_AaBbCc_ + _AaBbc_ + _AabCc_ + _aBbCc_ + _Aabc_ + _aBbc_

+ _abCc_ + _abc_.

Da die Form _abc_ in der 8 gliederigen Reihe einmal vorkommt, so ist es

wenig wahrscheinlich, dass sie unter den Versuchspflanzen fehlen könnte,

wenn diese auch nur in einer geringen Anzahl gezogen würden, und die

Umwandlung wäre schon nach zweimaliger Befruchtung vollendet. Sollte sie

zufällig nicht erhalten werden, so müsste die Befruchtung an einer der

nächstverwandten Verbindungen _Aabc_, _aBbc_, _abCc_ wiederholt werden. Es

wird ersichtlich, dass sich ein derartiges Experiment desto länger

hinausziehen müsse, =je kleiner die Anzahl der Versuchspflanzen und je

grösser die Zahl der differirenden Merkmale= an den beiden Stammarten ist,

dass ferner bei den nämlichen Arten leicht eine Verschiebung um eine,

selbst um zwei Generationen vorkommen könne, wie es _Gärtner_ beobachtet

hat. Die Umwandlung weit abstehender Arten kann immerhin erst im 5. oder 6.

Versuchsjahre beendet sein, indem die Anzahl der verschiedenen Keimzellen,

welche an der Hybride gebildet werden, mit den differirenden Merkmalen nach

den Potenzen von 2 zunimmt.

_Gärtner_ fand durch wiederholte Versuche, dass die =wechselseitige=

Umwandlungsdauer für manche Arten verschieden ist, so dass öfter eine Art

_A_ in eine andere _B_ um eine Generation früher verwandelt werden kann,

als die Art _B_ in die andere _A_. Er leitet daraus zugleich den Beweis ab,

dass die Ansicht _Kölreuter_'s doch nicht ganz stichhaltig sei, nach

welcher »die beiden Naturen bei den Bastarden einander das vollkommenste

Gleichgewicht halten.« Es scheint jedoch, dass _Kölreuter_ diesen Tadel

nicht verdient, dass vielmehr _Gärtner_ dabei ein wichtiges Moment

übersehen hat, auf welches er an einer anderen Stelle selbst aufmerksam

macht, dass es nämlich »darauf ankommt, welches Individuum zur weiteren

Umwandlung gewählt wird«. Versuche, welche in dieser Beziehung mit zwei

Pisum-Arten angestellt wurden, weisen darauf hin, dass es für die Auswahl

der tauglichsten Individuen zu dem Zwecke der weiteren Befruchtung einen

grossen Unterschied machen könne, =welche= von zwei Arten in die andere

umgewandelt wird. Die beiden Versuchspflanzen waren in 5 Merkmalen

verschieden, zugleich besass die Art _A_ sämmtliche dominirende, die andere

_B_ sämmtliche recessive Merkmale. Für die wechselseitige Umwandlung wurde

_A_ mit dem Pollen von _B_ und umgekehrt _B_ mit jenem von _A_ befruchtet,

dann dasselbe an den beiderlei Hybriden im nächsten Jahre wiederholt. Bei

dem ersten Versuche _B_/_A_ waren im 3. Versuchsjahre für die Auswahl der

Individuen zur weiteren Befruchtung 87 Pflanzen vorhanden, und zwar =in den

möglichen 32 Formen=; für den zweiten Versuch _A_/_B_ wurden 73 Pflanzen

erhalten, welche in ihrem Habitus durchgehends =mit der Pollenpflanze

übereinstimmten=, jedoch ihrer inneren Beschaffenheit nach eben so

verschieden sein mussten, wie die Formen des anderen Versuches. Eine

berechnete Auswahl war daher bloss bei dem ersten Versuche möglich, bei dem

zweiten mussten auf den blossen Zufall hin einige Pflanzen ausgeschieden

werden. Von den letzteren wurde nur ein Theil der Blüthen mit dem Pollen

von _A_ befruchtet, der andere hingegen der Selbstbefruchtung überlassen.

Unter je 5 Pflanzen, welche für die beiden Versuche zur Befruchtung

verwendet waren, stimmten, wie der nächstjährige Anbau zeigte, mit der

Pollenpflanze überein:

Erster Zweiter

Versuch Versuch

2 Pflanzen -- in allen Merkmalen

3 » -- » 4 »

-- 2 Pflanzen » 3 »

-- 2 » » 2 »

-- 1 Pflanze » 1 Merkmal

Für den ersten Versuch war damit die Umwandlung beendet, bei dem zweiten,

der nicht weiter fortgesetzt wurde, hätte wahrscheinlich noch eine

zweimalige Befruchtung stattfinden müssen.

Wenn auch der Fall nicht häufig vorkommen dürfte, dass die dominirenden

Merkmale ausschliesslich der einen oder der anderen Stammpflanze angehören,

so wird es doch immer einen Unterschied machen, =welche= von beiden die

grössere Anzahl besitzt. Kommt die Mehrzahl der dominirenden Merkmale der

Pollenpflanze zu, dann wird die Auswahl der Formen für die weitere

Befruchtung einen geringeren Grad von Sicherheit gewähren, als in dem

umgekehrten Falle, was eine Verzögerung in der Umwandlungsdauer zur Folge

haben muss, vorausgesetzt, dass man den Versuch erst dann als beendet

ansieht, wenn eine Form erhalten wird, die nicht nur in ihrer Gestalt der

Pollenpflanze gleich kommt, sondern auch wie diese in den Nachkommen

constant bleibt.

Durch den Erfolg der Umwandlungsversuche wurde _Gärtner_ bewogen, sich

gegen die Meinung derjenigen Naturforscher zu kehren, welche die Stabilität

der Pflanzenspecies bestreiten und eine stete Fortbildung der Gewächsarten

annehmen. Er sieht in der vollendeten Umwandlung einer Art in die andere

den unzweideutigen Beweis, dass der Species feste Grenzen gesteckt sind,

über welche hinaus sie sich nicht zu ändern vermag. Wenn auch dieser

Ansicht eine bedingungslose Geltung nicht zuerkannt werden kann, so findet

sich doch anderseits in den von _Gärtner_ angestellten Versuchen eine

beachtenswerthe Bestätigung der früher über die Veränderlichkeit der

Culturpflanzen ausgesprochenen Vermuthung.

Unter den Versuchsarten kommen cultivirte Gewächse vor, wie Aquilegia

atropurpurea und canadensis, Dianthus Caryophyllus, chinensis und

japonicus, Nicotiana rustica und paniculata, und auch diese hatten nach

einer 4-5maligen hybriden Verbindung nichts von ihrer Selbstständigkeit

verloren.

II.

Ueber einige aus künstlicher Befruchtung gewonnene Hieraciumbastarde.

Von

$Gregor Mendel$.

(Mitgetheilt in der Sitzung vom 9. Juni 1869.)

Gedruckt in den Verhandlungen des naturforschenden Vereines in

Brünn. VIII. Bd. Abhandlungen. 1869. Brünn, 1870. Verlag des

Vereins. S. 26-31.

Wiewohl ich schon mehrfache Befruchtungsversuche zwischen verschiedenen

Arten aus dem Genus Hieracium vorgenommen habe, ist es mir bis jetzt doch

nur gelungen, folgende 6 Bastarde und diese bloss in einem bis drei

Exemplaren zu erhalten:

H. Auricula + H. aurantiacum[E],

H. Auricula + H. Pilosella,

H. Auricula + H. pratense,

H. echioides[F] + H. aurantiacum,

H. praealtum + H. flagellare Rchb.,

H. praealtum + H. aurantiacum.

[E] Durch diese Bezeichnung wird angedeutet, dass der Bastard aus der

Befruchtung des H. Auricula mit dem Pollen des H. aurantiacum

erhalten wurde.

[F] Diese Versuchspflanze ist nicht genau das typische H. echioides. Sie

scheint der Uebergangsreihe zu H. praealtum anzugehören, steht

jedoch dem H. echioides näher, weshalb sie auch in den Formenkreis

des letzteren eingestellt wurde.

Die Schwierigkeit, Bastarde in einer grösseren Anzahl zu gewinnen, liegt

in dem Umstande, dass es bei der Kleinheit der Blüthen und dem

eigenthümlichen Baue derselben nur selten gelingt, die Antheren aus der zu

befruchtenden Blüthe zu entfernen, ohne dass der eigene Pollen auf die

Narbe gelangt, oder der Griffel verletzt wird und abstirbt. Bekanntlich

sind die Antheren in ein Röhrchen verwachsen, welches den Griffel enge

umschliesst. Sobald die Blüthe sich öffnet, tritt die Narbe schon mit

Pollen überdeckt aus dem Röhrchen hervor. Um die Selbstbefruchtung zu

verhüten, muss deshalb das Antherenröhrchen noch vor dem Aufblühen entfernt

und zu diesem Zwecke die Knospe mittelst einer feinen Nadel aufgeschlitzt

werden. Wird diese Operation zu einer Zeit vorgenommen, wo der Pollen schon

Befruchtungsfähigkeit erlangt hat, was 2-3 Tage vor dem Aufblühen der Fall

ist, so gelingt es nur selten, die Selbstbefruchtung zu hindern, da es bei

aller Aufmerksamkeit nicht leicht möglich ist, zu verhüten, dass bei dem

Aufschlitzen des Röhrchens einzelne Pollenkörner ausgestreut und der Narbe

mitgetheilt werden. Keinen besseren Erfolg gewährte bis jetzt die

Entfernung der Antheren in einem früheren Entwicklungsstadium. Vor dem

Eintritte der Pollenreife sind nämlich die noch sehr zarten Griffel und

Narben gegen Druck und Verletzungen äusserst empfindlich, und wenn sie auch

nicht beschädigt wurden, welken und trocknen sie doch gewöhnlich nach

kurzer Zeit ab, sobald sie ihrer schützenden Hüllen beraubt sind. Dem

letzteren Uebelstande hoffe ich dadurch abzuhelfen, dass die Pflanze nach

der Operation durch 2 bis 3 Tage der feuchten Atmosphäre des Warmhauses

ausgesetzt wird. Ein Versuch, der vor Kurzem mit H. Auricula in dieser

Weise angestellt wurde, lieferte ein gutes Resultat.

Um den Zweck anzudeuten, zu welchem die Befruchtungsversuche unternommen

wurden, erlaube ich mir einige Bemerkungen über das Genus Hieracium

vorauszuschicken. Dieses Genus besitzt einen so ausserordentlichen

Reichthum an selbstständigen Formen, wie ihn kein anderes

Pflanzengeschlecht aufweisen kann. Einzelne davon sind durch besondere

Eigenthümlichkeiten ausgezeichnet und werden als Hauptformen oder Arten

betrachtet, während alle übrigen sich als Mittelbildungen oder

Uebergangsformen darstellen, durch welche die Hauptformen mit einander

zusammenhängen. Die Schwierigkeit in der Gliederung und Abgrenzung dieser

Formen hat die Aufmerksamkeit der Fachgelehrten immer in Anspruch genommen.

Ueber keine andere Gattung ist so viel geschrieben, sind so viele und

heftige Kämpfe geführt worden, ohne dass es bis jetzt zu einem Abschlusse

gekommen wäre. Es ist voraus zu sehen, dass eine Verständigung nicht zu

erzielen sein wird, so lange nicht der Werth und die Bedeutung der

Zwischen- oder Uebergangsformen erkannt ist.

Bezüglich der Frage, ob und in welchem Umfange die Bastardbildung an dem

Formenreichthum des genannten Geschlechtes Antheil nimmt, begegnen wir

unter den ersten Pflanzenkennern sehr abweichenden, sogar völlig

widersprechenden Ansichten. Während einige derselben einen weit

reichenden Einfluss zugestehen, wollen andere, z. B. _Fries_, bei Hieracien

von Bastarden überhaupt nichts wissen. Noch andere nehmen eine vermittelnde

Stellung ein und geben zu, dass Bastarde unter den wildwachsenden Arten

nicht selten gebildet werden, behaupten jedoch, dass denselben eine

wichtigere Bedeutung aus dem Grunde nicht beizumessen sei, weil sie immer

nur von kurzem Bestande sind. Die Ursache davon liege theils in der

geringen Fruchtbarkeit oder gänzlichen Sterilität derselben, theils aber in

der durch Versuche erwiesenen Erfahrung, dass bei Bastarden die

Selbstbefruchtung immer ausgeschlossen werde, wenn der Pollen der

Stammarten auf die Narben derselben gelangt. Es sei demnach undenkbar, dass

Hieracienbastarde sich in der Nähe ihrer Stammeltern zu vollkommen

fruchtbaren und constanten Formen herausbilden und behaupten könnten.

Die Frage über den Ursprung der zahlreichen constanten Zwischenformen hat

in neuester Zeit nicht wenig an Interesse gewonnen, seitdem ein berühmter

Hieracienkenner im Geiste der _Darwin_'schen Lehre die Ansicht vertritt,

dass dieselben aus der Transmutation untergegangener oder noch bestehender

Arten herzuleiten seien.

Es liegt in der Sache, um die es sich hier handelt, dass eine genaue

Kenntnis der Bastarde in Bezug auf ihre Gestalt und Fruchtbarkeit, sowie

auf das Verhalten ihrer Nachkommen durch mehrere Generationen unerlässlich

ist, wenn man es unternehmen will, den Einfluss zu beurtheilen, den

möglicherweise die Bastardbildung auf die Mannigfaltigkeit der

Zwischenformen bei Hieracium ausübt. Das Verhalten der Hieracium-Bastarde

in dem angedeuteten Umfange muss nothwendig durch Versuche ermittelt

werden, da wir eine abgeschlossene Theorie der Bastardbildung nicht

besitzen, und es zu irrigen Anschauungen führen könnte, wenn man die aus

der Beobachtung einiger anderer Bastarde abgeleiteten Regeln schon für

Gesetze der Bastardbildung ansehen und ohne weitere Kritik auf Hieracium

ausdehnen wollte. Gelingt es auf dem Wege des Experimentes eine genügende

Einsicht in die Bastardbildung der Hieracien zu erlangen, dann wird mit

Zuhilfenahme der Erfahrungen, welche über die Vegetationsverhältnisse der

verschiedenen wild wachsenden Formen gesammelt wurden, ein competentes

Urtheil in dieser Frage möglich werden.

Damit ist zugleich der Zweck ausgesprochen, den die in Rede stehenden

Versuche anstreben. Ich erlaube mir nun mit Berücksichtigung dieses Zweckes

die bisherigen noch sehr geringen Ergebnisse kurz zusammenzufassen.[26]

1. Bezüglich der Gestalt der Bastarde haben wir die auffallende

Erscheinung zu registriren, dass die bis jetzt aus gleicher Befruchtung

erhaltenen Formen nicht identisch sind. Die Bastarde H. praealtum + H.

aurantiacum und H. Auricula + H. aurantiacum sind durch je zwei, H.

Auricula + H. pratense ist durch drei Exemplare vertreten, während von den

übrigen bisher nur je eines erhalten wurde. Wenn wir die einzelnen Merkmale

dieser Bastarde mit den correspondierenden Charakteren der beiden

Stammeltern vergleichen, so finden wir, dass dieselben theils

Mittelbildungen darstellen, theils aber dem einen der beiden Stamm-Merkmale

so nahe stehen, dass das andere weit zurücktritt oder fast der Beobachtung

entschwindet. So z. B. sehen wir an der einen der beiden Formen von H.

Auricula + H. aurantiacum rein gelbe Scheibenblüthen, nur die Ligeln der

Randblümchen sind an der Aussenseite kaum merklich roth angehaucht: bei der

anderen hingegen kommt die Blüthenfarbe jener des H. aurantiacum sehr nahe,

nur gegen die Mitte der Scheibe hin geht das Orangeroth in ein sattes

Goldgelb über. Dieser Unterschied ist beachtenswerth, da die Blüthenfarbe

bei Hieracien die Geltung eines constanten Merkmales besitzt. Andere

ähnliche Fälle finden sich an den Blättern, Blüthenständen u. s. w.

Vergleicht man die Bastarde mit den Stammeltern nach der Gesammtheit ihrer

Merkmale, dann stellen die beiden Formen des H. praealtum + H. aurantiacum

nahezu Mittelformen dar, die jedoch in einzelnen Merkmalen nicht

übereinstimmen. Dagegen sehen wir bei H. Auricula + H. aurantiacum und H.

Auricula + H. pratense die Formen weit auseinandergehen, so zwar, dass eine

davon sich der einen, die andere der zweiten Stammpflanze nahe stellt,

während bei dem zuletzt genannten Bastarde noch eine dritte vorhanden ist,

welche zwischen beiden fast die Mitte hält.

Es drängt sich von selbst die Vermuthung auf, dass wir hier nur einzelne

Glieder aus noch unbekannten Reihen vor uns haben, welche durch die

unmittelbare Einwirkung des Pollens der einen Art auf die Keimzellen einer

anderen gebildet werden.

2. Die besprochenen Bastarde bilden, mit Ausnahme eines einzigen,

keimfähige Samen. Als vollkommen fruchtbar ist zu bezeichnen: H. echioides

+ H. aurantiacum, als fruchtbar H. praealtum + H. flagellare, als

theilweise fruchtbar H. praealtum + H. aurantiacum und H. Auricula + H.

pratense, als wenig fruchtbar H. Auricula + H. Pilosella, als unfruchtbar

H. Auricula + H. aurantiacum. Von den beiden Formen des zuletzt genannten

Bastardes war die roth blühende ganz steril, von der gelb blühenden wurde

ein einziger gut ausgebildeter Same erhalten. Ferner kann nicht unerwähnt

bleiben, dass unter den Sämlingen des theilweise fruchtbaren Bastardes

H. praealtum + H. aurantiacum eine Pflanze die vollkommene Fruchtbarkeit

erlangt hat[27].

3. Die aus Selbstbefruchtung hervorgegangenen Nachkommen der Bastarde

haben bis jetzt nicht variirt, sie stimmen in ihren Merkmalen untereinander

und mit der Bastardpflanze, von welcher sie abstammen, überein. Von H.

praealtum + H. flagellare sind bis jetzt zwei Generationen, von H.

echioides + H. aurantiacum, H. praealtum + H. aurantiacum, H. Auricula + H.

Pilosella je eine Generation in 14 bis 112 Exemplaren zur Blüthe gelangt.

4. Es ist die Thatsache zu constatiren, dass bei dem vollkommen fruchtbaren

Bastarde H. echioides + H. aurantiacum der Pollen der Stammeltern nicht im

Stande war, die Selbstbefruchtung zu hindern, obwohl derselbe den Narben,

während sie beim Aufblühen der Antherenröhrchen hervortraten, in grosser

Menge mitgetheilt wurde.

Aus zwei auf diese Weise behandelten Blüthenköpfchen wurden durchaus mit

der Bastardpflanze übereinstimmende Sämlinge erhalten. Ein ganz ähnlicher

Versuch, der schon im heurigen Sommer an dem theilweise fruchtbaren

Bastarde H. praealtum + H. aurantiacum vorgenommen wurde, hat zu dem

Ergebnisse geführt, dass jene Blüthenköpfchen, an welchen die Narben mit

dem Pollen der Stammeltern oder anderer Arten belegt wurden, eine merklich

grössere Anzahl guter Samen entwickelten, als jene, welche der

Selbstbefruchtung überlassen blieben. Die Erklärung dieser Erscheinung

dürfte bei dem Umstande, dass ein grosser Theil der Pollenkörner des

Bastardes unter dem Mikroskope eine mangelhafte Ausbildung zeigt, wohl nur

darin zu suchen sein, dass bei dem natürlichen Verlaufe der

Selbstbefruchtung ein Theil der conceptionsfähigen Eichen wegen schlechter

Beschaffenheit des eigenen Pollens nicht befruchtet wird.

Auch bei wild wachsenden, ganz fruchtbaren Arten kommt es nicht selten vor,

dass in einzelnen Blüthenköpfchen die Pollenbildung fehlschlägt und in

mancher Anthere auch nicht ein einziges gutes Körnchen entwickelt wird.

Wenn in solchen Fällen dennoch Samen gebildet werden, so muss die

Befruchtung durch fremde Pollen erfolgt sein. Dabei können leicht Bastarde

entstehen, indem mancherlei Insekten, namentlich geschäftige Hymenopteren,

die Hieracium-Blüthen mit grosser Vorliebe besuchen und sicherlich dafür

Sorge tragen, dass der an ihrem haarigen Körper leicht anhängende Pollen

benachbarter Pflanzen auf die Narben gelangt.

Aus dem Wenigen, das ich hier mittheilen kann, wird ersichtlich, dass

die Arbeit noch kaum über ihre ersten Anfänge hinausreicht. Ich musste

wohl Bedenken tragen, an diesem Orte eben erst begonnene Versuche zu

besprechen. Nur die Überzeugung, dass die Durchführung der projectirten

Experimente noch eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen müsse, und die

Ungewissheit, ob es mir vergönnt sein wird, dieselben zu Ende zu führen,

konnten mich zu der heutigen Mittheilung bestimmen. Durch die Güte des

Herrn Directors Dr. _Nägeli_ in München, welcher mir fehlende Arten,

namentlich aus den Alpen freundlichst zugesendet hat, bin ich nun in den

Stand gesetzt, eine grössere Anzahl von Formen in den Kreis der Versuche

zu ziehen, und darf hoffen, schon im kommenden Jahre Einiges zur

Ergänzung und Sicherstellung der heutigen Angaben nachholen zu

können.[28]

Wenn wir schliesslich die besprochenen, allerdings noch sehr unsicheren

Resultate mit jenen vergleichen, welche aus Kreuzungen verschiedener

Pisum-Formen erhalten wurden, und welche ich im Jahre 1865 hier

mitzutheilen die Ehre hatte,[G] so begegnen wir einer sehr wesentlichen

Verschiedenheit. Bei Pisum haben die Bastarde, welche unmittelbar aus der

Kreuzung zweier Formen gewonnen werden, in allen Fällen den gleichen Typus,

ihre Nachkommen dagegen sind veränderlich und variiren nach einem

bestimmten Gesetze. Bei Hieracium scheint sich nach den bisherigen

Versuchen das gerade Gegentheil davon herausstellen zu wollen. Schon bei

Besprechung der Pisum-Versuche wurde darauf hingewiesen, dass es auch

Bastarde gibt, deren Nachkommen nicht variiren, dass z. B. nach _Wichura_

die Bastarde von Salix sich unverändert wie reine Arten fortpflanzen. Wir

hätten demnach bei Hieracium einen analogen Fall. Ob man bei diesem

Umstande die Vermuthung aussprechen dürfe, dass die Polymorphie der

Gattungen Salix und Hieracium mit dem eigentlichen Verhalten ihrer Bastarde

in Zusammenhang stehe, das ist bis jetzt noch eine Frage, die sich wohl

anregen, nicht aber beantworten lässt.

[G] Verhandlungen des naturforschenden Vereines in Brünn, IV. Bd.

Abhandlungen p. 3.

Anmerkungen.

Die beiden Abhandlungen, welche durch diese Neuausgabe in zweiter Auflage

einem weiteren Leserkreise zugänglich gemacht werden sollen, haben zur Zeit

ihrer mündlichen Mitteilung (1865 und 1869) und ihres Erscheinens im Druck

(1866 und 1870) lange nicht jene Würdigung gefunden, die sie als

grundlegende Beiträge zur Lehre von der Bastarderzeugung, ja zur

Konstitutionslehre und Entwicklungsgeschichte der organischen Formen

überhaupt verdienten. Allerdings waren bereits vor _Mendel_ von

_Kölreuter_, _Gärtner_, _Herbert_, _Lecocq_, _Wichura_ u. a. vielseitige

Untersuchungen über die Bastarderzeugung im Pflanzenreiche angestellt

worden, doch hatte keiner dieser Forscher auch nur versucht, Gesetze für

die Gestaltungsweise der Hybriden aufzustellen. _Mendel_ hat als Erster in

dieser Absicht höchst mühevolle Detailversuche, hauptsächlich an Erbsen (in

über 10 000 Exemplaren), Bohnen und Hieracien angestellt, und zwar »in dem

Umfange und der Weise, dass es möglich war, die Anzahl der verschiedenen

Formen, unter welchen die Nachkommen der Hybriden auftreten, zu bestimmen,

dass man diese Formen mit Sicherheit in den einzelnen Generationen ordnen

und die gegenseitigen numerischen Verhältnisse feststellen konnte.«

(_Mendel_). Den Ausgangspunkt für die experimentelle Feststellung von

Vererbungsregeln -- im Gegensatze zu der bisherigen Auffassung, dass in der

Bastarderzeugung jede Gesetzmässigkeit und damit jede Möglichkeit einer

Vorhersage fehle -- bildete nicht die Verfolgung der grösseren oder

geringeren Gesammtähnlichkeit der Hybriden mit ihren Eltern, sondern die

Zerlegung der Gesammterscheinung beider Eltern in Einzeleigenschaften, die

paarweise Gegenüberstellung der Unterscheidungsmerkmale und ihre gesonderte

Verfolgung bezüglich der Vererbung an den Bastarden. Man kann diese von

_Mendel_ begründete Methode »die systematische Merkmalanalyse oder die

biologische Elementaranalyse der äusseren Erscheinung« nennen. Ihr

wichtigstes Ergebnis ist die Feststellung, dass sich die einzelnen Merkmale

bei der Vererbung im allgemeinen ganz selbständig verhalten, das heisst

sich von einander trennen, bzw. sich frei nach allen Chancen des Zufalles

kombinieren können, kurz, dass jede pflanzliche Form aus selbständigen

biologischen Einheiten besteht. Neben der rein erfahrungsmässigen,

phänomenologischen Auffassung und Darstellung spielt jedoch schon bei

_Mendel_ der Gedanke eine erhebliche Rolle, dass die Einzeleigenschaften

als selbständige Elemente oder Komponenten der äusseren Erscheinung

ursächlich auf gesonderte selbständige Zellelemente zurückzuführen seien

(vgl. S. 42). Diese kausale Betrachtungsweise vertieft die Merkmalanalyse,

die Lehre von der äusserlichen oder scheinbaren Vererbung, zur Analyse der

Einzelursachen, zur Lehre von der innerlichen oder wesentlichen Vererbung.

Diese Grundgedanken _Mendels_ haben eine Weiterentwicklung gefunden,

zunächst durch die Theorie von der Kryptomerie (Lehre vom Gehalt an

unsichtbaren, latenten jedoch reaktionsfähigen, manifestablen Anlagen --

_E. v. Tschermak_), dann speziell durch die Faktorentheorie. Die letztere

sei charakterisiert als die Lehre von der Bewirkung der Merkmale durch

selbständige Teilursachen oder Faktoren, welche entweder durch

Zusammentreffen (Synthese, sei es in Form von Kombination, Hemmung,

Verdrängung oder Verdeckung) oder durch Trennung aus dem bisherigen

Zusammenhang (Analyse, sei es in Form von Dissolution, Freigabe, Auftauchen

aus Verdrängung oder Verdeckung) charakteristische, die äussere Erscheinung

bestimmende Beziehungen zu einander verraten können; bei der Analyse der

beiden Elternformen werden ausschliesslich Besitz und Mangel desselben

Faktors einander gegenüber gestellt, -- abgesehen vom beiderseitigen Besitz

oder Mangel von Faktoren (_Correns_, _Cuénot_, _Bateson_, _Punnett_,

_Shull_ u. a.).

Auch die Bedeutung der gewonnenen Regeln für die Bildung neuer Formen sowie

für die praktische Züchtung hat _Mendel_ wohl geahnt.

Versuche über Pflanzenhybriden · 第 4 / 6 段