Lacroix.

Georg Büchner

Dantons Tod

Ein Drama

Personen:

Deputierte des Nationalkonvents:

Georg Danton

Legendre

Camille Desmoulins

Hérault-Séchelles

Lacroix

Philippeau

Fabre d'Eglantine

Mercier

Thomas Payne

Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses:

Robespierre

St. Just

Barère

Collot d'Herbois

Billaud-Varennes

Chaumette, Prokurator des Gemeinderats

Dillon, ein General

Fouquier-Tinville, öffentlicher Ankläger

Amar und Vouland, Mitglieder des Sicherheitsausschusses

Herman und Dumas, Präsidenten des Revolutionstribunales

Paris, ein Freund Dantons

Simon, Souffleur

Weib Simons

Laflotte

Julie, Dantons Gattin

Lucile, Gattin des Camille Desmoulins

Rosalie, Adelaide und Marion, Grisetten

Damen am Spieltisch, Herren und Damen sowie junger Herr und Eugenie

auf einer Promenade, Bürger, Bürgersoldaten, Lyoner und andere

Deputierte, Jakobiner, Präsidenten des Jakobinerklubs und des

Nationalkonvents, Schließer, Henker und Fuhrleute, Männer und Weiber

aus dem Volk, Grisetten, Bänkelsänger, Bettler usw.

Erster Akt

Erste Szene

Hérault-Séchelles, einige Damen am Spieltisch. Danton, Julie etwas

weiter weg, Danton auf einem Schemel zu den Füßen von Julie.

Danton.

Sieh die hübsche Dame, wie artig sie die Karten dreht! Ja wahrhaftig,

sie versteht's; man sagt, sie halte ihrem Manne immer das coeur und

anderen Leuten das carreau hin. - Ihr könntet einen noch in die Lüge

verliebt machen.

Julie.

Glaubst du an mich?

Danton.

Was weiß ich! Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir

strecken die Hände nacheinander aus, aber es ist vergebliche Mühe, wir

reiben nur das grobe Leder aneinander ab - wir sind sehr einsam.

Julie.

Du kennst mich, Danton.

Danton.

Ja, was man so kennen heißt. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar

und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber (er

deutet ihr auf Stirn und Augen) da, da, was liegt hinter dem? Geh, wir

haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir müßten uns die Schädeldecken

aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren. -

Eine Dame (zu Hérault).

Was haben Sie nur mit Ihren Fingern vor?

Hérault.

Nichts!

Dame.

Schlagen Sie den Daumen nicht so ein, es ist nicht zum Ansehn!

Hérault.

Sehn Sie nur, das Ding hat eine ganz eigne Physiognomie. -

Danton.

Nein, Julie, ich liebe dich wie das Grab.

Julie (sich abwendend).

Oh!

Danton.

Nein, höre! Die Leute sagen, im Grab sei Ruhe, und Grab und Ruhe seien

eins. Wenn das ist, lieg ich in deinem Schoß schon unter der Erde. Du

süßes Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme ist mein

Grabgeläute, deine Brust mein Grabhügel und dein Herz mein Sarg. -

Dame.

Verloren!

Hérault.

Das war ein verliebtes Abenteuer, es kostet Geld wie alle andern.

Dame.

Dann haben Sie Ihre Liebeserklärungen, wie ein Taubstummer, mit den

Fingern gemacht.

Hérault.

Ei, warum nicht? Man will sogar behaupten, gerade die würden am

leichtesten verstanden. - Ich zettelte eine Liebschaft mit einer

Kartenkönigin an; meine Finger waren in Spinnen verwandelte Prinzen,

Sie, Madame, waren die Fee; aber es ging schlecht, die Dame lag immer

in den Wochen, jeden Augenblick bekam sie einen Buben. Ich würde meine

Tochter dergleichen nicht spielen lassen, die Herren und Damen fallen

so unanständig übereinander und die Buben kommen gleich hintennach.

(Camille Desmoulins und Philippeau treten ein.)

Hérault.

Philippeau, welch trübe Augen! Hast du dir ein Loch in die rote Mütze

gerissen? Hat der heilige Jakob ein böses Gesicht gemacht? Hat es

während des Guillotinierens geregnet? Oder hast du einen schlechten

Platz bekommen und nichts sehen können?

Camille.

Du parodierst den Sokrates. Weißt du auch, was der Göttliche den

Alcibiades fragte, als er ihn eines Tages finster und niedergeschlagen

fand: »Hast du deinen Schild auf dem Schlachtfeld verloren? Bist du im

Wettlauf oder im Schwertkampf besiegt worden? Hat ein andrer besser

gesungen oder besser die Zither geschlagen?« Welche klassischen

Republikaner! Nimm einmal unsere Guillotinenromantik dagegen!

Philippeau.

Heute sind wieder zwanzig Opfer gefallen. Wir waren im Irrtum, man

hat die Hebertisten nur aufs Schafott geschickt, weil sie nicht

systematisch genug verfuhren, vielleicht auch, weil die Dezemvirn sich

verloren glaubten, wenn es nur eine Woche Männer gegeben hätte, die

man mehr fürchtete als sie.

Hérault.

Sie möchten uns zu Antediluvianern machen. St. Just säh' es nicht

ungern, wenn wir wieder auf allen vieren kröchen, damit uns der

Advokat von Arras nach der Mechanik des Genfer Uhrmachers Fallhütchen,

Schulbänke und einen Herrgott erfände.

Philippeau.

Sie würden sich nicht scheuen, zu dem Behuf an Marats Rechnung noch

einige Nullen zu hängen. Wie lange sollen wir noch schmutzig und

blutig sein wie neugeborne Kinder, Särge zur Wiege haben und

mit Köpfen spielen? Wir müssen vorwärts: der Gnadenausschuß muß

durchgesetzt, die ausgestoßnen Deputierten müssen wieder aufgenommen

werden!

Hérault.

Die Revolution ist in das Stadium der Reorganisation gelangt. - Die

Revolution muß aufhören, und die Republik muß anfangen. - In unsern

Staatsgrundsätzen muß das Recht an die Stelle der Pflicht, das

Wohlbefinden an die der Tugend und die Notwehr an die der Strafe

treten. Jeder muß sich geltend machen und seine Natur durchsetzen

können. Er mag nun vernünftig oder unvernünftig, gebildet oder

ungebildet, gut oder böse sein, das geht den Staat nichts an. Wir alle

sind Narren, es hat keiner das Recht, einem andern seine eigentümliche

Narrheit aufzudrängen. - Jeder muß in seiner Art genießen können,

jedoch so, daß keiner auf Unkosten eines andern genießen oder ihn in

seinem eigentümlichen Genuß stören darf.

Camille.

Die Staatsform muß ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an

den Leib des Volkes schmiegt. Jedes Schwellen der Adern, jedes Spannen

der Muskeln, jedes Zucken der Sehnen muß sich darin abdrücken. Die

Gestalt mag nun schön oder häßlich sein, sie hat einmal das Recht,

zu sein, wie sie ist; wir sind nicht berechtigt, ihr ein Röcklein

nach Belieben zuzuschneiden. - Wir werden den Leuten, welche über

die nackten Schultern der allerliebsten Sünderin Frankreich den

Nonnenschleier werfen wollen, auf die Finger schlagen. - Wir wollen

nackte Götter, Bacchantinnen, olympische Spiele, und von melodischen

Lippen: ach, die gliederlösende, böse Liebe! - Wir wollen den Römern

nicht verwehren, sich in die Ecke zu setzen und Rüben zu kochen,

aber sie sollen uns keine Gladiatorspiele mehr geben wollen. - Der

göttliche Epikur und die Venus mit dem schönen Hintern müssen statt

der Heiligen Marat und Chalier die Türsteher der Republik werden. -

Danton, du wirst den Angriff im Konvent machen!

Danton.

Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis dahin noch leben! sagen

die alten Weiber. Nach einer Stunde werden sechzig Minuten verflossen

sein. Nicht wahr, mein Junge?

Camille.

Was soll das hier? Das versteht sich von selbst.

Danton.

Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schönen

Dinge ins Werk setzen?

Philippeau.

Wir und die ehrlichen Leute.

Danton.

Das »und« dazwischen ist ein langes Wort, es hält uns ein wenig weit

auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem,

eh' wir zusammenkommen. Und wenn auch! - den ehrlichen Leuten kann man

Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Töchter an

sie verheiraten, aber das ist alles!

Camille.

Wenn du das weißt, warum hast du den Kampf begonnen?

Danton.

Die Leute waren mir zuwider. Ich konnte dergleichen gespreizte Katonen

nie ansehn, ohne ihnen einen Tritt zu geben. Mein Naturell ist einmal

so. (Er erhebt sich.)

Julie.

Du gehst?

Danton (zu Julie).

Ich muß fort, sie reiben mich mit ihrer Politik noch auf. - (Im

Hinausgehn:) Zwischen Tür und Angel will ich euch prophezeien: die

Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glüht, wir alle

können uns noch die Finger dabei verbrennen. (Ab.)

Camille.

Laßt ihn! Glaubt ihr, er könne die Finger davon lassen, wenn es zum

Handeln kömmt?

Hérault.

Ja, aber bloß zum Zeitvertreib, wie man Schach spielt.

Zweite Szene

Eine Gasse

Simon. Sein Weib.

Simon (schlägt das Weib).

Du Kuppelpelz, du runzlige Sublimatpille, du wurmstichiger

Sündenapfel!

Weib.

He, Hülfe! Hülfe!

(Es kommen Leute gelaufen.)

Leute.

Reißt sie auseinander, reißt sie auseinander!

Simon.

Nein, laßt mich, Römer! Zerschellen will ich dies Geripp! Du Vestalin!

Weib.

Ich eine Vestalin? Das will ich sehen, ich.

Simon.

So reiß ich von den Schultern dein Gewand.

Nackt in die Sonne schleudr' ich dann dein Aas.

Du Hurenbett, in jeder Runzel deines Leibes nistet Unzucht. (Sie

werden getrennt.)

Erster Bürger.

Was gibt's?

Simon.

Wo ist die Jungfrau? Sprich! Nein, so kann ich nicht sagen. Das

Mädchen! Nein, auch das nicht. Die Frau, das Weib! Auch das, auch das

nicht! Nur noch ein Name; oh, der erstickt mich! Ich habe keinen Atem

dafür.

Zweiter Bürger.

Das ist gut, sonst würde der Name nach Schnaps riechen.

Simon.

Alter Virginius, verhülle dein kahl Haupt - der Rabe Schande sitzt

darauf und hackt nach deinen Augen. Gebt mir ein Messer, Römer! (Er

sinkt um.)

Weib.

Ach, er ist sonst ein braver Mann, er kann nur nicht viel vertragen;

der Schnaps stellt ihm gleich ein Bein.

Zweiter Bürger.

Dann geht er mit dreien.

Weib.

Nein, er fällt.

Zweiter Bürger.

Richtig, erst geht er mit dreien, und dann fällt er auf das dritte,

bis das dritte selbst wieder fällt.

Simon.

Du bist die Vampirzunge, die mein wärmstes Herzblut trinkt.

Weib.

Laßt ihn nur, das ist so die Zeit, worin er immer gerührt wird; es

wird sich schon geben.

Erster Bürger.

Was gibt's denn?

Weib.

Seht ihr: ich saß da so auf dem Stein in der Sonne und wärmte mich,

seht ihr - denn wir haben kein Holz, seht ihr -

Zweiter Bürger.

So nimm deines Mannes Nase.

Weib.

Und meine Tochter war da hinuntergegangen um die Ecke - sie ist ein

braves Mädchen und ernährt ihre Eltern.

Simon.

Ha, sie bekennt!

Weib.

Du Judas! hättest du nur ein Paar Hosen hinauf zuziehen, wenn

die jungen Herren die Hosen nicht bei ihr hinunterließen? Du

Branntweinfaß, willst du verdursten, wenn das Brünnlein zu laufen

aufhört, he? - Wir arbeiten mit allen Gliedern, warum denn nicht auch

damit; ihre Mutter hat damit geschafft, wie sie zur Welt kam, und es

hat ihr weh getan; kann sie für ihre Mutter nicht auch damit schaffen,

he? und tut's ihr auch weh dabei, he? Du Dummkopf!

Simon.

Ha, Lukretia! ein Messer, gebt mir ein Messer, Römer! Ha, Appius

Claudius!

Erster Bürger.

Ja, ein Messer, aber nicht für die arme Hure! Was tat sie? Nichts! Ihr

Hunger hurt und bettelt. Ein Messer für die Leute, die das Fleisch

unserer Weiber und Töchter kaufen. Weh über die, so mit den

Töchtern des Volkes huren! Ihr habt Kollern im Leib, und sie haben

Magendrücken; ihr habt Löcher in den Jacken, und sie haben warme

Röcke; ihr habt Schwielen in den Fäusten, und sie haben Samthände.

Ergo, ihr arbeitet, und sie tun nichts; ergo, ihr habt's erworben, und

sie haben's gestohlen; ergo, wenn ihr von eurem gestohlnen Eigentum

ein paar Heller wiederhaben wollt, müßt ihr huren und betteln; ergo,

sie sind Spitzbuben, und man muß sie totschlagen!

Dritter Bürger.

Sie haben kein Blut in den Adern, als was sie uns ausgesaugt haben.

Sie haben uns gesagt: schlagt die Aristokraten tot, das sind Wölfe!

Wir haben die Aristokraten an die Laternen gehängt. Sie haben gesagt:

das Veto frißt euer Brot; wir haben das Veto totgeschlagen. Sie haben

gesagt: die Girondisten hungern euch aus; wir haben die Girondisten

guillotiniert. Aber sie haben die Toten ausgezogen, und wir laufen wie

zuvor auf nackten Beinen und frieren. Wir wollen ihnen die Haut von

den Schenkeln ziehen und uns Hosen daraus machen, wir wollen ihnen das

Fett auslassen und unsere Suppen mit schmelzen. Fort! Totgeschlagen,

wer kein Loch im Rock hat!

Erster Bürger.

Totgeschlagen, wer lesen und schreiben kann!

Zweiter Bürger.

Totgeschlagen, wer auswärts geht!

Alle (schreien).

Totgeschlagen! Totgeschlagen!

(Einige schleppen einen jungen Menschen herbei.)

Einige Stimmen.

Er hat ein Schnupftuch! ein Aristokrat! an die Laterne! an die

Laterne!

Zweiter Bürger.

Was? er schneuzt sich die Nase nicht mit den Fingern? An die Laterne!

(Eine Laterne wird heruntergelassen.)

Junger Mensch.

Ach, meine Herren!

Zweiter Bürger.

Es gibt hier keine Herren! An die Laterne!

Einige (singen).

Die da liegen in der Erden,

Von de Würm gefresse werden;

Besser hangen in der Luft,

Als verfaulen in der Gruft!

Junger Mensch.

Erbarmen!

Dritter Bürger.

Nur ein Spielen mit einer Hanflocke um den Hals! 's ist nur ein

Augenblick, wir sind barmherziger als ihr. Unser Leben ist der Mord

durch Arbeit; wir hängen sechzig Jahre lang am Strick und zapplen,

aber wir werden uns losschneiden. - An die Laterne!

Junger Mensch.

Meinetwegen, ihr werdet deswegen nicht heller sehen.

Die Umstehenden.

Bravo! Bravo!

Einige Stimmen.

Laßt ihn laufen! (Er entwischt.)

(Robespierre tritt auf, begleitet von Weibern und Ohnehosen.)

Robespierre.

Was gibt's da, Bürger?

Dritter Bürger.

Was wird's geben? Die paar Tropfen Bluts vom August und September

haben dem Volk die Backen nicht rot gemacht. Die Guillotine ist zu

langsam. Wir brauchen einen Platzregen!

Erster Bürger.

Unsere Weiber und Kinder schreien nach Brot, wir wollen sie mit

Aristokratenfleisch füttern. He! totgeschlagen, wer kein Loch im Rock

hat!

Alle.

Totgeschlagen! Totgeschlagen!

Robespierre.

Im Namen des Gesetzes!

Erster Bürger.

Was ist das Gesetz?

Robespierre.

Der Wille des Volks.

Erster Bürger.

Wir sind das Volk, und wir wollen, daß kein Gesetz sei; ergo ist

dieser Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes gibt's kein Gesetz

mehr, ergo totgeschlagen!

Einige Stimmen.

Hört den Aristides! hört den Unbestechlichen!

Ein Weib.

Hört den Messias, der gesandt ist, zu wählen und zu richten; er wird

die Bösen mit der Schärfe des Schwertes schlagen. Seine Augen sind die

Augen der Wahl, seine Hände sind die Hände des Gerichts.

Robespierre.

Armes, tugendhaftes Volk! Du tust deine Pflicht, du opferst deine

Feinde. Volk, du bist groß! Du offenbarst dich unter Blitzstrahlen und

Donnerschlägen. Aber, Volk, deine Streiche dürfen deinen eignen Leib

nicht verwunden; du mordest dich selbst in deinem Grimm. Du kannst

nur durch deine eigne Kraft fallen, das wissen deine Feinde. Deine

Gesetzgeber wachen, sie werden deine Hände führen; ihre Augen sind

untrügbar, deine Hände sind unentrinnbar. Kommt mit zu den Jakobinern!

Eure Brüder werden euch ihre Arme öffnen, wir werden ein Blutgericht

über unsere Feinde halten.

Viele Stimmen.

Zu den Jakobinern! Es lebe Robespierre! (Alle ab.)

Simon.

Weh mir, verlassen! (Er versucht sich aufzurichten.)

Weib.

Da! (Sie unterstützt ihn.)

Simon.

Ach, meine Baucis! du sammelst Kohlen auf mein Haupt.

Weib.

Da steh!

Simon.

Du wendest dich ab? Ha, kannst du mir vergeben, Porcia? Schlug ich

dich? Das war nicht meine Hand, war nicht mein Arm, mein Wahnsinn tat

es.

Sein Wahnsinn ist des armen Hamlet Feind.

Hamlet tat's nicht, Hamlet verleugnet's.

Wo ist unsre Tochter, wo ist mein Sannchen?

Weib.

Dort um das Eck herum.

Simon.

Fort zu ihr! Komm, mein tugendreich Gemahl. (Beide ab.)

Dritte Szene

Der Jakobinerklub

Ein Lyoner.

Die Brüder von Lyon senden uns, um in eure Brust ihren bittren Unmut

auszuschütten. Wir wissen nicht, ob der Karren, auf dem Ronsin zur

Guillotine fuhr, der Totenwagen der Freiheit war, aber wir wissen,

daß seit jenem Tage die Mörder Chaliers wieder so fest auf den Boden

treten, als ob es kein Grab für sie gäbe. Habt ihr vergessen, daß Lyon

ein Flecken auf dem Boden Frankreichs ist, den man mit den Gebeinen

der Verräter zudecken muß? Habt ihr vergessen, daß diese Hure der

Könige ihren Aussatz nur in dem Wasser der Rhone abwaschen kann? Habt

ihr vergessen, daß dieser revolutionäre Strom die Flotten Pitts im

Mittelmeere auf den Leichen der Aristokraten muß stranden machen? Eure

Barmherzigkeit mordet die Revolution. Der Atemzug eines Aristokraten

ist das Röcheln der Freiheit. Nur ein Feigling stirbt für die

Republik, ein Jakobiner tötet für sie. Wißt: finden wir in euch nicht

mehr die Spannkraft der Männer des 10. August, des September und des

31. Mai, so bleibt uns, wie dem Patrioten Gaillard, nur der Dolch des

Kato. (Beifall und verwirrtes Geschrei.)

Ein Jakobiner.

Wir werden den Becher des Sokrates mit euch trinken!

Legendre (schwingt sich auf die Tribüne).

Wir haben nicht nötig, unsere Blicke auf Lyon zu werfen. Die Leute,

die seidne Kleider tragen, die in Kutschen fahren, die in den Logen im

Theater sitzen und nach dem Diktionär der Akademie sprechen, tragen

seit einigen Tagen die Köpfe fest auf den Schultern. Sie sind witzig

und sagen, man müsse Marat und Chalier zu einem doppelten Märtyrertum

verhelfen und sie in effigie guillotinieren. (Heftige Bewegung in der

Versammlung.)

Einige Stimmen.

Das sind tote Leute, ihre Zunge guillotiniert sie.

Legendre.

Das Blut dieser Heiligen komme über sie! Ich frage die anwesenden

Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, seit wann ihre Ohren so taub

geworden sind...

Collot d'Herbois (unterbricht ihn).

Und ich frage dich, Legendre, wessen Stimme solchen Gedanken Atem

gibt, daß sie lebendig werden und zu sprechen wagen? Es ist Zeit, die

Masken abzureißen. Hört! Die Ursache verklagt ihre Wirkung, der Ruf

sein Echo, der Grund seine Folge. Der Wohlfahrtsausschuß versteht mehr

Logik, Legendre. Sei ruhig! Die Büsten der Heiligen werden unberührt

bleiben, sie werden wie Medusenhäupter die Verräter in Stein

verwandlen.

Robespierre.

Ich verlange das Wort.

Die Jakobiner.

Hört, hört den Unbestechlichen!

Robespierre.

Wir warteten nur auf den Schrei des Unwillens, der von allen Seiten

ertönt, um zu sprechen. Unsere Augen waren offen, wir sahen den Feind

sich rüsten und sich erheben, aber wir haben das Lärmzeichen nicht

gegeben; wir ließen das Volk sich selbst bewachen, es hat nicht

geschlafen, es hat an die Waffen geschlagen. Wir ließen den Feind aus

seinem Hinterhalt hervorbrechen, wir ließen ihn anrücken; jetzt steht

er frei und ungedeckt in der Helle des Tages, jeder Streich wird ihn

treffen, er ist tot, sobald ihr ihn erblickt habt.

Ich habe es euch schon einmal gesagt: in zwei Abteilungen, wie in zwei

Heerhaufen, sind die inneren Feinde der Republik zerfallen. Unter

Bannern von verschiedener Farbe und auf den verschiedensten Wegen

eilen sie alle dem nämlichen Ziele zu. Die eine dieser Faktionen ist

nicht mehr. In ihrem affektierten Wahnsinn suchte sie die erprobtesten

Patrioten als abgenutzte Schwächlinge beiseite zu werfen, um die

Republik ihrer kräftigsten Arme zu berauben. Sie erklärte der Gottheit

und dem Eigentum den Krieg, um eine Diversion zugunsten der Könige zu

machen. Sie parodierte das erhabne Drama der Revolution, um dieselbe

durch studierte Ausschweifungen bloßzustellen. Héberts Triumph

hätte die Republik in ein Chaos verwandelt, und der Despotismus war

befriedigt. Das Schwert des Gesetzes hat den Verräter getroffen. Aber

was liegt den Fremden daran, wenn ihnen Verbrecher einer anderen

Gattung zur Erreichung des nämlichen Zwecks bleiben? Wir haben nichts

getan, wenn wir noch eine andere Faktion zu vernichten haben.

Sie ist das Gegenteil der vorhergehenden. Sie treibt uns zur Schwäche,

ihr Feldgeschrei heißt: Erbarmen! Sie will dem Volk seine Waffen

und die Kraft, welche die Waffen führt, entreißen, um es nackt und

entnervt den Königen zu überantworten.

Die Waffe der Republik ist der Schrecken, die Kraft der Republik ist

die Tugend - die Tugend, weil ohne sie der Schrecken verderblich, der

Schrecken, weil ohne ihn die Tugend ohnmächtig ist. Der Schrecken ist

ein Ausfluß der Tugend, er ist nichts anders als die schnelle, strenge

und unbeugsame Gerechtigkeit. Sie sagen, der Schrecken sei die Waffe

einer despotischen Regierung, die unsrige gliche also dem Despotismus.

Freilich! aber so, wie das Schwert in den Händen eines Freiheitshelden

dem Säbel gleicht, womit der Satellit des Tyrannen bewaffnet ist.

Regiere der Despot seine tierähnlichen Untertanen durch den Schrecken,

er hat recht als Despot; zerschmettert durch den Schrecken die Feinde

der Freiheit, und ihr habt als Stifter der Republik nicht minder

recht. Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen

die Tyrannei.

Erbarmen mit den Royalisten! rufen gewisse Leute. Erbarmen mit

Bösewichtern? Nein! Erbarmen für die Unschuld, Erbarmen für die

Schwäche, Erbarmen für die Unglücklichen, Erbarmen für die Menschheit!

Nur dem friedlichen Bürger gebührt von seiten der Gesellschaft Schutz.

In einer Republik sind nur Republikaner Bürger; Royalisten und

Fremde sind Feinde. Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen, ist

Gnade; ihnen verzeihen, ist Barbarei. Alle Zeichen einer falschen

Empfindsamkeit scheinen mir Seufzer, welche nach England oder nach

Östreich fliegen.

Aber nicht zufrieden, den Arm des Volkes zu entwaffnen, sucht man noch

die heiligsten Quellen seiner Kraft durch das Laster zu vergiften.

Dies ist der feinste, gefährlichste und abscheulichste Angriff auf die

Freiheit. Nur der höllischste Machiavellismus, doch - nein! Ich will

nicht sagen, daß ein solcher Plan in dem Gehirne eines Menschen hätte

ausgebrütet werden können! Es mag unwillkürlich geschehen, doch

die Absicht tut nichts zur Sache, die Wirkung bleibt die nämliche,

die Gefahr ist gleich groß! Das Laster ist das Kainszeichen des

Aristokratismus. In einer Republik ist es nicht nur ein moralisches,

sondern auch ein politisches Verbrechen; der Lasterhafte ist der

politische Feind der Freiheit, er ist ihr um so gefährlicher,

je größer die Dienste sind, die er ihr scheinbar erwiesen. Der

gefährlichste Bürger ist derjenige, welcher leichter ein Dutzend rote

Mützen verbraucht als eine gute Handlung vollbringt.

Ihr werdet mich leicht verstehen, wenn ihr an Leute denkt, welche

sonst in Dachstuben lebten und jetzt in Karossen fahren und mit

ehemaligen Marquisinnen und Baronessen Unzucht treiben. Wir dürfen

wohl fragen: ist das Volk geplündert, oder sind die Goldhände der

Könige gedrückt worden, wenn wir Gesetzgeber des Volks mit allen

Lastern und allem Luxus der ehemaligen Höflinge Parade machen, wenn

wir diese Marquis und Grafen der Revolution reiche Weiber heiraten,

üppige Gastmähler geben, spielen, Diener halten und kostbare Kleider

tragen sehen? Wir dürfen wohl staunen, wenn wir sie Einfälle haben,

schöngeistern und so etwas vom guten Ton bekommen hören. Man hat vor

kurzem auf eine unverschämte Weise den Tacitus parodiert, ich könnte

mit dem Sallust antworten und den Katilina travestieren; doch ich

denke, ich habe keine Striche mehr nötig, die Porträts sind fertig.

Keinen Vertrag, keinen Waffenstillstand mit den Menschen, welche nur

auf Ausplünderung des Volkes bedacht waren, welche diese Ausplünderung

ungestraft zu vollbringen hofften, für welche die Republik eine

Spekulation und die Revolution ein Handwerk war! In Schrecken gesetzt

durch den reißenden Strom der Beispiele, suchen sie ganz leise die

Gerechtigkeit abzukühlen. Man sollte glauben, jeder sage zu sich

selbst: »Wir sind nicht tugendhaft genug, um so schrecklich zu sein.

Philosophische Gesetzgeber, erbarmt euch unsrer Schwäche! Ich wage

euch nicht zu sagen, daß ich lasterhaft bin; ich sage euch also

lieber: seid nicht grausam!«

Beruhige dich, tugendhaftes Volk, beruhigt euch, ihr Patrioten! Sagt

euren Brüdern zu Lyon: das Schwert des Gesetzes roste nicht in den

Händen, denen ihr es anvertraut habt! - Wir werden der Republik ein

großes Beispiel geben. (Allgemeiner Beifall.)

Viele Stimmen.

Es lebe die Republik! Es lebe Robespierre!

Präsident.

Die Sitzung ist aufgehoben.

Vierte Szene

Eine Gasse

Lacroix. Legendre.

Lacroix.

Was hast du gemacht, Legendre! Weißt du auch, wem du mit deinen Büsten

den Kopf herunterwirfst?

Legendre.

Einigen Stutzern und eleganten Weibern, das ist alles.

Lacroix.

Du bist ein Selbstmörder, ein Schatten, der sein Original und somit

sich selbst ermordet.

Legendre.

Ich begreife nicht.

Lacroix.

Ich dächte, Collot hätte deutlich gesprochen.

Legendre.

Was macht das? Es war, als ob eine Champagnerflasche spränge. Er war

wieder betrunken.

Lacroix.

Narren, Kinder und - nun? - Betrunkne sagen die Wahrheit. Wen glaubst

du denn, daß Robespierre mit dem Katilina gemeint habe?

Legendre.

Nun?

Lacroix.

Die Sache ist einfach. Man hat die Atheisten und Ultrarevolutionärs

aufs Schafott geschickt; aber dem Volk ist nicht geholfen, es läuft

noch barfuß in den Gassen und will sich aus Aristokratenleder Schuhe

machen. Der Guillotinenthermometer darf nicht fallen; noch einige

Grade, und der Wohlfahrtsausschuß kann sich sein Bett auf dem

Revolutionsplatz suchen.

Legendre.

Was haben damit meine Büsten zu schaffen?

Lacroix.

Siehst du's noch nicht? Du hast die Contrerevolution offiziell

bekanntgemacht, du hast die Dezemvirn zur Energie gezwungen, du hast

ihnen die Hand geführt. Das Volk ist ein Minotaurus, der wöchentlich

seine Leichen haben muß, wenn er sie nicht auffressen soll.

Legendre.

Wo ist Danton?

Lacroix.

Was weiß ich! Er sucht eben die Mediceische Venus stückweise bei allen

Grisetten des Palais-Royal zusammen; er macht Mosaik, wie er sagt. Der

Himmel weiß, bei welchem Glied er gerade ist. Es ist ein Jammer, daß

die Natur die Schönheit, wie Medea ihren Bruder, zerstückt und sie so

in Fragmenten in die Körper gesenkt hat. - Gehn wir ins Palais-Royal!

(Beide ab.)

Fünfte Szene

Ein Zimmer

Danton. Marion.

Marion.

Nein, laß mich! So zu deinen Füßen. Ich will dir erzählen.

Danton.

Du könntest deine Lippen besser gebrauchen.

Marion.

Nein, laß mich einmal so. - Meine Mutter war eine kluge Frau; sie

sagte mir immer, die Keuschheit sei eine schöne Tugend. Wenn Leute ins

Haus kamen und von manchen Dingen zu sprechen anfingen, hieß sie mich

aus dem Zimmer gehn; frug ich, was die Leute gewollt hätten, so sagte

sie mir, ich solle mich schämen; gab sie mir ein Buch zu lesen, so

mußt' ich fast immer einige Seiten überschlagen. Aber die Bibel las

ich nach Belieben, da war alles heilig; aber es war etwas darin, was

ich nicht begriff. Ich mochte auch niemand fragen, ich brütete über

mir selbst. Da kam der Frühling; es ging überall etwas um mich vor,

woran ich keinen Teil hatte. Ich geriet in eine eigne Atmosphäre,

sie erstickte mich fast. Ich betrachtete meine Glieder; es war mir

manchmal, als wäre ich doppelt und verschmölze dann wieder in eins.

Ein junger Mensch kam zu der Zeit ins Haus; er war hübsch und sprach

oft tolles Zeug; ich wußte nicht recht, was er wollte, aber ich mußte

lachen. Meine Mutter hieß ihn öfters kommen, das war uns beiden recht.

Endlich sahen wir nicht ein, warum wir nicht ebensogut zwischen zwei

Bettüchern beieinander liegen, als auf zwei Stühlen nebeneinander

sitzen durften. Ich fand dabei mehr Vergnügen als bei seiner

Unterhaltung und sah nicht ab, warum man mir das geringere gewähren

und das größere entziehen wollte. Wir taten's heimlich. Das ging so

fort. Aber ich wurde wie ein Meer, was alles verschlang und sich

tiefer und tiefer wühlte. Es war für mich nur ein Gegensatz da, alle

Männer verschmolzen in einen Leib. Meine Natur war einmal so, wer kann

da drüber hinaus? Endlich merkt' er's. Er kam eines Morgens und küßte

mich, als wollte er mich ersticken; seine Arme schnürten sich um

meinen Hals, ich war in unsäglicher Angst. Da ließ er mich los und

lachte und sagte: er hätte fast einen dummen Streich gemacht; ich

solle mein Kleid nur behalten und es brauchen, es würde sich schon von

selbst abtragen, er wolle mir den Spaß nicht vor der Zeit verderben,

es wäre doch das einzige, was ich hätte. Dann ging er; ich wußte

wieder nicht, was er wollte. Den Abend saß ich am Fenster; ich bin

sehr reizbar und hänge mit allem um mich nur durch eine Empfindung

zusammen; ich versank in die Wellen der Abendröte. Da kam ein Haufe

die Straße herab, die Kinder liefen voraus, die Weiber sahen aus den

Fenstern. Ich sah hinunter: sie trugen ihn in einem Korb vorbei, der

Mond schien auf seine bleiche Stirn, seine Locken waren feucht, er

hatte sich ersäuft. Ich mußte weinen. - Das war der einzige Bruch in

meinem Wesen. Die andern Leute haben Sonn- und Werktage, sie arbeiten

sechs Tage und beten am siebenten, sie sind jedes Jahr auf ihren

Geburtstag einmal gerührt und denken jedes Jahr auf Neujahr einmal

nach. Ich begreife nichts davon: ich kenne keinen Absatz, keine

Veränderung. Ich bin immer nur eins; ein ununterbrochenes Sehnen und

Fassen, eine Glut, ein Strom. Meine Mutter ist vor Gram gestorben; die

Leute weisen mit Fingern auf mich. Das ist dumm. Es läuft auf eins

hinaus, an was man seine Freude hat, an Leibern, Christusbildern,

Blumen oder Kinderspielsachen; es ist das nämliche Gefühl; wer am

meisten genießt, betet am meisten.

Danton.

Warum kann ich deine Schönheit nicht ganz in mich fassen, sie nicht

ganz umschließen?

Marion.

Danton, deine Lippen haben Augen.

Danton.

Ich möchte ein Teil des Äthers sein, um dich in meiner Flut zu baden,

um mich auf jeder Welle deines schönen Leibes zu brechen.

(Lacroix, Adelaide, Rosalie treten ein.)

Lacroix (bleibt in der Tür stehn).

Ich muß lachen, ich muß lachen.

Danton (unwillig).

Nun?

Lacroix.

Die Gasse fällt mir ein.

Danton.

Und?

Lacroix.

Auf der Gasse waren Hunde, eine Dogge und ein Bologneser

Schoßhündlein, die quälten sich.

Danton.

Was soll das?

Lacroix.

Das fiel mir nun grade so ein, und da mußt' ich lachen. Es sah

erbaulich aus! Die Mädel guckten aus den Fenstern; man sollte

vorsichtig sein und sie nicht einmal in der Sonne sitzen lassen. Die

Mücken treiben's ihnen sonst auf den Händen; das macht Gedanken.

Legendre und ich sind fast durch alle Zellen gelaufen, die Nönnlein

von der Offenbarung durch das Fleisch hingen uns an den Rockschößen

und wollten den Segen. Legendre gibt einer die Disziplin, aber er

wird einen Monat dafür zu fasten bekommen. Da bringe ich zwei von den

Priesterinnen mit dem Leib.

Marion.

Guten Tag, Demoiselle Adelaide! guten Tag, Demoiselle Rosalie!

Rosalie.

Wir hatten schon lange nicht das Vergnügen.

Marion.

Es war mir recht leid.

Adelaide.

Ach Gott, wir sind Tag und Nacht beschäftigt.

Danton (zu Rosalie).

Ei, Kleine, du hast ja geschmeidige Hüften bekommen.

Rosalie.

Ach ja, man vervollkommnet sich täglich.

Lacroix.

Was ist der Unterschied zwischen dem antiken und einem modernen

Adonis?

Danton.

Und Adelaide ist sittsam-interessant geworden; eine pikante

Abwechslung. Ihr Gesicht sieht aus wie ein Feigenblatt, das sie sich

vor den ganzen Leib hält. So ein Feigenbaum an einer so gangbaren

Straße gibt einen erquicklichen Schatten.

Adelaide.

Ich wäre ein Herdweg, wenn Monsieur...

Danton.

Ich verstehe; nur nicht böse, mein Fräulein!

Lacroix.

So höre doch! Ein moderner Adonis wird nicht von einem Eber, sondern

von Säuen zerrissen; er bekommt seine Wunde nicht am Schenkel, sondern

in den Leisten, und aus seinem Blut sprießen nicht Rosen hervor,

sondern schießen Quecksilberblüten an.

Danton.

O laß das, Fräulein Rosalie ist ein restaurierter Torso, woran nur die

Hüften und Füße antik sind. Sie ist eine Magnetnadel: was der Pol Kopf

abstößt, zieht der Pol Fuß an; die Mitte ist ein Äquator, wo jeder

eine Sublimattaufe bekömmt, der die Linie passiert.

Lacroix.

Zwei Barmherzige Schwestern; jede dient in einem Spital, d. h. in

ihrem eignen Körper.

Rosalie.

Schämen Sie sich, unsere Ohren rot zu machen!

Adelaide.

Sie sollten mehr Lebensart haben! (Adelaide und Rosalie ab.)

Danton.

Gute Nacht, ihr hübschen Kinder!

Lacroix.

Gute Nacht, ihr Quecksilbergruben!

Danton.

Sie dauern mich, sie kommen um ihr Nachtessen.

Lacroix.

Höre, Danton, ich komme von den Jakobinern.

Danton.

Nichts weiter?

Lacroix.

Die Lyoner verlasen eine Proklamation; sie meinten, es bliebe ihnen

nichts übrig, als sich in die Toga zu wickeln. Jeder macht ein

Gesicht, als wollte er zu seinem Nachbar sagen: Paetus, es schmerzt

nicht! - Legendre rief, man wolle Chaliers und Marats Büsten

zerschlagen. Ich glaube, er will sich das Gesicht wieder rot machen;

er ist ganz aus der Terreur herausgekommen, die Kinder zupfen ihn auf

der Gasse am Rock.

Danton.

Und Robespierre?

Lacroix.

Fingerte auf der Tribüne und sagte: die Tugend muß durch den Schrecken

herrschen. Die Phrase machte mir Halsweh.

Danton.

Sie hobelt Bretter für die Guillotine.

Lacroix.

Und Collot schrie wie besessen, man müsse die Masken abreißen.

Danton.

Da werden die Gesichter mitgehen.

(Paris tritt ein.)

Lacroix.

Was gibt's, Fabricius?

Paris.

Von den Jakobinern weg ging ich zu Robespierre; ich verlangte eine

Erklärung. Er suchte eine Miene zu machen wie Brutus, der seine

Söhne opfert. Er sprach im allgemeinen von den Pflichten, sagte: der

Freiheit gegenüber kenne er keine Rücksicht, er würde alles opfern,

sich, seinen Bruder, seine Freunde.

Danton.

Das war deutlich; man braucht nur die Skala herumzukehren, so steht

er unten und hält seinen Freunden die Leiter. Wir sind Legendre Dank

schuldig, er hat sie sprechen gemacht.

Lacroix.

Die Hebertisten sind noch nicht tot, das Volk ist materiell elend, das

ist ein furchtbarer Hebel. Die Schale des Blutes darf nicht steigen,

wenn sie dem Wohlfahrtsausschuß nicht zur Laterne werden soll; er hat

Ballast nötig, er braucht einen schweren Kopf.

Danton.

Ich weiß wohl - die Revolution ist wie Saturn, sie frißt ihre eignen

Kinder. (Nach einigem Besinnen:) Doch, sie werden's nicht wagen.

Lacroix.

Danton, du bist ein toter Heiliger; aber die Revolution kennt keine

Reliquien, sie hat die Gebeine aller Könige auf die Gasse und alle

Bildsäulen von den Kirchen geworfen. Glaubst du, man würde dich als

Monument stehen lassen?

Danton.

Mein Name! das Volk!

Lacroix.

Dein Name! Du bist ein Gemäßigter, ich bin einer, Camille, Philippeau,

Hérault. Für das Volk sind Schwäche und Mäßigung eins; es schlägt die

Nachzügler tot. Die Schneider von der Sektion der roten Mütze werden

die ganze römische Geschichte in ihrer Nadel fühlen, wenn der Mann des

September ihnen gegenüber ein Gemäßigter war.

Danton.

Sehr wahr, und außerdem - das Volk ist wie ein Kind, es muß alles

zerbrechen, um zu sehen, was darin steckt.

Lacroix.

Und außerdem, Danton, sind wir lasterhaft, wie Robespierre sagt, d. h.

wir genießen; und das Volk ist tugendhaft, d. h. es genießt nicht,

weil ihm die Arbeit die Genußorgane stumpf macht, es besäuft sich

nicht, weil es kein Geld hat, und es geht nicht ins Bordell, weil es

nach Käs und Hering aus dem Hals stinkt und die Mädel davor einen Ekel

haben.

Danton.

Es haßt die Genießenden wie ein Eunuch die Männer.

Lacroix.

Man nennt uns Spitzbuben, und (sich zu den Ohren Dantons neigend) es

ist, unter uns gesagt, so halbwegs was Wahres dran. Robespierre und

das Volk werden tugendhaft sein. St. Just wird einen Roman schreiben,

und Barère wird eine Carmagnole schneidern und dem Konvent das

Blutmäntelchen umhängen und - ich sehe alles.

Danton.

Du träumst. Sie hatten nie Mut ohne mich, sie werden keinen gegen mich

haben; die Revolution ist noch nicht fertig, sie könnten mich noch

nötig haben, sie werden mich im Arsenal aufheben.

Lacroix.

Wir müssen handeln.

Danton.

Das wird sich finden.

Lacroix.

Es wird sich finden, wenn wir verloren sind.

Marion (zu Danton).

Deine Lippen sind kalt geworden, deine Worte haben deine Küsse

erstickt.

Danton (zu Marion).

So viel Zeit zu verlieren! Das war der Mühe wert! - (Zu Lacroix:)

Morgen geh ich zu Robespierre; ich werde ihn ärgern, da kann er nicht

schweigen. Morgen also! Gute Nacht, meine Freunde, gute Nacht! ich

danke euch!

Lacroix.

Packt euch, meine guten Freunde, Packt euch! Gute Nacht, Danton! Die

Schenkel der Demoiselle guillotinieren dich, der Mons Veneris wird

dein Tarpejischer Fels. (Ab mit Paris.)

Sechste Szene

Ein Zimmer

Robespierre. Danton. Paris.

Robespierre.

Ich sage dir, wer mir in den Arm fällt, wenn ich das Schwert ziehe,

ist mein Feind - seine Absicht tut nichts zur Sache; wer mich

verhindert, mich zu verteidigen, tötet mich so gut, als wenn er mich

angriffe.

Danton.

Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an; ich sehe keinen Grund, der

uns länger zum Töten zwänge.

Robespierre.

Die soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur

Hälfte vollendet, gräbt sich selbst sein Grab. Die gute Gesellschaft

ist noch nicht tot, die gesunde Volkskraft muß sich an die Stelle

dieser nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen. Das Laster

muß bestraft werden, die Tugend muß durch den Schrecken herrschen.

Danton.

Ich verstehe das Wort Strafe nicht. - Mit deiner Tugend, Robespierre!

Du hast kein Geld genommen, du hast keine Schulden gemacht, du hast

bei keinem Weibe geschlafen, du hast immer einen anständigen Rock

getragen und dich nie betrunken. Robespierre, du bist empörend

rechtschaffen. Ich würde mich schämen, dreißig Jahre lang mit der

nämlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und Erde herumzulaufen,

bloß um des elenden Vergnügens willen, andre schlechter zu finden als

mich. - Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise,

heimlich sagte: du lügst, du lügst!?

Robespierre.

Mein Gewissen ist rein.

Danton.

Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich quält; jeder putzt

sich, wie er kann, und geht auf seine eigne Art auf seinen Spaß dabei

aus. Das ist der Mühe wert, sich darüber in den Haaren zu liegen!

Jeder mag sich wehren, wenn ein andrer ihm den Spaß verdirbt. Hast du

das Recht, aus der Guillotine einen Waschzuber für die unreine Wäsche

anderer Leute und aus ihren abgeschlagenen Köpfen Fleckkugeln für ihre

schmutzigen Kleider zu machen, weil du immer einen sauber gebürsteten

Rock trägst? Ja, du kannst dich wehren, wenn sie dir drauf spucken

oder Löcher hineinreißen; aber was geht es dich an, solang sie dich in

Ruhe lassen? Wenn sie sich nicht genieren, so herumzugehn, hast du

deswegen das Recht, sie ins Grabloch zu sperren? Bist du der

Polizeisoldat des Himmels? Und kannst du es nicht ebensogut mitansehn

als dein lieber Herrgott, so halte dir dein Schnupftuch vor die

Augen.

Robespierre.

Du leugnest die Tugend?

Danton.

Und das Laster. Es gibt nur Epikureer, und zwar grobe und feine,

Christus war der feinste; das ist der einzige Unterschied, den ich

zwischen den Menschen herausbringen kann. Jeder handelt seiner Natur

gemäß, d. h. er tut, was ihm wohltut. - Nicht wahr, Unbestechlicher,

es ist grausam, dir die Absätze so von den Schuhen zu treten?

Robespierre.

Danton, das Laster ist zu gewissen Zeiten Hochverrat.

Danton.

Du darfst es nicht proskribieren, ums Himmels willen nicht, das wäre

undankbar; du bist ihm zu viel schuldig, durch den Kontrast nämlich. -

Übrigens, um bei deinen Begriffen zu bleiben, unsere Streiche müssen

der Republik nützlich sein, man darf die Unschuldigen nicht mit den

Schuldigen treffen.

Robespierre.

Wer sagt dir denn, daß ein Unschuldiger getroffen worden sei?

Danton.

Hörst du, Fabricius? Es starb kein Unschuldiger! (Er geht; im

Hinausgehn zu Paris:) Wir dürfen keinen Augenblick verlieren, wir

müssen uns zeigen! (Danton und Paris ab.)

Robespierre. (allein).

Geh nur! Er will die Rosse der Revolution am Bordell halten machen,

wie ein Kutscher seine dressierten Gäule; sie werden Kraft genug

haben, ihn zum Revolutionsplatz zu schleifen.

Mir die Absätze von den Schuhen treten! Um bei deinen Begriffen zu

bleiben! - Halt! Halt! Ist's das eigentlich? Sie werden sagen, seine

gigantische Gestalt hätte zu viel Schatten auf mich geworfen, ich

hätte ihn deswegen aus der Sonne gehen heißen. - Und wenn sie recht

hätten? Ist's denn so notwendig? Ja, ja! die Republik! Er muß weg.

Es ist lächerlich, wie meine Gedanken einander beaufsichtigen. - Er

muß weg. Wer in einer Masse, die vorwärts drängt, stehenbleibt,

leistet so gut Widerstand, als trät' er ihr entgegen: er wird

zertreten.

Wir werden das Schiff der Revolution nicht auf den seichten

Berechnungen und den Schlammbänken dieser Leute stranden lassen; wir

müssen die Hand abhauen, die es zu halten wagt - und wenn er es mit

den Zähnen packte!

Weg mit einer Gesellschaft, die der toten Aristokratie die Kleider

ausgezogen und ihren Aussatz geerbt hat!

Keine Tugend! Die Tugend ein Absatz meiner Schuhe! Bei meinen

Begriffen! - Wie das immer wiederkommt. - Warum kann ich den Gedanken

nicht loswerden? Er deutet mit blutigem Finger immer da, da hin! Ich

mag so viel Lappen darum wickeln, als ich will, das Blut schlägt immer

durch. - (Nach einer Pause:) Ich weiß nicht, was in mir das andere

belügt.

(Er tritt ans Fenster.) Die Nacht schnarcht über der Erde und wälzt

sich im wüsten Traum. Gedanken, Wünsche, kaum geahnt, wirr und

gestaltlos, die scheu sich vor des Tages Licht verkrochen, empfangen

jetzt Form und Gewand und stehlen sich in das stille Haus des Traums.

Sie öffnen die Türen, sie sehen aus den Fenstern, sie werden halbwegs

Fleisch, die Glieder strecken sich im Schlaf, die Lippen murmeln. -

Und ist nicht unser Wachen ein hellerer Traum? sind wir nicht

Nachtwandler? ist nicht unser Handeln wie das im Traum, nur

deutlicher, bestimmter, durchgeführter? Wer will uns darum schelten?

In einer Stunde verrichtet der Geist mehr Taten des Gedankens, als der

träge Organismus unsres Leibes in Jahren nachzutun vermag. Die Sünde

ist im Gedanken. Ob der Gedanke Tat wird, ob ihn der Körper

nachspiele, das ist Zufall.

(St. Just tritt ein.)

Robespierre.

He, wer da im Finstern? He, Licht, Licht!

St. Just.

Kennst du meine Stimme?

Robespierre.

Ah du, St. Just!

(Eine Dienerin bringt Licht.)

St. Just.

Warst du allein?

Robespierre.

Eben ging Danton weg.

St. Just.

Ich traf ihn unterwegs im Palais-Royal. Er machte seine revolutionäre

Stirn und sprach in Epigrammen; er duzte sich mit den Ohnehosen, die

Grisetten liefen hinter seinen Waden drein, und die Leute blieben

stehn und zischelten sich in die Ohren, was er gesagt hatte. - Wir

werden den Vorteil des Angriffs verlieren. Willst du noch länger

zaudern? Wir werden ohne dich handeln. Wir sind entschlossen.

Robespierre.

Was wollt ihr tun?

St. Just.

Wir berufen den Gesetzgebungs-, den Sicherheits- und den

Wohlfahrtsausschuß zu feierlicher Sitzung.

Robespierre.

Viel Umstände.

St. Just.

Wir müssen die große Leiche mit Anstand begraben, wie Priester, nicht

wie Mörder; wir dürfen sie nicht verstümmeln, alle ihre Glieder müssen

mit hinunter.

Robespierre.

Sprich deutlicher!

St. Just.

Wir müssen ihn in seiner vollen Waffenrüstung beisetzen und seine

Pferde und Sklaven auf seinem Grabhügel schlachten: Lacroix -

Robespierre.

Ein ausgemachter Spitzbube, gewesener Advokatenschreiber, gegenwärtig

Generalleutnant von Frankreich. Weiter!

St. Just.

Hérault-Séchelles.

Robespierre.

Ein schöner Kopf!

St. Just.

Er war der schöngemalte Anfangsbuchstaben der Konstitutionsakte; wir

haben dergleichen Zierat nicht mehr nötig, er wird ausgewischt. -

Philippeau. - Camille.

Robespierre.

Auch der?

St. Just (überreicht ihm ein Papier)

Das dacht' ich. Da lies!

Robespierre.

Aha, »Der alte Franziskaner«! Sonst nichts? Er ist ein Kind, er hat

über euch gelacht.

St. Just.

Lies hier, hier! (Er zeigt ihm eine Stelle.)

Robespierre (liest).

»Dieser Blutmessias Robespierre auf seinem Kalvarienberge zwischen den

beiden Schächern Couthon und Collot, auf dem er opfert und nicht

geopfert wird. Die Guillotinen-Betschwestern stehen wie Maria und

Magdalena unten. St. Just liegt ihm wie Johannes am Herzen und macht

den Konvent mit den apokalyptischen Offenbarungen des Meisters

bekannt; er trägt seinen Kopf wie eine Monstranz.«

St. Just.

Ich will ihn den seinigen wie St. Denis tragen machen.

Robespierre (liest weiter).

»Sollte man glauben, daß der saubere Frack des Messias das Leichenhemd

Frankreichs ist, und daß seine dünnen, auf der Tribüne herumzuckenden

Finger Guillotinenmesser sind? - Und du, Barère, der du gesagt hast,

auf dem Revolutionsplatz werde Münze geschlagen! Doch - ich will den

alten Sack nicht aufwühlen. Er ist eine Witwe, die schon ein halb

Dutzend Männer hatte und sie alle begraben half. Wer kann was dafür?

Das ist so seine Gabe, er sieht den Leuten ein halbes Jahr vor dem

Tode das hippokratische Gesicht an. Wer mag sich auch zu Leichen

setzen und den Gestank riechen?«

Also auch du, Camille? - Weg mit ihnen! Rasch! Nur die Toten kommen

nicht wieder.

Hast du die Anklage bereit?

St. Just.

Es macht sich leicht. Du hast die Andeutungen bei den Jakobinern

gemacht.

Robespierre.

Ich wollte sie schrecken.

St. Just.

Ich brauche nur durchzuführen; die Fälscher geben das Ei und die

Fremden den Apfel ab. - Sie sterben an der Mahlzeit, ich gebe dir mein

Wort.

Robespierre.

Dann rasch, morgen! Keinen langen Todeskampf! Ich bin empfindlich seit

einigen Tagen. Nur rasch! (St. Just ab.)

Robespierre (allein).

Jawohl, Blutmessias, der opfert und nicht geopfert wird. - Er hat sie

mit seinem Blut erlöst, und ich erlöse sie mit ihrem eignen. Er hat

sie sündigen gemacht, und ich nehme die Sünde auf mich. Er hatte die

Wollust des Schmerzes, und ich habe die Qual des Henkers. Wer hat sich

mehr verleugnet, ich oder er? - Und doch ist was von Narrheit in dem

Gedanken. - Was sehen wir nur immer nach dem Einen? Wahrlich, der

Menschensohn wird in uns allen gekreuzigt, wir ringen alle im

Gethsemanegarten im blutigen Schweiß, aber es erlöst keiner den andern

mit seinen Wunden.

Mein Camille! - Sie gehen alle von mir - es ist alles wüst und leer -

ich bin allein.

Zweiter Akt

Erste Szene

Ein Zimmer

Danton. Lacroix. Philippeau. Paris. Camille Desmoulins.

Camille.

Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren!

Danton (er kleidet sich an).

Aber die Zeit verliert uns. Das ist sehr langweilig, immer das Hemd

zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und

morgens wieder herauszukriechen und einen Fuß immer so vor den andern

zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll. Das ist

sehr traurig, und daß Millionen es schon so gemacht haben, und daß

Millionen es wieder so machen werden, und daß wir noch obendrein aus

zwei Hälften bestehen, die beide das nämliche tun, so daß alles

doppelt geschieht - das ist sehr traurig.

Camille.

Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton.

Danton.

Sterbende werden oft kindisch.

Lacroix.

Du stürzest dich durch dein Zögern ins Verderben, du reißest alle

deine Freunde mit dir. Benachrichtige die Feiglinge, daß es Zeit ist,

sich um dich zu versammeln, fordere sowohl die vom Tale als die vom

Berge auf! Schreie über die Tyrannei der Dezemvirn, sprich von

Dolchen, rufe Brutus an, dann wirst du die Tribunen erschrecken und

selbst die um dich sammeln, die man als Mitschuldige Héberts bedroht!

Du mußt dich deinem Zorn überlassen. Laßt uns wenigstens nicht

entwaffnet und erniedrigt wie der schändliche Hébert sterben!

Danton.

Du hast ein schlechtes Gedächtnis, du nanntest mich einen toten

Heiligen. Du hattest mehr recht, als du selbst glaubtest. Ich war bei

den Sektionen; sie waren ehrfurchtsvoll, aber wie Leichenbitter. Ich

bin eine Reliquie, und Reliquien wirft man auf die Gasse, du hattest

recht.

Lacroix.

Warum hast du es dazu kommen lassen?

Danton.

Dazu? Ja, wahrhaftig, es war mir zuletzt langweilig. Immer im

nämlichen Rock herumzulaufen und die nämlichen Falten zu ziehen! Das

ist erbärmlich. So ein armseliges Instrument zu sein, auf dem eine

Saite immer nur einen Ton angibt! - 's ist nicht zum Aushalten. Ich

wollte mir's bequem machen. Ich habe es erreicht; die Revolution setzt

mich in Ruhe, aber auf andere Weise, als ich dachte.

Übrigens, auf was sich stützen? Unsere Huren könnten es noch mit den

Guillotinen-Betschwestern aufnehmen; sonst weiß ich nichts. Es läßt

sich an den Fingern herzählen: die Jakobiner haben erklärt, daß die

Tugend an der Tagesordnung sei, die Cordeliers nennen mich Héberts

Henker, der Gemeinderat tut Buße, der Konvent - das wäre noch ein

Mittel! aber es gäbe einen 31. Mai, sie würden nicht gutwillig

weichen. Robespierre ist das Dogma der Revolution, es darf nicht

ausgestrichen werden. Es ginge auch nicht. Wir haben nicht die

Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht.

Dantons Tod · 第 1 / 5 段