Dschu, Tschernoff und dem Lama auf einem halsbrecherischen Pfade mit
mehreren schwierigen Pässen am See entlang nach der nächsten Quelle
zog. Als die anderen schließlich auch dort ankamen, brachten sie nur
neun Kamele mit; welch ein Jammer, daß jetzt noch ein letztes sterben
mußte, da wir nun Stroh und Gerste in Menge hatten und die lange Ruhe
an gefüllten Krippen so bald zu erwarten war!
Nachts schneite es endlich tüchtig, und am 16. ritten wir durch eine
blendend weiße Winterlandschaft. Von dem Passe oberhalb des Lagers lag
der See unter uns wie in einer tiefen Grube, wie ein Graben zwischen
schneebedeckten Bergen. Ich machte einige photographische Aufnahmen,
aber es war hübsch kalt für die Finger, bei -10 Grad und Wind mit der
Kamera zu hantieren; es mußte ein kleines Feuer angezündet werden,
damit ich mich ab und zu wärmen konnte. Und nun verlassen wir den
Panggong-tso, diesen großartigen, reizenden See, reiten über seine
westliche, dünenreiche Sandsteppe, ziehen langsam ein im Südwesten
mündendes Tal hinauf und gelangen auf eine kleine Schwelle, die mit
zwei Steinkisten von prächtigen „Mani“-Platten mit flatternden Wimpeln
geschmückt ist. Diese kleine Schwelle lag in einer Höhe von wenig mehr
als 20 Meter, also nur 2 Millimeter Luftdruckunterschied, über dem See.
Von dort ging es ein energisch ausgemeißeltes, mit Schutt und Blöcken
angefülltes Tal hinab, wo wir am Ufer eines kleinen zugefrorenen Sees,
zirka 60 Meter unter dem Spiegel des Sees, lagerten (Abb. 314). Wir
hatten das Flußgebiet des Indus erreicht, und die Wassertropfen, die
diesem Tale entsprangen, werden sich dereinst nach tausend Kämpfen
in dem Indischen Ozean verlieren. Zweieinhalb Jahre hatten wir uns
in abflußlosen Zentralbecken im innersten Asien bewegt, jetzt waren
wir wieder in Gegenden, die Abfluß nach dem Meere besaßen. Es war ein
befreiendes, erquickendes Gefühl, dies zu wissen; wir entfernen uns
jetzt allmählich von dem höchsten Gebirgslande der Erde.
Die erwähnte Schwelle ist von großem Interesse, wenn man sie mit
den alten Uferlinien vergleicht, die 54 Meter über dem Panggong-tso
liegen. Der See hat einst einen Abfluß nach dem Indus gehabt, ist
aber später, aus klimatischen Veranlassungen, von diesem Flußgebiete
abgeschnürt worden. Infolgedessen ist er salzig geworden, und die
Süßwassermollusken sind ausgestorben.
Am 17. nahm ich Abschied von der Karawane, um nach Leh vorauszueilen.
Es war noch stockfinster, als wir aufstanden, aber die munteren
Ladakpferde waren bereits gesattelt. Anmar Dschu, Tschernoff und
Tscherdon begleiteten mich; das Gepäck trugen drei Pferde, die von
einigen Fußgängern getrieben wurden. So sprengten wir in raschem Tempo
fort. Wir mußten ungefähr 40 Kilometer täglich zurücklegen, um in 4
Tagen Leh zu erreichen, damit ich noch ein Telegramm zum heiligen
Abend nach Hause senden konnte. Es ging jetzt schnell talabwärts.
Gehöfte und bebaute Felder begannen aufzutreten. Bei +Tanksi+, wo wir
andere Pferde erhielten, erhebt sich malerisch auf einem isolierten
Felsen das Kloster +Dschowa+ (Abb. 315). Nachdem es von der Ebene
aus photographiert worden war, ritten wir weiter nach +Drugub+ (3919
Meter), dem ersten Nachtlager, wo eine ganze Musikantentruppe mit
Trommeln und Flöten und vorgebundenen Masken zu unserer Ehre auf dem
Hofe tanzte (Abb. 313). Es kam mir ganz eigentümlich vor, wieder in
einem Hause zu schlafen!
Die nächste Tagereise führte bergauf nach immer höherwerdenden
Regionen, denn wir mußten über den schwierigen Paß +Tschang-la+, der
sonst um diese Jahreszeit durch Schnee versperrt ist, in diesem Jahre
aber passierbar war. Der Anstieg ist schwer, alles grau in grau, Block
neben Block. Es dauerte mehrere Stunden, bis wir den Kamm erreichten,
auf dem wir uns wieder in einer Höhe von 5386 Meter befanden. Der
Abstieg ist noch viel steiler. Zwischen Millionen von Granitblöcken
zieht sich der abschüssige Zickzackpfad ins Tal hinunter, und es
war schon pechschwarze Nacht, als wir die Steinhütten von +Taggar+
erreichten.
Wie seltsam und merkwürdig war es für uns, wieder überall Menschen
zu treffen, Dorf auf Dorf hinter uns verschwinden und die mit
Steinmauern umfriedigten Ackerfelder immer größer und zahlreicher
werden zu sehen. Tempel thronen auf den Felsen, und der Wind flüstert
in Pappeln und Weiden. Die Kosaken betrachteten mich jetzt mit einer
gewissen Bewunderung; es imponierte ihnen sichtlich, daß ich den Weg
hierher gefunden hatte und von diesen Eingeborenen, von deren Dasein
sie bisher noch nie Kunde erhalten hatten, so freundlich aufgenommen
wurden. Und immerfort ging es hinunter in tieferliegende Gegenden,
in dichtere Luftschichten, mildere Temperatur. Die Steinkisten, jene
seltsamen Opferaltäre, gegen welche die Obo der Mongolen Kleinigkeiten
sind, nahmen an Zahl und Größe zu. Eine solche, die 1½ Meter hoch
und 3 Meter breit war, maß in der Länge nicht weniger als 260 Meter,
und ihre ganze, auf beiden Seiten von einem Erdrücken abfallende
Fläche war voller Steinplatten, in welche „Om mani padme hum“ mit
unglaublicher Mühe eingehauen war. Es muß eine lange Zeit dauern, ehe
ein solches Werk zur Ehre der Götter fertig wird. Die Lamas, die den
ewigen Denkspruch mit unerschütterlicher Geduld in den Stein graben,
trösten sich wohl mit dem Gedanken: wenn wir verstummt sind, werden
die Steine reden. Das Tempelkloster +Dschimre+ liegt wundervoll auf
einem Felsen, und das Dorf am Fuße desselben ist groß und reich. Nach
einer weiteren Reihe von Dörfern gelangen wir an den +Indus+, der in
einem tief eingeschnittenen, gewundenen Bette fließt. Sein klares,
grünes, Stromschnellen bildendes Wasser rauscht wie in einem 50 Meter
tiefen Graben dahin. An der Flußbiegung läuft eine 3 Meter hohe, 9
Meter breite und 416 Meter, also fast einen halben Kilometer lange
„Mani“-Kiste entlang; verrückte Menschen, welch nutzlose Arbeit! Man
erstaunt immer mehr, je größer die Kisten werden; in einer Reihe
aufgestellt, würden sie eine kleine chinesische Mauer geben.
Hier an der Flußbiegung kam mir Mirsa Muhammed entgegen, der Naib oder
Sekretär des Täsildars (eingeborener Distriktschef) von Leh. Er war
ein sehr liebenswürdiger, angenehmer Mensch, der fließend Persisch
sprach und mir später viele unschätzbare Dienste leisten sollte. Wir
ritten auf dem rechten Indusufer durch das breite, gewaltige Tal
westwärts nach der Posthalterei von +Tikkse+, wo es in einem Zimmer
einen eisernen Ofen gab. Über dem Dorfe thront erhaben über allen
Erdenlärm das Kloster +Tikkse-gompa+ (Abb. 316, 317). Die Mönche, 40-50
an der Zahl, hatten die Freundlichkeit, fragen zu lassen, ob ich nicht
lieber bei ihnen wohnen wolle; aber wir hatten es dort unten gut,
und erst am nächsten Morgen machte ich ihnen einen Besuch. Von den
Terrassen und Altanen ihrer für den Pinsel eines Malers so verlockenden
Freistatt hatte man eine entzückende, überwältigende Aussicht über das
gigantische Industal (Abb. 318).
Während des Rittes nach Tikkse waren uns drei Boten entgegengekommen;
einer von ihnen war eine Frau. Sie trugen ihre Botschaft um das Ende
eines Stöckchens gewickelt. Der eine brachte mir ein Telegramm von
dem jetzt in Sialkut wohnenden englischen Residenten von Kaschmir:
„~Warmest congratulations on safe arrival, message sent to His
Excellency Viceroy, trust arrangements made satisfactory~“.
(Wärmste Glückwünsche zur glücklichen Ankunft; habe Se. Exzellenz
den Vizekönig benachrichtigt; hoffe, daß die getroffenen Anordnungen
zufriedenstellend sind.)
Von dem Augenblick an, da ich den Fuß auf britisches Gebiet setzte,
wurde ich täglich mit Gastfreundschaft und Artigkeit überhäuft. Als
wir am 20. Dezember müde und bestaubt in +Leh+, der 4000 Einwohner
zählenden Hauptstadt von Ladak (Abb. 319), eintrafen, kam mir ihr
Täsildar entgegen, ein fließend Englisch sprechender, bis auf den
hohen, faltigen, weißen Turban europäisch gekleideter, ungewöhnlich
distinguiert aussehender Hindu namens Jettumal. Er hieß mich auf dem
Gebiete des Maharadscha willkommen und überreichte mir ein artiges
Telegramm vom Wesir Wesarat. Wir ritten zuerst nach dem „Dak-bungalow“
(Gasthaus, Hotel), das die in Leh weilenden Engländer zu besuchen
pflegen. Dieses Haus war in jeder Beziehung elegant und gemütlich;
dennoch zog ich es vor, in Mirsa Muhammeds Hause zu wohnen, das früher
Missionar Webers Kirche gewesen war, in welchem auch die Kosaken zwei
Zimmer bekommen konnten und wo die Karawane auf einem großen Hofe
reichlich Platz für Menschen und Tiere fand. Hier wurde für mich ein
vortreffliches Zimmer mit Ofen, Teppich, Bett, Tisch und Stühlen
eingerichtet, und hierher brachte Jettumal meine gewaltige Post. Seit
elf Monaten hatte ich kein Wort von Europa gehört und wußte nicht, wie
es zu Hause stand; man kann sich also denken, mit welcher Unruhe ich
die Post mit allen ihren Neuigkeiten öffnete. Ich erbrach zuerst die
letzten Briefe, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß alle meine
Angehörigen noch lebten und gesund waren, konnte ich die Briefe mit
Ruhe in chronologischer Reihenfolge durchgehen. Ich legte mich auf das
schöne Bett und las die ganze Nacht hindurch, und die Sonne stand am
21. schon hoch am Himmel, als ich zur Ruhe ging. Tief schmerzte mich
die Nachricht von Nordenskiölds Tod.
Schon bei meiner Ankunft hatte Jettumal von „King Edward“ gesprochen.
Ich war erstaunt, hatte ich doch den Namen nie gehört; ich wußte nicht,
daß Königin Viktoria vor beinahe einem Jahre gestorben war!
[Illustration: 316. Tempelhof in Tikkse. (S. 347.)]
[Illustration: 317. Lamas in Tikkse mit ihrem Prior (rechts). (S. 347.)]
[Illustration: 318. Aussicht vom Kloster in Tikkse. (S. 348.)]
[Illustration: 319. Leh, die Hauptstadt von Ladak. (S. 348.)]
Das erste aber, was ich tat, als ich nun nach allen Stürmen in Leh
einen Hafen gefunden hatte, war, an König Oskar, an Lord Curzon, den
Vizekönig von Indien, und an meine Eltern zu telegraphieren. Die
freundlichen, aufmunternden Antworten trafen gerade rechtzeitig als
Weihnachtsgaben für mich ein. Das Telegramm des Königs von Schweden
lautete: „Vielen Dank für Ihr Telegramm und die bereits erhaltenen
interessanten Briefe! Ich freue mich herzlich über Ihre glückliche
Ankunft auf britischem Gebiete und hoffe, daß Sie bald heimkehren. Ich
und die Meinen sind gesund. Sie herzlich grüßend, König Oskar.“
Von Tscharchlik hatte ich, via Kaschgar, an Lord Curzon geschrieben
und ihn gebeten, bei der Ankunft in Leh eine Anleihe von 3000 Rupien
aufnehmen zu dürfen; diese Summe lag jetzt bereit und wartete auf mich.
Ich hatte auch von der Möglichkeit eines kurzen Besuchs in Indien
gesprochen, und jetzt erhielt ich einen langen, liebenswürdigen Brief
des Vizekönigs, der mit den Worten schloß:
„Ich habe Ihnen nur einen Vorschlag zu machen, und der ist, daß Sie
nach Kalkutta kommen, wo ich mich vom Januar bis Ende März aufhalte,
und mir das Vergnügen machen, Sie als meinen Gast im Government House
zu begrüßen und aus Ihrem eignen Munde zu hören, was Sie alles gesehen
und ausgeführt haben.“
Nachdem ich geantwortet und diese liebenswürdige Einladung dankbar
angenommen hatte, telegraphierte Lord Curzon:
„~Congratulate you upon your safe arrival after most arduous journey
and great discoveries. Am delighted that we shall see you here.
Viceroy.~“ (Gratuliere Ihnen zu ihrer glücklichen Ankunft nach der
sehr anstrengenden Reise und den großen Entdeckungen. Bin entzückt, daß
wir Sie hier sehen werden. Vizekönig.)
Ich sollte also einen kurzen Besuch in Indien machen und Lord Curzon
(Abb. 320) wiedersehen, den ich seit mehreren Jahren kannte und der
auch zugegen gewesen war, als ich in London im Dezember 1897 in der
~Royal Geographical Society~ einen Vortrag über meine vorige
Reise hielt. Da es sich aber um einen Ritt von 400 Kilometern nach
Srinagar, der Hauptstadt von Kaschmir, handelte, glaubte ich mir eine
zehntägige Ruhe gönnen zu dürfen, ehe ich nach der Sommerhitze im
Märchenlande aufbrach. Die Tage verrannen nur zu schnell. Ich wurde
von den in Leh ansässigen Missionaren Ribbach und Hettasch und ihren
Frauen mit Freundschaftsbeweisen und Gastfreundschaft überhäuft,
ebenso von Miß Baß und dem Missionsarzt E. Shawe, der sich der
Kranken in meiner Karawane mit unendlicher Freundlichkeit annahm.
Täglich besuchte ich die Missionare und ich habe selten eine Station
gesehen, die so musterhaft geleitet wird und so vielversprechende
Früchte gezeitigt hat. In dem netten kleinen Kirchensaale feierten wir
zusammen Weihnachten. Der Saal strahlte hell im Kerzenscheine, und der
Weihnachtsbaum mit seinen zahllosen kleinen Wachslichtern gemahnte
mich an viele unvergeßliche liebe Kindheitserinnerungen aus meiner
nordischen Heimat. Ribbach predigte in der Ladakisprache, und beim
Gesang stimmte die andächtig lauschende, festlich gekleidete Schar
ein, die das kleine Gotteshaus dicht gedrängt füllte. Ich bin selten
bei einem so ergreifenden, feierlichen Gottesdienst zugegen gewesen,
obwohl ich von dem, was Ribbach sagte, nicht ein Wort verstand. Der
freundliche Glanz der Christbaumlichter nahm meine Sinne gefangen, die
weichen Orgelklänge berauschten mich, -- ich hatte ja so unendlichen
Grund zur Dankbarkeit, jetzt da alle unsere Mühseligkeiten zu Ende
waren und ich mich wieder unter Europäern befand!
Am ersten Weihnachtstage langte meine Karawane an. Die letzten neun
Kamele hatten den Paß Tschang-la glücklich überwunden. Jetzt sollten
sie sich ausruhen und herrlichen frischen Klee zu fressen erhalten;
ihre Krippen sollten beständig davon duften, sie sollten wie unsere
eigenen Kinder gepflegt und für alles, was sie durchgemacht hatten,
belohnt werden. Sie sahen ängstlich und erstaunt aus, als sie durch den
Straßenlärm zogen (Abb. 321); aber auf unserem stillen Hofe fühlten sie
sich bald heimisch, und ich sah ihre Augen vor Freude glänzen, als sie
den Duft des reichlichen, saftigen Futters verspürten. Die Bewohner der
kleinen Stadt, die wohl noch nie Kamele gesehen hatten, kletterten auf
die Mauern des Hofes und betrachteten diese seltsamen, langhalsigen,
buckligen Tiere mit größtem Erstaunen.
Jetzt wurde folgender Entschluß gefaßt. Während meiner Reise nach
Indien sollte sich die Karawane ausruhen. Dazu brauchte ich nur drei
von den Muselmännern zu behalten, und es paßte daher gut, daß die
übrigen baten, sofort über das Kara-korum-Gebirge und Jarkent nach
Hause zurückkehren zu dürfen. Sie erhielten ihren Lohn mit großer
Zulage und außerdem Kleider, Proviant und je ein Reitpferd als
Geschenk. Ich mietete für sie einen Mann aus Jarkent als Karakesch,
der es übernahm, sie für eine bestimmte Summe nach Jarkent zu bringen.
Als Sirkin, der sich nach Frau und Kindern sehnte, fragte, ob er sie
begleiten dürfe, erlaubte ich ihm dies um so lieber, als er dann Briefe
an Generalkonsul Petrowskij, bei dem sich meine früher gemachten
Sammlungen befanden, überbringen konnte. Hier verließen uns also Mollah
Schah, Hamra Kul, Turdu Ahun, Rosi Mollah, Li Loje, Almas, Islam, Ahmed
und Ördek, der den besonderen Auftrag hatte, Sirkins Diener zu sein.
Mit ihren Packpferden, dem Führer und seinen beiden Dienern bildeten
sie eine recht ansehnliche Karawane, als sie am 29. Dezember von Leh
fortritten. Trotzdem Sirkin sich aufrichtig nach Hause sehnte, vergoß
er doch bittere Tränen, als ich ihm zu einem langen Lebewohl die Hand
reichte und ihm für alle die Dienste dankte, die er mir während dieser
Jahre geleistet hatte.
Schließlich wurde alles zum Aufbruch bereit gemacht. Tschernoff wurde
Chef des Winterquartiers in Leh, Tscherdon Meteorologe, Turdu Bai,
Kutschuk und Chodai Kullu, die besten der Muselmänner, sollten die
Kamele, die Maulesel und mein altes Reitpferd pflegen. Sie erhielten
eine reichliche Geldsumme zur Bestreitung der Haushaltkosten, und
Jettumal versprach, dafür zu sorgen, daß es ihnen an nichts fehle.
Auch ~Dr.~ Shawe und die übrigen Missionare wollten sich während
meiner Abwesenheit meiner Leute annehmen. Der Lama, der ebenfalls dort
blieb, stand bald auf vertrautem Fuße mit Herrn Ribbach, der sich für
den jungen Priester sehr interessierte. Schagdur nahm ich, nachdem
ich vom Vizekönig die Erlaubnis dazu erhalten hatte, mit nach Indien.
Ich versprach mir ein ganz besonderes Vergnügen davon, Zeuge der
Verwunderung des braven Kosaken zu sein über alles, was er in jenem
wunderbaren Lande erblicken würde.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Ein Besuch in Indien.
Ich würde nun meinen Bericht schließen können, da wir alte,
wohlbekannte Gegenden erreicht haben, die schon vor mir und besser von
vielen Reisenden mit klassischen Namen beschrieben worden sind. Wenn
ich dennoch einige Schlußworte hinzufüge, geschieht es, damit der Leser
meine Spur nicht vollständig verliere und gänzlich im Stiche gelassen
werde, während wir noch im Inneren des großen Kontinents sind, welches
durch den „Wohnsitz des Winters“, den Himalaja, von dem warmen Meere
getrennt wird. Es soll jedoch schnell gehen; vermutlich sehnt sich der
Leser ebenso aufrichtig wie ich danach, dieses Reisewerk hinter sich zu
haben.
Am Morgen des 1. Januar 1902 stampften vier kleine, muntere Ladakpferde
vor meiner Tür. Ich und Schagdur bestiegen zwei von ihnen, die anderen
trugen unser Gepäck und wurden von Fußgängern getrieben; Mirsa Muhammed
war von Jettumal beauftragt worden, mich zu begleiten.
Wie wunderlich und ungewiß ist doch das Leben, wie viel rätselhafter
der Tod! Ich sollte keine Gelegenheit haben, dem Täsildar Jettumal für
die vielen Dienste, die er uns leistete, zu danken, denn bei meiner
Rückkehr nach Leh war er schon tot und verbrannt und seine Asche in die
heiligen Wellen des Ganges gestreut!
[Illustration: 320. Se. Exzellenz George Nathanael Lord Curzon,
Vizekönig von Indien. (S. 349.)]
[Illustration: 321. Ankunft der einzigen überlebenden Kamele in Leh.
(S. 350.)]
Wir hatten bis +Srinagar+, der Hauptstadt und Sommerresidenz des
Maharadscha, 400 Kilometer in 16 Stationen zurückzulegen. Auf jeder
Station (Bungalow, Pangla) werden die Pferde gewechselt, manchmal
noch öfter; man kann daher so schnell reisen, wie man will. Was mich
betrifft, so war ich zu müde, um draufloszustürmen, und legte selten
mehr als eine Station pro Tag zurück, so daß wir nach elf Tagen in
Srinagar ankamen. Zuerst reiten wir nach +Niemo+ hinunter, dann geht
es durch die an Apfel- und Aprikosenbäumen reichen Felder und Gärten
von +Saspul+. Der Indus ist zwischen gewaltigen, wohl 500 Meter hohen
Terrassen eingeschlossen, der Weg läuft auf dem rechten Ufer, und
die Bilder, die sich nacheinander entrollen, sind großartig; es ist
ein wahrer Kunstgenuß, die Meisterwerke zu betrachten, die die
Erosionskraft des Wassers hervorgebracht hat. Bald fließt der Indus
langsam und ruhig und ist dann breit und tief, bald verengt sich das
Bett, und der Fluß bildet schäumende Stromschnellen und wälzt sich mit
betäubendem Getöse über abgestürzte Steinblöcke. Gelegentlich ist der
Fluß auch zugefroren, und die natürlichen Brücken werden dann von den
Eingeborenen benutzt. Schwindelnd hoch und schmal schlängelt sich der
Pfad an dem launenhaften Relief der Bergseite hin; ja bisweilen ist er
so schmal, daß man einem Entgegenkommenden nicht ohne Gefahr ausweichen
könnte; unsere Kulis eilen dann bis zur nächsten Biegung und stoßen
durchdringende Rufe aus, um den Weg freizuhalten.
Bei +Kalatschi+ lassen wir das Industal rechts von uns liegen. Wir
dringen gleichsam in die dunkeln Säle des Gebirges ein. Der Pfad ist
oft gefährlich, zieht sich bald auf der einen, bald auf der anderen
Talseite hin und geht auf kleinen, schwankenden Holzbrücken über einen
Fluß.
Hinter der Brücke von +Sampa-nesrak+ entspringt eine Quellader aus
der Felswand, und das von ihr gebildete Eis bedeckte den Weg wie eine
flache Glocke. Hier glitt das eine Packpferd aus und wäre den Berg
hinuntergerollt, wenn ich es nicht in demselben Moment, als es über den
Wegrand rutschte, am Schwanze gepackt und festgehalten hätte, bis die
anderen zu Hilfe kamen.
Das Lamakloster +Lamajuru+ hat eine höchst eigentümliche, malerische
Lage; es ist auf dem Gipfel einer von tiefen Furchen durchschnittenen
Geröllterrasse erbaut; es kann nur eine Frage der Zeit sein, wann es
in die Tiefe stürzen wird, wo, wie stets in Tempelnähe, eine unzählige
Menge Votivdenkmäler (Tschorten) errichtet sind.
Am 4. Januar hatten wir über die beiden Pässe +Fotu-la+ (4100 Meter)
und +Namika-la+ (3965 Meter) zu reiten, ehe wir in dunkler Nacht Dorf
und Bungalow +Mullbeh+ erreichten. Unser Einzug in diesen kleinen Ort
war ziemlich phantastisch. Eine ganze Reihe von Fackelträgern zog
vor uns her, und von ihren brennenden Fackeln sprühten die Funken
kometenschweifartig, und die Aprikosenbäume streckten ihre feuerroten
Zweige zum pechschwarzen Himmel auf.
In +Kargil+, wo wir es mit einem neuen liebenswürdigen, freundlichen
Täsildar zu tun hatten, war ich erstaunt, von etwa vierzig festlich
gekleideten jungen Mädchen bewillkommnet zu werden. Jede trug eine
Schüssel mit etwas Eßbarem; es ist dortzulande Brauch, daß der
Fremdling jede Schüssel anrührt -- und dabei, wenn er will, einige
Silberannas in das Essen legt. Durch ein Telegramm erfuhren wir, daß
der Paß Sodschi-la jetzt nicht für gefährlich galt. In Leh hatte man
mir gesagt, daß er den Winter hindurch beinahe stets unpassierbar
sei und ich wahrscheinlich davor würde umkehren müssen. Diesen Winter
aber war der Schneeniedergang außergewöhnlich gering, und durch den
Telegraphendraht, der über den Paß läuft, konnten wir an mehreren
Punkten Auskunft erhalten. Von Kargil nahmen wir einen Ladaki namens
Abdullah mit, der die Turki- oder, wie man hier sagt, Jarkendisprache
beherrschte und ein außerordentlich zuverlässiger Führer war. In
dem Dorfe +Dras+ bekamen wir etwa fünfzig Kulis, die den schmalen,
eisbedeckten Weg mit Brechstangen und Spaten verbessern sollten. Das
Stationshaus +Mattschui+ liegt ganz in der Nähe des Passes, -- ein
Segen für diejenigen, die eingeschneit werden. Dies passierte vor
einigen Jahren, als das Haus noch nicht erbaut war, dem früheren Wesir
Wesarat von Ladak. Er mußte mit einer großen Anzahl Kulis zwei Monate
dort bleiben und wäre vor Hunger beinahe umgekommen. Er hatte sich
durch Erpressungen verhaßt gemacht, und die Bevölkerung auf beiden
Seiten des Passes freute sich darüber, daß er für eine Weile festsaß.
Am 9. Januar gingen wir über den +Sodschi-la+, den schlimmsten Paß,
den ich je kennen gelernt habe, obgleich seine Höhe nur 3500 Meter
beträgt, er also 2000 Meter niedriger ist als die tibetischen Pässe,
mit denen wir zu tun gehabt haben. In Mattschui ließen wir unsere
Pferde zurück und gingen zu Fuß in dem Schnee, der nach der -22 Grad
kalten Nacht munter knarrte. Die Ladakis banden uns eine Art weicher
Schneeschuhe an die Stiefel, damit wir nicht ausgleiten sollten.
So stapften wir in ihren Spuren nach der außerordentlich flachen,
beinahe unmerklichen Paßschwelle. Nicht weit hinter dieser geht es
jedoch kopfüber einen jähen Abhang in Hunderten von Zickzackbiegungen
nach dem Stationshause +Baltal+ hinunter. Da heißt es aufpassen und
nicht das Gleichgewicht verlieren, -- ein einziger Fehltritt, und man
würde in die Tiefe stürzen und dort zerschmettert werden. Der Schnee
ist in der Sonne aufgetaut und dann wieder gefroren, so daß er eine
gefährliche Eisstraße bildete, in die unsere Kulis Kerben schlugen.
Der Paß Sodschi-la ist eine wichtige orographische und klimatische
Grenzschranke zwischen Tibet und Kaschmir. Steht man auf seiner
Schwelle, so hat man das Tal von Baltal unter sich und freut sich, den
dunkeln Nadelholzwald zu sehen und sein geheimnisvolles, nordisches
Rauschen zu hören.
Ich werde nicht versuchen, die hinreißende Landschaft zu beschreiben,
die wir in den beiden letzten Tagen durchritten: dunkelgrüne
Wälder, malerische Dörfer, schäumende Flüsse, pittoreske Brücken,
ein Hintergrund von blendenden Schneebergen und über dem Ganzen
ein türkisblauer Himmel. Die Beschreibungen, die ich von Kaschmirs
schönen Tälern gelesen habe, erschienen mir matt, als ich sie mit der
Wirklichkeit vergleichen konnte.