In +Srinagar+ wurde ich mit echt englischer Gastfreundschaft von

Captain E. Le Mesurier und seiner liebenswürdigen Gattin aufgenommen

und verbrachte bei ihnen zwei unvergeßliche Tage. Am 14. Januar

stand die erste Tonga, ein zweiräderiger Wagen, auf dem Hofe bereit.

In Srinagar waren wir in 1600 Meter Höhe; jetzt sollten wir über

zwei kleinere Pässe immer tiefere Gegenden und schließlich Indiens

sommerheiße Ebenen erreichen. Der Weg führt zuerst durch das Jelumtal,

dann über den Murreepaß und darauf nach Rawal-pindi. Er ist ein

Meisterstück der Wegebaukunst.

Es ist ein raffiniertes, beinahe wildes Vergnügen, diese tausend

Krümmungen in schwindelnder Fahrt zurückzulegen. Die Tonga wird von

zwei mittelgroßen Rädern getragen und ist mit Dach und Seitenvorhängen

versehen. In der Mitte sind zwei Sitze mit gemeinsamer Rücklehne. Auf

dem vorderen saßen der Kutscher und ich, auf dem hinteren Schagdur mit

dem Gepäck. Die starke, ein wenig aufwärtsgebogene Deichsel trägt an

ihrem äußersten Ende ein Querholz, das mit Riemen an den Sattelkissen

der Pferde befestigt wird. Dank dieser praktischen Einrichtung geht

der Pferdewechsel in zwei, drei Minuten vor sich. Die Entfernung

zwischen zwei Stationen beträgt selten mehr als eine halbe Stunde. Ein

paar Minuten vor der Station bläst der Kutscher auf seinem Horn ein

kurzes, angenehm klingendes Signal, und wenn wir dann vor das Haus

sprengen, steht das neue Pferdepaar schon bereit. Das Querholz wird den

schnaubenden, dampfenden Pferden abgenommen, die neuen werden unter

die Enden der Querdeichsel gestellt, die Riemen werden geschnürt, und

dann eilen die lebhaften, halbwilden Tiere davon. Sie stürmen mit so

wahnsinniger Geschwindigkeit vorwärts, daß man unwillkürlich das Gefühl

hat, es könne jeden Augenblick eine Katastrophe eintreten. Gewöhnlich

muß der Kutscher sich viel mehr bemühen, die Pferde zurückzuhalten,

als daß er nötig hätte, sie anzutreiben, und ich bin mir nicht immer

darüber klar, ob sie durchgehen oder ob alles Absicht ist. Solange

wir von Srinagar nach Baramullah durch offene Felder fuhren, war es

nicht gefährlich, doch als sich der Weg nachher auf den Gehängen des

Jelumtales hinschlängelte, hatte man Gelegenheit, schwindelig zu

werden, wenn man dazu neigt. Die Pferde rasen vorwärts; rechts von uns

geht es senkrecht nach dem in der Tiefe rauschenden Flusse hinunter,

nur eine zwei Fuß hohe Brustwehr trennt uns von dem jähen Abgrund; vor

uns scheint der Weg auf einmal ein Ende zu nehmen, doch dies kommt

davon, daß er in scharfem Winkel nach links abbiegt. Man meint, der

Kutscher müsse verrückt sein, daß er die Pferde nicht zügelt und

langsamer fährt; die wilde Jagd geht gerade nach dem Abgrunde hin, und

wenn auch die Pferde allenfalls noch um die Ecke zu schwenken vermögen,

so muß doch der Wagen umkippen und über die niedrige Brustwehr

geschleudert werden. Im letzten Augenblick vermindert sich indessen die

Geschwindigkeit, es geht ganz glatt um die Ecke, und man ist erstaunt,

daß man lebendig an ihr hat vorbeikommen können. Vor solchen Ecken

ertönen stets die hellen Klänge des Jagdhorns als Warnungssignal, falls

von der anderen Seite eine Tonga mit ebenso wütender Fahrt auf die Ecke

losstürmen sollte.

In der Nähe des +Murreepasses+ war der Nadelholzwald dicht, wodurch

das Großartige dieser Fahrt, die unter seinem prachtvollen, schattigen

Gewölbe hinstürmte, noch erhöht wurde. Vom Passe ahnen wir im Süden die

Ebenen des Pendschab; mit gleicher schwindelnder Fahrt eilten wir nach

immer tieferen Gegenden hinab, immer dichter werden die Luftschichten,

immer linder die milden Windhauche, die bei Sonnenuntergang die Hügel

umspielen. Es war schon dunkel, als das letzte Pferdepaar unsere

Tonga durch die langen, geraden Straßen von +Rawal-pindi+ führte. Wir

fuhren direkt nach der Eisenbahnstation, denn es fehlte nur noch eine

Stunde bis zum Abgang des Zuges. Es klingt seltsam, wenn man wieder

die schrillen Pfiffe der Lokomotive hört, nachdem man jahrelang an den

Frieden und die Stille der Einöden gewöhnt gewesen ist!

In +Lahore+ blieb ich drei Tage -- inkognito, denn ich hatte in meinem

ganzen Gepäck nicht einmal einen Strumpf, mit dem ich mich vor den

Leuten hätte sehen lassen können. Hier kleidete ich mich vom Scheitel

bis zur Sohle neu ein und war im Handumdrehen wieder ein vollkommener,

wenn auch ein wenig wettergebräunter, sonnverbrannter Gentleman! Jetzt

war kein Inkognito mehr nötig; den letzten Abend war ich zu einem

glänzenden Diner bei Sir W. Mackworth Young, dem Vizegouverneur des

Pendschab, und mir war zumute, als sei ich mein ganzes Leben lang nie

etwas anderes gewesen als ein Salonlöwe!

[Illustration: 322. Schneesturm auf dem Passe Sodschi-la. (S. 363.)]

[Illustration: 323. Tempelhof in Hemis. (S. 365.)]

[Illustration: 324. Portal von Doggtsang Raspas Tempelsaal. (S. 366.)]

Was soll ich von +Lahore+, +Dehli+, +Agra+, +Lucknow+ und +Benares+

sagen? Nichts! Ich überlasse es denjenigen, die zum Studium dieser

märchenhaft wunderbaren Städte Zeit gehabt haben, über jede von

ihnen Bände voll zu schreiben. Ich passierte sie wie ein Zugvogel

und blieb in jeder nur einen oder ein paar Tage. Ich flog wie eine

Wildente über den Tadsch Mahal, fand aber auf der Durchreise noch

Zeit, diese Grabmoschee Schah Dschahans als das schönste Kunstwerk,

das ich je erblickt habe, anzustaunen und zu bewundern. Alles, was

ich in Konstantinopel, Ispahan, Mesched und Samarkand gesehen habe,

verschwindet und verbleicht dagegen. Es ist ein Sommertraum in weißem

Marmor, eine Luftspiegelung von versteinerten Wolken. Und Benares!

Nie vergesse ich die Bootfahrten, die ich längs seiner Kais und Treppen

machte, jener Treppen, wo Tausende von Pilgern jeden Morgen bei

Sonnenaufgang baden, um Gesundheit und Kräfte wiederzugewinnen, und die

Brahminen, die dem Flusse huldigen und hier ihre Gebete verrichten, und

die Greise, die hierherreisen, um an dem heiligen Ganges zu sterben.

Nichts läßt sich mit einer Ruderfahrt im Mondschein auf dem Ganges

vergleichen; tausend Phantasien und Träume aus der Märchenwelt von

Benares bestürmen den Fremdling in der Stille der Nacht.

Schagdurs immer größer werdendes Staunen war für mich eine Quelle

großen Vergnügens. Einem burjatischen Kosaken aus Sibirien muß

alles, was er in den alten Residenzen des Großmoguls, unter Palmen,

in Pagoden, sowie in den von einer bunten, lärmenden Menschenmenge

erfüllten Basaren erblickt, im höchsten Grade imponieren. Er

befragte mich über alles, was er sah, teilte mir seine Gedanken und

Beobachtungen mit und konnte keine Worte finden, um sein Erstaunen

und seine Bewunderung auszudrücken. Als wir in +Lucknow+ einem Zuge

Elefanten begegneten, wollte er kaum seinen Augen trauen und fragte

mich, ob diese Kolosse wirklich lebendige Tiere oder nicht vielmehr

eine besonders konstruierte Art von Lokomotiven seien. Um ihn zu

überzeugen, ließ ich eines der Tiere stehenbleiben, kaufte in einer

Basarbude in der Nachbarschaft ein Bündel Zuckerrohr und fütterte

das Vieh. Als dieses erst jedes Rohr mit dem Rüssel reinigte und

die weniger gutschmeckenden Teile abbrach, um dann den Rest mit

virtuosenhafter Eleganz zu verzehren, sah Schagdur ein, daß der Elefant

ein wirkliches, lebendiges Tier war.

Am 25. Januar kam ich frühmorgens in +Kalkutta+ an und wurde in einer

vizeköniglichen Equipage mit vier Lakaien in rotgoldener Uniform

und hohen weißen Turbanen vom Bahnhof abgeholt. Ein zweites Gefährt

beförderte Schagdur und das Gepäck. Wir fuhren direkt nach dem

Government House, wo mir meine Wohnung angewiesen wurde. Niemals habe

ich so vornehm residiert wie in der Residenz des Vizekönigs von Indien.

Die Salons sind mit wertvollen Kunstgegenständen geschmückt, man geht

auf weichen indischen Teppichen, die Wände verschwinden unter großen

Ölbildern von Großbritanniens Monarchen, indischen Maharadschas und

persischen Schahen, alles prunkt in einem Meere von elektrischem Licht.

Mein riesiges Schlafzimmer hatte seinen eigenen Balkon, der unter

einer mächtigen Markise in kühlem Schatten schwebte. Berauscht vom

Palmendufte des Parkes konnte ich mich an der großartigen Aussicht über

Kalkutta erfreuen und den Blick weithin bis an das Dschungel des Hugli

schweifen lassen.

Der Tag meiner Ankunft war ein Sonntag, und mir wurde sofort von

einem Adjutanten mitgeteilt, daß „~His Excellency, the Viceroy~“ mich

auf +Schloß Barrakpore+, zwei Stunden flußaufwärts, erwarte. Bei

schönem Sommerwetter und einer leichten, erfrischenden Brise fuhr ich

nach dem Frühstück mit einer Dampfbarkasse hin und hatte dort die

liebenswürdigste Gesellschaft, die man sich nur wünschen kann.

Eingebettet in einen tropisch schönen Park und geschmückt mit englisch

vornehmer und geschmackvoller Pracht öffnete Barrakpore den anlangenden

Gästen die Tore der Gastfreundschaft. Die Wirte erwarteten uns mit

ihren beiden kleinen reizenden Töchtern und ihrem Gefolge in dem kühlen

Schatten einer gewaltigen Laube, und Lord Curzon begrüßte mich so

liebenswürdig und warm wie ein alter Freund; er stellte mich seiner

charmanten Gemahlin vor, der schönsten und sympathischsten Dame,

die ich je kennengelernt habe. Beim Lunch brachte er in schäumendem

Champagner ein Hoch auf mich aus und gratulierte mir zu den gewonnenen

Resultaten und den glücklich überstandenen Mühen. Nachdem wir einige

Stunden über geographische Fragen gesprochen hatten, wurde ich von Lady

Curzon zu einer Spazierfahrt in die Umgegend aufgefordert, und meine

Wirtin führte dabei die Zügel mit ebensoviel Grazie wie Sicherheit.

Die zehn Tage, die ich in Lord und Lady Curzons Hause Gast zu sein die

Ehre hatte, gehören zu meinen liebsten und schönsten Erinnerungen.

Nicht allein, daß ich täglich mit Freundschaft und Gastfreundschaft

überhäuft wurde, nein, ich fand auch in meinem Wirte, der einer der

ersten jetzt lebenden Kenner der Geographie Asiens ist, einen Mann,

der meine Reise mit dem sachverständigsten und lebhaftesten Interesse

erfaßte.

In Europa macht man sich kaum einen Begriff davon, was es heißen

will, Vizekönig von Indien zu sein und beinahe souveräne Macht über

dreihundert Millionen Untertanen zu besitzen, also fast ebenso viele,

wie allen Monarchen Europas zusammengenommen gehorchen. Es ist eine

glänzende, eigenartige Stellung, und man bewundert ein Reich, das

seinen Söhnen Gelegenheit geben kann, nach solchen Posten zu streben.

Lord Curzon fühlt die auf ihm lastende Verantwortung und faßt

seinen Beruf mit tiefem Ernste auf, er opfert ihm alle seine Zeit

und Kräfte. Er gönnte sich keine Ruhe, er war wie festgenagelt an

seinen Schreibtisch und machte nur bei den Mahlzeiten eine kleine

Arbeitspause. Mit Sport und eiteln Vergnügungen verlor er keine Stunde,

-- als wir einmal zusammen das Theater besuchten, wo der Vizekönig mit

der Nationalhymne begrüßt wurde, verschwand er noch vor Schluß des

ersten Aktes, um in sein Arbeitskabinett zurückzukehren. Wir nahmen

einmal alle Kartenblätter, wohl hundert, die ich von Ladak mitgebracht

hatte, durch; jedes Blatt wurde besonders geprüft, und Lord Curzons

Urteil konnte mir nur in höchstem Grade schmeichelhaft und erfreulich

sein.

Während meines Aufenthalts wurden ein paar Festdiners und große Bälle

im Government House gegeben, das in blendender Pracht strahlte; es ging

bei dieser Gelegenheit ebenso glänzend her wie an einem europäischen

Fürstenhofe. Eines Tags kamen ein deutsches und ein österreichisches

Kriegsschiff den Hugli herauf, was Veranlassung zu einem Frühstück

für die Offiziere im Government House gab, dem mehrere Feste auf den

Schiffen und im deutschen Klub folgten.

Wohl hatte ich während meiner neunjährigen Wanderungen in Asien

mancherlei erlebt, aber noch keinen solchen Kontrast, wie ich ihn

jetzt durchmachte. Zweieinhalb Jahre lang hatte ich, von der Welt

abgeschnitten, in den Wüsten und Gebirgen des innersten Asiens gelebt

und Strapazen und Entbehrungen jeglicher Art ertragen müssen, und jetzt

befand ich mich inmitten der verfeinertsten Zivilisation, die man sich

denken kann. Nach Jahren der Einsamkeit wurden jetzt bei jedem Schritt

neue Bekanntschaften gemacht. Eben noch wanderte ich bei 30 Grad Kälte

über 5000 Meter hohe Gebirge, wo nur das Archari und der wilde Yak ihre

Nahrung finden, und jetzt wandelte ich in lauter Wärme und Licht unter

den Palmen an der Küste des Indischen Ozeans. Eben noch hatten wir die

schmutzigen, rauchigen Zelte der Tibeter besucht, jetzt entzückten

mich in englischen Salons der Duft schwellender Rosen, liebenswürdige

Damen und Musik. Die Tibeter hatten mich wie ein verdächtiges,

gefährliches Individuum behandelt, in Indien ertrank ich beinahe in

Gastfreundschaft; jedesmal, wenn ich einen Ort verließ, mußte ich mich

aus freundlichen Armen losreißen, um am nächsten wieder mit offenen

Armen aufgenommen zu werden. Überall fühlte ich mich „~at home~“,

und es wurde mir stets schwer, meine neuen Freunde zu verlassen; dieses

ewige Abreisen und Abschiednehmen breitete einen Wehmutsschleier über

eine sonst so angenehme, erinnerungsreiche Reise.

Die indische Presse hatte mir so viel liebenswürdige Aufmerksamkeit

geschenkt, daß ich mit Einladungen buchstäblich überhäuft wurde -- nach

Dardschiling, Ceylon, Mysore, Peschawar, zu meinem alten Freunde von

Kaschgar (1890) Major Younghusband, nach schwedischen Missionsstationen

usw. Doch ich durfte meine Karawane und die Kosaken, die mich in Leh

erwarteten, nicht vergessen. Einigen Einladungen konnte ich allerdings

nicht widerstehen, und mein Aufenthalt in Indien wurde dadurch etwas

verlängert. Leider war mein prächtiger treuer Kosak Schagdur am

Fieber erkrankt und während des ganzen Aufenthalts in Kalkutta sehr

schwach. Er lag im Parke in einem geräumigen, eleganten Zelte -- mit

Bretterfußboden, Badezimmer und elektrischem Licht -- und wurde vom

Leibarzt des Vizekönigs, Oberst Fenn, selbst und dem Assistenzarzte

Emir Baksch behandelt. In ihrer Pflege mußte ich Schagdur zurücklassen,

als ich südwärts reiste. Wir wollten uns in Rawal-pindi wiedertreffen.

Nach herzlichem Abschied von Lord und Lady Curzon verließ ich am 5.

Februar Kalkutta und reiste nach +Secundrabad+ bei Hyderabad. Ich hatte

eine Einladung meines vortrefflichen ritterlichen Freundes von der

Pamirgrenzkommission im Jahre 1895, Oberst McSwiney, angenommen. Er war

jetzt nach dem Militärlager +Belarum+ im Gebiet des Nizam, wo ungefähr

8000 Mann englische Truppen stehen, versetzt worden. Es waren drei

angenehme Tage, die ich in McSwineys Hause verlebte.

In +Bombay+ war ich eingeladen worden, bei dem Gouverneur Lord

Northcote und seiner Gattin zu wohnen. Auch die vier in ihrem Heim

verbrachten Tage gehören zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Meine

Wohnung lag auf der äußersten Spitze von Malabar Point; ringsumher

hatte ich den unendlichen Ozean. Es war mir, als sei ich an Bord eines

Schiffes -- ein seltsames Bild für den, der jahrelang im Inneren

des großen Asien gelebt hat. Ich wurde nicht müde, dem rauschenden

Sange der Wellen am Fuße des felsigen Vorgebirges zuzuhören. Wie gern

hätte ich mich von ihnen über die Meere nach meiner alten Heimat

tragen lassen, statt, wie jetzt, noch einmal durch den Kontinent zu

ziehen und nach den schweigenden, unwirtlichen Gebirgen in Westtibet

zurückzukehren! Die Postdampfer fuhren von Zeit zu Zeit unmittelbar

unter dem Vorgebirge vorbei; sie gingen direkt nach Europa, und auf

ihrem Deck konnte ich geraden Weges dorthin gelangen. Ich hatte von

Asien genug und es graute mir davor, wieder quer durch die alte Welt

ziehen zu müssen -- auf dem Landwege von Bombay nach Petersburg und

Stockholm! Es erforderte eine gute Portion Energie, um der Versuchung

nicht nachzugeben. Aber ich konnte die Kosaken und die Karawane nicht

verlassen und das Resultat meiner Reise nicht allen Winden preisgeben,

sondern mußte alles in Sicherheit bringen, ehe ich mich ruhig fühlen

durfte. Ich nahm also Abschied von Lord und Lady Northcote und kehrte

nach Dehli zurück.

Die Reise nach Rawal-pindi machte ich mit nur zwei kurzen

Unterbrechungen. In +Dschaipur+ holte mich die Equipage des Maharadscha

ab, und ich machte auf einem seiner prachtvoll geschmückten Elefanten

einen herrlichen Ausflug nach den Ruinen von +Amber+. In Dschaipur sind

alle Häuser rosenrot, alle Einwohner rot oder rosa gekleidet, -- man

muß an das Morgenrot in einem Rosengarten denken.

[Illustration: 325. Doggtsang Raspa. (S. 366.)]

[Illustration: 326. Lama in Maske. (S. 367.)]

[Illustration: 327. Der Prior von Hemis. (S. 365.)]

[Illustration: 328. Lama in Festkleidung. (S. 367.)]

Der Maharadscha von Kapurtala hatte mich telegraphisch nach seinem

Schlosse in +Kartarpur+ eingeladen, wo ich zwei schöne Tage verlebte

und in Gesellschaft Seiner Hoheit Ausflüge zu Wagen, Boot und

Elefant machte. Ganz im selben Stile feierte er meinen Geburtstag

auf seinem Schlosse mit Tafelmusik und schäumendem Champagner. Der

Aufenthalt in Kartarpur erinnerte lebhaft an Tausendundeine Nacht.

In +Rawal-pindi+ fand ich meinen armen Schagdur wieder, der infolge

seiner Krankheit nicht soviel Vergnügen von der Indienreise gehabt, wie

ich gehofft hatte. Oberst Fenn war so freundlich gewesen, ihn mit einem

eingeborenen Assistenzarzte von Kalkutta nach Rawal-pindi zu schicken,

wo Hauptmann Waller und Major Medley, der bekannte Asienreisende, ihn

mit großer Freundlichkeit aufnahmen und ihm alle die Pflege, deren er

bedurfte, zuteil werden ließen. Schagdur war entzückt von Medley, der

sich mit ihm täglich lange russisch unterhalten hatte. Der Arzt, Major

Marshall, der ihn behandelte, riet mir, ihn so schnell wie möglich ins

Gebirge zu bringen. Bei meiner Ankunft war dies jedoch unmöglich, denn

er war so schwach, daß er sich nicht auf der Tonga festhalten konnte.

Ich mußte daher geduldig warten. Ich selbst hatte es sehr gut; die

Offiziere wetteiferten förmlich, mir Gastfreundschaft zu erzeigen.

Leider wurde mir nicht die Freude zuteil, Herrn ~Dr.~ Stein, der sein

Hauptquartier in Rawal-pindi hat, zu treffen. Er war kürzlich von

seiner erfolgreichen, bedeutungsvollen Forschungsreise in Ostturkestan

zurückgekehrt. Ich konnte aber seine Bekanntschaft wenigstens brieflich

machen und traf ihn später, ehe noch das Jahr 1902 zu Ende gegangen

war, persönlich in London.

Endlich war Schagdur soweit hergestellt, daß wir aufbrechen konnten.

Wir fuhren auf dieselbe Weise wie vor zwei Monaten nach Srinagar.

Dank der großartigen Gastfreundschaft des Herrn Le Mesurier und

seiner Gattin konnte Schagdur hier in der frischen, kühlen Luft von

Kaschmir, die ihm bald seine Gesundheit wiederschenkte, noch fünf

Tage ausruhen. Hauptmann und Frau Le Mesurier waren neben ~Dr.~

Shawe die ersten und die letzten Engländer, die ich während dieses

hastigen, aber langen Abstechers nach Indien traf. Der erste Eindruck,

den ich von der herrschenden Rasse in Indien erhielt, war daher warm

und sympathisch, und als ich sie wieder verlassen sollte, nahm ich mit

aufrichtigem Bedauern Abschied. Sie waren grenzenlos freundlich und

liebenswürdig gegen mich und meinen Kosaken gewesen. Der Hauptmann, der

„Joint Commissioner“ für Ladak ist, telegraphierte nach allen Stationen

auf dem Wege nach Leh, damit alles zu unserer Reise in Ordnung wäre,

und ordnete an, daß auf dem Sodschi-la besondere Vorsichtsmaßregeln

getroffen würden.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Über das Kloster Hemis heimwärts.

Am 6. März ging es wieder nach Leh hinauf. Ich mietete zwei Tragstühle

mit je acht Trägern und benutzte den meinen, solange es möglich war;

aber Schagdur hatte, obwohl Rekonvaleszent, einen ausgesprochenen

Widerwillen gegen dieses Beförderungsmittel und zog es vor zu reiten.

In +Sonamarg+ erhielt ich Warnungstelegramme von Le Mesurier, dem

Wesir Wesarat, aus Kargil und aus Leh, ja nicht über den Sodschi-la

zu gehen, da jetzt sehr viel Schnee gefallen sei. Le Mesurier war so

liebenswürdig, mich zu bitten, nach Srinagar zurückzukehren. Doch ich

+mußte+ um jeden Preis über den Paß. Er ist von der indischen Seite

viel schwieriger, da man die unheimlichen Abhänge zu Fuß erklimmen

muß. Jetzt konnten wir auch nicht, wie auf der Hinreise, den Sommerweg

benutzen, sondern mußten in der tiefen Kluft gehen, in welche die

Lawinen jeden Winter von den Felswänden stürzen und wo alljährlich so

viele Unglückliche begraben werden. Große Vorsicht ist stets nötig; man

muß sich frühmorgens auf den Weg machen, wenn die Schneemassen noch

gefroren sind; nachmittags stürzen sie, von der Sonne aufgeweicht,

herunter. Bei Schneewetter darf man unter keiner Bedingung nach dem

Passe hinaufgehen, denn dann hat man große Aussicht, unter den Lawinen

begraben zu werden. An den gefährlichsten Stellen dieses Hohlweges muß

man möglichst schnell vorbeieilen.

Am 10. standen wir in aller Frühe auf, als es noch stockdunkel, rauh

und kalt war. Die Sterne glänzen hell an dem stahlblauen, kalten

Himmel, die Berge mit ihren Schneemassen zeichnen sich in schwachen

Umrissen ab. Völlige Ruhe herrscht, einige Fackeln auf dem Balkon

flackern nicht einmal, der Rauch meiner Zigarre steigt lotrecht in die

Luft. Im Handumdrehen sind wir reisefertig; 63 Träger und Wegemacher

gehen in langem Gänsemarsch voran, dann werden einige Pferde, die den

Proviant der Leute tragen, geführt, und hinterdrein reiten wir, von

dem Naib-i-täfildar von Ganderbal und seinem nächsten Untergebenen

begleitet. Allmählich wird es heller; die weißen Schneefelder treten

immer schärfer hervor, und die Tannen stechen dunkel gegen sie ab.

Dann und wann purzelt einer in den Schnee; Schritt für Schritt geht es

vorwärts und aufwärts durch immer tiefer werdende Schneewehen. Noch war

die Kruste der Schneefelder stark genug, um die Fußgänger zu tragen,

doch schon am Vormittag brachen diese ein. Da, wo die Pferde keinen

Grund fanden, sondern wie Delphine im Schnee hüpften, gingen wir zu

Fuß. In Baltal kam uns Abdullah mit 23 sicheren Leuten entgegen.

Am folgenden Tag gingen wir durch den Hohlweg hinauf, der jetzt gar

nicht wiederzuerkennen war. Die Massen von Blöcken, die in der Schlucht

umherliegen, waren vollständig verschwunden unter herabgestürzten

Lawinen, die, wie man mir sagte, den engen Gang mit einer 150 Meter

hohen Schneeschicht angefüllt hatten. Solange es Winter ist, kann man

oben auf den abgestürzten Schneemassen gehen, im Sommer aber ist dieser

Weg unpassierbar. Ich und Schagdur wurden nach dem Passe hinaufgezogen

und geschoben. Ein unangenehmer Wind strich wie ein Wasserfall durch

den Hohlweg herunter und wirbelte Wolken von feinem Schnee auf (Abb.

322). Nachdem wir die gefährlichen Stellen glücklich passiert hatten,

konnten wir uns gänzlich unbesorgt fühlen; aber hier war der tiefe

Schnee nicht so festgepackt wie im Hohlwege. Nach jedem Schneefall

wird ein Pfad ausgetreten, der aus einer unzähligen Anzahl tiefer

Gruben besteht. Kann man balancieren, ohne auszugleiten, so ist es am

vorteilhaftesten, auf den zwischen ihnen liegenden Erhöhungen zu gehen,

gewöhnlich aber nimmt man gern mit den Gruben vorlieb.

Vier Tage lang trabten wir auf diese Weise über den Paß und seine

beiderseitigen Umgebungen. Schließlich konnten wir Yake benutzen und

zuletzt uns wieder der Pferde bedienen. In Kargil schneiten wir ein und

mußten dort drei Tage bleiben. Man versuchte, uns durch Tänzerinnen

und rauschende Musik zu erfreuen. Am 25. März trafen wir wieder in

Leh ein, wo wir alles gut und gesund vorfanden. Von Sirkin und Ördek

wußte man nichts, aber alle anderen, die an Weihnachten ihren Abschied

erhalten hatten, waren wiedergekommen, weil, wie sie sagten, die Pässe

verschneit waren. Die beiden erstgenannten gelangten jedoch schließlich

gesund und glücklich nach Kaschgar.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 39 / 42 段