Und wenn es ginge - ich will lieber guillotiniert werden als

guillotinieren lassen. Ich hab es satt; wozu sollen wir Menschen

miteinander kämpfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe

haben. Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen wurden; es

fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafür - aber wir werden es

einander nicht aus den Eingeweiden herauswühlen, was sollen wir uns

drum die Leiber aufbrechen? Geht, wir sind elende Alchymisten!

Camille.

Pathetischer gesagt, würde es heißen: wie lange soll die Menschheit in

ewigem Hunger ihre eignen Glieder fressen? oder: wie lange sollen wir

Schiffbrüchige auf einem Wrack in unlöschbarem Durst einander das Blut

aus den Adern saugen? oder: wie lange sollen wir Algebraisten im

Fleisch beim Suchen nach dem unbekannten, ewig verweigerten X unsere

Rechnungen mit zerfetzten Gliedern schreiben?

Danton.

Du bist ein starkes Echo.

Camille.

Nicht wahr, ein Pistolenschuß schallt gleich wie ein Donnerschlag.

Desto besser für dich, du solltest mich immer bei dir haben.

Philippeau.

Und Frankreich bleibt seinen Henkern?

Danton.

Was liegt daran? Die Leute befinden sich ganz wohl dabei. Sie haben

Unglück; kann man mehr verlangen um gerührt, edel, tugendhaft oder

witzig zu sein, oder um überhaupt keine Langeweile zu haben? - Ob sie

nun an der Guillotine oder am Fieber oder am Alter sterben! Es ist

noch vorzuziehen, sie treten mit gelenken Gliedern hinter die Kulissen

und können im Abgehen noch hübsch gestikulieren und die Zuschauer

klatschen hören. Das ist ganz artig und paßt für uns; wir stehen immer

auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen werden.

Es ist recht gut, daß die Lebenszeit ein wenig reduziert wird; der

Rock war zu lang, unsere Glieder konnten ihn nicht ausfüllen. Das

Leben wird ein Epigramm, das geht an; wer hat auch Atem und Geist

genug für ein Epos in fünfzig oder sechzig Gesängen? 's ist Zeit, daß

man das bißchen Essenz nicht mehr aus Zubern, sondern aus

Likörgläschen trinkt; so bekommt man doch das Maul voll, sonst konnte

man kaum einige Tropfen in dem plumpen Gefäß zusammenrinnen machen.

Endlich - ich müßte schreien; das ist mir der Mühe zuviel, das Leben

ist nicht die Arbeit wert, die man sich macht, es zu erhalten.

Paris.

So flieh, Danton!

Danton.

Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?

Und endlich - und das ist die Hauptsache: sie werden's nicht wagen.

(Zu Camille:) Komm, mein Junge; ich sage dir, sie werden's nicht

wagen. Adieu, adieu! (Danton und Camille ab.)

Philippeau.

Da geht er hin.

Lacroix.

Und glaubt kein Wort von dem, was er gesagt hat. Nichts als Faulheit!

Er will sich lieber guillotinieren lassen als eine Rede halten.

Paris.

Was tun?

Lacroix.

Heimgehn und als Lukretia auf einen anständigen Fall studieren.

Zweite Szene

Eine Promenade

Spaziergänger.

Ein Bürger.

Meine gute Jacqueline - ich wollte sagen Korn... wollt ich: Kor...

Simon.

Kornelia, Bürger, Kornelia.

Bürger.

Meine gute Kornelia hat mich mit einem Knäblein erfreut.

Simon.

Hat der Republik einen Sohn geboren.

Bürger.

Der Republik, das lautet zu allgemein; man könnte sagen...

Simon.

Das ist's gerade, das Einzelne muß sich dem Allgemeinen...

Bürger.

Ach ja, das sagt meine Frau auch.

Bänkelsänger (singt).

Was doch ist, was doch ist

Aller Männer Freud' und Lüst'?

Bürger.

Ach, mit den Namen, da komm ich gar nicht ins reine.

Simon.

Tauf ihn Pike, Marat!

Bänkelsänger.

Unter Kummer, unter Sorgen

Sich bemühn vom frühen Morgen,

Bis der Tag vorüber ist.

Bürger.

Ich hätte gern drei - es ist doch was mit der Zahl Drei - und dann was

Nützliches und was Rechtliches; jetzt hab ich's: Pflug, Robespierre.

Und dann das dritte?

Simon.

Pike.

Bürger.

Ich dank Euch, Nachbar; Pike, Pflug, Robespierre, das sind hübsche

Namen, das macht sich schön.

Simon.

Ich sage dir, die Brust deiner Kornelia wird wie das Euter der

römischen Wölfin - nein, das geht nicht: Romulus war ein Tyrann, das

geht nicht. (Gehn vorbei.)

Ein Bettler (singt).

»Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos...« Liebe Herren, schöne Damen!

Erster Herr.

Kerl, arbeite, du siehst ganz wohlgenährt aus!

Zweiter Herr.

Da! (Er gibt ihm Geld.) Er hat eine Hand wie Sammet. Das ist

unverschämt.

Bettler.

Mein Herr, wo habt Ihr Euren Rock her?

Zweiter Herr.

Arbeit, Arbeit! Du könntest den nämlichen haben; ich will dir Arbeit

geben, komm zu mir, ich wohne...

Bettler.

Herr, warum habt Ihr gearbeitet?

Zweiter Herr.

Narr, um den Rock zu haben.

Bettler.

Ihr habt Euch gequält, um einen Genuß zu haben; denn so ein Rock ist

ein Genuß, ein Lumpen tut's auch.

Zweiter Herr.

Freilich, sonst geht's nicht.

Bettler.

Daß ich ein Narr wäre! Das hebt einander.

Die Sonne scheint warm an das Eck, und das geht ganz leicht. (Singt:)

»Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos...«

Rosalie (zu Adelaiden).

Mach fort, da kommen Soldaten! Wir haben seit gestern nichts Warmes in

den Leib gekriegt.

Bettler.

»Ist auf dieser Erde einst mein letztes Los!« Meine Herren, meine

Damen!

Soldat.

Halt! Wo hinaus, meine Kinder? (Zu Rosalie:) Wie alt bist du?

Rosalie.

So alt wie mein kleiner Finger.

Soldat.

Du bist sehr spitz.

Rosalie.

Und du sehr stumpf.

Soldat.

So will ich mich an dir wetzen. (Er singt:)

Christinlein, lieb Christinlein mein,

Tut dir der Schaden weh, Schaden weh,

Schaden weh, Schaden weh?

Rosalie (singt).

Ach nein, ihr Herrn Soldaten,

Ich hätt' es gerne meh, gerne meh,

Gerne meh, gerne meh!

(Danton und Camille treten auf.)

Danton.

Geht das nicht lustig? - Ich wittre was in der Atmosphäre; es ist, als

brüte die Sonne Unzucht aus. - Möchte man nicht drunter springen, sich

die Hosen vom Leibe reißen und sich über den Hintern begatten wie die

Hunde auf der Gasse? (Gehn vorbei.)

Junger Herr.

Ach, Madame, der Ton einer Glocke, das Abendlicht an den Bäumen, das

Blinken eines Sterns...

Madame.

Der Duft einer Blume! Diese natürlichen Freuden, dieser reine Genuß

der Natur! (Zu ihrer Tochter:) Sieh, Eugenie, nur die Tugend hat Augen

dafür.

Eugenie (küßt ihrer Mutter die Hand).

Ach, Mama, ich sehe nur Sie.

Madame.

Gutes Kind!

Junger Herr (zischelt Eugenien ins Ohr).

Sehen Sie dort die hübsche Dame mit dem alten Herrn?

Eugenie.

Ich kenne sie.

Junger Herr.

Man sagt, ihr Friseur habe sie à l'enfant frisiert.

Eugenie (lacht).

Böse Zunge!

Junger Herr.

Der alte Herr geht nebenbei; er sieht das Knöspchen schwellen und

führt es in die Sonne spazieren und meint, er sei der Gewitterregen,

der es habe wachsen machen.

Eugenie.

Wie unanständig! Ich hätte Lust, rot zu werden.

Junger Herr.

Das könnte mich blaß machen. (Gehn ab.)

Danton (zu Camille).

Mute mir nur nichts Ernsthaftes zu! Ich begreife nicht, warum die

Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht

lachen. Ich meine, sie müßten zu den Fenstern und zu den Gräbern

heraus lachen, und der Himmel müsse bersten, und die Erde müsse sich

wälzen vor Lachen. (Gehn ab.)

Erster Herr.

Ich versichre Sie, eine außerordentliche Entdeckung! Alle technischen

Künste bekommen dadurch eine andere Physiognomie. Die Menschheit eilt

mit Riesenschritten ihrer hohen Bestimmung entgegen.

Zweiter Herr.

Haben Sie das neue Stück gesehen? Ein babylonischer Turm! Ein Gewirr

von Gewölben, Treppchen, Gängen, und das alles so leicht und kühn in

die Luft gesprengt. Man schwindelt bei jedem Tritt. Ein bizarrer Kopf.

(Er bleibt verlegen stehn.)

Erster Herr.

Was haben Sie denn?

Zweiter Herr.

Ach, nichts! Ihre Hand, Herr! die Pfütze - so! Ich danke Ihnen. Kaum

kam ich vorbei; das konnte gefährlich werden!

Erster Herr.

Sie fürchteten doch nicht?

Zweiter Herr.

Ja, die Erde ist eine dünne Kruste; ich meine immer, ich könnte

durchfallen, wo so ein Loch ist. - Man muß mit Vorsicht auftreten, man

könnte durchbrechen. Aber gehn Sie ins Theater, ich rat es Ihnen!

Dritte Szene

Ein Zimmer

Danton. Camille. Lucile.

Camille.

Ich sage euch, wenn sie nicht alles in hölzernen Kopien bekommen,

verzettelt in Theatern, Konzerten und Kunstausstellungen, so haben sie

weder Augen noch Ohren dafür. Schnitzt einer eine Marionette, wo man

den Strick hereinhängen sieht, an dem sie gezerrt wird und deren

Gelenke bei jedem Schritt in fünffüßigen Jamben krachen - welch ein

Charakter, welche Konsequenz! Nimmt einer ein Gefühlchen, eine

Sentenz, einen Begriff und zieht ihm Rock und Hosen an, macht ihm

Hände und Füße, färbt ihm das Gesicht und läßt das Ding sich drei Akte

hindurch herumquälen, bis es sich zuletzt verheiratet oder sich

totschießt - ein Ideal! Fiedelt einer eine Oper, welche das Schweben

und Senken im menschlichen Gemüt wiedergibt wie eine Tonpfeife mit

Wasser die Nachtigall - ach, die Kunst!

Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: die erbärmliche

Wirklichkeit! - Sie vergessen ihren Herrgott über seinen schlechten

Kopisten. Von der Schöpfung, die glühend, brausend und leuchtend, um

und in ihnen, sich jeden Augenblick neu gebiert, hören und sehen sie

nichts. Sie gehen ins Theater, lesen Gedichte und Romane, schneiden

den Fratzen darin die Gesichter nach und sagen zu Gottes Geschöpfen:

wie gewöhnlich! - Die Griechen wußten, was sie sagten, wenn sie

erzählten, Pygmalions Statue sei wohl lebendig geworden, habe aber

keine Kinder bekommen.

Danton.

Und die Künstler gehn mit der Natur um wie David, der im September die

Gemordeten, wie sie aus der Force auf die Gasse geworfen wurden,

kaltblütig zeichnete und sagte: ich erhasche die letzten Zuckungen des

Lebens in diesen Bösewichtern. (Danton wird hinausgerufen.)

Camille.

Was sagst du, Lucile?

Lucile.

Nichts, ich seh dich so gern sprechen.

Camille.

Hörst mich auch?

Lucile.

Ei freilich!

Camille.

Hab ich recht? Weißt du auch, was ich gesagt habe?

Lucile.

Nein, wahrhaftig nicht.

(Danton kommt zurück.)

Camille.

Was hast du?

Danton.

Der Wohlfahrtsausschuß hat meine Verhaftung beschlossen. Man hat mich

gewarnt und mir einen Zufluchtsort angeboten.

Sie wollen meinen Kopf; meinetwegen. Ich bin der Hudeleien

überdrüssig. Mögen sie ihn nehmen. Was liegt daran? Ich werde mit Mut

zu sterben wissen; das ist leichter, als zu leben.

Camille.

Danton, noch ist's Zeit!

Danton.

Unmöglich - aber ich hätte nicht gedacht...

Camille.

Deine Trägheit!

Danton.

Ich bin nicht träg, aber müde; meine Sohlen brennen mich.

Camille.

Wo gehst du hin?

Danton.

Ja, wer das wüßte!

Camille.

Im Ernst, wohin?

Danton.

Spazieren, mein Junge, spazieren. (Er geht.)

Lucile.

Ach, Camille!

Camille.

Sei ruhig, lieb Kind!

Lucile.

Wenn ich denke, daß sie dies Haupt -! Mein Camille! das ist Unsinn,

gelt, ich bin wahnsinnig?

Camille.

Sei ruhig, Danton und ich sind nicht eins.

Lucile.

Die Erde ist weit, und es sind viel Dinge drauf - warum denn gerade

das eine? Wer sollte mir's nehmen? Das wäre arg. Was wollten sie auch

damit anfangen?

Camille.

Ich wiederhole dir: du kannst ruhig sein. Gestern sprach ich mit

Robespierre: er war freundlich. Wir sind ein wenig gespannt, das ist

wahr; verschiedne Ansichten, sonst nichts!

Lucile.

Such ihn auf!

Camille.

Wir saßen auf einer Schulbank. Er war immer finster und einsam. Ich

allein suchte ihn auf und machte ihn zuweilen lachen. Er hat mir immer

große Anhänglichkeit gezeigt. Ich gehe.

Lucile.

So schnell, mein Freund? Geh! Komm! Nur das (sie küßt ihn) und das!

Geh! Geh! (Camille ab.)

Das ist eine böse Zeit. Es geht einmal so. Wer kann da drüber hinaus?

Man muß sich fassen. (Singt:)

Ach Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden,

Wer hat sich das Scheiden erdacht?

Wie kommt mir grad das in Kopf? Das ist nicht gut, daß es den Weg so

von selbst findet. - Wie er hinaus ist, war mir's, als könnte er nicht

mehr umkehren und müsse immer weiter weg von mir, immer weiter.

Wie das Zimmer so leer ist; die Fenster stehn offen, als hätte ein

Toter drin gelegen. Ich halt es da oben nicht aus. (Sie geht.)

Vierte Szene

Freies Feld

Danton.

Ich mag nicht weiter. Ich mag in dieser Stille mit dem Geplauder

meiner Tritte und dem Keuchen meines Atems nicht Lärm machen. (Er

setzt sich nieder; nach einer Pause:)

Man hat mir von einer Krankheit erzählt, die einem das Gedächtnis

verlieren mache. Der Tod soll etwas davon haben. Dann kommt mir

manchmal die Hoffnung, daß er vielleicht noch kräftiger wirke und

einem alles verlieren mache. Wenn das wäre! - Dann lief ich wie ein

Christ, um einen Feind, d. h. mein Gedächtnis, zu retten.

Der Ort soll sicher sein, ja für mein Gedächtnis, aber nicht für mich;

mir gibt das Grab mehr Sicherheit, es schafft mir wenigstens

Vergessen. Es tötet mein Gedächtnis. Dort aber lebt mein Gedächtnis

und tötet mich. Ich oder es? Die Antwort ist leicht. (Er erhebt sich

und kehrt um.)

Ich kokettiere mit dem Tod; es ist ganz angenehm, so aus der Ferne mit

dem Lorgnon mit ihm zu liebäugeln.

Eigentlich muß ich über die ganze Geschichte lachen. Es ist ein Gefühl

des Bleibens in mir, was mir sagt: es wird morgen sein wie heute, und

übermorgen und weiter hinaus ist alles wie eben. Das ist leerer Lärm,

man will mich schrecken; sie werden's nicht wagen! (Ab.)

Fünfte Szene

Ein Zimmer

Es ist Nacht.

Danton (am Fenster).

Will denn das nie aufhören? Wird das Licht nie ausglühn und der Schall

nie modern? Will's denn nie still und dunkel werden, daß wir uns

die garstigen Sünden einander nicht mehr anhören und ansehen? -

September! -

Julie (ruft von innen).

Danton! Danton!

Danton.

He?

Julie (tritt ein).

Was rufst du?

Danton.

Rief ich?

Julie.

Du sprachst von garstigen Sünden, und dann stöhntest du: September!

Danton.

Ich, ich? Nein, ich sprach nicht; das dacht' ich kaum, das waren nur

ganz leise, heimliche Gedanken.

Julie.

Du zitterst, Danton!

Danton.

Und soll ich nicht zittern, wenn so die Wände plaudern? Wenn mein Leib

so zerteilt ist, daß meine Gedanken unstet, umirrend mit den Lippen

der Steine reden? Das ist seltsam.

Julie.

Georg, mein Georg!

Danton.

Ja, Julie, das ist sehr seltsam. Ich möchte nicht mehr denken, wenn

das gleich so spricht. Es gibt Gedanken, Julie, für die es keine Ohren

geben sollte. Das ist nicht gut, daß sie bei der Geburt gleich

schreien wie Kinder; das ist nicht gut.

Julie.

Gott erhalte dir deine Sinne! - Georg, Georg, erkennst du mich?

Danton.

Ei warum nicht! Du bist ein Mensch und dann eine Frau und endlich

meine Frau, und die Erde hat fünf Weltteile, Europa, Asien, Afrika,

Amerika, Australien, und zwei mal zwei macht vier. Ich bin bei Sinnen,

siehst du. - Schrie's nicht September? Sagtest du nicht so was?

Julie.

Ja, Danton, durch alle Zimmer hört ich's.

Danton.

Wie ich ans Fenster kam - (er sieht hinaus:) die Stadt ist ruhig, alle

Lichter aus...

Julie.

Ein Kind schreit in der Nähe.

Danton.

Wie ich ans Fenster kam - durch alle Gassen schrie und zetert' es:

September!

Julie.

Du träumtest, Danton. Faß dich!

Danton.

Träumtest? Ja, ich träumte; doch das war anders, ich will dir es

gleich sagen - mein armer Kopf ist schwach - gleich! So, jetzt hab

ich's: Unter mir keuchte die Erdkugel in ihrem Schwung; ich hatte sie

wie ein wildes Roß gepackt, mit riesigen Gliedern wühlt' ich in ihren

Mähnen und preßt' ich ihre Rippen, das Haupt abwärts gewandt, die

Haare flatternd über dem Abgrund; so ward ich geschleift. Da schrie

ich in der Angst, und ich erwachte. Ich trat ans Fenster - und da

hört' ich's, Julie.

Was das Wort nur will? Warum gerade das? Was hab ich damit zu

schaffen? Was streckt es nach mir die blutigen Hände? Ich hab es nicht

geschlagen. - O hilf mir, Julie, mein Sinn ist stumpf! War's nicht im

September, Julie?

Julie.

Die Könige waren nur noch vierzig Stunden von Paris...

Danton.

Die Festungen gefallen, die Aristokraten in der Stadt...

Julie.

Die Republik war verloren.

Danton.

Ja, verloren. Wir konnten den Feind nicht im Rücken lassen, wir wären

Narren gewesen: zwei Feinde auf einem Brett; wir oder sie, der

Stärkere stößt den Schwächeren hinunter - ist das nicht

billig?

Julie.

Ja, ja.

Danton.

Wir schlugen sie - das war kein Mord, das war Krieg nach innen.

Julie.

Du hast das Vaterland gerettet.

Danton.

Ja, das hab ich; das war Notwehr, wir mußten. Der Mann am Kreuze hat

sich's bequem gemacht: es muß ja Ärgernis kommen, doch wehe dem, durch

welchen Ärgernis kommt! - Es muß; das war dies Muß. Wer will der Hand

fluchen, auf die der Fluch des Muß gefallen? Wer hat das Muß

gesprochen, wer? Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und

mordet?

Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts,

nichts wir selbst! die Schwerter, mit denen Geister kämpfen - man

sieht nur die Hände nicht, wie im Märchen. - Jetzt bin ich ruhig.

Julie.

Ganz ruhig, lieb Herz?

Danton.

Ja, Julie; komm, zu Bette!

Sechste Szene

Straße vor Dantons Haus

Simon. Bürgersoldaten.

Simon.

Wie weit ist's in der Nacht?

Erster Bürger.

Was in der Nacht?

Simon.

Wie weit ist die Nacht?

Erster Bürger.

So weit als zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang.

Simon.

Schuft, wieviel Uhr?

Erster Bürger.

Sieh auf dein Zifferblatt; es ist die Zeit, wo die Perpendikel unter

den Bettdecken ausschlagen.

Simon.

Wir müssen hinauf! Fort, Bürger! Wir haften mit unseren Köpfen dafür.

Tot oder lebendig! Er hat gewaltige Glieder. Ich werde vorangehn,

Bürger. Der Freiheit eine Gasse! - Sorgt für mein Weib! Eine

Eichenkrone werd ich ihr hinterlassen.

Erster Bürger.

Eine Eichelkrone? Es sollen ihr ohnehin jeden Tag Eicheln genug in den

Schoß fallen.

Simon.

Vorwärts, Bürger, ihr werdet euch um das Vaterland verdient machen!

Zweiter Bürger.

Ich wollte, das Vaterland machte sich um uns verdient; über all den

Löchern, die wir in andrer Leute Körper machen, ist noch kein einziges

in unsern Hosen zugegangen.

Erster Bürger.

Willst du, daß dir dein Hosenlatz zuginge? Hä, hä, hä!

Die andern.

Hä, hä, hä!

Simon.

Fort, fort! (Sie dringen in Dantons Haus.)

Siebente Szene

Der Nationalkonvent

Eine Gruppe von Deputierten.

Legendre.

Soll denn das Schlachten der Deputierten nicht aufhören? - Wer ist

noch sicher, wenn Danton fällt?

Ein Deputierter.

Was tun?

Ein anderer.

Er muß vor den Schranken des Konvents gehört werden. - Der Erfolg

dieses Mittels ist sicher; was sollten sie seiner Stimme

entgegensetzen?

Ein anderer.

Unmöglich, ein Dekret verhindert uns.

Legendre.

Es muß zurückgenommen oder eine Ausnahme gestattet werden. - Ich werde

den Antrag machen; ich rechne auf eure Unterstützung.

Der Präsident.

Die Sitzung ist eröffnet.

Legendre (besteigt die Tribüne).

Vier Mitglieder des Nationalkonvents sind verflossene Nacht verhaftet

worden. Ich weiß, daß Danton einer von ihnen ist, die Namen der

übrigen kenne ich nicht. Mögen sie übrigens sein, wer sie wollen, so

verlange ich, daß sie vor den Schranken gehört werden.

Bürger, ich erkläre es: ich halte Danton für ebenso rein wie mich

selbst, und ich glaube nicht, daß mir irgendein Vorwurf gemacht werden

kann. Ich will kein Mitglied des Wohlfahrts- oder des

Sicherheitsausschusses angreifen, aber gegründete Ursachen lassen mich

fürchten, Privathaß und Privatleidenschaft möchten der Freiheit Männer

entreißen, die ihr die größten Dienste erwiesen haben. Der Mann,

welcher im Jahre 1792 Frankreich durch seine Energie rettete, verdient

gehört zu werden; er muß sich erklären dürfen, wenn man ihn des

Hochverrats anklagt. (Heftige Bewegung.)

Einige Stimmen.

Wir unterstützen Legendres Vorschlag.

Ein Deputierter.

Wir sind hier im Namen des Volkes; man kann uns ohne den Willen

unserer Wähler nicht von unseren Plätzen reißen.

Ein anderer.

Eure Worte riechen nach Leichen; ihr habt sie den Girondisten aus dem

Munde genommen. Wollt ihr Privilegien? Das Beil des Gesetzes schwebt

über allen Häuptern.

Ein anderer.

Wir können unsern Ausschüssen nicht erlauben, die Gesetzgeber aus dem

Asyl des Gesetzes auf die Guillotine zu schicken.

Ein anderer.

Das Verbrechen hat kein Asyl, nur gekrönte Verbrecher finden eins auf

dem Thron.

Ein anderer.

Nur Spitzbuben appellieren an das Asylrecht.

Ein anderer.

Nur Mörder erkennen es nicht an.

Robespierre.

Die seit langer Zeit in dieser Versammlung unbekannte Verwirrung

beweist, daß es sich um große Dinge handelt. Heute entscheidet sich's,

ob einige Männer den Sieg über das Vaterland davontragen werden. - Wie

könnt ihr eure Grundsätze weit genug verleugnen, um heute einigen

Individuen das zu bewilligen, was ihr gestern Chabot, Delaunai und

Fahre verweigert habt? Was soll dieser Unterschied zugunsten einiger

Männer? Was kümmern mich die Lobsprüche, die man sich selbst und

seinen Freunden spendet? Nur zu viele Erfahrungen haben uns gezeigt,

was davon zu halten sei. Wir fragen nicht, ob ein Mann diese oder jene

patriotische Handlung vollbracht habe; wir fragen nach seiner ganzen

politischen Laufbahn. - Legendre scheint die Namen der Verhafteten

nicht zu wissen; der ganze Konvent kennt sie. Sein Freund Lacroix ist

darunter. Warum scheint Legendre das nicht zu wissen? Weil er wohl

weiß, daß nur die Schamlosigkeit Lacroix verteidigen kann. Er nannte

nur Danton, weil er glaubt, an diesen Namen knüpfe sich ein

Privilegium. Nein, wir wollen keine Privilegien, wir wollen keine

Götzen! (Beifall.)

Was hat Danton vor Lafayette, vor Dumouriez, vor Brissot, Fabre,

Chabot, Hébert voraus? Was sagt man von diesen, was man nicht auch von

ihm sagen könnte? Habt ihr sie gleichwohl geschont? Wodurch verdient

er einen Vorzug vor seinen Mitbürgern? Etwa, weil einige betrogene

Individuen und andere, die sich nicht betrügen ließen, sich um ihn

reihten, um in seinem Gefolge dem Glück und der Macht in die Arme zu

laufen? - Je mehr er die Patrioten betrogen hat, welche Vertrauen in

ihn setzten, desto nachdrücklicher muß er die Strenge der

Freiheitsfreunde empfinden.

Man will euch Furcht einflößen vor dem Mißbrauche einer Gewalt, die

ihr selbst ausgeübt habt. Man schreit über den Despotismus der

Ausschüsse, als ob das Vertrauen, welches das Volk euch geschenkt und

das ihr diesen Ausschüssen übertragen habt, nicht eine sichre Garantie

ihres Patriotismus wäre. Man stellt sich, als zittre man. Aber ich

sage euch, wer in diesem Augenblicke zittert, ist schuldig; denn nie

zittert die Unschuld vor der öffentlichen Wachsamkeit. (Allgemeiner

Beifall.)

Man hat auch mich schrecken wollen; man gab mir zu verstehen, daß die

Gefahr, indem sie sich Danton nähere, auch bis zu mir dringen könne.

Man schrieb mir, Dantons Freunde hielten mich umlagert, in der

Meinung, die Erinnerung an eine alte Verbindung, der blinde Glauben an

erheuchelte Tugenden könnten mich bestimmen, meinen Eifer und meine

Leidenschaft für die Freiheit zu mäßigen. - So erkläre ich denn:

nichts soll mich aufhalten, und sollte auch Dantons Gefahr die meinige

werden. Wir alle haben etwas Mut und etwas Seelengröße nötig. Nur

Verbrecher und gemeine Seelen fürchten, ihresgleichen an ihrer Seite

fallen zu sehen, weil sie, wenn keine Schar von Mitschuldigen sie mehr

versteckt, sich dem Licht der Wahrheit ausgesetzt sehen. Aber wenn es

dergleichen Seelen in dieser Versammlung gibt, so gibt es in ihr auch

heroische. Die Zahl der Schurken ist nicht groß; wir haben nur wenige

Köpfe zu treffen, und das Vaterland ist gerettet. (Beifall.)

Ich verlange, daß Legendres Vorschlag zurückgewiesen werde. (Die

Deputierten erheben sich sämtlich zum Zeichen allgemeiner

Beistimmung.)

St. Just.

Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben,

die das Wort »Blut« nicht wohl vertragen können. Einige allgemeine

Betrachtungen mögen sie überzeugen, daß wir nicht grausamer sind als

die Natur und als die Zeit. Die Natur folgt ruhig und unwiderstehlich

ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in

Konflikt kommt. Eine Änderung in den Bestandteilen der Luft, ein

Auflodern des tellurischen Feuers, ein Schwanken in dem Gleichgewicht

einer Wassermasse und eine Seuche, ein vulkanischer Ausbruch, eine

Überschwemmung begraben Tausende. Was ist das Resultat? Eine

unbedeutende, im großen Ganzen kaum bemerkbare Veränderung der

physischen Natur, die fast spurlos vorübergegangen sein würde, wenn

nicht Leichen auf ihrem Wege lägen.

Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr

Rücksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebensogut wie

ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll

überhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen

Natur, das heißt der Menschheit, umändert, nicht durch Blut gehen

dürfen? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer

Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten

gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der

Revolution sterben?

Dantons Tod · 第 2 / 5 段