nicht in unseren Besitz übergehen konnten, weil dafür unerhörte Preise
gefordert wurden. Für einen Säbel, dessen Scheide mit Silber beschlagen
und mit Korallen und Türkisen besetzt war, forderten sie 50 Liang
(etwa 170 Mark), obwohl er nicht mehr als 11 Liang wert war. Eine
Gebetmühle sollte 100 Liang kosten. Die Gewehre und ein großer Teil
der Lanzen gehörten, wie sie sagten, dem Staate und durften überhaupt
nicht verkauft werden. Wir saßen stundenlang bei ihnen in ihrem Zelte,
sie aber kamen nie zu uns; wahrscheinlich hatte Kamba Bombo es ihnen
verboten, weil ich gesagt hatte, ich wollte gern möglichst ungestört
bleiben.
Noch um 9 Uhr abends betrug die Temperatur +9,1 Grad, und um 7 Uhr am
folgenden Morgen hatten wir +7,8 Grad.
Am 13. August sahen wir weiter keine Menschen als acht Soldaten,
die zu Pferd von Norden, wahrscheinlich von einer Rekognoszierung,
kamen. Sie hatten eine lange Beratung mit unseren Offizieren, ehe sie
weiterritten. Nun ritten wir über den Satschu-sangpo, der auf den
vierten Teil seiner Größe zusammengeschrumpft war. Das Überschreiten
lief ohne das geringste Mißgeschick ab, da die Tibeter die Furtschwelle
kannten. Jedoch ging in den tiefen Armen das Wasser den kleinen Pferden
noch bis über den Bauch. Ehe die Reiter sich in den Fluß begaben,
entledigten sie sich ihrer Stiefel; am anderen Ufer wurde eine kurze
Rast gemacht, um sie wieder anzuziehen.
Eine Strecke vom rechten Ufer entfernt wurde in einer Gegend mit
frischen Quellen und gutem Grase, die auf der Hinreise unseren Blicken
entgangen war, für die Nacht Halt gemacht. Bis hierher hatten wir drei
von unseren neun Tagereisen zurückgelegt, obwohl hierzu jetzt vier Tage
erforderlich gewesen waren. Morgen würden die Tibeter uns also unserem
Schicksale überlassen. Uns aber wurde es wirklich schwer, von ihnen zu
scheiden; wir waren auf so freundschaftlichen Fuß mit ihnen gekommen,
daß wir uns mit dem Gedanken, ihre Gesellschaft entbehren zu müssen,
nicht recht aussöhnen konnten. Sie ließen sich jedoch nicht überreden,
uns noch weiter zu begleiten; sie hatten ihre Pflicht getan und
konnten gehen. Ich drohte ihnen damit, daß ich, nachdem sie abgezogen,
noch eine Zeitlang am Satschu-sangpo bleiben und dann doch nach Lhasa
gehen würde.
„Bitte sehr“, antworteten sie, „wir sollten euch nur an die Grenze
bringen, und das haben wir getan.“
Abends besuchte uns Solang Undü, Anna Tsering und Dakksche zum
erstenmal in unserem Zelte; sie wurden mit Tee und Rosinen bewirtet.
Da sie sich jetzt jenseits der Grenze befanden, glaubten sie wohl,
sich gewisse Freiheiten nehmen zu können. Dakksche war der Greis,
der einmal während unserer Gefangenschaft so gebieterisch in unserem
Zelte gepredigt hatte. Er ist eine gottvolle Erscheinung mit seinem
runzeligen, bronzebraunen, schmutzigen, bartlosen Gesichte und
seinem langen, dichten unbedeckten Haare. Er könnte gut für einen
heruntergekommenen Schauspieler aus Europa gelten. Sobald er mich
erblickt, streckt er die Zunge so weit heraus, wie er nur kann, und
hält die Daumen in die Luft, eine Höflichkeit, die ich auf dieselbe
Weise und mit solchem Nachdruck beantworte, daß Schagdur sich beinahe
totlacht.
Jetzt erst glückte es uns, auch einige Kleinigkeiten erstehen zu
können, wie einen Dolch, zwei kupferne Armbänder, einen Ring, einen
Löffel, eine Pulvertasche und eine Flöte, alles für ein paar Meter
Zeug, das neben chinesischen Porzellantassen und Messern das beste
Tauschmittel ist.
Die folgende Nacht schliefen wir fest, um uns ordentlich auszuruhen,
ehe die Nachtwachen wieder anfingen. Ich schlief dreizehn Stunden! Als
ich aufstand, fragten sie, ob wir hierbleiben würden oder nicht, und
da ich mit Bleiben drohte, erboten sie sich, uns zu begleiten, bis wir
Menschen träfen und uns mit neuen Vorräten für die Rückreise versehen
könnten. Wir ritten also bis in die Nachbarschaft von Sampo Singis
Lager, wo die Gegend +Gong-gakk+ und ihr Häuptling Dschangdang heißt.
Hinsichtlich der politischen und der administrativen Verhältnisse
erhielten wir recht unsichere Aufklärungen; es ist wohl wahrscheinlich,
daß die Sache tatsächlich auch nicht ganz klar liegt. Es wurde
behauptet, daß der Satschu-sangpo die Grenze zwischen dem Lande des
Dalai-Lama im Süden und dem im Norden liegenden Reiche des chinesischen
Kaisers sei, der Häuptling Dschangdang aber von beiden Staaten
unabhängig sei. Daß der Satschu-sangpo als Grenze von Bedeutung ist,
ging schon daraus hervor, daß die Tibeter uns nur bis dorthin brachten
und sich nicht darum bekümmerten, wohin wir uns von dort begaben, sowie
auch daraus, daß Kamba Bombo gesagt hatte, für nördlich von diesem
Flusse begangene Diebstähle sei er nicht verantwortlich. Im übrigen
wußten sie von Tibets Grenzen, daß diese im Westen mit denen von
Ladak zusammenfielen, im Osten seien es acht Tagereisen bis an die
chinesische Grenze, und nach Süden sollte eine Reise von drei Monaten
(!) erforderlich sein, um nach Indien oder, wie sie sich ausdrückten,
Hindi zu gelangen. Tsamur und Amdo sind dichtbevölkerte Gebiete im
Osten, im Westen heißt das Land Namru.
Sobald wir gelagert hatten, wurden einige Reiter nach Westen geschickt,
wie es hieß, nach den ersten Dörfern in Namru, und am Abend kamen sie
mit zwei großen Schüsseln voll süßer und saurer Milch wieder, die für
den größten Teil der noch übrigen Reisetage reichte. Dagegen nahmen wir
nur zwei Schafe mit, obschon uns alle noch lebenden angeboten wurden
-- sie wären uns während der forcierten Märsche, die uns bevorstanden,
nur hinderlich gewesen. Auf jedem Lagerplatz werden Kundschafter in die
Gegend ausgeschickt. Sie statten bei ihrer Rückkehr Solang Undü Bericht
ab. Wahrscheinlich hat man befürchtet, daß unsere ganze Karawane nach
Süden vorgerückt sei, und man will nun vorsichtig sein und aufpassen,
daß wir uns nicht mit den Unsrigen zu einem gemeinschaftlichen Angriffe
auf die Eskorte vereinigen, um uns dann nach Lhasa durchzuschlagen.
Eine große Yakkarawane lagerte in der Nachbarschaft. Sie war aus
Nakktschu, hatte Salz geholt und befand sich jetzt auf dem Heimweg.
Der 15. August war der Tag der Trennung. Unsere Freunde versuchten
uns zu überreden, noch einen Tag zu bleiben, und gaben uns die
sehr verlockende Versicherung, daß am Abend einige Leute aus Namru
anlangen würden. Diese würden uns gewiß gern nach dem Hauptquartier
begleiten und uns nachts unsere Tiere hüten. Wir zogen es jedoch vor,
aufzubrechen. Solang Undü und Anna Tsering rieten uns, Räuber, die sich
nachts unserem Zelte näherten, einfach niederzuschießen. Sie steckten
augenscheinlich nicht mit Pferdedieben unter einer Decke, denn sie
hatten unheimlichen Respekt vor der Wirkung unserer Schußwaffen.
Als wir Abschied nahmen, erbot sich Solang Undü, uns mit vier Mann nach
Sampo Singis Zelt zu begleiten; mit ihnen zogen wir das Tal hinauf,
dessen Fluß jetzt bedeutend zusammengeschrumpft war. Einige Reiter,
denen wir begegneten, kehrten um und kamen mit. Auch diese waren
entschieden Spione, welche die Unseren beobachtet hatten und jetzt mit
den lebhaftesten Gesten berichteten, was sie gesehen hatten.
Sampo Singi war nicht zu Hause, aber sein Zelt stand noch da. Hier
machten unsere Begleiter Halt, ließen sich an einem Hügel häuslich
nieder und baten uns, die Nacht über noch hierzubleiben; wir wollten
aber jetzt Zeit gewinnen. Sie sahen uns über den ersten Paß im
Nordwesten unseres alten Lagers verschwinden und sind dann wohl, wie
ich vermute, zu Kamba Bombo zurückgekehrt.
Neunzehntes Kapitel.
Die letzten Tagemärsche nach dem Hauptquartier.
Einsam und schweigend ritten wir nach Nordwesten weiter; wir sahen
keine anderen Geschöpfe als einige Schafherden und Yake auf den
nächsten Hügeln. Unsere Tiere waren kraftlos, aber gemächlich ritten
wir drauf los. Bevor es dämmerig wurde, mußten wir Halt machen, damit
sie noch eine Weile weiden konnten. Dies geschah an einer kleinen
Süßwasserquelle auf einer Wiese, wo Argol in genügender Menge umherlag.
Auf einmal veränderte der Himmel, der uns bisher hold gewesen war,
sein Aussehen. Es wurde im Südosten dunkel. Eigentümliche, unheimliche
Wolken stiegen über den Bergen auf; sie waren brandgelb und dick, wie
beim Ausbruche eines Sandsturmes in der Wüste. Das wird ein nettes
Wetter werden, dachten wir. Der Wind kam immer näher, sauste und pfiff,
und dann prasselte der erste Hagelschauer auf uns herab, und es wurde
pechfinster wie in einem Sacke.
Mittlerweile waren die Tiere vor dem Zelte fest angebunden worden.
Hier mußte strenge Wache gehalten werden. Durch dieses Wetter wurde
die Nacht ein paar Stunden länger als gewöhnlich, und vielleicht
betrachteten uns die Tibeter nun, da sie uns über die Grenze gebracht
hatten, nicht länger als Gäste, sondern als vogelfreie Eindringlinge,
die man ungestraft plündern durfte. Ein unangenehmeres Wetter ließ
sich nicht denken; um 8 Uhr ging der Hagel in Regen über, der wie aus
Mulden herabgoß. Man hört nichts weiter als den Regen, der, vom Winde
getrieben, gegen das Zelt und auf die Erde schlägt und das Stampfen
der Tiere und die einschläfernden Schritte der Nachtwache übertönt.
Man sieht die Hand vor den Augen nicht, kein dunkler Umriß gibt den
Platz an, wo unsere Tiere zwei Meter vor der Zeltöffnung stehen. Es
ist unmöglich, eine Kerze zum Brennen zu bringen; es regnet ins Zelt,
es weht, heult und pfeift, und die Zündhölzer sind feucht. Man sitzt
zusammengekauert in seinem Pelze, der Oberkörper schwankt hin und her,
und vergeblich sehnt man sich nach dem Tageslichte, das jedoch auf sich
warten läßt. Alle Waffen sind geladen und liegen zum Gebrauch bereit,
und die Hunde sind bei den Pferden angebunden. Von hier war es ein
fünfstündiger Ritt nach unserem früheren Lager Nr. 48, von dort sieben
Stunden nach dem Lager Nr. 47. Erst im Lager Nr. 44 waren wir zu Hause!
Der Weg dorthin erschien uns sowieso unendlich lang, und nun mußte der
Regen den Boden noch mehr verderben. Wir entbehrten die Tibeter sehr;
es war so ruhig und friedlich, solange wir sie bei uns hatten.
Gegen 11 Uhr ließ der Regen ein wenig nach, und ich ging hinaus, um
mich nach Schagdur umzusehen, der mitten zwischen den Pferden und den
Mauleseln unter seiner Filzdecke kauerte und bis auf die Haut durchnäßt
war. Er war jetzt gerade sehr aufgeregt und bat mich, zu horchen, denn
unten am Quellbache klinge es wie menschliche Schritte. Ich hörte auch
wirklich schleichende Fußtritte; Schagdur nahm an, daß es ein Kulan
sein könne, ich aber glaubte nicht, daß solche sich so nahe bei den
Herden der Tibeter aufhielten. Als die leisen, schleichenden Schritte
näherkamen und Schagdur das Gewehr bereithielt, stellte sich heraus,
daß es unser Hund Malenki war, der unten an der Quelle getrunken hatte.
Ich hielt die Lage für ungefährlich, ging wieder ins Zelt, legte mich
hin und schlief wie ein Stock bis 5 Uhr, dann wurde ich geweckt und
half bei herrlichem Wetter beim Beladen.
Anfangs zogen wir östlich von unserer alten Route, und die Kartenarbeit
wurde wieder aufgenommen. Das Terrain war hier viel bequemer, und wir
konnten einen deutlichen Weg links vom Gartschu-sängi einschlagen.
Lange folgten wir hier der Spur eines Reiters, der mit zwei Hunden erst
kürzlich diese Straße gezogen sein mußte, weil die Spur noch nicht
verregnet war. Wer mochte er sein, und wohin hatte er seine Schritte
gelenkt? War er Mitglied einer Räuberbande, die ihren Sammelplatz
droben im Gebirge hatte? Wurden wir vielleicht schon verfolgt, und
warteten sie am Ende nur eine günstige Gelegenheit ab?
Wir verloren jedoch die Spur und schlugen einen westlicheren Kurs
ein, weil in der bisher eingehaltenen Richtung drohende Berge den Weg
zu versperren schienen. Die Richtung wird nordwestlich, das Terrain
hebt sich, Kulane und Orongoantilopen, die wenig scheu sind, treten
wieder auf, wir ziehen sie dem Anblick bis an die Zähne bewaffneter
tibetischer Reiter vor.
Als das Gras immer spärlicher wurde, machten wir nach einem Marsche von
34,5 Kilometer an einem Flusse Halt. Es war weniger, als wir hätten
zurücklegen müssen, wenn wir das Hauptquartier in vier Tagen erreichen
wollten, aber unsere Tiere waren erschöpft und auch zu müde, um
umzukehren und die üppigen Weiden, die wir hinter uns zurückgelassen
hatten, wieder aufzusuchen. Nur die beiden neuen tibetischen Pferde
sind munter und müssen besonders festgebunden werden, damit sie nicht
wieder zu ihren Kameraden zurücklaufen.
[Illustration: 263. Der Lama als Gehilfe beim Photographieren der
Hirten. (S. 254.)]
[Illustration: 264. Tibeterinnen. (S. 255.)]
[Illustration: 265. Die Nomadenzelte in der Bergschlucht. (S. 255.)]
[Illustration: 266. Unser Lager am Jaggju-rappga. (S. 264.)
Vor den Leuten Wanka, der Leithammel, Jollbars, Maltschik und Hamra.]
Der Tag war schön gewesen, nur mittags und während der nächstfolgenden
Stunden zogen dicke Wolkenmassen von Süden herauf. Die Gegenden, denen
wir uns nahten, werden immer kälter und karger; hier sind keine anderen
Menschen als höchstens Yakjäger und Straßenräuber zu erwarten.
Die dem Aufschlagen des Lagers folgenden Stunden sind die angenehmsten
des ganzen Tages; man ist ruhig, kann sich bequem ausstrecken, Mittag
essen, plaudern und rauchen. Aber die Dämmerung kommt nur zu schnell,
und je dunkler es wird, desto schärfer heißt es aufpassen.
Die Nacht war ganz klar und windstill. Fern im Westen zuckte über dem
Horizonte unausgesetzt ein Wetterleuchten, Donner war aber nicht zu
hören. Die Nacht ist so still, daß man sich vor dieser Grabesstille
fast fürchten möchte. Selbst aus ziemlich weiter Ferne würde man auch
das geringste Geräusch hören können. In einiger Entfernung ertönt das
dumpfe Gemurmel eines Bächleins, sonst vernehme ich nur die Atemzüge
der Tiere und meiner beiden Reisegefährten. Der Lama spricht oft im
Schlafe und ruft bisweilen mit klagender Stimme Sirkins Namen, als
brauche und erwarte er Hilfe.
17. August. Alle Hügel und Berge der Gegend sind ziegelrot, denn die
vorherrschende Gesteinsart ist roter Sandstein.
Sobald der Tag graut, dürfen die Tiere frei umherlaufen, können sich
aber auf unseren Lagerplätzen in der kurzen Zeit durchaus nicht
sattfressen. Sie grasen nur abends ein paar Stunden, nachdem wir
gelagert haben, und in aller Morgenfrühe. Wir lassen sie daher noch
draußen, bis es stockfinster ist, bleiben dann aber bei ihnen. Sie sind
den ganzen Tag hungrig und versuchen unterwegs Grashalme abzurupfen;
leicht ist es nicht, sie beisammenzuhalten, und ihre kleinen
Seitenabstecher verursachen uns Zeitverlust.
Heute ritten wir 9 Stunden und legten 40 Kilometer zurück, -- es
geht nicht schnell. Etwas westlich von dem alten Wege kamen wir
durch ein Tal langsam nach einem Passe hinauf. Vom Passe geht es
langsam durch ein anderes Tal hinunter, das sich nach Westen zieht
und von senkrechten Wänden eingefaßt wird. Es zwingt uns, viel zu
weit westwärts zu gehen, aber wir können nicht aus ihm herauskommen.
Hier und dort zeigen sich Yake; es sind entschieden wilde, obwohl es
merkwürdig ist, daß sie sich in eine solche Mausefalle hineinwagen.
Wir stellten diesen Abend das Zelt auf einen von Schluchten umgebenen
Bergvorsprung, wo ein Überfall für den Angreifer sehr gefährlich hätte
werden können. Jetzt konnten wir nicht viel mehr als 70 Kilometer von
den Unsrigen entfernt sein, und jeder Tag, der verging, vergrößerte
unsere Sicherheit; nur der Lama war der Meinung, es würde vielleicht
noch schlimmer werden, denn das Hauptlager sei möglicherweise von den
Tibetern umzingelt.
Der 18. August war für uns ein schwerer, anstrengender Tag. Es kostete
uns verzweifelte Mühe, über eine Bergkette hinüberzukommen, die wir auf
der Hinreise ohne Schwierigkeit überschritten hatten.
Wir gehen über einen neuen Paß und haben linker Hand einen See, der
in einer Bodensenke liegt. Unsere Tiere sinken tief in den aus rotem
Material bestehenden Boden ein; man zieht sozusagen über lauernde
Fallgruben und Fallen hin, seit Jahrtausenden scheint Schmutz und
Schlamm von den angrenzenden Höhen in dieses heimtückische Loch
hinuntergeschwemmt worden zu sein. Anstehendes Gestein ist nirgends zu
sehen, alles ist weiches Verwitterungsmaterial. Glücklicherweise war
das Wetter jetzt gut; bei Regen wäre hier nicht durchzukommen gewesen.
Unser Räubersee lag jetzt eine ziemliche Strecke rechts von unserem
Wege. Einige Maulesel waren vollständig erschöpft, und zwischen 2 und
4 Uhr mußten wir auf einer dünn mit Gras bewachsenen Halde rasten, um
sie ausruhen zu lassen. Unterdessen schlummerten und rauchten wir im
Sonnenbrande. Die Luft war ruhig, und das Thermometer zeigte +19,6 Grad
im Schatten; bei dieser Temperatur ist es hier oben so heiß, daß man
fürchtet, einen Sonnenstich zu bekommen. Bald darauf kam eine Hagelbö,
und wir waren wieder mitten im Winter. Es ging langsamer und schwerer
als je, nach dieser Rast wieder in Gang zu kommen. Man ist ganz
erschöpft von den verwünschten Nachtwachen und den beständigen Märschen.
Einmal, als wir langsam nach dem Gipfel eines Hügels hinaufritten,
stürmte Malenki seitwärts nach einer anderen Anhöhe und erhob ein
wütendes Gebell. Wir glaubten, er habe Menschen gesehen, und ich ritt
ihm schleunigst nach und geriet dabei einem Bären, der eifrig an einer
Murmeltierhöhle kratzte, beinahe auf den Leib. Als der Petz mich
erblickte, sprang er auf und lief, von den Hunden verfolgt, im Galopp
davon. Die Hunde holten ihn bald ein, doch jetzt machte der Bär Front
und schickte sich an, Malenki eins auf die Schnauze zu geben. Der Hund
kehrte nun ebenfalls um und kam zu uns zurück, aber Jollbars hatte noch
einen langen Tanz mit dem Petz, der auf so unverschämte Weise in seiner
erwarteten Abendmahlzeit gestört worden war.
Jetzt ging es verwünscht langsam vorwärts; es war nutzlos, den Weg
fortzusetzen, wir rasteten auf der ersten besten Weide. Der Himmel sah
noch immer unheildrohend aus, und die Wolken hatten dieselbe rote oder
brandgelbe Farbe wie das Erdreich.
Wieder folgte eine finstere, endlose Nacht, denn vor Tibetern und
Bären mußten wir auf der Hut sein. Die Sprache der Nacht ist erhaben,
nur nicht in Tibet, wenn man Pferde hüten muß. Von nun an werde ich
ein gewisses Mitleid mit unseren Pferdewärtern haben. Wir sehnten uns
nach dem Hauptlager wie zu einem großen Feste, schon allein deshalb,
weil wir dort nachts würden ausschlafen können. Jeder von uns hat beim
Wachehalten seine besonderen Gewohnheiten. Ich schreibe, sitze in der
Zelttür und mache von Zeit zu Zeit eine Runde um das Lager. Schagdur
sitzt in seinen Pelz gehüllt mitten unter den Tieren und raucht seine
Pfeife. Der Lama wieder streift umher und murmelt mit singender Stimme
Gebete. Jetzt fehlten uns zwar nur noch 35 Kilometer, aber unsere
Tiere hatten, vom Hauptlager an gerechnet, bereits 500 Kilometer
zurückgelegt, und es war wenig Aussicht vorhanden, daß wir dieses in
einem Tage erreichen würden. Nun wohl, jedenfalls mußten wir so nahe
an den Umkreis, innerhalb dessen die Unsrigen die Gegend bewachten,
herankommen, daß wir uns für ziemlich sicher halten konnten.
Wir schliefen am Morgen gründlich aus, um die Tiere möglichst lange
weiden zu lassen. Sodann ging es zu einem Passe hinauf, von dem wir
das weite, offene Tal, in welchem wir die erste Nacht geruht hatten,
zu sehen hofften. Doch jenseits des Passes war nur ein Gewirr von
Hügeln zu erblicken. Es war wunderbar, daß unsere Tiere mit dem
Nordabhange fertig wurden, der da, wo die Sonne nicht eingewirkt hatte,
aus lauter Schlamm bestand. Wir müssen zu Fuß gehen und auf flachen
Sandsteinplatten und Moosrasen balancieren, sonst sinken wir knietief
ein. Die Karawane sieht höchst sonderbar aus, denn die Tiere waten so
tief im Morast, daß sie mit dem Bauche den Boden berühren; es ist,
als durchwateten sie einen Fluß. Wir steuern nach allen Flecken, die
trocken scheinen, mühsam und sehnsüchtig hin, um uns dort eine Weile
zu verschnaufen und die Lasten wieder zurechtzurücken. Die Hoffnung
täuschte uns; noch zwei ebenso greuliche Pässe waren uns beschieden.
Hätte ich hiervon eine Ahnung gehabt, so würde ich natürlich unseren
alten Weg gegangen sein, der wie eine Brücke durch ein Moor, in dessen
böse Sümpfe wir hilflos hineingeraten waren, zu führen schien.
Endlich erreichten wir mit erschöpften Kräften ein kleines Tal, das
nach unserem offenen Tale führte, dessen wohlbekanntes Panorama ein
erfreulicher, belebender Anblick war. Jetzt merkten wir, daß wir beim
Waten im Moraste den Spaten verloren hatten. Der Lama ging zurück, ohne
ihn zu finden, stieß dafür aber auf eine alte tibetische Zeltstange,
die uns abends beim Feueranzünden gut zustatten kam. Rebhühner, Hasen
und Kulane zeigen sich überall, und, wie gewöhnlich, sind die Raben in
diesem unwirtlichen Gebirge heimisch.
Es war herrlich, wieder auf tragfähigem Boden zu reiten. Neun Kulane
leisteten uns eine Zeitlang Gesellschaft. Auf einer Anhöhe rasteten
wir einige Minuten, um die Gegend zu überschauen. Keine Spur, keine
schwarzen Punkte, die unsere weidenden Tiere sein konnten, kein Rauch
war zu sehen! Die Gegend lag ebenso still und öde da, wie wir sie
zuletzt gesehen hatten, und absolut nichts deutete darauf hin, daß sich
Menschen in der Nachbarschaft befanden.
Obwohl die Sonne schon tief stand, schienen meine Kameraden doch zu
glauben, daß wir noch zu den Unsrigen gelangen würden, denn sie ritten
immer schneller. Die Tiere, die sonst gewöhnlich in einem Haufen
getrieben wurden, mußten hier in einer Reihe hintereinander und mit
Stricken verbunden marschieren, da das Gras sie zu sehr in Versuchung
führte. Schagdur leitete drei, ebenso der Lama, und ich ritt als
Treiber hinterdrein. Schagdur hatte einen bedeutenden Vorsprung. Mein
Reitschimmel, der mir den gestohlenen ersetzt hatte und der, nachdem er
kraftlos geworden, durch eines der tibetischen Pferde ersetzt worden
war, brach plötzlich zusammen und blieb auf der Erde liegen. Man mußte
glauben, daß seine letzte Stunde gekommen sei; wie es schien, fing er
schon an zu erkalten. Der Lama schmierte ihm die Nüstern innen mit
Butter ein und zwang ihn, Lauch zu kauen. Große Tränen rollten aus den
Augen des Pferdes, und Schagdur sagte, es weine darüber, daß es jetzt,
nachdem es so ehrenvoll alle unsere Anstrengungen geteilt, nicht zu
seinen alten Kameraden zurückkehren könne. Inzwischen schlugen wir
Lager, und die Tiere wurden auf die nächste Weide geführt.
Die Nacht verlief ruhig unter frischem, nördlichem Winde. Die Hunde
knurrten nicht einmal, und keine Feuer waren sichtbar.
Als wir am 20. August aufbrachen, strömte der Regen nieder, was uns
jedoch wenig störte, weil der Boden jetzt beinahe überall fest und
tragfähig war. Sogar der Schimmel hinkte mit. Als wir die roten
Hügel in der Nähe unseres ersten Lagerplatzes, auf dem Hinwege,
passiert hatten, ertönten zwei Flintenschüsse und eine Weile darauf
ein dritter. Ein Yak stürmte nach den Hügeln hinauf. Wir richteten
unseren Kurs sofort dorthin und bemerkten bald zwei Punkte, die sich
im Fernglase nach und nach zu zwei Reitern entwickelten. Waren es
tibetische Yakjäger? Nein, denn es zeigte sich bald, daß sie gerade
auf uns zu ritten. Als sie nähergekommen waren, erkannten wir in
ihnen Sirkin und Turdu Bai. Wir saßen ab und warteten, bis sie vor
Freude weinend heransprengten, ganz entzückt von der heutigen Jagd,
-- eine solche Beute hatten sie sich nicht träumen lassen, als sie am
Morgen ausgeritten waren, um sich Fleisch zu verschaffen! Sie hatten
nämlich nur noch drei Schafe. Für uns war es ein besonderes Glück,
so unerwartet in der Einöde mit ihnen zusammenzutreffen; es wäre uns
jetzt, da der Regen alle Spuren ausgelöscht hatte, wohl recht schwer
geworden, das Lager zu finden.
Das Lager war vor einiger Zeit nach einem Seitentale südlich von der
Flußmündung verlegt worden und war dort so im Terrain versteckt, daß
wir es ohne Hilfe kaum hätten entdecken können. Wir ritten sämtlich
dorthin. Kutschuk, Ördek und Chodai Kullu kamen uns entgegengelaufen;
auch sie weinten und riefen:
„Chodai sakkladi, Chodai schukkur (Gott hat euch beschützt, Gott sei
gelobt), wir sind wie vaterlos gewesen, während ihr fort waret!“
Es war wirklich rührend, ihre Freude zu sehen. --