dessen Ufern sich überall Gänse und Enten aufhielten, über einen
kleineren Paß nach dem tief in das Geröllbett eingeschnittenen Flusse
+Rawur-sangpo+, der von Quellen gespeist wird und in dem großen
Längentale, das wir jetzt vor uns hatten, verschwindet. Unser Anführer
erzählte, daß beim Aru-tso, der zirka vier Tagereisen nach Norden liegt
und von Bowers Reise her bekannt ist, Räuber aus Amdo, Nakktschu und
Nakktsong umherzustreifen pflegten. Eine Bande von fünf Personen sei im
vorigen Jahre am Rawur-sangpo ergriffen und auf Befehl des Gouverneurs
von Rudok getötet worden. Andere Bewohner gebe es in jener Richtung
nicht. Der Berichterstatter war ein lustiger alter Herr, der singend
neben mir zu reiten pflegte und oft zum großen Vergnügen der Unsrigen
das Gurgeln der Kamele nachahmte.
10. November. Das Thermometer zeigt -26,5 Grad. Man wacht bisweilen
auf, deckt sich fester zu und rollt sich wieder wie ein Knäuel
zusammen. Ich pflege nachts einen eisernen Becher mit Tee neben mir
stehen zu haben, kann ihn aber jetzt nicht benutzen, denn der Inhalt
ist bis auf den Grund gefroren. Das Tintenfaß muß jedesmal, wenn es
gebraucht werden soll, erst am Feuer aufgetaut werden.
32,2 Kilometer! Das war eine Kraftprobe, die wir sehr lange nicht
fertig gebracht haben! Schon nach 10 Kilometern wollten die Tibeter
rasten, weil wir gerade neue Leute und neue Yake trafen; man kann es
ihnen nicht verdenken, daß sie möglichst schnell nach ihren warmen
Zelten zurückkehren wollten -- sie trugen ja keine Hosen! Doch
wir ritten weiter, indem wir Tscherdon, drei Muselmänner und alle
Tibeter bis auf vier zur Bedeckung der Yakkarawane zurückließen. Wir
durchschritten ein ebenes Tal; der Tag verging, es dämmerte und wurde
dunkel; Wasser sahen wir nicht. Schließlich begegnete uns Schagdur,
der zum Rekognoszieren vorausgeritten war, mit einem kleinen Sacke
voller Eisstücke. Er hatte einen zugefrorenen Bach gefunden, nach
welchem wir uns jetzt begaben. Am 12. ritten wir an einem kleinen,
mit dickem Eise bedeckten See vorbei, an dessen westlichem Ende die
Tibeter ihre Zelte aufschlugen, weil nach Westen hin zwei Tagereisen
weit kein Wasser zu finden sei. Wir füllten daher vier Säcke mit klarem
Eise und zogen dann trotz ihrer lebhaften Proteste weiter. An einer
Bergreihe einige Kilometer nördlich vom See zeigten sich einige Pferde
und ihre Besitzer, die sich in einer Schlucht versteckten, als wir am
Ufer vorbeizogen. Die Tibeter behaupteten, es seien Räuber, und rieten
uns, auf sie zu schießen. Eine Weile darauf sahen wir zwei von ihnen
an einem Feuer sitzen; es waren friedfertige, gutmütige Yakjäger, die
eine Orongoantilope geschossen hatten. Eine Stunde, nachdem wir das
Lager aufgeschlagen hatten, kam die Yakkarawane mit ihrem pfeifenden
und singenden Gefolge nebst Schagdur, der in lebhafter, scherzender
Unterhaltung mit den Tibetern war. In überraschend kurzer Zeit hatte
dieser tüchtige Kosak ziemlich fließend tibetisch sprechen gelernt. Als
wir am Tage darauf am Ufer eines laut rauschenden Flusses lagerten,
hatten wir richtig zwei Tage lang kein Wasser gesehen. Oft genug
hätten wir ohne die Anweisungen der Tibeter hinsichtlich dieses
unentbehrlichen Stoffes in Verlegenheit geraten können.
[Illustration: 301. Doppelte Geröllterrassen. (S. 330.)]
[Illustration: 302. Das Tempeldorf Noh. (S. 333.)]
Während der Nacht knackte es angenehm im Eisrande, und der rieselnde
Ton des Wassers war für unsere Ohren ein nachgerade ungewohntes
Geräusch. Welch ein Unterschied gegen die Gegend um Lhasa während der
Regenzeit; dort waren wir eigentlich immerfort durch Sümpfe geritten,
hier mußte man erst lange nach Wasser suchen.
Nachdem wir am 14. den +Raga-sangpo+ hinaufgeritten waren und ihn
schließlich linker Hand hatten liegen lassen, wollten die Tibeter wie
gewöhnlich nach einem kurzen Tagemarsch Halt machen; es würde ihnen
den Kopf kosten, wenn sie weiter gingen, als ihnen befohlen sei, und
hier sollten neue Yake anlangen. Ich ließ die Kosaken die Yakkarawane
übernehmen und die Tiere mit uns nach dem heutigen Lagerplatze, der
in einer Talmündung lag, treiben. Die Männer kamen ganz artig mit
und schlugen ihre Zelte in unserer Nähe auf. In der Gegend lagerten
Nomaden, und während der zwei Ruhetage, die wir uns hier gönnten,
hatten wir Gelegenheit, unseren Proviant durch Schafe und Milch zu
verstärken.
Am 17. ging es nach Nordwesten in dem Tale aufwärts; es verengte sich
zu einem schmalen, malerischen Gange und führte schließlich auf einen
Paß mit einem gefrorenen Tümpel (Abb. 296). Schon um 9 Uhr hatten wir
im Lager Nr. 129 -18,6 Grad und nachts -24,4 Grad. Es war bitterkalt
und unwirtlich in diesem öden Gebirge!
Das kleine Kameljunge erreichte das Lager Nr. 130 (5060 Meter) nicht
mehr, es brach unterwegs zusammen und mußte getötet werden. Seit seine
Mutter gestorben war, gedieh es nicht mehr; es fehlte uns allen. Zu
den widerstandsfähigsten Tieren gehören die beiden Schafe. Wanka,
der Leithammel, der uns seit mehr als zwei Jahren begleitet, und ein
weißes Schaf aus Abdall. Niemand wäre imstande, sie zu schlachten; die
Muselmänner, die sie als Reisegefährten betrachten, würden, glaube ich,
lieber verhungern.
Bei dem Lager +Jam-garawo+ wuchsen vortreffliche, dürre Jappkakpflanzen,
die uns bei der Kälte sehr willkommen waren. In der Nacht ging die
Temperatur auf -26,5 Grad herunter! Am meisten sind die Nachtwachen,
welche die weidenden Tiere bewachen, zu bedauern; ihre Pelze genügen
bei solcher Kälte nicht. Hier konnte man wenigstens die ganze Nacht
ein Feuer im Freien unterhalten. Während des ganzen Tags weht ein
mörderischer Wind, der durch Mark und Bein dringt, denn -4 Grad ist
die größte Wärme. Man muß unbedingt dann und wann eine Strecke zu Fuß
gehen, obgleich Herz und Lungen dieser Anstrengung nur gewachsen sind,
wenn es bergab geht. Ein Pferd blieb im Lager zurück, die übrigen
leisten jetzt nichts mehr und sind nur eine Last, aber man hofft immer
noch, sie retten zu können.
Welch ein Gewirr von Bergen! Im Süden haben wir noch immer die
mächtige Kette, die uns vom Nakktsong-tso an treu begleitet und uns
die Aussicht auf das verbotene Land der heiligen Bücher versperrt hat.
Ringsumher breitet sich eine Welt von großartigen Bergketten aus, große
Schneefelder sind aber ziemlich selten, und vom Himmel fällt nicht
eine einzige Flocke. Wir sehnen uns förmlich nach einem ehrlichen
Schneefall; wir sind des ewigen Windes und des beständig klaren
Himmels gründlich überdrüssig. Wir hatten bis Leh noch 400 Kilometer.
Alle sehnten sich dorthin, besonders ich, denn ich hoffte, noch vor
Weihnachten ein Telegramm nach Stockholm senden zu können.
In der Nacht auf den 21. November sank die Kälte auf -28,2 Grad. Wir
marschierten 28,1 Kilometer nach einer Gegend, die reich an herrlichem
Brennmaterial, aber wasserlos war. Daher mußte mit Yaken aus einiger
Entfernung Eis geholt werden, das über dem Feuer geschmolzen wurde. In
der Nacht heulten ein Dutzend Wölfe um unser Lager Nr. 133 (Abb. 297),
und die Hunde stimmten mit ein; es war ein ohrenzerreißendes Konzert.
23. November. Wieder blieb ein Kamel liegen; nur 13 sind noch übrig,
ein Drittel der Zahl, die wir aus Tscharchlik mitnahmen. Es war einer
der Veteranen von Kaschgar und hatte mich durch die Tschertschenwüste
und beide Male nach Altimisch-bulak begleitet. Unser Weg läuft zwischen
Nain Sings und Bowers Routen. Bei +Tsangar-schar+ öffnet sich das
Tal, dem wir gefolgt sind; an mehreren Stellen erblicken wir Zelte
und Herden, und eine neue Eskorte und neue Yake sollten uns von hier
weitergeleiten. Der Anführer war ein alter braver Mann. Er versprach
uns nach dem Panggong-tso und dann an dessen Nordufer entlangzuführen,
und ich stellte ihm einen Revolver in Aussicht, wenn er möglichst wenig
lüge.
„Ich bin ein viel zu alter Mann, um zu lügen“, sagte er.
Die folgenden Tage zogen wir an dem fischreichen +Tsangar-schar-Flusse+
abwärts. Schagdur und Tschernoff zeichneten sich besonders beim
Fischfang aus und überraschten mich alle Augenblicke mit ganzen Bündeln
von großen, prachtvollen, steinhart gefrorenen Fischen. Das Tal ist
anfänglich ziemlich offen (Abb. 298), verengt sich aber allmählich
zwischen malerischen Felsen und mächtigen Geröllterrassen (Abb. 299,
301). Der Fluß ist meistens mit dickem Eise bedeckt. An einer Stelle
erweitert er sich zu einem See, der das Tal füllt und nur auf der
Nordseite einen Uferstreifen freiläßt, der für die Kamele gerade breit
genug ist. Gleich unterhalb des Sees war der Fluß wieder eisfrei. Hier
rasteten wir am 26. November in einer an prächtiger Strauchvegetation
reichen Gegend; andere Weide als die dürren Zweige gab es nicht. Mein
Zelt stand unmittelbar an dem rauschenden Strome; ich liebe es, dem
klangvollen, munteren Rauschen des fließenden Wassers zu lauschen.
Ein schönes Bild bot sich uns am Abend gerade im Süden dar, wo der hoch
und klar am Himmel stehende Mond den mächtigen Bergast beleuchtete,
dessen Einzelheiten wir bei Tage infolge blendenden Sonnenscheins
und intensiver Schatten nur undeutlich hatten unterscheiden können.
Jetzt glänzten seine kleinen, unten spitz zulaufenden dreieckigen
Schneefelder kreideweiß, und das kühne, imposante Relief der Felsen
trat klar und scharf hervor.
Eines von Kamba Bombos Pferden war so ungeschickt, in den Fluß zu
stürzen, und konnte nur mit Mühe wieder herausgezogen werden. Ich ließ
es an einem großen Feuer trocknen und dann in Decken wickeln, aber ein
paar Stunden darauf lag es tot am Feuer.
Am folgenden Morgen wurde mir gemeldet, Li Lojes Pferd sei über Nacht
gestorben. Steinhart und angeschwollen lag es zwischen den Zelten. Wir
hatten geglaubt, daß, wenn überhaupt eines der Pferde Leh erreichen
würde, es dieses sei, obgleich sein Besitzer, wie er mir jetzt im
Vertrauen mitteilte, es nicht bezahlt hatte. Nun ging es wieder weiter,
immerfort flußabwärts. Unweit des nächsten Lagerplatzes stürzte Turdu
Bais alter Rappe; eine gelbe Flüssigkeit strömte ihm aus den Nüstern,
und nach einer Weile war er tot. Während des Marsches verschied auch
das letzte unserer tibetischen Pferde, ohne daß es totgestochen zu
werden brauchte. Vier Pferde auf einmal! Jetzt ist sowohl von allen
unseren Tscharchlikpferden wie auch von denjenigen, die wir unterwegs
geschenkt erhalten oder gekauft haben, nur ein einziges übrig, der
große Schimmel, den ich noch reite.
Es ist eine recht ernste Sache, eine große Karawane in Tibet
zusammenzuhalten; es ist nicht ganz so leicht, wie man glaubt, in
diesem Lande zu reisen, und ein Vergnügen ist es auch nicht. Man
erkauft die Tage und Meilen mit dem Leben von Menschen, Pferden
und Kamelen, und es hat auch eine symbolische Bedeutung, daß der
zurückgelegte Weg auf der Karte rot punktiert ist: er hat Blut
gekostet. Wie viele Tränen und Blutströme hatte dieser karge Boden
aufgesogen, und wie viele Seufzer und Jammerrufe waren von unserer
Karawane ausgestoßen worden, ohne von diesen kalten, kahlen Felswänden
ein Echo als Antwort zu erhalten. Ein rotes Kreuz an jedem Punkte,
wo in unserer Karawane ein Leben erloschen war, würde zum Verfolgen
unserer Wanderung durch Asien genügen.
Ihr, die ihr mit eurer großen Weisheit und eurem unerprobten Mute --
jenem Mute, der vor dem Kaminfeuer in einem zugfreien, warmen Zimmer
glänzt -- eine solche Reise und ihre Resultate beurteilt, ihr mögt es
selbst einmal versuchen! Ihr braucht dazu gar nicht erst nach Tibet zu
gehen; nein, geht nur im Winter bei eurem eigenen Gute einige Meilen
auf ungebahnten Wegen, schlaft bei 30 Grad Kälte in einem erbärmlichen
Zelte und hört dabei die Wölfe in der Wildnis um euch herum heulen.
Das ist freilich noch nicht dasselbe wie Tibet und ein Leben, wie ich
es zweieinhalb Jahre geführt habe, aber ihr werdet auch dadurch schon
vorsichtiger in eurem Urteil werden. Ich gehe lieber zehnmal durch
die Gobiwüste als einmal zur Winterszeit durch Tibet. Man kann sich
keinen Begriff davon machen, was dies kostet; es ist eine wahre „~via
dolorosa~“!
Im Vergleich mit diesen großen Schwierigkeiten sind die kleinen
Ärgernisse, die in einer aus so verschiedenen Elementen
zusammengesetzten Karawane nicht ausbleiben können, reine Bagatellen.
Daß Muselmänner, Tibeter, Mongolen, Burjaten und Christen während einer
so langen Zeit stets in schönster Eintracht leben, ist ein Ding der
Unmöglichkeit. Hier geschah es zum Beispiel, daß Li Loje und Ördek
in einer Nacht, als sie die Wache hatten, in das Zelt der Tibeter
gegangen waren, um dort Opium zu rauchen. Am Morgen beschwerten sich
die Tibeter, daß ihnen nach dem Fortgehen der beiden eine Stange
Opium im Werte von 10 Liang gefehlt habe und Ördek und Li Loje sie
ihnen gestohlen hätten. Der Lama sträubte sich lange, mich mit dieser
Klatscherei zu belästigen, tat es aber schließlich, da ihm keine
Ruhe gelassen wurde. Ich ließ die Kleider und Sachen der beiden
Verdächtigten sofort von Tschernoff und Schagdur untersuchen, aber
Opium fand sich bei ihnen nicht, und die Kläger wurden als Lügner zur
Tür hinausgeworfen. Nun aber waren Ördek und Li Loje wütend auf den
Lama, der ihrer Meinung nach geklatscht hatte, und wollten sich an ihm
rächen. Dies geschah dadurch, daß sie Sirkin einredeten, der Lama habe
sie dazu bestechen und überreden wollen, mir vorzulügen, daß Sirkin
durch Mißhandlungen Kalpets Tod hervorgerufen habe. Sirkin war über
diese ungerechte Beschuldigung ganz außer sich und teilte mir sofort
mit, was er gehört hatte. Eine solche verwickelte Geschichte mit Ruhe
und Selbstbeherrschung zu untersuchen und dann das Urteil zu fällen,
wenn einem in der Morgenkälte die Zähne klappern, ist weder leicht noch
angenehm. In den meisten Fällen ist natürlich einer unzufrieden. Jetzt,
da alles glücklich überstanden ist, wundere ich mich beinahe selbst
darüber, daß es mir gelang, alle diese Schwierigkeiten zu besiegen und
die Trümmer der Karawane wie nach einem großen Siege aus dem Lande
unserer Sorgen herauszuführen und in die Gegenden zu bringen, deren
Gewässer nach den warmen Küsten des Indischen Ozeans strömen. --
[Illustration: 303. Eine schwierige Passage am Ufer des Tso-ngombo. (S.
334.)]
[Illustration: 304. Blick nach Süden auf den mittelsten Tso-ngombo. (S.
334.)]
[Illustration: 305. Der mittelste Teil des Tso-ngombo. (S. 334.)]
[Illustration: 306. Beförderung des Gepäcks auf einem improvisierten
Schlitten über das Eis. (S. 338.)]
Am 27. (4379 Meter) und 28. hatten wir, als wir dem Laufe des
Tsangar-schar abwärts folgten, immerfort das schöne Gefühl, uns
tieferliegenden Gegenden zu nähern. Während des Marsches wird Fischfang
getrieben, und Tschernoff und Schagdur wollen es einander darin
zuvortun. Sie bedienen sich ihrer Säbel sowie tibetischer Speere und
harpunieren ihre Opfer. Einmal nahm Schagdur ein gründliches Bad in
dem eiskalten Wasser; er wagte sich im Eifer zu weit hinaus, und sein
Maulesel stürzte. Ich war glücklicherweise in der Nähe und zündete ein
loderndes Feuer in dem Gesträuche an, woran er sich wärmen und seine
Kleider trocknen mußte; sonst wäre er, kühn und abgehärtet wie er war,
einfach weitergeritten, als sei nichts vorgefallen.
Die Felsenmauer, die wir bisher auf unserer linken Seite gehabt haben,
hört schließlich auf, und der Fluß macht einen scharfen Bogen nach
Süden. Gerade hier liegt auf dem linken Ufer das Tempeldorf +Noh+,
auch +Odschang+ genannt (Abb. 302). Dort erhebt sich ein malerischer
kleiner Tempel in Rot und Weiß, mit zwiebelförmigen Kuppeln, Flaggen,
vergoldeten Spitzen und anderen Zieraten. Die viereckigen Häuser mit
flachen Dächern sind wie gewöhnlich von weißgetünchten Mauern umgeben,
die oben eine rote Kante haben; auch sie sind mit Fahnenstangen und
Wimpeln geschmückt. Die Fußböden sind mit Filzteppichen belegt, in der
Decke ist ein Loch zum Entweichen des Rauches, große Holzvorräte aus
dem Gesträuchwalde liegen für den Winter bereit. Unsere Tibeter hatten
uns schon unterwegs mitgeteilt, daß man hier kein Holz anrühren dürfe,
da es dem Lama gehöre. Jetzt lag Noh vom Sonnenscheine überflutet vor
uns und gewährte, mit der mächtigen Bergwand als Hintergrund, einen
ungewöhnlich malerischen Anblick.
Auf dem rechten Ufer treten Geröllterrassen dicht an den Fluß heran.
Nicht ohne Schwierigkeit lotsen wir die Kamele über sie hinüber, damit
die Tiere nicht in das kalte, tiefe Wasser zu tauchen brauchen. Unsere
Richtung führt nach Westen an der Basis der Felsen entlang, wo Quellen
von +15,9 Grad entspringen. Nachdem wir einen kleineren Paß mit einer
fahnengeschmückten Steinpyramide passiert haben, öffnet sich nach Süden
und Westen eine großartige Aussicht über den See +Tso-ngombo+ (blauer
See). Im Süden glänzen mehrere pyramidenförmige Schneegipfel, und nach
Westen dehnt sich der bizarre See mit seinen Buchten, Landspitzen,
Inseln und steil abfallenden felsigen Ufern aus. Die Breite beträgt
nur wenige Kilometer. Auf einem ganz ebenen Uferstreifen mit etwas
Weide schlugen wir das Lager Nr. 138 (Abb. 300) auf. Kaum einen
Kilometer vom Ufer liegt eine kleine Felseninsel, die reich an gutem
Brennholz ist; ganze Stapel davon wurden über das Eis nach unserem
Lager geschleppt. Die Tibeter verbrachten die Nacht auf der Insel,
wo sie Schutz und Wärme hatten, und ihre großen Feuer warfen abends
rotglänzende Reflexe über das spiegelblanke Eis. In diesem verursachte
die Spannung unaufhörliche Knalle und Pfiffe; es klang wie ein sich im
Kreise drehendes Nebelhorn.
Während des folgenden Tages, der der Ruhe gewidmet wurde, maß ich
die Tiefen zwischen dem Ufer und der Insel, wobei sich ergab, daß
die größte 6,35 Meter betrug. Unser Offizier teilte mir mit, daß er
beauftragt sei, von hier einen Kurier nach Leh zu senden, damit wir
an der Grenze von Tibet und Kaschmir vorfänden, was wir brauchten.
Ich nahm die Gelegenheit wahr, einen Brief an den englischen „Joint
Commissioner“ für Ladak mitzuschicken, in welchem ich um Entsatz an
Yaken, Pferden und Proviant bat. Der arme Reiter verschwand auf seinem
langhaarigen Pferdchen in der Nacht; als wir nachher den Weg sahen, den
er in der Dunkelheit geritten war, tat er mir doppelt leid.
Am Todestage Karls XII. machten wir einen interessanten Marsch am
Nordufer des Tso-ngombo entlang. Hinter der Insel hat der See ein
Ende und geht in einen ganz kurzen Fluß mit offenem Wasser über, der
sich bald in ein neues zugefrorenes Becken ergießt; es dauert nicht
lange, so nimmt auch dieser zweite See ein Ende, und wir reiten wieder
an einem Flusse entlang. Dieser ist so gerade und regelmäßig wie ein
gegrabener Kanal, zirka 12 Meter breit und höchstens 3 Meter tief.
Das Wasser fließt außerordentlich langsam, ist klar wie Kristall
und schillert grün wie Smaragd. Auf dem Grunde gedeihen üppige
Wasserpflanzen, und in Vertiefungen zeigen sich ganze Scharen von
schwarzrückigen Fischen, die, den Kopf nach der Strömung gerichtet,
regungslos und faul im Wasser schweben und zu grübeln scheinen. Das
Ganze war ein großartiges Schauspiel; die Kosaken waren sofort wieder
mit ihren Angelruten bei der Hand.
Nachdem der Fluß durch ein mittelgroßes und ein sehr kleines
Becken geströmt ist, ergießt er sich schließlich in einen vierten
See, der größer als die anderen ist und sich weit nach Westen und
Nordwesten erstreckt; er war völlig eisfrei und vom Winde aufgeregt.
Wahrscheinlich liegt es an seiner Tiefe, daß er trotz der windstillen,
kalten Nächte noch nicht zugefroren ist. Das Ufer ist dicht mit Blöcken
und steilen Schuttkegeln bedeckt und sehr beschwerlich für die Kamele
(Abb. 303). Auf der Ebene Bal, wo wir in der Nähe einer tiefen Schlucht
lagerten, gab es jetzt kein Gras, aber wir hatten Stroh und Gerste
von den Tibetern gekauft, und die Tiere waren gut versorgt (Abb. 304,
305). Von Roh bis Bal waren wir dieselbe Straße gezogen wie Nain Singh;
hier aber trennten sich unsere Wege wieder. Unterwegs waren wir einer
Karawane von 200 mit Getreide aus Ladak beladenen Schafen begegnet. Es
machte Spaß zu sehen, wie ordentlich sie marschieren und wie leicht
sie zu regieren sind; sie kommen an den steilsten Felswänden vorwärts,
trotzdem sie ziemlich schwere Lasten tragen. An der Grenze wird eine
Art Tauschhandel betrieben; für 100 mit Salz beladene Schafe erhalten
die Tibeter 80 Schafslasten Gerste.
Die Kälte sank auf -20,9 Grad, und in der Nacht überfiel uns ein
sehr heftiger Nordsturm. Der Rest des Strohvorrats wurde rettungslos
fortgeweht.
1. Dezember. Heute mußte ein Kamel getötet werden; es ist um so
bitterer, jetzt von den letzten Veteranen scheiden zu müssen, da
ihre Rettung so nahe ist. Wir folgen über oft sehr beschwerliche
Schutterrassen treu allen Biegungen und Buchten des Ufers. Der See
ist lang und schmal und gleicht einem norwegischen Fjord; beständig
entrollen sich neue, bewunderungswürdige Perspektiven vor uns, die
Landschaft glänzt in großartiger Schönheit, es ist ein zwischen oft
jähen, stets malerisch gestalteten Felsmassen eingeschlossener Fluß.
Hier und dort erhebt sich ein dominierender Schneegipfel. Einige von
unseren Leuten gehen voraus, um scharfkantige Steine zu entfernen
und Gruben auszufüllen. Wildenten leben hier in ungeheurer Menge; es
klingt wie das Brausen eines herannahenden Sturmwindes, wenn ihre
Scharen, sobald wir uns nähern, seewärts fliegen und mit solcher Wucht
auf das Wasser niederschlagen, daß weißer Schaum hoch aufspritzt. Der
See ist überall offen; nur in geschützten Buchten liegt hier und da
ein kleines Band von zertrümmertem, vom Winde hierhergetriebenem und
wieder zusammengefrorenem Eise mit dünnen, höchstens eine Nacht alten
Eishäuten zwischen den Schollen.
Nun zeigt sich ein ebener Uferstreifen von weichem Erdreich, und die
Berge treten zurück. Ein hier stehendes, einsames Zelt dürfte für
längere Zeit aufgeschlagen sein, denn es ist mit großen Holzstapeln
umzäunt. Bald darauf stehen wir an einem Felsvorsprung, der direkt in
den See hinunterfällt und die erste schwere Stelle bildet, vor der man
uns gewarnt hat. Wir lagerten daher unmittelbar an der Felswand, und
die Kamele wurden nach der Weide zurückgeführt. Schon am Abend wurde
das Gepäck von unseren Leuten über die Spitze gebracht und am folgenden
Morgen die Tiere an ihr vorbeigeführt. Unterhalb der Spitze liegt ein
meterbreiter Sandstreifen im Wasser. Wenn hier ein Kamel fallen sollte,
so konnte es zwar in die Tiefe hinabgleiten, brauchte aber darum noch
nicht verloren zu sein. An der Felsbasis haben die Uferwellen einen
Eisrand gebildet, der erst weggehauen wurde; dann wurden die Maulesel,
die Pferde und Kamele glücklich an der Landspitze vorbeigeführt und auf
der anderen Seite in gewöhnlicher Ordnung beladen. Die Yake zogen es
vor, über die gefährlichen Felsplatten zu klettern. Zwei kranke Kamele
blieben auf der Weide zurück. Islam und Li Loje hatten Befehl, mit
ihnen wenn irgend möglich unserer Spur zu folgen, andernfalls sollten
sie sie töten.
Am Morgen unmittelbar vor Sonnenaufgang zeigte sich am
gegenüberliegenden Strande im Südosten ein eigentümliches Phänomen. Der
See „rauchte“; kreideweiße, dichte Wolken von Wasserdampf breiteten
sich wie ein Schleier über die Wasserfläche. Entweder hat dies seinen
Grund in heißen Quellen, oder es beruht darauf, daß der See mehr
erwärmt ist als die Luft. Die Kälte war auf -18,3 Grad gesunken, und
die Temperatur des Wassers war ein paar Grad über Null. Gleich nach
Sonnenaufgang zerstreute sich der Nebel.
Die Breite des Tso-ngombo wechselt natürlich je nach der Konfiguration
der ihn umgebenden Bergketten. Wo zwei gegenüberliegende Felsvorsprünge
sich einander nähern, ist er am schmalsten. Auf einem steilabfallenden
Geröllkegel hatten wir viel Mühe, weil die Instrumentkisten zwischen
den Blöcken nicht durchkonnten, sondern abgeladen und getragen werden
mußten. Die Kamele wurden einzeln geführt und von allen Leuten
gestützt; gähnende Gruben waren ausgefüllt und hinderliche Felsblöcke
mit vereinten Kräften in den See gewälzt worden.
Das Lager Nr. 141 schlugen wir neben einem Karawanenlager auf, das aus
zwei schwarzen, mit den Schaflasten und Holzstapeln umgebenen Zelten
bestand. Ich maß hier die Höhe zweier alter Uferlinien; die höhere lag
19,5 Meter, die tiefere 6,5 Meter über dem gegenwärtigen Wasserspiegel.