zurück, auf flachem, offenem, gleichmäßig ebenem Lande, das reich an
Tümpeln und kleinen Seen war und oft ganz vorzügliches Gras aufzuweisen
hatte. Keine Hindernisse stellten sich uns in den Weg, und ich nahm
als selbstverständlich an, daß der Selling-tso jetzt zwischen uns und
den niedrigen Bergen, die sich im Süden nur undeutlich erkennen ließen,
liegen müsse. Wir blieben beisammen, und die kranken Kamele folgten
standhaft der Karawane. Hier und dort sahen wir große Schafherden mit
ihren Wächtern, aber ohne Hunde. Letztere gab es nur bei den Zelten.
Aus einem Zelte holten der Lama und Schagdur eine Domba sauere Milch.
Nach und nach werden die schwarzen Nomadenzelte immer zahlreicher (Abb.
265) und bilden bisweilen sogar Dörfer. In einem solchen Dorfe machten
die Kosaken einen Besuch, und als sie es verließen, folgte ihnen ein
Pferd, das besonders munter erschien. Sein Besitzer, ein anderer Mann,
ein altes Weib, zwei junge Mädchen und ein Junge liefen mit einem
Stricke hinterdrein, um es einzufangen. Doch der Gaul zog es vor, sich
ganz zu uns zu gesellen, und wir mußten den Tibetern schließlich wieder
zu ihrem Eigentum verhelfen.
Die jungen Mädchen hatten ihr Haar in zahllose kleine Zöpfe geflochten,
die vom Scheitel wie Radien auf den Rücken und nach den Seiten
herunterhingen und unten der Reihe nach an einen Streifen roten, mit
allerlei Zierraten besetzten Zeuges befestigt waren (Abb. 264). Von
der Mitte dieses Streifens hing ein breites, buntes, gesticktes Band
den Rücken herab. Im übrigen waren sie barhäuptig und trugen gleich
den Männern Pelze und Stiefeln. Wo die natürlichen Rosen der Wangen
ihren Platz hätten haben müssen, hatten sie die Haut mit irgendeiner
rotbraunen Farbe eingeschmiert und hierdurch ein Paar glänzender,
dicker Firniskrusten zustande gebracht. Einigen von ihren schwarzen
Yaken wurde von unseren Hunden sehr zugesetzt. Die Tiere waren jedoch
so klug, sich in die Mitte eines Tümpels zu flüchten, und blieben erst
stehen, als ihnen das Wasser bis an den Unterkiefer ging, während die
Hunde sie schwimmend umschwärmten. Nun hatten die Yake nur den Kopf zu
verteidigen, und an diesem saßen die achtunggebietenden Hörner. Diese
improvisierte Wasserpantomime rief in der Karawane große Heiterkeit
hervor.
Schon frühmorgens waren sechs Soldaten mit weißen Hüten und Gewehren
wie aus dem Erdboden aufgetaucht und uns auf unserer linken Seite, aber
in gebührender Entfernung gefolgt. Jetzt zeigte sich rechts von uns
eine neue Schar von sieben Mann. Die erste Truppe ritt auf einem großen
Umwege weit hinter uns zu der letzteren hinüber, und nun umkreisten
sie die Karawane, bald vorn, bald hinten, bald rechts, bald links,
zuweilen langsam, zuweilen im Galopp, und führten eine Art Kampfübungen
auf, die, wie ich vermute, uns Schrecken einjagen sollten. Da es ihnen
nicht gelang, uns zu imponieren, und wir ruhig unseren Weg nach Süden
fortsetzten, näherten sie sich von hinten bis auf ein paar hundert
Meter Entfernung und redeten unter lebhaftem Gestikulieren mit dem Lama
und Schagdur, die zurückgeblieben waren. Bei einem der Zelte saßen sie
ab und gingen hinein.
Inzwischen gelangten wir an das Ufer eines gewaltigen Flusses, der von
Osten kommt und in dem ich bald den +Satschu-sangpo+ wiedererkannte.
Jetzt war die Frage, ob es uns gelingen würde, dieses gewaltige Bett zu
passieren. Die Kosaken sollten, während wir am Ufer warteten, eine Furt
suchen. Da, wo wir Halt gemacht hatten, teilte eine Schlamminsel den
Fluß in zwei Arme; hier probierte es Ördek nackt mit dem Durchwaten. In
dem ersten Arme stieg ihm das Wasser bis an den Hals, in dem zweiten
nur bis an die Achselhöhlen. Als er umkehrte, versuchte er es an einer
anderen Stelle, wo er aber schwimmen mußte. Hier war das Überführen
der Kamele also unmöglich, um so mehr, als der Boden aus tückischem
Schlamme bestand.
Unterdessen waren die Tibeter auch angelangt und auf einen Hügel am
Ufer geritten, wo sie mit lautem Geschrei einen Obo begrüßten und von
wo aus sie unsere verzweifelten Versuche, hinüberzukommen, mit größtem
Interesse beobachteten. Es lag natürlich nicht in ihrem Interesse, uns
Auskunft zu erteilen, und wir fragten sie auch nicht um Rat.
Nach einem kurzen Marsche flußabwärts kommandierte ich Halt und ließ
das Lager aufschlagen. Das Boot wurde zusammengesetzt, und mit Ördek
als Ruderer maß ich die Tiefen. An einer geeigneten Stelle wollten wir
am folgenden Morgen hinübergehen. Die Kamele sollten unbeladen und ohne
Packsättel hinüberwaten und sämtliches Gepäck mit dem Boote befördert
werden. Ein mehrfaches Seil wurde quer über den Fluß gespannt. Die
Tibeter saßen jetzt unterhalb des Lagers, waren mäuschenstill und
augenscheinlich über das Rätsel betroffen, wie wir ein ganzes Boot
hatten hervorzaubern können. Wir beabsichtigten anfangs, den Übergang
in stiller, dunkler Nacht zu bewerkstelligen und am nächsten Morgen
verschwunden zu sein, doch daraus wurde nichts, weil wir fürchteten,
daß die Kamele sich erkälten könnten. Am Abend beschloß ich, überhaupt
nicht über den Fluß zu gehen, sondern seinem rechten Ufer bis zu seiner
Mündung in den Selling-tso zu folgen und darauf am Westufer des Sees
entlang zu ziehen, weil Littledale schon längs des östlichen gegangen
war.
Der Abend war still und klar, und die Stille wurde nur durch das
Rauschen des Flusses, die Töne der Balalaika und das Bellen der Hunde
in den Zelthöfen der Tibeter unterbrochen.
Die ganze Nacht blieben die Tibeter auf einem Hügel nordöstlich vom
Lager liegen, wo auch ihr Wachtfeuer brannte.
[Illustration: 271. Kalpets Grab. (S. 271.)]
[Illustration: 272. Hladsche Tsering, das Mitglied des Heiligen Rates,
seine Pfeife rauchend. (S. 278.)]
Während wir am Morgen darauf mit einer Flußmessung beschäftigt
waren, die 68 Kubikmeter in der Sekunde ergab, langte der Häuptling
der Gegend mit einigen Soldaten an, ließ sich bei dem Lama nieder
und betrachtete unser Tun mit grenzenloser Verwunderung. Er bat
um genaue Auskunft über unsere Absichten und erklärte, falls wir
geraden Weges nach Ladak ziehen wollten, werde er uns Führer für zehn
Tagereisen besorgen und uns Pferde, Schafe und alles, was wir sonst
noch brauchten, verkaufen; sei es aber unsere Absicht, nach Lhasa zu
gehen, so müsse er erst einen Kurier dorthin senden und wir hätten die
Antwort abzuwarten, die vielleicht erst in einem Monat käme. Gingen
wir ohne weiteres nach Lhasa, so werde er den Nomaden in der Gegend
verbieten, uns überhaupt etwas zu verkaufen, und er werde mit seinen
Soldaten alles tun, um unser Vordringen zu hindern. Täte er dies nicht,
so würden sowohl er wie seine Leute den Kopf verlieren. Als ich sagte,
da würde ihnen recht geschehen, bemerkte er lachend, für uns wäre das
freilich vorteilhaft, für sie selbst aber sehr unangenehm. Schließlich
teilte ich ihm mit, daß wir weder ihn noch seinen Führer brauchten, da
wir selbst wüßten, wohin wir zu ziehen gedächten.
„Ja“, antwortete er unerschrocken, „ihr könnt uns das Leben nehmen,
aber solange wir es noch besitzen, werden wir versuchen, euer
Vordringen nach Süden zu verhindern.“
Die Kamele wurden eingetrieben, und die Karawane hatte Befehl, so
nahe wie möglich längs des rechten Flußufers zu marschieren, während
ich und Ördek das Boot bestiegen, um uns von der Strömung nach Westen
treiben zu lassen. Mein Sitzplatz war außerordentlich bequem von Kissen
und Decken hergestellt, und der Sicherheit halber hatten wir Proviant
mitgenommen. Es wurde eine jener unvergeßlichen, herrlichen Fahrten wie
vor zwei Jahren auf der Fähre; ich saß in schönster Ruhe und ließ die
Landschaft an mir vorüberziehen.
Gerade unterhalb des Lagers machte der Fluß eine scharfe Biegung, so
daß wir eine Weile sogar nach Ostnordost trieben. Der Wachthügel der
Tibeter bestand aus Konglomerat und rotem und grünem Sandstein und
fiel gerade in der Biegung, wo der Fluß schmal war, steil ins Wasser
hinunter. Die Strömung war dort ziemlich stark, und als das Boot
unmittelbar unter der steilen Wand hinstrich, stimmten die Tibeter ein
wildes Geheul an; man konnte befürchten, daß sie uns mit einem Regen
von Sandsteinblöcken bombardieren würden. Wir atmeten daher erleichtert
auf, als wir unverletzt an ihnen vorbeigekommen waren.
Nachher geht der Fluß nirgends durch anstehendes Gestein und wird
ziemlich gerade. Er wird von 4-5 Meter hohen Uferterrassen von Lehm
eingefaßt, und das Land wird immer flacher und öder. Das Bett
verbreitert sich immer mehr und wird immer reicher an Schlamminseln,
die die Wassermasse in mehrere Arme teilen. Ördek half mit dem Ruder,
und wir trieben in schwindelnder Fahrt den Satschu-sangpo hinunter;
es war herrlich, aber wie selten kommt es vor, daß ein großer Fluß so
liebenswürdig ist, gerade in der Richtung unseres Weges zu strömen!
Seine trübe Flut schwenkt dann nach Südwesten ab. Rechts haben wir eine
kleinere Bergkette, in deren Tälern mehrere von Schaf- und Yakherden
umgebene Zelte liegen. Der hohe Uferwall entzog die Karawane unseren
Blicken, aber Tschernoff, der uns zu Pferde begleitete, hielt die
Verbindung zwischen uns und ihr aufrecht. Am Nachmittag wurde das
Wetter ungünstig, denn es erhob sich ein so starker Südwestwind, daß
der Fluß Wellen schlug und die Fahrt gehindert wurde. Ganze Wolken von
Sand und Staub wehten uns entgegen. Wir hatten jedoch einen so großen
Vorsprung, daß wir ein paarmal auf die Karawane, die noch immer von den
Tibetern verfolgt wurde, warten mußten. An dem letzten Punkte, wo Gras
zu sehen war, machten wir am rechten Ufer Halt, und hier ließen sich
auch die Tibeter nieder.
Jetzt, da sie nicht über Pässe zu gehen brauchten, hielten sich die
kranken Kamele noch immer aufrecht. Muhammed Tokta war erschöpft und
schien ein Herzleiden zu haben. Mit Kalpet war es noch ebenso, er war
still und wortkarg und hatte keine Freunde unter den anderen, die auch
behaupteten, daß er gar nicht krank sei, sondern sich nur verstelle,
damit er immer reiten dürfe und nicht zu arbeiten brauche. Einer der
Kameraden schlug ihn sogar deshalb, weil die anderen nun die Arbeit
übernehmen sollten, die er bisher getan hatte. Ich wußte nicht, was ich
glauben sollte, aber merkwürdig kam mir die Sache vor, denn der Mann
hatte einen riesigen Appetit. Glücklicherweise machte ich ihm keine
Vorwürfe, sondern bat nur Tschernoff, ihn zu beobachten. Ich würde es
später sehr bereut haben, wenn ich unfreundlich gegen ihn gewesen wäre,
denn er war wirklich krank, und unter den anderen war keiner, der seine
Partei nahm.
Am Morgen des 5. September sah es drohend aus, aber der Tag wurde klar;
leider hatten wir schon von Mittag an starken Gegenwind, doch die Luft
wurde immer reiner, und man konnte merken, daß der Wind über einen
gewaltigen See hingestrichen war und nicht aus der Steppe stammte.
Über mehreren Sandsteinschwellen bildeten sich Stromschnellen, die wir
jedoch mit Leichtigkeit passieren konnten. Der Satschu-sangpo ist hier
eng und eingeklemmt. Zahllose Schluchten münden wie enge Korridore und
Gänge auf beiden Seiten des Flusses. Man merkt deutlich, daß der See
einst viel größer gewesen sein muß und daß der Fluß jetzt die alten
Sedimente des Sees durchfließt. Die Höhe der Uferterrassen beträgt 6,7
Meter, und sie sind oft senkrecht.
Nach einer scharfen, zeitraubenden Biegung nach Nordosten strömt der
Fluß beinahe schnurgerade nach Süden. Nur ein paar Schlammhalbinseln
sind vorhanden. Die Terrassen sind bis 8 Meter hoch, werden aber in
demselben Verhältnisse niedriger, wie sich die Breite des Bettes von
100 Meter auf 400 Meter vergrößert. Der Wind weht gerade in diesen
eigentümlichen Abflußkanal hinein. Die Jolle stampft fühlbar, und die
Fahrgeschwindigkeit ist unbedeutend, obgleich Ördek mit dem Ruder
unverdrossen arbeitet. Fern im Süden verschwinden die markierten Linien
der Terrassen, eine grenzenlose Perspektive öffnet sich großartig und
bezaubernd. Die Breite beträgt jetzt wohl 500 Meter und die Tiefe
ziemlich gleichmäßig etwa 1 Meter; die Terrassen werden noch niedriger
und sind schließlich nur 1 Meter und noch weniger hoch. Weit konnte es
nach dem Selling-tso nicht mehr sein, wie weit aber, war unmöglich zu
bestimmen, denn die Luftspiegelung über den Wasserflächen erlaubte uns
kein Urteil. Nur die am Ostufer des Sees liegende Bergkette zeichnete
sich deutlich ab, aber sie schien über dem Boden zu schweben und
auf einer Luftschicht zu ruhen, die auf verwirrende Art spielte und
zitterte. Ebenso ist es mit den Kamelen, die zwei Kilometer westlich
von uns marschieren; sie scheinen auf langen, schmalen Stelzen zu
gehen, und die ganze Karawane schwebt gleichsam in der Luft.
Nun aber öffnet sich der Fluß trompetenförmig zu einem großartigen
Ästuarium; die Breite vergrößert sich auf 1 und 2 Kilometer,
schließlich verschwinden auf beiden Seiten die Ufer, und vor uns
dehnt sich die gewaltige, blaugrüne Fläche des +Selling-tso+ aus. Die
Flußterrasse hatte ebenfalls von 1 Meter bis 10 Zentimeter an Höhe
abgenommen, und schließlich lag der Schlamm mit dem Wasserspiegel in
gleicher Höhe. Noch fuhren wir jedoch auf Flußwasser, das im Gegensatz
zu dem herrlichen, frischen und sicherlich salzigen Wasser dort draußen
grau und trübe aussah. Zunächst war der See so flach, daß wir einen
weiten Umweg machen mußten, um an das nordwestliche Ufer gelangen zu
können, wo einige der Unseren mit Pferden warteten, um uns und das
Boot nach dem Lager zu befördern. Der Südwind war jetzt so frisch,
daß der See sich mit Schaumköpfen bedeckte, und wir hielten es für
geraten, Schuhe und Strümpfe auszuziehen und das Boot in eine Bucht
hineinzuschleppen. Eine Stunde später waren wir wohlbehalten in dem
neuen Lager, in dessen Nähe drei tibetische Zelte aufgeschlagen waren.
Die Karawane hatte ebenfalls einen guten Tag gehabt, obwohl die Tibeter
sich mausig gemacht hatten. Bei zwei Gelegenheiten waren die Kosaken
nach in der Nähe liegenden Zelten geritten, um Proviant zu kaufen,
sofort aber waren die Späher ihnen zuvorgekommen und hatten jeglichen
Handel untersagt. Die Kosaken waren einer Karawane von 200 Schafen
mit Salzlasten begegnet und hatten auch mit den Besitzern verhandelt.
Sogleich war der Anführer erschienen und hatte in gebieterischem Ton
mit seinen Landsleuten gesprochen, was zur Folge hatte, daß diese
durchaus nicht zu bewegen gewesen waren, etwas zu verkaufen. Die
Kosaken, die von Natur hitziger waren als ich, ließen darauf den
Tibetern durch den Lama sagen, daß sie sich, wenn sie uns nur folgten,
um uns am Kaufen von Lebensmitteln zu verhindern, künftig gefälligst
außer Schußweite halten möchten, denn sonst würden sie augenblicklich
niedergeschossen werden. Da verschwanden sie denn auch spurlos für den
Rest des Tages. Dank diesem Manöver konnte die Karawane ungehindert
nach den drei Zelten gelangen, wo sie freundlich von den zwölf
Bewohnern empfangen wurde, welche sehr entgegenkommend waren und gern
ein Schaf, Milch, Butter und Fett verkauften. Sie hatten noch keinen
Befehl von dem hartherzigen Häuptlinge erhalten, der uns aus dem Lande
hinaushungern zu können glaubte. Als sie uns nachher besuchten, wurden
sie mit Tee, Brot und Tabak bewirtet, erhielten kleine Geschenke, wie
einige Messer, einen Kompaß und ein paar Stücke Zeug, und sie waren
über die Maßen entzückt. Ihre Gegend nannten sie +Schannig-nagbo+ (die
schwarze Mütze).
Während des Rasttages herrschte heftiger Wind, Gewitter und Hagel.
Ich hielt es für klug, nun, da sich die Gelegenheit bot, noch einige
Schafe zu kaufen und den Proviant zu vermehren. Dies geschah noch im
letzten Augenblick, denn schon um 9 Uhr langte eine Reiterschar von
etwas über 50 Mann an; sie schlugen ein paar Kilometer von uns zwei
Zelte mit blauweißen Dächern auf. Erst gegen 1 Uhr ließen sie etwas von
sich hören und unterhandelten auf neutralem Gebiete zwischen beiden
Lagern mit dem Lama. Auf ihre Botschaft ließ ich antworten, daß ich,
wenn es ihrem vornehmsten Anführer nicht beliebe, sich persönlich
bei mir einzustellen, überhaupt nicht mit ihnen unterhandeln würde.
Er kam auch, von zehn mit Säbeln bewaffneten Leuten begleitet. Nur
mit Schwierigkeit konnten wir sie dazu bewegen, in das Küchenzelt
einzutreten, wo auf einem Sessel Tee, Brot und Tabak aufgetragen waren,
doch sie rührten die Bewirtung nicht an, -- sie dachten wohl, daß sie
von Menschen, die ohne Erlaubnis im Lande umherzogen, schicklicherweise
nichts annehmen dürften.
[Illustration: 273. Die Gouverneure Hladsche Tsering und Junduk
Tsering. (S. 279.)]
[Illustration: 274. Hladsche Tsering und Junduk Tsering. (S. 279.)]
[Illustration: 275. Blick nach Westen am Strande des Tschargut-tso. (S.
289.)]
Nun entspann sich die gewöhnliche zwecklose Unterhandlung. Der alte
Häuptling, der übrigens ein sehr netter, liebenswürdiger Herr von
angenehmem Äußern und aufrichtig in seiner Rede war, bat, als alles
nichts half, wir möchten doch wenigstens noch vier Tage hierbleiben,
während er Kuriere nach Lhasa senden und die Antwort des Dewaschung
oder „Heiligen Rates“ in jener Stadt erwarten wolle. Ich sagte ihm, wir
hätten keine Zeit dazu und gedächten morgen südwärts weiterzuziehen.
„Dann folgen wir euch, und wir werden euch schon daran verhindern, nach
Lhasa zu gehen; wir erhalten bald Verstärkung.“
„Wenn ihr uns daran verhindern wollt“, antwortete ich, „so müßt ihr
schießen, bedenkt aber, daß auch wir Gewehre haben.“
Da schüttelte der alte Mann den Kopf und versicherte, daß sie nie
daran gedacht hätten, zu schießen, und fügte hinzu, daß so harte Worte
zwischen uns nicht gewechselt zu werden brauchten. Ein paar Geschenke,
die ihm angeboten wurden, schlug er aus, fügte aber hinzu:
„Wenn ihr hier vier Tage wartet, werde ich eure Gaben mit Vergnügen
annehmen und erwidern, außerdem sollt ihr alles haben, was ihr für die
Reise nach Ladak an Proviant und Karawanentieren braucht.“ --
Am Abend kam Kalpet in mein Zelt und beklagte sich schluchzend, daß
einer der Leute ihn geschlagen habe. Ich hielt ein Verhör ab und
ermahnte alle, freundlich gegen ihn zu sein, und Tschernoff, welcher
der Oberaufseher der Karawane war, erhielt noch speziell den Auftrag,
ihn zu pflegen. Der Mann tat mir schrecklich leid, denn er war eine
Verkörperung der trostlosesten Verlassenheit, und nie werde ich den
kummervollen Blick vergessen, der in seinem Auge lag und der sich in
unendliche Dankbarkeit verwandelte, als ich seine Partei nahm und ihn
mit den geeignetsten Drogen der Arzneikiste behandelte. Als ich ihn
später besuchte, aß er mit gutem Appetit Reispudding, und ich glaubte,
daß er an vorübergehender Bergkrankheit leide.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Tibetische Truppen versperren uns wieder den Weg.
Einer der Kamelveteranen von Kaschgar, der mehrere unserer Wüstenreisen
mitgemacht hatte, war nicht mehr imstande, sich zu erheben, als wir
am 7. September vom Lager 75 und den Steppen der „schwarzen Mütze“
fortzogen. Er wurde daher getötet; sein Skelett sollte als Andenken an
unseren Besuch liegenbleiben.
Als die Karawane beladen wurde, kam der Bombo und machte einen letzten
verzweifelten Versuch, uns zum Bleiben zu bewegen. Ich erklärte ihm
rund heraus, daß unser Weg nach Süden führe. Da schwieg er und ging
seiner Wege.
Wir folgten nun auf hartem, ebenem, vortrefflichem Boden dem Seeufer
nach Westsüdwest. Rechts von unserem Wege erhebt sich ein jäh
abfallender Landrücken, an dessen Fuß die Tibeter entlangreiten,
-- sie sind jetzt 63 Mann stark. An einem Punkte, wo der See nach
dieser Richtung hin ein Ende zu haben schien, zeigte die Weide ganz
vortreffliches, dichtes, üppiges Gras; daher rasteten wir dort der
Tiere wegen eine Weile. Nun kamen die Tibeter ebenfalls herangesprengt,
schlugen in unserer Nähe ihre Zelte auf, sattelten ihre Pferde ab
und ließen sie grasen. Sie nahmen wohl fest an, daß auch wir hier
lagern würden. Bald darauf zeigten ihre Feuer, daß sie zu frühstücken
beabsichtigten.
Unsere verdutzten Späher zurücklassend, steuern wir nach Südwesten,
während das Seeufer nach Süden und Osten umbiegt. Wir gingen über
vier alte Uferlinien, die außerordentlich deutlich von mächtigen
Kieswällen markiert wurden, deren letzter und höchster sich wohl 50
Meter über den jetzigen Spiegel des Sees erhob. Von dem Walle hatten
wir eine prächtige Aussicht über die blaue, klare Wasserfläche des
+Selling-tso+. Dieser scharfsalzige See ist also in energischem
Abnehmen begriffen; er schrumpft periodenweise zusammen und hinterläßt
die Wälle als unverkennbare Wahrzeichen seiner früheren Ausdehnung.
Das vor uns liegende Terrain ist jetzt ziemlich eben, bis wir einen
neuen Wall erreichen, der nach Nordwesten abfällt, wo sich wieder
ein See zeigt. Darauf stehen wir am Rande einer außerordentlich
eigentümlichen Bodensenkung, einer eiförmigen Arena, in deren Mitte
einige Süßwassertümpel liegen. Unmittelbar südlich erhebt sich ein
Bergrücken, der sich in westöstlicher Richtung hinzieht und dessen
senkrechte Seitenwände einige hundert Meter hoch sind. Wir zogen nach
seinem westlichen Ende. Jetzt tauchten auf einem Hügel acht Tibeter auf
und beobachteten uns von dort. Als sie bald darauf wieder verschwanden,
ahnte ich, daß wir uns auf einer Halbinsel befanden und daß sie
glaubten, uns vorläufig wie in einem Sacke gefangen zu haben.
Sirkin und Schagdur wurden daher vorausgeschickt, um zu rekognoszieren,
indes wir langsam weiterzogen. An dem Punkte, wo die Felswand jäh in
das Wasser fällt, kamen sie uns entgegen und erklärten, es sei noch
derselbe See. Wir waren also auf einer Halbinsel gewandert, die ihre
felsgekrönte Front nach Süden kehrt. Es war immerhin den Umweg wert,
daß ich die Karte auch an diesem Punkte vervollständigen konnte. In
schönster Ruhe wandten wir uns um nach Nordnordosten und entfernten uns
ein wenig vom Ufer des Selling-tso.
In einer Felsschlucht „fand“ Tscherdon zehn mit Fett gefüllte
Schafmagen und nahm vier davon mit. Ganz dicht bei einem am Ufer
liegenden kleinen Zeltdorfe lagerten wir. Die Gegend hieß +Tang-le+;
die Bewohner waren nette Leute, weigerten sich aber ganz entschieden,
etwas zu verkaufen. Ich zeigte ihnen die Fettmagen und fragte, was sie
kosteten. Drei Tsos (die landesübliche Silbermünze in Lhasa, zirka 60
Pfennig) das Stück, antworteten sie; da mir aber der Preis viel zu hoch
war, gab ich ihnen ihr Fett wieder und ließ sie gehen, nachdem sie die
Bemerkung des Lama, daß, wenn wir nicht so gute Menschen gewesen wären,
wie wir nun einmal seien, wir alle zehn Magen einfach hätten behalten
können, gleichgültig angehört hatten, ohne ein Wort zu sagen.
Die Tibeter lagerten ein paar Kilometer von uns, außer fünfzehn Mann,
die ihr Zeltdorf bei unserem Lager aufschlugen. Im Laufe des Abends
führten sie verschiedene Manöver und Kampfspiele aus und schossen
nach der Scheibe. Beinahe den ganzen Tag fiel dichter Regen, und ein
paarmal fuhren heftige Windstöße mit solcher Gewalt über das Land
hin, daß wir Halt machen und warten mußten. Mit Kalpet wurde es immer
schlechter, er mußte auf seinem Reitpferde festgebunden werden, um
nicht herabzufallen. Tschernoff war sein Krankenpfleger und ritt neben
ihm. Am nächsten Morgen bat der Kranke, zurückgelassen zu werden,
welche Bitte natürlich nicht gewährt wurde. Statt dessen wurde er so
bequem wie möglich zwischen zwei Zeltballen auf ein Kamel gebettet.