Kisten um mich, und mein schönes, warmes Bett war in Ordnung. Wenn
man es einen ganzen Monat recht schlecht gehabt hat, weiß man es erst
zu schätzen, wenn man sich wieder in „zivilisierten Verhältnissen“
befindet. Sirkin berichtete, daß ein Pferd verendet sei und die anderen
sich noch nicht erholt hätten, daß die Kamele aber bedeutend kräftiger
geworden seien. Die Chronometer waren stehengeblieben, weil Sirkin es
aus Furcht, daß die Federn springen könnten, nicht gewagt hatte, sie
ganz aufzuziehen. Die Folge dieser übertriebenen Vorsicht war, daß wir
nun nach dem naheliegenden Lager Nr. 44, unserem Hauptquartiere, von
dem die Reise nach Lhasa ausgegangen war und in welchem ich damals eine
astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, zurückkehren mußten. Ein
Zeitverlust von mehreren Tagen würde dadurch allerdings entstehen, aber
die Tiere, die wir mitgehabt hatten, bedurften nur zu sehr aller Ruhe,
die sie haben konnten. Es hatte in der Gegend unaufhörlich geregnet;
bisweilen waren jedoch kleine Ausflüge gemacht und dabei einige Kulane
erlegt worden.
Tschernoff hatte die Nachhut so gut geführt, daß er bei seiner Ankunft
am 2. August noch neun Kamele mitgebracht hatte; nur zwei Kamele und
zwei Pferde waren verendet; unter den ersteren war mein Veteran von der
Kerijareise im Jahre 1896.
Alle Leute waren gesund, und helle Freude herrschte an diesem Abend.
Sie gestanden, daß sie nach Ördeks Rückkehr für uns das Schlimmste
befürchtet hätten und kaum von uns hätten sprechen mögen, sondern
gewartet und gewartet hätten. Jolldasch heulte vor Freude und nahm
sofort seinen bequemen Platz neben meinem Bette wieder ein.
Nachdem ich das Lager inspiziert und alles in bester Ordnung
vorgefunden hatte, mußte Tscherdon mir ein Bad zurechtmachen. Der
größte Kübel, den wir hatten, wurde mit heißem Wasser gefüllt und in
meine Jurte gebracht. Nie ist ein gründliches Abseifen notwendiger
gewesen als jetzt, und das Wasser mußte mehreremal erneuert werden,
hatte ich mich doch 25 Tage lang nicht gewaschen! Und wie schön war
es, nachher vom Scheitel bis zur Sohle wieder in reinen europäischen
Kleidungsstücken zu stecken und den mongolischen Lumpen auf ewig
Lebewohl sagen zu können!
Nach einem wohlschmeckenden Mittagsessen und Aufzeichnung der heutigen
Erlebnisse ging ich mit gutem Gewissen zu Bett und genoß in vollen
Zügen die Ruhe und den Komfort, die mich umgaben. Das Bewußtsein, daß
ich den forcierten Ritt nach Lhasa ohne Zögern gewagt hatte, war mir
eine große Befriedigung. Daß wir diese Stadt nicht hatten sehen können,
betrachtete ich weder jetzt noch später als eine Enttäuschung; gibt es
doch unüberwindliche Hindernisse, die alle menschlichen Pläne kreuzen.
Aber es freute mich, daß ich nicht einen Augenblick gezaudert hatte,
einen Plan auszuführen, der kritischer und gefährlicher war als eine
Wüstenwanderung, und es ist ein Vergnügen, gelegentlich den eigenen
Mut auf die Feuerprobe zu stellen und die Ausdauer bei Strapazen zu
erproben. Mein Leben während der nächstfolgenden Zeit erschien mir
im Vergleich mit dem eben Erlebten wie eine Ruhezeit. Was uns auch
beschieden sein mochte, -- solche Strapazen wie auf der Lhasareise
würden wir schwerlich wieder erleben. Mir war zumute, als sei ich schon
halb wieder zu Hause, und ich ahnte nichts von den ungeheuren Mühsalen,
die uns noch von Ladak trennten.
Alles erschien mir jetzt leicht und lustig, sogar der Regen schmetterte
freundlich auf die Kuppel der Jurte, und der eintönige Sang der
Nachtwache lullte mich bald in den Schlaf. Ich war froh, daß ich nicht
mehr hinauszugehen und die Pferde zu bewachen brauchte, und ich freute
mich, Schagdur und den Lama, halbtot vor Müdigkeit, in ihren Zelten
schnarchen zu hören.
Am folgenden Morgen konnte es keiner übers Herz bringen, mich zu
wecken; wir kamen daher erst mittags fort. Wir ritten auf den Hügeln
am rechten Ufer des Flusses. Die Wassermenge war jetzt ziemlich
ansehnlich. Auf dominierenden Höhen hatten meine Leute Steinpyramiden
errichtet, die von fern Tibetern glichen. Der Zweck der Steinmale war,
uns bei der Rückkehr den Weg vom Lager Nr. 44 nach dem neuen zu zeigen.
Wenn die Tibeter die Pyramiden erblickten, würden sie gewiß glauben,
daß wir eine Heerstraße für einen Einfall bezeichnet hätten und daß
bald eine ganze Armee unserer Spur folgen würde. In einem Nebentale
verriet ein großer Obo, daß die Gegend nicht selten besucht wurde; wie
gewöhnlich, war er aus einer Menge Sandsteinplatten errichtet, in die
die Formel „Om mani padme hum“ eingemeißelt war.
Wir ließen uns jetzt an derselben Stelle wie damals häuslich nieder.
Das Gerippe des hier gefallenen Pferdes war von Wölfen vollständig
reingefressen. Hasen und Raben kommen in der Gegend besonders häufig
vor. Eines der letzten Schafe wurde geschlachtet. --
Die Reise nach Lhasa erscheint mir jetzt wie ein Traum; hier sitze ich
unter denselben Verhältnissen wie vor einem Monat, die Jurte steht
auf demselben Erdringe, die Beine des Theodolitenstativs in denselben
Löchern, der Fluß rauscht wie damals; es ist, als könnten nur ein,
zwei Tage vergangen sein. Alle jene langen, unter Wachen und Sorge
zugebrachten Nächte sind vergessen; es war nur eine flüchtige Episode,
eine Parenthese im Verlaufe der Reise! --
Jetzt folgten einige Tage der Ruhe, in denen meine Geduld jedoch sehr
auf die Probe gestellt wurde. Es regnete und schneite unaufhörlich, und
ich hatte keine Gelegenheit, alle die astronomischen Beobachtungen,
die ich gern machen wollte, vorzunehmen. Und dann sehnte ich mich
auch danach, wieder nach Süden aufzubrechen und bewohnte Gegenden
aufzusuchen, wo wir die uns nötige Hilfe erhalten konnten, denn es war
schon jetzt ersichtlich, daß unsere Tiere nicht mehr weit kommen würden.
In der Nähe des Lagers wurde mir ein Platz gezeigt, wo Turdu Bai und
Tscherdon am Tage unserer Abreise eine Gesellschaft tibetischer Jäger
überrascht hatten. Diese Helden waren so fassungslos gewesen, daß sie
Hals über Kopf Reißaus genommen und siebzehn Packsättel, ein Zelt und
den ganzen Fleischvorrat, aus dem ihre Jagdbeute bestand, im Stiche
gelassen hatten. Alles lag noch da, bis auf das Fleisch, das sich Wölfe
und Raben zu Gemüte geführt hatten. Man kann sich die tollen Gerüchte
denken, die in Umlauf gesetzt werden, wenn solche Flüchtlinge wieder
bewohnte Gegenden im Süden erreichen. Sie übertreiben natürlich ihre
Beschreibungen und behaupten, daß eine ganze Armee von Europäern ins
Land gedrungen sei. Das hatten wir in Dschallokk ja selbst gehört.
Während meiner Abwesenheit war gute Disziplin gehalten worden, aber
nach meiner Rückkehr wurde sie noch mehr verschärft. Alle unsere
Tiere hatten ihre Weideplätze in einem Tale, das einige Kilometer
vom Lager entfernt war. Tschernoff ritt einmal nachts dorthin und
fand die Wächter schlafend. Er gab einen Flintenschuß ab, durch den
alle aufs fürchterlichste erschreckt wurden. Die Schläfer wurden
gebührend heruntergemacht und beklagten sich am folgenden Morgen bei
mir, doch statt daß ich mich auf ihre Seite stellte, bekamen sie ein
neues Gesetz zu hören, das ich im Handumdrehen erließ: „Wer künftig
auf seinem Posten schlafend angetroffen wird, wird mit einem Eimer
kalten Wassers aufgeweckt!“ Jede Nacht sollten sechs Muselmänner, je
zwei gleichzeitig, abwechselnd Wache halten, und die Ablösung sollte
unter Kontrolle des diensthabenden Kosaken vor sich gehen. Die vier
Kosaken waren also der Reihe nach für den Nachtdienst verantwortlich.
Die Muselmänner hatten über die Tiere zu wachen und die Kosaken
dafür zu sorgen, daß die Muselmänner ihre Pflicht taten. Infolge der
letzten Abkanzelung wollten Mollah Schah und Hamra Kul wieder einmal
nach Tscharchlik zurückkehren, beruhigten sich aber, nachdem sie den
Wahnsinn eines solchen Unternehmens eingesehen hatten. Derartige
Reibereien sind in einer großen Karawane, in der Geschmack und Meinung
nach den christlichen, muselmännischen oder mongolischen Anschauungen
und Lebensgewohnheiten der Betreffenden wechseln, nicht zu vermeiden.
Tscherdon wurde zu meinem Leibkoch ernannt, Schagdur sollte sich eine
Zeitlang ausruhen; der Lama war niedergeschlagen und nachdenklich und
wurde von jeder Dienstleistung dispensiert, bis wir wieder auf Menschen
stießen. Dem alten Muhammed Tokta, der schon lange kränklich gewesen
war, ging es seit einer Woche schlechter; er klagte über Herzschmerzen.
Es wurde ihm geraten, sich ganz ruhig zu halten. Im übrigen herrscht im
Lager die beste Stimmung, und die Kosaken sind besonders zufrieden. Sie
haben eine Balalaika, eine dreisaitige Zither, gemacht, und mit dieser,
einer tibetischen Flöte, einer Tempelglocke, improvisierten Trommeln,
der Spieldose und Gesang wurde am letzten Abend unter strömendem Regen
ein wenig harmonisches Konzert aufgeführt, das jedoch großen Beifall
fand.
[Illustration: 267. Das Lazarettzelt. (S. 269.)]
[Illustration: 268. Kalpets Bett auf dem Kamelrücken. (S. 269.)]
[Illustration: 269. Der Leichenzug. (S. 271.)]
[Illustration: 270. Der tote Kalpet auf seinem lebenden Katafalk. (S.
271.)]
Zwanzigstes Kapitel.
Der Zug nach Süden.
Am 25. August sollten wir endlich das Lager Nr. 44 endgültig verlassen
und neuen Schicksalen und Erfahrungen entgegengehen. Ladak war
jetzt unser Ziel; aber ich hatte mir fest vorgenommen, nicht eher
die Richtung nach Westen einzuschlagen, als bis wir weiter südlich
wieder auf unüberwindliche Hindernisse stießen. Die Tibeter waren
jetzt wachsam, das ganze Land war wie im Belagerungszustand, eine
Mobilmachung hatte bereits stattgefunden, das wußten wir, und wir
konnten uns sehr leicht ausrechnen, daß wir früher oder später wieder
tibetischen Truppen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würden.
Für den Anfang zogen wir jetzt also nach Süden.
Merkwürdigerweise erkrankten über Nacht drei von unseren Pferden, aber
nicht von denen, die die Reise nach Lhasa mitgemacht hatten. Das eine
taumelte und fiel unaufhörlich, das andere verendete schon im Lager,
und das dritte kam nur noch über den ersten Paß des Tagemarsches, ehe
es stürzte, um sich nie wieder zu erheben. Es war ein trauriger Anfang
und zeigte deutlich, daß wir früher oder später auf die Hilfe der
Tibeter angewiesen sein würden.
Als ich geweckt wurde, schneite es stark, und als wir aufbrachen, goß
es wie mit Scheffeln. Die ganze Gegend sieht aus wie mit Straßenkot
begossen, in den man einsinkt, ohne festen Fuß fassen zu können. Zuerst
wurde der Fluß überschritten, dann zogen wir durch den Schlamm nach
einem kleinen Passe hinauf. Mehrere Reiter mußten nach verschiedenen
Richtungen ausgesandt werden, um zu untersuchen, ob der Boden trug.
Über einen neuen Fluß schreiten wir unglaublich langsam nach einem
höheren Passe hinauf. Hier müssen alle zu Fuß gehen, auf die Gefahr
hin, daß ihre Stiefeln im Morast steckenbleiben. Die armen Kamele
zerreißen, da sie fest einsinken und der Karawane nicht folgen können,
unaufhörlich ihre Nasenstricke. Wären unserer nicht soviele gewesen, so
hätten wir diejenigen Kamele, die bis zur Hälfte in dem losen nassen
Tonschlamme, der sie zäh festhielt, eingesunken waren, ganz einfach
im Stiche lassen müssen. Die Last muß ihnen sofort abgenommen und
auf einigermaßen festen Boden gestellt werden, damit nicht auch sie
verschwindet. Der Tonschlamm wird mit Spaten abgegraben, das Kamel
auf die Seite gelegt, seine Beine mit Seilen herausgewunden und eine
mehrfach übereinandergelegte Filzdecke unter das Tier gebreitet, damit
seine Füße festen Halt finden, wenn es sich endlich selbst aufzustehen
bemüht. Sonst sind die Kamele verloren, denn sie bleiben ruhig liegen,
bis man sie herauszieht. Währenddessen gießt es, daß es auf der Erde
klatscht. Alles wird aufgeweicht und durch und durch naß, als sollten
diese Höhen fortgespült werden.
Jenseits des Passes wurde das Terrain ein wenig besser; die Südabhänge
sind infolge der Einwirkung der hier jedoch äußerst selten auftretenden
Sonne gewöhnlich vorteilhafter für uns. Am rechten Ufer eines Flusses
hatte die Karawane während unserer Abwesenheit einige Tage zugebracht,
und da dort noch ein großer Argolhaufen lag, machten wir an dieser
Stelle Halt.
Am folgenden Tag waren sowohl das Wetter wie auch die Wegverhältnisse
günstiger, aber das Land ist fast unfruchtbar und arm an Wild. Nur ein
einsamer Kulan zeigte sich und wurde von Sirkin erlegt. Gewöhnlich
schreibt die Gestalt des Bodens uns die Richtung unseres Weges vor,
und da jener nach Südsüdwesten hin am ebensten aussah, zogen wir nach
dieser Seite. Ungefähr 40 Kilometer westlich von unserer Route erhob
sich ein kleines Schneemassiv mit rudimentären Gletschern; es setzte
sich im Süden in einer merkwürdigerweise meridionalen Bergkette mit
vereinzelten Schneegipfeln fort.
Tschernoff hatte vor einiger Zeit die Gegend rekognosziert und teilte
mir jetzt mit, daß er an einer etwas weiter südlich gelegenen Quelle
deutliche Kamelspuren gesehen habe. Als wir am 27. August dort
vorbeizogen, zeigte er mir den Platz, und richtig hatten dort Kamele in
großer Zahl geweidet. Woher sie gekommen waren und was für Menschen sie
gehört hatten, war und blieb uns ein Rätsel. Sollten sie am Ende einer
mongolischen Pilgerkarawane, die sich von Nordosten hierher verirrt
hatte, gehört haben?
Denselben Tag mußten wir auch Bowers Route gekreuzt haben, obwohl es
nicht möglich war, die Stelle, wo dies geschah, zu identifizieren.
Im Süden erhob sich vor uns eine neue Bergkette, aber wir waren
nur imstande, bis an ihren Fuß zu gelangen, wo das Lager Nr. 67
aufgeschlagen wurde. Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten, das
Minimumthermometer zeigte -5,1 Grad, und am Tage hatten wir nicht mehr
als +7,9 Grad.
Als ich am 28. aufstand und mit dem Beladen der Tiere schon angefangen
war, wurde mir gemeldet, daß Kalpet, ein Mann aus Kerija, fehle. Ich
verhörte die Leute, die aussagten, daß er gestern über Brustschmerzen
geklagt habe und auf dem Marsche zurückgeblieben sei. Sie seien
jedoch der Meinung gewesen, daß er langsam unseren Spuren folge und
in der Dunkelheit, ohne daß jemand darauf geachtet habe, im Lager
angekommen sein werde. Nun fehle er aber noch immer. Ich ließ die Tiere
weitergrasen und schickte Tschernoff und Turdu Bai zu Pferd mit einem
Maulesel ab, um den Mann lebendig oder tot herbeizuschaffen, -- er
konnte ja unterwegs plötzlich erkrankt sein und mußte sich jedenfalls
in einer schlimmen Lage befinden, da er uns nicht nachgekommen war und
einen ganzen Tag nichts zu essen bekommen hatte. Nach einigen Stunden
kamen sie mit dem armen Menschen an, der aufs beste verpflegt wurde und
auf einem Maulesel reiten durfte, als wir endlich, bedeutend verspätet,
aufbrachen.
Obgleich der Boden tragfähig war, wurde der Tagemarsch doch ziemlich
anstrengend, denn wir mußten über eine ganze Reihe von Pässen und
Kämmen.
Mit zwei Kamelen geht es jetzt zu Ende; sie können nicht mehr
mitkommen; sie müssen später geholt werden und sind natürlich stets
unbeladen. Große Ordnung herrscht in der Karawane. Der diensttuende
Kosak bringt die Nacht auf dem Platze zu, wo die Tiere unter Aufsicht
ihrer Wächter, die man aus der Ferne singen hört, grasen. Heute abend
begab sich Schagdur dorthin, nachdem er in der Jurte der Kosaken zu
Abend gegessen hatte, und die Töne der Balalaika verhallten am Fuße
der Hügel. Die drei übrigen Kosaken, die den Erzählungen Schagdurs
und des Lamas mit gespanntem Interesse gelauscht hatten, sehnten sich
jetzt danach, mit den Tibetern in Berührung zu treten. Sie sahen mich
verwundert und fragend an, als ich ihnen sagte, daß unsere Karawane
früher oder später in ihrem Marsche von einer unüberwindlichen
Heerschar aufgehalten werden würde.
Dieser Lagerplatz, Nr. 68, befand sich in einer Höhe von 5068 Meter.
Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur auf -1,9 Grad gesunken und
hielt sich während der Nacht auf -6,2 Grad. Auch diese Tagereise führte
über drei kleine, aber recht beschwerliche Pässe; die Bergketten
erstrecken sich jetzt wieder von Westen nach Osten, und alle Täler
fallen nach Süden ab. Eine vierte Kette brauchten wir nicht zu
übersteigen, da sie von einem Flusse durchbrochen wurde, dem wir
folgten.
Alte Lagerplätze sind jetzt ziemlich häufig und lassen sich teils an
den gewöhnlichen drei Steinen, auf die der Kochtopf gestellt wird,
teils an Schädeln von erlegten Yaken und Archaris erkennen. Bei
einem solchen Platze lud die Weide zu einem Extrarasttage ein. Eine
Herde von 50 Kulanen zog sich bei unserem Herannahen zurück. Yake und
Wildschafe sind gleichfalls zahlreich vertreten, ebenso Hasen. Ein
Lampe wurde eifrig von allen sieben Hunden verfolgt und von Jolldasch
gefangen. Jollbars strengt sich nicht weiter an, bevor die Beute nicht
eingefangen ist; dann erst tritt er auf und hält einen gehörigen
Schmaus.
Der Rasttag war in jeder Beziehung herrlich, das Wetter gut; der
Rauch stieg manchmal senkrecht von den Lagerfeuern auf, und unsere
erschöpften Tiere schwelgten in dem guten Grase. In der Nähe fanden
wir noch mehrere alte Lagerplätze, und aus dem Schafmiste ließ sich
schließen, daß die Gegend nicht nur von Jägern, sondern auch von
Nomaden aufgesucht wird. Wir konnten also jeden Augenblick auf Menschen
stoßen, und bei denen, die noch keine Tibeter gesehen hatten, wurde die
Neugier immer größer.
Schagdur und Turdu Bai rekognoszierten in östlicher Richtung und
fanden dort eine ganze Reihe „Iles“ oder Male, die aus Steinen,
oder wo Gestein fehlte, aus Erdschollen errichtet waren. Die Reihe
erstreckte sich weit nach Süden, und die Male standen so dicht, daß
sie, nach Schagdurs Annahme, wahrscheinlich die Grenzlinie einer
Provinz bezeichneten, um so mehr, als von einem Wege dort keine Spur zu
entdecken war. Sirkin schoß einen „Kökkmek“-Bock, der photographiert
wurde (Abb. 260). Schagdur ebenfalls einen. Letzterer und eine hübsche
kleine „Jure“ (~Antilope Cuvieri~) wurden von den Kosaken abends
vermittelst einiger Pflöcke und Schnüre in der natürlichen Stellung,
die sie während des Laufens einnehmen, aufgestellt. Am Morgen waren sie
steif gefroren und konnten allein stehen wie Turnpferde. Es geschah,
damit ich die Tiere photographieren konnte (Abb. 261).
31. August. Es ist nicht angenehm, aus seinem süßesten Morgenschlafe
aufgeweckt zu werden; doch ist man erst angekleidet und in Ordnung,
so geht alles seinen ruhigen Gang, und der Tag verläuft ebenso wie
seine Vorgänger. Wir hatten jetzt ein viel gastfreundlicheres Land als
bisher erreicht; der Boden ist fest, das Terrain senkt sich, und wir
brauchten keine Pässe zu forcieren. Auch der Himmel war uns hold, die
Temperatur stieg auf +18,2 Grad. Südwestlich von unserem Wege zeigte
sich ein kleiner Salzsee, der der Sammelplatz aller Wasserläufe der
Gegend war. Am Ufer saßen einige gewaltige Adler. Ihre Jungen, die eben
flügge waren, wurden von den Hunden angegriffen, verteidigten sich aber
so tapfer mit Schnabel und Krallen, daß die Angreifer sich zurückziehen
mußten.
Am 1. September überschritten wir in einem 4855 Meter hohen Passe
die nächste Kette, die ganz und gar aus weichem Material bestand
und abgerundete Formen hatte. Vom Passe hatte man nach Süden eine
außerordentlich weite Aussicht. In der Ferne ließ allerdings ein
schwaches Dunkel einen Kamm ahnen, sonst aber schienen wir ein paar
gute Tagereisen ebenen Terrains vor uns zu haben. Der Boden schimmerte
stärker grün als bisher, dessenungeachtet waren aber keine Nomaden zu
sehen; die Lagerstellen, an denen wir vorbeikamen, waren alle ziemlich
alt. Obgleich wir nur 20 Kilometer zurückgelegt hatten, blieben wir
daher bei dem ersten Bette, welches Wasser führte.
Gegen 4 Uhr gab es im Lager eine Aufregung. Ein Haufe schwarzer
Punkte, die für weiter südlich weidende wilde Yake gehalten worden
waren, wurden durch das Fernglas als Pferde erkannt. Der Lama und die
Kosaken, außer dem diensthabenden, ritten dorthin. Ersterer kam jedoch
bald wieder und führte sein Pferd, das krank geworden war, am Zügel.
Die Pferde waren fett und kräftig, aber scheu gewesen. Wächter hatten
sich nicht gezeigt, und nichts deutete an, daß solche beim Herannahen
der Reiter entflohen sein könnten. Für die Besitzer selbst schien die
Gegend sicher zu sein, während es für uns nicht angegangen wäre, die
Tiere ohne Aufsicht zu lassen. Der Ausflug hatte das Gute, daß noch
besseres Weideland entdeckt wurde, wohin wir unsere Tiere trieben und
wo wir ihnen um so eher einen Ruhetag gönnen konnten, als Almas mit den
beiden kranken Kamelen noch nichts von sich hatte hören lassen.
Frühmorgens machten sich der Lama, Schagdur und Sirkin auf die Suche
nach Tibetern, und wir konnten voraussehen, daß sie Erfolg haben
würden, denn auf den Hügeln im Süden zeigten sich wohl 1000 Schafe und
eine Yakherde.
Gegen Abend kam der Lama mit einer Domba Milch zurück, und in der
Ferne erschienen die Kosaken, drei Tibeter, die ihre Pferde und ein
Schaf führten, buchstäblich vor sich hintreibend. Sie hatten ein Zelt
mit 13 Bewohnern gefunden. Beim Herannahen der Reiter war die ganze
Gesellschaft nach verschiedenen Seiten hin entflohen; da ihre Pferde
jedoch nicht bei der Hand gewesen waren, hatten unsere Leute sie
leicht einholen und nach dem Zelte zurücktreiben können. Erschreckt
wie sie waren, waren sie wenig mitteilsam, und die Auskünfte, die sie
erteilten, waren nicht viel wert.
Sie sagten, daß die Gegend +Dschansung+ heiße und ihr „Bombo“, der an
dem großen See Selling-tso wohne, ihnen den Hals abschneiden würde,
wenn sie uns Lebensmittel verkauften. Sie weigerten sich auch ganz
bestimmt, dies zu tun. Nachdem aber Schagdur, der die Tibeter haßte,
seitdem sie uns den Weg nach Lhasa versperrt hatten, einen der Männer
mit seiner Reitpeitsche traktiert hatte, ließen sie mit sich reden und
gaben eine Schüssel Milch und ein Schaf her. Sie hatten sich erst ganz
kürzlich in der Gegend niedergelassen, so daß sie noch keine Zeit zur
Bereitung saurer Milch gehabt hatten; das noch frische, unberührte Gras
um ihr Zelt herum sprach für die Wahrheit dieser Aussage.
„Wohin reist ihr denn?“ fragte einer von ihnen.
„Nach Ladak“, antwortete der Lama.
„Dann seid ihr auf ganz verkehrtem Wege; nach Süden hin könnt ihr
nur noch eine Tagereise weit kommen, denn dort wird der Weg vom
Selling-tso, wo die Bevölkerung zahlreich ist, versperrt.“
Sie selbst waren Bantsching Bogdo in Taschi-lumpo untertan, wußten aber
nicht, wie viele Tagereisen es bis zu ihrem Tempel sei. Im Südosten
regiere der Dalai-Lama über das Gebiet von Lhasa, im Osten Kamba Bombo
über das von Nakktschu.
Mit sichtbarer Furcht näherten sie sich unserem Lager und wurden
aufgefordert, sich vor der einen Jurte auf einen Teppich zu setzen
(Abb. 262). Tee und Brot wurden ihnen vorgesetzt; nach einigem Zögern
langten sie tüchtig zu. Für das Schaf, das sofort unter muselmännischen
Zeremonien geschlachtet wurde, bezahlten wir sie mit Lhasageld, für
die Milch erhielten sie eine Porzellantasse. Pferde konnten sie nicht
verkaufen, weil die Herde ihnen nicht gehörte. Sie saßen die ganze
Zeit wie auf Kohlen, obwohl der Lama sie zu beruhigen suchte und
versicherte, daß ihnen kein Leid geschehen solle.
Als wir genug von ihnen hatten, ließen wir sie gehen, und sie schwangen
sich sofort in den Sattel. Inzwischen war der photographische Apparat
aufgestellt worden, und der Lama hielt sie, den Zügel des einen Pferdes
ergreifend, diplomatisch mit einer letzten Frage fest, so daß ich diese
drei halbwilden, barhäuptigen, mit Säbeln bewaffneten Reiter noch
abknipsen konnte, die nun auf der Abbildung 263 verewigt sind.
Sobald er aber den Zügel losgelassen hatte, schwenkten sie herum und
jagten spornstreichs davon, wobei sie sich umsahen, als glaubten sie,
daß ihnen eine Flintenkugel folgen würde. Als sie außer Schußweite
waren, ritten sie langsamer und sprachen eifrig miteinander; gewiß
fragten sie sich, was wir wohl für seltsame Menschen sein könnten, da
wir ihnen gegenüber so anständig gewesen seien.