Unter dem Vorwand, nach Weide zu suchen, eigentlich aber um nicht

denselben Weg wie Littledale gehen zu müssen, brach ich am Morgen des

7. Oktober nach einer südlicheren Richtung auf und nahm Tschernoff,

Li Loje, den Lama und Kutschuk, 4 Maulesel, 5 Pferde und Proviant

mit. Über Nacht waren 18 vortreffliche Yake angelangt; sie mußten die

Lasten übernehmen (Abb. 287), und die meisten unserer Tiere, vor

allem die erschöpften, wurden mit Arbeit verschont. Schagdur wurde zum

Befehlshaber ernannt und hatte das Recht, überall, wo gute Weide war,

einige Tage zu bleiben. Die Kranken waren in Besserung; nur für die

Genesung des alten Muhammed Tokta war nicht viel Hoffnung vorhanden, er

blieb aber in bewundernswerter Weise guten Mutes.

Als wir uns in Gang setzen wollten, stürmten eine Menge Tibeter herbei

und ergriffen unsere Pferde und Lasttiere bei den Zügeln und Halftern;

sie könnten uns unter keiner Bedingung nach Süden reiten lassen, denn

dann würden sie alle geköpft werden. Ich ließ ihnen durch den Lama

sagen, wenn sie die Tiere nicht sofort losließen, würden wir zu den

Revolvern greifen, was für sie entschieden sehr unangenehme Folgen

haben könnte. Sie zogen sich zurück, folgten uns aber noch eine Strecke

weit zu Fuß und versicherten, daß es hierzulande nach Süden hin

weder Weide noch gangbare Wege gebe. Als wir schließlich nicht mehr

antworteten, kehrten sie um.

Über einen nicht sehr hohen Paß in der nächsten Kette gelangten wir an

den Oberlauf des +Tschuring+. Der Fluß war hier teilweise zugefroren.

Tschernoff stach fünf mittelgroße Fische mit seinem Säbel, fiel jedoch

in seinem Eifer dabei ins Wasser. Auf dem Passe erschien jetzt eine

Schar von 12 Tibetern, die den steilen Abhang hinunterjagten, uns bald

einholten und uns mit ihrem ewigen Schellengeklingel und Waffengerassel

folgten. Tsering Daschi führte die Schar; die übrige Mannschaft blieb

unter Jamdu Tsering bei der Karawane. Wir ritten an einigen Zelten

vorbei, deren Bewohner bestürzt herauseilten, um diese außergewöhnliche

Gesellschaft zu betrachten. Tsering Daschi zeigte nach einem Passe

im Nordwesten, dem „einzig möglichen“, aber wir ließen uns nichts

weismachen, sondern gingen flußaufwärts weiter. Ein Schimmel, der schon

müde war, zwang uns Lager zu schlagen, und wir beschäftigten uns dann

mit ergiebigem Fischfang. Abends traf noch eine Reiterschar ein, und

wir hörten, wie sich die Männer eifrig miteinander berieten.

Bei Tagesanbruch erhielt unser Gefolge wieder Verstärkung, und jetzt

erschien auch der alte Jamdu Tsering. Die Tibeter hatten keine Zelte

mitgenommen und hockten frierend unter freiem Himmel. Der alte Herr

sah bedauernswert aus; er war die Nacht durch geritten und war

durchgefroren, niedergeschlagen und betrübt über die Sorgen, die wir

ihm machten. Er bat mich, doch um Gottes willen wieder zu der Karawane

zurückzukehren, und sagte, als nichts half, er habe seine Soldaten die

Lasten von den Yaken nehmen lassen -- sie dürften uns nicht helfen,

wenn wir uns ihrem Willen nicht fügten. Dies war entschieden gelogen,

andernfalls hätte mir Schagdur einen Kurier geschickt.

Als wir talaufwärts nach Süden weiterritten, erklärte Jamdu Tsering,

daß er jetzt wirklich zurückreiten und uns die Yake nehmen werde. „Tut

das“, sagte ich, „nehmt euch aber vor den Kosaken in acht!“ Es wimmelte

um uns her wieder von Soldaten und Reitern; eine neue Mobilmachung

war in Szene gesetzt worden. Der gute Jamdu Tsering hatte so viel zu

bedenken, daß er gar nicht wußte, wo ihm der Kopf stand.

Während des Rittes sahen wir noch mehrere Nomadenzelte im Tale. Sind

die Bewohner gar zu zudringlich, so braucht nur ein Soldat eine

Handbewegung zu machen, und sie verschwinden. Merkwürdig, wie dies

halbwilde Volk zusammenhält! Eine Art Freimaurerei scheint unter

ihnen zu herrschen; sie sind den Göttern und der Obrigkeit in blindem

Gehorsam untertan und würden sich durch kein Gold erkaufen lassen. Es

würde uns nicht gelingen, jemand zu überreden, uns einen Weg nach Süden

zu zeigen. Man denke, ein Land, in dem es keinen einzigen Verräter gibt!

Am Ufer des +Dschandin-tso+, des Quellsees des Tschuring, wurde das

Lager Nr. 100 aufgeschlagen. Der See war leicht überfroren, aber der

Wind zertrümmerte nachher den Eisspiegel.

Am 9. Oktober lag der See nach einer kalten Nacht wieder eisbedeckt da.

Nur sechs Tibeter waren noch bei uns geblieben. Sie erkundigten sich

höflich nach unseren Absichten, und ich deutete nach Westsüdwest, wo

sich ein Tal öffnete. Die Tagereise führte uns durch dieses, und sobald

wir jene Richtung eingeschlagen hatten, verschwanden drei Reiter, um

Jamdu Tsering Bescheid zu bringen. Der Paß, der jetzt überschritten

wurde, hatte eine bedeutende Höhe, und von seinem Kamme hat man

die großartigste Aussicht über diese gigantischen, majestätischen

Gebirgsgegenden. Gerade im Westen erhebt sich, ganz mit ewigem Schnee

bedeckt, der gewaltige Gebirgsstock +Schah-gandschum+. Er bildet drei

Dome, von denen der mittelste der höchste ist, und hatte in der völlig

klaren, reinen Luft eine herrliche Wirkung; man sehnt sich förmlich

nach seiner friedlichen Freistatt.

In der Gegend +Amrik-wa+ ließen wir uns zwischen den Höhlen der

Murmeltiere nieder. Der Wind heulte um das Zelt, es war so kalt, wie in

dem ärgsten Eiskeller, man ist wie zerschlagen von der Kälte.

Der folgende Tag war von demselben trostlosen Pfeifen und Stöhnen

des Windes begleitet. Der Himmel ist leuchtend blau wie der edelste

Türkis; aber dennoch hält der unermüdliche Passatwind an, der von allem

Ungemach hier im Lande das ärgste ist. Unser Weg geht zwischen dunkeln

wilden Felsen über mehrere unbedeutende Pässe nach Westnordwesten. Hier

gibt es viele Kulane, Antilopen und Wölfe. Das Tal wird schließlich

offener, und der Boden senkt sich langsam nach Nordwesten. Auf der

linken Seite zeigen sich fünf Zelte. Wir rasten unter einem einzelnen

Berge, um geschützt zu sein, aber über seinem Gipfel toben und brausen

die Windstöße wie wirbelnde Wasserfälle. Einige Ketten sind mit

Schnee bedeckt, und der Wind bläst den Schnee von ihren Kämmen, daß

er weißen Puderwolken oder in der Sonne blendend weiß erscheinenden

Kometenschweifen gleicht.

11. Oktober. Der Zustand der Pferde erlaubte keine weiteren Abstecher

nach Süden. Wir waren in viel zu hohe Regionen geraten und mußten

uns wieder mit den Unsrigen vereinen. Wir ritten daher über ein

sehr offenes, weites Tal nach Nordwesten, wobei der herrliche

Schah-gandschum links von unserem Wege in unserer unmittelbaren Nähe

sich frei erhob. Der Koloß gewährte mit seinem ewigen Schnee und seinen

vier rudimentären Gletschern einen wundervollen Anblick. Littledale

nennt ihn Shakkanjorm; er ging hier durch ein nördlicheres Tal.

Auf halbem Wege trafen wir Jamdu Tsering, der uns durch seine Kuriere

die ganze Zeit über im Auge behalten hatte. So seltsam es auch klingen

mag, wir freuten uns beide aufrichtig, einander wiederzusehen, und

begrüßten uns auf das freundlichste. Er könne nun selbst sehen, sagte

ich, daß ich mit meiner Reise nach Süden keine bösen Absichten gehabt

habe, wogegen er beteuerte, es habe ihm nur leid getan, daß ich

unnötigerweise über eine ganze Reihe von Pässen klettern sollte, und er

sei ganz entsetzlich besorgt gewesen, daß dies mich angreifen würde!

In einem Quertale ritten wir nach Nordwesten weiter. Der Lagerplatz der

großen Karawane lag an einem Quellbache, der klein, aber tief, klar

und fischreich war, so daß ich zum Mittagsessen wieder Fische erhielt

(Abb. 288). Alle befanden sich gut, außer unserem Alten, dessen ganzer

Körper aufgedunsen war. Ich versuchte, ihn auf die zweckmäßigste Weise

zu behandeln; er erklärte jedoch, er wolle gar nicht geheilt werden, er

habe nur den Wunsch gehabt, mich noch einmal wiederzusehen und dann zu

sterben! Armer Mann!

In diesem Lager, Nr. 103 (4860 Meter), trennten wir uns am 13. von

Jamdu Tsering und Tsering Daschi, die nur beauftragt waren, uns bis

hierher an die Grenze zu bringen, und nun baten, ihnen zu bescheinigen,

daß sie ihren Dienst gut verrichtet hätten und ich mit ihnen zufrieden

gewesen sei. Man sieht daraus, daß sie Befehl erhalten hatten,

höflich zu sein. Der Lama mußte das Zeugnis aufsetzen. Hier in der

Gegend soll die Grenze zwischen Nakktsong und der nächsten Provinz

sein, deren Name, Bomba, auch auf Littledales Karte angegeben ist.

Ein neuer Häuptling, Jarwo Tsering, sollte von nun an für unsere

Weiterbeförderung sorgen.

[Illustration: 290. Das Gebirge auf der nördlichen Talseite bei Lager

Nr. 114. (S. 321.)]

[Illustration: 291. Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager

Nr. 114. (S. 321.)]

Jamdu und sein Kamerad ließen sich nicht mehr sehen, weshalb ich

die Revolver und Messer, die ich ihnen zu schenken gedacht hatte,

behalten konnte. Die alten Yakbesitzer waren abgelohnt worden und

mit ihren Tieren abgezogen, aber es waren uns neue versprochen worden.

Anfangs mußten wir jedoch allein für unser Gepäck sorgen. In dem

reizenden Tale +Ramlung+ stellten sich die neuen Yake ein, begleitet

von ihren Besitzern und unseren beiden alten Reisegefährten, die

augenscheinlich nicht um ihre Geschenke kommen wollten. Nach Osten hat

man von hier eine weite Aussicht; bei Sonnenuntergang waren die in der

Ferne verschwimmenden Kämme wie von einem Steppenbrande beleuchtet.

Scharf gezeichnet stehen die schwarzen und weißblauen Zelte der Tibeter

im Vordergrund zwischen dem hohen, harten, gelben Grase, in dem die

Männer ihre Pferde von Zeit zu Zeit nach einer anderen Stelle führen.

Im Zenith ist der Himmel rosig, am östlichen Horizont dunkelblau;

letzteres ist der Widerschein von den Gegenden, in denen schon Nacht

herrscht. Wir hatten nicht mehr als 16 Kilometer zurückgelegt; es

kam sehr selten vor, daß wir unter solchen Verhältnissen mehr als 20

Kilometer marschieren konnten.

Am 14. Oktober zogen wir mit 30 neuen Begleitern und 22 Yaken ab, die

für ein Tsos täglich pro Yak gemietet waren. 8 Tsos wurden uns hier für

1 Liang chinesischen Silbers gegeben, wobei wir natürlich übervorteilt

wurden. Die Tibeter versuchten sichtlich, die Länge der Tagereisen

möglichst abzukürzen, aber es gelang ihnen nicht, ich bestimmte

stets die Lagerplätze. Das Wasser fängt jedoch an, immer seltener zu

werden, und manchmal war es unmöglich, ohne die Hilfe der Tibeter

Quellen zu finden. Schagdur, der stets fürsorglich war, verschaffte

uns sowohl süße wie sauere Milch aus einem Zelte, das er in einer

Schlucht entdeckte. Das Terrain senkt sich langsam nach Norden, und

manchmal kann man in dieser Richtung bis zu sechs parallele Bergketten

hintereinander zählen. Wir zogen hier auf einem südlicheren Wege als

Littledale. An der +Scholungquelle+ erwartete uns am Abend des 15. eine

neue Reihe von Yaken, und auch am folgenden Tage wuchsen neue Trabanten

wie mit einem Zauberschlage aus der Erde. Die bisherigen Yakleute

machten Schwierigkeiten und wollten durchaus mit Tsos von Lhasa bezahlt

werden, denn chinesisches Silbergeld war ihnen fremd. Als ich ihnen

jedoch erklärte, daß sie in solchem Falle gar nichts bekämen, wurden

sie fügsamer.

Tscherdons Pferd starb, und von den anderen können nur noch wenige

ihre Reiter tragen. Vier Mann reiten Maulesel, die viel zäher

und ausdauernder sind als Pferde. Muhammed Toktas Füße waren so

geschwollen, daß die Stiefel heruntergeschnitten und die Füße mit Filz

umwickelt werden mußten. Auf der ganzen Tagereise sahen wir keinen

Tropfen Wasser; das Gras ist erbärmlich, und das Land immer spärlicher

bewohnt. Doch werden stets so viele Schafe, als wir brauchen, für uns

bereitgehalten.

Am 18. Oktober machten wir eine interessante, 20 Kilometer lange

Reise nach Südwesten. Vom Lager ritten wir nach dem Abhang der Kette,

die unser Längental im Süden begrenzte, hinauf. Die Tibeter nahmen

mit allen Yaken und unserem Gepäck den Weg durch eine Schlucht und

erklärten, daß wir über einen leichten Paß müßten. Ja, für die Yake

mochte er nicht schwer sein, aber für die Kamele war er sicherlich

mörderisch. Wir zogen daher längs des Fußes des Gebirges über zahllose

Rinnen weiter. Von dem Vorsprunge, wo wir nach Süden abbiegen, wird

jetzt in unserer Nähe der Salzsee +Lakkor-tso+ sichtbar. Littledale

zog in ziemlicher Entfernung nach Norden hin an diesem See vorüber; er

machte die sehr richtige Beobachtung, daß die meisten der tibetischen

Salzseen im Austrocknen begriffen sind. Dies fällt bei dem Lakkor-tso

besonders auf. Längs seiner Ufer erstrecken sich alte Uferlinien, die

sich zu bedeutender Höhe über den Seespiegel erheben. An flachen,

langsam abfallenden Uferstrecken bilden sie Wälle, hinter denen oft

Lagunen stehen. Die Ufer sind kreideweiß von Salz, das, trocken

und pulverisiert, vom Winde in weiße Wolken aufgewirbelt wird, die

Wasserdampf oder stäubendem Mehle gleichen. Während des weiteren

Marsches nach Süden nach dem heutigen Lager am Flusse +Somme-sangpo+,

der westwärts dem See zuströmt, gingen wir oft über Buchten, die

jetzt ausgetrocknet, aber von mächtigen Wällen eingefaßt und mit

Pyramiden und Kegeln angefüllt waren, die aus entschieden vom Winde

ausgemeißelten Salzablagerungen bestanden.

Bei dem Lager war die Weide gut. Im Süden zieht sich noch immer eine

wilde, gewaltige Bergkette hin, die uns, soweit wir sehen können, noch

mehrere Tage den Übergang mit Kamelen schwerlich erlauben wird.

Der Hund Hamra mußte erschossen werden, weil er uns nachts nie ruhig

schlafen ließ. Hatte er keine Tibeter anzubellen, so bellte er unsere

eigenen Nachtwachen und die Karawanentiere an. Zwei Pferde starben;

seltsamerweise gebaren in derselben Nacht zwei Kamelweibchen zu früh

Füllen. Turdu Bai glaubte, dies sei der Kälte, -15,4 Grad, und dem

Umstande zuzuschreiben, daß sie außer der Zeit kaltes Wasser getrunken

hatten. Die Mütter befanden sich jedoch vorzüglich und durften am

19. ausruhen. Auch an diesem Lagerplatze erhielten wir neue Wächter

und 40 Yake. Schon um 9 Uhr waren es fast -10 Grad; man konnte den

Fluß zufrieren hören, denn es klang und knallte in den neugebildeten

Eisscheiben.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Via dolorosa.

Am 20. Oktober begann der Passatwind um 9½ Uhr. Ich nenne diesen Wind

mit Vorliebe so, denn er weht mit staunenerregender Regelmäßigkeit.

Nach Mittag schwoll er zum Sturme, einem vollständigen Wüstensturme,

an und jagte so dichte Wolken von Sand, Staub und Salz vor sich her,

daß die Landschaft oft völlig verschwand. Dennoch war es ein prächtiger

Anblick, wie diese kreideweißen Wolken von dem Westufer des Lakkor-tso

über den See und von dem östlichen Ufer landeinwärts wirbelten, während

die ebenso weißen Wogen gegen den Strand tosten. Als wir an diesem

entlangzogen und der Wind mit besonderem Nachdruck uns von der Seite

packte, schwankten die Kamele wie Trunkene, und die Reiter hatten Mühe,

sich im Sattel zu halten. Zwei wichtige klimatische Charakterzüge

haben wir gefunden: die Regenzeit tritt im Spätsommer ein und dauert

den Vorherbst hindurch, und ihr folgt, nach einem kurzen Zwischenraum

von schönen Tagen, eine Periode mit vorherrschendem Westwind, die den

Spätherbst und Winter charakterisiert.

Dann und wann fliegt eine Filzdecke, ein Sack oder sonst ein Gegenstand

von einem Kamele und muß wieder festgebunden werden. Ich muß den Deckel

meines Marschroutenbuchs gegen den Wind halten, damit mir die Blätter

nicht zerrissen werden, und wie gewöhnlich ist man von der Kälte

durchfroren. Heute blieb eines der Pferde aus Lhasa liegen und mußte

getötet werden. Der Schimmel aber, den wir auf dem Rückzuge nach dem

Hauptquartier für verloren hielten, kommt noch immer mit. Die übrigen

Tiere hielten sich aufrecht, obwohl es mehrere Todeskandidaten unter

ihnen gab.

Wir gehen flußabwärts nach Westen und haben auf beiden Seiten sehr hohe

Bergketten. Am Endpunkt der rechten Kette schwenkt der Fluß nach Norden

ab und ergießt sich in den See, an dem hier ein Salzfeld mit gewaltigen

Hügeln weiß wie Mehl glänzt. Bald darauf befinden wir uns unten auf

dem ziemlich steilen Ufer und halten uns auf einer hohen Terrasse,

bis wir an einen neuen Fluß gelangen, der von Südsüdosten kommt und

sich ebenfalls in den See ergießt. An seinem linken Ufer wurde Halt

gemacht (Abb. 289). Alle Berge in der Nähe waren scharf gezeichnet mit

horizontalen Linien, die bei gewissen Beleuchtungen wie schwarze Bänder

aussahen. Ich beschloß, am nächsten Morgen zu messen, wie hoch die

oberste Wasserlinie über dem jetzigen Seespiegel lag.

Während des Marsches ereignete sich ein eigentümliches Abenteuer.

Der alte Muhammed Tokta blieb zurück, aber niemand achtete darauf.

Hamra Kul, der mit einigen müden Pferden langsam hinter der Karawane

herzog, fand ihn in einer Grube, wo sich der Alte, wie er ganz vergnügt

erklärte, des Reitens müde, hatte vom Pferde fallen lassen, welches

sicherlich nichts dagegen gehabt und sich nachher zu der Karawane

gesellt hatte. Hamra Kul nahm den Alten auf einem seiner Pferde

mit, und im Lager wurde er wie gewöhnlich weich in Decken und Pelze

gebettet. Abends machte ich ihm meinen gewöhnlichen Krankenbesuch, um

mich nach seinem Befinden zu erkundigen und mich zu überzeugen, daß es

ihm an nichts fehle. Manchmal pflegte er eine kleine Dosis Sulfonal

zu erhalten, um schlafen zu können. Diesmal sollte er jedoch einen

langen, tiefen Schlaf tun, ohne vorher ein Schlafmittel einzunehmen.

Er antwortete auf alle Fragen und wollte am liebsten Milch haben,

weshalb ich den anderen sagte, sie sollten ihm alle noch vorhandene

Milch bringen, von der er auch eine große Schale voll austrank. Als

ich ihn nach seinem Befinden fragte, lächelte er freundlich. Die Sonne

war jedoch noch nicht wieder aufgegangen, als er schon steif und

kalt war. Keiner hatte gemerkt, wann sein letzter Lebensfunke in der

Morgenkälte erlosch. Mollah Schah, der die letzte Nachtwache hatte,

war fortgegangen, um Brennmaterial zu sammeln. Der Tod hatte den alten

Kameltreiber im Schlafe überrascht; seine Augen waren fest geschlossen,

und er lag noch ganz in derselben Lage wie am Abend vorher.

Dieser Todesfall brachte für die Übrigen ein Gefühl der Erleichterung

mit sich, denn auf Besserung hatte keiner mehr gehofft, seitdem der

Körper des Kranken angeschwollen war und eine häßliche, dunkle Farbe

angenommen hatte. Ihm selbst war das Leben während seiner viermonatigen

Krankheit nur eine drückende Last gewesen, und der Tod war hier als

Erlöser erschienen. Er war ein redlicher, ehrlicher Mensch, und ich

hörte nie, daß jemand unfreundlich gegen ihn war, obgleich er wider

seinen Willen seinen Kameraden zur Last war; alle hatten ihn gern, weil

er selbst freundlich und stets guter Laune war und von seiner Krankheit

nie viel Aufhebens machte. Noch die letzten Abende hatte er trotz

aller Verbote versucht, sich aufzurichten und zu grüßen, wenn ich ihn

besuchte.

Die übrigen Muselmänner trafen sofort Anstalten zur Beerdigung, und

noch ehe ich mit der Todesnachricht geweckt wurde, gähnte schon finster

und unheimlich das Grab, das ihn in seine kalten Arme schließen sollte.

Aus den Boothälften wurde ein provisorisches Zelt errichtet, in dem die

Leiche gewaschen wurde. Sodann wurden ihr die Kleider und der Pelz des

Alten wieder angelegt und sie auf einer Kamelleiter zu Grabe getragen,

wo dieselbe Zeremonie wie bei Kalpets Leichenbegängnis stattfand.

Muhammed Tokta war der vierte, der auf dieser anstrengenden Reise im

innersten Asien und Tibet zugrunde ging; es war ein großer Verlust!

Die beiden Kranken, die jetzt auf der Liste standen, Almas und Ahmed,

fühlten sich nach diesem neuen Begräbnisse durchaus nicht besser; dem

ersteren war das ganze Gesicht geschwollen, und ich war seinetwegen

lange in Unruhe, ehe er sich wieder erholte.

Diese unheimliche Krankheit, die bei den drei in Tibet gestorbenen

Männern mit ungefähr gleichen Symptomen auftrat, hat ihre Ursache

nicht in falscher Ernährung. Wir hatten Nahrung vollauf, und kräftige

obendrein. An frischem Fleisch litten wir in Tibet nie Mangel,

besonders seitdem wir bewohnte Gegenden erreicht hatten, wo wir von

den Einwohnern stets Schafe und Fett erhielten. Daß die Jagd auf Yake,

Kulane und Antilopen immer guten Ertrag gab, habe ich bereits erwähnt.

Dazu hatten wir jetzt auch angenehme Abwechslung durch süße und saure

Milch, Butter und Fische, und von dem aus Tscharchlik mitgenommenen

Proviant von Reis, Mehl und Talkan war noch im Überfluß da; er war auf

zehn Monate berechnet, und wir waren erst 5½ unterwegs. Der Vorrat

mußte bis Ladak reichen; daß er nicht 10 Monate reichen konnte, beruhte

darauf, daß wir die Kamele, wenn sie anfingen hinzuschwinden, mit Brot

und Reis zu retten suchten, was auch den Vorteil hatte, daß die Lasten

kleiner wurden und die Karawane sich leichter bewegen konnte. Bevor

wir durch die Yake Entsatz erhielten, war es sogar notwendig gewesen,

möglichst viel vom Proviant zu verzehren; denn wir hätten ihn sonst,

wenn uns ein Tier nach dem andern starb, schließlich wegwerfen müssen.

Diese Krankheit rührt von der Luftverdünnung her. Die Atmosphäre hat

hier nur die halbe Dichte wie am Meer, und das Blut saugt nicht die

genügende Menge Sauerstoff ein, um das Leben aufrechtzuerhalten. Wir

leben unter abnormen Verhältnissen. Unser Körper und seine Atmungs- und

Kreislauforgane sind nicht für sie gebaut. In den Funktionen dieser

Organe treten Störungen ein, und der, welcher schon an und für sich

nicht gesund und kräftig ist, hat natürlich noch größere Aussicht

zugrunde zu gehen. Das Herz arbeitet hier unter Hochdruck, und wenn

seine Muskeln und Gewebe nicht hinreichend stark sind, vermag es nicht,

das Blut in die peripherischen Teile zu treiben. Ein hervorragender

schwedischer Arzt hat mir erklärt, daß dies die Ursache ist, weshalb

die Füße und Beine bei meinen Leuten buchstäblich hinschwanden, und

er war der Ansicht, daß die Kranken sich vielleicht hätten retten

lassen, wenn es möglich gewesen wäre, sie beständig in horizontaler

Lage, die Füße sogar etwas höher als den Kopf, zu halten. Auf einer

Karawanenreise ist es natürlich sehr schwer, die Kranken genügend zu

pflegen; man müßte vor allem an einem Orte bleiben, bis sie völlig

wiederhergestellt wären. Doch in einem Lande wie Tibet ist dies sehr

oft unmöglich, wenn nicht die ganze Karawane in Gefahr geraten soll. Es

bleibt einem keine andere Wahl, als die Kranken mitzuschleppen, und es

ist klar, daß eine solche Anstrengung und Unruhe für ihre absterbenden

Kräfte zu groß ist.

Die Yake waren schon früh aufgebrochen, von ihren zu Fuß gehenden,

pfeifenden Treibern und einem Kosaken eskortiert. Darauf folgten, von

einigen Muselmännern geführt, die kranken Kamele und Pferde, alle

ohne irgendeine Last. Nachdem die Beerdigung vorüber war, verließen

die übrigen das düstere Lager und nahmen, wie gewöhnlich, meine

Instrumentkisten auf einigen noch tüchtigen Kamelen mit. Besonders

weit war es nicht mehr bis Ladak, gegen 800 Kilometer, aber bei den

Tagemärschen, die wir machten, erschien die Entfernung endlos. Insofern

war allerdings das langsame Tempo vorteilhaft, als ich Zeit hatte,

das durchreiste Land gründlicher zu erforschen, mehrere astronomische

Punkte festzustellen und mit dem Kochthermometer öfter die Höhe zu

bestimmen.

Ich brach mit Schagdur und Sirkin nach dem Abhange des im Westen des

Lagers liegenden Berge auf. Die Höhe der alten Uferlinien über dem

jetzigen See sollte mit dem Nivellierspiegel gemessen werden. Die Höhe

des Spiegels über dem Boden betrug 1,5 Meter, und die Entfernungen

zwischen den gemessenen Punkten verkürzten sich beinahe beständig, so

daß die Linie, auf deren Einzelheiten ich jetzt nicht eingehen kann,

eine Parabel bildete.

Während des heutigen Tagemarsches sowohl wie später bei mehreren andern

Gelegenheiten konnte ich feststellen, daß die nach Westen abfallenden

Bergseiten stets energischer entwickelte Uferlinien haben als die nach

Osten abfallenden, auf denen die Linien sehr oft sogar ganz fehlen. Auf

den Nord- und Südabhängen sind sie einigermaßen deutlich. Da dies die

Regel ist, fragt man sich: was war die Ursache? Natürlich dasselbe, was

noch heute die Ursache ist, der Westpassat. Dieser treibt die Wogen

nach den Ostufern, wo der Wellenschlag eine sehr kräftige Brandung

erzeugt, während die Westufer vor dem Winde geschützt liegen.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 34 / 42 段