September. Ich hatte Hladsche Tsering mitgeteilt, daß ich ihn selbst
und seinen Kollegen und dann seine große Kavallerie photographieren
wolle. Meine Bitte wurde mit dem größten Vergnügen gewährt, und sofort
wurden einige Hundert Reiter aufgeboten (Abb. 276). Sie wurden in
Gliedern geordnet; aber es war nicht leicht -- nicht einmal für die
Häuptlinge, -- sie dazu zu bringen, daß sie sich einen Augenblick ruhig
verhielten. Als ich bat, sie möchten ihre Schwerter und Lanzen in die
Luft strecken, und dies geschah, erwachten sofort ihre kriegerischen
Instinkte; die Pferde wurden unruhig, und die ganze Schar sprengte
unter wildem Kriegsgeschrei wie zum Angriff vor! Als diese zügellose
Horde über die Steppe hinsauste und die klirrenden Waffen in der
Sonne blitzten, konnte man den Blick nicht davon losreißen. Der
photographische Apparat mußte ruhen, bis sich der kriegerische Sinn
der Leute wieder beruhigt und sie begriffen hatten, daß man beim
Photographieren nicht so schrecklich zu lärmen und zu toben brauche.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Der Tschargut-tso.
Wir hätten eigentlich heute (am 20. September) nach dem fernen Ladak
aufbrechen sollen; aber die Gesandten baten uns zu bleiben, weil sie
noch einige Tagereisen weit mit uns ziehen wollten. Heute hatten sie
jedoch einen großen Festtag und wollten sich still verhalten, und
ich ging mit um so größerem Vergnügen auf den Vorschlag ein, als der
Tschargut-tso mich auf seine schönen, aber falschen Wogen hinauslockte.
Chodai Kullu wurde zum Ruderer ernannt. Wir hielten Kurs auf die
äußerste Spitze der bergigen Halbinsel, die unsere Bucht im Süden
begrenzte. Von dort gingen wir weiter auf den See hinaus, als auf
einmal der Himmel im Westen schwarz wurde und der Sturm mit seinem
gewöhnlichen Getöse angezogen kam. Wir wendeten sofort und landeten
an dem steilen Ufer der Landspitze, wo indessen herabgefallene,
scharfkantige Felsstücke das Boot zu zerschneiden drohten, denn die
Wellen gingen bald hoch und preßten es gerade gegen das Ufer. Ich
beschloß, quer über die heftig aufgeregte Bucht gerade nach unserem
Lager hinzusteuern. Es knackte in dem Holzrahmen des Bootes, und der
Sturm war zum Orkan geworden. Mit sausender Fahrt trieben wir nach dem
Strande hin, wo sich die Tibeter in dichtgedrängten Haufen versammelt
hatten, um Zeugen unseres Schiffbruchs zu werden. Bald entschwand
die Jolle in einem Wellentale ihren Blicken, bald erschien sie auf
einem Kamme, auf dessen Rücken sie stampfte und bebte. Für uns sah
es unheimlich aus. Wir nähern uns dem Strande mit beängstigender
Geschwindigkeit; im nächsten Augenblick muß das Boot von einer Welle
auf den Sand geschleudert, im andern aber, wenn sie sich zurückzieht,
wieder ins Wasser gezogen werden. Stumm vor Staunen, mit verhaltenem
Atem standen die Tibeter und waren entschieden überzeugt, daß wir in
der Brandung zerschellen würden. In dem Augenblick, als die Welle
das Boot auf den Strand schleuderte, sprang Chodai Kullu ins Wasser,
und alle vier Kosaken sprangen herzu, faßten die Relinge des Bootes
und trugen mich wie auf einer Bahre aufs Trockne. Das Ganze ging
blitzschnell vor sich, und die Tibeter eilten herbei, um sich zu
überzeugen, ob ich wirklich noch lebe.
Erst nachdem der Sturm sich gelegt hatte, konnten wir uns wieder
hinausbegeben, worauf wir einige Lotungen mit gutem Gelingen ausführten
und erst in der Dämmerung zurückkehrten. Es war ganz dunkel, als
wir noch draußen auf dem See plätscherten, und die Arbeit wurde
bei Laternenschein ausgeführt. Als wir uns spät abends dem Strande
näherten, war der Anblick der Lagerstadt nicht weniger großartig
als bei Tag. Alle Feuer leuchteten in einer langen Reihe längs des
Ufers der Bucht, das beinahe wie ein illuminierter Hafenkai aussah.
Der Rauch der Feuer wurde von der schwachen östlichen Brise über
den See getrieben und lag wie ein graublauer Schleier über dem
jetzt wieder ruhigen Wasser. Der Mond überflutete mit seinem Lichte
diese außerordentlich schöne Landschaft und warf einen zitternden,
silberglänzenden Streifen über den See. Bald schlägt das Lachen und
Plaudern aus den Zelten und von den Soldatengruppen an unser Ohr. Die
Leute trinken Tee, rauchen und sind mit Würfelspiel beschäftigt.
Als ich am Morgen des 21. September geweckt wurde, stand die
Quecksilbersäule auf dem Gefrierpunkte. Der See lag spiegelblank da,
und seine weit hinten im fernen Westen verschwindende Perspektive
mit den kulissenartig vorspringenden Gebirgspartien glich einem
gigantischen Flußtale. An diesem hellen, schönen Herbstmorgen war ich
fröhlich gestimmt und fühlte mich zu einer längeren Seefahrt um so
mehr aufgelegt, als ich das Alleinsein im Boote dem Waffengeklirr und
Pferdegetrappel der 500 Tibeter vorzog.
Mit Proviant für drei Tage, warmen Kleidern und den nötigen
Instrumenten versehen, steuerten Kutschuk und ich über den See. Bald
darauf brach auch die Karawane auf; die Tibeter umschwärmten die Unsern
in einzelnen Haufen, und ehe wir noch aus der Bucht auf den offenen
See hinaustraten, war der eben noch so lebhafte Strand von Zelten
und Menschen reingefegt, und das Schweigen der Wildnis legte sich
wieder über die entzückende Gegend. Statt dessen zeichneten sich die
Reisenden wie lange schwarze Linien, Gruppen und Punkte auf den Ebenen
des Nordufers ab, wo sie westwärts zogen und bald hinter den Bergen
verschwanden. Sie hatten Befehl, irgendwo in der Nähe des Westufers, wo
es gutes Gras gab, zu rasten und uns dort zu erwarten. Die Gesandten
waren ganz aufgeregt über die neue Seefahrt gewesen und hatten gefragt,
was dies wieder heißen solle.
Wir waren kaum eine Viertelstunde unterwegs, so war es mit der Stille
für heute vorbei. Eine frische Westbrise erhob sich, und der Spiegel
der Bucht wurde matt, seine Bilder wurden von einer leichten Kräuselung
zerstört, die bald zu Wellen und Wogen anschwoll. Jenseits des
südlichen Felsenvorsprungs wurde der Wind stärker und kam uns gerade
entgegen. Er schwoll zu einem halben Sturme an, der See ging hoch, das
Loten mußte unterbleiben, und es galt wieder, uns selbst und unser
Gepäck zu retten. Zum Umkehren war es zu spät, und jetzt war niemand
mehr an dem Strande, auf den uns der Sturm widerstandslos geschleudert
haben würde. Wir versuchten vergebens, irgendeine freundliche
Landspitze zu erreichen, hinter der wir hätten Schutz finden können,
aber es blieb uns nichts weiter übrig, als draufloszurudern und uns
nach der vor dem Wind geschützten Seite der nächsten Felseninsel im
Westen hinzuarbeiten. Unter diesen Umständen konnten natürlich nur
wenige Lotungen gemacht werden; als größte Tiefe wurden 42 Meter
festgestellt.
Wir arbeiteten jetzt wie Galeerensklaven gegen Wind und Wellen an
(Abb. 277). Mit jeder Schlagwelle erhielt ich eine kalte Dusche und
wurde bis auf die Haut durchnäßt. Es leckte und tropfte von meiner
Mütze, und meine Brille leistete mir schlechte Dienste. Notizbücher,
Decken und sonstige Sachen waren wie ins Wasser getaucht. Endlich aber
erreichten wir doch die Insel; hier war der Wellenschlag geringer.
Noch unmittelbar am Ufer betrug die Tiefe 34 Meter. Ganz erschöpft
von der Anstrengung vertäuten wir das Boot. Es wurde ganz aufs Ufer
hinaufgezogen, damit es uns nicht forttriebe, in welchem Falle unsere
Lage höchst bedenklich gewesen wäre.
Die kleine Insel hat die Gestalt eines Sattels; sie besteht aus
zwei Bergkuppen mit einer flachen Einsenkung in der Mitte, einer
Landenge, die nur 300 Meter breit ist. Ich ging über die Enge nach dem
Westufer, gegen welches die Wellen mit erschreckender Wut anstürmten.
Welche Freude haben wir jetzt an der Sonne, die uns von dem glänzend
türkisblauen Himmel herab mit ihrem goldenen Lichte überflutet, während
der Wind über den launenhaften See hinfährt und die Wellen zum wilden
Tanze auffordert.
Nachdem wir uns mit unserem unfreiwilligen Gefängnisse bekannt
gemacht hatten, wurde das Lager aufgeschlagen (Abb. 278); wir
breiteten mein provisorisches Bett am Ufer aus, das Boot schützte
einigermaßen gegen den Wind, eine Filzdecke diente als Sonnendach.
Infolge einer glücklichen Eingebung hatte ich Lektüre mitgenommen.
Kutschuk schnarchte schon. Der Wind heulte in den Felsen; ich sehnte
mich danach, ihn schwächer werden und verstummen zu hören. Um 3 Uhr
wußten wir nichts Besseres anzufangen, als Feuer anzumachen und Tee zu
bereiten. Jappkak und Argol waren in Menge vorhanden. Kutschuk ging
von Zeit zu Zeit über die Enge, um sich nach dem Sturme umzusehen, kam
aber stets mit dem Bescheide wieder, daß es undenkbar sei, bei solchem
Wetter mit dem Boote hinauszugehen. Mit Hilfe des Fernglases sehen wir
auf dem nördlichen Seeufer mehrere große Herden und Zelte.
Es ging gegen Abend. Der Wind flaute nicht ab; immer noch hörte man
den See gegen das Westufer der Insel branden, wo die Wellen unter der
Peitsche des Sturmes ihre Sklavenarbeit ausführen. Sie haben das Recht,
soviel sie wollen gegen diese heiligen Ufer zu schlagen, an denen wir
nur wie Zugvögel vorbeistreichen dürfen. Als wir nach Süden gingen,
hinderten uns die Tibeter, jetzt, da wir uns nach Westen wenden,
hindert uns der Sturm. Ich hatte unserem lärmenden Gefolge entgehen und
mich in Einsamkeit der Stille der Natur erfreuen wollen; jetzt wollte
ich viel lieber zu ihm zurückkehren, als auf dieser kleinen Felseninsel
gefesselt sein. Es gehörte die Geduld eines Engels dazu, hier untätig
und gebunden zu liegen, während das Tagesgestirn seinen Lauf nach
Westen fortsetzte. Wie mir zum Hohne ging die Sonne klar unter, tiefe
Schatten senkten sich auf das Lager herab, während das Ostufer noch in
Licht getränkt lag. Doch bald kletterten die Schatten auch die Berge
hinauf, deren Gipfel eine Weile scharlachrot leuchteten. Als auch ihre
Glut erloschen war, stieg die Nacht blaukalt und rein aus dem Osten
auf. Wie gern hätten wir heute so wie gestern die Uferfeuer lodern
sehen, doch heute Abend war es dunkel und still, und nirgends war ein
Feuer zu erblicken. Der Halbmond war die einzige Laterne, die uns in
unserem Gefängnisse gewährt wurde, das wir so gern verlassen hätten,
das aber trotzdem in seiner Weise friedlich und reizend war.
Vielleicht legte sich der Sturm über Nacht. Wir legten uns früh
schlafen, und Kutschuk hatte Befehl, mich ein paar Stunden nach
Mitternacht zu wecken. Um 4 Uhr rüttelte er mich wach. Die Sterne
funkelten hell, aber der Wind war noch ebenso heftig. Trotzdem standen
wir auf. Bald flammte das Feuer und erhellte das steinige Ufer. Es
waren beinahe -5 Grad, und der heiße Tee schmeckte gut. Oft pflegte
der Morgen ganz windstill zu sein. Unser Plan war jetzt, nach dem
Südufer hinüberzurudern, wo wir unter den Felsen leidlichen Schutz
finden mußten und uns schlimmstenfalls von einer Landspitze zur anderen
schieben konnten. Wir hatten genug von dieser Robinsonade und sehnten
uns nach der Sonne. Stumm und nachdenklich saßen wir während des
Wartens am Ufer. Endlich graute im Osten der Tag, und die Bergkämme
hoben sich schwarz auf dem immer helleren Hintergrunde ab. Auf einmal
ging die Sonne wie eine blendende Feuerkugel auf.
Statt abzunehmen, nahm der Sturm an Heftigkeit noch zu. O welch
himmlischer Geduld bedurften wir jetzt, wenn auch dieser Tag verloren
gehen sollte, während die Karawane ihren Weg nach dem unbekannten
Westen fortsetzte! Ein richtiger Passatwind wehte gleichmäßig und
stark, ohne einen Augenblick schwächer zu werden, und leichte, weiße
Wölkchen segelten zeitweise über den See hin. Der Tschargut-tso zieht
sich langgestreckt von Osten nach Westen. Ich beschäftigte mich,
nachdem ich mit der mitgebrachten Lektüre fertig war, damit, eine
Karte des Sees zu zeichnen und darüber nachzudenken, wie günstig oder
ungünstig die verschiedenen Windrichtungen für uns gewesen wären.
Neun verschiedene Fälle waren denkbar. Am besten wäre östlicher Wind
gewesen, doch auch solcher aus Nordosten und Südosten hätte uns
geholfen. Windstille wäre beinahe ebensogut gewesen. Hätte Südwind
oder Südwestwind geherrscht, so hätte das Südufer uns Deckung geboten,
bei Nord oder Nordwest hätten wir unter dem Nordufer Schutz gefunden.
Aber von allen diesen Fällen war natürlich keiner eingetreten, nur der
neunte, westlicher Wind, für uns der direkte Gegenwind und die einzige
Richtung, die uns das Aufbrechen unmöglich machte.
Auch dieser Tag war verloren. Wir verträumten die Zeit an unserem Ufer;
von dem anderen her ertönte es wie das Donnern eines riesenhaften
Wasserfalles, die Wellen gingen meterhoch, wir waren an unseren Felsen
festgeschmiedet. Ich machte eine Kartenaufnahme von der Insel, während
Kutschuk ganze Haufen Brennmaterial einsammelte; es war das einzige,
womit er sich die Zeit vertreiben konnte. Nachher „versammelten wir
uns zum Mittagessen“; mein Schutzzelt mußte mit Steinen verankert
werden, damit es nicht fortflog. Dann gehe ich nach dem Südwestufer,
wo die Felsen steil in den See hinabstürzen. Dort sitze ich und höre
mit Genuß dem lärmenden Spiele der Wellen zu; ich schließe die Augen,
um besser träumen zu können, aber in jedem Wellenschlage liegt wie
ein Hohngelächter die Frage: „Was hast du in diesem heiligen Lande zu
suchen?!“ Ich gehe dann nach dem nördlichen Berge, um Abschied von
der Sonne zu nehmen. Als die neue Nacht hereinbricht, lassen wir uns
an einem gewaltigen Lagerfeuer nieder und setzen unser ~dolce far
niente~ fort.
Um 6½ Uhr schien die Heftigkeit des Windes abzunehmen, und die
Hoffnung erwachte wieder. Um 7 Uhr ließ sich deutlich erkennen, daß
die Windgeschwindigkeit abgenommen hatte, aber die dichter gewordenen
Wolken schwebten mit derselben gräßlichen Eile unter dem Monde durch,
der gleich einer silbernen Muschel über ihnen segelte.
[Illustration: 284. Die Anführer unserer Leibwache. (S. 306.)
Links Lama Schereb, rechts Jamdu Tsering und Tsering Daschi.]
[Illustration: 285. Das Tal des Boggtsang-sangpo. (S. 306.)]
Mit steigender Spannung beobachteten wir die Himmelszeichen und gingen
wieder nach dem Westufer, aber der See sah noch immer ebenso aufgeregt
aus, und wir mußten weiter warten. Direkt nach Westen hatte ich die
Richtung nach der nächsten kleinen Felseninsel eingepeilt, und wir
hofften noch vor Monduntergang dorthin zu gelangen; später würde es
pechfinster werden. Nach und nach flaute der Wind ab, und wir packten
unsere Sachen zusammen. Als wir im Begriff waren, das Boot ins Wasser
zu setzen, schmerzte es mich beinahe, diese kleine Insel, die uns eine
Freistatt gegeben und auf der ich zwei friedvolle Tage zugebracht
hatte, auf ewig verlassen zu müssen.
Wir schieben unser Fahrzeug in die Nacht hinaus und streichen vor dem
Winde gedeckt am Ostufer entlang. Die südliche Klippe der Insel ragt
wie ein rabenschwarzes Gespenst aus den Wellen empor; ihre Wände sind
von dem bleichen Mondlichte schwach beleuchtet. Als wir die Spitze
umschifft hatten, kam uns der Wellengang direkt entgegen; aber jetzt
war er nicht gefährlich, und die Jolle schaukelte sanft und leicht. Von
der nächstgelegenen kleinen Felseninsel, unserem nächsten Ziele, war
keine Spur zu erblicken; sie verschwamm mit den Gebirgen im Westen,
aber ich wußte, daß sie von uns in West zu Süd lag, und gab Kutschuk
dementsprechende Anweisungen beim Rudern. Selbst wenn das Wetter so
ruhig und gut ist wie jetzt, ist es nicht gerade gemütlich, mitten in
der Nacht auf einem unbekannten See zu schaukeln. Alles ist schwarz und
undeutlich, man erhält keinen Begriff von den Umrissen der Ufer; nur
die zurückgelegte Linie, ihre Zeiten, Tiefen und Geschwindigkeiten sind
ebenso sicher zu bestimmen wie bei Tageslicht. Das Wasser ist schwarz
wie Tinte, nur das Silber der Mondstraße tanzt auf den sich zur Ruhe
legenden Wellen; der Himmel ist dunkelblau, die Wolken segeln stumm
und düster wie Schatten und eilfertig wie Pilger nach Osten, doch am
schwärzesten ist der Gebirgsrahmen ringsumher.
Das Boot war schwer belastet und ging tief, denn wir hatten so viel
Brennmaterial mitgenommen, wie wir nur hatten unterbringen können.
In meiner vorderen Boothälfte, wo ich weich und warm saß, hatte ich
es ausgezeichnet. Die Lotleine mit ihren Fünfmeterknoten lag auf
der Backbordreling bereit. Die Laterne beleuchtete Uhr, Kompaß,
Geschwindigkeitsmesser und Marschroute, ich rauche und führe meine
Beobachtungen in schönster Ruhe aus. Die größte Tiefe beträgt 37,5
Meter; sie liegt dicht bei der ersten Insel, dann hebt sich der
Seeboden langsam nach der zweiten. Die wichtigsten Vorgebirge auf
beiden Seiten waren passiert; es konnte nicht mehr weit nach der
kleinen Insel sein. Stundenlang glitten wir weiter, ohne daß sie sich
zeigte; doch es war kaum möglich, daß wir an ihr vorbeikommen konnten,
ohne sie zu sehen. Erst als wir nur noch eine Minute vom Ufer entfernt
waren, tauchte sie aus der Dunkelheit auf. Ich glaubte, wir näherten
uns einem Gipfel, der zu dem westlich vom See liegenden Berge gehörte;
aber der Gipfel wuchs in wenigen Minuten, und das Boot schrammte gegen
das Ufer. So täuscht man sich beim Rudern im Dunkeln, selbst wenn
Mondschein herrscht. Das Schifflein wurde an Land gezogen, und wir
gingen sofort zur Ruhe.
Wir hatten die Absicht, bei Tagesanbruch gleich weiterzufahren; doch
schon vorher teilte mir Kutschuk mit, es gehe wieder ein so heftiger
Wind, daß an ein Weiterrudern nicht zu denken sei. Mir blieb nichts
weiter übrig, als die Insel gründlicher in Augenschein zu nehmen. Sie
bildet beinahe ein rechtwinkeliges Dreieck mit der Hypotenuse nach
Nordwesten; das längste Ufer ist nur 330 Meter lang. Der südliche
Teil der Insel wird von einer roten Konglomeratschicht gebildet, und
die Ufer sind mit Blöcken von demselben Materiale dicht bedeckt. Die
größte Höhe beträgt nicht mehr als 15 Meter; einige Steinmale sind dort
errichtet (Abb. 279).
Um 12½ Uhr war es völlig windstill, aber im Westen stiegen schwarze
Wolken mit Regendraperien auf. Ein neuer Sturm war im Anzug. Wir hatten
das schwierigste Becken des Sees vor uns. Was gebot uns die Klugheit
zu tun? Der Proviant ging zu Ende. Ich hatte stundenlang am Strande
gesessen und mir, wie ein Kind, den Sand durch die Finger gleiten
lassen. Auf den im Wasser liegenden, von tausendjährigen, unermüdlichen
Wellen glattgeschliffenen Blöcken hatte ich Sandfestungen erbaut, um zu
sehen, wie lange sie den Überschwemmungen der Wellen würden widerstehen
können. Nie habe ich eine Seefahrt unter so ungünstigen Verhältnissen
gemacht wie diesmal. Alle Unwetter des ganzen Landes schienen unbedingt
erst über den Tschargut-tso ziehen zu müssen, oder das Tal, in dem der
See liegt, mußte eine Abflußrinne für alles derartige Teufelszeug sein!
Um 2 Uhr hatten wir alles eingepackt, da aber brach der Sturm los,
und es war nur gut, daß wir die Insel noch nicht verlassen hatten. Es
regnete eine Weile, und die Wellen rauschten gegen die kleine Klippe.
Im Süden ging eine zweite Bö über das Land und färbte alle Berge weiß.
Nachdem wir eine Stunde gewartet hatten, hörte der Sturm auf einmal
auf, und der Seegang legte sich schnell, nur weich abgerundete Dünungen
krümmten seine Oberfläche, die Sonne näherte sich dem Horizont, und der
Tschargut-tso gewährte einen herrlichen Anblick. Bei solchem Wetter
konnte kein Risiko dabei sein, quer über den offenen See zu steuern;
aber wir hielten doch Ausguck auf einige Landspitzen im Süden, die uns
im Notfall hätten als Schutz dienen können. Kutschuk ruderte scharf,
und ich peilte von Zeit zu Zeit. Die größte Tiefe betrug fast 48 Meter.
Die schützenden Landspitzen hatten wir hinter uns zurückgelassen, als
es wieder im Westen dunkel zu werden begann; der Donner grollte dumpf
über den südlichen Bergen, wo es in Strömen regnete oder schneite,
und über das nördliche Ufer, das jetzt in weiter Ferne lag, zog
ebenfalls ein Unwetter hin. Über dem See herrschte einstweilen noch
klares Wetter, und die Sonne ging in leichten Wolken unter. Doch über
den senkrecht abstürzenden Felsen des südlichen Ufers, nach denen wir
jetzt hinsteuern, erhebt sich eine stahlblaue, drohende Wolkenwand.
Indessen ist es andauernd ruhig, und die Wolke scheint stillzustehen
und sich ihres Inhalts nur auf einer Stelle zu entladen. So gut sollte
es uns aber nicht werden. Unter den Wolken werden die unzweideutigen
Anzeichen eines herannahenden Sturmes sichtbar. Die Wolken werden auf
der unteren Seite hell brandgelb, als würden sie von einer Feuersbrunst
beleuchtet, und wenn man diesen Farbenton sieht, weiß man sofort, was
es zu bedeuten hat. Ich suchte mit dem Fernglase die Ufer ab, aber
jetzt gab es innerhalb Sehweite keine rettende Bucht. Am klügsten wäre
es gewesen, wenn wir uns von dem Sturme nach der kleinen Felseninsel
hätten zurücktreiben lassen, denn +mit+ dem Wellengange kann die Jolle
die höchsten Wogen vertragen. Aber unser Proviant war beinahe zu Ende,
und es galt, ein Ufer zu erreichen, von dem aus wir die Karawane
aufsuchen konnten. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als gegen den
Wind aufzuhalten und zu versuchen, unter den Felsen des südlichen Ufers
in Schutz zu kommen.
Zuerst sausten einige kalte Windstöße über den See, und dann brauste
der Sturm herab wie der Habicht auf eine wehrlose Taube. Vorbei ist
es mit Lotungen und Peilungen! Faßt die Ruder fester, jetzt gilt es
das Leben! Es knackt und knarrt in dem Boote, und dieses klatscht mit
dem Boden auf die ihm entgegenkommenden Wellen, die wie Kobolde zum
Angriffe stürmen. Im nächsten Augenblick kann sein Rumpf mit einem
Knalle zerspringen. Doch es gibt ein Maximum für die Wellenhöhe in
Seen von dieser Größe, und dieses Maximum hat die Jolle bisher immer
aushalten können. Nie habe ich so verzweifelt gearbeitet wie jetzt; wir
ruderten mit langsamen, gleichmäßigen Schlägen und gewannen jedesmal
ein paar Zentimeter; ich hatte mehrere Tage nachher noch große Blasen
an den Händen. Der Sturm wurde zwischen den Felsen der Ufer eingepreßt
und nahm an Heftigkeit zu. Drauflos, Kutschuk! Das Ufer kommt uns
näher, es ist gar nicht gefährlich! Da schlägt ein Wellenkamm über die
Steuerbordreling in das Boot, und das Wasser plätschert und rauscht von
dem Rollen, eine neue Welle schlägt hinein, wir bekommen recht kalte
Duschen von dem Spritzwasser, wir rudern mit so festen Griffen, daß uns
die Knöchel weiß werden, wir tragen das Boot auf den Ruderblättern
durch die Wellen! Lange kann es auf diese Weise nicht mehr fortgehen,
das Boot ist halb voll Wasser, und die Wellen brechen noch immer über
den Vordersteven herein -- bald müssen wir sinken!
„Halte deine Rettungsboje bereit, Kutschuk, ich habe die meine!“ --
„Nein, wir +können+ noch nach jenem Vorgebirge hingelangen, ja
Allah!“ --
Und wir arbeiteten uns dorthin! Es war ein Wunder, daß wir nicht
Schiffbruch litten; auf keiner von allen meinen Seefahrten in Asien bin
ich einer Katastrophe so nahe gewesen!
Sobald wir unter dem Vorgebirge vor dem Winde geschützt waren, wurden
die Wellen niedriger, und wir beruhigten uns und erreichten im letzten
Augenblick am dunkeln Abend das Ufer. Ja, hat man nur ein sicheres
Boot, so ist es keine Kunst, im Dunkeln über einen stürmischen See zu
kommen, aber mit einer Zeugjolle ist es etwas anderes, und die Fahrt
wird nicht gemütlicher, wenn der Wind die Sturmwolken zerreißt und
der Mond den Wellenschaum versilbert, der weiß und kristallhell über
unerforschten Tiefen glänzt, die bereit sind, uns in ihre kalten Arme
zu schließen.
Sobald wir gelandet waren, hörte der Wind auf. Statt dessen fing es
an stark zu regnen, und es regnete die ganze Nacht. Wir richteten das
Boot wie ein Kutschenverdeck auf, zündeten Feuer an, trockneten unsere
Kleider und schliefen dann gut, da wir von der sowohl körperlich wie
seelisch kolossalen Anstrengung sehr ermüdet waren.