Während der Unterhaltung drängten sich die anderen Tibeter um uns und

machten ihre Bemerkungen und Beobachtungen. Sie trugen Säbel in reich

mit Silber beschlagenen Scheiden, die mit Korallen und Türkisen besetzt

waren, Gavo (Amulettfutterale) von Silber, Armbänder, Rosenkränze,

bunte Schmucksachen in ihren langen Zöpfen und waren entschieden mit

dem Feinsten, was sie anzuziehen hatten, ausstaffiert. Die Vornehmeren

trugen große, weiße Hüte mit Federn, andere Binden um den Kopf, die

gemeinen Soldaten gingen barhäuptig.

Schereb Lama war von all dieser Pracht ganz überwältigt. Er lag

vornübergebeugt auf den Knien, starrte auf die Erde und konnte sich

nicht entschließen, dem Blicke Kamba Bombos zu begegnen, als dieser

ihn scharf verhörte. Er gab kurze, hastige Antworten, als ob er kein

Geheimnis mehr zu wahren hätte. Was er sagte, verstanden wir nicht,

denn sie sprachen tibetisch. Nachher sagte er uns, daß der Bombo ihm

schwere Vorwürfe darüber gemacht habe, daß er uns begleitet habe, da er

doch habe wissen müssen, daß Europäer in Lhasa nicht geduldet würden.

Sein Name sei in die Tempelbücher eingetragen, und er werde nie wieder

die Erlaubnis erhalten, das Gebiet der heiligen Stadt zu betreten!

Versuche er, sich dort mit einer Pilgerkarawane einzuschleichen, so

werde es ihm schlimm ergehen. Er sei seiner Priesterwürde untreu

geworden und sei ein Verräter!

Zuletzt schlug ich Kamba Bombo noch vor, ich wolle selbst mit Hilfe des

Lamas und des Dolmetschers einen Brief an den Dalai-Lama aufsetzen,

der uns, wenn er erfahre, wer wir seien, gewiß mit Vergnügen empfangen

würde; der Bombo aber antwortete, dies sei ganz unnötig, da er ja

seine Befehle über unsere Behandlung täglich direkt von Lhasa erhalte;

auch könne er sich in seiner Stellung nicht erlauben, dem Dalai-Lama

Ratschläge zu geben; dies würde ihm im besten Falle sein Amt kosten.

Darauf sagte er artig Lebewohl, schwang sich in seinen reichgeschmückten

Sattel und ritt, von seinem großen Stabe gefolgt, schnell davon. Die

Dämmerung hatte sich schon auf die Gegend herabgesenkt, die Reiterschar

entschwand bald unseren Blicken und mit ihr meine Hoffnung, das Mekka

des Lamaismus zu schauen! Hell glänzten die Sterne über Lhasa, kein

Lüftchen regte sich an diesem stillen Abend, nur dann und wann hörte

man in der Ferne einen Hund bellen.

Achtzehntes Kapitel.

Rückzug unter Bewachung.

An diesem Abend saßen wir noch lange plaudernd in unserem Zelt. Der

Lama war wortkarg und niedergeschlagen, aber Schagdur und ich waren

vergnügt. Allerdings war uns unser Versuch, Lhasa zu erreichen,

mißlungen, aber wir hatten doch immerhin die Befriedigung, das

Abenteuer bis auf seine äußerste Spitze getrieben zu haben. Wenn man

auf unüberwindliche Hindernisse stößt, ist es Zeit, umzukehren, und

man kann dies mit gutem Gewissen tun. Seltsam war es aber, daß uns die

Tibeter ohne ein unfreundliches Wort aus der Gefangenschaft freigaben.

Am Morgen des 10. August befahlen wir unseren nächsten Wächtern, unsere

zwei Pferde und fünf Maulesel nach dem Zelte zu treiben, denn wir

hatten beschlossen, den Rückzug diesen Morgen anzutreten. Ohne Abschied

konnten wir uns nicht auf den Weg machen, aber von Kamba Bombos Zelten

kamen keine Boten. So beschloß ich denn, allein dorthin zu reiten,

obwohl Schagdur und der Lama mich warnten und meinten, wir müßten wie

bisher beisammenbleiben.

Ich ritt also in langsamem Trab zwischen den Sümpfen hindurch nach

Kamba Bombos weißblauem Zeltdorfe. Als ich den halben Weg zurückgelegt

hatte, wurde ich von einer aus etwa zwanzig Mann bestehenden Schar bis

an die Zähne bewaffneter Reiter umringt. Sie sagten kein Wort, sondern

ritten schweigend vor und hinter mir. Ungefähr einen Kilometer vor den

Zelten machten sie Halt und bildeten einen Ring um mich, dann saßen sie

ab und gaben mir zu verstehen, daß ich dasselbe tun solle.

Kaum eine Viertelstunde brauchten wir zu warten, bis sich dieselbe

große Reiterschar wie gestern vom Zeltplatze aus in Bewegung setzte

und sich uns im Galopp näherte. In der Mitte ritt wieder Kamba Bombo

in seinem gelben Gewande. Ein Teppich und Kissen wurden auf der Erde

ausgebreitet, und er lud mich ein, neben ihm Platz zu nehmen. Der

Dolmetscher war zugegen, und nun unterhielten wir uns eine gute Weile.

Diese Art, mich nicht in seinem Zelte, sondern auf neutralem Gebiete

zu empfangen, war ein Zug von Etikette, der vollkommen berechtigt und

taktvoll war. Ich hatte mich ja gestern geweigert, seiner Einladung

zu folgen, und nun dachte er wohl: „Ich will ihm zeigen, daß er sich

mit Visitenmachen nicht anzustrengen braucht.“ Er hatte auch gesagt:

„Keinen Schritt weiter in der Richtung nach Lhasa“ und wollte mich

daher auch jetzt zurückhalten.

Alle Überredungskunst von meiner Seite war gerade so vergeblich wie das

erstemal.

„Ich habe keine Lust, euretwegen den Kopf zu verlieren“, sagte er. „Mir

persönlich ist es einerlei, ob ihr nach Lhasa reiset oder nicht, aber

den Befehlen, die ich von dort erhalten habe, muß ich gehorchen.“

Zum Scherz sagte ich ihm, wir beide könnten ja auf ein paar Tage allein

dorthin reiten, niemand werde eine Ahnung davon haben; doch er lachte

nur darüber und schüttelte den Kopf.

„Zurück, zurück, nach Norden!“

Auf einmal blinzelte er mit den Augen, zeigte auf mich, sagte das eine

Wort „Sahib“ (so werden in Indien die Engländer und die Europäer im

allgemeinen genannt) und zeigte dann nach Süden in der Richtung des

Himalajagebirges.

Auch ohne Hilfe des Dolmetschers verstand ich, daß er sagen wollte:

„Ihr seid ein Engländer aus Indien“. Trotz allen Hinundherredens war

ihm diese Überzeugung nicht aus dem Kopfe zu bringen. Ich nahm die

Maske ganz und gar ab und sagte ihm, daß ich allerdings ein Europäer,

aber kein Engländer sei und aus einem Lande im Norden weit hinter

Rußland komme; er lächelte jedoch und wiederholte sein „Sahib, Sahib“.

Nun erzählte ich ihm, daß ich zwei burjatische und zwei russische

Kosaken bei mir habe, die mir vom russischen Kaiser zur Verfügung

gestellt worden seien, und fragte ihn, ob er denn glaube, daß Engländer

mit russischen Kosaken reisten, und ob er es für wahrscheinlich halte,

daß Engländer von Norden kämen, da ihr indisches Reich ja südlich von

Tibet liege. Diese Einwendung begegnete demselben Zweifel; er sagte

nur: „Ihr seid alle Sahibs; ist es euch gelungen, einen mongolischen

Lama mit euch zu bekommen, so könnt ihr auch einen Burjaten dazu

bewegen.“

Jetzt wurden zwei Pferde, ein Falbe und ein Schimmel, vorgeführt, die

mir Kamba Bombo, wie er sagte, schenken wolle.

„Laßt zwei eurer Leute aufsitzen und im Galopp vor uns im Kreise

reiten“, sagte ich. Dies geschah; aber die Pferde, die recht mager

waren, stolperten und sahen wenig nach Vollblut aus. Ich wandte mich

an Kamba Bombo und fragte ihn, wie er, ein so reicher und vornehmer

Mann, mir, der ich mindestens ebenso vornehm sei, zwei so elende Gäule

schenken könne; ich wolle sie nicht haben, sondern sie ihm für seine

eigene Kavallerie lassen.

Anstatt diese offenherzige Kritik übelzunehmen, ließ er sofort

zwei andere Pferde holen, die gut und wohlgenährt waren und nach

abgehaltener Prüfung angenommen wurden.

Darauf ritten wir alle nach meinem Zelte, und hier blieb Kamba Bombo

wieder eine gute Weile sitzen. Er aß Rosinen, wie ein Pferd Hafer

frißt, und wurde mit Tee, Tsamba und Tabak bewirtet. Der ganze Stab

umgab uns. Die Sonne beleuchtete dieses farbenreiche Bild. Die

Tibeter sahen vorzüglich aus in ihren phantastischen Trachten mit

Kopfbedeckungen wie Damenhüte mit Federn, mit kriegerischen Lanzen und

Schwertern in brüderlichem Vereine. Alle lachten pflichtschuldigst über

die Witze des Gouverneurs.

Nun wechselten wir uns tibetisches Silbergeld gegen chinesische Jamben

ein, die der Bombo sorgfältig auf seiner mitgebrachten Wage wog; dann

zeigten wir ihm unsere Waffen, die sichtlich tiefen Eindruck auf ihn

machten. Ich sagte ihm, daß das Zusammentrommeln so vieler Soldaten,

wie es hier geschehen sei, gar nichts nütze; mit ihren erbärmlichen

Vorderladegewehren schreckten sie uns nicht ein bißchen. Wollten sie

Krieg anfangen, so möchten sie erst bedenken, daß wir 36 von ihnen

niederschießen könnten, ehe sie überhaupt mit dem Laden fertig würden.

Er versicherte, es sei durchaus nicht seine Absicht, Krieg anzufangen,

sondern nur, die Grenzen gegen unzulässige Fremdlinge zu bewachen.

Nun fragte ich ihn geradezu, weshalb er nicht wage, in mein Zelt zu

kommen, ohne sich von einer 67 Mann starken Eskorte begleiten zu

lassen; ob er wirklich so entsetzliche Angst vor mir habe.

„Nein“, antwortete er, „aber ich weiß, daß ihr ein vornehmer

Sahib seid, und ich habe Befehl von Lhasa erhalten, euch dieselbe

Ehrerbietung zu bezeigen, die die höchsten Beamten unseres eigenen

Landes beanspruchen können!“

Nachdem ich lange genug vergeblich auf den Engel gewartet hatte, der

vom Himmel herabsteigen und uns mit einem feurigen Schwerte den Weg

bahnen würde, erhob ich mich und gab Befehl zum Beladen der Tiere. Mit

Hilfe der Tibeter war dies im Handumdrehen getan. Kamba Bombo stellte

mir eine Eskorte von drei Offizieren und zwanzig Mann vor, die uns

nordwärts bis über die Grenze der Provinz Nakktschu bringen sollte. Er

versicherte, daß wir uns so lange, wie wir uns in Begleitung dieser

Eskorte befänden, um gar nichts zu kümmern brauchten; sie würde für

unsere Tiere einstehen und uns mit allem nötigen Proviant versehen,

wofür wir nichts zu bezahlen hätten. Er schenkte mir 6 Schafe und eine

Menge Lebensmittel in Näpfen und Schüsseln.

So nahmen wir denn Abschied von diesem hochgestellten Beamten,

der so freundlich und so ungastfreundlich gewesen war und uns so

unerschütterlich den Weg versperrt hatte, und ritten in der Richtung

zurück, aus der wir gekommen waren.

„Ja, lieber Schagdur“, sagte ich zu meinem prächtigen Kosaken, dessen

Mut und Treue nicht einen Augenblick gewankt hatte, „Lhasa zu sehen,

war uns nicht beschieden, aber am Leben sind wir noch, und wir haben

allen Grund, dafür dankbar zu sein!“

In einiger Entfernung wandte ich mich im Sattel um und sah Kamba Bombo

und seine Leute wie Mäuse auf dem Platze, wo unser Zelt gestanden

hatte, umherschnuppern. Einige Stearinlichtstücke und Zigarettenstummel

werden sie gewiß in der Überzeugung, daß sie es mit Europäern zu tun

gehabt, noch bestärkt haben. Erst nachdem wir eine gute Stunde geritten

waren, konnten wir die Lage überblicken und sehen, wie viele zu unserer

Eskorte gehörten, denn bis dahin war bald der eine, bald der andere

wieder umgekehrt, zuletzt unser Freund, der Dolmetscher, der die ganze

Zeit über um Branntwein gebettelt hatte.

Unser Gefolge bestand aus zwei Offizieren, Solang Undü und Anna

Tsering, einem Unteroffizier und 14 Soldaten mit Säbeln, Piken und

Flinten (Abb. 258). Außerdem waren sechs Männer dabei, die keine

Soldaten waren; sie hatten die Aufgabe, die Proviantpferde der Truppe

zu führen und eine Herde von 10 Schafen zu treiben. Wir ritten ziemlich

schnell und es war lustig, die Marschordnung der Tibeter zu beobachten.

Sie ritten vor, hinter und neben uns und ließen uns keinen Augenblick

aus den Augen; hätten sie es gekonnt, so wären sie auch wohl über und

unter uns geritten, um uns zu verhindern, in den Himmel zu steigen oder

in die Unterwelt zu fliehen!

Es war schon spät geworden, denn wir waren erst um 2 Uhr aufgebrochen.

Wiederholt hielten die Tibeter an und schlugen vor, daß wir lagern

sollten; sie beabsichtigten wahrscheinlich nicht, sich sehr zu beeilen.

Doch jetzt war ich derjenige, welcher zu befehlen hatte, und ich ritt,

ohne mich um unsere Lasttiere zu bekümmern, mit dem Lama und Schagdur

bis in die Nähe des Sees Tso-nekk. Für unsere Habe hatten ja die

Tibeter einzustehen versprochen, und sie ritten auch artig mit, ohne zu

murren. In der Dämmerung lagerten wir. Sie hatten zwei schwarze Zelte,

die sie auf jeder Seite des unserigen und ganz dicht neben diesem

aufschlugen. Sobald das Lager in Ordnung war, wurden alle Tiere auf

die Weide getrieben und dort von einigen Tibetern bewacht. Ich ging zu

Solang Undü und Anna Tsering und aß mit ihnen zu Abend. Letzterer war

ein außergewöhnlich liebenswürdiger, sympathisch aussehender junger

Mann. Beide waren wie die meisten Tibeter bartlos, und Anna Tsering

glich einem jungen Mädchen mit langherabhängenden schwarzen Haaren.

Abends ertönte eine Weile ein summendes, murmelndes Geräusch aus

ihren Zelten; sie sprachen ihr Abendgebet. Der Lama erinnerte sich

melancholisch desselben, wenn auch unendlich viel kräftigeren Summens

von Lhasa her, wo in allen Tempeln stetig Gebete gesprochen werden und

wo es wie in einem riesenhaften Bienenkorbe summt. Er würde es wohl nie

wieder hören!

Die ganze Nacht goß es, wir aber schliefen ruhig und ungestört. Am

Morgen standen alle Tiere, von ihren Wächtern dorthin gebracht,

festgebunden an ihrem Platze. Doch alles war schwer und durchnäßt,

und der Erdboden schlüpfrig und glatt. Während des Tages (11. August)

regnete es jedoch nicht, obwohl der Himmel drohend aussah. Wenn die

Sonne scheint, ist es beinahe drückend heiß, so daß es durch meine

dünne Chinesenmütze brennt. Die meisten unserer Wächter tragen nur ein

grobes Hemd, einen Schaffellpelz und Stiefel. Wenn die Sonne scheint,

lassen sie Pelz und Hemd von dem rechten Arme und dem Oberkörper, die

dann nackt bleiben, herabgleiten, sobald es aber kalt wird, schlüpfen

sie wieder hinein. Das ist sehr bequem und praktisch.

Ihre kleinen, langhaarigen, feisten Pferde laufen ziemlich schnell und

machen kleine, trippelnde Schritte. Sie sind jedoch oft ungeberdig,

werfen ihre Lasten ab und gehen damit durch, bis diese an der Erde

schleppen. Die Männer bringen jedoch bald alles wieder ins rechte

Geleise, sind aufgeweckt und achtsam und, wie man sich denken kann, an

Karawanenreisen gewöhnt.

Einer der Offiziere hatte einen gelben, langhaarigen, mit blauen

Bändern und Schellen geschmückten Windhund mitgenommen. Ich riet ihm

schon beim Aufbruch, das Tier lieber zu Hause zu lassen; er wollte aber

den Hund durchaus mithaben. Wir waren auch noch nicht weit gekommen,

als Jollbars sich über den Ärmsten hermachte und ihn schrecklich

zurichtete. Blutend, hinkend und heulend, mußte der Hund von einem

Reiter zurückgebracht werden. Vor unseren beiden Hunden hatten unsere

Reisegefährten ganz gewaltigen Respekt. Sogar, wenn sie zu Pferde

saßen, ritten sie sofort beiseite, wenn Jollbars in ihre Nähe kam, und

auf den Lagerplätzen wagten sie nicht eher abzusteigen, als bis die

Hunde angebunden waren.

[Illustration: 259. Tibetische Soldaten. (S. 233.)]

[Illustration: 260. Von Sirkin erlegter Kökkmek. (S. 252.)]

[Illustration: 261. Gefrorenes Wild. (S. 252.)]

[Illustration: 262. Hirten von Dschansung im Gespräch mit dem Lama im

Lager. (S. 254.)]

Es war zum Sterben langweilig, denselben Weg wieder zurückzureiten,

aber ich sehnte mich doch nach dem Hauptquartier zurück, um mit

der ganzen Karawanenmannschaft neuen Erfahrungen entgegenzugehen.

Ich zählte die Stunden und bezeichnete auf meinen schon fertigen

Kartenblättern die Strecken, die wir an jedem Tage zurücklegten. Die

tibetische Eskorte sorgte inzwischen für unsere Zerstreuung. Man kann

sich nicht satt sehen an diesen Wilden, ihren malerischen Trachten

und ihrer Art zu reisen, zu reiten, mit den Pferden umzugehen, zu

rasten, zu lagern, Feuer anzumachen und Essen zu kochen. Abgesehen von

den Offizieren sehen die anderen wie Straßenräuber aus (Abb. 259).

Unterwegs haben mehrere ihre Zöpfe zusammengerollt unter die hohen,

breitrandigen Hüte gesteckt. Ein paar Greise, Lamas, tragen das Haar

kurzgeschoren; diese drehen während des Reitens unausgesetzt ihre

Korle (Gebetmühlen) und murmeln unermüdlich in anschwellenden und

abnehmenden, monoton singenden, einschläfernden Tönen ihr „Om mani

padme hum“. Wir sind schon ganz intim mit ihnen, und die Bewachung ist

weniger streng. Alle plaudern und lärmen und freuen sich sichtlich über

die kleine Vergnügungsreise, die ihnen zuteil geworden ist. Schagdur

ist von einer Gruppe Soldaten umgeben, mit denen er lustig scherzt. Sie

lachen bis zum Ersticken über seine Versuche, die fremden Ausdrücke zu

lernen und anzuwenden.

Solang Undü trägt über der Achsel ein rotes Zeugband, auf dessen

Rückseite vier große silberne Gavo festgenäht sind, und am Gürtel

Säbel, Messer, Feuerzeug, Tabaksbeutel, Pfeife und verschiedene andere

Kleinigkeiten, die um ihn herumbaumeln und klappern. Unter diesen

Utensilien befindet sich eine kleine Zange, mit der er sich wiederholt

Barthaare, die sich zeigen, ausreißt; er ist auch völlig bartlos und

sieht infolge der Runzeln, die sein Gesicht durchfurchen, wie ein altes

Weib aus. Seinen Zopf hat er sorgfältig in ein rotes Tuch gewickelt und

um den Kopf gewunden. Obendrauf thront der Filzhut mit einer großen

Feder.

Nach dreieinhalbstündigem Ritt hielten die Tibeter an und fragten,

ob wir etwas gegen eine Rast zum Teetrinken hätten. Meine beiden

Reisegefährten stimmten für Weiterreiten, ich zog es aber vor, den

Tibetern den Willen zu lassen, um ihre Reisegewohnheiten zu studieren.

Sie sagten, sie hätten am Morgen noch kein Frühstück essen können, und

der Appetit, mit dem sie die Speisen vertilgten, bestätigte ihre Worte.

Mit ihren Säbeln schnitten sie gruppenweise drei Erdschollen aus dem

weichen Rasen; zwischen diese wurden die Töpfe gestellt, in denen

das Teewasser gekocht wird. Trockenen Argol hatten sie bei sich, und

bald brannten die Feuer. Aus Zeugstücken wurden Brocken von gekochtem

Schaffleische ausgewickelt, und die Tsamba mit diesen, Fett, Butter und

Tee bereitet. Wir begnügten uns mit sauerer Milch.

Während des Frühstücks wurde uns mitgeteilt, daß die Eskorte uns nur

bis an die Grenze des Bombo von Nakktschu am Flusse Gartschu-sängi

begleiten werde; wo wir dann blieben, schien sie nicht das geringste

zu kümmern. Wir baten sie, bis ans Hauptquartier mitzukommen, dazu

hatten sie aber durchaus keine Lust; sie hatten nur ihren Befehlen zu

gehorchen und hegten überdies sichtlich einen gewissen Respekt vor

unserer Karawane und der uns dort erwartenden Mannschaft. Gerade auf

der Strecke des Weges, die ich die Räuberzone nennen möchte, sollten

wir also für uns selbst sorgen. Wir sehnten uns nicht danach, da uns

jetzt nachts undurchdringliches Dunkel umgab, während wir auf der

Hinreise Hilfe vom Monde gehabt hatten.

Der Boden ist hier von all dem Regen womöglich noch nasser, als er es

schon war, wie wir zuerst über ihn hinwegritten. Die Pferde sinken und

stolpern bei jedem Schritt. Bei den Zeltdörfern zeigen sich selten

Menschen, und unsere Begleiter scheinen ihnen beinahe auszuweichen.

Wir lagern nicht in ihrer unmittelbaren Nähe, sondern immer in einiger

Entfernung. Der nötige Proviant wird im Vorbeireiten von dem einen oder

anderen Reiter geholt.

Auf dem heutigen Lagerplatze hatten sie sich noch zwei Zelte besorgt,

und die Eskorte war durch sechs Mann verstärkt worden. Der Abend war

schön und windstill, die Sterne glänzten wie durch einen leichten

Wolkenschleier. Die Dungfeuer flammen unter dem abgemessenen, schweren

Hauche der Blasebälge auf wie das Drehfeuer eines Leuchtturmes. Auch

in den Zelten sind Feuer, deren Rauch durch eine längliche Ritze in

der Zeltdecke entweicht. Das Lager ist selbst am Abend malerisch

und lebhaft, und auf allen Seiten hört man die Tibeter scherzen und

plaudern. Der lebende Proviant besteht aus 14 Schafen, die nachts

zwischen zwei Zelten angebunden werden, weil die Gegend reich an Wölfen

sein soll.

Kamba Bombo sollte jetzt Wasser auf seine Mühle bekommen, denn die

Tibeter sahen mich Uhr und Kompaß studieren. Sie konnten das Ticken

der Uhr gar nicht begreifen und baten unausgesetzt, horchen zu dürfen.

Ich sagte, es sei ein Gavo mit einem lebendigen kleinen Burchan

(Götzenbild). Die kleine Veraskopkamera konnte ich ungeniert benutzen,

nachdem ihnen klar geworden war, daß in ihr kein Revolver oder sonst

eine unbegreifliche Höllenmaschine stecke. Der Lagerplatz hieß

+Säri-kari+.

12. August. Sie wecken uns früh, machen aber kurze Tagereisen, um die

Annehmlichkeiten des Lagerlebens so lange wie möglich genießen zu

können. Unsere Wächter lassen uns immer mehr Freiheit, je mehr wir uns

der Grenze der Provinz nähern. Wir dürfen jetzt oft eine ganze Strecke

hinter der Haupttruppe allein reiten und glauben uns unbewacht, merken

aber bald, daß sich hinter uns stets noch einige Reiter befinden.

Heute ging es über das große, offene Tal, in dem wir die Teekarawane

zuerst gesehen hatten. Es regnete nicht, und der Boden trug unsere

Pferde. Als wir ganz in der Nähe unseres ehemaligen Lagerplatzes Nr. 51

waren, bogen die Tibeter rechts in eine kleine Talmündung namens +Digo+

ein und machten dort Halt in hohem, üppigem, duftendem Grase, das für

unsere mageren Tiere ein leckeres Fressen war.

Wir waren nur 4½ Stunden geritten, und ich glaubte, daß es sich nur

um eine Teerast handle. Es wurden aber die Zelte aufgeschlagen und, an

die Karawanentiere denkend, machte ich keine Einwendungen. Es ist ein

eigentümliches ruhiges Gefühl, nicht seine Freiheit zu haben und nicht

über seinen Weg und seine Zeit bestimmen zu können; man muß ruhen, und

für müde Pilger ist es schön, ausschlafen zu dürfen. Solange wir die

Eskorte hatten, konnten wir die Sache ruhig mit ansehen, nachher aber,

wenn wir wieder unserer eigenen Wachsamkeit überlassen waren, würden

wir wieder lange Tagemärsche machen müssen.

Man wird während des Rittes fast schläfrig, wenn man von allen diesen

Soldaten umgeben ist, deren Pferde Schellenringe um den Hals tragen. Es

ist ein ewiges, eintöniges Glockengeläute, das in den Ohren widerhallt

und an eine große Schlittenpartie an einem nordischen Wintertage

erinnert. Malerisch ist diese Gesellschaft, die so schnell in unserem

friedlichen Gebirge aufgetaucht ist und uns umringt hat, wir mochten es

wollen oder nicht. Heute waren keine Zelte zu sehen, so daß wir unseren

Milchvorrat nicht verstärken konnten.

Der Tag war, wie der Lagerplatz, herrlich. Wir ließen unser Zelt nach

Norden offen, um die leichten Winde hineinzulassen, die von dorther

kamen. Im Süden brannte die Sonne gar zu fühlbar; auf dieser Seite war

das Zelt geschlossen, aber durch die Ritzen des Zelttuches stahlen sich

Sonnenstrahlen herein und ließen meinen Rosenkranz funkeln, als ich mit

den heiligen Gebetkugeln, die in so heidnische Hände geraten waren,

spielte. Die Temperatur stieg auf +19,1 Grad. Sehr leicht gekleidet,

schlummerte ich ins süßeste Vergessen hinüber und verschlief Schagdurs

Teefrühstück. Es war friedvoll und sommerlich, der letzte Sommertag,

den wir genießen konnten. Ein kleiner Bach begleitete mit seinem

munteren Rauschen das Lachen und Plaudern der Tibeter.

Sie verstehen es, sich es auch auf Reisen angenehm und gemütlich zu

machen. Wenn wir lagern, haben die Offiziere eine Schar Diener, die

ihnen im Handumdrehen die Zelte aufschlagen. Rings um diese werden

Sattel, Riemenzeug, Beutel und Gepäck hingeworfen und die Flinten auf

ihre Gabeln gestellt, um nicht mit dem feuchten Boden in Berührung

zu kommen. Bei so schönem Wetter sitzen alle im Freien und widmen

sich mit Kennermiene dem Essenkochen, der liebsten Beschäftigung des

Asiaten. Sie sind Meister im Feueranmachen und richten mit Hilfe des

Blasebalges einen lodernden Feuerstrahl gegen die Seite des Teekessels,

so daß das Wasser in erstaunlich kurzer Zeit ins Kochen gerät. Die

Tsamba wurde in kleinen Holzschalen, die unseren mongolischen glichen,

angerührt. Einige von ihnen kneten das Gericht mit der rechten Hand und

vermischen es mit Käse. Wenn sie Fleisch essen, halten sie das Stück

in der Linken und schneiden mit einem Messer kleine Bissen davon ab.

Anna Tsering benutzte hierzu ein englisches Taschenmesser („~Made in

Germany~“), das aus Ladak stammen sollte.

Im Herzen von Asien. Zweiter Band. · 第 25 / 42 段