Am Morgen des 24. September hatten wir nur noch ein Stückchen Brot

zum Frühstück. Bei gutem Wetter ruderten wir westwärts über den See

weiter, der bald schmäler wurde und ein Ende nahm. Wir fuhren in eine

trompetenförmige Flußmündung hinein, und nach knapp einem Kilometer

befanden wir uns wieder auf einem gewaltigen See. Die Gesandten hatten

ihn +Addan-tso+ genannt, aber die Nomaden, die wir am Ufer trafen,

sagten +Nagma-tso+. Fern im Norden zeigten sich einige Reiter. Wir

hofften, daß es unsere Späher sein würden, aber sie verschwanden

bald wieder und hatten das Boot augenscheinlich nicht gesehen.

Wir beabsichtigten jedoch, schräg über den See nach dem ziemlich

naheliegenden Nordufer zu fahren.

Ich habe soviel von unseren abenteuerlichen Seefahrten gesprochen,

daß ich nur noch hinzufügen will, daß der dritte Sturm uns auf

dem Addan-tso überfiel und uns buchstäblich gegen das nächste

Land schleuderte, wobei sich das Boot mit Wasser füllte, so daß

wir ins Wasser springen und retten mußten, was sich retten ließ.

Glücklicherweise regnete es nicht. Wir breiteten unsere Sachen in

dem starken Wind auf der Erde zum Trocknen aus, zogen die Kleider aus

und hielten sie in den Wind, nachdem wir sie erst tüchtig ausgerungen

hatten, dann lagen wir dort mehrere Stunden still. Schließlich wurde

ich so hungrig, daß ich nach dem nächsten schwarzen Nomadenzelte ging;

ich war aber noch nicht weit gekommen, als Kutschuk mich zurückrief

und auf den kurzen Flußarm, den wir heraufgefahren waren, zeigte. Dort

erschienen zwei Reiter mit drei Packpferden. Sie hatten uns gesehen und

ritten gerade auf uns zu. Es waren Tscherdon und Ördek, die uns seit

zwei Tagen längs des Ufers des Addan-tso suchten und gleich den anderen

in größter Unruhe geschwebt hatten. Nach einer Weile kamen Tschernoff

und der Lama, die uns an den Ufern des Tschargut-tso hatten suchen

wollen. Sirkin war schon gestern dort gewesen und hatte in dem alten

Lager am Ostufer des Sees Umschau gehalten. Sie hatten das Schlimmste

befürchtet und bereits überlegt, was sie tun sollten, wenn ich nicht

wiederkäme. Einige Bootstrümmer und unsere Sachen wollten sie jedoch

erst finden, ehe sie die Gegend ohne ihren Chef verließen.

Tscherdon hatte mehrere Abenteuer gehabt. Mehreremal schienen

uns Reiterpatrouillen zu suchen, und an einer Stelle standen 8

Soldatenzelte, um den Weg nach Lhasa zu sperren.

Wir ritten über einen Paß nach dem großen Lager; mehrere Reiterhaufen

begegneten mir und geleiteten mich dorthin, artig grüßend, indem sie

die Zunge herausstreckten. Das Lager lag in einem Längentale, durch

welches wahrscheinlich auch Littledale gezogen war; ich wollte künftig

seine Route nach Möglichkeit vermeiden. Alles war ruhig, aber dem

alten Muhammed Tokta ging es schlechter. Ein Kamel war tot. Einer der

Tibeter war gestorben. Wir ritten an der Leiche vorbei, die auf die

Erde geworfen worden und von Geiern und Raben entsetzlich zugerichtet

war; viel mehr als das Gerippe war nicht mehr davon übrig. Hladsche

Tsering lud mich in sein Zelt ein und empfing mich wie einen Sieger.

Unter der blauen Decke glänzten die Götterbilder matt durch einen

Weihrauchschleier, und wieder gab es ein üppiges Gastmahl.

Diese Seefahrt war die letzte, die ich in Tibet machte, und das

Boot sollte nachher nur noch auf einigen Flüssen benutzt werden.

Ich bewahre den Tagen, die ich auf dem Selling-tso, Nakktsong-tso,

Tschargut-tso und Addan-tso verlebte, ein ganz besonderes Andenken,

denn sie waren für mich eine unvergeßliche Unterbrechung der langen,

einförmigen Karawanenmärsche. Die Untersuchungen können nur als

vorläufig betrachtet werden, aber sie gaben mir doch einen sehr

wertvollen Überblick über die Hydrographie dieser wunderbar schönen

Seeregion. Wenn die Wasserspiegel hier um etwa 50 Meter gehoben würden,

so würde eine echte, an Norwegens und Schottlands Küsten erinnernde

Fjordlandschaft entstehen. Wahrscheinlich ist auch dieses Land einst

mit Eis bedeckt gewesen, obgleich man vergebens nach Gletscherspuren,

Schrammen, Moränen oder erratischen Blöcken sucht. Die Gesteine sind

verwittert, und alle Spuren fortgetragen, vernichtet. Der Addan-tso

ist der höchste und größte See dieses Gebietes. Mehrere Flüsse von

den angrenzenden Gebirgen, besonders von den hohen Schneeketten, die

im Süden sichtbar sind, ergießen sich in ihn. Der Addan-tso entleert

sein überflüssiges Wasser in den Tschargut-tso, und dieser hat in dem

Jaggju-rappga-Flusse einen Abfluß nach dem Selling-tso. Weiter kommt

das Wasser nicht; es bleibt im Selling-tso, wo es verdunstet, und daher

ist auch nur dieser See salzig. In welchem Verhältnis der Nakktsong-tso

zum Selling-tso steht, ist mir nicht ganz klar geworden. Möglicherweise

existiert ein unterirdischer Abfluß, vielleicht aber ergießt er sich

auch in einen weiter südlich liegenden See, den zu sehen uns nicht

vergönnt war.

Am 25. September sollten wir uns von unseren Freunden Hladsche Tsering

und Junduk Tsering, mit denen wir seit dem 12. zusammengewesen waren,

trennen. Sie schickten mir jeder eine Haddik und ließen mir dabei eine

gute und glückliche Reise wünschen. Dann erschienen sie selbst und

versicherten, daß alles, was wir an Proviant, Führern und Lasttieren

brauchten, uns dem Befehle des Dalai-Lama gemäß zur Verfügung gestellt

werden würde. Als die Karawane marschfertig war, machte ich ihnen

schnell einen Abschiedsbesuch und überreichte ihnen verschiedene

Geschenke, wie Revolver, Messer, Kompasse und Zeugstoffe. Ich

versicherte, daß ich nicht versuchen würde, nach Lhasa vorzudringen,

und bat sie, den Dalai-Lama von mir zu grüßen; aber ich erklärte auch,

daß ich dem Wege, den die Eskorte einschlage, nicht folgen würde. Ich

sagte ihnen ein für allemal, daß die beiden Offiziere, die unsere

künftige Eskorte auf dem Wege nach Westen anführen sollten, sich zu

hüten hätten, mir gegenüber den Herrn spielen zu wollen, sondern mich

jeden Morgen zu fragen hätten, wohin ich zu gehen wünschte. Andernfalls

würden wir sie in zwei von unseren Kisten sperren und sie auf diese

Weise mit in unsere Heimat nehmen.

Hladsche Tsering erwiderte, daß er und sein Amtsbruder Junduk Tsering

mit einigen hundert Mann Kavallerie noch 20 Tage an dem Orte, wo wir

uns trennten, zu bleiben gedächten (Abb. 280). Ich sah sehr wohl ein,

daß dies nur eine List war, um uns davon abzuschrecken, schnell wieder

umzukehren, sobald die beiden abgezogen waren, und antwortete daher,

daß ich die Absicht habe, nur einige Tagereisen westwärts bis an den

nächsten Süßwassersee zu gehen und dort zu bleiben, bis er vollständig

zugefroren sei. Er klärte mich darüber auf, daß sie ohne Ungelegenheit

ein ganzes Jahr in der Gegend lagern könnten. Als ich ihm vorschlug,

daß wir, da wir ja beiderseits so viel Zeit hätten, einander denn

doch lieber Gesellschaft leisten könnten, löste sich das Übertrumpfen

in allgemeine Heiterkeit auf. Hladsche Tsering saß in seinem Zelte und

aß Klops. Junduk Tsering war in dem seinen von Sekretären und ganzen

Haufen von Papieren umgeben. Er verfaßte einen ausführlichen Bericht an

den Dewaschung in Lhasa und schickte Briefe an die Häuptlinge im Westen

auf dem ganzen Wege bis nach Ladak.

Unser Weg lief nach Westen durch ein 30 Kilometer breites Längental,

das sowohl im Süden wie im Norden von ansehnlichen Bergketten begrenzt

ward. Das Wetter war unfreundlich, kalt und windig, die Weide schlecht;

trotzdem zählten wir 32 schwarze Zelte oder ungefähr 150 Einwohner auf

27 Kilometer. Sicherlich sind die Täler im Süden dichter, die nordwärts

gelegenen spärlicher bevölkert; in der letzteren Richtung hört das

Land überdies bald auf, bewohnbar zu sein. Mit uns ritten jetzt nur

22 Mann unter einem Anführer namens Jamdu Tsering, der bald mein ganz

besonderer Freund wurde. Den Platz, an dem wir uns im Lager Nr. 89

niederließen, nannte er +Schalung+, und einen See, der sich im Westen

zeigte, +Daggtse-tso+; ein Fluß, der sich in den westlichen Teil dieses

Sees ergießt, heißt +Boggtsang-sangpo+. Da letzterer Name auf Nain

Singhs und Littledales Karten vorkommt, kann man annehmen, daß auch die

übrigen richtig sind. Sonst habe ich nur eine äußerst geringe Anzahl

der Namen, die Littledale anführt, wiederfinden können.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die lange Reise nach Ladak.

Am 26. September ritten wir nach der Stelle, wo sich der

Boggtsang-sangpo in den See ergießt. Der Fluß teilt sich in mehrere

Arme, und an den Ufern ist die Weide so reichlich, daß wir hier einen

Tag rasten müssen. Wir hatten jetzt nur noch 22 Kamele, die alle sehr

erschöpft waren. Die Pferde sind in schlechtem Zustand. Jetzt sahen wir

nur 16 Zelte auf 28½ Kilometer, aber ziemlich große Schafherden. Die

Gegend ist ziemlich reich an Kulanen, Antilopen, Rebhühnern, Hasen und

Gänsen, und die Jäger versahen uns mit Fleisch in Menge. Der See ist

viel kleiner als die vorhergehenden, aber stark salzig. Ringförmige

Wälle an den Ufern verkünden, daß auch der Daggtse-tso im Austrocknen

begriffen ist. An einer Stelle standen sieben solcher alten Uferwälle

deutlich ausgeprägt übereinander.

[Illustration: 286. Fischen im Boggtsang-sangpo. (S. 305.)]

[Illustration: 287. Die Yake werden beladen. (S. 310.)]

[Illustration: 288. Das Lager Nr. 103 am Quellbache. (S. 312.)]

[Illustration: 289. Lager Nr. 109 im Westen des Lakkor-tso. (S. 316.)

Auf den Bergen im Hintergrund einige Uferlinien.]

Während der folgenden Tagemärsche hielten wir uns in der unmittelbaren

Nähe des Boggtsang-sangpo (Abb. 281). An einem Punkte, wo wir den

Fluß kreuzten, hatte ihn auch Littledale überschritten. Captain

Bowers Route, die wir am Nakktsong-tso und Tschargut-tso gestreift

hatten, liegt nun eine ziemliche Strecke nördlich von unserem Wege,

und wir berühren sie nicht mehr. Nain Singhs Weg läuft einstweilen

noch südlich von unserer Straße. Dadurch, daß ich jetzt dem Laufe

dieses Flusses folgte, konnte ich die Routen der drei Reisenden, die

vor mir diese Teile von Tibet besucht hatten, vermeiden. Es würde

unsere Landeskenntnis vermehren, wenn ich andere Gegenden aufsuchte.

Oft war es jedoch unmöglich zu entscheiden, ob ich mit Littledales

Weg in Kollision war oder nicht. Die Karte dieses ausgezeichneten,

unermüdlichen Reisenden ist leider in zu kleinem Maßstabe ausgeführt,

als daß man sich mit ihrer Hilfe in dem Terrain zurechtfinden könnte.

Bei den Anforderungen, die ich an meine Karte stellte, betrachtete ich

die Landesteile, die meine Vorgänger durchreist hatten und in denen

ich es nicht vermeiden konnte, ihre Routen zu kreuzen oder sogar auf

kurzen Strecken ebenfalls zu benutzen, als unerforschtes Land. Auf

Littledales Karte findet man z. B. weder den Nakktsong-tso noch

den Tschargut-tso, auf der von Bower allerdings diese beiden Seen,

aber nicht den Selling-tso. Bower reiste zwischen dem Nakktsong-tso

und dem Tschargut-tso durch, aber er erforschte nicht das Verhältnis,

in welchem die verschiedenen Seen zueinander stehen; der Addan-tso

ist auf seiner Karte gar nicht angegeben, ebensowenig ein Abfluß des

Tschargut-tso. Er hat geglaubt, daß der Jaggju-rappga ein Fluß sei, der

sich +in+ den Tschargut-tso ergießt, obwohl das Wasser +aus+ dem See

strömt. Es ist weder meine Aufgabe noch meine Absicht, das vorhandene

Kartenmaterial über Innerasien in dieser Arbeit zu kritisieren, ich

will nur erklären, weshalb ich Grund hatte, manchen Landesteil, den

auf der Karte eine rote Linie durchzieht, als eine ~terra incognita~

zu betrachten. Der Zweck einer Reise durch unbekanntes Land ist doch,

daß man vor allem eine Karte desselben vorzeigen kann, und eine solche

ist zwecklos, wenn sie nicht vollkommen zuverlässig ist. Was haben die

großen Strapazen und Kosten, die mit einer solchen Reise verbunden

sind, sonst für einen Nutzen? Littledales und Bowers Reisen sind

übrigens bewundernswerte Beweise von Kraft und Ausdauer. Von den drei

Karten aber ist Nain Singhs die beste, obwohl sie einer Revision sehr

bedarf. --

Die erste Tagereise längs des Boggtsang-sangpo ging durch ziemlich

gutes Weideland; hier und dort zeigten sich Nomadenlager. Das Wetter

war herrlich, obgleich die Nachtkälte bis auf -8 Grad fiel. Es war

ganz windstill, keine Wolke sichtbar; solches Wetter würde uns auf dem

Tschargut-tso gefallen haben. Wenn man, wie wir, nach Westen reitet,

wird die linke Seite des Gesichtes so von der Sonne angegriffen, daß

die Haut stückweise abblättert, während die andere eisig kalt ist.

Der linke Fuß hat es schön warm, indes der rechte im Schatten beinahe

erfriert.

Am 29. September legten wir 29 Kilometer zurück und lagerten am Ufer

des Flusses im Lager Nr. 92 unmittelbar neben seinen brausenden Wirbeln

(Abb. 282, 283). In der Dämmerung langten die Tibeter an und schlugen

ihre Zelte uns gerade gegenüber am rechten Ufer auf.

Am folgenden Tag marschierten wir auf dem südlichen Ufer. Der Fluß

macht viele Krümmungen und hat ein scharf ausgeprägtes Bett. Das

südlich von seinem Tale liegende Gebirge heißt +Nangra+. Schagdur

hatte sich ein paar Stunden lang nicht sehen lassen; als er uns aber

einholte, schwenkte er triumphierend ein Bündel prächtiger Fische in

der Luft. Sobald wir das Lager aufgeschlagen hatten, wurde das Boot

zusammengesetzt, und die Lopmänner fischten mit dem Schleppnetz in den

Flußbiegungen (Abb. 286). Die Angler hatten jedoch mehr Glück.

Drei Tage Marsch und den vierten Rast ist jetzt unter gewöhnlichen

Verhältnissen die Regel. Infolgedessen war der 1. Oktober ein Rasttag;

er wurde von den meisten zum Fischfang benutzt. Schagdur hat das größte

Fischglück; er angelte 18 Stück und schoß außerdem zur Abwechslung

eine Antilope. Turdu Bai steht den ganzen Tag wie ein alter, in der

Sommerfrische befindlicher Onkel mit seiner Angelrute in der Hand am

Ufer und hat dabei die unerschütterliche Geduld des echten Anglers. Er

schmunzelte ordentlich, als er mir seinen Fang zeigte. Der Lama las

heilige Schriften. Jamdu Tsering und Tsering Daschi (Abb. 284), die

Anführer unserer Leibwache, baten mich, ihnen eines unserer Schafe

zu überlassen, da sie nichts mehr zu essen hätten, beim nächsten

Zeltlager sollten wir Ersatz dafür erhalten. Ihre Bitte wurde ihnen

mit um so größerer Bereitwilligkeit gewährt, als sie uns schon viele

Freundlichkeiten erwiesen hatten.

2. Oktober. In der Nacht hatten wir -11 Grad; der Winter naht sich, wir

müssen uns beeilen, nach Ladak zu kommen. Der Tagemarsch führte nach

Westsüdwest, auf dem Südufer des Boggtsang-sangpo, und zum vierten Male

lagerten wir an diesem Flusse (Abb. 285). Die Breite betrug hier nur 6

Meter, aber die Tiefe war groß. Die Zelte sind kaum aufgeschlagen, als

die Angelruten schon wieder in voller Tätigkeit sind. Während dieser

Tage lebten wir hauptsächlich von Fischen, ich fast ausschließlich.

Am 3. Oktober folgten wir dem Flusse zum letzten Male und ließen ihn

nachher links liegen. Ich hätte gar zu gern einen südlicheren Weg

eingeschlagen, aber das Land war zu gebirgig für die Kamele. Heute

tröstete ich mich überdies mit der Aussicht, den Berg kennenzulernen,

den Littledale den „Vulkan Tongo“ nennt, von dem mir aber gesagt

wurde, daß er +Erenak-tschimmo+ heiße. Von unserem Lager Nr. 95 aus

gesehen, glich er an Gestalt einem regelrechten Vulkankegel; aber von

dem heutigen Passe sah man, daß er, wie alle anderen Kämme hier in

der Gegend, eine nicht unbedeutende Ausdehnung nach Westen hatte. Die

Karawane mußte ihre eigene Straße mit den Tibetern ziehen, während wir,

nämlich ich, der Lama und Tschernoff, nach dem Berge hinaufritten.

Über einige Konglomeratplatten gelangen wir an einen Bach am Fuße des

Berges, wo ein einsames Nomadenzelt aufgeschlagen war. Wir ritten

so hoch hinauf, als unsere Pferde es aushalten konnten, und gingen

dann zu Fuß weiter. Bald hatten wir jedoch genug vom Klettern und

rasteten eine gute Weile. An einigen Stellen trat anstehendes Gestein

zutage, das aus Granit, kristallinischem Schiefer und Porphyr bestand,

während verschiedene andere Gesteinarten durch lose Stücke vertreten

waren. Ein Vulkan ist dieser Berg nicht und ist es auch nie gewesen;

er ist nur ein Glied in den parallelen Ketten, die, von dem hohen

Aussichtspunkte betrachtet, die ganze Landschaft als ein unentwirrbares

Durcheinander von Kämmen und Rücken erscheinen lassen, in welchem wir

nur die dominierenden Schneegipfel und die Täler, durch welche wir vom

Daggtse-tso an gezogen sind, wiedererkennen. Herrlich und friedvoll war

es dort oben mitten in den Wolken und Winden, fern von der Karawane und

ihren kleinen Intrigen; ich wäre gern ein paar Tage dort geblieben.

Im östlichen Giebel des dritten der kleinen krenelierten Kämme gibt es

eine runde Grotte mit einem äußeren und einem inneren Raume, die eine

Mauer aus Steinplatten trennt. Der Eingang der Grotte ist ungefähr 3

Meter hoch. Nach der dicken Rußschicht an der Decke zu urteilen, ist

die Grotte lange Zeit bewohnt gewesen; der Felsboden in ihrem Inneren

ist mit Schafmist bedeckt. Wir saßen eine Weile in der Grotte und

genossen die malerische Aussicht durch ihre Öffnung -- das ganze Tal

glänzte im Sonnenschein, während wir uns bei Windstille im kühlen

Schatten befanden. Auf verschiedenen Steinplatten sind die Worte „Om

mani padme hum“ eingehauen. Vielleicht hat ein Eremit, der sein Leben

den Göttern des Berges geweiht, hier seinen Wohnsitz gehabt.

Dann ritten wir weiter nach einem ziemlich bequemen Passe hinauf.

Unterwegs fanden wir Hamra Kul in einer Rinne. Er hätte tot sein

können, so regungslos lag er auf der Seite. Ich trat an ihn heran und

betrachtete ihn; er jammerte und versicherte, keinen Schritt mehr gehen

zu können. Er wurde einstweilen liegengelassen, denn ich wußte ganz

genau, wo ihn der Schuh drückte. Gestern war er nämlich von seinem

Posten als Führer der Pferdekarawane abgesetzt worden, weil er sich

wiederholt hatte Nachlässigkeiten zuschulden kommen lassen, und Mollah

Schah war zu seinem Nachfolger ernannt worden.

Jenseits des Passes (5014 Meter) hatten sich die Tibeter

niedergelassen, die nun kamen, um mir ihr Bedauern darüber

auszudrücken, daß wir nicht auf sie hätten hören wollen, als sie

gesagt, weiter fort gebe es keine Weide. Ich konnte es nicht ändern

und ritt in der Dunkelheit nach dem Lager, das in einer Gegend

namens +Tschuring+ aufgeschlagen war. Hier wußte Mollah Schah, der

in Littledales Diensten gewesen war, Bescheid, und zu noch größerer

Gewißheit fanden wir ein Eselhufeisen, das von keiner anderen als des

Engländers Karawane stammen konnte.

Der 5. Oktober, an dem wir 24 Kilometer nach Westen ritten, war einer

der schlimmsten Tage, deren ich mich erinnern kann. Nachts hatten wir

-13,7 Grad gehabt, und der Bach am Lager war zugefroren, so daß ich

wiederholt durch das helle Krachen der Eisscheiben geweckt wurde. Bei

dem Kohlenbecken in der Jurte spürt man die Kälte nicht, aber bei

direktem Gegenwind und halbem Sturm war es grimmig kalt auf dem Ritte.

Man erlahmt, wird durchkältet und ist schließlich arbeitsunfähig. Die

Sonne stand fast den ganzen Tag am Himmel, aber der Wind neutralisiert

ihre Wirkung. Sowohl die Unseren wie die Tibeter gingen meistens

zu Fuß, um nicht zu erfrieren. Mir war es eine außerordentliche

Anstrengung, in einer solchen Höhe gegen solchen Wind zu Fuß zu gehen.

Wenn ich das Gefühl in den Händen verliere, raste ich daher eine Weile

in der Schlucht mit dem Rücken gegen den Wind und rauche eine Pfeife.

Einigermaßen aufgetaut, hole ich die Karawane zu Pferde ein, bin

dann aber schon wieder für eine neue Rast reif. Das wird ein netter

Winter werden, dachten wir, wenn schon der Herbst so eisig kalt ist!

Am traurigsten ist es jedoch, daß es mit allen unseren Kamelen und

Pferden beinahe gleichzeitig zu Ende geht. Eines der jungen Kamele

aus Tscharchlik blieb heute schon zu Anfang des Marsches zurück. Ich

wollte es töten lassen; aber nachdem es uns gelungen war, es wieder

auf die Beine zu bringen, führte ich es selbst, bis es sich wieder

hinlegte. Der Packsattel wurde ihm abgenommen und aufgetrennt, und es

fraß das Strohpolster mit gutem Appetit. Sein ganzer Körper gewährte

einen traurigen Anblick, nur Haut und Knochen, und doch will man die

Tiere nicht eher opfern, als bis man sie nicht mehr dazu bewegen kann,

auch nur einen Fuß vorzusetzen. Man hofft stets, an einen Weideplatz

zu gelangen, wo die Müden ihre erschöpften Kräfte wiedergewinnen

können. Nachdem ich einen Mann bei ihm zurückgelassen hatte, ritt ich

weiter, doch nur, um bald zwei Kamele zu überholen, die ebenfalls mit

ihren Führern zurückgeblieben waren. Eines von ihnen hatte die dumme

Gewohnheit, bei jedem Schritt mit dem linken Vorderfuße gegen den

rechten zu schlagen, wodurch eine Wunde entstanden war, die nie ruhig

heilen konnte, sondern beständig blutete. Die Wunde mußte täglich

nachgesehen, ausgewaschen und verbunden werden.

Später überholten wir zwei zurückgebliebene Pferde, die Kutschuk

führte. Das eine von ihnen war dasjenige, welches ich geritten hatte,

als ich vor mehr als zwei Jahren Kaschgar verließ, also der älteste

Veteran unter den Pferden. Das andere war einer von Kamba Bombos

Schimmeln. Mein Reitpferd, auf dem ich von Tscharchlik aufgebrochen war

und das wir schon ein paarmal für verloren gehalten hatten, kam noch

immer mit, wenn auch mit Mühe und Not.

Die Krankenliste ist gegenwärtig größer als je. Hamra Kul, der gestern

zurückblieb, wurde von einigen freundlichen Tibetern geholt. Mit

Muhammed Tokta geht es in alter Weise, d. h. er muß auf seinem Pferde

angebunden werden und lehnt dort vornüber gebeugt, still und geduldig,

gegen ein Kissen. Almas hat Augenschmerzen und behauptet, fast blind

zu sein; nachdem er aber ein wenig Kokain und eine dunkle Brille

bekommen, ist er bedeutend munterer. Bei solchem Wind muß man indessen

ganz besonders eingerichtete Augen haben, wenn sie einem nicht wehtun

sollen. Nach dem heutigen Tagemarsche braucht man eine gute Stunde,

ehe man wieder arbeitsfähig ist. Ich glaube nicht, daß das Erfrieren

so schlimm ist; man erstarrt zur Gefühllosigkeit ohne nennenswerte

Schmerzen. Am Abend wurde auch Chodai Kullu krank gemeldet; er hatte

Fieberschauer und Kopfschmerzen, weshalb er Chinin bekam. Bald steht

die halbe Karawane auf der Krankenliste.

Ich ließ mir Jamdu Tsering rufen und sagte ihm, es werde jetzt wirklich

Zeit, daß er uns die vom Dalai-Lama zugesagten Yake besorge; er

versprach, die Sache bald ins Reine zu bringen.

Im Laufe des Tages ritten wir an dem Flusse hinauf, der sich weiter

östlich in den Boggtsang-sangpo ergießt. Hier und dort sehen wir

Schafhürden, die einfach aus einer halbkreisförmigen Steinmauer

bestehen, deren höchster Teil dem hier vorherrschenden Westwinde

zugekehrt ist. Die grauen Mauern stechen scharf ab gegen den Boden im

Innern, der mit Mist bedeckt ist.

In der Gegend von +Setscha+ (5048 Meter) mußten wir an einem nicht

unbedeutenden Flusse Halt machen; Ahmed, Islam, Hamra Kul, der Mollah,

Tschernoff, drei Kamele und zwei Pferde waren zurückgeblieben. Sie

langten erst lange nach Dunkelwerden an. Das erste Kamel hatte getötet

werden müssen, das zweite sollte morgen geholt werden, nur das dritte

war noch mitgekommen. Ein Pferd war gestorben, das Kaschgarpferd lag am

folgenden Morgen, 6. Oktober, tot beim Lager, ein drittes brach auf dem

Wege nach dem nächsten Rastorte zusammen. Die Karawane verkleinert sich

nur allzu schnell!

Die Nachtkälte sank auf -14,9 Grad, und das Eis des Flusses trug. Ein

ganz kurzer Tagemarsch wurde gemacht, um einen Platz mit besserer,

wenn auch erbärmlicher Weide zu erreichen. Wenn wir so langsam

vorwärtsschreiten, können wir kaum hoffen, vor Weihnachten nach Ladak

zu gelangen. In dem Lager Nr. 98, wo wir Yake erhalten sollten, wurden

im Laufe des Tages alle unsere Sachen umgepackt. Alle Lasten wurden

auseinandergenommen und zu kleineren Ballen verschnürt, denn der Yak

ist einer Kamellast nicht gewachsen.

Schon um 9 Uhr abends hatten wir -10,6 Grad und nachts -17,9 Grad. Der

Winter hatte schon seinen Einzug gehalten, und sein Regiment würde nun

volle sieben Monate dauern!

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 33 / 42 段