Am 3. Dezember wurde Tschernoff beauftragt, die Tiefen einer von

mir vorher festgestellten Linie quer über den See zu loten. Die

Tiefe betrug genau 30 Meter. Ich selbst ritt mit Tscherdon am Ufer,

während die Karawane nach Westen weiterzog. Nun aber gebot ein 500

Meter breiter, zugefrorener Sund dem Boote Halt; hier erwartete ich

Tschernoff. Man hatte uns gesagt, daß der Karawane heute ein absolut

unüberwindliches Hindernis in den Weg treten werde, eine glatte, sehr

steile Felswand, die jäh ins Wasser abstürze. Als wir daher jetzt den

kleinen Sund zugefroren fanden, hofften wir nach dem Südufer des Sees

hinübergelangen und so das Hindernis umgehen zu können. Wir gingen

hinüber und schlugen Waken in das Eis, teils um seine Dicke (13,4-15,2

Zentimeter) zu messen, teils um die Tiefen zu loten (Maximaltiefe

29,36 Meter). Wir setzten unsere Untersuchungen auf dem Südufer fort,

ohne auf ein Hindernis zu stoßen, aber der Sicherheit halber schickte

ich Ördek weiter. Mittlerweile hatte die Karawane Halt machen müssen.

Ördek hatte Befehl erhalten, ein Feuer anzuzünden, sobald er an eine

Stelle gelangte, wo ein Vordringen der Kamele unmöglich war. Als wir

nachher zur Karawane zurückritten, sahen wir nicht weniger als drei

Feuer am Südufer, das letzte dem neuen Lager gerade gegenüber. Es blieb

also nur das Nordufer. Ördek wurde mit dem Boote von Tschernoff geholt,

der eine neue Lotungslinie (Maximum 29,70 Meter) machte, die zeigte,

daß der See auf seiner ganzen Länge in der Mitte eine zirka 30 Meter

tiefe Rinne hat.

[Illustration: 307. Das Boot als Schlitten auf dem Tso-ngombo. (S.

338.)]

[Illustration: 308. Der gefährliche Felsenpfad. (S. 338.)

(Die Yake gehen teils auf, teils über dem Wege)]

[Illustration: 309. Am westlichen Tso-ngombo. (S. 339.)]

[Illustration: 310. Am Panggong-tso. (S. 341.)]

Die unpassierbare Stelle wurde von Turdu Bai untersucht, der keine

Möglichkeit sah, die Kamele mit heilen Knochen hinüberzubringen. Da

aber die ganze Gegend außerordentlich reich an festem, dürrem Gesträuch

und Buschholz war, beschloß ich, die schwere Passage mittelst einer

durch unsere Kamelleitern und Zeltstangen zusammengehaltenen und mit

Seilen umwundenen Fähre zu passieren. Sie würde stark genug sein, um

ein Kamel zu befördern. Es +mußte+ gelingen, denn ich hatte keine Lust

nach Bal zurückzukehren und von dort in Nain Singhs Spur nach Niagsu

zu gehen. Es war doch zu ärgerlich, daß der See gerade um dieses

Vorgebirge herum nicht zugefroren war. Turdu Bai erklärte, daß das

Wasser offen sei.

Nachts hörte man förmlich, wie sich bei -20 Grad Eis bildete, und am

nächsten Morgen waren große Flächen, die gestern noch offen gewesen,

mit einer feinen Eisschicht bedeckt. So viele Leute, als sich entbehren

ließen, mußten vorausgehen und Material zu der Fähre sammeln. Ein

gewaltiger Stapel lag bereit, als wir am Anfang des Bergpfades

anlangten. Auch hier hatte sich jetzt eine 3 Zentimeter dicke Eisbrücke

über die Tiefen gespannt, und der See war querüber bis an das rechte

Ufer überfroren. Sobald das Lager aufgeschlagen war, gingen Sirkin und

zwei von den anderen hinauf, um sich den schwierigen Weg anzusehen.

Ihre Meinungen waren geteilt, aber Sirkin war der Ansicht, daß es mit

großer Vorsicht gehen müsse, die Kamele einzeln hinüberzubringen.

Ich mußte mich selbst überzeugen und fand den Pfad einfach

lebensgefährlich. Der schwarze Schiefer fällt hier mit glatten Platten

43 Grad steil nach Westsüdwest zum See ab. Ein Riß in der Bergwand gibt

aber eine Stütze für die Schieferplatten, die hier hingelegt worden

sind, damit die Tiere nicht abrutschen. Auf der äußeren Seite wurden

diese Platten von oft 2 Meter hohen Stämmen und Säulen gestützt, die

mir jedoch nicht danach aussahen, das Gewicht eines Kamels tragen zu

können. Manchmal geht es im Zickzack halsbrecherische Stufen hinab.

Vielleicht hätten einige unserer müden Kamele dieses Akrobatenstück

fertig gebracht, die meisten aber wären sicherlich vom Schwindel

ergriffen worden und in den Abgrund gestürzt.

Nein, entweder mußten wir eine Fähre bauen und das dünne Eis

aufbrechen, oder wir mußten warten, bis das Eis uns trug. Da wir

noch um 1 Uhr -4,5 Grad hatten, hoffte ich auf den letzteren Ausweg.

Um 6 Uhr war das Eis schon 5,2 Zentimeter dick. Die Kosaken bauten

einen improvisierten Schlitten aus Kamelleitern, Zeltstangen, Holz

und Tauen und bedeckten das Ganze mit Filzdecken. Es war Schagdurs

kluger Vorschlag, die Kamele auf dieser Vorrichtung an dem Felsen

vorbeizuziehen, wenn das Eis nicht stark genug sein sollte, daß sie

darauf gehen könnten.

Der Sturm heulte an den Wänden und durch die Büsche und sauste wie in

einem nordischen Walde. Das Eis nahm an Stärke zu; auf einer Stelle,

die man vormittags nur mit großer Vorsicht hatte passieren können,

standen jetzt drei Mann nebeneinander. Jetzt sollte auch die Fähre

probiert werden. Sie wurde mit so vielen Männern, als dem Gewichte

eines Kamels entsprachen, belastet und von einigen um das Vorgebirge

herumgezogen (Abb. 306). Sobald es anfing zu knacken, sprang der

Lama ab, dann ich, darauf Tokta Ahun, je nachdem das Eis schwächer

wurde. Jeder neue Deserteur rief unter den sitzenbleibenden Helden

die größte Heiterkeit hervor. Das Eis ist kristallhell, ohne eine

Blase. Man scheint über einer stillen Wasserfläche zu schweben, und

durch die Eisdecke sieht man Fische zwischen den Wasserpflanzen hin

und her huschen. Manchmal klingt es, als würden auf dem Eise Schüsse

abgefeuert, und man glaubt, die Kugeln pfeifen und den immer schwächer

werdenden, ersterbenden Schall in der Ferne verhallen zu hören.

Wir mußten noch den folgenden Tag warten, um dem Eise Zeit zum

Stärkerwerden zu lassen. Mit großem Interesse wurde das Thermometer

beobachtet. Nachts zeigte es -19,1 Grad, am 5. morgens um 7 Uhr -11,1

Grad, um 1 Uhr -5,1 Grad, um 9 Uhr -8,9 Grad und in der nächsten Nacht

-20,9 Grad. Ich stand eine Stunde vor Sonnenaufgang auf, um eine

astronomische Ortsbestimmung zu machen. Sodann wurde unser ganzes

Gepäck, außer meinen Sachen und der Küche, auf dem Schlitten nach dem

jenseits des hinderlichen Vorgebirges liegenden Ufer gebracht (Abb.

307). Das Eis war 2 Zentimeter dicker geworden. Auch die Tibeter

siedelten dorthin über, zogen jedoch den gefährlichen Felsenpfad

vor, wo sie indessen die Yake vorsichtig treiben mußten, damit

diese einander nicht in den Abgrund drängten. Diese Tiere gehen mit

unglaublicher Sicherheit; sie können wohl ausgleiten, verlieren aber

nie den Boden unter den Füßen (Abb. 308).

Währenddessen lotete Tschernoff im See, und mit Benutzung seiner Waken

maß ich nachher die in verschiedenen Tiefen herrschenden Temperaturen.

Die Untersuchung ergab, daß in der Nähe des Südufers warme Quellen

vom Seegrunde aufsteigen müssen. Die größte Tiefe war 21,55 Meter. Die

Exkursion wurde in einer Boothälfte gemacht, die Ördek und Chodai Kullu

zogen. Letzterer brach schließlich ein, hielt sich aber noch im letzten

Augenblick am Bootrande fest.

Noch ein Kamel blieb am 6. Dezember am Ufer des „Blauen Sees“ liegen.

Wir hatten jetzt nur noch zehn. Alle Muselmänner müssen zu Fuß gehen,

aber die Tagemärsche sind auch nur kurz.

Auf dem Eise um das hinderliche Vorgebirge herum wurden 28 Säcke Sand

ausgestreut, um für die Kamele einen Fußweg zu bilden. Ihre Überführung

fand vor Sonnenaufgang statt, damit nicht unter der Einwirkung der

Sonne das jetzt 9,9 Zentimeter dicke Eis schwächer würde. Alles

ging glücklich, nur aus einigen Rissen quoll Wasser heraus. Das

zurückgebliebene Gepäck wurde auf den Schlitten genommen; dann zogen

wir nach Westen weiter, um gefährliche Landspitzen herum, über

kleine Flugsandfelder hinweg und an regelmäßig abgerundeten Buchten

entlang. Ich ging den ganzen Tag zu Fuß, denn mein Pferd war jetzt

auch schwach geworden. Der See ist hier vollständig eisfrei; er friert

augenscheinlich von Osten nach Westen zu (Abb. 309).

Jetzt verschmälerte sich der Tso-ngombo wieder und ging schließlich

in den Fluß +Adschi-tsonjak+ über, der das süße Wasser des ersteren

dem salzigen Panggong-tso zuführt. Wir lagerten am Anfange des

Flusses, und zwar auf seinem rechten, nördlichen Ufer. Wir hatten

den großen, außerordentlich fesselnden See mit seinen hinreißenden

Perspektiven hinter uns. Besonders an windstillen Tagen und Abenden

bietet die großartige Natur mit ihren gigantischen Dimensionen und

ihrer vollendeten, fast märchenhaften Schönheit ein unvergeßliches

Schauspiel. Die steilen Felsen treten wie Kulissen aus dem Ufer

heraus, und die gewaltigen Berggestalten spiegeln sich in der blanken

Wasserfläche oder dem ebenso reinen, blendenden, glitzernden Eise.

Siebenundzwanzigstes Kapitel.

Vom Panggong-tso nach Leh.

Dem Lager Nr. 144, das gerade hundert Tagereisen vom großen

Hauptquartier lag, fehlte es ebenfalls nicht an Bedeutung. Hier sollten

wir, wie man uns gesagt hatte, neue Yake aus Ladak bekommen; da diese

aber noch nicht da waren und die Tibeter nach Hause zurückkehren

wollten, mußten wir aufpassen, daß sie uns nicht durchbrannten. Drei

Rasttage zwischen den beiden Seen sollten den Kamelen wohltun und auch

meinen Arbeiten förderlich sein.

Am 7. Dezember tobte ein grauenhafter Sturm, und Wolken von Sand

regneten auf uns herab. Tschernoff, der den westlichen Teil des Sees

auf vier Linien lotete (Maximaltiefe 31,76 Meter), konnte sich kaum ans

Land retten. Am 9. sollten wir aufbrechen, aber es stellte sich heraus,

daß alle Yake durchgebrannt waren und ein neuer Sturm alle ihre Spuren

im Sande verwischt hatte. Nach vielem Suchen fanden wir sie schließlich

wieder, doch erst, als der Tag zur Neige ging. Ihr Führer, Loppsen,

erklärte sich bereit, mit uns längs des Nordufers des +Panggong-tso+

weiterzuziehen und bei uns zu bleiben, bis wir aus Ladak Entsatz

erhielten. Es war hohe Zeit, daß wir Verstärkung bekamen; unsere

Vorräte an Reis, Mehl und Talkan waren seit mehreren Tagen zu Ende, und

wir lebten ausschließlich von Fleisch. In einem benachbarten Zeltdorfe

erstanden wir sieben Schafe. Dort waren einige Hunde, mit denen sich

Jolldasch sehr anfreundete. Daß er Prügel bekam, wenn er auskniff,

machte ihm jetzt keinen Eindruck mehr; wenn er nicht fortlaufen sollte,

mußte er angebunden werden. Bei dem Lager wurde die höchste noch

sichtbare Terrasse gemessen; sie lag 54 Meter über dem Flusse! Die

beiden Seen haben einstmals entschieden zusammengehangen und befinden

sich, gleich allen anderen Seen Tibets, im Zustande der Austrocknung.

[Illustration: 311. Gulang Hiraman, der Gesandte des Statthalters von

Ladak, mit seinem Gefolge. (S. 344.)]

[Illustration: 312. Gulang Hiraman auf seinem Pony. (S. 344.)

Rechts Chodai Kullu mit Malenki und Maltschik.]

Am 10. Dezember zog die Karawane am nördlichen Ufer des Panggong-tso

weiter, während ich mit Ördek den Flußarm hinabruderte. Die

Temperatur war auf -25,7 Grad heruntergegangen; es mußte an warmen

Quellen liegen, daß das Wasser nicht gefroren war. Der Fluß erweitert

sich nach unten; in einer Biegung lag eine Nacht altes Eis, dünn wie

Papier, aber trotzdem hinderlich für das Boot. Weiter abwärts war

der Eisgürtel so stark, daß er, als wir ihn zur Abkürzung des Weges

benutzten, sowohl uns wie das Boot trug. Doch schließlich legte uns

das Eis ein unüberwindliches Hindernis in den Weg; wir schleppten das

Boot nach der weiten trompetenförmigen Mündung, die an den Ausfluß des

Satschu-sangpo in den Selling-tso erinnert. Hier erwartete man uns mit

einem Kamele, auf welches das Boot geladen wurde.

Wir begaben uns nach dem Gebirge im Norden, das aus grünem Schiefer

besteht und an dessen Basis mehrere Quellen entspringen. Der See liegt

offen vor uns, nur in ruhigen Buchten schaukelt auf der Dünung eine

dünne Eisschicht. Die Gestalt des Ufers ist genau dieselbe wie beim

Tso-ngombo; es ist noch immer dasselbe Längental, in dem wir ziehen,

und wir marschieren immer noch auf derselben absoluten Höhe, oder, wie

das langsame Strömen des Flusses zeigt, nur eine Kleinigkeit tiefer.

Dieselben Bergarme laufen in Vorgebirge aus, und zwischen diesen liegen

dieselben kleinen, dreieckigen oder halbmondförmigen Talflächen, auf

denen die Buschvegetation immer mehr abnimmt. Überall, wo Schuttkegel

steil in den See fallen, sind die aus dem Wasser schauenden Steine

mit einer Kruste von weißem, blasigem Eise überzogen. Der See ist

aufgeregt, die Wogen schlagen gegen das Ufer, und das Spritzwasser

gefriert sofort auf den vom Nachtfrost durchkälteten Steinblöcken. Auf

einer flachen Halbinsel namens +Siriap+, wo das Gebüsch noch in Menge

wuchs, fanden wir die Unsrigen im besten Wohlsein vor (Abb. 310).

11. Dezember. Das Wetter war heute so schön und windstill, daß ich

meinen beiden besten Seeleuten, Tschernoff und Ördek, den Auftrag

geben konnte, über den Panggong-tso nach einem Vorgebirge im Südwesten

zu rudern, um die Tiefen zu messen. Sie nahmen für den Fall, daß sie

das nächste Lager vor Eintritt der Dunkelheit nicht mehr erreichten,

Proviant für einen Tag mit. Wir zogen längs dieser eigentümlichen,

girlandenförmigen Uferlinie, welche die Länge des Weges beinahe

verdoppelt, nach Westen weiter. Bei jedem Ausläufer von dem Hauptkamme

der nördlichen Kette entsteht eine in den See vorspringende Halbinsel

oder ein Vorgebirge. Auf der Ostseite gehen wir nach Süden, auf der

Westseite nach Norden, ja, manchmal müssen wir sogar nach Nordost

und Südost marschieren. Einige Stellen sind für die Kamele sehr

beschwerlich und müssen erst mit Spaten und Brechstangen bearbeitet

werden. An einer Stelle ist der Weg auf der Uferterrasse so schmal, daß

nur Schafe dort durchkommen können; glücklicherweise war der See hier

nicht zu tief, so daß die Kamele im Wasser gehen konnten.

Bei dem heutigen Lagerplatze gab es nur einen Brunnen, dessen Wasser

nicht viel besser als dasjenige des Sees war, weshalb wir es vorzogen,

Eisschollen von den Ufersteinen loszubrechen. In der Dämmerung stellte

sich heraus, daß die Kamele zurückgelaufen waren. Auf der schmalen

Uferterrasse waren sie aber stehengeblieben; sie mußten ganz vergessen

haben, daß sie hier eine Strecke im Wasser gegangen waren. Sie sehnten

sich nach den schönen Weideplätzen am Tso-ngombo zurück. Nachher wurden

sie festgebunden und mit Gerste traktiert, die wir in reichlicher Menge

mit hatten und die von den Yaken getragen wurde. Im Süden war auf dem

andern Ufer Tschernoffs Feuer zu sehen. Ein Felsen gewährte uns Schutz,

aber man hörte an dem Rauschen des Sees, daß ein heftiger Wind ging;

die Wellen schlugen mit solchem Getöse an das Ufer, daß die Kosaken

mich nicht hörten, als ich sie rief.

Am 12. Dezember lag die ganze Gegend in undurchdringlichen Schneesturm

gehüllt da, und vom Südufer war keine Spur zu sehen. Die Temperatur war

nicht unter -7,5 Grad heruntergegangen. Starker Seegang herrschte, denn

in diesem Längentale wird der Wind wie in eine Rinne eingepreßt und

fegt ungehindert über den See hin. Im Laufe des Tages sahen wir jedoch

zu unserer Freude, daß die Jolle noch auf derselben Stelle lag und die

Ruderer sich nicht auf waghalsige Abenteuer begeben hatten.

Unser Tagemarsch war nicht lang, aber beschwerlicher als alle andern,

die wir bisher am Nordufer dieses endlosen Seenzwillingspaares

zurückgelegt hatten. Ein mächtiger, nach Süden zeigender Felsausläufer

fällt mit senkrechten Wänden in den See; über seinen Kamm führt ein

Pfad, der von den Karawanen benutzt wird. Aber für Kamele ist er

nicht bestimmt. Eine Weile rasteten wir am Fuße des Berges, während

Sirkin das Ufer, das zu überschreiten sogar für Menschen, auch wenn

sie kletterten, unmöglich war, untersuchte und Schagdur nach dem Kamme

hinaufritt. Er erklärte ihn für grauenhaft, aber vielleicht passierbar.

Die Yakkarawane kletterte mit großer Sicherheit hinauf. Als sie den

Kamm erreicht hatte, wurden fünfzehn Yake abgeladen, die meine Kisten,

alle Zelte und allerlei sonstige Sachen holen mußten, womit sie den Weg

nach dem Lager auf der andern Seite fortsetzten, während sie den Rest

nachts abholten.

Unterdessen stellten wir mit Spaten und Brechstangen einen Zickzackweg

für die Kamele her, die außerordentlich langsam einzeln hinaufgeführt

und geschoben wurden; es dauerte stundenlang, obgleich die relative

Höhe keine 200 Meter betrug. Von dem Passe, auf dem eine kleine, mit

Fähnchen geschmückte Steinpyramide steht, haben wir eine entzückende

Aussicht über den ganzen Panggong-tso und im Süden auf die

schneebedeckte Welt von Bergen, die eine Grenzmauer bilden, hinter

welcher das Flußgebiet des Indus liegt. Doch wir blieben keine Minute

länger droben, als unumgänglich nötig war. Ein durch Mark und Bein

dringender Westwind sauste über den Paß hin. Man mußte breitbeinig

stehen, wenn man nicht umgeweht werden wollte, und wenn man seine

Aufzeichnungen macht, muß man dem Winde den Rücken kehren und sich

sputen, damit man fertig wird, ehe einem die Hände vor Kälte steif

sind. Dann eilt man abwärts in der Hoffnung, hinter einem Vorsprunge

Schutz zu finden, sieht sich aber enttäuscht, denn der ganze Westabhang

ist dem Sturme ausgesetzt. Und was für ein Abstieg! Manchmal muß ich

kriechen und mich mit den Händen halten, um nicht in den Abgrund zu

stürzen. Turdu Bai war mit zwei Kamelen vorausgegangen. Ich begegnete

ihm jetzt; ganz ratlos war er umgekehrt. Nach langem Suchen fanden wir

jedoch eine Stelle, wo man einen Weg herstellen konnte. Dies erforderte

aber lange Zeit und ließ sich heute nicht mehr fertigbringen. Es

dämmerte schon, und Turdu Bai und einige der andern mußten die Nacht

über mit allen Kamelen auf halber Höhe des Berges bleiben. Im Lager war

jedoch alles in Ordnung, und früh am nächsten Morgen trafen auch die

Kamele dort ein.

Am folgenden Tag ging es an diesem endlosen Ufer weiter. Die Yake

waren weit voraus, sie sehnten sich nach Gras. Die Ruderer konnten

nicht wieder nach unserem Ufer zurückkehren, aber wir sahen sie durch

das Fernglas und brauchten ihretwegen nicht besorgt zu sein. In dem

Lager +Serdse+, das auf der Grenze zwischen Tibet und Kaschmir liegt,

erwartete uns eine große, freudige Überraschung. Hier trafen wir die

Entsatzkarawane, die uns auf Befehl des Wesir Wesarat, des Statthalters

des Maharadscha von Kaschmir in Ladak, entgegengeschickt worden war.

Sie war zuerst nach +Mann+ gegangen, einem Dorfe auf dem Südufer

des Sees, Serdse gegenüber. Als wir dort nicht erschienen waren,

war sie umgekehrt, um uns auf dem Nordufer zu suchen. Unsere Lage

veränderte sich mit einem Schlage; 12 Pferde und 30 Yake standen uns

zur Verfügung; Schafe, Mehl, Reis, Dörrobst, Milch, Zucker, Gerste für

unsere Tiere; konnte man mehr verlangen? Meine Karawane, mit der es

Matthäi am letzten war, wurde auf einmal restauriert. Wir brauchten uns

nicht länger Entbehrungen aufzuerlegen, die lange Leidenszeit war jetzt

vorbei, und ich selbst empfand die Unterstützung wie einen warmen Hauch

von Indien, wie einen Gruß aus gastfreundlichen Gegenden, ja, wie eine

Umarmung von meinem eigenen Heim.

Führer dieser neuen Karawane waren zwei Männer aus Ladak: Anmar Dschu,

der fließend Persisch sprach und mit dem ich mich daher unterhalten

konnte, und Gulang Hiraman, ein klassischer, gemütlicher Herr, der vor

eitel Wohlwollen glänzte; die übrigen Leute waren ebenfalls Ladakis,

nur einer war ein Hindu (Abb. 311, 312). Die letzten Tibeter erhielten

jetzt ihren Abschied und gute Bezahlung, sowie alles, was wir an „altem

Gerümpel“, Kasserollen, Tassen, Kannen und Kleidern entbehren konnten,

ja sogar einen Revolver. Nicht ohne Wehmut sah ich sie fortziehen,

denn sie hatten uns auf vortreffliche Weise gedient, waren ehrlich

und freundlich gewesen und hatten unsertwegen viel Arbeit und Mühe

gehabt. Jetzt sollte die Schlinge, die mich so lange an Tibet gefesselt

hatte, zerrissen werden. Alle unsere Erinnerungen an seine unwirtlichen

Täler, alle unsere Verluste und Leiden würden künftig in versöhnendem

Lichte vor unserem geistigen Auge stehen. Die harten Schicksale und

Schwierigkeiten, die wir zu bekämpfen und zu besiegen gehabt hatten,

würden wir mit der Zeit vergessen. Die Erinnerung haftet mit Vorliebe

an den fröhlichen Ereignissen, und das Böse, das uns trifft, erscheint

nicht mehr so schlimm, wenn die zeitliche und räumliche Entfernung

zunimmt. Als die Sonne an diesem Abend unterging und die dunkle Nacht

im Osten heraufzog, schien sie mir das Land des Dalai-Lama mit all

seinen Geheimnissen und seinen noch ungelösten Rätseln verschlungen

zu haben. Doch in meinen Brieftaschen und Tagebüchern barg ich einen

Schatz, der die Bitterkeit des Abschieds milderte und der über bisher

noch völlig unbekannte Gegenden Tibets Licht verbreiten sollte.

Die Führer der Entsatzkarawane überraschten mich dadurch, daß sie

mir jeder eine Silberrupie schenkten. Trotz der etwas lächerlichen

Situation begriff ich, daß das Geschenk freundlich gemeint war, und

steckte das Geld in die Tasche -- in der Absicht, es mit Zinsen

zurückzugeben.

Wir lagerten zusammen an der Quelle, die unmittelbar am Ufer Blasen

werfend aus der Erde sprudelte und +16,2 Grad Temperatur bei -6 Grad

Lufttemperatur hatte; das Wasser dampfte und fühlte sich lauwarm an.

Tausend Fragen über die Verhältnisse in Ladak, Kaschmir und Indien

kreuzten einander, und es wurde spät, ehe wir uns schlafen legten.

Auf einer vorspringenden Landspitze wurde als Signal für Tschernoff

ein gewaltiges Feuer unterhalten. Am folgenden Tage kam er gesund und

munter an, nachdem er zwei Linien gelotet und eine Maximaltiefe von

47,5 Meter gefunden hatte. Nach Leh, wohin wir noch acht Tagereisen

haben sollten, schickte ich Briefe durch einen besonderen Kurier.

[Illustration: 313. Musikanten und Tänzer in Drugub. (S. 346.)]

[Illustration: 314. Lager vom 16. Dezember. (S. 346.)]

[Illustration: 315. Kloster Dschowa. (S. 346.)]

Bevor ich jetzt zum 15. Dezember übergehe, muß ich erzählen, was aus

Jolldasch wurde, meinem Hunde aus Osch, der die ganze Zeit über mein

Zeltkamerad gewesen war. Er brachte die Nacht wie gewöhnlich auf den

Filzdecken zu meinen Füßen zu; bei Sonnenaufgang sprang er auf,

schüttelte sich und lief hinaus. Er pflegte bis zum Aufbrechen der

Karawane vor dem Zelte in der Sonne zu liegen. Diesmal aber lief er

über die Berge nach Osten und kam nicht wieder. Chodai Kullu sah ihn

in rasender Eile längs der gestrigen Spur zurücklaufen, als sei er von

der Sonne hypnotisiert oder habe alle Mächte der Finsternis hinter

sich. Daß er in dem Zeltdorfe zwischen den Seen intime Bekanntschaften

gemacht hatte, wußten wir, und es mußte ihm dort wohl besser gefallen

haben als in unserer Gesellschaft. Ich hatte ihn während zweier

Tagereisen angebunden, dann aber durfte er wieder frei im Lager

umherlaufen und während des Ruhetages in Serdse spielte er seine Rolle

vorzüglich. Er dachte gewiß: „Ich werde nicht eher durchbrennen, als

bis die Entfernung so groß ist, daß sie es nicht der Mühe wert halten,

mich zurückzuholen.“ Er hatte 50 Kilometer am Ufer des Panggong-tso

zurückzulegen, um zu seiner Liebsten zu gelangen. Es wäre interessant

zu wissen, wie es ihm auf der Flucht ergangen und ob er den Wölfen,

die sicherlich unsere toten Kamele besucht hatten, glücklich entronnen

ist. Ja, es wäre mir eine Freude zu wissen, wie es meinem alten

Reisegefährten jetzt geht. Er ist natürlich ein Vollbluttibeter

geworden; er konnte sich von diesem Lande nicht losreißen, sondern

kehrte gerade an der Grenze wieder um. Ich möchte wohl wissen, ob

er mich und all die Liebe, mit der ich ihn zwei und ein halbes Jahr

behandelt habe, ganz vergessen hat? Mir fehlte er überall, aber in der

Karawane war er Gegenstand allgemeiner Verachtung; alle fanden, daß er

ein feiger, undankbarer Überläufer sei.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 37 / 42 段