Alle constanten Verbindungen, welche bei Pisum durch Combinirung der

angeführten 7 charakteristischen Merkmale möglich sind, wurden durch

wiederholte Kreuzung auch wirklich erhalten. Ihre Zahl ist durch 2^7 = 128

gegeben. Damit ist zugleich der faktische Beweis geliefert, =dass constante

Merkmale, welche an verschiedenen Formen einer Pflanzensippe vorkommen, auf

dem Wege der wiederholten künstlichen Befruchtung in alle Verbindungen

treten können, welche nach den Regeln der Combination möglich sind=.

Ueber die Blüthezeit der Hybriden sind die Versuche noch nicht

abgeschlossen. Soviel kann indessen schon angegeben werden, dass dieselbe

fast genau in der Mitte[17] zwischen jener der Samen- und Pollenpflanze

steht, und die Entwicklung der Hybriden bezüglich dieses Merkmales

wahrscheinlich in der nämlichen Weise erfolgt, wie es für die übrigen

Merkmale der Fall ist. Die Formen, welche für Versuche dieser Art gewählt

werden, müssen in der mittleren Blüthezeit wenigstens um 20 Tage

verschieden sein; ferner ist nothwendig, dass die Samen beim Anbaue alle

gleich tief in die Erde versenkt werden, um ein gleichzeitiges Keimen zu

erzielen, dass ferner während der ganzen Blüthezeit grössere Schwankungen

in der Temperatur und die dadurch bewirkte theilweise Beschleunigung oder

Verzögerung des Aufblühens in Rechnung gezogen werden. Man sieht, dass

dieser Versuch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden hat und grosse

Aufmerksamkeit erfordert.

Versuchen wir die gewonnenen Resultate kurz zusammenzufassen, so finden

wir, dass jene differirenden Merkmale, welche an den Versuchspflanzen

eine leichte und sichere Unterscheidung zulassen, in hybrider

Vereinigung ein =völlig übereinstimmendes Verhalten beobachten=. Die

Nachkommen der Hybriden je zweier differirender Merkmale sind zur Hälfte

wieder Hybriden, während die andere Hälfte zu gleichen Theilen mit dem

Charakter der Samen-und Pollenpflanze constant wird. Sind mehrere

differirende Merkmale durch Befruchtung in einer Hybride vereinigt, so

bilden die Nachkommen derselben die Glieder einer Combinationsreihe, in

welcher die Entwicklungsreihen für je zwei differirende Merkmale

vereinigt sind.

Die vollkommene Uebereinstimmung, welche sämmtliche, dem Versuche

unterzogenen Charaktere zeigen, erlaubt wohl und rechtfertigt die Annahme,

dass auch ein gleiches Verhalten den übrigen Merkmalen zukomme, welche

weniger scharf an den Pflanzen hervortreten und deshalb in die

Einzelversuche nicht aufgenommen werden konnten. Ein Experiment über

Blüthenstiele von verschiedener Länge gab im Ganzen ein ziemlich

befriedigendes Resultat, obgleich die Unterscheidung und Einreihung der

Formen nicht mit jener Sicherheit erfolgen konnte, welche für correcte

Versuche unerlässlich ist.

Die Befruchtungszellen der Hybriden.

Die Resultate, zu welchen die vorausgeschickten Versuche führten,

veranlassten weitere Experimente, deren Erfolg geeignet erscheint,

Aufschlüsse über die Beschaffenheit der Keim- und Pollenzellen der Hybriden

zu geben.[18] Einen wichtigen Anhaltspunkt bietet bei Pisum der Umstand,

dass unter den Nachkommen der Hybriden constante Formen auftreten, und zwar

in allen Combinirungen der verbundenen Merkmale. Soweit die Erfahrung

reicht, finden wir es überall bestätigt, dass constante Nachkommen nur dann

gebildet werden können, wenn die Keimzellen und der befruchtende Pollen

gleichartig, somit beide mit der Anlage ausgerüstet sind, völlig gleiche

Individuen zu beleben, wie das bei der normalen Befruchtung der reinen

Arten der Fall ist. Wir müssen es daher als nothwendig erachten, dass auch

bei Erzeugung der constanten Formen an der Hybridpflanze vollkommen gleiche

Factoren zusammenwirken. Da die verschiedenen constanten Formen an =einer=

Pflanze, ja in =einer= Blüthe derselben erzeugt werden, erscheint die

Annahme folgerichtig, dass in den Fruchtknoten der Hybriden so vielerlei

Keimzellen (Keimbläschen) und in den Antheren so vielerlei Pollenzellen

gebildet werden, als =constante= Combinationsformen möglich sind, und dass

diese Keim- und Pollenzellen ihrer inneren Beschaffenheit nach den

einzelnen Formen entsprechen.

In der That lässt sich auf theoretischem Wege zeigen, dass diese Annahme

vollständig ausreichen würde, um die Entwicklung der Hybriden in den

einzelnen Generationen zu erklären, wenn man zugleich voraussetzen

dürfte, dass die verschiedenen Arten von Keim- und Pollenzellen an der

Hybride durchschnittlich in gleicher Anzahl gebildet werden.

Um diese Voraussetzungen auf experimentellem Wege einer Prüfung zu

unterziehen, wurden folgende Versuche ausgewählt: Zwei Formen, welche in

der Gestalt der Samen und in der Färbung des Albumens constant verschieden

waren, wurden durch Befruchtung verbunden.

Werden die differirenden Merkmale wieder mit _A_, _B_, _a_, _b_ bezeichnet,

so war:

_AB_ Samenpflanze, _ab_ Pollenpflanze,

_A_ Gestalt rund, _a_ Gestalt kantig,

_B_ Albumen gelb, _b_ Albumen grün.

Die künstlich befruchteten Samen wurden sammt mehreren Samen der beiden

Stammpflanzen angebaut, und davon die kräftigsten Exemplare für die

wechselseitige Kreuzung bestimmt. Befruchtet wurde:

1. die Hybride mit dem Pollen von _AB_

2. die Hybride » » » » _ab_

3. _AB_ » » » » der Hybride

4. _ab_ » » » » der Hybride

Für jeden von diesen 4 Versuchen wurden an 3 Pflanzen sämmtliche Blüthen

befruchtet. War die obige Annahme richtig, so mussten sich an den Hybriden

Keim- und Pollenzellen von den Formen _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ entwickeln und

es wurden verbunden:

1. die Keimzellen _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ mit den Pollenzellen _AB_

2. » » _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ » » » _ab_

3. » » _AB_ » » »_AB_, _Ab_, _aB_, _ab_

4. » » _ab_ » » »_AB_, _Ab_, _aB_, _ab_

Aus jedem von diesen Versuchen konnten dann nur folgende Formen

hervorgehen:[19]

1. _AB_, _ABb_, _AaB_, _AaBb_

2. _AaBb_, _Aab_, _aBb_, _ab_

3. _AB_, _ABb_, _AaB_, _AaBb_

4. _AaBb_, _Aab_, _aBb_, _ab_.

Wurden ferner die einzelnen Formen der Keim- und Pollenzellen von der

Hybride durchschnittlich in gleicher Anzahl gebildet, so mussten bei

jedem Versuche die angeführten vier Verbindungen in numerischer

Beziehung gleich stehen. Eine vollkommene Uebereinstimmung der

Zahlenverhältnisse war indessen nicht zu erwarten, da bei jeder

Befruchtung, auch bei der normalen, einzelne Keimzellen unentwickelt

bleiben oder später verkümmern, und selbst manche von den gut

ausgebildeten Samen nach dem Anbaue nicht zum Keimen gelangen. Auch

beschränkt sich die gemachte Voraussetzung darauf, dass bei der Bildung

der verschiedenartigen Keim- und Pollenzellen die gleiche Anzahl

angestrebt werde, ohne dass diese an jeder einzelnen Hybride mit

mathematischer Genauigkeit erreicht werden müsste.

Der =erste= und =zweite= Versuch hatten vorzugsweise den Zweck, die

Beschaffenheit der hybriden Keimzellen zu prüfen, sowie der =dritte= und

=vierte= Versuch über die Pollenzellen zu entscheiden hatte. Wie aus der

obigen Zusammenstellung hervorgeht, mussten der erste und dritte Versuch,

ebenso der zweite und vierte ganz gleiche Verbindungen liefern, auch sollte

der Erfolg schon im zweiten Jahre an der Gestalt und Färbung der künstlich

befruchteten Samen theilweise ersichtlich sein. Bei dem ersten und dritten

Versuche kommen die dominirenden Merkmale der Gestalt und Farbe _A_ und _B_

in jeder Verbindung vor, und zwar zum Theile constant, zum Theile in

hybrider Vereinigung mit den recessiven Charakteren _a_ und _b_, weshalb

sie sämmtlichen Samen ihre Eigenthümlichkeit aufprägen müssen. Alle Samen

sollten daher, wenn die Voraussetzung eine richtige war, rund und gelb

erscheinen. Bei dem zweiten und dritten Versuche hingegen ist eine

Verbindung hybrid in Gestalt und Farbe, daher sind die Samen rund und gelb;

eine andere ist hybrid in der Gestalt und constant in dem recessiven

Merkmale der Farbe, daher die Samen rund und grün; die dritte ist constant

in dem recessiven Merkmale der Gestalt und hybrid in der Farbe, daher die

Samen kantig und gelb; die vierte ist constant in beiden recessiven

Merkmalen, daher die Samen kantig und grün. Bei diesen beiden Versuchen

waren daher viererlei Samen zu erwarten, nämlich runde gelbe, runde grüne,

kantige gelbe, kantige grüne.

Die Ernte entsprach den gestellten Anforderungen vollkommen.

Es wurden erhalten bei dem

1. Versuche 98 ausschliesslich runde gelbe Samen;

3. » 94 » » » »

2. » 31 runde gelbe, 26 runde grüne, 27 kantige gelbe,

26 kantige grüne Samen;

4. » 24 runde gelbe, 25 runde grüne, 22 kantige gelbe,

27 kantige grüne Samen.

An einem günstigen Erfolge war nun kaum mehr zu zweifeln, die nächste

Generation musste die endgültige Entscheidung bringen. Von den angebauten

Samen kamen im folgenden Jahre bei dem ersten Versuche 90, bei dem dritten

87 Pflanzen zur Fruchtbildung; von diesen brachten bei dem

Versuche

1. 3.

20 25 runde gelbe Samen _AB_

23 19 runde gelbe und grüne Samen _ABb_

25 22 runde und kantige gelbe Samen _AaB_

22 21 runde und kantige, gelbe und grüne Samen _AaBb_

Bei dem zweiten und vierten Versuche gaben die

runden und gelben Samen Pflanzen mit runden

und kantigen, gelben und grünen Samen _AaBb_

von den runden grünen Samen wurden Pflanzen

erhalten mit runden und kantigen grünen Samen _Aab_

die kantigen gelben Samen gaben Pflanzen mit

kantigen gelben und grünen Samen _aBb_

aus den kantigen grünen Samen wurden Pflanzen

gezogen, die wieder nur kantige grüne Samen

brachten _ab_

Obwohl auch bei diesen beiden Versuchen einige Samen nicht keimten, konnte

dadurch in den schon im vorhergehenden Jahre gefundenen Zahlen nichts

geändert werden, da jede Samenart Pflanzen gab, die in Bezug auf die Samen

unter sich gleich und von den anderen verschieden waren. Es brachten daher:

2. Versuch 4. Versuch

31 24 Pflanzen Samen von der Form _AaBb_

26 25 » » » » » _Aab_

27 22 » » » » » _aBb_

26 27 » » » » » _ab_

Bei allen Versuchen erschienen daher sämmtliche Formen, welche die gemachte

Voraussetzung verlangte, und zwar in nahezu gleicher Anzahl.

Bei einer weiteren Probe wurden die Merkmale der =Blüthenfarbe= und

=Axenlänge= in die Versuche aufgenommen und die Auswahl so getroffen,

dass im dritten Versuchsjahre jedes Merkmal an der =Hälfte= sämmtlicher

Pflanzen hervortreten musste, falls die obige Annahme ihre Richtigkeit

hatte. _A_, _B_, _a_, _b_ dienen wieder zur Bezeichnung der

verschiedenen Merkmale.

_A_ Blüthen violett-roth, _a_ Blüthen weiss,

_B_ Axe lang, _b_ Axe kurz.

Die Form _Ab_ wurde befruchtet mit _ab_, woraus die Hybride _Aab_

hervorging. Ferner wurde befruchtet _aB_ gleichfalls mit _ab_, daraus

die Hybride _aBb_. Im zweiten Jahre wurde für die weitere Befruchtung

die Hybride _Aab_ als Samenpflanze, die andere _aBb_ als Pollenpflanze

verwendet.

Samenpflanze _Aab_, Pollenpflanze _aBb_,

mögliche Keimzellen _Ab_, _ab_, Pollenzellen _aB_, _ab_.

Aus der Befruchtung zwischen den möglichen Keim- und Pollenzellen mussten

vier Verbindungen hervorgehen, nämlich:

_AaBb_ + _aBb_ + _Aab_ + _ab_.

Daraus wird ersichtlich, dass nach obiger Voraussetzung im dritten

Versuchsjahre von sämmtlichen Pflanzen

die Hälfte violett-rothe Blüthen haben sollte (_Aa_) Glieder : 1,3

» weisse Blüthe (_a_) » : 2,4

» eine lange Axe (_Bb_) » : 1,2

» eine kurze Axe (_b_) » : 3,4.

Aus 45 Befruchtungen des zweiten Jahres wurden 187 Samen erhalten, wovon im

dritten Jahre 166 Pflanzen zur Blüthe gelangten. Darunter erschienen die

einzelnen Glieder in folgender Anzahl:

Glied: Blüthenfarbe: Axe:

1 violett-roth lang 47 Mal

2 weiss lang 40 »

3 violett-roth kurz 38 »

4 weiss kurz 41 »

Es kam daher

die violett-rothe Blüthenfarbe (_Aa_) an 85 Pflanzen vor

» weisse » (_a_) » 81 » »

» lange Axe (_Bb_) » 87 » »

» kurze » (_b_) » 79 » »

Die aufgestellte Ansicht findet auch in diesem Versuche eine

ausreichende Bestätigung.

Für die Merkmale der =Hülsenform, Hülsenfarbe und Blüthenstellung= wurden

ebenfalls Versuche im Kleinen angestellt und ganz gleich stimmende

Resultate erhalten. Alle Verbindungen, welche durch die Vereinigung der

verschiedenen Merkmale möglich wurden, erschienen pünktlich und in nahezu

gleicher Anzahl.

Es ist daher auf experimentellem Wege die Annahme gerechtfertigt, =dass die

Erbsenhybriden Keim- und Pollenzellen bilden, welche ihrer Beschaffenheit

nach in gleicher Anzahl allen constanten Formen entsprechen, welche aus der

Combinirung der durch Befruchtung vereinigten Merkmale hervorgehen=.

Die Verschiedenheit der Formen unter den Nachkommen der Hybriden, sowie

die Zahlenverhältnisse, in welchen dieselben beobachtet werden, finden in

dem eben erwiesenen Satze eine hinreichende Erklärung. Den einfachsten Fall

bietet die Entwicklungsreihe für =je zwei differirende Merkmale=. Diese

Reihe wird bekanntlich durch den Ausdruck: _A_ + 2_Aa_ + _a_ bezeichnet,

wobei _A_ und _a_ die Formen mit den constant differirenden Merkmalen und

_Aa_ die Hybridgestalt beider bedeuten. Sie enthält unter drei

verschiedenen Gliedern vier Individuen. Bei der Bildung derselben werden

Pollen- und Keimzellen von der Form _A_ und _a_ durchschnittlich zu

gleichen Theilen in die Befruchtung treten, daher jede Form zweimal, da

vier Individuen gebildet werden. Es nehmen demnach an der Befruchtung

theil:

die Pollenzellen _A_ + _A_ + _a_ + _a_

die Keimzellen _A_ + _A_ + _a_ + _a_

Es bleibt ganz dem Zufalle überlassen, welche von den beiden Pollenarten

sich mit jeder einzelnen Keimzelle verbindet. Indessen wird es nach den

Regeln der Wahrscheinlichkeit im Durchschnitte vieler Fälle immer

geschehen, dass sich jede Pollenform _A_ und _a_ gleich oft mit jeder

Keimzellform _A_ und _a_ vereinigt; es wird daher eine von den beiden

Pollenzellen _A_ mit einer Keimzelle _A_, die andere mit einer Keimzelle

_a_ bei der Befruchtung zusammentreffen, und ebenso eine Pollenzelle _a_

mit einer Keimzelle _A_, die andere mit _a_ verbunden werden.

Pollenzellen _A_ _A_ _a_ _a_

| \ / |

| X |

| / \ |

Keimzellen _A_ _A_ _a_ _a_

Das Ergebniss der Befruchtung lässt sich dadurch anschaulich machen, dass

die Bezeichnungen für die verbundenen Keim- und Pollenzellen in Bruchform

angesetzt werden, und zwar für die Pollenzellen über, für die Keimzellen

unter dem Striche. Man erhält in dem vorliegenden Falle:

_A_/_A_ + _A_/_a_ + _a_/_A_ + _a_/_a_

Bei dem ersten und vierten Gliede sind Keim- und Pollenzellen gleichartig,

daher müssen die Producte ihrer Verbindung constant sein, nämlich _A_ und

_a_; bei dem zweiten und dritten hingegen erfolgt abermals eine Vereinigung

der beiden differirenden Stamm-Merkmale, daher auch die aus diesen

Befruchtungen hervorgehenden Formen mit der Hybride, von welcher sie

abstammen, ganz identisch sind. =Es findet demnach eine wiederholte

Hybridisirung statt=. Daraus erklärt sich die auffallende Erscheinung, dass

die Hybriden im Stande sind, nebst den beiden Stammformen auch Nachkommen

zu erzeugen, die ihnen selbst gleich sind; _A_/_a_ und _a_/_A_ geben beide

dieselbe Verbindung _Aa_, da es, wie schon früher angeführt wurde, für den

Erfolg der Befruchtung keinen Unterschied macht, welches von den beiden

Merkmalen der Pollen- oder Keimzelle angehört.[20] Es ist daher

_A_/_A_ + _A_/_a_ + _a_/_A_ + _a_/_a_ = _A_ + 2_Aa_ + _a_.

So gestaltet sich der =mittlere= Verlauf bei der Selbstbefruchtung der

Hybriden, wenn in denselben zwei differirende Merkmale vereinigt sind.

In einzelnen Blüthen und an einzelnen Pflanzen kann jedoch das

Verhältniss, in welchem die Formen der Reihe gebildet werden, nicht

unbedeutende Störungen erleiden. Abgesehen davon, dass die Anzahl, in

welcher beiderlei Keimzellen im Fruchtknoten vorkommen, nur im

Durchschnitte als gleich angenommen werden kann, bleibt es ganz dem

Zufalle überlassen, welche von den beiden Pollenarten an jeder einzelnen

Keimzelle die Befruchtung vollzieht. Deshalb müssen die Einzelwerthe

nothwendig Schwankungen unterliegen, und es sind selbst extreme Fälle

möglich, wie sie früher bei den Versuchen über die Gestalt der Samen und

die Färbung des Albumens angeführt wurden. Die wahren Verhältnisszahlen

können nur durch das Mittel gegeben werden, welches aus der Summe

möglichst vieler Einzelwerthe gezogen wird; je grösser ihre Anzahl,

desto genauer wird das bloss Zufällige eliminirt.

Die Entwicklungsreihe für Hybriden, in denen =zweierlei differirende

Merkmale= verbunden sind, enthält unter 16 Individuen 9 verschiedene

Formen, nämlich _AB_ + _Ab_ + _aB_ + _ab_ + 2_ABb_ + 2_aBb_ + 2_AaB_ +

2_Aab_ + 4_AaBb_. Zwischen den verschiedenen Merkmalen der Stammpflanzen

_A_, _a_ und _B_, _b_ sind 4 constante Combinationen möglich, daher erzeugt

auch die Hybride die entsprechenden 4 Formen von Keim- und Pollenzellen:

_AB_, _Ab_, _aB_, _ab_ und jede davon wird im Durchschnitte 4 Mal in

Befruchtung treten, da in der Reihe 16 Individuen enthalten sind. Daher

nehmen an der Befruchtung theil die

Pollenzellen: _AB_ + _AB_ + _AB_ + _AB_ + _Ab_ + _Ab_ + _Ab_

+ _Ab_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _ab_

+ _ab_ + _ab_ + _ab_.

Keimzellen: _AB_ + _AB_ + _AB_ + _AB_ + _Ab_ + _Ab_ + _Ab_

+ _Ab_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _aB_ + _ab_

+ _ab_ + _ab_ + _ab_.

Im mittleren Verlaufe der Befruchtung verbindet sich jede Pollenform gleich

oft mit jeder Keimzellform, daher jede von den 4 Pollenzellen _AB_ einmal

mit einer von den Keimzellarten _AB_, _Ab_, _aB_, _ab_. Genau ebenso

erfolgt die Vereinigung der übrigen Pollenzellen von den Formen _Ab_, _aB_,

_ab_ mit allen anderen Keimzellen. Man erhält demnach:

_AB_/_AB_ + _AB_/_Ab_ + _AB_/_aB_ + _AB_/_ab_ + _Ab_/_AB_ + _Ab_/_Ab_

+ _Ab_/_aB_ + _Ab_/_ab_ + _aB_/_AB_ + _aB_/_Ab_ + _aB_/_aB_ + _aB_/_ab_

+ _ab_/_AB_ + _ab_/_Ab_ + _ab_/_aB_ + _ab_/_ab_,

oder

_AB_ + _ABb_ + _AaB_ + _AaBb_ + _ABb_ + _Ab_ + _AaBb_

+ _Aab_ + _AaB_ + _AaBb_ + _aB_ + _aBb_ + _AaBb_ + _Aab_

+ _aBb_ + _ab_ = _AB_ + _Ab_ + _aB_ + _ab_ + 2_ABb_ + 2_aBb_

+ 2_AaB_ + 2_Aab_ + 4_AaBb_.

In ganz ähnlicher Weise erklärt sich die Entwicklungsreihe der Hybriden,

wenn in denselben =dreierlei differirende Merkmale= verbunden sind. Die

Hybride bildet acht verschiedene Formen von Keim- und Pollenzellen:

_ABC_, _ABc_, _AbC_, _Abc_, _aBC_, _aBc_, _abC_, _abc_, und jede Pollenform

vereinigt sich wieder durchschnittlich einmal mit jeder Keimzellform.

Das Gesetz der Combinirung der differirenden Merkmale, nach welchem die

Entwicklung der Hybriden erfolgt, findet demnach seine Begründung und

Erklärung in dem erwiesenen Satze, dass die Hybriden Keim- und Pollenzellen

erzeugen, welche in gleicher Anzahl allen constanten Formen entsprechen,

die aus der Combinirung der durch Befruchtung vereinigten Merkmale

hervorgehen.

Versuche über die Hybriden anderer Pflanzenarten.

Es wird die Aufgabe weiterer Versuche sein, zu ermitteln, ob das für Pisum

gefundene Entwicklungsgesetz auch bei den Hybriden anderer Pflanzen Geltung

habe. Zu diesem Zwecke wurden in der letzten Zeit mehrere Versuche

eingeleitet. Beendet sind zwei kleinere Experimente mit Phaseolusarten,

welche hier Erwähnung finden mögen.

Ein Versuch mit Phaseolus vulgaris und Phaseolus nanus L. gab ein ganz

übereinstimmendes Resultat. Ph. nanus hatte nebst der zwergartigen Axe

grüne einfach gewölbte Hülsen, Ph. vulgaris hingegen eine 10-12' hohe Axe

und gelb gefärbte, zur Zeit der Reife eingeschnürte Hülsen. Die

Zahlenverhältnisse, in welchen die verschiedenen Formen in den einzelnen

Generationen vorkamen, waren dieselben wie bei Pisum. Auch die Entwicklung

der constanten Verbindungen erfolgte nach dem Gesetze der einfachen

Combinirung der Merkmale, genau so, wie es bei Pisum der Fall ist. Es

wurden erhalten:

Constante Farbe der Form der

Verbindung: Axe: unreifen Hülse: reifen Hülse:

1 lang grün gewölbt

2 » » eingeschnürt

3 » gelb gewölbt

4 » » eingeschnürt

5 kurz grün gewölbt

6 » » eingeschnürt

7 » gelb gewölbt

8 » » eingeschnürt.

Die grüne Hülsenfarbe, die gewölbte Form der Hülse und die hohe Axe

waren, wie bei Pisum, dominirende Merkmale.

Ein anderer Versuch mit zwei sehr verschiedenen Phaseolusarten hatte nur

einen theilweisen Erfolg. Als =Samenpflanze= diente Ph. nanus L., eine ganz

constante Art mit weissen Blüthen in kurzen Trauben und kleinen weissen

Samen in geraden, gewölbten und glatten Hülsen; als =Pollenpflanze= Ph.

multiflorus W. mit hohem windenden Stengel, purpurrothen Blüthen in sehr

langen Trauben, rauhen sichelförmig gekrümmten Hülsen und grossen Samen,

welche auf pfirsichblüthrothem Grunde schwarz gefleckt und geflammt sind.

Die Hybride hatte mit der Pollenpflanze die grösste Aehnlichkeit, nur die

Blüthen erschienen weniger intensiv gefärbt.[21] Ihre Fruchtbarkeit war

eine sehr beschränkte, von 17 Pflanzen, die zusammen viele hundert Blüthen

entwickelten, wurden im Ganzen nur 49 Samen geerntet. Diese waren von

mittlerer Grösse und besassen eine ähnliche Zeichnung wie Ph. multiflorus;

auch die Grundfarbe war nicht wesentlich verschieden. Im nächsten Jahre

wurden davon 44 Pflanzen erhalten, von denen nur 31 zur Blüthe gelangten.

Die Merkmale von Ph. nanus, welche in der Hybride sämmtlich latent wurden,

kamen in verschiedenen Combinirungen wieder zum Vorscheine, das Verhältniss

derselben zu den dominirenden musste jedoch bei der geringen Anzahl von

Versuchspflanzen sehr schwankend bleiben; bei einzelnen Merkmalen, wie bei

jenen der Axe und der Hülsenform, war dasselbe indessen wie bei Pisum fast

genau 1 : 3.

So gering auch der Erfolg dieses Versuches für die Feststellung der

Zahlenverhältnisse sein mag, in welchen die verschiedenen Formen vorkamen,

so bietet er doch anderseits den Fall einer =merkwürdigen Farbenwandlung=

an den Blüthen und Samen der Hybriden dar. Bei Pisum treten bekanntlich die

Merkmale der Blüthen- und Samenfarbe in der ersten und den weiteren

Generationen unverändert hervor und die Nachkommen der Hybriden tragen

ausschliesslich das eine oder das andere der beiden Stamm-Merkmale an sich.

Anders verhält sich die Sache bei dem vorliegenden Versuche. Die weisse

Blumen- und Samenfarbe von Ph. nanus erschien allerdings gleich in der

ersten Generation an einem ziemlich fruchtbaren Exemplare, allein die

übrigen 30 Pflanzen entwickelten Blüthenfarben, die verschiedene

Abstufungen von Purpurroth bis Blassviolett darstellen.[22] Die Färbung der

Samenschale war nicht minder verschieden, als die der Blüthe. Keine

Pflanze konnte als vollkommen fruchtbar gelten, manche setzten gar keine

Früchte an, bei anderen entwickelten sich dieselben erst aus den letzten

Blüthen und kamen nicht mehr zur Reife, nur von 15 Pflanzen wurden gut

ausgebildete Samen geerntet. Die meiste Neigung zur Unfruchtbarkeit zeigten

die Formen mit vorherrschend rother Blüthe, indem von 16 Pflanzen nur 4

reife Samen gaben. Drei davon hatten eine ähnliche Samenzeichnung wie Ph.

multiflorus, jedoch eine mehr oder weniger blasse Grundfarbe, die vierte

Pflanze brachte nur einen Samen von einfach brauner Färbung. Die Formen mit

überwiegend violetter Blüthenfarbe hatten dunkelbraune, schwarzbraune und

ganz schwarze Samen.

Der Versuch wurde noch durch zwei Generationen unter gleich ungünstigen

Verhältnissen fortgeführt, da selbst unter den Nachkommen ziemlich

fruchtbarer Pflanzen wieder ein Theil wenig fruchtbar oder ganz steril

wurde. Andere Blüthen- und Samenfarben, als die angeführten, kamen weiter

nicht vor. Die Formen, welche in der ersten Generation eines oder mehrere

von den recessiven Merkmalen erhielten, blieben in Bezug auf diese ohne

Ausnahme constant. Auch von jenen Pflanzen, welche violette Blüthen und

braune oder schwarze Samen besassen, änderten einzelne in den nächsten

Generationen die Blumen- und Samenfarbe nicht mehr, die Mehrzahl jedoch

erzeugte nebst ganz gleichen Nachkommen auch solche, welche weisse Blüthen

und eben so gefärbte Samenschalen erhielten. Die rothblühenden Pflanzen

blieben so wenig fruchtbar, dass sich über ihre Weiterentwicklung nichts

mit Bestimmtheit sagen lässt.

Versuche über Pflanzenhybriden · 第 2 / 6 段