Die beiden gedrängten Mitteilungen, welche _Mendel_ über die ihn durch

lange Jahre beschäftigenden Fragen in kleinem Kreise gemacht und an einem

schwer zugänglichen Orte veröffentlicht hatte (nur 30 Sonderabdrücke hat

der bescheidene Gelehrte bestellt und versendet), führten zwar zu einer

interessanten Korrespondenz mit _C. v. Nägeli_, gerieten jedoch bald in

fast völlige Vergessenheit. Nur der Sammeleifer von _W. O. Focke_ bewahrte

in seinem bekannten Buche: »Die Pflanzenmischlinge« (Berlin 1881), einen

Hinweis auf. Er lautet auf Seite 110: »_Mendels_ zahlreiche

Kreuzungsversuche ergaben Resultate, die dem _Knight_'schen ganz ähnlich

waren, doch glaubte _Mendel_, konstante Zahlenverhältnisse zwischen den

Typen der Mischlinge zu finden.« So kam es, dass das Wesentliche der

bereits von _Mendel_ festgestellten Ergebnisse gleichzeitig und unabhängig

von drei Forschern, _C. Correns_ (Münster), _E. v. Tschermak_ (Wien), _Hugo

de Vries_ (Amsterdam) neu gewonnen werden musste, und die drei Genannten

erst beim nachträglichen Durchsuchen der Litteratur auf _Mendels_

grundlegende Vorarbeiten stiessen. Mit dieser Wiederentdeckung (1900) wurde

für die experimentelle Biologie eine neue, überaus fruchtbare

Arbeitsrichtung erschlossen, die heute bereits allgemein als »Mendelismus«

bezeichnet wird. Dieselbe hat in England besonders durch ihre

Hauptvertreter _W. Bateson_ und seine Schule (speziell _R. C. Punnett_,

Miss _E. R. Saunders_ und _R. H. Lock_), ferner _C. Hurst_ und _Biffen_, in

Amerika durch _Castle_, _Davenport_, _Shull_, _Emerson_ und _Spillman_, in

Deutschland durch _C. Correns_, _V. Häcker_ und _E. Baur_, in Oesterreich

durch _E. v. Tschermak_, in der Schweiz durch _A. Lang_, in Schweden durch

_Nilsson-Ehle_, in Japan durch _K. Toyama_ sehr erfolgreiche Pflege

gefunden. Auch auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Züchtung hat der

»Mendelismus« neubelebend und richtunggebend gewirkt.

Aus den nicht sehr reichen biographischen Daten lässt sich folgendes Bild

gewinnen.

Johann _Mendel_ wurde am 20. Juli 1822 zu Heinzendorf, einem kleinen,

zwischen Odrau und Leipnik gelegenen Dörfchen an der mährisch-schlesischen

Grenze als Sohn einfacher Bauersleute geboren. Von seinem Vater für den

landwirtschaftlichen Beruf als zukünftiger Uebernehmer des kleinen Besitzes

bestimmt, wurde der aufgeweckte Hans schon in jungen Jahren mit der

Landwirtschaft und einigen gärtnerischen Handgriffen, wie Pfropfen,

vertraut gemacht. Dem Zureden des Dorfschullehrers sowie Mendels Mutter

gelang es, den anfangs widerstrebenden Vater zu bewegen, den Bitten des

Knaben nachzugeben und ihn studieren zu lassen. Zunächst wurde er in die

Bürgerschule nach Leipnik geschickt. Das Gymnasium absolvierte er binnen

sechs Jahren unter grossen finanziellen Schwierigkeiten in Troppau und

machte dann in Olmütz die zwei sogenannten philosophischen Jahrgänge durch,

welche der 7. und 8. Klasse unserer heutigen Gymnasien entsprachen. Der

Direktor des Gymnasiums, ein Augustinerpriester, mag den jungen Mann auf

den Gedanken gebracht haben, sich dem geistlichen Stande zu widmen. Von

seinem Physiklehrer, der ihn seinen besten Schüler nannte, an den Prälaten

des Altbrünner Augustinerstiftes empfohlen, wurde er im Jahre 1843 als

Novize mit dem Namen Gregor eingekleidet. Nach zwei Jahren studierte er

1845-1848 in Brünn Theologie und war dann kurze Zeit in der Seelsorge

tätig, von der er aber bald wieder enthoben wurde. Zwei Jahre verbrachte er

hierauf als supplierender Lehrer am Znaimer Gymnasium, wo er Physik und

Mathematik vorzutragen hatte und kehrte 1851 nach Brünn zurück als Lehrer

am Vorbereitungskurs der technischen Lehranstalt, aus der sich später die

technische Hochschule entwickelte. Vom Kloster im Oktober 1851 nach Wien an

die Universität entsendet, war er hier durch fünf Semester

ausserordentlicher Hörer. Von seinen Lehrern seien die Botaniker _Fenzl_

und _Unger_, die Physiker _Doppler_ und _Ettinghausen_, sowie der Chemiker

_Redtenbacher_ genannt. Im Jahre 1854 wurde _Mendel_ Lehrer für

Naturgeschichte und Physik an der K. K. Oberrealschule in Brünn. Hier

wirkte er 14 Jahre lang als ausgezeichnete, von seinen Kollegen und

Schülern geliebte und verehrte Lehrkraft bis zu seiner am 13. Mai 1868

erfolgten Wahl zum Abte seines Stiftes. Als solcher opferte er seine durch

Kränklichkeit gefährdete Arbeitskraft so gut wie völlig der Leitung des

Klosters (1869-1884) und verzehrte sich förmlich in schweren Kämpfen

um die finanzielle Sicherung von dessen Zukunft gegenüber den

Besteuerungsmassregeln der damaligen Regierung. Im Jahre 1869 war

_Mendel_ einer der Vize-Präsidenten des Naturforschenden Vereines in

Brünn. Er starb am 6. Jänner 1884.

_Mendels_ naturwissenschaftliche Arbeiten fallen in die Jahre 1856-1872.

Seine an Umfang und Zahl sehr reichen botanischen Versuche stellte er im

Garten seines Klosters an. Nur die Resultate seiner Bastardierungsversuche

mit Pisum- und Phaseolus-Rassen, ferner mit Hieracium-Arten legte er in

schier allzu weit gehender Kürze 1865, bzw. 1866 und 1869 bzw. 1870 in den

Schriften des Naturforschenden Vereines in Brünn nieder. Diese

Mitteilungen, welche selbst schon eine publizistische Fortsetzung und eine

Erweiterung durch _Mendel_ sehr wünschenswerth hätten erscheinen lassen,

umfassen jedoch nur einen bescheidenen Teil dessen, was er beobachtet und

gearbeitet hat. So erwähnen die Sitzungsberichte des Naturforschenden

Vereins in Brünn (1866, S. 52), dass _Mendel_ in frischem Zustande zwei von

ihm gezogene Bastarde, nämlich Verbascum phoeniceum × weissblühendem

Verbascum Blattaria und Campanula media × pyramidalis zeigte. _Mendel_

spricht ferner in der I. Abhandlung auch von einigen Versuchen an Lathyrus

(S. 9) und Dianthus Caryophyllus (S. 37). In seinen Briefen an _C. v.

Nägeli_, durch deren Herausgabe _C. Correns_ unsere Kenntnis von der

Forschernatur _Mendels_ und von dem Umfange seiner Arbeiten in sehr

dankenswerther Weise gefördert hat, erwähnt _Mendel_ auch eigene

Bastardierungsversuche zwischen verschiedenfarbigen Levkojensippen, welche

ihn mindestens 6 Jahre beschäftigten, an Geum, Cirsium, Aquilegia, Linaria,

Mirabilis, Melandrium, Zea, Verbascum, Antirrhinum, Ipomaea, Tropaeolum,

Calceolaria. Nach seiner Wahl zum Prälaten fand _Mendel_ leider nur mehr in

den ersten 4 Jahren noch Zeit, seine Beobachtungen systematisch

fortzusetzen. Auch zu einer Verarbeitung des bereits gewonnenen Materials

für weitere Veröffentlichungen ist er nicht mehr gekommen. Seine gewiss mit

höchster Genauigkeit geführten Beobachtungsjournale scheinen leider

verloren gegangen zu sein. Die Anregungen zu den Untersuchungen über

Pflanzenhybriden gab ihm allem Anscheine nach die in den 50er und 60er

Jahren besonders lebhafte Diskussion über die Entstehung der Arten und

speziell die Auffassungen, zu welchen _C. v. Nägeli_ für die Formenkreise

von Hieracium gekommen war. _v. Nägeli_ gab _Mendel_ direkte briefliche

Anleitung zur Kultur und Kastration der Hieraciumformen, von denen er

einzelne _Mendel_ zusandte, hat jedoch die wesentliche Bedeutung der

Forschungen _Mendels_ nicht erfasst. _Mendel_ hinwiederum überliess _v.

Nägeli_ Proben seiner Hybriden von Pisum, Hieracium, Cirsium, Geum und

Linaria.

Für die Gärtnerei hatte _Mendel_ ein besonderes Interesse. Im

Klostergarten nahm er Pfropfungen an Obstbäumen vor, und eine von ihm

gezüchtete Fuchsie wurde von den Gärtnern seiner Zeit sehr geschätzt und

Mendelfuchsie benannt. Es ist nicht bekannt, wie diese gefüllte Fuchsie

gezüchtet wurde. Auf einem Gruppenbilde ist _Mendel_, einen Zweig dieser

Fuchsie in der Hand haltend, abgebildet. -- Als eifriger Imker stellte

_Mendel_ auch Bastardierungsversuche mit Bienen an. Er zeigte

im Vereine der Bienenzüchter sowie manchen seiner Besucher

solche Bastardierungsprodukte vor, leider ohne darüber etwas zu

veröffentlichen. Am ausführlichsten berichtet über diese Versuche Dr.

_M. Schindler_ in seiner Gedenkrede.

Neben der Botanik gehört _Mendel's_ Interesse hauptsächlich der

Meteorologie. Die Resultate seiner mehrjährigen Beobachtungen, die von

allen Fachmännern als mustergültig bezeichnet werden, veröffentlichte er

vom Jahre 1862 ab in den obengenannten Verhandlungen und gab durch

dieselben Veranlassung zur Ausdehnung des meteorologischen

Beobachtungsnetzes über ganz Mähren und Schlesien. _Mendel_ beschäftigte

sich auch viele Jahre hindurch mit Grundwassermessungen sowie mit

Beobachtungen über Sonnenflecken; doch sind leider in Folge seines zuletzt

sehr leidenden Zustandes die Resultate unveröffentlicht geblieben, auch

fand sich Niemand, der die im Kloster befindlichen Beobachtungsbücher zur

Fortsetzung jener Studien benützt hätte. Gelegentlich einer Zyklone im

Jahre 1870, die das Kloster arg beschädigte, trug _Mendel_ im

Naturforschenden Vereine seine teils selbst gemachten, teils durch

Erkundigungen und Nachforschungen in der Umgebung von Brünn gewonnenen

Beobachtungen über jenes Phänomen vor und veröffentlichte einen Auszug

seines Vortrages in den Vereinsschriften.

Die ausserordentliche Wertschätzung, welche der Mendelismus in den letzten

10 Jahren in allen biologischen Disziplinen gefunden, und seine

epochemachende Bedeutung für das Gesamtgebiet der Vererbungsfragen kam so

recht deutlich zum Ausdruck bei der am 2. Oktober 1910 erfolgten Enthüllung

des Gregor Mendeldenkmales in Brünn, zu welcher Feier sich eine selten

zahlreiche Versammlung von aus- und inländischen Gelehrten eingefunden

hatte.

* * * * *

_Gregor Mendel_ hat folgende Arbeiten und zwar durchwegs in den

Verhandlungen des Naturforschenden Vereines in Brünn veröffentlicht:

Bemerkungen zu der graphisch-tabellarischen Uebersicht der

meteorologischen Verhältnisse von Brünn. Bd. I. 1864. S. 246.

Meteorologische Beobachtungen aus Mähren und Schlesien für die Jahre

1864-1867. Bd. II-V; in den späteren Jahren mitbeteiligt.

Versuche über Pflanzenhybriden. Bd. IV. 1866. S. 3-...

Ueber einige aus künstlicher Befruchtung gewonnene Hieraciumbastarde.

Bd. VIII. 1870. S. 26-31.

(Die beiden Arbeiten _Gregor Mendels_ wurden bereits im Jahre 1900

von _E. v. Tschermak_ zur Aufnahme in Ostwald's Klassiker der

exakten Wissenschaften empfohlen, doch zögerte man längere Zeit mit

der Annahme, so dass schließlich der von _C. Goebel_ besorgte

Abdruck der ersten Abhandlung _Mendels_ in der _Flora_ (Erg.-Bd.

89. Jg. 1901), einige Wochen früher erschien. Eine englische

Uebersetzung publizierte _W. Bateson_ im Journ. of the R. Hort.

Society Bd. 1901, in _Mendels_ principles of heredity. A Defense.

Cambridge 1902 und _Mendels_ principles of heredity. Cambridge

1909.)

Die Windhose am 13. Oktober 1870. Bd. IX. S. 229. 1871.

_Gregor Mendels_ Briefe an _Carl v. Nägeli_. Herausgegeben von _C.

Correns_. Abh. der Kgl. Sächs. Ges. d. Wiss. Math.-phys. Kl. 29. Jg. III.

Leipzig 1905. S. 189. -- Einige der Antwortschreiben _Carl v. Nägelis_

wurden kürzlich in Brünn aufgefunden; ihre Ausgabe durch _Dr. H. Iltis_ ist

zu erwarten.

Biographische Daten über _Gregor Mendel_ finden sich an folgenden Orten:

_A. Schindler_ (Stadtarzt in Zuckmantel, Schlesien) Gedenkrede auf

Prälaten _Gr. J. Mendel_ anlässlich der Gedenktafel-Enthüllung in

Heinzendorf, Schlesien, am 20. Juli 1902. (Selbstverlag.)

_H. Iltis_. _Johann Gregor Mendel's_ Leben. Tagesbote aus Mähren und

Schlesien, 21. Juli 1906. Nr. 337.

-- _Gregor Mendel_. Naturw. Wochenschrift Nr. 47. 1910.

Aus der ungemein reichen Litteratur über den Mendelismus seien zunächst die

Wiederentdeckungs-Publikationen angeführt:

_C. Correns_. _Gregor Mendel's_ Regel über das Verhalten der

Nachkommenschaft der Rassenbastarde. Ber. d. d. bot. Ges. Bd. XVIII.

1900. Heft 4.

_Erich Tschermak_. Ueber künstliche Kreuzung bei Pisum sativum.

Zeitschr. f. d. landw. Versuchswesen in Oesterreich. 5. Heft. 1900 und

Ber. d. d. bot. Ges. Bd. XVIII. 1900. Heft 6.

_Hugo de Vries_. Ueber das Spaltungsgesetz der Bastarde. Ber. d. d. bot.

Ges. Bd. XVIII. 1900. Heft 3. Vgl. auch: Sur la loi de disjonction des

hybrides. Comptes rendus de l'Acad. des sciences. Paris 26. März 1900.

Von anderen Schriften seien hier nur einige allgemein orientierende

Arbeiten genannt, welche speziell zur Einführung in das Studium des

Mendelismus geeignet erscheinen:

_W. Bateson_. _Mendel's_ Principles of heredity. Cambridge at the

University Press 1909.

_C. Correns_. Ueber Vererbungsgesetze. Vortrag. Sept. 1905. Berlin.

Bornträger.

_R. C. Punnett_. Mendelism. Cambridge, Macmillan and Bowes. Second

Edition 1907. Deutsche Uebersetzung von _W. R. v. Proskowetz_.

Herausgegeben von _H. Iltis_. Brünn. Carl Winiker. 1910.

_Erich von Tschermak_. Zusammenfassende Orientierung über den

gegenwärtigen Stand des Mendelismus im Handbuche der Züchtung der

landwirtschaftlichen Kulturpflanzen (von _C. Fruwirth_). 4. Bd. S.

63-106. 2. Aufl. Berlin. Paul Parey. 1910.

* * * * *

[1] _Zu Seite 3._ Einzelne Züge der erst von _Gr. Mendel_ im

Zusammenhang aufgedeckten und einer Erklärung zugeführten

Gesetzmässigkeit hat schon _John Goß_ (On the variation in the colour of

peas, occasioned by cross impregnation. Transact. of the Horticultural

Society of London Vol. V. 1824. p. 234 bis 236) im Jahre 1822

beobachtet. Derselbe ist als ein Vorläufer _Mendels_ zu bezeichnen. Er

konstatirte bei Bastardirung der blaugrünen Erbsenrasse Prolific or

Prussian blue und der gelbsamigen Dwarf Spanish Pea Alleinausprägung der

gelben Samenfarbe der Vaterrasse an allen Bastardierungsprodukten,

sodann Produktion gelber und grüner Samen als zweite Samengeneration,

Konstantbleiben nur eines Teiles der gelben, Fortspalten der übrigen

gelben, hingegen Konstanz aller grünen.

[2] _Zu S. 5._ Recht zweckmässig erscheint es, das Schiffchen längs der

Naht mit einer Lancette aufzuschneiden, durch Erweitern des

Knospengrundes mittelst einer Pinzette die Staubbeutel vom Griffel zu

entfernen, hierauf dieselben an den Staubfäden abzureissen und den

Pollen mittelst Stahlschreibfedern auf die Narbe aufzutragen. Das

Platzen der Antheren und hiermit im Zusammenhange die Selbstbestäubung

der Narbe vor dem Oeffnen der Corolle erfolgt in den Blüthen der

niedrigen Erbsenrassen früher als in jenen der höheren (_v. Tschermak_).

[3] _Zu S. 6._ Auch heute muss die Frage nach einem Unterschied zwischen

den Hybriden von Arten und von Varietäten, bzw. Rassen oder Sippen als

unentschieden bezeichnet werden. Wenigstens hat der Versuch von _de

Vries_ zu unterscheiden zwischen variativen Merkmalen mit bisexueller,

d. h. mendelnder Vererbungsweise und mutativen oder spezifischen

Merkmalen mit unisexueller d. h. nicht mendelnder Vererbungsweise mit

anscheinendem Fehlen von Spaltung, und zwar entweder Mehrgestaltigkeit

der ersten Generation und Konstanz der einzelnen Typen oder

gleichförmige, jedoch dauernde Mittelstellung der Hybriden und ihrer

Nachkommen (Beispiele: _Mendels_ Hieracienbastarde, zahlreiche von

_Gärtner_ erzeugte Hybriden, Salixbastarde _Wichuras_, gewisse

Oenotherabastarde von _de Vries_) vielfachen Widerspruch gefunden. Nicht

wenige Forscher sind heute geneigt, eine typische Verschiedenheit der

Vererbungsweise überhaupt in Abrede zu stellen.

[4] _Zu S. 6._ Bezüglich der Ausnahmsfälle durch Verstärkung oder durch

Auftreten neuer Merkmale siehe unten.

[5] _Zu S. 7._ Heute würde man etwa Speicher- oder Cotylengewebe statt

»Albumen« sagen, da bei Pisum ein eigentliches Endosperm fehlt. Während

ein solches nach _Nawaschin_ und _Guignard_ von dem gleich der Eizelle

gesondert befruchteten Embryosack geliefert wird, stellt jenes Gewebe

eine Ersatzbildung seitens der Eizelle, bzw. des Embryos selbst dar.

[6] _Zu S. 7._ Die Samenschale ist bei vielen Erbsenrassen nicht so

dünn, dass die Farbe der Cotyledonen deutlich durchscheint; die

dunkelbraunen und violett getupften Samenschalen von Pisum arvense sind

geradezu undurchsichtig. Da Färbung der Samenschale und Farbe des

Cotyledonengewebes getrennt beurteilt werden müssen, ist es häufig

notwendig, die Samenschale mit einem Messer abzuheben.

[7] _Zu S. 9._ Der Erbsenkäfer scheint tatsächlich, wenn er sehr

zahlreich auftritt, so dass in einzelnen Blüthen oft zwei Käfer

angetroffen werden, Fremdbestäubung bewirken zu können. In den Hülsen

grünsamiger Erbsenrassen, deren ausgereifte Samen fast alle einen Käfer

enthalten, finden sich ab und zu rein gelbe Samen, die ihre hybride

Abkunft in der nächsten Generation durch Erzeugung mischsamiger Pflanzen

beweisen. Von Hymenopteren scheinen bei uns die Erbsenblüten sehr selten

besucht zu werden, weshalb verschiedene Rassen ohne Gefahr einer

Bastardierung von den Samenzüchtern neben einander angebaut werden.

Innerhalb von drei Jahren wurde von _v. Tschermak_ nur einmal Megachile

apicalis [fem.] Spin. beobachtet, welche den komplizierten Mechanismus

der Erbsenblüte ganz leicht in Bewegung zu setzen vermochte.

[8] _Zu S. 9._ _Mendel_ bezeichnet die erste Generation der Mischlinge,

welche durch künstliche Bastardierung erzeugt wurde, einfach als

Hybriden. Vom praktisch-züchterischen Standpunkte kann die

erste Generation als »Kreuzungsgeneration«, die zweite als

»Spaltungsgeneration«, die dritte als »Prüfgeneration« bezeichnet

werden. Die Merkmale: gelbe oder grüne Farbe, runde oder runzelige Form

des Speichergewebes sind als »Cotyledonenmerkmale« der Hybriden

unmittelbar an den Bastardierungsprodukten oder »Kreuzungssamen«

abzulesen.

[9] _Zu S. 10._ Fälle von Mittelstellung oder Merkmalmischung (Zeatypus

der äusseren Vererbungsweise nach _Correns_) im Gegensatze zu der rein

alternierenden Ausprägung der später betrachteten sieben Merkmalpaare

bei Pisum (Pisumtypus der äusseren Vererbungsweise nach _Mendel_).

[10] _Zu S. 10._ Neuere Untersuchungen (_v. Tschermak_, _Correns_) haben

gezeigt, dass das Geschlecht des sog. Ueberträgers oder die

Verbindungsweise zweier Formen bei gewissen Rassen doch nicht

bedeutungslos ist, und zwar zeigt hierbei die Mutterform grösseren

Einfluss.

[11] _Zu S. 11._ Einen solchen Vorteil von Fremdbestäubung gleicher

Varietät (isomorphe Xenogamie) vor Selbstbestäubung hat _Darwin_ bei 57

von 83 untersuchten Arten festgestellt. Bei Pisum fand _v. Tschermak_

einen solchen Höhenzuwachs auf Verbindung gewisser Rassen beschränkt.

[12] _Zu S. 11._ Das Auftreten von violetter Punktierung der

Samenschale bei Bastardierung von Pisum arvense ohne Punktierung der

braunen Samenschale mit P. sativum erfolgt, wie _E. v. Tschermak_

weiterhin feststellte, als dominierendes Novum, d. h. an allen Gliedern

der 1. Generation und in der 2. Generation im Verhältnis von 9 : 3 (nicht

punktiert braun) : 4 (nicht punktiert farblos). Eine interessante

Bedingung der Auslösung ist es, dass dieselbe nur erfolgt, wenn die

benützte Form von Pisum sativum der Violettfärbung des Nabels entbehrt.

Nach der Faktorentheorie ist das gesetzmässige Auftreten von

Bastardierungsneuheiten, eben so wohl auch ein reguläres Auftreten von

»Verstärkung« elterlicher Merkmale zurückzuführen auf eine im Anschlusse

an die Bastardierung erfolgende Neugruppierung von Faktoren. Speciell

ist das Auftreten in dominierender Stellung (9 : 3 : 3 : 1 bzw.

9 : 3 : 4) zu beziehen auf die als »neu« erscheinende Kombination des

Vorhandenseins, bzw. Zusammenwirkens von zwei bisher getrennten Faktoren

(_AB_ aus den Eltern _Ab_ und _aB_), das Auftreten als »mitrezessiv«

(9 : 3 : 3 : $1$ bzw. 12 : 3 : $1$) auf die neue Kombination des Fehlens

der zwei Faktoren (_ab_ aus den Eltern _Ab_ und _aB_). Hingegen lässt

das Auftreten als »mitdominierendes« (9 : 3 : $3$ : 1 bzw. 9 : $3$ : 4)

oder als »rezessives Novum« (9 : 3 : $3$ : 1 bzw. 12 : $3$ : 1) auf eine

als »neu« erscheinende Isolierung je eines von zwei bisher vereinten

Faktoren (_Ab_ oder _aB_ aus den Eltern _AB_ und _ab_) schliessen.

[13] _Zu S. 11._ Die direkten Deszendenten aus Selbstbefruchtung der

Hybriden nennt _Mendel_ die erste Generation der Hybriden; deutlicher

wäre Tochtergeneration der Hybriden oder »zweite Generation der

Mischlinge« (vgl. Anm. 8 zu S. 9).

[14] _Zu S. 12._ _v. Tschermak_ erhielt in analogen Versuchen

durchschnittlich 25% rein gelbsamige Hülsen und bestätigte _Mendel's_

Angabe, dass keineswegs in der einzelnen Hülse oder an der einzelnen

Pflanze, sondern nur als Durchschnitt aus einer grösseren Anzahl von

Individuen das Verhältnis 3 : 1 festzustellen ist.

[15] _Zu S. 13._ Immerhin kommen vereinzelt auch zweifellose Fälle von

Merkmalmischung, d. h. Uebergangsformen zwischen gelber und grüner

Farbe, runder und runzeliger Form vor, die sich in weiteren Generationen

wie dominantmerkmalige Mischlinge verhalten.

[16] _Zu S. 17._ Angesichts der Unwahrscheinlichkeit, dass im konkreten

Falle zwei wirklich nur in =einem einzigen= Merkmale verschiedene Formen

gegeben sind, erscheint es zweckmässig, _Mendel's_ Bezeichnung »nur in

=einem wesentlichen= Merkmale verschieden« zu deuten als »nur in einem

als =wesentlich= betrachteten, d. h. zunächst unter Abstraktion von

anderen Unterscheidungsmerkmalen =allein= ins Auge gefassten Merkmale

verschieden«.

[17] _Zu S. 22._ Vgl. Anmerkung 9 und 15.

[18] _Zu S. 23._ Statt »Keimzellen« oder »Keimbläschen« wäre nach der

heutigen Bezeichnungsweise »Eizellen« zu setzen und bei

Verallgemeinerung auf Pflanzen mit echtem Endosperm dessen Herkunft aus

dem gesondert befruchteten Embryosack zu berücksichtigen. Vgl. Anmerkung

5. -- _Mendel_ macht dabei die Annahme einer völligen Reinheit der

Befruchtungszellen oder Gameten d. h. einer alternativen Aufteilung der

konkurrierenden Anlagen (_A_-_a_, _B_-_b_, _C_-_c_) an die in gleicher

Zahl gebildeten Geschlechtszellen. Demgegenüber würde und wird die

Möglichkeit einer allgemeinen oder fallweisen »Unreinheit« der Gameten

durch spurweise oder latente Beimengung der konkurrierenden Anlagen von

einer ganzen Anzahl von Forschern erörtert. Allerdings ist nicht zu

verkennen, dass zahlreiche Argumente zu Gunsten der letzteren Auffassung

durch die Faktorentheorie hinfällig oder wenigstens fraglich geworden

sind. Immerhin ist die Frage als nicht absolut entschieden zu

bezeichnen; es erschiene jedenfalls nicht zweckmässig, die These der

Gametenreinheit als Fundament des Mendelismus zu betrachten.

Versuche über Pflanzenhybriden · 第 5 / 6 段