weniger als 133 Meter über dem jetzigen Seespiegel lag, dieser
also um diesen ungeheuren Betrag gesunken war. Sein Areal hat sich
dementsprechend verkleinert, und wir ritten mehrere Tagereisen weit
auf einstigem Seeboden.
Über einen kleinen, weichen Paß gelangten wir an noch einen Salzsee,
der genau dieselben Eigenschaften wie der Lakkor-tso, ebenso grünes
Wasser und ebenso weiße Ufer hat, aber bedeutend kleiner ist.
Sein ganzer westlicher Teil ist trocken gelegt, und dort glänzen
außerordentlich umfangreiche Salzablagerungen weiß wie Schnee. Wir
gingen am Ufer entlang, mußten aber bald wieder über einen Paß.
Unter dem Passe rastete Hamra Kul mit zwei verendeten Pferden; mit
dem einen kam er abends noch ins Lager, aber das zweite, einen
Apfelschimmel aus Korla, ließ ich sofort töten, denn es konnte nicht
mehr auf den Beinen stehen. Es hatte einen seltsamen Blick, als es
seinen langwierigen, harten Dienst beendete. Es schloß nach dem
tiefen Stiche in den Hals die Augen und lag ganz still. Als aber der
Blutstrahl versiegte und die Mattigkeit und Ruhe des Todes folgte,
öffnete es wieder die Augen, wie um zum letzten Male von diesem elenden
Leben und seinen mageren Weiden Abschied zu nehmen. Dabei blickte
das linke Auge gerade in die Sonne, die sich darin widerspiegelte,
so daß es wie der klarste Edelstein glänzte. Es hatte den Anschein,
als existierten wir, seine Henker, nicht mehr für das sterbende Tier,
sondern nur noch die Sonne. Man fühlt in solchen Augenblicken eine
drückende Beklemmung, und ich hatte unsägliches Mitleid mit diesen
geduldigen, wehrlosen Tieren, die ich nur mitgeschleppt hatte, um meine
unbezwingliche Sehnsucht, das Unbekannte zu erforschen, zu befriedigen.
Man stellt maßlose Anforderungen an diese armen Tiere. Und was gibt man
ihnen dafür? Nichts; nicht einmal das, was sie als treue Diener des
Menschen entschieden mit Recht beanspruchen können: genügende Kost,
d. h. Futter, Weide und Wasser, gut und reichlich bemessen. Man lockt
sie gleichsam mit falschen Vorspiegelungen: „Eilt fort von diesen
unerträglichen, blutdürstigen Bremsen und Mücken, von der Hitze und den
Sandstürmen in der Wüste, kommt mit nach den hohen, frischen Bergen,
nach ihren Gletscherflüssen, frischen Quellen und saftigen Weiden!“ Und
sie kommen, aber was finden sie? Eine Einöde ohne Gras, eine Luft, die
für ihre Lungen nicht ausreicht, und ein Land, für dessen Natur nur
Yake, Kulane und Antilopen geschaffen sind. Eine Reise durch Tibet ist
eine Kette von Leiden für Menschen und Tiere. Jeden Tag umgeben uns
Leiden und Jammer, und wir können uns nicht froh fühlen. Man möchte
weinen, wenn man all dieses Elend sieht, aber man stumpft auch dagegen
ab. Wie gern würde man, wenn man es nur könnte, diesen unglücklichen,
unschuldigen, unterdrückten Sklaven die Freiheit wiedergeben, sie nach
ewig grünenden Weideplätzen und sprudelnden Quellen führen und sie
das Leben genießen lassen, das für sie jetzt nur -- eine mörderische
Plage ist und klaffende Wunden hinterläßt, Wunden, die nicht geheilt
werden können. Nach all der Sterblichkeit in der Karawane, deren Zeuge
ich gewesen war, hoffte ich jetzt, daß wenigstens einige unserer Tiere
Ladak erreichen würden, damit ich sie dort mit Fürsorge überhäufen, die
Pferde wiehern hören und die Augen der Kamele vor Freude glänzen sehen
könnte. Von den 45 Pferden und Mauleseln waren jetzt nur noch 11 übrig!
Die Abende werden kalt. Kutschuk, der im Küchenzelt residiert, nimmt an
Popularität zu, wenn er ein gewaltiges Argolfeuer unterhält, denn jeder
holt sich bei ihm Kohlen für sein Zelt. Hoch stand der glänzende Mond
am Himmel, schwarz und düster lagen die Berge im Schatten, kreideweiß
breitete sich der verschwimmende See in der Nacht aus; ein Fremdling,
der um diese Stunde an das Seeufer kommen würde, würde darauf schwören
können, daß die Salzfelder Eis und Schnee seien.
22. Oktober. Es ist vorteilhaft, kurze Tagereisen zu machen, aber so
kurz wie heute brauchten sie doch nicht zu sein! Wir hatten kaum 5
Kilometer zurückgelegt, als die Führer an einer Stelle mit gutem Grase
Halt machten und uns rieten, ja hierzubleiben, da wir während der
nächsten drei Tagemärsche überhaupt keine Weide finden würden. Ferner
würden im Laufe des Tages oder der Nacht die von ihnen ausgeschickten
Reiter mit einer neuen Eskorte von Yaken und Schafen ankommen. Alle
diese Gründe waren so stichhaltig, daß wir blieben; ich ließ ihnen aber
sagen, sie sollten sich nicht einbilden, daß bei der Abrechnung über
die Yakmiete der heutige Marsch für eine ganze Tagereise gerechnet
werde. Sie waren so liebenswürdig zu antworten, daß sie dies meinem
Gutdünken überließen.
Der Weg führte über die weißen Felder mit ihren 3 Meter hohen
Pyramiden und Tischen. Selbst sehr gute Augen konnten hier die Reflexe
ohne dunkle Brille nicht ertragen. Das Gebirge im Südwesten heißt
+Marmi-gotsong+, hinter ihm liegt ein Kloster, +Marmi-gombo+. Von Zeit
zu Zeit hörten wir langgezogene Trompetenstöße von dort.
Ein voller Sturm herrschte an diesem und am nächsten Tage. Mein Pferd
arbeitet und müht sich ab, um diese dünne Luft zu durchdringen, die
dennoch so ungeheuren Widerstand leistet. In der Jurte stellte ich
stets meine Kisten an die Windseite, um die Zugluft abzuschwächen,
aber ganze Haufen von Staub und Abfällen wehten durch die Zeltöffnung
herein. Unsere Straße führte nach Nordwesten, aber noch befanden wir
uns südlich von Littledales Route. Auch im Lager Nr. 112, am Flusse
+Schaggué-tschu+, hörten wir von Süden her Posaunenstöße, den Tönen
eines Nebelhorns vergleichbar. Ich hätte zu gern die Tempel besucht,
aber die Tibeter wollten nichts davon hören, und die Pässe im Süden
waren für unsere Tiere auch zu schwierig.
[Illustration: 292. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager
Nr. 114. (S. 321.)]
[Illustration: 293. Das Nordufer des Tsolla-ring-tso. (S. 324.)]
[Illustration: 294. Lager an einem zugefrorenen Sumpfe. (S. 324.)]
Am 24. hatten wir auf beiden Seiten wilde, felsige Bergketten mit
großartigen, phantastischen Perspektiven. Gleich hinter einem flachen
Passe (4820 Meter) lagerten wir an einem kleinen Tümpel namens
+Oman-tso+. Wir sind hier in der Provinz +Sagget-sang+, die von dem
Senkorstamme bewohnt wird, ein Name, den wir auch bei Littledale
finden. Von den drei heute zurückgebliebenen Kamelen erreichte eines
noch spät das Lager, das zweite blieb auf dem Passe liegen, und das
dritte starb.
Die Kälte ging bis auf -18,8 Grad herunter. Schon beim Aufbruch (am
25.) mußte ein Pferd totgestochen werden. Sechs Kamele sind kränklich
und ziehen mit der Yakkarawane. Almas, dem es noch immer schlecht
ging, ritt auf dem ersten von ihnen. Wir holten sie bald ein und
sahen, wie eines streikte und mit zwei Männern zurückgelassen wurde;
sie versuchten, es zum Weitergehen zu bewegen. Als es sich aber in
der Lage ausstreckte, die die Kamele beim Sterben einnehmen, wurde es
mit dem Messer getötet. Noch eines blieb mit einem Wärter zurück, und
dann wieder eines. Später wurde das Dromedar auf einem Platze, wo Gras
wuchs, zurückgelassen, damit die Nachzügler es mitnehmen könnten. Almas
führte schließlich nur noch ein Kamel, die Mutter des kleinen Füllens,
das in Tscharchlik geboren war. Die Liebe zu ihrem Jungen scheint ihre
Kräfte aufrechtzuhalten. Das Junge gehört zu den Allergesundesten,
weil es mit Brot gefüttert wird; es saugt jetzt nur noch selten an dem
versiegenden Euter der Mutter. Wir haben jetzt nur noch 18 Kamele, 21
liegen tot auf unserer Straße. Alle vier Kosaken reiten auf Mauleseln,
auf Pferden nur ich, Turdu Bai, Mollah Schah, Li Loje und Turdu Ahun,
Hamra Kuls sechzehnjähriger Sohn, welcher der Diener der Muhammedaner
ist. Die übrigen Leute reiten gelegentlich auf Kamelen, sonst gehen sie
zu Fuß.
Diese so geschwächte Karawane zog zwischen den gigantischen Felsen
weiter, die versteinerten, verzauberten Ritterburgen glichen. Alle
Ketten biegen nach Nordwesten ab, ganz wie der Himalaja und der
Kwen-lun auf denselben Meridianen. Auch heute lagerten wir im Lager
Nr. 104 unter einem Passe an einem zugefrorenen kleinen See, dem
+Bondschin-tso+ (Abb. 290, 291, 292). Der Anführer unserer jetzigen
Trabanten, Dawo Tsering, ist ein sehr netter, lustiger alter Herr, der
nicht begreifen konnte, was er für Nutzen davon haben würde, wenn er
uns hinters Licht führte.
Der Tod setzt seine Verheerungen in der Karawane fort. Ein Kamel wurde
am Morgen geopfert, drei andere blieben während des Marsches zurück.
Turdu Bai blieb bis 10 Uhr abends bei ihnen und sollte sich am
nächsten Morgen nach ihnen umsehen; konnten sie dann nicht mitkommen,
so hatte er Befehl, sie zu töten; den einen Trost haben wir wenigstens,
daß wir ihnen ihr Grab in einer großartigen Natur bereiten.
Am 26. ritten also Turdu Bai und Sirkin zu den Kamelen zurück. Als wir
die beiden Reiter im nächsten Lager ankommen sahen, wußten wir sofort,
wie es stand. Das Dromedar hatte noch an der Stelle gelegen, wo es
abends zurückgelassen worden war; es hatte auch nicht den geringsten
Versuch gemacht, sich zu erheben. Es hatte geweint, und lange Eiszapfen
hingen ihm unter den Augen. Sowohl dieses wie die beiden anderen Kamele
mußten getötet werden.
27. Oktober. Das Wetter ist immerfort klar, und der Westwind dauert an,
wenn auch bisweilen mit etwas abgeschwächter Kraft. Das Terrain war
gut und eben; alle Kamele konnten den Marsch machen, ein paar Pferde
aber nur mit Mühe und Not. Einige von den Kamelen haben wunde Füße und
tragen Strümpfe von Kulanleder. Das Land öffnet sich wieder, dann und
wann stoßen wir auf Nomaden. Dawo Tsering reitet neben mir und erteilt
mir mit größter Offenheit Auskunft. Manchmal sagt er mit geradezu
schulmeisterlicher Würde: „Schreibt jetzt auf, daß der Berg da so
heißt.“ Er hat den Lama heimlich gefragt, was ich von ihm halte.
Nachdem wir auf einer kürzeren Strecke mit Littledales Route in
Berührung gewesen waren, verließen wir sie jetzt wieder. Der englische
Reisende ging von hier auf einem südlicheren Wege nach Rudok und dann
längs des Südufers des Panggong-tso nach Leh. Im Nordwesten zeigt
sich der See +Daddap-tso+. Das Lager Nr. 106 wurde am Westufer des
zugefrorenen Süßwassersees +Oman-tso+ aufgeschlagen.
Am 28. Oktober ging es den ganzen Tag in einem Längentale bergauf und
bergab, bis wir schließlich einen Paß erreichten, von dem die Aussicht
nach Westen hin prachtvoll war; eine ganz neue Welt breitete sich in
dieser Richtung aus, alles Alte lag wie ein zugeschlagenes Buch hinter
uns.
Die Landschaft wird besonders von dem runden See +Perutse-tso+ oder
+Jim-tso+ beherrscht. Die Karawane ist so weit vor mir, daß sie
nicht mehr zu sehen ist; ich bin, durch meine Arbeit aufgehalten,
wie gewöhnlich der letzte. Wir reiten durch einen Gürtel von
Balgunsträuchern auf meterhohen Kegeln -- hier würden wir in der Kälte
wenigstens ordentliche Feuer haben können.
Unser Lager am Perutse-tso war das beste, das wir seit dem Lager am
Tscharchlik-su, beim Antritt unserer Reise durch Tibet, gehabt hatten.
Das Gras war hoch, weich und üppig, obwohl gefroren, und vorzügliches
Brennholz und Wasser gab es in Menge. Große lodernde Lagerfeuer machten
den Platz hell, gemütlich und warm; es war auch nötig, denn in dieser
Nacht sank die Temperatur auf -20,1 Grad. Alle Kamele, außer der jungen
Mutter, erreichten das Lager. Diese wurde am Ufer zurückgelassen,
nachdem ich eine ganze Weile versucht hatte, sie wieder auf die Beine
zu bringen, und sie das Strohpolster ihres Packsattels hatte fressen
lassen. Schon am selben Abend, als sie abgeholt werden sollte, war sie
tot und steifgefroren. Jetzt hatten wir nur noch 14 Kamele! Im Lager
starb ein Pferd; es hatte beinahe den Anschein, als habe sein leerer
Magen das gute Gras nicht vertragen können. Dawo Tsering nahm hier
Abschied und erklärte, es sei ihm nicht erlaubt, Geschenke anzunehmen.
Wir waren jetzt neun Tage marschiert, ohne einen Tag zu rasten -- die
Weide war zu schlecht dazu gewesen; hier aber blieben wir dafür in Wind
und Kälte vier Tage liegen, während derer sich die Tiere schließlich
erholten. Meine Zeit wurde von verschiedenen Nacharbeiten in Anspruch
genommen. Unsere neuen Begleiter verkauften uns für 4 Liang drei kleine
Beutel Gerste aus Ladak, natürlich viel zu teuer; aber unsere Tiere
bedurften des Korns, und in einer Stunde war es verzehrt. Der neue
Anführer erzählte uns, daß er Tadschinurmongole und einige Tagereisen
südlich vom Kukku-nor geboren, aber von seinen Eltern auf der Wallfahrt
nach Lhasa an ein kinderloses tangutisches Ehepaar verkauft worden sei.
Wieviel sie für ihn bekommen hatten, wußte er nicht, aber der Lama
sagte uns, daß 20 Liang der stehende Preis und ein derartiger Handel
nichts Ungewöhnliches sei. Es kommt auch vor, daß die Tanguten Kinder
an die Mongolen verkaufen. Unser Begleiter war, als er verkauft wurde,
fünf Jahr alt gewesen und natürlich ein echter Tibeter geworden; er
erinnerte sich auch nicht eines einzigen mongolischen Wortes mehr. Die
Tanguten gehören zu demselben Stamme wie die Tibeter und haben dieselbe
Sprache wie diese.
Nach der Rast waren wir imstande, auf gutem, ebenem Boden 25,8
Kilometer zurückzulegen. Dennoch waren wir noch nicht weit gekommen,
als ein Pferd stürzte und getötet werden mußte.
Es herrscht eine schneidende Kälte, und im Sattel, wo man dem längs
des Bodens hinstreichenden Winde ausgesetzt ist, erstarrt man beinahe.
Alle Muselmänner reiten jetzt auf Kamelen, alle Lasten, außer den
Instrumentkisten, werden von Yaken getragen. Ich bin der einzige, der
ein Pferd reitet, aber dieses wird auch besonders mit Brot und Reis
gefüttert. Die übrigen Pferde werden ohne Sattel hinter der Karawane
hergeführt.
Der Fluß +Ombo-sangpo+ war ganz zugefroren, aber das Eis hielt nicht;
nachdem einige von den Pferden und Yaken der Tibeter auf der Eisdecke
ausgeglitten und gestolpert waren, brachen die übrigen ein, und es
mußte ein Kanal für die Kamele ausgehauen werden.
Die Nacht im Lager Nr. 108 war sternenklar und windstill (-15,4 Grad).
Sogar Sterne fünfter Größe waren am Horizont noch deutlich erkennbar,
während diejenigen erster Größe wie Fackeln glänzten. Manchmal hört man
die vermutlich hungernden und frierenden Wölfe heulen.
Am Morgen des 3. November stellte es sich heraus, daß alle Kamele
bis auf zwei nach den üppigen Weiden des Perutse-tso zurückgekehrt
waren; ihr Einfangen verursachte großen Zeitverlust. Sodann zogen wir
nach Westen über sehr deutliche, schöne Uferterrassen, welche die
frühere Ausdehnung des Sees +Luma-ring-tso+ zeigen. Über umfangreiche
Salzfelder erreichen wir endlich den See, einen unbedeutenden kleinen
Salztümpel, dessen Nordufer wir folgen. Hinter einer schmalen Landenge
taucht noch ein See auf, der +Tsolla-ring-tso+ (Abb. 293), an dessen
Ufer wir lagern. Im allgemeinen sind die Ufer sumpfig (Abb. 294) und
selbst bei der jetzt herrschenden Kälte tückisch. Der Luma-ring-tso ist
auf Nain Singhs Karte ganz verkehrt gezeichnet; letzterer gibt ihm eine
Länge von 55 Kilometer statt der tatsächlichen 5½, aber er hat den
See nicht gesehen, denn sein Weg liegt weit nördlich davon, und es ist
nicht wahrscheinlich, daß der Luma-ring-tso seit 1873, in welchem Jahr
der berühmte Pundit seine denkwürdige, verdienstvolle Reise machte, so
bedeutend eingeschrumpft ist. Auf dem gefährlichen Sumpfufer wurden die
Kamele nachts angebunden. Ein paar Pferde sanken nachts ein, und als
wir sie am Morgen mit knapper Not wieder herausgezogen hatten, sahen
sie wie Lehmstatuen aus. Trotz der ihnen neulich vergönnten Ruhetage
stand es mit vielen von den letzten Pferden schlecht. Der Schimmel, der
den Marsch gegen Lhasa mitgemacht hatte und der am 19. August schon
aufgegeben gewesen war, aber trotzdem bis jetzt ausgehalten hatte,
stürzte heute. Ich wollte ihn gerade töten lassen, als der tibetische
Häuptling herbeieilte und ihn sich, so wie er war, ausbat, wozu ich
gern meine Zustimmung gab.
[Illustration: 295. Der Lama im Streite mit dem Anführer der
Yakkarawane. (S. 327.)]
[Illustration: 296. Aussicht nach Südosten vom Lager Nr. 129. (S. 329.)]
[Illustration: 297. Die Umgebung des Lagers Nr. 133. (S. 330.)]
[Illustration: 298. Offene Landschaft beim Tsangar-schar. (S. 330.)]
[Illustration: 299. Geröllterrassen. (S. 330.)]
[Illustration: 300. Unser erster Lagerplatz am Tso-ngombo. (S. 333.)]
Wir wußten, daß wir heute die Grenze von Rudok erreichen würden.
Am Westende des Sees standen bereits 7 Zelte, und eine Menge Leute
war dort zu sehen. Ein dreister alter Mann kündigte uns an, daß wir
hierzubleiben hätten. In einem benachbarten Tale sei das Gras gut,
und dort weideten auch ihre eigenen Pferde und Yake. Wir lagerten in
der Nähe der Tibeter, und der Lama begab sich sofort zu ihnen, um
Erkundigungen einzuziehen. Als er zurückkam, war er ganz aufgeregt;
der Gouverneur von Rudok war ein rechter Grobian gewesen und hatte
erklärt, daß er uns ohne Paß vom Dalai-Lama nimmermehr durch sein
Gebiet ziehen lassen werde. Ich schickte zu diesem Bombo, der beim
Dewaschung besonders gut angeschrieben sein soll und Oberaufseher
des Tschokk-dschalung war, wo er im Sommer residierte; im Winter wohnte
er in der Stadt Rudok. Tschokk-dschalung ist ein Goldfeld, das einige
Tagereisen südwestlich der Gegend liegt, in der wir uns befanden. Im
Winter sollen sich dort nur einige zwanzig Menschen aufhalten, im
Sommer aber 300 und darüber, die von allen Seiten, sogar von Lhasa,
dorthinkommen, um Gold zu suchen. Tschokk-dschalung gilt für den
höchstgelegenen ständig bewohnten Ort der Erde.
Mit großem Gefolge und arroganter Sicherheit in seinem Auftreten kam er
in seinem schönsten Paradeanzug, sobald er meine Aufforderung erhalten
hatte; ich bat ihn, auf einer Filzmatte vor meinem Zelte Platz zu
nehmen. Ich selbst blieb drinnen neben meinem Kohlenbecken sitzen.
Der Bombo schien zuerst unschlüssig, wie er sich zu der zweideutigen
Artigkeit verhalten sollte, setzte sich aber schließlich doch und
forderte mir den Paß vom Dalai-Lama ab. Ich antwortete ihm, daß wir
diesen Herrn nie gesehen hätten und folglich auch keinen Paß von ihm
haben könnten.
„Ich habe nichts von euch gehört“, entgegnete er, „weiß nicht, wer
ihr seid, habe kein Schreiben aus Lhasa erhalten, bin nie beauftragt
worden, euch mit Yaken zu versorgen, aber ich weiß, daß es Europäern
ein für allemal verboten ist, durch Rudok zu reisen.“
„Wenn ihr ein hoher Beamter seid, müßt ihr wissen, daß ihr verpflichtet
seid, uns für die Reise nach Ladak zur Verfügung zu stehen.“
„Verdächtigen Personen gegenüber, die keinen Paß haben, bin ich zu
gar nichts verpflichtet; doch wenn ihr wollt, werde ich nach Lhasa
schreiben, und ihr müßt hier 2½ Monate warten, bis die Antwort da ist.“
„Das paßt uns außerordentlich gut“, erwiderte ich, „unsere Tiere sind
erschöpft und bedürfen der Ruhe. Schreibt nur nach Lhasa, wir haben
Zeit zu warten.“
„Gut, ihr begreift, daß ich den Kopf verliere, wenn ich euch durch
meine Provinz ziehen lasse.“
Er war außerordentlich bestimmt, ruhig und würdevoll in seinem
Auftreten, obgleich etwas unverschämt, wenn man ihn mit unseren
Freunden in der Nähe von Lhasa vergleicht. Die Kosaken waren so außer
sich, daß sie vor Wut schäumten, -- fast alle sehnten sich jetzt nach
Hause oder wenigstens von diesen kalten winterlichen Bergen fort. Ich
beruhigte jedoch ihre aufgeregten Gemüter, denn ich sah nur zu wohl
ein, daß ich nicht das geringste Recht hatte, Rudok den Fehdehandschuh
hinzuwerfen. Es waren schon wieder über hundert gut bewaffnete Krieger
versammelt. Der Zustand unserer Karawane erlaubte auch keine Umgehung
der Provinz auf einem nördlichen Wege, und mir war dies auch ganz
lieb, da ich nicht Nain Singhs, Bowers und Deasys Routen oder die
noch nördlicher liegenden Wege Malcolms und Wellbys berühren wollte.
Ebensowenig hatte ich Lust, den größeren Teil des Gepäckes, der Zelte,
des Proviants und das Boot zu verbrennen, wie Captain Deasy es einmal
in einer schwierigen Lage tun mußte.
Dagegen sprach mich die Wartezeit von zweieinhalb Monaten sehr
an. Ich war müde und matt von Arbeit und Weststürmen und bedurfte
der Ruhe. Ich hielt mit den Kosaken Kriegsrat und entwarf einen
ganzen Überwinterungsplan. Wir wollten nach ein paar Tagen nach den
üppigeren Weiden des Perutse-tso zurückkehren und dort ein befestigtes
Lager anlegen. Mir würde es in der interessanten Gegend nicht an
Beschäftigung fehlen, und meine Leute sollten sich im Anfang die Zeit
damit vertreiben, daß sie aus Erdschollen eine hohe Mauer rings um das
Zeltlager und das Gepäck errichteten. Von demselben Material wollten
wir einen Aussichtsturm bauen, und die Festung sollte mit einem Graben
umgeben werden. Nachher wollten wir ruhen, jagen, Ausflüge machen,
unsere Tiere pflegen, um im Frühling direkt nach Süden zu ziehen. Ich
segnete den Bombo, der mich zu einer neuen Kraftanstrengung in Tibet
beinahe zwang, obwohl ich im Grunde von diesem schwer zugänglichen
Lande mehr als genug hatte.
Am folgenden Morgen kündigte ich dem Gouverneur an, daß wir wieder
ostwärts ziehen würden; er hatte nichts dagegen einzuwenden. Doch
der Tadschinurmann erklärte, er habe Befehl, uns bis an die Grenze
von Rudok zu bringen, aber nicht, uns wieder zurückzuführen. Die
Sache würde sich jedoch leicht arrangieren lassen; waren wir erst am
Perutse-tso angelangt, so konnten wir sowohl die Yake wie die Pferde
mit Beschlag belegen und die Männer gefangenhalten. Mit frischen
Pferden würden wir leicht und bequem operieren können.
Der Bombo kam jedoch auf andere Gedanken und teilte uns mit, daß er uns
Yake und Proviant besorgen werde, wenn wir versprächen, nicht nach der
Stadt Rudok zu gehen, was zu tun gar nicht in meiner Absicht lag, da
Littledale diesen südlicheren Weg gegangen war.
So wurde der ganze Festungsplan hinfällig, und wir durften uns dem Ende
unserer Mühsale wieder nähern.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Tso-ngombo.
Nachdem alles Entbehrliche ausgesondert worden und den Tibetern
geschenkt war, zogen wir am 6. November nördlich um einen Paß (4858
Meter) herum, auf dessen anderer Seite uns Quellen und Weiden zum
Lagern einluden. Das kleine Kamelfüllen, unser aller Liebling, schwand
seit dem Tode der Mutter hin, kam aber doch bis ins Lager mit, wo es
sich an Brot und Teig sattfressen und Milch trinken durfte. Es wurde
nachts gut eingewickelt neben das Feuer gelegt und marschierte den
ganzen Tag gut.
Am 7. war das Wetter herrlich, und der ewige Wind war in seiner Höhle
im fernen Westen geblieben. Statt seiner bereiteten uns die Tibeter
Verdruß und schalten den Lama einen Heidenhund, der mit „solchen
Russen“ umherstreife. Der Lama war so erbittert, daß er sie rechts und
links mit der Peitsche traktierte, und ich ließ ihnen sagen, daß wir
sie, wenn sie sich noch einmal mausig machten, auf die Kamele binden
würden, bis sie seekrank und höflich würden (Abb. 295).
Den ganzen Tag sahen wir keinen Tropfen Wasser, keine Menschen,
höchstens Spuren von alten Lagerplätzen. Endlich erreichten wir jedoch
die Quelle +Tsebu+, wo wir Halt machten. Tiefes Schweigen herrschte
in dieser Nacht, und die Luft war so ruhig, daß man einen schwach
siedenden Laut von der Nachtkälte, die sich in der Erde festbohrt, zu
vernehmen glaubte. Nur einige Wölfe störten mit ihrem langgezogenen,
melancholischen Klagegeheul den Frieden. Die Tritte der Nachtwache
hallten auf dem steinharten Erdboden wieder.