gestanden, seine Kleider und seine Stiefel. Bei der heutigen
Gelegenheit waren alle üblichen Zeremonien beobachtet worden; als Aldat
starb, war er wie er ging und starb begraben worden.
Heiterlächelnd verjagte der Tag die traurige Erinnerung des Morgens,
und wieder entrollte die Erde, auf deren Oberfläche wir ein so
flüchtiges, unsicheres Dasein führen, vor uns eine ihrer schönsten
Landschaften. Auch jetzt gingen wir durch ein Felsentor im Südosten.
Links zeigte sich noch einmal ein Teil des Selling-tso. Von einer
niedrigen Paßschwelle erblickten wir nach Süden hin eine offene,
weite Ebene, die ganz hinten vom Gebirge begrenzt wurde. Die Tibeter
waren uns auf den Fersen. Links von uns lagen einige schwarze und
zwei blauweiße Zelte, wohin sie sich begaben. Als wir dicht bei
diesem Zeltdorfe waren, sprengte eine Reiterschar an mich heran und
überbrachte mir die Nachricht, daß zwei hohe Herren aus Lhasa angelangt
seien, weshalb sie uns bitten müßten, der Verhandlungen wegen in ihrer
Nähe zu lagern. Anfangs weigerte ich mich und sagte, wir hätten mit
diesen Leuten nichts zu schaffen, sondern würden weiterziehen. Doch
als es nachher um ihr Lager herum von Soldaten zu wimmeln begann und
mir gesagt wurde, daß sie mir Botschaft direkt aus Lhasa brächten,
hielt ich es für das Klügste, wenigstens zu hören, was sie eigentlich
wollten, und bat die Tibeter, ihren hohen Herren zu sagen, daß ich mit
ihnen sprechen würde, wenn sie zu mir kämen.
Jetzt zeigten sich zwei ältere Männer in roten Gewändern. Sie saßen
zu Pferd. Vier Fußgänger hielten jedes Pferd am Zügel und führten
die hohen Herren zu mir, der ich im Sattel sitzen blieb. Sie grüßten
höflich und sahen freundlich und gutherzig aus: die Berichte, die
sie während der letzten Tage über uns erhalten hatten, waren sicher
zu unserem Vorteil ausgefallen. Sie hatten mir, wie sie sagten, so
wichtige Mitteilungen zu machen, daß ich unbedingt bei ihnen lagern
müsse; nach vielem Wenn und Aber ging ich schließlich darauf ein.
Doch als wir unser Lager aufgeschlagen hatten, verging eine lange Zeit,
ohne daß die Gesandten etwas von sich hören ließen. Ich schickte nun
den Lama mit dem Bescheid dorthin, daß +sie+ uns gebeten hätten zu
bleiben und sich nun gefälligst sputen möchten, wenn sie mir etwas so
Wichtiges zu sagen hätten, da wir sonst wieder aufbrechen würden. Dies
half. In ihrem Lager wurde es lebendig. Die beiden Gesandten kamen
schleunigst aus dem Zelte und ritten zu uns; die Entfernung betrug kaum
150 Schritt. Der Sicherheit halber umgaben sie sich mit einer starken
Eskorte, die jedoch nicht mit Feuerwaffen, sondern nur mit Schwertern
bewaffnet war. Sie saßen ab und traten mit artigem Gruße in das
Küchenzelt ein, das für Audienzen gewöhnlich ausgeräumt und mit einem
bunten Chotaner Teppich geschmückt wurde. Auf diesem Teppich nahmen
wir Platz, während draußen ein dichter Kreis von Kosaken, Tibetern und
Muhammedanern um das Zelt herum stand. Der Lama, mein Dolmetscher,
mußte zwischen uns sitzen.
Sie stellten sich als Mitglieder des „Dewaschung“, des Heiligen Rates
in Lhasa, vor, denen der Auftrag geworden sei, mich zu verhindern, nach
dieser Stadt zu reisen. Sie wußten, daß ich schon auf einem anderen
Wege mit nur zwei Begleitern nach Lhasa zu reiten versucht hatte,
aber aufgehalten und von Kamba Bombos Leuten über die Grenze gebracht
worden sei. Nun hieß es wieder wie damals: „Nach Süden dürft ihr keinen
Schritt weiter“, und dieses Thema wurde drei Stunden lang in allen
möglichen Variationen wiederholt.
„Wir haben Millionen Soldaten, und wir werden euch daran verhindern!“
Als ich fragte, was sie wohl machen wollten, wenn wir doch nach Süden
gingen, antworteten sie, das würde entweder ihnen oder uns den Kopf
kosten.
„In unserer Order steht, daß wir enthauptet werden, wenn wir euch hier
durchlassen, und dann können wir lieber erst mit euch kämpfen; das
ganze Land ist voller Soldaten.“
Ich bat sie, sich unserer Köpfe wegen ja nicht aufzuregen, da sie an
diese doch nicht herankönnten, denn teils hätten wir Beistand von
höheren Mächten, teils besäßen wir fürchterliche Waffen.
Beide Gesandten wurden außerordentlich aufgeregt, schrien, schwitzten
und gestikulierten, und als ich trotzdem ruhig blieb und ihre Drohungen
mit trocknem Lachen erwiderte, platzten sie beinahe vor Ärger.
„Kari-sari? (was sagt er)“, fragten sie unaufhörlich.
„Er sagt, daß er nach Süden weiterziehen will.“
„Mig jori (wenn er Augen hat), wird er morgen sehen, wie wir eure
Karawane zurücktreiben“, riefen sie; unaufhörlich schrien sie „mig
jori, mig jori!“
Ich lachte nur und erwiderte schließlich:
„Mig jori, wenn ihr Augen habt, so paßt morgen auf, wenn wir südwärts
ziehen; haltet aber eure Flinten bereit, denn es wird euch heiß um die
Ohren werden!“
Da schlugen sie einen anderen Ton an und baten flehentlich, wir möchten
doch endlich die Reise nach Süden aufgeben. Wenn wir auf demselben
Wege, den wir gekommen, wieder umkehren wollten, sollten wir Führer
und Proviant und alles, was wir nur brauchten, haben, ja, dann würde
alles in jeder Hinsicht gut werden.
Ich hatte gar nicht die Absicht, noch weiter „wider den Stachel zu
löcken“; tatsächlich hatte ich für diesmal genug von Tibet und sehnte
mich nach Ladak und noch mehr nach Hause, nach meiner schwedischen
Heimat. Spaßeshalber aber sagte ich noch einmal, daß alle ihre Versuche
vergeblich seien.
„So“, antworteten sie, „nun gut, wir werden nicht auf euch und eure
Leute schießen, aber wir werden eure Reise unmöglich machen!“
„Wie soll das geschehen?“
„Zehn, zwanzig von unseren Soldaten werden je einen eurer Reiter
festhalten, und ebenso viele jedes Kamel, wir werden eure Tiere
festhalten, bis sie nicht mehr stehen können und stürzen.“
„Wenn wir dann aber auf euch schießen?“
„Das macht nichts; wir werden auf jeden Fall getötet, wenn wir euch
durchlassen. Wir haben bestimmte Befehle aus Lhasa erhalten.“
„Zeigt mir sie, dann werde ich nicht weiter nach Süden gehen“,
antwortete ich.
„Sehr gern“, sagten sie und ließen das Papier aus dem Zelte der
Gouverneure holen. Es wurde von dem jüngeren Gesandten vorgelesen und
war ein recht merkwürdiges Aktenstück. Schereb Lama las mit und konnte
kontrollieren. Nach einer ersten Vorlesung und Übersetzung nahmen
wir es langsam Punkt für Punkt noch einmal durch, so daß ich es in
mongolischer Sprache mit lateinischen Buchstaben abschreiben konnte.
Später übersetzte ich es ins Schwedische.
Es lautete, wie folgt. Zuerst die Adresse auf der Außenseite des
zusammengefalteten Papieres:
„Im Jahre der eisernen Kuh, den sechsten Monat, am 21. Tage. Dieses
Schreiben soll den beiden Gouverneuren von Nakktsong zu Händen kommen.
Es ist vom Dewaschung und wird mit der Post befördert. Im siebenten
Monate, am 22. Tage muß es angelangt sein.“
Und dann das Schreiben selbst:
„Im Jahre der eisernen Kuh, im sechsten Monate, am 19. Tage ist
hier von dem Gouverneur von Nakktschu ein Schreiben angekommen, daß
der Sekretär der Mongolen Tsange Chutuktu, der Lama Sandsche, nebst
mehreren Pilgern die Wallfahrt nach Dscho-mitsing in Hamdung gemacht
hat und er sowohl wie Tugden Dardsche dem Gouverneur von Nakktschu
(also Kamba Bombo) gewisse Mitteilungen gemacht haben.
„Der Gouverneur von Nakktschu hat (seinerseits) dem Dewaschung
(folgende) Mitteilungen gemacht. Tsanges Sekretär hatte gesagt, daß
er um die Zeit, als er sich auf den Weg gemacht, europäische Männer
gesehen habe und eine Strecke weit in ihrer Gesellschaft gereist
sei. Nachdem sie eine Menge Kleidungsstücke gekauft, seien sie
weitergezogen. Im Basare habe er zwei Russen gesehen. «Wohin reist
ihr», habe er gefragt, «seid ihr Lamas?» «Wir sind Lamas», hätten
sie geantwortet. Der Arzt Schereb Lama, ein Chalchamongole, sei mit
ihnen zusammengereist und ihr Führer gewesen. Unterwegs habe er sechs
russische Leute marschieren sehen. Eine Menge Kamele und Leute seien im
Anzuge.
„Nach Namru und Nakktsong sollen schleunigst Schreiben abgesandt
werden, so daß es überall bekannt wird, daß von Nakktschu an und
landeinwärts, soweit mein (d. h. des Dalai-Lama) Reich reicht,
russische (europäische) Männer keine Erlaubnis erhalten, nach Süden
zu ziehen. An alle Häuptlinge sollen Schreiben erlassen werden.
Bewacht die Grenzen von Nakktsong; es ist notwendig, das Land Stück
für Stück streng zu bewachen. (Diese Stelle lautet auf Mongolisch.
“Nakktsäng-tsonguin tsachar hara, gadser gadser sän harreha kerekté„.
Die Provinz wird hier also «Nakktsäng-tsong» genannt, aber sonst
hörten wir sie stets kurzweg «Nakktsong» nennen, wie auch der See
Nakktsong-tso hieß.) Es ist absolut unnötig, daß europäische Männer
in das Land der heiligen Bücher kommen, um sich dort umzusehen. In
der Provinz, die euch beiden untertan ist, haben sie durchaus nichts
zu suchen. Wenn sie sagen, daß es notwendig sei (so wisset), daß
diese beiden Anführer nicht nach Süden reisen dürfen. Sollten sie
dennoch ihre Reise fortsetzen, so verliert ihr euren Kopf. Zwingt
sie, umzukehren und den Weg, auf dem sie gekommen sind, wieder
zurückzugehen.“
Durch dieses Schreiben kam für uns Licht in verschiedene Punkte, die
uns bisher dunkel geblieben waren. Lama Sandsche und Tugden Dardsche
gehörten zu der Karawane von mongolischen Pilgern, die im Mai 1900
Tscharchlik passiert hatte. Schon in Korla und Kara-schahr waren sie
mit meinen burjatischen Kosaken und mit dem Lama zusammengetroffen, und
die Mitteilungen, die sie hierüber gemacht hatten und die hier in dem
Dokumente angeführt waren, entsprachen in der Hauptsache der Wahrheit.
„Eine Menge Kamele und Leute“, bezieht sich auf die große Karawane
unter Tschernoff und Turdu Bai.
Sobald sie in Nakktschu angelangt waren, hatten sie Kamba Bombo über
alles Geschehene Bericht erstattet, und dieser hatte sofort einen
Kurier nach Lhasa an den Dewaschung gesandt. Der Kurier langte am 19.
des 6. Monats in Lhasa an, und schon am 21. wurde das ganze Land im
Norden und Westen der Hauptstadt, besonders die Provinzen Namru und
Nakktsong, benachrichtigt, daß scharf aufgepaßt und das Eindringen
von Europäern in das Land verhindert werden müsse. Der Ausdruck „die
Provinz, welche euch beiden untertan ist“ beweist, daß das Schreiben,
welches mir jetzt vorgelesen wurde, besonders an die beiden Gesandten,
die uns hier am Nakktsong-tso den Weg versperrten, gerichtet war.
Der ältere hieß Hladsche Tsering, der jüngere Junduk Tsering. Sie
sind also die Gouverneure von Namru und Nakktsong. Doch nach anderen
Aufklärungen, die wir erhielten, scheint es, als hätten sie sich zur
Zeit von Kamba Bombos Schreiben zufällig in Lhasa aufgehalten und dort
die eben angeführte Order persönlich in Empfang genommen. Ihnen waren
auch eine Menge Einzelheiten von meinem ersten Vordringen nach Lhasa
und von Kamba Bombos Art und Weise, uns festzunehmen, bekannt. Mit
„diese beiden Anführer“ sind sicherlich Tschernoff und Sirkin gemeint,
denn wir hatten, als Kamba Bombos Leute uns festnahmen, erklärt, daß
im Hauptquartiere zwei Europäer seien, die Rache nehmen würden, wenn
uns ein Leid widerführe. Wie wir gefürchtet, hatten die mongolischen
(tangutischen) Pilger uns einen bösen Streich gespielt! Doch auch ohne
ihre Angeberei hätten wir bald festgesessen, denn sowohl Kamba Bombo
wie jetzt Hladsche Tsering erzählten, daß Yakjäger, die uns gesehen,
sofort Bericht darüber erstattet hätten.
Ich konnte darauf nichts weiter erwidern, als daß alles in Ordnung und
sie völlig in ihrem Rechte seien, uns den Weg zu versperren, und ich
sagte ihnen ehrlich, daß die von ihnen beobachtete Absperrungspolitik
die einzige sei, die ihr Land vor dem Untergange bewahren könne.
„Rund um Tibet herum, im Norden, im Süden und im Westen haben die
Europäer entweder die Länder eurer Nachbarn erobert oder sie von sich
abhängig gemacht; jetzt geht auch China allmählich unter, euer Land ist
in Asien das einzige, das noch unberührt ist.“
„Re, re“, antworteten sie, „so wollen wir es haben! Es tut uns
euretwegen sehr leid, daß ihr nicht nach Lhasa reisen könnt, aber wir
müssen unseren Befehlen gehorchen. Für uns wäre es viel angenehmer
gewesen, wenn wir Befehl erhalten hätten, euch nach Lhasa zu führen und
euch alles zu zeigen.“
Um eine Aufklärung zu erzwingen, fragte ich, ob sie etwas dagegen
hätten, meinen chinesischen Paß nach Lhasa zu schicken, während welcher
Zeit wir ja die Antwort zusammen erwarten könnten.
„Unter keiner Bedingung, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat der
Kaiser von China hier bei uns überhaupt nichts zu sagen, und zweitens
würden wir dann beim Dewaschung in den Verdacht geraten, in eurem
Interesse tätig zu sein, und im günstigsten Falle abgesetzt werden.“
Schereb Lamas Name kam in dem Dokumente vor. Hier hatten sie ihn
leibhaftig vor sich. Sie sagten ihm, daß, wenn es nicht meinetwegen
wäre, sie ihn eigentlich mitnehmen und an die Behörden von Lhasa
ausliefern müßten, von denen er seine wohlverdiente Strafe erhalten
würde, weil er einen Europäer nach Lhasa habe führen wollen. Sein
Name sei jetzt in dieser Stadt bekannt und stehe schon im Buche der
Verdächtigen. Es sei für ihn selbst das Beste, sich in der heiligen
Stadt nie wieder sehen zu lassen. Sie hielten unserem armen Lama eine
donnernde Strafpredigt. Aber jetzt, da sein Spiel doch verloren war,
nahm auch er kein Blatt mehr vor den Mund; er legte ordentlich los,
machte die beiden Gesandten schonungslos herunter und fragte, mit
welchem Rechte sie einen Lama züchtigen wollten, der kein tibetischer
Untertan sei; er habe von dem chinesischen Gouverneur in Kara-schahr
Erlaubnis erhalten, mit mir zu reisen; der Prior seines dortigen
Klosters habe gleichfalls seine Einwilligung dazu gegeben, und er
werde bei seiner Rückkehr berichten, wie die tibetischen Behörden sich
betragen hätten. Da ich fürchtete, daß der Zank in Handgreiflichkeiten
übergehen würde, holte ich die große Spieldose, deren Musik wie Öl auf
die Wogen wirkte.
Hladsche Tsering war übrigens der Typus eines tibetischen Gentleman,
ein wirklich netter, gemütlicher alter Onkel, von dem schließlich
alle Mitglieder unserer Karawane, sogar der Lama, entzückt waren
(Abb. 272). Niemand wird mir widersprechen, wenn ich sage, daß er
viel mehr Ähnlichkeit mit einem runzeligen, alten Mütterchen als mit
einem gebieterischen Statthalter hatte. Man betrachte nur das Bild,
das ich von ihm zeichnete. Sein völlig bartloses Gesicht, die Art,
wie er sein Haar trug, der Zopf, die Mütze mit dem Amtsknopfe, die
Ohrringe, alles trug dazu bei, ihm einen so stark femininen Anstrich
zu geben, daß ich ihn in vollem Ernst fragte, ob er am Ende nicht doch
ein altes Weib sei. Diese Aufrichtigkeit, die manches andere männliche
Individuum sehr übel genommen haben würde, machte auf Hladsche Tsering
einen ganz guten Eindruck; er lächelte freundlich, nickte und verzog
sein Pergamentgesicht zu den muntersten Grimassen, hielt sich die Hand
vor die Augen, lachte schließlich derart, daß ihm die Tränen über die
Wangen liefen, und versicherte, er sei wirklich ein Mann.
Um 7 Uhr abends ging ich mit Schagdur und dem Lama nach seinem Zelte
und kam erst um Mitternacht wieder nach Hause. Jetzt wurde von unseren
Plänen kein Wort mehr gesprochen, wir amüsierten uns nur und scherzten
miteinander wie zwei junge Studenten. Jeder prahlte mit seinen Waffen.
Daher schlug ich vor, Schagdurs Säbel gegen ein tibetisches Schwert zu
probieren. Nach der Probe sah dieses wie eine Säge aus, aber später
sahen wir auch mehrere von ziemlich gutem Stahl. Hladsche Tsering
zeigte uns, daß er auch einige recht brauchbare Revolver hatte.
Sein weißes Zelt mit blauen Streifen und Bändern war sauber und hübsch
eingerichtet. An der hinteren Querwand stand eine Art niedrigen Diwans
aus Polstern und Kissen und davor ein ebenfalls niedriger Tisch, auf
welchem uns Tee, sauere Milch und Tsamba angeboten wurden. Auf der
rechten Seite des Diwans (d. h. wenn man darauf saß) stand ein kleiner
tragbarer Tempel mit verschiedenen Burchanen (Götterbildern), die
vergoldet und zum Teil in „Haddik“ gewickelt waren; unter anderen
sah man dort auch den Burchan des Dalai-Lama. Vor ihnen brannten
einige Öllampen, und in kleinen Messingschalen waren, wie es auch
in den großen Tempeln Brauch ist, den Götterbildern allerlei leicht
verdauliche Speisen hingestellt. Sobald man einen Schluck von seinem
Tee trank, war sofort ein Diener da und goß die Tasse wieder bis oben
voll, selbst wenn dazu nur fünfzehn Tropfen gehörten. Ein eigener
Pfeifenreiniger bediente Hladsche Tsering, der aus seiner langen
chinesischen Pfeife rauchte und sehr von meinem Tabak entzückt war,
weshalb ich ihm eine ganze Blechschachtel davon schenkte.
Der ungefähr 45 Jahr alte Junduk Tsering war weniger intelligent und
glaubte, uns durch große Worte schrecken zu können. Er war es, der bei
jeder Gelegenheit unübersehbare Heerscharen ins Treffen führte und
seine Soldaten nach Millionen rechnete. Ich klärte ihn darüber auf,
daß ich seine Krieger selbst gezählt und nur 120 Mann gefunden hätte.
Diese Zahl wuchs indessen unaufhörlich, bis sie schließlich beinahe
fünfmal so groß war! Ich hatte nicht die geringste Lust, mit ihnen
Krieg anzufangen, denn ich hatte ja nur vier Kosaken und überdies, wie
jedermann begreifen wird, weder das Recht noch den Wunsch, Gewalt zu
brauchen. Wenn wir trotzdem einen ebenso wahnsinnigen wie verwerflichen
Schritt getan hätten, wäre es den Tibetern mit ihrer Übermacht eine
Kleinigkeit gewesen, uns in irgendeinem Passe den Weg zu versperren.
Aber der russische Kaiser hatte mir die Eskorte nicht gegeben, um in
Tibet Streit anzufangen, sondern nur als Sicherheitswache für meine
Person. Es war für mich also eine Ehrensache, die Kosaken unverletzt
wieder zurückzubringen, und ich hatte daher Rücksicht auf sie zu nehmen.
Der gutmütige, ein wenig beleibte und aufgeschwemmte Junduk Tsering
war also nur schwach begabt. Unaufhörlich fuhr er sich bei unserem
Wortwechsel mit der flachen Hand um den Hals, um zu veranschaulichen,
wie wir um einen Kopf kürzer gemacht werden würden, wenn wir weiter
nach Süden zögen. Ich sagte ihm gerade heraus, daß er von allen Herren,
die ich bisher kennen gelernt, einer der dümmsten sei, und fragte ihn,
ob es viele zweibeinige Esel in Lhasa gebe.
Beide Gesandten waren elegant und sauber gekleidet und hatten
verschiedene Anzüge, Alltags- und Paradekostüme, warme und leichte,
mitgebracht. Sie waren nach chinesischer Mode gekleidet, denn sie
trugen Kleiderröcke und Jacken oder Westen von seidenen und wollenen
Stoffen. Auf den beigefügten Bildern sind sie im Paradeanzug (Abb. 273,
274).
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Der Nakktsong-tso.
Am 14. September verließ ich das Lager, um eine der herrlichsten
Seefahrten anzutreten. Ich ritt mit Kutschuk westwärts nach dem
naheliegenden Ufer des Nakktsong-tso; das Boot wurde auf einem Kamele
hinbefördert. Die Tibeter ließen mich merkwürdigerweise in Ruhe, aber
ich hatte ihnen ja auch gesagt, daß ich nur fischen wolle. Die Karawane
hatte Befehl, noch einen Tag hier liegenzubleiben, dann aber nach dem
Westufer des Sees zu ziehen und mich an dem Punkte, wo wir vor einigen
Tagen hatten umkehren müssen, zu erwarten. Wir nahmen Proviant für drei
Tage und warme Kleidung für die Nächte mit.
In Südwesten erhob sich aus der blauschillernden Wasserfläche eine
kleine Felseninsel, nach der wir steuerten. Es dauerte mehrere Stunden,
ehe wir sie erreichten. Der See scheint sich sehr weit nach Westen
zu erstrecken. Ich freute mich über die herrliche Aussicht, das
schöne Wetter, das Rauschen der kristallklaren Wellen um die Jolle,
den warmen, heiteren Tag mit 14,2 Grad Wärme und schwelgte in dem
Bewußtsein, von der liebenswürdigen Aufdringlichkeit der Tibeter und
ihren rührenden Besorgnissen um unseren Weg befreit zu sein. Die größte
Tiefe auf diesem Weg betrug 12,70 Meter.
Die kleine Felseninsel überragt den Spiegel des Sees um etwa 50 Meter.
Auf ihrem westlichen Vorsprung ist eine Steinplatte errichtet, die
sicherlich zur Bezeichnung eines Winterweges, der über das Eis führt,
dient. Ein kleiner Streifen von dichtem, üppigem Grase kann jetzt
ungestört wachsen, da die Tibeter keine Boote besitzen; aber Yakdung
und Schafmist verrieten gelegentliche Winterbesuche, um welche Zeit die
Insel dank der Eisdecke mit dem Ufer in Verbindung steht. Im übrigen
fallen die Kalksteinfelsen nach allen Seiten steil ab. Vom Gipfel aus
bot sich uns eine prächtige Aussicht über die südlichen Partien des
Sees, und ich zeichnete eine Kartenskizze dieses ganzen Gebiets, zu
dessen genauer Untersuchung es uns an Zeit gebrach.
[Illustration: 278. Unser Lager auf der Insel. (S. 294.)]
[Illustration: 279. Das südliche Ufer unseres Gefängnisses. (S. 298.)]
[Illustration: 280. Die Zelte der Gouverneure. (S. 302.)]
[Illustration: 281. Das Ufer des Boggtsang-sangpo. (S. 304.)]
Während des Marsches nach der „Kalpetbucht“ war es uns vorgekommen, als
dehne sich der Nakktsong-tso sehr weit nach Süden aus und erstrecke
sich bis an den Bergrücken, der nach dieser Seite hin die Aussicht
begrenzte. Nun aber stellte sich heraus, daß nur ein paar Kilometer
die Insel vom Südufer trennten. Die Gesichtstäuschung beruht auf der
Luftspiegelung, in welcher die außerordentlich tiefliegende Ufersteppe,
die sich zwischen dem Seeufer und dem Fuße des Gebirges ausdehnt,
verschwindet. Die Steppe glänzte grün von vorzüglicher Weide; schwarze
Punkte zeichneten sich dort ab: Yake, Pferde und Schafe, sowie acht
schwarze Zelte, auch einige kleine Steinhäuser, möglicherweise Tempel,
waren zu sehen.
Westlich von der Insel erheben sich drei wilde, bizarre Bergkämme, die
sich auf einer größeren Insel zu erheben schienen oder die vielleicht
-- ja, wie es sich mit dieser Sache verhielt, wollten wir jetzt
gerade feststellen. Nachdem wir eine niedrige Landspitze am Ostende
der südlichsten Kette umrudert hatten, steuerten wir nach West zu
Süd, welche Richtung wir bis zum Nachtlager beibehielten. Nun haben
wir den südlichen Bergast gleich linker Hand. Er gleicht einer aus
gewaltigen, rauhen Blöcken aufgetürmten Riesenmauer; hier und dort
fällt er senkrecht in das Wasser hinunter, das überall seicht und
selten mehr als 2 Meter tief ist. Westwärts rückt das Land zusammen;
vielleicht würden wir hier in eine Sackgasse geraten. Der See wird
immer enger; wir passieren das westliche Ende der ersten Kette, dann
das der zweiten, die in einem zerrissenen Gipfel kulminiert. Jetzt
ist es nur noch ein Kilometer bis an das Südufer. Ist das rechts von
uns eine Insel oder nicht? Das ist die Frage, die wir uns bei jedem
Ruderschlage vorlegen. Wir rudern immer weiter in diese rätselhafte
Bucht hinein. Die untergehende Sonne streut Gold und Purpur über die
rauhen Felsvorsprünge, die sich in der ruhigen Wasserfläche spiegeln,
durch deren glashelle Decke Algen und Wasserpflanzen schimmern.
Wir folgen dem nach Nordwesten abbiegenden Ufer. Der Graswall sah ganz
unberührt aus, und wieder hofften wir, daß es eine Insel wäre, auf
der wir eine friedliche Nacht ohne alle tibetischen Besuche würden
zubringen können. In der westlichen Verlängerung des zweiten Bergarmes
erhebt sich jenseits des Wassers ein imposanter Gebirgsstock. An seinem
Südfuße, nur ein paar hundert Meter von uns entfernt, taucht eine
steinerne Hütte auf, von welcher Rauch aufsteigt und vor welcher ein
einsamer Hund wütend bellt.
In der Dämmerung rudern wir in die stille Bucht hinein; das Hundegebell
verstummt hinter uns, Felsen erheben sich senkrecht auf beiden Seiten
und werfen ein helles Echo der Ruderschläge zurück; jeder Laut zittert
zwischen den Bergwänden, und wir treten wie in einen Tempelsaal in
Gottes freier, erhabener Natur ein. Einige Königsadler kreisen mit
regungslosen Flügeln in diesem großartigen Engpasse.