eine niedrige Landzunge, die den schmalen Sund fast ganz sperrte;
jenseits derselben ging der Weg nach Nordwesten weiter, aber vor
Felsen sah man nicht weit. Die Dunkelheit verhüllte auch bald diese
entzückende Gegend unseren Blicken, und wir mußten für die Nacht
landen. Dicht bei unbekannten Menschenwohnungen im Freien zu liegen,
war gerade nicht angenehm, aber ich hatte den Revolver bei mir.
Sobald das Boot aufs Land gezogen war, wurden die nächsten Umgebungen
untersucht, und nun fanden wir zu unserer Freude, daß die Landzunge
einen 30 Meter breiten Sund neben der südlichen Bergwand offen ließ, so
daß wir am nächsten Morgen unsere Entdeckungsreise fortsetzen konnten
und von den Eingeborenen getrennt blieben, die aus Mangel an Booten
nicht imstande sein würden, uns zu belästigen. Prächtiger, trockner
Argol war in Menge vorhanden, und bald brannte ein gemütliches Feuer
mit heller blauer Flamme, lautlos wie ein Elmsfeuer; der Argol knistert
nicht wie Holz. Die Nacht war klar und windstill und verfloß für uns,
die wir in unseren Pelzen zusammengekauert lagen, in aller Ruhe.
Sobald die Sonne die Felsenspitzen auf der Westseite des Sundes
vergoldete, erhoben wir uns, machten Feuer an und setzten das Teewasser
auf. Tscherdon hatte uns einen vortrefflichen Proviant mitgegeben, eine
gebratene Gans und einige Fladen Brot, und es war nicht das erstemal,
daß Kutschuk und ich zusammen kampierten.
Es währte nicht lange, so tauchte Kutschuk wieder sein Ruder in das
klare Wasser, und das Boot glitt schnell zwischen den Felsen hin
nach Nordwesten. Ich kann mich kaum erinnern, je eine so großartige,
hinreißende Natur gesehen zu haben, wie hier dem Auge begegnete: ein
venezianischer Kanal mit alten Zyklopenpalästen. Von Zeit zu Zeit
springt vom Ufer eine Landspitze vor, welche die Aussicht versperrt,
und wir glauben den Punkt erreicht zu haben, wo wir umkehren müssen;
aber der Engpaß geht weiter, der natürliche Kanal öffnet vor uns
eine neue Perspektive. Die Richtung Nordwesten ist für uns besonders
vorteilhaft, denn gerade nach dieser Seite hin liegt unser Sammelplatz.
Die Tiefe übersteigt 3½ Meter nicht, und die Breite dieses schmalen
Wasserweges beträgt im allgemeinen nicht über ein paar hundert Meter.
Wir waren sehr erstaunt, auf dem rechten Ufer hinter einem
Felsvorsprunge eine Anzahl kleine Yake und Pferde zu sehen. Als das
Boot an der Landspitze vorbeiglitt, stürmten drei Männer ans Ufer und
trieben unter Geschrei und Steinwürfen ihre Tiere landeinwärts. Am
Fuße des nächsten Vorgebirges auf der rechten Seite zeigten sich zwei
schwarze Zelte; hier begafften uns ein Mann, eine Frau und ein Junge,
die das größte Erstaunen über einen solchen Besuch in ihrer Gegend
verrieten. Wenn überhaupt irgendwo, so mußte man hier vor Besuchen
sicher sein, war doch ihr Wohnsitz mit einem wassergefüllten Graben
umfriedigt. Das Auftreten von Nomaden ließ uns als gewiß erscheinen,
daß das Land eine Halbinsel war und wir bald den ganzen Weg würden
zurückmachen müssen. Wir bildeten uns beinahe ein zu bemerken, wie
sich die Tibeter bei dem Gedanken, daß wir immer tiefer in den Sack
hineinkröchen, über uns lustig machten. Einer von ihnen lief nach dem
nächsten Bergkamme hinauf, wohl um zu sehen, was wir für verdutzte
Gesichter machen würden, wenn wir nicht weiterkommen könnten.
Dann aber erweiterte sich der Fjord, und eine neue Perspektive
entrollte sich im Nordwesten. Das Boot war leck und mußte ausgeschöpft
werden; unterdessen schneite es eine Zeitlang, doch dann hatten wir
wieder Sonnenschein. Die Tiefen nahmen schnell zu und betrugen hier bis
zu 11,68 Meter. Da sich die Landschaft jetzt bis in die Ferne öffnete,
hofften wir, daß wir auf diesem Wege wieder auf den See hinaus gelangen
könnten, ließen aber den Mut sinken, als der Fjord plötzlich zu Ende
war und flaches Land sich vor uns ausdehnte. Auf außerordentlich
seichtem Wasser zogen wir das Boot, soweit wir kommen konnten, in eine
keilförmige Bucht hinein, und dort saßen wir hilflos fest.
Der Strand, an dem wir zu Gaste waren, bestand aus lockerem, weichem
Schlamm, in den man fußtief einsank. Kutschuk mußte sich Schuhe und
Strümpfe ausziehen und durch den Morast nach dem nächsten Bergrücken
waten, um zu rekognoszieren. Hierbei fand er, daß ein von Süden
kommender Fluß in einen kleinen See mündete, der mit dem Nakktsong-tso
zusammenzuhängen schien. Wir zogen daher das Boot ganz aufs Land,
nahmen es auseinander und trugen es nebst dem ganzen Gepäck in mehreren
Partien gute 500 Meter weit von der Bucht nach dem Flußarme. Das
Vergnügen kostete uns drei Stunden, was jedoch noch immer besser war,
als den ganzen Weg wieder zurückzumachen. Der Fluß hat zwei Arme, und
vor seiner Mündung ist der See voller Schlammbänke, auf denen sich
Hunderte von Möwen aufhielten. Jetzt konnten wir nach Nordosten rudern.
Auf einem molenförmigen Sandvorsprunge saßen in der untergehenden
Sonne etwa zwanzig Möwen, die sich blendendweiß von einem für uns
besonders erfreulichen Hintergrund, der weiten, dunkelblauen Fläche
des Nakktsong-tso, abhoben. Es war uns also geglückt. Streng genommen
war es doch eine Halbinsel, die wir umrudert hatten, und wir hatten
das Boot nur über eine 500 Meter breite Landenge zu schleppen gehabt;
letztere aber bestand sichtlich aus alluvialem Schlamme, der diesen
Teil des Fjords verstopft hatte; sonst wäre das Land der Nomaden eine
vollständige Insel gewesen. Der Nakktsong-tso, der auf den Karten
entweder gar nicht oder bestenfalls außerordentlich entstellt angegeben
ist, besaß, wie sich herausstellte, eine höchst sonderbare Gestalt. Er
bildet einen Wasserring, der nur in seinem nördlichen Teile ziemlich
weit, in dem südlichen dagegen schmal wie ein Fjord ist. Eine ähnliche
Form hat der südlich von Lhasa liegende See Jamdok-tso.
Hinter der Sandmole nahmen die Tiefen schnell zu, von 3 Meter bis
zu 22,20 Meter. Wir ruderten nach Ostnordost, nach welcher Richtung
der Ring jetzt umbog. Als die Sonne am Horizont hinter uns stand,
nahm das bisher dunkelblaue Wasser bei 3 Meter Tiefe einen intensiv
grünen Farbenton an, und die Wasserpflanzen traten, wie durch
Spiegelglas gesehen, klar hervor. Eine Landspitze am nördlichen Ufer
war unser Ziel; von dort mußten wir das Signalfeuer der Unsrigen
sehen können. Aber die Spitze lag mitten im Winde, und wir mußten
in der Dämmerung den ersten besten Strand suchen. Der Himmel war
außergewöhnlich klar, und die Deutlichkeit, mit welcher der Mond sich
abzeichnete, war für eine Beobachtung verlockend. Es ging immer noch
ein kalter, unfreundlicher Wind, doch das machte uns nichts mehr aus,
nachdem wir in unsere schönen Pelze wie Murmeltiere gekrochen waren.
Glücklicherweise regnete es während dieser beiden Nächte, die wir
im Freien zubrachten, nicht; nur das Wiegenlied der Wellen lullte
die müden Pilger in den Schlaf. Es ist schön, in Tibets sternklaren,
stillen Nächten und in der klaren, dünnen, reinen Hochgebirgsluft den
Himmel als Dach zu haben.
Die Nachtkälte ging auf kaum 2 Grad herunter. Wir brachen in aller
Frühe auf. Jetzt ist es kalt und unfreundlich. Der Seegang ist so
stark, daß wir uns ganz in der Nähe des Landes halten müssen. Nachdem
wir fünf Minuten unterwegs waren, brach ein abscheuliches Unwetter los.
Der Hagel stürzte in solcher Menge nieder, daß das Innere des Bootes
mit Eisschlamm erfüllt war. Gleichzeitig aber wurde die Heftigkeit des
Wellenganges und auch der Wind gedämpft. Der Sturm schien über uns
stehenzubleiben und setzte seine Dusche über zwei Stunden lang fort.
Hier herrschte halbe Dämmerung, doch im Osten badete sich das Land in
Sonnenschein; hinter uns war der Himmel schwarz und das Gebirge in
Weiß gehüllt, wir sind auf dem Wege von dem Sitze des Winters nach der
Wohnstätte des Sommers. Der Hagel ging allmählich in Schnee über, der
sich weich wie Baumwolle in das Boot legte.
Das Wasser hat die wunderbarste blaugrüne Farbe, ein leicht erregtes,
flüchtiges Element, das den Blick nicht an der Erforschung der
Geheimnisse des Seebodens hindert.
Eine gute Weile mußten wir auf einer Landzunge rasten. Ich erstieg
eine Anhöhe, um mich zu orientieren. Am Nordufer erschien jetzt gerade
wie gerufen die Karawane mit ihrer Kosakenbedeckung; ihr folgten auf
den Fersen die Tibeter in dichten, schwarzen Schwärmen. Rechts haben
wir eine ziemlich große Insel, auf der 20 Pferde grasen. Von dieser
Insel springt eine Landzunge vor, der eine ebensolche vom Festlande
entgegenkommt. Sie zeigen aufeinander hin wie die Kohlenspitzen in
einer elektrischen Lampe, und der schmale Sund zwischen ihnen ist so
seicht, daß die Jolle gegen den Grund schrammt. Über diese Landzungen
geht die nach der Insel führende Furt.
Eine Stunde später hatten wir das ganze Lager auf dem verabredeten
Platze vor uns. Es breitete sich in seiner ganzen Herrlichkeit am Ufer
aus; Massen von Leuten und Pferden waren auf allen Hügeln. Hier und
dort zerteilte der Wind eine Rauchsäule; wir haben 5, die Tibeter 19
Zelte, aber die meisten von ihnen kampieren doch am Feuer unter freiem
Himmel. Alle die Unseren standen am Ufer, und die Kosaken machten
wie gewöhnlich Honneur. Jeden Morgen muß ich meine Leute in drei
verschiedenen Sprachen begrüßen: mit „Sdrasdwijte“, „Salam aleikum“ und
„Ämur sän bane“.
Als ich zwei Nächte ausblieb, waren die Gesandten sehr ängstlich
geworden und hatten das Lager unter besondere Bewachung gestellt.
Den ersten Abend hatte Hladsche Tsering die Kosaken gefragt, die,
ohne eine Miene zu verziehen, geantwortet hatten, ich sei nach dem
Südufer gerudert, um mich von dort nach Lhasa zu begeben, und sie
hätten Befehl, meine Rückkehr abzuwarten. Dies hatte die Gesandten
sehr verstimmt, und sie hatten nach allen Richtungen, namentlich
nach Süden, Patrouillen ausgeschickt. Unzweifelhaft waren sie jedoch
schon im Laufe des zweiten Tages dahintergekommen, daß wir uns auf
dem See aufhielten, hatten aber den auf dem Südufer wohnenden Nomaden
verboten, uns irgendwie zu helfen. Während des Marsches hatten sie
dann wiederholt meine Leute gezählt und gefunden, daß noch immer zwei
fehlten. Sie konnten den Zusammenhang nicht recht begreifen, fürchteten
aber, daß einer meiner Leute zwei Pferde nach dem Südufer geführt habe,
auf denen ich mit irgendeinem Begleiter nach Lhasa zu reiten gedächte.
Ihr Auftreten gegen die Karawane wurde daher strenger; es wurde ihr
kein Proviant mehr geliefert, und das Lager wurde nachts mit starken
Wachtposten umgeben. Ihre Unruhe legte sich auch nicht eher, als bis
sie das Boot zwischen den Wellen heranstampfen sahen. Jetzt bestanden
ihre Truppen aus 194 Mann, obgleich mehrere Patrouillen noch nicht
zurückgekehrt waren; wir waren 18, d. h. einer gegen 10, nein, -- einer
gegen 50, wenn ich nur die Kosaken rechne!
Die Tibeter müssen von uns Europäern eine jämmerliche Meinung haben;
die meisten von uns sind, wenn sie bis in die „heilige Sphäre“
gelangten, so von allem entblößt und in so erbärmlichem Zustande
gewesen, daß sie der Hilfe und Unterstützung der Tibeter bedurften, um
überhaupt nur wieder aus dem Lande herauskommen zu können. Sie haben
nie eine ordentliche Truppe in guter Verfassung gesehen, die nicht
danach fragte, ob ihr der Durchzug erlaubt sei. Es war allerdings eine
starke Versuchung für mich gewesen, den Tibetern mit Hilfe des Sees
und des Bootes ein Schnippchen zu schlagen, und zwei Pferde hätte man
mitten am Tage von einem Weideplatze nach dem Südufer bringen können.
Ich hätte aber dadurch nicht viel gewonnen, vielleicht nur wenige
Tagemärsche.
Das „Land der Burchane“, das Land der heiligen Bücher im Süden --
dorthin darf kein Europäer ziehen; es ist das Erbland des Dalai-Lama,
ein heiliges Land, sein Eigentum. Schwerlich sind seine Lamas jetzt
fanatischer als in jener Zeit, da die Jesuitenmissionare gastfreundlich
von ihnen aufgenommen wurden, und sicherlich sind sie heutzutage
auch nicht weniger tolerant als im Jahre 1845, da die Missionare Huc
und Gabet sich einige Monate in Lhasa aufhielten. Nein, ihre strenge
Isolierung während der letzten Jahrzehnte hat politische Gründe. Ihre
friedliche, aber wirksame Taktik geht darauf aus, die Grenzen gegen
Europäer zu bewachen und die ungebetenen Gäste höflich und freundlich,
aber bestimmt aus dem Lande hinauszutreiben. Dennoch wird auch an
Tibet einst die Reihe kommen. Solange die Tibeter auf derselben Erde
wohnen wie wir, müssen sie es sich gefallen lassen, daß wir den Wunsch
haben, sie kennen zu lernen, ihre Religion und heiligen Schriften, ihre
Tempel, Sitten und Gebräuche zu studieren, ihr Land und seine Mittel zu
erforschen, Karten von ihren majestätischen Gebirgen aufzunehmen und
ihre launenhaften Seen zu sondieren. Noch haben sie sich allerdings
nicht durch Vorspiegelungen von dem Aufschwunge des Handels und der
Einfuhr von Tabak, Spirituosen, Opium und Feuerwaffen locken lassen;
nein, „fort mit allen euren Genußmitteln, eurem Stahle, Golde und
Silber, und laßt uns nur in unsrem eigenen Lande in Frieden!“
Wenn ich sage: „Ich will den südlichen Weg nach Ladak gehen“, so
antworten sie mir: „Dort gibt es keinen Weg.“ Wenn ich ihnen den Weg
auf der Karte zeige und einige Namen nenne, so wenden sie ein:
„Nun wohl, es gibt dort einen Weg; er ist aber nur für uns, ihr dürft
nicht durch das Land der Burchane gehen.“
Und wenn ich sage: „Ihr seid nicht gastfrei; wenn ihr in mein Land
kommt, werdet ihr freundlich aufgenommen und dürft alles sehen“, so
beeilen sie sich zu antworten: „Euer Land gehört euch, dort haben wir
nichts zu tun, aber unser Land gehört uns; ihr müßt es daher verlassen
und wieder heimreisen.“
Recht kostspielig muß es sein, eine Truppe von 200 Mann so lange unter
Waffen zu halten, ganz abgesehen davon, daß die Leute ihr Heim und
ihre Herden haben verlassen müssen. Doch es mag kosten, was es will,
wenn nur keine Fremdlinge über die Grenze kommen. Es war für sie
eine ungeheure Plackerei, trotzdem waren sie aber stets höflich und
freundlich. Ihre Scheu vor Fremden wendet sich nur gegen die Europäer;
Chinesen und Leute aus Ladak haben freien Zutritt, andere benachbarte
asiatische Völker ebenfalls. Hladsche Tserings Koch war ein Dungane,
der ein wenig „Tschanto“ (Türkisch) verstand und in Ostturkestan
gewesen war. Die Muhammedaner nennen alle, die sich nicht zum Islam
bekennen, Heiden (Kaper), einerlei, ob diese Asiaten oder Europäer
sind. Die Tibeter verschließen ihr Land +nur+ den Europäern; ihre
Isolierung ist also politisch, nicht religiös. Ein Chinese, ein Japaner
oder ein Burjate, ein Pundit, wie Nain Singh oder Krishna, ein Kaufmann
aus Leh, alle können sich ohne Schwierigkeit nach Lhasa begeben. Und
ist solch ein Asiate nur entsprechend instruiert worden, so kann er
nachher über alles, was er gesehen hat, genaue Auskunft geben. Wir
kennen, wie ich bereits erwähnt habe, Lhasa besser als sonst eine Stadt
in Innerasien, Kaschgar, Kuldscha und Urumtschi vielleicht ausgenommen.
Wer Lamas in Urga, Kum-bum, in Hemis oder in anderen Tempeln in
Ladak besucht hat, kann bezeugen, daß er überall mit der größten
Gastfreundschaft aufgenommen worden ist und keine Spur von Intoleranz
gefunden hat. --
Nach einem ruhigen, klaren Abend fuhr um 10 Uhr wieder ein Hagelsturm
über die Erde hin. Dann schneite es die ganze Nacht, und es war recht
ungewöhnlich, die Schritte der Nachtwache im Schnee knarren zu hören.
Am 17. September blieb der Schnee auf den nördlichen Abhängen den
ganzen Tag liegen, auf den südlichen dagegen verschwand er bald im
Sonnenbrand. Fern im Süden überragte alle anderen Gebirge in der Gegend
ein großartiger, kegelförmiger Gipfel, der blendend weiß glänzte und
mit seiner regelmäßigen Gestalt einem erloschenen Vulkane glich.
Die Karawane erhielt Befehl, nach der Mündung des Jaggju-rappga zu
ziehen. Das Kamel, auf dessen Rücken Kalpet verschieden war, erkrankte
jetzt, und Turdu Bai, der sich auf Kamele verstand, erklärte, daß es
bald sterben würde, weil es einen Toten getragen habe. Das schöne
Wetter lockte mich wieder auf den See hinaus; ich hatte auch keine
Lust, einen ganzen Tag auf dem mir schon bekannten Wege nach dem
Jaggju-rappga zu reiten. Ördek war mein Ruderer. Das Boot und das
Gepäck wurden auf Pferde geladen; wir ritten nordwärts über die schmale
Landenge zwischen Nakktsong-tso und Selling-tso.
Die Schwelle zwischen den Seen ist höchst eigentümlich. Unmittelbar
nördlich vom Ufer des Nakktsong-tso gelangen wir auf ihren Kamm, der
höchstens 10 Meter über dem See liegt; von dort aus aber müssen wir
eine ziemliche Strecke weit abwärtsreiten und können dabei ein Gefälle
von wohl 50 Meter konstatieren, ehe wir den Selling-tso erreichen,
der also ungefähr 40 Meter tiefer liegt als sein Nachbarsee. Ich bin
fest davon überzeugt, daß der Nakktsong-tso einen Abfluß hat, habe
aber vergeblich danach gesucht. Möglicherweise ergießt er sich durch
unterirdische Abflüsse in den Selling-tso. Am Nordabhange der Landenge
passieren wir dieselben deutlichen Uferlinien, die wir schon früher
an den Ufern des letztern Sees gesehen haben und die anzeigen, daß er
fällt.
Das tiefliegende, morastige Ufer zwang uns, eine Strecke weit barfuß zu
gehen, ehe wir das Boot ins Wasser setzen und dann nach Nordnordwest
steuern konnten. Die Tiefen sind unbedeutend und betragen selten
mehr als 3 Meter; der Boden besteht aus graublauem Ton ohne Spur von
Vegetation, das Wasser hat eine leicht maigrüne Farbe, und darüber
wölbt der Himmel seinen klaren, sonnigen Dom. Nur der Kamm der breiten
Halbinsel, wo wir vor einigen Tagen umkehren mußten, zeichnet sich
scharf ab und wird noch eine Strecke nach Osten hin durch eine Reihe
kleinerer Felsenzähne, die über dem Wasser zu schweben scheinen,
fortgesetzt. Auf der linken Seite sieht man durch das Fernglas die
Karawane mit ihrem Gefolge von Tibetern, deren Zahl sich heute
beinahe verdoppelt hat, da sich noch einige kleine Reiterscharen zur
Haupttruppe gesellt haben. Eine schwarze Hagelwolke schwebte hartnäckig
über ihnen und duschte sie unaufhörlich, was man deutlich an den hellen
und dunkeln Streifen sehen konnte, die sich von der Wolke auf die Erde
erstreckten. Wir dagegen bekamen nichts davon ab.
Nachdem wir die Landspitze an der Mündung des Alla-sangpo umschifft
haben, steuern wir westwärts gerade auf die Gabel der Kette zu, die das
Tal des Jaggju-rappga im Süden begrenzt. Wir sahen sie in Verkürzung;
hinter ihr stand die Sonne, und daher trat sie wie eine intensiv
schwarze Silhouette hervor. Es war bereits stockdunkel, als wir das
große Lager erreichten, dessen Feuer wie die Laternen in einer kleinen
Stadt strahlten.
[Illustration: 282. Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92. (S. 305.)]
[Illustration: 283. Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92. (Fortsetzung
nach rechts des Bildes Nr. 282.) (S. 305.)]
Frühmorgens am 18. September gab ich Befehl zum Aufbruch. Während wir
die Tiere beluden, erschienen einige Tibeter, die uns baten, noch
einen Tag hierzubleiben, weil Hladsche Tsering und Junduk Tsering
umkehren müßten und es in unserem eigenen Interesse liege, den Ankauf
von Pferden und das Mieten von Yaken während ihrer Anwesenheit zu
besorgen. Ich ließ antworten, es sei uns gleichgültig, wo sie blieben,
wir würden heute auf jeden Fall reisen.
„Wohin denn?“ fragten sie. Ich zeigte westwärts nach dem Tale des
Jaggju-rappga.
„Dort kommt ihr nicht durch“, behaupteten sie, „ihr müßt nach
Nordwesten gehen.“
Ohne weiteres Parlamentieren ritten wir jedoch auf dem linken,
nördlichen Ufer flußabwarts. Von einem Hügel entwickelte sich bald nach
Westen hin eine entzückende Aussicht über einen neuen, ansehnlichen
See, der reich an Felseninseln, Vorgebirgen und Buchten war und beinahe
ebenso unentwirrbar aussah wie der Nakktsong-tso.
Sehr weit waren wir noch nicht gelangt, als uns schon die Tibeter
in schwarzen Haufen von je 15 oder 20 Mann überholten; wir waren
vollständig umschwärmt von diesen Reitern, deren rote Fähnchen an den
Flintengabeln flatterten, wohin man nur das Auge wandte.
Als wir uns in der Nähe des Seeufers befanden, stellte es sich heraus,
daß der Felsenarm, den wir rechter Hand hatten, in den See vorsprang
und eine Halbinsel mit steilen Seiten bildete. Umgehen ließ sie sich
nicht. Die Tibeter zeigten uns jedoch einen recht schwierigen Paß.
Einige Stellen waren so steil, daß ein hier stürzendes Kamel unten als
gehacktes Beefsteak angekommen wäre. Von der Paßschwelle entrollte
sich eine neue herrliche Aussicht nach Nordwesten über einen anderen
Teil des Sees mit neuen pittoresken Halbinseln und Felseneilanden. Die
schwarzen Haufen der Tibeter rollten in Staubwolken wie Lawinen die
Abhänge hinunter. Ehe wir noch hinuntergelangten und uns neben ihrem
Hauptquartier niederließen, rauchte es schon aus allen ihren Zelten.
Dieser Lagerplatz. Nr. 84, am Ostufer des +Tschargut-tso+ (4613
Meter) war einer der besten und angenehmsten, die ich je gehabt habe.
Alles, was man sah, war schön, entzückte das Auge und machte den Sinn
fröhlich. Westwärts sieht man tief in die Fjorde des Sees hinein wie
in einen Steinwald (Abb. 275). Je entfernter sie liegen, in desto
leichteren Nuancen treten Inseln und Vorgebirge hervor, aber alles
ist von der Sonne überflutet. Die Tibeter passen gut in diese wilde
Landschaft hinein, von der ihre malerische Tracht und kriegerische
Ausrüstung durchaus nicht unangenehm absticht.
Der Strand, ein natürlicher Korso, bietet dem Auge ein sehr lebhaftes,
farbenreiches Bild dar. Außer unseren Zelten kann man noch 25 zählen,
und doch kampieren die meisten Soldaten an offenen Feuern. Der Strand
wimmelt von Menschen und Pferden. Dabei vermehrt sich die Zahl unserer
Wächter, die jetzt 500 Mann betrug, noch immer.
In der Dämmerung kam Almas allein an. Kalpets Kamel, der „Katafalk“,
war nicht mehr am Leben; Turdu Bai hatte recht gehabt. Was denkt das
Kamel, wenn es weint und den Tod im Herzen fühlt? Kein Philosoph auf
Erden kann es uns sagen; man weiß ja nicht einmal, was der Mensch
träumt, wenn die Flügelschläge des Todesengels eiskalt durch seinen
Körper gehen.
Wir waren uns über die Absichten der Tibeter nicht ganz klar. Wozu
brauchten sie jetzt, da wir auf dem Wege nach Ladak waren, so viele
Truppen zusammenzuziehen? Sie verstärkten die Nachtwachen und hielten
ihr Arsenal in steter Bereitschaft. Sollten sie einen nächtlichen
Überfall beabsichtigen?
Ich träumte in der Nacht etwas derartiges und wachte um 1 Uhr auf. Ich
hatte auf dem rechten Arme gelegen, und die Hand, die auf der Erde
lag und vollständig eingeschlafen war, war eiskalt und gefühllos.
Zufälligerweise berührte ich mit der linken Hand die rechte, und dabei
fuhr mir, schlaftrunken wie ich war, der Gedanke durch den Kopf, daß
die Tibeter mir eine Leiche ins Zelt geworfen hätten. Ich sprang auf,
machte Licht, fand das Zelt leer und verstand nun erst, sobald die
Gedanken wieder klar wurden, den Zusammenhang.
Zwei Tage blieben wir an diesem schönen Strande. Nur zu schnell verging
die Zeit unter Visiten, Gastmählern und neuen Überlegungen über
den Weg nach Ladak. Ich erklärte offen, daß ich +den+ Weg zu gehen
gedächte, der +mir+ behage, und daß ich mir darin keine Vorschriften
machen ließe. Eine Eskorte sollten wir aber auf jeden Fall haben,
und alles, was wir brauchten, sollte während der Reise angeschafft
werden. Hladsche Tsering schenkte mir zwei Pferde, wie Kamba Bombo
es getan hatte, und daneben sollten uns, da unsere Karawane jetzt in
besorgniserregender Weise zusammengeschmolzen war, auf besonderen
Befehl des Dalai-Lama stets 40 Yake zur Verfügung stehen. Es ist
eigentlich seltsam, daß die Tibeter so artig und freundlich sein
können, hatte ich doch die erste Warnung nicht beherzigt und zum
zweitenmal versucht, in das verbotene Land einzudringen! Viele andere
asiatische Völker hätten in solchem Falle ein Exempel statuiert,
aber die Tibeter sind viel zu gutmütig und weichherzig, um Blut zu
vergießen, und begnügen sich mit Waffengeklirr und Drohungen.