den Königen zu verderben, deswegen tat er es. Wer einmal

nichts hat als Verstand und ihn nicht einmal konsequent zu gebrauchen

weiß oder wagt, ist ein Stümper.

Mercier.

Ich frage dagegen: kann eine vollkommne Ursache eine vollkommne

Wirkung haben, d. h. kann etwas Vollkommnes was Vollkommnes schaffen?

Ist das nicht unmöglich, weil das Geschaffne doch nie seinen Grund in

sich haben kann, was doch, wie Sie sagten, zur Vollkommenheit gehört?

Chaumette.

Schweigen Sie! Schweigen Sie!

Payne.

Beruhige dich, Philosoph! - Sie haben recht; aber muß denn Gott einmal

schaffen, kann er nur was Unvollkommnes schaffen, so läßt er es

gescheuter ganz bleiben. Ist's nicht sehr menschlich, uns Gott nur als

schaffend denken zu können? Weil wir uns immer regen und schütteln

müssen, um uns nur immer sagen zu können: wir sind! müssen wir Gott

auch dies elende Bedürfnis andichten? - Müssen wir, wenn sich unser

Geist in das Wesen einer harmonisch in sich ruhenden, ewigen Seligkeit

versenkt, gleich annehmen, sie müsse die Finger ausstrecken und über

Tisch Brotmännchen kneten? aus überschwenglichem Liebesbedürfnis, wie

wir uns ganz geheimnisvoll in die Ohren sagen. Müssen wir das alles,

bloß um uns zu Göttersöhnen zu machen? Ich nehme mit einem geringern

Vater vorlieb; wenigstens werd ich ihm nicht nachsagen können, daß er

mich unter seinem Stande in Schweineställen oder auf den Galeeren habe

erziehen lassen.

Schafft das Unvollkommne weg, dann allein könnt ihr Gott

demonstrieren; Spinoza hat es versucht. Man kann das Böse leugnen,

aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das

Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras: warum leide ich?

Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und

rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von

oben bis unten.

Mercier.

Und die Moral?

Payne.

Erst beweist ihr Gott aus der Moral und dann die Moral aus Gott! - Was

wollt ihr denn mit eurer Moral? Ich weiß nicht, ob es an und für sich

was Böses oder was Gutes gibt, und habe deswegen doch nicht nötig,

meine Handlungsweise zu ändern. Ich handle meiner Natur gemäß; was ihr

angemessen, ist für mich gut und ich tue es, und was ihr zuwider, ist

für mich bös und ich tue es nicht und verteidige mich dagegen, wenn es

mir in den Weg kommt. Sie können, wie man so sagt, tugendhaft bleiben

und sich gegen das sogenannte Laster wehren, ohne deswegen ihre Gegner

verachten zu müssen, was ein gar trauriges Gefühl ist.

Chaumette.

Wahr, sehr wahr!

Hérault.

O Philosoph Anaxagoras, man könnte aber auch sagen: damit Gott alles

sei, müsse er auch sein eignes Gegenteil sein, d. h. vollkommen und

unvollkommen, bös und gut, selig und leidend; das Resultat freilich

würde gleich Null sein, es würde sich gegenseitig heben, wir kämen zum

Nichts. - Freue dich, du kömmst glücklich durch: du kannst ganz ruhig

in Madame Momoro das Meisterstück der Natur anbeten, wenigstens hat

sie dir die Rosenkränze dazu in den Leisten gelassen.

Chaumette.

Ich danke Ihnen verbindlichste meine Herren! (Ab.)

Payne.

Er traut noch nicht, er wird sich zu guter Letzt noch die Ölung geben,

die Füße nach Mekka zu legen und sich beschneiden lassen, um ja keinen

Weg zu verfehlen.

(Danton, Lacroix, Camille, Philippeau werden hereingeführt.)

Hérault. (läuft auf Danton zu und umarmt ihn).

Guten Morgen! Gute Nacht sollte ich sagen. Ich kann nicht fragen, wie

hast du geschlafen -: wie wirst du schlafen?

Danton.

Nun gut, man muß lachend zu Bett gehn.

Mercier (zu Payne).

Diese Dogge mit Taubenflügeln! Er ist der böse Genius der Revolution;

er wagte sich an seine Mutter, aber sie war stärker als er.

Payne.

Sein Leben und sein Tod sind ein gleich großes Unglück.

Lacroix (zu Danton).

Ich dachte nicht, daß sie so schnell kommen würden.

Danton.

Ich wußt' es, man hatte mich gewarnt.

Lacroix.

Und du hast nichts gesagt?

Danton.

Zu was? Ein Schlagfluß ist der beste Tod; wolltest du zuvor krank

sein? Und - ich dachte nicht, daß sie es wagen würden. (Zu Hérault:)

Es ist besser, sich in die Erde legen als sich Leichdörner auf ihr

laufen; ich habe sie lieber zum Kissen als zum Schemel.

Hérault.

Wir werden wenigstens nicht mit Schwielen an den Fingern der hübschen

Dame Verwesung die Wangen streicheln.

Camille (zu Danton).

Gib dir nur keine Mühe! du magst die Zunge noch so weit zum Hals

heraushängen, du kannst dir damit doch nicht den Todesschweiß von der

Stirne lecken. - O Lucile! Das ist ein großer Jammer!

(Die Gefangnen drängen sich um die neu Angekommnen.)

Danton (zu Payne).

Was Sie für das Wohl Ihres Landes getan, habe ich für das meinige

versucht. Ich war weniger glücklich, man schickt mich aufs Schafott;

meinetwegen, ich werde nicht stolpern.

Mercier (zu Danton).

Das Blut der Zweiundzwanzig ersäuft dich.

Ein Gefangener (zu Hérault).

Die Macht des Volkes und die Macht der Vernunft sind eins.

Ein andrer (zu Camille).

Nun, Generalprokurator der Laterne, deine Verbesserung der

Straßenbeleuchtung hat in Frankreich nicht heller gemacht.

Ein andrer.

Laßt ihn! Das sind die Lippen, welche das Wort »Erbarmen« gesprochen.

(Er umarmt Camille, mehrere Gefangne folgen seinem Beispiel.)

Philippeau.

Wir sind Priester, die mit Sterbenden gebetet haben; wir sind

angesteckt worden und sterben an der nämlichen Seuche.

Einige Stimmen.

Der Streich, der euch trifft, tötet uns alle.

Camille.

Meine Herren, ich beklage sehr, daß unsere Anstrengungen so fruchtlos

waren; ich gehe aufs Schafott, weil mir die Augen über das Los einiger

Unglücklichen naß geworden.

Zweite Szene

Ein Zimmer

Fouquier-Tinville. Herman.

Fouquier.

Alles bereit?

Herman.

Es wird schwer halten; wäre Danton nicht darunter, so ginge es leicht.

Fouquier.

Er muß vortanzen.

Herman.

Er wird die Geschwornen erschrecken, er ist die Vogelscheuche der

Revolution.

Fouquier.

Die Geschwornen müssen wollen.

Herman.

Ein Mittel wüßt' ich, aber es wird die gesetzliche Form verletzen.

Fouquier.

Nur zu!

Herman.

Wir losen nicht, sondern suchen die Handfesten aus.

Fouquier.

Das muß gehen. - Das wird ein gutes Heckefeuer geben. Es sind ihrer

neunzehn. Sie sind geschickt zusammengewörfelt. Die vier Fälscher,

dann einige Bankiers und Fremde. Es ist ein pikantes Gericht. Das Volk

braucht dergleichen. - Also zuverlässige Leute! Wer zum Beispiel?

Herman.

Leroi. Er ist taub und hört daher nichts von all dem, was die

Angeklagten vorbringen. Danton mag sich den Hals bei ihm rauh

schreien.

Fouquier.

Sehr gut; weiter!

Herman.

Vilatte und Lumière. Der eine sitzt immer in der Trinkstube, und der

andere schläft immer; beide öffnen den Mund nur, um das Wort

»Schuldig« zu sagen. - Girard hat den Grundsatz, es dürfe keiner

entwischen, der einmal vor das Tribunal gestellt sei.

Renaudin...

Fouquier.

Auch der? Er half einmal einigen Pfaffen durch.

Herman.

Sei ruhig! Vor einigen Tagen kommt er zu mir und verlangt, man solle

allen Verurteilten vor der Hinrichtung zur Ader lassen, um sie ein

wenig matt zu machen; ihre meist trotzige Haltung ärgere ihn.

Fouquier.

Ach, sehr gut. Also ich verlasse mich!

Herman.

Laß mich nur machen!

Dritte Szene

Die Conciergerie. Ein Korridor

Lacroix, Danton, Mercier und andre Gefangne auf und ab gehend.

Lacroix (zu einem Gefangnen).

Wie, so viel Unglückliche, und in einem so elenden Zustande?

Der Gefangne.

Haben Ihnen die Guillotinenkarren nie gesagt, daß Paris eine

Schlachtbank sei?

Mercier.

Nicht wahr, Lacroix, die Gleichheit schwingt ihre Sichel über allen

Häuptern, die Lava der Revolution fließt, die Guillotine

republikanisiert! Da klatschen die Galerien, und die Römer reiben sich

die Hände; aber sie hören nicht, daß jedes dieser Worte das Röcheln

eines Opfers ist. Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo

sie verkörpert werden. - Blickt um euch, das alles habt ihr

gesprochen; es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte. Diese

Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordnen

Reden. Ihr bautet eure Systeme, wie Bajazet seine Pyramiden, aus

Menschenköpfen.

Danton.

Du hast recht - man arbeitet heutzutag alles in Menschenfleisch. Das

ist der Fluch unserer Zeit. Mein Leib wird jetzt auch verbraucht.

Es ist grade ein Jahr, daß ich das Revolutionstribunal schuf. Ich

bitte Gott und Menschen dafür um Verzeihung; ich wollte neuen

Septembermorden zuvorkommen, ich hoffte die Unschuldigen zu retten,

aber dies langsame Morden mit seinen Formalitäten ist gräßlicher und

ebenso unvermeidlich. Meine Herren, ich hoffte, Sie alle diesen Ort

verlassen zu machen.

Mercier.

Oh, herausgehen werden wir.

Danton.

Ich bin jetzt bei Ihnen; der Himmel weiß, wie das enden soll.

Vierte Szene

Das Revolutionstribunal

Herman (zu Danton).

Ihr Name, Bürger.

Danton.

Die Revolution nennt meinen Namen. Meine Wohnung ist bald im Nichts

und mein Name im Pantheon der Geschichte.

Herman.

Danton, der Konvent beschuldigt Sie, mit Mirabeau, mit Dumouriez, mit

Orléans, mit den Girondisten, den Fremden und der Faktion Ludwigs des

XVII. konspiriert zu haben.

Danton.

Meine Stimme, die ich so oft für die Sache des Volkes ertönen ließ,

wird ohne Mühe die Verleumdung zurückweisen. Die Elenden, welche mich

anklagen, mögen hier erscheinen, und ich werde sie mit Schande

bedecken. Die Ausschüsse mögen sich hierher begeben, ich werde nur vor

ihnen antworten. Ich habe sie als Kläger und als Zeugen nötig. Sie

mögen sich zeigen.

Übrigens, was liegt mir an euch und eurem Urteil? Ich hab es euch

schon gesagt: das Nichts wird bald mein Asyl sein; - das Leben ist mir

zur Last, man mag mir es entreißen, ich sehne mich danach, es

abzuschütteln.

Herman.

Danton, die Kühnheit ist dem Verbrecher, die Ruhe der Unschuld eigen.

Danton.

Privatkühnheit ist ohne Zweifel zu tadeln, aber jene Nationalkühnheit,

die ich so oft gezeigt, mit welcher ich so oft für die Freiheit

gekämpft habe, ist die verdienstvollste aller Tugenden. - Sie ist

meine Kühnheit, sie ist es, der ich mich hier zum Besten der Republik

gegen meine erbärmlichen Ankläger bediene. Kann ich mich fassen, wenn

ich mich auf eine so niedrige Weise verleumdet sehe? - Von einem

Revolutionär wie ich darf man keine kalte Verteidigung erwarten.

Männer meines Schlages sind in Revolutionen unschätzbar, auf ihrer

Stirne schwebt das Genie der Freiheit. (Zeichen von Beifall unter den

Zuhörern.)

Mich klagt man an, mit Mirabeau, mit Dumouriez, mit Orléans

konspiriert, zu den Füßen elender Despoten gekrochen zu haben; mich

fordert man auf, vor der unentrinnbaren, unbeugsamen Gerechtigkeit zu

antworten. - Du elender St. Just wirst der Nachwelt für diese

Lästerung verantwortlich sein!

Herman.

Ich fordere Sie auf, mit Ruhe zu antworten; gedenken Sie Marats, er

trat mit Ehrfurcht vor seine Richter.

Danton.

Sie haben die Hände an mein ganzes Leben gelegt, so mag es sich denn

aufrichten und ihnen entgegentreten; unter dem Gewichte jeder meiner

Handlungen werde ich sie begraben. - Ich bin nicht stolz darauf. Das

Schicksal führt uns den Arm, aber nur gewaltige Naturen sind seine

Organe.

Ich habe auf dem Marsfelde dem Königtume den Krieg erklärt, ich habe

es am 10. August geschlagen, ich habe es am 21. Januar getötet und den

Königen einen Königskopf als Fehdehandschuh hingeworfen. (Wiederholte

Zeichen von Beifall. - Er nimmt die Anklageakte.) Wenn ich einen Blick

auf diese Schandschrift werfe, fühle ich mein ganzes Wesen beben. Wer

sind denn die, welche Danton nötigen mußten, sich an jenem

denkwürdigen Tage (dem 10. August) zu zeigen? Wer sind denn die

privilegierten Wesen, von denen er seine Energie borgte? - Meine

Ankläger mögen erscheinen! Ich bin ganz bei Sinnen, wenn ich es

verlange. Ich werde die platten Schurken entlarven und sie in das

Nichts zurückschleudern, aus dem sie nie hätten hervorkriechen

sollen.

Herman (schellt).

Hören Sie die Klingel nicht?

Danton.

Die Stimme eines Menschen, welcher seine Ehre und sein Leben

verteidigt, muß deine Schelle überschreien.

Ich habe im September die junge Brut der Revolution mit den

zerstückten Leibern der Aristokraten geätzt. Meine Stimme hat aus dem

Golde der Aristokraten und Reichen dem Volke Waffen geschmiedet. Meine

Stimme war der Orkan, welcher die Satelliten des Despotismus unter

Wogen von Bajonetten begrub. (Lauter Beifall.)

Herman.

Danton, Ihre Stimme ist erschöpft, Sie sind zu heftig bewegt. Sie

werden das nächste Mal Ihre Verteidigung beschließen, Sie haben Ruhe

nötig. - Die Sitzung ist aufgehoben.

Danton.

Jetzt kennt Ihr Danton - noch wenige Stunden, und er wird in den Armen

des Ruhmes entschlummern.

Fünfte Szene

Das Luxembourg. Ein Kerker

Dillon. Laflotte. Ein Gefangenwärter.

Dillon.

Kerl, leuchte mir mit deiner Nase nicht so ins Gesicht. Hä, hä, hä!

Laflotte.

Halte den Mund zu, deine Mondsichel hat einen Hof. Hä, hä, hä!

Wärter.

Hä, hä, hä! Glaubt Ihr, Herr, daß Ihr bei ihrem Schein lesen könntet?

(Zeigt auf einen Zettel, den er in der Hand hält.)

Dillon.

Gib her!

Wärter.

Herr, meine Mondsichel hat Ebbe bei mir gemacht.

Laflotte.

Deine Hosen sehen aus, als ob Flut wäre.

Wärter.

Nein, sie zieht Wasser. (Zu Dillon:) Sie hat sich vor Eurer Sonne

verkrochen, Herr; Ihr müßt mir was geben, das sie wieder feurig macht,

wenn Ihr dabei lesen wollt.

Dillon.

Da, Kerl! Pack dich! (Er gibt ihm Geld. Wärter ab. - Dillon liest:)

Danton hat das Tribunal erschreckt, die Geschwornen schwankten, die

Zuhörer murrten. Der Zudrang war außerordentlich. Das Volk drängte

sich um den Justizpalast und stand bis zu den Brücken. Eine Handvoll

Geld, ein Arm endlich - hin! hin! (Er geht auf und ab und schenkt sich

von Zeit zu Zeit aus einer Flasche ein.) Hätt' ich nur den Fuß auf der

Gasse! Ich werde mich nicht so schlachten lassen. Ja, nur den Fuß auf

der Gasse!

Laflotte.

Und auf dem Karren, das ist eins.

Dillon.

Meinst du? Da lägen noch ein paar Schritte dazwischen, lange genug, um

sie mit den Leichen der Dezemvirn zu messen. - Es ist endlich Zeit,

daß die rechtschaffnen Leute das Haupt erheben.

Laflotte (für sich).

Desto besser, um so leichter ist es zu treffen. Nur zu, Alter; noch

einige Gläser, und ich werde flott.

Dillon.

Die Schurken, die Narren, sie werden sich zuletzt noch selbst

guillotinieren. (Er läuft auf und ab.)

Laflotte (beiseite).

Man könnte das Leben ordentlich wieder liebhaben, wie sein Kind, wenn

man sich's selbst gegeben. Das kommt gerade nicht oft vor, daß man so

mit dem Zufall Blutschande treiben und sein eigner Vater werden kann.

Vater und Kind zugleich. Ein behaglicher Ödipus!

Dillon.

Man füttert das Volk nicht mit Leichen; Dantons und Camilles Weiber

mögen Assignaten unter das Volk werfen, das ist besser als Köpfe.

Laflotte (beiseite).

Ich würde mir hintennach die Augen nicht ausreißen; ich könnte sie

nötig haben, um den guten General zu beweinen.

Dillon.

Die Hand an Danton! Wer ist noch sicher? Die Furcht wird sie

vereinigen.

Laflotte (beiseite).

Er ist doch verloren. Was ist's denn, wenn ich auf eine Leiche trete,

um aus dem Grab zu klettern?

Dillon.

Nur den Fuß auf der Gasse! Ich werde Leute genug finden, alte

Soldaten, Girondisten, Exadlige; wir erbrechen die Gefängnisse, wir

müssen uns mit den Gefangnen verständigen.

Laflotte (beiseite).

Nun freilich, es riecht ein wenig nach Schufterei. Was tut's? Ich

hätte Lust, auch das zu versuchen; ich war bisher zu einseitig. Man

bekommt Gewissensbisse, das ist doch eine Abwechslung; es ist nicht so

unangenehm, seinen eignen Gestank zu riechen. - Die Aussicht auf die

Guillotine ist mir langweilig geworden; so lang auf die Sache zu

warten! Ich habe sie im Geist schon zwanzigmal durchprobiert. Es ist

auch gar nichts Pikantes mehr dran; es ist ganz gemein geworden.

Dillon.

Man muß Dantons Frau ein Billett zukommen lassen.

Laflotte (beiseite).

Und dann - ich fürchte den Tod nicht, aber den Schmerz. Es könnte wehe

tun, wer steht mir dafür? Man sagt zwar, es sei nur ein Augenblick;

aber der Schmerz hat ein feineres Zeitmaß, er zerlegt eine Tertie.

Nein! Der Schmerz ist die einzige Sünde, und das Leiden ist das

einzige Laster; ich werde tugendhaft bleiben.

Dillon.

Höre, Laflotte, wo ist der Kerl hingekommen? Ich habe Geld, das muß

gehen. Wir müssen das Eisen schmieden; mein Plan ist fertig.

Laflotte.

Gleich, gleich! Ich kenne den Schließer, ich werde mit ihm sprechen.

Du kannst auf mich zählen, General, wir werden aus dem Loch kommen -

(für sich im Hinausgehn:) um in ein anderes zu gehen: ich in das

weiteste, die Welt, er in das engste, das Grab.

Sechste Szene

Der Wohlfahrtsausschuß

St. Just. Barère. Collot d'Herbois. Billaud-Varennes.

Barère.

Was schreibt Fouquier?

St. Just.

Das zweite Verhör ist vorbei. Die Gefangnen verlangen das Erscheinen

mehrerer Mitglieder des Konvents und des Wohlfahrtsausschusses; sie

appellierten an das Volk, wegen Verweigerung der Zeugen. Die Bewegung

der Gemüter soll unbeschreiblich sein. - Danton parodierte den Jupiter

und schüttelte die Locken.

Collot.

Um so leichter wird ihn Samson daran packen.

Barère.

Wir dürfen uns nicht zeigen, die Fischweiber und die Lumpensammler

könnten uns weniger imposant finden.

Billaud.

Das Volk hat einen Instinkt, sich treten zu lassen, und wäre es nur

mit Blicken; dergleichen insolente Physiognomien gefallen ihm. Solche

Stirnen sind ärger als ein adliges Wappen, der feine Aristokratismus

der Menschenverachtung sitzt auf ihnen. Es sollte sie jeder

einschlagen helfen, den es verdrießt, einen Blick von oben herunter zu

erhalten.

Barère.

Er ist wie der hörnerne Siegfried, das Blut der Septembrisierten hat

ihn unverwundbar gemacht. Was sagt Robespierre?

St. Just.

Er tut, als ob er etwas zu sagen hätte. Die Geschwornen müssen sich

für hinlänglich unterrichtet erklären und die Debatten schließen.

Barère.

Unmöglich, das geht nicht.

St. Just.

Sie müssen weg, um jeden Preis, und sollten wir sie mit den eignen

Händen erwürgen. Wagt! Danton soll uns das Wort nicht umsonst gelehrt

haben. Die Revolution wird über ihre Leichen nicht stolpern; aber

bleibt Danton am Leben, so wird er sie am Gewand fassen, und er hat

etwas in seiner Gestalt, als ob er die Freiheit notzüchtigen könnte.

(St. Just wird hinausgerufen.)

(Ein Schließer tritt ein.)

Schließer.

In St. Pelagie liegen Gefangne am Sterben, sie verlangen einen Arzt.

Billaud.

Das ist unnötig, so viel Mühe weniger für den Scharfrichter.

Schließer.

Es sind schwangere Weiber dabei.

Billaud.

Desto besser, da brauchen ihre Kinder keinen Sarg.

Barère.

Die Schwindsucht eines Aristokraten spart dem Revolutionstribunal eine

Sitzung. Jede Arznei wäre contrerevolutionär.

Collot (nimmt ein Papier).

Eine Bittschrift, ein Weibername!

Barère.

Wohl eine von denen, die gezwungen sein möchten, zwischen einem

Guillotinenbrett und dem Bett eines Jakobiners zu wählen. Die wie

Lukretia nach dem Verlust ihrer Ehre sterben, aber etwas später als

die Römerin: im Kindbett oder am Krebs oder aus Altersschwäche. - Es

mag nicht so unangenehm sein, einen Tarquinius aus der Tugendrepublik

einer Jungfrau zu treiben.

Collot.

Sie ist zu alt. Madame verlangt den Tod, sie weiß sich auszudrücken:

das Gefängnis liege auf ihr wie ein Sargdeckel; sie sitzt erst seit

vier Wochen. Die Antwort ist leicht. (Er schreibt und liest:)

»Bürgerin, es ist noch nicht lange genug, daß du den Tod wünschest.«

(Schließer ab.)

Barère.

Gut gesagt! Aber, Collot, es ist nicht gut, daß die Guillotine zu

lachen anfängt; die Leute haben sonst keine Furcht mehr davor; man muß

sich nicht so familiär machen.

(St. Just kommt zurück.)

Dantons Tod · 第 3 / 5 段