den See eingeschlagen haben, nun aber mußte ich mit der Karawane
am Nordufer, das sich ziemlich gerade nach Westen hinzieht,
entlangmarschieren. Sobald wir anfingen zu beladen, machten sich auch
die Tibeter bereit, und nach einem Marsche von einigen Kilometern ritt
unser alter Bombo mit zwölf Mann an uns heran und machte einen letzten
verzweifelten Versuch, uns zu bewegen, geraden Weges nach Ladak zu
ziehen. Als ich ihm jedoch sagte, ich ginge, wohin es mir passe, und
er würde uns keine Furcht einjagen können, wenn er auch zehntausend
Mann aufböte, sah er sehr niedergeschlagen aus und teilte mir mit,
er werde uns jetzt unserem Schicksal überlassen und nach seinen
Zelten im Nordwesten zurückreiten, worauf ich ihm glückliche Reise
wünschte. Die Schar verschwand denn auch in jener Richtung, und es war
wirklich schön, im Laufe des Tages unbelästigt zu bleiben. Erst gegen
Abend tauchten in der Ferne zwei Reiter auf, offenbar Kundschafter,
verschwanden aber wieder zwischen den nördlich von unserem Wege
liegenden Hügeln.
Auch hier sind alte Uferwälle deutlich ausgeprägt, manchmal kann man
auf einem solchen stundenlang wie auf einer Straße reiten. Nach Süden
hin erstreckt der See seinen gewaltigen, blau und grün schillernden
Spiegel bis in die weite Ferne.
Schließlich biegt das Seeufer nach Südwesten und Südsüdwesten ab.
Zwischen einem Gewirr von Schlamminseln war das Wasser süß, hier
mußte also ein Fluß münden. In kurzem gelangten wir an sein Ufer, und
Schagdur machte bald eine vortreffliche Furt mit hartem Kiesboden
ausfindig. Das Wasser war kristallklar, der Fluß mußte also von einem
weiter aufwärts im Tale gelegenen See kommen. Beim Rekognoszieren hatte
Schagdur einige Wildenten gesehen und vier geschossen, die flußabwärts
trieben und von uns aufgefischt wurden. Zwei anderen, die nur verwundet
waren, gelang es, an uns vorbei nach der Mündung zu kommen. Tscherdon
ritt jedoch kühn mitten in den Fluß hinein und köpfte die eine mit
seinem Säbel. Die andere verschwand zwischen den unzähligen Möwen, die
sich in dem Mündungsgebiet aufhielten und das Wasser weißgetüpfelt
erscheinen ließen. Ihre Anwesenheit schien auf das Vorkommen von
Fischen in diesem Flusse hinzudeuten. Der Platz war viel zu einladend,
als daß wir daran hätten vorbeigehen können; wir lagerten auf dem
Gipfel der rechten Uferterrasse.
[Illustration: „... und jagten dann in wildem Laufe vor, hinter und
durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten!“]
Kaum war das Lager errichtet (Abb. 266), so sahen wir schwarze Linien
im Nordwesten und Nordosten. Es waren unsere zudringlichen Wachen; von
Nordwesten kamen 53, von Nordosten 13, sie hatten jetzt eine nicht
geringe Anzahl Packpferde bei sich. Sie waren augenscheinlich nur
fortgewesen, um sich zu verproviantieren und sich für einen längeren
Feldzug zu rüsten. Sie gingen an derselben Stelle wie wir über den
Fluß und jagten dann in wildem Laufe vor, hinter und durch die Zelte,
als wollten sie uns niederreiten! (S. bunte Tafel.) Doch, während sie
heulten und ihre Lanzen über dem Kopfe schwangen, schienen sie uns
nicht zu bemerken; sie streiften uns mit keinem Blicke, sondern ritten
nur vorbei wie ein Wirbelwind, wie eine rollende Lawine. Die Schar sah
malerisch aus in ihren bunten Gewändern und oft recht schönen Säbeln,
ihren an den Gabelenden der Flinten befestigten weißen und roten
Fähnchen und den Schwertern in silbernen Scheiden.
Im Südwesten von uns machten sie zu einer längeren Beratung Halt. Drei
Männer traten vor, und die anderen sammelten sich in drei verschiedene
Gruppen um sie, wie es schien, um zu lernen, wie mit Flinten umgegangen
wird, denn diese waren die ganze Zeit über Anschauungsmaterial. Von
Zeit zu Zeit stießen alle auf einmal ein seltsames Geheul aus. Dann
wurden die Zelte aufgeschlagen, und die Männer ließen sich an ihren
Feuern nieder.
Das Lager der Tibeter war auf einer unbedeutenden Anhöhe, die unsere
Zelte beherrschte, aufgeschlagen, und die Kosaken hatten beobachtet,
daß alle Flinten in eine Reihe mit der Mündung nach unserem Lager
gelegt worden waren. Sie meinten, es sehe aus wie eine Schützenlinie
und es sei nicht unmöglich, daß wir über Nacht einem mörderischen
Feuer ausgesetzt werden sollten. Daher begab ich mich, als es dunkel
geworden war, mit dem Lama und Schagdur nach dem Lager der Tibeter
und ging in das Zelt des Bombo, wo ich höflich bewillkommnet und mir
Tee und Tsamba vorgesetzt wurden. Innerhalb einer Minute war das
Zelt vollgepfropft von Tibetern. Ich weigerte mich, an der Mahlzeit
teilzunehmen, weil, wie ich sagte, der Bombo nicht angerührt habe, was
ihm bei uns angeboten worden sei. „Re, re, re“, rief er („Wahr, wahr,
wahr“). Er fragte nach meinem Namen, und ich erwiderte ihm, daß er ihn
erfahren solle, wenn er mir sage, wie der Fluß heiße; er hatte aber
keine Lust, auf den Tausch einzugehen. Später erfuhren wir jedoch, daß
der Fluß +Jaggju-rappga+ hieß. Auf meine Frage, ob es im Flusse Fische
gebe, wurde mir geantwortet. „Ja, in großer Menge.“ Ich versprach,
den nächsten Tag hierzubleiben, aber nur unter der Bedingung, daß sie
mir, um die Wahrheit ihrer Worte zu beweisen, bei Sonnenaufgang einen
mittelgroßen Fisch in mein Zelt brächten. Sie versprachen, ihr Bestes
zu tun, und erhielten leihweise ein Netz, von dem sie aber gar nicht
wußten, wie sie es benutzen sollten.
Am frühen Morgen erschienen vor meinem Zelt einige Tibeter mit
dem Netze, in dessen Maschen ein kleiner Fisch gefangen war. Sie
waren mit ihrer Beute sehr zufrieden und versicherten, daß sie
bei dem Fange beinahe umgekommen seien. Unsere Wachtposten hatten
indessen beobachtet, daß einige Tibeter sich mit Tagesgrauen nach
der Flußmündung begeben und dort eine Möwe belauert hatten, als sie
gerade einen Fisch gefangen hatte. Diese hatten sie durch Steinwürfe
gezwungen, ihre Beute an einer leicht erreichbaren Stelle fallen zu
lassen. Unserem Versprechen gemäß blieben wir auf alle Fälle hier, um
zu fischen.
Tscherdon und alle Muselmänner, außer unseren erfahrenen Lopfischern
Kutschuk und Ördek, sollten das Lager bewachen; die drei übrigen
Kosaken durften mitkommen. Von einer Masse von Tibetern gefolgt und
von einem Kamele, welches das Boot trug, begleitet, ritten wir am
rechten Ufer aufwärts, bis wir an eine Biegung gelangten, wo der Fluß
zwei kleine Wasserfälle bildet, von denen der obere meterhoch ist, der
untere aber nur 30 Zentimeter Fallhöhe hat. Hier donnert und kocht
die Wassermasse in fest verkitteten Geröll- und Tonschlammschwellen.
Das Bett ist eng und so tief, daß das Wasser blauschwarz aussieht.
Unterhalb des unteren Wasserfalles bildet sich ein langsamer Wirbel,
in den das Netz vom Ufer aus spiralförmig hinabgesenkt wurde. Dadurch,
daß wir in einer Kurve ruderten, mit den Rudern schlugen, schrien und
lärmten, jagten wir die Fische in das Netz hinein und fingen jedesmal
zwei bis drei von ihnen. Nachdem ich 28 Stück gefangen hatte, ließ
ich die anderen weiterfischen. Die Kosaken angelten vom Ufer aus
und hatten auch guten Fang. Tschernoff schoß einige Wildenten, die
wir mit dem Boote auffingen. Kurz, wir hatten einen entzückenden,
erfrischenden Tag und eine angenehme Abwechslung nach den langen,
anstrengenden Karawanenmärschen. Daß der Hagel alle Augenblicke auf
uns niederprasselte, störte uns wenig; die Tibeter saßen auf der
Uferterrasse und glichen, schwarz wie sie waren, einer Reihe Krähen auf
einem Dachfirst.
Vom Fischereiplatze trieb ich mit schwindelnder Fahrt nach dem Lager
zurück. Eine Schar Wildenten flog eilig vor uns her; wir fuhren weiter
bis an die Stelle, wo sich der Fluß in den Selling-tso ergießt, und
von dort ging ich nach Hause, während Ördek die Jolle nach dem Lager
zurückrudern und stoßen mußte. Der Fluß sollte nämlich gemessen werden,
und dabei ergab sich, daß er 34,6 Kubikmeter Wasser in der Sekunde
führte.
Dreißig Tibeter mit dem Bombo an der Spitze besuchten mich am
Abend. Sie waren so freundlich, mir zwei Schafe und drei Kübel voll
prächtiger Milch zu schenken, wahrscheinlich als Belohnung dafür, daß
wir, wie sie uns gebeten hatten, einen Tag hiergeblieben waren. Sie
durften jetzt den Tönen der Spieldose lauschen und mehrere unserer
Sehenswürdigkeiten betrachten, und der Bombo nahm die Geschenke an,
die ihm angeboten wurden.
Die Kosaken sahen dem Scheibenschießen der Tibeter zu. Der Abstand
betrug nur 40 Meter, und ein kleines Holzbrett an einer Stange diente
als Scheibe. Von dreißig Schützen vermochten nur drei das Brett zu
treffen -- ein mehr als klägliches Resultat. Die Kosaken baten, auch
einen Versuch machen zu dürfen, aber darauf wollten sich die Schützen
durchaus nicht einlassen; sie fürchteten wohl, übertroffen zu werden.
Als ich am nächsten Morgen geweckt wurde, waren die Lopleute schon eine
gute Weile beim Fischen gewesen, und ich wies daher den Entenbraten,
der sonst hätte mein Frühstück bilden sollen, zurück.
Der Morgen versprach mehr, als der Tag halten konnte. Er war schön
und sonnig, aber kaum waren wir in Gang gekommen, so zogen die
schwarzblauen Wolkenwände, die am Horizonte lauerten, herauf und
entluden ihren Inhalt. Die Folge davon waren Hagel, Sturm, nasser
Schnee und Platzregen, so daß der Boden wieder naß und schlüpfrig
wurde. Der Tagemarsch war demnach in mehrerer Beziehung düster. Die
Tibeter ermüdeten uns mit ihrem ewigen Quälen, daß wir umkehren
sollten, und mit unseren beiden Kranken sah es auch schlecht aus;
besonders Kalpets Zustand hatte sich sehr verschlimmert.
Durch das natürliche, imposante Felsentor, das durch eine Unterbrechung
der im Süden des Jaggju-rappga-Tales liegenden Kette gebildet wird,
ziehen wir nach Südosten. Über den Klüften und Vorsprüngen zur Rechten
kreist ein Königsadler, wahrscheinlich derselbe, den wir gestern den
Wildenten hatten auflauern sehen. Die Felstauben, die zierlich und
elegant auf dem Boden trippelten, schienen vor dem Adler nicht den
geringsten Respekt zu haben. Kulane und Orongoantilopen zeigen sich
überall; sie, wie die Fische, scheinen gewohnt zu sein, daß sie von den
Menschen in Frieden gelassen werden. Auf Delikatessen verstehen sich
die Tibeter nicht. „Ebenso gut, wie man Fische ißt“, sagen sie, „könnte
man ja Schlangen und Eidechsen verzehren; das ist genau dasselbe.“
Die Bergkette zieht sich wie eine Halbinsel in den See hinein.
Auf ihrer Südseite reiten wir durch einen bedeutenden Fluß namens
+Alla-sangpo+, und zu unserer Linken dehnt sich wieder der marineblaue
Spiegel des Selling-tso aus. Hier und dort steht am Ufer ein Zelt.
Im Südwesten zeigt sich bisweilen eine verwirrende Welt von Bergen,
meistens aber verhüllen Regengüsse und Hagelschauer die Landschaft,
so daß Dämmerung herrscht und ich ausschließlich nach dem Kompaß
marschieren muß. Der Erdboden war ein einziger Sumpf. Die Tibeter
ritten einen anderen Weg, und wir zogen es schließlich vor, ihnen zu
folgen; doch jetzt machten sie Halt und meinten, daß wir uns selbst
helfen könnten! Am Ufer zeigten sich Massen von Wildgänsen, die noch
rechtzeitig vor unseren Gewehren flüchteten. Einen Augenblick klärte
es sich über dem ausgedehnten See auf, und wir konnten leicht mehrere
Stellen wiedererkennen, die wir am anderen Ufer passiert hatten,
besonders die kleine Bergkette auf der Halbinsel, auf der wir hatten
umkehren müssen.
Links lassen wir auch an unserem Ufer eine derartige kleinere Kette
hinter uns zurück. Wir beabsichtigten gerade, zu einer Schwelle
in Südsüdosten hinaufzuziehen, als Kutschuk und Chodai Kullu
heransprengten und atemlos verkündeten, daß es Kalpet sehr schlecht
gehe. Ich eilte dorthin und fand ihn mehr tot als lebendig inmitten
der anderen auf einer Decke am Boden liegen. Er bat um Wasser; da es
dieses in der Nähe nicht gab, durfte er so viel Milch trinken, als er
konnte. Seine Augen hatten einen strahlenden, intensiven, aber glasigen
Ausdruck; seine Gesichtsfarbe war gelb, die Lippen weiß.
An einem großen Tümpel mit Regenwasser lagerten wir bei strömendem
Regen. Eines der Zelte wurde als Lazarett eingerichtet, und hier fand
Kalpet Schutz vor der Witterung. Er lag ganz still und schien keine
Schmerzen zu fühlen. Eine leichte Dosis Morphium verhalf ihm zum
Schlaf. Der alte Muhammed Tokta, der auch ins Lazarett gebracht wurde,
hatte eine schauerliche Krankheit. Sein ganzer Leib war geschwollen und
sein Gesicht eine einzige Geschwulst; es war nicht gut für ihn, seinen
Unglücksgefährten mit dem Tode ringen zu sehen.
Auch heute Abend kam unser Bombo auf Besuch, und als wir ihn baten,
uns Milch aus dem nächsten Zeltdorfe zu besorgen, sagte er, daß die
Pocken dort grassierten; falls wir dorthin gehen wollten, könnten wir
es tun; er seinerseits danke dafür. Er brachte drei neue Gesichter
mit, darunter einen alten, sehr netten Lama. Sie erklärten, direkt
von den Gesandten zu kommen, die der Dalai-Lama ausgeschickt habe, um
uns zu verhindern, nach Lhasa zu gehen. Dann folgten die gewöhnlichen
Unterhandlungen und Bitten, daß wir doch um Himmels willen bleiben
möchten, wo wir seien, damit wir nicht nur uns, sondern auch sie nicht
ins Unglück stürzten. Die Gesandten von Lhasa seien nicht mehr weit
und würden in zwei Tagen hier eintreffen. Ich blieb unbeweglich und
sagte ihnen, es sei eine Schande, friedliche Gäste auf diese Weise
zu behandeln und uns mit Hunderten von bis an die Zähne bewaffneten
Spionen zu umgeben. Wir beabsichtigten nicht, Krieg zu führen, und
hätten alles, was wir gekauft, ehrlich bezahlt. Über unsere Pläne würde
ich nicht eher Auskunft geben, als bis die Gesandten angelangt seien.
Sie waren verblüfft und sahen sehr sorgenvoll aus.
Um 7 Uhr erhob sich ein so heftiger Sturm, daß das ganze Lager
fortzufliegen drohte und die Zelte von der Wucht des Hagels und Regens
beinahe zu Boden gedrückt wurden. Nach einem letzten Besuche im
Lazarettzelte (Abb. 267), wo Kalpet ruhig schlief und Muhammed Tokta
über sein Herz klagte, gingen wir zur Ruhe, um die Sorgen des Tages in
den Armen des Schlafes zu vergessen.
Sobald ich am 11. September aufgestanden war, besuchte ich die Kranken.
Muhammed Tokta war unverändert; er war bei klarem Bewußtsein und
scherzte sogar, hatte aber gemerkt, daß er allmählich das Gefühl in
den Fingern verlor. Schlimmer war es mit Kalpet. Er rang mühsam nach
Atem, seine Wangen waren eingefallen, aber die Augen hatten ihren
Glanz beibehalten. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen, aber er sprach
vernünftig und sagte, er habe eine „kattik kessel“ (schwere Krankheit)
und sei noch kränker davon geworden, daß einer seiner Kameraden ihn
vor einigen Tagen geschlagen habe. In Wirklichkeit war es damit, wie
sich herausstellte, nicht so schlimm gewesen, aber die Erinnerung daran
erfüllte den Sterbenden ganz und gar, und er wußte von nichts anderem
zu reden. Der arme Kerl, der dies auf seinem Gewissen hatte, würde
jetzt viel darum gegeben haben, wenn er die Sache hätte ungeschehen
machen können.
Allmählich schwand das Bewußtsein; er sprach nicht mehr, war total
geistesabwesend und starrte in unbekannte Fernen, vielleicht nach dem
Paradiese, das der Prophet ihm versprochen hatte. Ich wollte den Tag
über hierbleiben, aber die Gegend war so erbärmlich, daß alle für das
Übersiedeln nach einem besseren Platze stimmten. Kalpet wurde daher
bequem und weich auf sein Kamel gebettet (Abb. 268), und der Zug setzte
sich wieder in Bewegung. Wir alle fühlten, daß heute der Tod mit der
Karawane zog, und die Stimmung war daher gedrückt und düster.
Es ging nach Südosten. Von der ersten kleinen Paßschwelle sahen
wir wieder einen außerordentlich schönen, von niedrigen Bergketten
eingefaßten See mit bizarren Ufern vor uns liegen. Das Wasser war
kristallhell; daß es diesmal nicht wieder der Selling-tso sein konnte,
merkte man bald, denn hier sah man sowohl Wasserpflanzen als auch
Fische, und das Wasser war so süß, wie das eines Flusses.
Das linke Seeufer sah bedenklich aus, denn steile Felsen fielen hier
jäh ins Wasser hinunter, und ich hielt es daher für das Klügste, Sirkin
und Schagdur auf Rekognoszierung auszuschicken. Inzwischen überfiel
uns ein gewaltiger Hagelsturm, und Kalpet wurde mit einem Filzteppiche
zugedeckt. Die drei neu angekommenen Tibeter ritten an mich heran, um
mir zu erklären, daß es auf dem Westufer keinen Durchgang gebe, doch
führe auf dem Nordufer ein Weg nach Osten, den wir benutzen könnten,
wenn wir durchaus weiter wollten. Ich ahnte sofort, daß etwas dahinter
liegen müsse; es blieb mir aber keine Wahl, um so mehr, als nachher die
Kosaken die Aussage der Tibeter bestätigten.
Wir zogen also längs des nördlichen Ufers weiter; es wurde eine
Wanderung in den schönsten Schlangenlinien. Ein gerade nach Osten
gehender Weg führte über die Hügel, aber die Tibeter hielten sich
hinter uns und hüteten sich wohl, ihn uns zu zeigen. Wir gingen
also am Strande entlang und nahmen so alle Buchten, Landzungen und
Halbinseln mit, ohne zu wissen, nach welcher Seite der See ausbog. Wenn
wir infolgedessen auch viele unnötige Schritte machten, so erhielt
ich doch wenigstens eine getreue Karte des launenhaften Sees, und
eine herrlichere Landschaft als diese hatten wir in Tibet noch nicht
gesehen. Nach allen Seiten hin öffneten sich großartige Perspektiven
in Buchten und Fjorde hinein, die zwischen malerischen, dekorativen
kleinen Bergketten mit steil nach dem See abfallenden Abhängen tief
in das Land einschnitten. Hier und dort tauchten kleine Inseln auf,
gewölbt wie Delphinrücken. Alte Uferlinien waren hier nicht zu sehen,
und das süße Wasser sprach dafür, daß der See, der +Nakktsong-tso+
heißt, Abfluß nach einem weiter südlich liegenden Salzsee hat.
Nachdem wir einige Stunden in allen möglichen Richtungen gewandert
waren, überraschten wir die Tibeter, die ihre Zelte am Ufer
aufgeschlagen hatten und ihre gewöhnliche Teerast hielten. Sie hatten
dadurch Zeit gewonnen, daß sie einen Richtweg hinter den Uferfelsen
benutzt hatten. Wir zogen an ihnen vorbei, bis der See definitiv
nach Südosten abzubiegen schien. Hier traten die Berge vom Ufer
zurück, das eben und mit festem Kiese bedeckt war und den Kamelen ein
vortreffliches Terrain bot. Am östlichen Ende des Sees lagerten wir bei
einem Zeltdorfe. Die Späher waren uns auch diesmal zuvorgekommen und
hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen.
Kalpet hatte oft gesprochen und besonders Rosi Mollah, seinen Kerijaer
Landsmann, gerufen; er hatte um Wasser gebeten und darum, daß seine
Lage auf dem Kamele verändert werden möchte, wenn er sich auf einer
Seite müde gelegen hatte; manchmal rief er laut und deutlich, das Kamel
gehe zu schnell. Als er jedoch in der Nähe des Lagers längere Zeit
still gewesen war, hielt die Ambulanz, welche die Nachhut der Karawane
bildete, und Mollah horchte. Er holte mich sofort, und es war nicht
schwer zu konstatieren, daß mein armer Diener verschieden war. Sein
Ausdruck war ruhig und verklärt, aber die Augen hatten ihren Glanz
verloren. Er war schon kalt, obwohl es kaum eine Stunde her war, seit
er zuletzt um Wasser gebeten hatte. Mollah drückte ihm für immer die
Augen zu, und dann setzte die jetzt in einen Leichenzug verwandelte
Karawane ihren Weg fort. Die Muselmänner hatten, wie gewöhnlich,
gesungen, um sich den Marsch weniger langweilig zu machen; jetzt
aber wurde es still wie in einem Grabe, und nur die Tritte der Tiere
auf dem Sande und Kiese des Ufers und das keuchende Atmen der Kamele
unterbrachen das Schweigen. Wir standen wieder vor dem furchtbaren,
erbarmungslosen Ernste des Todes, und wieder führten wir einen Toten
auf einem lebendigen Katafalke mit uns (Abb. 270).
Als wir an den Zelten der Tibeter vorbeizogen, kamen diese uns
entgegen, um uns zu sagen, daß es bis zur nächsten Stelle mit Weide
noch weit sei. Ich teilte ihnen mit, daß wir einen Toten bei uns
hätten, der begraben werden müsse, was sie sehr ruhig anhörten, uns
dann aber einen Platz anwiesen, wo dies am besten geschehen könne.
Sobald das Lager fertig war, sprach ich mit Mollah und Turdu Bai
über die Beerdigung; sie schlugen vor, sie bis zum nächsten Morgen
aufzuschieben und dann mit den üblichen Zeremonien vorzunehmen. Die
Leiche wurde für die Nacht in das eine weiße Zelt gelegt und sollte von
einem Wächter vor den Hunden geschützt werden.
Kalpets Beerdigungstag, der 12. September, brach strahlend hell und
klar an; nur dann und wann segelte in der frischen Seebrise, welche
die Wellen ans Ufer rauschen ließ, ein kreideweißes Wölkchen über den
Himmel. Das Grab war schon fertig, und im Todeszelte waren Hamra Kul,
Mollah Schah und Turdu Bai damit beschäftigt, die Leiche in ein Laken
zu hüllen, nachdem sie vorschriftsmäßig gewaschen worden war. Dabei
hatten sie sich das Gesicht außer den Augen mit weißen Binden umwunden,
um nicht die Leichenluft einatmen zu müssen. Vor dem Zelte saß Rosi
Mollah und las laut aus einem Gebetbuche. Das Grab war nicht viel mehr
als einen Meter tief, und seine eine Längsseite bildete eine Höhlung,
in welche die Leiche hineingeschoben werden sollte. Hierher lenkte der
Leichenzug seine Schritte. In eine weiße Filzdecke gewickelt, lag der
Tote lang, mager und kalt auf einer Kamelleiter und wurde von Mollah
Schah, Islam, Li Loje, Chodai Kullu, Ördek, Hamra Kul und Kutschuk
getragen (Abb. 269). Die improvisierte Bahre wurde auf den Rand des
Grabes gestellt und Kalpet dann vorsichtig in seine letzte Ruhestätte
hinabgelassen (Abb. 271), wobei Mollah Schah und der Mollah mit
hinabstiegen, um ihn unter den Vorsprung, der sich über der Aushöhlung
in der Seite des Grabes wölbte, zu legen. Der Mollah setzte sich dann
und hielt folgende Rede an den Verstorbenen:
„Du bist ein rechtschaffener, rechtgläubiger Muselmann gewesen, du hast
niemals einem von uns etwas zuleide getan, du läßt eine Lücke zurück,
und wir beweinen dein Hinscheiden, du hast dem Tura gut und redlich
gedient.“
Nachdem die beiden Männer aus dem Grabe gestiegen waren, wurde die
Kamelleiter quer über die Öffnung gelegt und das Ganze mit einem
Filzteppiche bedeckt, dessen Kanten mit Erdschollen beschwert wurden;
darauf wurde der Grabhügel über dem Teppiche aufgeworfen, welch
letzterer dieses Gewicht natürlich nicht sehr lange würde aushalten
können, -- es bedurfte nur eines Regens oder des Darüberlaufens
umherstreifender Yake, um das Ganze zum Einstürzen zu bringen. Als der
Hügel fertig und am Kopfende mit einem ebenso vergänglichen Denkmale
aus Erdschollen und einigen dar aufgestellten Steinen verziert war,
warfen sich die Muselmänner um das Grab herum auf die Knie, hielten
sich die Handflächen vor das Gesicht und murmelten leise Gebete, die
nur dann und wann von den Gebetformeln des Mollah unterbrochen wurden.
Und dann war der feierliche Akt vorbei und Kalpet der Erde
wiedergegeben. Wir kehren, wie aus einer Kirche, aus einer
Sonntagsstimmung in der Wildnis, zu den Sorgen des Alltagslebens
zurück. Wir packen unsere Habseligkeiten ein, brechen unsere Zelte
ab, beladen unsere geduldigen Kamele, steigen zu Pferd und ziehen von
diesem dritten Todeslager fort. Alles erscheint so eitel und zwecklos,
wenn man eben am Rande eines Grabes gestanden hat, wo man sich von
dem erhabenen Ernste des Lebens und des Todes durchdrungen gefühlt
und das Stundenglas ablaufen gesehen hat. Und dann kommt man zu den
unbedeutenden kleinen Sorgen eines neuen Tages zurück und setzt seine
endlose Wanderung über die Gebirge ohne Rast und Ruhe fort! Auf der
Karte steht neben diesem Lagerplatz ein schwarzes Kreuz. Heute ist das
Grab sicherlich schon verschwunden. Die Nomaden treiben ihre Herden
darüber hin, und ringsumher in den Bergen heulen in den Winternächten
die Wölfe. Und sollte das Grab wirklich noch nicht verschwunden sein,
so weiß doch keiner, wer der Tote war. Der Rechtgläubige ruht in
heidnischer Erde, aber seine Ruhestätte ist doch mit Gebeten aus dem
Koran geweiht worden.
Nach der Beerdigung kam Rosi Mollah mit folgendem Anliegen zu mir:
„Ehe wir uns nach Beendigung dieser Reise trennen, gebt mir, bitte,
ein schriftliches Zeugnis, daß Kalpet eines natürlichen, ehrlichen
Todes gestorben ist, damit seine Brüder in Kerija nicht glauben, er sei
von mir oder irgendeinem anderen von uns totgeschlagen worden.“ Dies
versprach ich, und es geschah auch, worauf das Zeugnis nebst Kalpets
Lohn an seine Brüder geschickt wurde.
[Illustration: 276. Die Garde der tibetischen Gesandten am
Tschargut-tso. (S. 291.)]
[Illustration: 277. Im Kampf mit Wogen und Wind auf dem Tschargut-tso.
(S. 294.)]
Die Tibeter, die dem Begräbnisse zusahen, erlaubten sich die Bemerkung,
daß wir uns viel zu viel Mühe damit machten. „Werft den Toten den
Raben und den Wölfen hin!“ sagten sie. Dies tun sie selbst, wie wir bei
einer spätern Gelegenheit mit eigenen Augen sahen.