zum Frühstück. Bei gutem Wetter ruderten wir westwärts über den See
weiter, der bald schmäler wurde und ein Ende nahm. Wir fuhren in eine
trompetenförmige Flußmündung hinein, und nach knapp einem Kilometer
befanden wir uns wieder auf einem gewaltigen See. Die Gesandten hatten
ihn +Addan-tso+ genannt, aber die Nomaden, die wir am Ufer trafen,
sagten +Nagma-tso+. Fern im Norden zeigten sich einige Reiter. Wir
hofften, daß es unsere Späher sein würden, aber sie verschwanden
bald wieder und hatten das Boot augenscheinlich nicht gesehen.
Wir beabsichtigten jedoch, schräg über den See nach dem ziemlich
naheliegenden Nordufer zu fahren.
Ich habe soviel von unseren abenteuerlichen Seefahrten gesprochen,
daß ich nur noch hinzufügen will, daß der dritte Sturm uns auf
dem Addan-tso überfiel und uns buchstäblich gegen das nächste
Land schleuderte, wobei sich das Boot mit Wasser füllte, so daß
wir ins Wasser springen und retten mußten, was sich retten ließ.
Glücklicherweise regnete es nicht. Wir breiteten unsere Sachen in
dem starken Wind auf der Erde zum Trocknen aus, zogen die Kleider aus
und hielten sie in den Wind, nachdem wir sie erst tüchtig ausgerungen
hatten, dann lagen wir dort mehrere Stunden still. Schließlich wurde
ich so hungrig, daß ich nach dem nächsten schwarzen Nomadenzelte ging;
ich war aber noch nicht weit gekommen, als Kutschuk mich zurückrief
und auf den kurzen Flußarm, den wir heraufgefahren waren, zeigte. Dort
erschienen zwei Reiter mit drei Packpferden. Sie hatten uns gesehen und
ritten gerade auf uns zu. Es waren Tscherdon und Ördek, die uns seit
zwei Tagen längs des Ufers des Addan-tso suchten und gleich den anderen
in größter Unruhe geschwebt hatten. Nach einer Weile kamen Tschernoff
und der Lama, die uns an den Ufern des Tschargut-tso hatten suchen
wollen. Sirkin war schon gestern dort gewesen und hatte in dem alten
Lager am Ostufer des Sees Umschau gehalten. Sie hatten das Schlimmste
befürchtet und bereits überlegt, was sie tun sollten, wenn ich nicht
wiederkäme. Einige Bootstrümmer und unsere Sachen wollten sie jedoch
erst finden, ehe sie die Gegend ohne ihren Chef verließen.
Tscherdon hatte mehrere Abenteuer gehabt. Mehreremal schienen
uns Reiterpatrouillen zu suchen, und an einer Stelle standen 8
Soldatenzelte, um den Weg nach Lhasa zu sperren.
Wir ritten über einen Paß nach dem großen Lager; mehrere Reiterhaufen
begegneten mir und geleiteten mich dorthin, artig grüßend, indem sie
die Zunge herausstreckten. Das Lager lag in einem Längentale, durch
welches wahrscheinlich auch Littledale gezogen war; ich wollte künftig
seine Route nach Möglichkeit vermeiden. Alles war ruhig, aber dem
alten Muhammed Tokta ging es schlechter. Ein Kamel war tot. Einer der
Tibeter war gestorben. Wir ritten an der Leiche vorbei, die auf die
Erde geworfen worden und von Geiern und Raben entsetzlich zugerichtet
war; viel mehr als das Gerippe war nicht mehr davon übrig. Hladsche
Tsering lud mich in sein Zelt ein und empfing mich wie einen Sieger.
Unter der blauen Decke glänzten die Götterbilder matt durch einen
Weihrauchschleier, und wieder gab es ein üppiges Gastmahl.
Diese Seefahrt war die letzte, die ich in Tibet machte, und das
Boot sollte nachher nur noch auf einigen Flüssen benutzt werden.
Ich bewahre den Tagen, die ich auf dem Selling-tso, Nakktsong-tso,
Tschargut-tso und Addan-tso verlebte, ein ganz besonderes Andenken,
denn sie waren für mich eine unvergeßliche Unterbrechung der langen,
einförmigen Karawanenmärsche. Die Untersuchungen können nur als
vorläufig betrachtet werden, aber sie gaben mir doch einen sehr
wertvollen Überblick über die Hydrographie dieser wunderbar schönen
Seeregion. Wenn die Wasserspiegel hier um etwa 50 Meter gehoben würden,
so würde eine echte, an Norwegens und Schottlands Küsten erinnernde
Fjordlandschaft entstehen. Wahrscheinlich ist auch dieses Land einst
mit Eis bedeckt gewesen, obgleich man vergebens nach Gletscherspuren,
Schrammen, Moränen oder erratischen Blöcken sucht. Die Gesteine sind
verwittert, und alle Spuren fortgetragen, vernichtet. Der Addan-tso
ist der höchste und größte See dieses Gebietes. Mehrere Flüsse von
den angrenzenden Gebirgen, besonders von den hohen Schneeketten, die
im Süden sichtbar sind, ergießen sich in ihn. Der Addan-tso entleert
sein überflüssiges Wasser in den Tschargut-tso, und dieser hat in dem
Jaggju-rappga-Flusse einen Abfluß nach dem Selling-tso. Weiter kommt
das Wasser nicht; es bleibt im Selling-tso, wo es verdunstet, und daher
ist auch nur dieser See salzig. In welchem Verhältnis der Nakktsong-tso
zum Selling-tso steht, ist mir nicht ganz klar geworden. Möglicherweise
existiert ein unterirdischer Abfluß, vielleicht aber ergießt er sich
auch in einen weiter südlich liegenden See, den zu sehen uns nicht
vergönnt war.
Am 25. September sollten wir uns von unseren Freunden Hladsche Tsering
und Junduk Tsering, mit denen wir seit dem 12. zusammengewesen waren,
trennen. Sie schickten mir jeder eine Haddik und ließen mir dabei eine
gute und glückliche Reise wünschen. Dann erschienen sie selbst und
versicherten, daß alles, was wir an Proviant, Führern und Lasttieren
brauchten, uns dem Befehle des Dalai-Lama gemäß zur Verfügung gestellt
werden würde. Als die Karawane marschfertig war, machte ich ihnen
schnell einen Abschiedsbesuch und überreichte ihnen verschiedene
Geschenke, wie Revolver, Messer, Kompasse und Zeugstoffe. Ich
versicherte, daß ich nicht versuchen würde, nach Lhasa vorzudringen,
und bat sie, den Dalai-Lama von mir zu grüßen; aber ich erklärte auch,
daß ich dem Wege, den die Eskorte einschlage, nicht folgen würde. Ich
sagte ihnen ein für allemal, daß die beiden Offiziere, die unsere
künftige Eskorte auf dem Wege nach Westen anführen sollten, sich zu
hüten hätten, mir gegenüber den Herrn spielen zu wollen, sondern mich
jeden Morgen zu fragen hätten, wohin ich zu gehen wünschte. Andernfalls
würden wir sie in zwei von unseren Kisten sperren und sie auf diese
Weise mit in unsere Heimat nehmen.
Hladsche Tsering erwiderte, daß er und sein Amtsbruder Junduk Tsering
mit einigen hundert Mann Kavallerie noch 20 Tage an dem Orte, wo wir
uns trennten, zu bleiben gedächten (Abb. 280). Ich sah sehr wohl ein,
daß dies nur eine List war, um uns davon abzuschrecken, schnell wieder
umzukehren, sobald die beiden abgezogen waren, und antwortete daher,
daß ich die Absicht habe, nur einige Tagereisen westwärts bis an den
nächsten Süßwassersee zu gehen und dort zu bleiben, bis er vollständig
zugefroren sei. Er klärte mich darüber auf, daß sie ohne Ungelegenheit
ein ganzes Jahr in der Gegend lagern könnten. Als ich ihm vorschlug,
daß wir, da wir ja beiderseits so viel Zeit hätten, einander denn
doch lieber Gesellschaft leisten könnten, löste sich das Übertrumpfen
in allgemeine Heiterkeit auf. Hladsche Tsering saß in seinem Zelte und
aß Klops. Junduk Tsering war in dem seinen von Sekretären und ganzen
Haufen von Papieren umgeben. Er verfaßte einen ausführlichen Bericht an
den Dewaschung in Lhasa und schickte Briefe an die Häuptlinge im Westen
auf dem ganzen Wege bis nach Ladak.
Unser Weg lief nach Westen durch ein 30 Kilometer breites Längental,
das sowohl im Süden wie im Norden von ansehnlichen Bergketten begrenzt
ward. Das Wetter war unfreundlich, kalt und windig, die Weide schlecht;
trotzdem zählten wir 32 schwarze Zelte oder ungefähr 150 Einwohner auf
27 Kilometer. Sicherlich sind die Täler im Süden dichter, die nordwärts
gelegenen spärlicher bevölkert; in der letzteren Richtung hört das
Land überdies bald auf, bewohnbar zu sein. Mit uns ritten jetzt nur
22 Mann unter einem Anführer namens Jamdu Tsering, der bald mein ganz
besonderer Freund wurde. Den Platz, an dem wir uns im Lager Nr. 89
niederließen, nannte er +Schalung+, und einen See, der sich im Westen
zeigte, +Daggtse-tso+; ein Fluß, der sich in den westlichen Teil dieses
Sees ergießt, heißt +Boggtsang-sangpo+. Da letzterer Name auf Nain
Singhs und Littledales Karten vorkommt, kann man annehmen, daß auch die
übrigen richtig sind. Sonst habe ich nur eine äußerst geringe Anzahl
der Namen, die Littledale anführt, wiederfinden können.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die lange Reise nach Ladak.
Am 26. September ritten wir nach der Stelle, wo sich der
Boggtsang-sangpo in den See ergießt. Der Fluß teilt sich in mehrere
Arme, und an den Ufern ist die Weide so reichlich, daß wir hier einen
Tag rasten müssen. Wir hatten jetzt nur noch 22 Kamele, die alle sehr
erschöpft waren. Die Pferde sind in schlechtem Zustand. Jetzt sahen wir
nur 16 Zelte auf 28½ Kilometer, aber ziemlich große Schafherden. Die
Gegend ist ziemlich reich an Kulanen, Antilopen, Rebhühnern, Hasen und
Gänsen, und die Jäger versahen uns mit Fleisch in Menge. Der See ist
viel kleiner als die vorhergehenden, aber stark salzig. Ringförmige
Wälle an den Ufern verkünden, daß auch der Daggtse-tso im Austrocknen
begriffen ist. An einer Stelle standen sieben solcher alten Uferwälle
deutlich ausgeprägt übereinander.
[Illustration: 286. Fischen im Boggtsang-sangpo. (S. 305.)]
[Illustration: 287. Die Yake werden beladen. (S. 310.)]
[Illustration: 288. Das Lager Nr. 103 am Quellbache. (S. 312.)]
[Illustration: 289. Lager Nr. 109 im Westen des Lakkor-tso. (S. 316.)
Auf den Bergen im Hintergrund einige Uferlinien.]
Während der folgenden Tagemärsche hielten wir uns in der unmittelbaren
Nähe des Boggtsang-sangpo (Abb. 281). An einem Punkte, wo wir den
Fluß kreuzten, hatte ihn auch Littledale überschritten. Captain
Bowers Route, die wir am Nakktsong-tso und Tschargut-tso gestreift
hatten, liegt nun eine ziemliche Strecke nördlich von unserem Wege,
und wir berühren sie nicht mehr. Nain Singhs Weg läuft einstweilen
noch südlich von unserer Straße. Dadurch, daß ich jetzt dem Laufe
dieses Flusses folgte, konnte ich die Routen der drei Reisenden, die
vor mir diese Teile von Tibet besucht hatten, vermeiden. Es würde
unsere Landeskenntnis vermehren, wenn ich andere Gegenden aufsuchte.
Oft war es jedoch unmöglich zu entscheiden, ob ich mit Littledales
Weg in Kollision war oder nicht. Die Karte dieses ausgezeichneten,
unermüdlichen Reisenden ist leider in zu kleinem Maßstabe ausgeführt,
als daß man sich mit ihrer Hilfe in dem Terrain zurechtfinden könnte.
Bei den Anforderungen, die ich an meine Karte stellte, betrachtete ich
die Landesteile, die meine Vorgänger durchreist hatten und in denen
ich es nicht vermeiden konnte, ihre Routen zu kreuzen oder sogar auf
kurzen Strecken ebenfalls zu benutzen, als unerforschtes Land. Auf
Littledales Karte findet man z. B. weder den Nakktsong-tso noch
den Tschargut-tso, auf der von Bower allerdings diese beiden Seen,
aber nicht den Selling-tso. Bower reiste zwischen dem Nakktsong-tso
und dem Tschargut-tso durch, aber er erforschte nicht das Verhältnis,
in welchem die verschiedenen Seen zueinander stehen; der Addan-tso
ist auf seiner Karte gar nicht angegeben, ebensowenig ein Abfluß des
Tschargut-tso. Er hat geglaubt, daß der Jaggju-rappga ein Fluß sei, der
sich +in+ den Tschargut-tso ergießt, obwohl das Wasser +aus+ dem See
strömt. Es ist weder meine Aufgabe noch meine Absicht, das vorhandene
Kartenmaterial über Innerasien in dieser Arbeit zu kritisieren, ich
will nur erklären, weshalb ich Grund hatte, manchen Landesteil, den
auf der Karte eine rote Linie durchzieht, als eine ~terra incognita~
zu betrachten. Der Zweck einer Reise durch unbekanntes Land ist doch,
daß man vor allem eine Karte desselben vorzeigen kann, und eine solche
ist zwecklos, wenn sie nicht vollkommen zuverlässig ist. Was haben die
großen Strapazen und Kosten, die mit einer solchen Reise verbunden
sind, sonst für einen Nutzen? Littledales und Bowers Reisen sind
übrigens bewundernswerte Beweise von Kraft und Ausdauer. Von den drei
Karten aber ist Nain Singhs die beste, obwohl sie einer Revision sehr
bedarf. --
Die erste Tagereise längs des Boggtsang-sangpo ging durch ziemlich
gutes Weideland; hier und dort zeigten sich Nomadenlager. Das Wetter
war herrlich, obgleich die Nachtkälte bis auf -8 Grad fiel. Es war
ganz windstill, keine Wolke sichtbar; solches Wetter würde uns auf dem
Tschargut-tso gefallen haben. Wenn man, wie wir, nach Westen reitet,
wird die linke Seite des Gesichtes so von der Sonne angegriffen, daß
die Haut stückweise abblättert, während die andere eisig kalt ist.
Der linke Fuß hat es schön warm, indes der rechte im Schatten beinahe
erfriert.
Am 29. September legten wir 29 Kilometer zurück und lagerten am Ufer
des Flusses im Lager Nr. 92 unmittelbar neben seinen brausenden Wirbeln
(Abb. 282, 283). In der Dämmerung langten die Tibeter an und schlugen
ihre Zelte uns gerade gegenüber am rechten Ufer auf.
Am folgenden Tag marschierten wir auf dem südlichen Ufer. Der Fluß
macht viele Krümmungen und hat ein scharf ausgeprägtes Bett. Das
südlich von seinem Tale liegende Gebirge heißt +Nangra+. Schagdur
hatte sich ein paar Stunden lang nicht sehen lassen; als er uns aber
einholte, schwenkte er triumphierend ein Bündel prächtiger Fische in
der Luft. Sobald wir das Lager aufgeschlagen hatten, wurde das Boot
zusammengesetzt, und die Lopmänner fischten mit dem Schleppnetz in den
Flußbiegungen (Abb. 286). Die Angler hatten jedoch mehr Glück.
Drei Tage Marsch und den vierten Rast ist jetzt unter gewöhnlichen
Verhältnissen die Regel. Infolgedessen war der 1. Oktober ein Rasttag;
er wurde von den meisten zum Fischfang benutzt. Schagdur hat das größte
Fischglück; er angelte 18 Stück und schoß außerdem zur Abwechslung
eine Antilope. Turdu Bai steht den ganzen Tag wie ein alter, in der
Sommerfrische befindlicher Onkel mit seiner Angelrute in der Hand am
Ufer und hat dabei die unerschütterliche Geduld des echten Anglers. Er
schmunzelte ordentlich, als er mir seinen Fang zeigte. Der Lama las
heilige Schriften. Jamdu Tsering und Tsering Daschi (Abb. 284), die
Anführer unserer Leibwache, baten mich, ihnen eines unserer Schafe
zu überlassen, da sie nichts mehr zu essen hätten, beim nächsten
Zeltlager sollten wir Ersatz dafür erhalten. Ihre Bitte wurde ihnen
mit um so größerer Bereitwilligkeit gewährt, als sie uns schon viele
Freundlichkeiten erwiesen hatten.
2. Oktober. In der Nacht hatten wir -11 Grad; der Winter naht sich, wir
müssen uns beeilen, nach Ladak zu kommen. Der Tagemarsch führte nach
Westsüdwest, auf dem Südufer des Boggtsang-sangpo, und zum vierten Male
lagerten wir an diesem Flusse (Abb. 285). Die Breite betrug hier nur 6
Meter, aber die Tiefe war groß. Die Zelte sind kaum aufgeschlagen, als
die Angelruten schon wieder in voller Tätigkeit sind. Während dieser
Tage lebten wir hauptsächlich von Fischen, ich fast ausschließlich.
Am 3. Oktober folgten wir dem Flusse zum letzten Male und ließen ihn
nachher links liegen. Ich hätte gar zu gern einen südlicheren Weg
eingeschlagen, aber das Land war zu gebirgig für die Kamele. Heute
tröstete ich mich überdies mit der Aussicht, den Berg kennenzulernen,
den Littledale den „Vulkan Tongo“ nennt, von dem mir aber gesagt
wurde, daß er +Erenak-tschimmo+ heiße. Von unserem Lager Nr. 95 aus
gesehen, glich er an Gestalt einem regelrechten Vulkankegel; aber von
dem heutigen Passe sah man, daß er, wie alle anderen Kämme hier in
der Gegend, eine nicht unbedeutende Ausdehnung nach Westen hatte. Die
Karawane mußte ihre eigene Straße mit den Tibetern ziehen, während wir,
nämlich ich, der Lama und Tschernoff, nach dem Berge hinaufritten.
Über einige Konglomeratplatten gelangen wir an einen Bach am Fuße des
Berges, wo ein einsames Nomadenzelt aufgeschlagen war. Wir ritten
so hoch hinauf, als unsere Pferde es aushalten konnten, und gingen
dann zu Fuß weiter. Bald hatten wir jedoch genug vom Klettern und
rasteten eine gute Weile. An einigen Stellen trat anstehendes Gestein
zutage, das aus Granit, kristallinischem Schiefer und Porphyr bestand,
während verschiedene andere Gesteinarten durch lose Stücke vertreten
waren. Ein Vulkan ist dieser Berg nicht und ist es auch nie gewesen;
er ist nur ein Glied in den parallelen Ketten, die, von dem hohen
Aussichtspunkte betrachtet, die ganze Landschaft als ein unentwirrbares
Durcheinander von Kämmen und Rücken erscheinen lassen, in welchem wir
nur die dominierenden Schneegipfel und die Täler, durch welche wir vom
Daggtse-tso an gezogen sind, wiedererkennen. Herrlich und friedvoll war
es dort oben mitten in den Wolken und Winden, fern von der Karawane und
ihren kleinen Intrigen; ich wäre gern ein paar Tage dort geblieben.
Im östlichen Giebel des dritten der kleinen krenelierten Kämme gibt es
eine runde Grotte mit einem äußeren und einem inneren Raume, die eine
Mauer aus Steinplatten trennt. Der Eingang der Grotte ist ungefähr 3
Meter hoch. Nach der dicken Rußschicht an der Decke zu urteilen, ist
die Grotte lange Zeit bewohnt gewesen; der Felsboden in ihrem Inneren
ist mit Schafmist bedeckt. Wir saßen eine Weile in der Grotte und
genossen die malerische Aussicht durch ihre Öffnung -- das ganze Tal
glänzte im Sonnenschein, während wir uns bei Windstille im kühlen
Schatten befanden. Auf verschiedenen Steinplatten sind die Worte „Om
mani padme hum“ eingehauen. Vielleicht hat ein Eremit, der sein Leben
den Göttern des Berges geweiht, hier seinen Wohnsitz gehabt.
Dann ritten wir weiter nach einem ziemlich bequemen Passe hinauf.
Unterwegs fanden wir Hamra Kul in einer Rinne. Er hätte tot sein
können, so regungslos lag er auf der Seite. Ich trat an ihn heran und
betrachtete ihn; er jammerte und versicherte, keinen Schritt mehr gehen
zu können. Er wurde einstweilen liegengelassen, denn ich wußte ganz
genau, wo ihn der Schuh drückte. Gestern war er nämlich von seinem
Posten als Führer der Pferdekarawane abgesetzt worden, weil er sich
wiederholt hatte Nachlässigkeiten zuschulden kommen lassen, und Mollah
Schah war zu seinem Nachfolger ernannt worden.
Jenseits des Passes (5014 Meter) hatten sich die Tibeter
niedergelassen, die nun kamen, um mir ihr Bedauern darüber
auszudrücken, daß wir nicht auf sie hätten hören wollen, als sie
gesagt, weiter fort gebe es keine Weide. Ich konnte es nicht ändern
und ritt in der Dunkelheit nach dem Lager, das in einer Gegend
namens +Tschuring+ aufgeschlagen war. Hier wußte Mollah Schah, der
in Littledales Diensten gewesen war, Bescheid, und zu noch größerer
Gewißheit fanden wir ein Eselhufeisen, das von keiner anderen als des
Engländers Karawane stammen konnte.
Der 5. Oktober, an dem wir 24 Kilometer nach Westen ritten, war einer
der schlimmsten Tage, deren ich mich erinnern kann. Nachts hatten wir
-13,7 Grad gehabt, und der Bach am Lager war zugefroren, so daß ich
wiederholt durch das helle Krachen der Eisscheiben geweckt wurde. Bei
dem Kohlenbecken in der Jurte spürt man die Kälte nicht, aber bei
direktem Gegenwind und halbem Sturm war es grimmig kalt auf dem Ritte.
Man erlahmt, wird durchkältet und ist schließlich arbeitsunfähig. Die
Sonne stand fast den ganzen Tag am Himmel, aber der Wind neutralisiert
ihre Wirkung. Sowohl die Unseren wie die Tibeter gingen meistens
zu Fuß, um nicht zu erfrieren. Mir war es eine außerordentliche
Anstrengung, in einer solchen Höhe gegen solchen Wind zu Fuß zu gehen.
Wenn ich das Gefühl in den Händen verliere, raste ich daher eine Weile
in der Schlucht mit dem Rücken gegen den Wind und rauche eine Pfeife.
Einigermaßen aufgetaut, hole ich die Karawane zu Pferde ein, bin
dann aber schon wieder für eine neue Rast reif. Das wird ein netter
Winter werden, dachten wir, wenn schon der Herbst so eisig kalt ist!
Am traurigsten ist es jedoch, daß es mit allen unseren Kamelen und
Pferden beinahe gleichzeitig zu Ende geht. Eines der jungen Kamele
aus Tscharchlik blieb heute schon zu Anfang des Marsches zurück. Ich
wollte es töten lassen; aber nachdem es uns gelungen war, es wieder
auf die Beine zu bringen, führte ich es selbst, bis es sich wieder
hinlegte. Der Packsattel wurde ihm abgenommen und aufgetrennt, und es
fraß das Strohpolster mit gutem Appetit. Sein ganzer Körper gewährte
einen traurigen Anblick, nur Haut und Knochen, und doch will man die
Tiere nicht eher opfern, als bis man sie nicht mehr dazu bewegen kann,
auch nur einen Fuß vorzusetzen. Man hofft stets, an einen Weideplatz
zu gelangen, wo die Müden ihre erschöpften Kräfte wiedergewinnen
können. Nachdem ich einen Mann bei ihm zurückgelassen hatte, ritt ich
weiter, doch nur, um bald zwei Kamele zu überholen, die ebenfalls mit
ihren Führern zurückgeblieben waren. Eines von ihnen hatte die dumme
Gewohnheit, bei jedem Schritt mit dem linken Vorderfuße gegen den
rechten zu schlagen, wodurch eine Wunde entstanden war, die nie ruhig
heilen konnte, sondern beständig blutete. Die Wunde mußte täglich
nachgesehen, ausgewaschen und verbunden werden.
Später überholten wir zwei zurückgebliebene Pferde, die Kutschuk
führte. Das eine von ihnen war dasjenige, welches ich geritten hatte,
als ich vor mehr als zwei Jahren Kaschgar verließ, also der älteste
Veteran unter den Pferden. Das andere war einer von Kamba Bombos
Schimmeln. Mein Reitpferd, auf dem ich von Tscharchlik aufgebrochen war
und das wir schon ein paarmal für verloren gehalten hatten, kam noch
immer mit, wenn auch mit Mühe und Not.
Die Krankenliste ist gegenwärtig größer als je. Hamra Kul, der gestern
zurückblieb, wurde von einigen freundlichen Tibetern geholt. Mit
Muhammed Tokta geht es in alter Weise, d. h. er muß auf seinem Pferde
angebunden werden und lehnt dort vornüber gebeugt, still und geduldig,
gegen ein Kissen. Almas hat Augenschmerzen und behauptet, fast blind
zu sein; nachdem er aber ein wenig Kokain und eine dunkle Brille
bekommen, ist er bedeutend munterer. Bei solchem Wind muß man indessen
ganz besonders eingerichtete Augen haben, wenn sie einem nicht wehtun
sollen. Nach dem heutigen Tagemarsche braucht man eine gute Stunde,
ehe man wieder arbeitsfähig ist. Ich glaube nicht, daß das Erfrieren
so schlimm ist; man erstarrt zur Gefühllosigkeit ohne nennenswerte
Schmerzen. Am Abend wurde auch Chodai Kullu krank gemeldet; er hatte
Fieberschauer und Kopfschmerzen, weshalb er Chinin bekam. Bald steht
die halbe Karawane auf der Krankenliste.
Ich ließ mir Jamdu Tsering rufen und sagte ihm, es werde jetzt wirklich
Zeit, daß er uns die vom Dalai-Lama zugesagten Yake besorge; er
versprach, die Sache bald ins Reine zu bringen.
Im Laufe des Tages ritten wir an dem Flusse hinauf, der sich weiter
östlich in den Boggtsang-sangpo ergießt. Hier und dort sehen wir
Schafhürden, die einfach aus einer halbkreisförmigen Steinmauer
bestehen, deren höchster Teil dem hier vorherrschenden Westwinde
zugekehrt ist. Die grauen Mauern stechen scharf ab gegen den Boden im
Innern, der mit Mist bedeckt ist.
In der Gegend von +Setscha+ (5048 Meter) mußten wir an einem nicht
unbedeutenden Flusse Halt machen; Ahmed, Islam, Hamra Kul, der Mollah,
Tschernoff, drei Kamele und zwei Pferde waren zurückgeblieben. Sie
langten erst lange nach Dunkelwerden an. Das erste Kamel hatte getötet
werden müssen, das zweite sollte morgen geholt werden, nur das dritte
war noch mitgekommen. Ein Pferd war gestorben, das Kaschgarpferd lag am
folgenden Morgen, 6. Oktober, tot beim Lager, ein drittes brach auf dem
Wege nach dem nächsten Rastorte zusammen. Die Karawane verkleinert sich
nur allzu schnell!
Die Nachtkälte sank auf -14,9 Grad, und das Eis des Flusses trug. Ein
ganz kurzer Tagemarsch wurde gemacht, um einen Platz mit besserer,
wenn auch erbärmlicher Weide zu erreichen. Wenn wir so langsam
vorwärtsschreiten, können wir kaum hoffen, vor Weihnachten nach Ladak
zu gelangen. In dem Lager Nr. 98, wo wir Yake erhalten sollten, wurden
im Laufe des Tages alle unsere Sachen umgepackt. Alle Lasten wurden
auseinandergenommen und zu kleineren Ballen verschnürt, denn der Yak
ist einer Kamellast nicht gewachsen.
Schon um 9 Uhr abends hatten wir -10,6 Grad und nachts -17,9 Grad. Der
Winter hatte schon seinen Einzug gehalten, und sein Regiment würde nun
volle sieben Monate dauern!