versündigt habe, indem ich mit euch hierhergekommen bin? Wenn sie mich
auch am Leben lassen, so ist doch meine Laufbahn zu Ende, und ich darf
Lhasa nie wiedersehen.“
Ein paar hundert Meter südlich von uns wurde heute ein Zelt
aufgeschlagen, in welchem der Spion von gestern, Ben Nursu, wie er uns
selbst offenherzig mitgeteilt hatte, künftig residieren sollte, um uns
unter Augen zu haben.
Um die Mittagszeit sahen wir 15 Reiter nach Süden sprengen; wir nahmen
an, daß sie dem Kamba Bombo, der wahrscheinlich nicht mehr sehr weit
entfernt sein konnte, entgegenritten.
Nach Tisch schliefen wir ein paar Stunden und wurden wenigstens da in
Ruhe gelassen. Schlafen, Essenkochen, Speisen und Milchtrinken sind
eigentlich das einzige, womit wir während unserer unfreiwilligen, die
Geduld auf die Probe stellenden Gefangenschaft die Zeit totschlagen
können. Wir liegen, dehnen uns und schlummern, wir entfernen uns keine
50 Schritt vom Zelte, wir sitzen stundenlang vor der Zeltöffnung und
beobachten die Tibeter, ihr Tun und Lassen, ihre schwarzen Zeltdörfer
und ihre Herden. Wir sehnen uns danach, daß die Zeit vergehe und Kamba
Bombo komme, aber eigentlich ist es ein Trost, daß wir nicht in diesem
ewigen Regen zu reiten brauchen, wo es überall kalt, rauh, grau, naß
und dunkel ist.
Beständig tauchen neue, unbekannte, neugierige Gesichter um uns herum
auf. Der einzige wirkliche Stammgast in unserem Zelte ist Ben Nursu,
der beinahe bei uns wohnt und mit uns ißt. Dafür muß er sich aber
auch nützlich machen; er muß Leben ins Feuer blasen, wenn es regnet.
Es kommt beinahe nie vor, daß uns jemand besucht, ohne etwas Eßbares
mitzubringen. Sie nehmen sich unserer mit rührender Fürsorge an. Wie
man sagt, geschieht dies auf besonderen Befehl des Dalai-Lama. Die
Behörden in Lhasa erhalten ganz gewiß täglich Bericht aus unserem
Lager. Die Reiter, die aus jener Richtung kommen und dorthin reiten,
sind Kuriere und Eilboten. Wir erfuhren auch, daß die Lebensmittel, die
wir von den Nomaden erhalten, ihnen später aus Lhasa ersetzt werden.
Auf dieselbe Weise wird bei einer Mobilmachung verfahren. Die Soldaten
sind berechtigt, sich alles, was sie wollen, von den Nomaden zu nehmen,
und diese erhalten dafür Entschädigung aus der Hauptstadt. Wir hatten
also durch unseren friedlichen Zug den Tibetern entsetzlich viel Mühe
gemacht, und Dschallokk war gewissermaßen ein militärischer Knotenpunkt
geworden. Es wimmelte hier von Stafetten, Spionen, Kundschaftern
und Kurieren. Das Land erhob sich wie zur Verteidigung gegen einen
feindlichen Einfall. Man würde uns nicht geglaubt haben, wenn man
erfahren hätte, wie unschädlich wir selbst und wie wenig böse unsere
Absichten waren.
Gegen 2 Uhr guckte die Sonne eine Weile hervor und warf ihren grauen
Schleier ab, der übrigens zu der Situation gut paßte. Sieben Tibeter
leisteten uns am Feuer im Freien Gesellschaft. Während wir in
eifrigster Unterhaltung waren, erschien im Südosten eine Reiterschar.
Sie ritt schnell gerade auf das Zelt los.
„Ha“, riefen die Männer, „da haben wir den Bombo von Nakktschu!“
Wir erhoben uns und erwarteten die Fremden; als sie jedoch näherkamen,
sahen unsere Gäste, daß es nicht der Gouverneur selbst war, sondern nur
sein mongolischer Dolmetscher in Begleitung von vier Häuptlingen aus
der Nachbarschaft mit ihrem Gefolge.
Der Dolmetscher war ein geborener Tibeter, und sein Mongolisch war
bedeutend schlechter als meines, aber er war ein angenehmer, heiterer
Mensch und nicht im geringsten zudringlich. Er erzählte, daß, sobald
die Nachricht von unserer Ankunft nach Nakktschu gelangt sei, Kamba
Bombo ihm befohlen habe, hierher vorauszureiten, der Gouverneur selbst
werde aber so schnell wie möglich nachkommen. Im Nu saß der arme
Dolmetscher im Sattel und ritt mit seinen Begleitern Tag und Nacht in
strömendem Regen nach Dschallokk. Hier rasteten sie nicht einmal bei
den Zelten der Tibeter, sondern begaben sich direkt zu uns.
Jetzt begann das Verhör wieder, und zum zwanzigsten Male mußten wir das
Hauptquartier und seine Besatzung ausführlich beschreiben. Trotzdem
sie ohne Zweifel durch Spione über die Karawane unterrichtet waren,
war es schwer, die Neuangekommenen dahin zu bringen, daß sie unseren
Worten glaubten. Sie bildeten sich ein, daß unser Hauptquartier
nicht unsere ganze Stärke ausmache, sondern nur der Vortrab sei, dem
Tausende von Soldaten folgen würden. Diese Furcht verdrängte alle
kritischen Spekulationen in betreff meiner wirklichen Nationalität. Der
Dolmetscher sagte, es spiele gar keine Rolle, woher und von welchem
Stamme wir seien; nach Lhasa dürften wir unter keinen Umständen
reisen, sondern müßten von hier nach unserem Hauptquartiere im Gebirge
zurückkehren. Zuleide werde uns jedoch nichts getan werden, denn in
dieser Beziehung habe der Dalai-Lama seine Befehle gegeben.
Jetzt begannen Schagdur und ich auf Mongolisch derart zu predigen, daß
dem armen Dolmetscher die Ohren gellten. Wir sagten, der Dalai-Lama
habe Burjaten, die auf russischem Gebiete wohnen, nie verboten, die
Wallfahrt nach Lhasa zu machen. Es könne Kamba Bombo den Kopf kosten,
wenn er sich unterstehe, uns an der Weiterreise zu verhindern. Ihn
holen zu lassen, sei ganz unnötig, da wir auf jeden Fall nur mit einem
hohen Beamten aus Lhasa verhandeln würden.
Alles, was wir sagten, übersetzte der Dolmetscher seinen Kameraden,
die mit ernster Miene zuhörten. Von Rußland und Indien hatten sie sehr
dunkle Begriffe, und was von der Macht und Größe dieser Reiche gesagt
wurde, imponierte ihnen nicht im geringsten.
Schließlich gingen wir darauf ein, daß ein Kurier an Kamba Bombo
geschickt werde, um ihn zu ersuchen, sich zu beeilen, -- aber nur
unter der Bedingung, daß gleichzeitig ein Eilbote nach Lhasa abgehe.
Der Dolmetscher war in jeder Beziehung ein Gentleman, nur darin nicht,
daß er unaufhörlich um Branntwein bat, eine Ware, die unsere Kisten
nicht enthielten. Wir sagten ihm, wir seien hier in ein merkwürdiges
Land geraten, wo friedliche Reisende nicht einmal vor Räuberüberfällen
sicher seien. Er schien von dem Pferdediebstahl zu wissen und
versicherte, der Wert der Tiere werde uns zu unserer völligen
Zufriedenheit ersetzt werden und wir hätten nur zu befehlen, falls wir
etwas wünschten. Wir hätten gesagt, daß zwei Europäerhäuptlinge in
unserem Hauptquartier seien, und er bitte um ihre Namen. „Sirkin und
Tschernoff“, antworteten wir; die Namen wurden aufgeschrieben. Als er
aber nach unseren Namen fragte, wurde ihm der Bescheid, daß ihn dies
gar nichts angehe und wir nur mit vornehmeren Herren verhandeln würden.
Nachdem sie uns endlich verlassen hatten, blieben wir wie gewöhnlich
noch lange sitzen und sprachen über die Tageserlebnisse und die
Aussichten für die nächste Zukunft, die für den Lama nicht besonders
gut waren. Um unsere Tiere bekümmerten wir uns nicht mehr. Sie waren
bei den Tibetern gewissermaßen in Pension, und wir sahen sie gar nicht.
Am 9. August herrschte wieder Leben und Bewegung in unserem offenen
Kesseltale. Eine Menge Reiter und Patrouillen zogen nach Südwesten
die nächsten Berghöhen hinauf und trieben die Herden dorthin. Von
allen Seiten ertönte Geschrei und Pferdegetrappel, das Blöken der
Schafe und das verdrießliche Grunzen der Yake. Von den Zelten unserer
Nachbarn ritten kleine Reiterscharen nach Nakktschu und nach Lhasa. Es
gelang uns nicht zu ergründen, was alles dieses bedeutete; es hatte
den Anschein, als beabsichtigten die Nomaden, ihre Wohnsitze nach
anderen Weidegründen zu verlegen, aber Schereb Lama, der hier alles
in schwarzem Lichte sah, glaubte, daß sie das Feld räumten, um freien
Spielraum zu haben, wenn der große, vernichtende Reitersturm gegen
unser Zelt gerichtet würde.
Um 10 Uhr erschien unser Freund, der Dolmetscher, von drei anderen
Männern begleitet. Wir baten ihn, diese fortzuschicken, um mit ihm über
verschiedene wichtige Angelegenheiten verhandeln zu können. Hiergegen
protestierte er aber auf das Bestimmteste; es war ihm wohl unheimlich,
mit so zweideutigen Personen allein zu sein. Er hatte übrigens, wie er
sagte, einen besonderen Auftrag auszurichten und würde uns, sobald dies
geschehen, verlassen. Er teilte uns mit, daß Kamba Bombo von Nakktschu
mit großem Gefolge angekommen sei und uns zu sehen wünsche.
Ein ganzes Zeltdorf erhob sich ein paar Kilometer von uns entfernt auf
der Straße nach Lhasa (Abb. 256). Eines der Zelte hatte bedeutende
Dimensionen; es war glänzend weiß und oben blaugestreift; die anderen,
die es umgaben, waren kleiner, und von mehreren von ihnen stiegen
Rauchsäulen auf. Um das „Dorf“ herum schwärmten Massen von Reitern.
Der Lama konnte das Fernglas nicht von seinen Augen nehmen und sich
nicht von diesem großartigen Anblicke losreißen; unablässig starrte
er dorthin und war augenscheinlich eine Beute immer größer werdender
Unruhe.
Der Auftrag des Dolmetschers bestand darin, uns in Kamba Bombos Namen
einzuladen, uns mit Sack und Pack in seiner unmittelbaren Nachbarschaft
anzusiedeln und heute bei dem mächtigen Gouverneur ein Gastmahl
einzunehmen. In einem der Zelte tische man bereits die Gerichte auf.
In der Mitte stehe ein ganzes gebratenes Schaf, umgeben von Schalen
für Tee und Tsamba, und bei unserer Ankunft würden wir jeder mit einer
„Haddik“ beehrt werden, mit einer dünnen, hellen Binde, welche Mongolen
und Tibeter vornehmen Gästen als Ehrfurchtsbezeugung überreichen.
Auf diese Einladung antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu
bedenken, daß wenn Kamba Bombo eine Spur von Manier besitze, es seine
Pflicht sei, uns erst einen Besuch zu machen, bevor er uns zum Gastmahl
einlade; überdies hätten wir noch nie von ihm gehört und wüßten gar
nicht, ob er überhaupt das Recht habe, uns gegenüber als zuständige
Behörde aufzutreten. Er werde sich wohl nicht einbilden, daß wir seiner
Aufforderung, unseren Lagerplatz zu wechseln, gehorchten; wenn ihm
daran liege, uns als Nachbarn zu haben, so stehe es ihm frei, seine
Zelte in unserer Nachbarschaft aufzuschlagen. Wir wollten nichts von
ihm und hätten nicht nach ihm geschickt; wünsche er uns zu sehen und
mit uns zu sprechen, so sei es ihm unbenommen, jederzeit unser Zelt zu
besuchen. Während der Tage, die wir in Dschallokk zugebracht, hätten
wir hinsichtlich der Dreistigkeit der Tibeter viel zu gründliche
Erfahrungen gemacht, um uns freiwillig zu Nachbarn von Kamba Bombo
und seinem Gefolge zu machen. Wir seien friedliche Fremdlinge aus
dem Norden, die das Recht hätten, die Wallfahrt zu machen, und jetzt
wünschten wir nur zu erfahren, ob uns der Weg nach Lhasa offenstehe
oder nicht; wenn nicht, würden wir sofort nach unserem Hauptquartier
zurückkehren, und Kamba Bombo selbst habe die Verantwortung für die
Folgen zu tragen.
Mit allem diesen und noch mehrerem wurde der arme Dolmetscher
traktiert, der in seiner unangenehmen Unterhändlerstellung, die er
bekleidete, sich wie ein Wurm wand. Er bat und flehte und bediente
sich seiner ganzen Überredungskunst, aber wir blieben unbeweglich.
„Das Gastmahl ist bereitet, und man erwartet euch; wenn ihr nicht
kommt, trage ich die Schuld, falle in Ungnade und werde verabschiedet.“
Er bestürmte uns über zwei Stunden; als ich jedoch meinen Entschluß
nicht änderte, erhob er sich, um aufs Pferd zu steigen. Noch im Sattel
bat er, wir möchten uns doch besinnen, und versicherte, daß uns kein
Leid widerfahren werde. Ich antwortete ihm nur, es sei uns vollkommen
gleichgültig, welchen Bescheid er dem Bombo zu bringen gedenke, aber
zum Gastmahl kämen wir nicht, und beliebe es dem Gouverneur nicht, uns
eine Visite zu machen, so werde er keinen Schimmer von uns zu sehen
bekommen. Da grüßte der Dolmetscher zum Abschied und ritt zu den Zelten
zurück.
Es mag den Anschein haben, als sei diese Antwort auf eine freundliche
Einladung ebenso arrogant wie unhöflich und als hätten drei arme Pilger
sich einem so mächtigen, vornehmen Gouverneur gegenüber einen solchen
Ton nicht erlauben dürfen. Denn er war es, der in Nakktschu (auch
Nagtschu; der Ort liegt am Flusse gleichen Namens, der mit dem oberen
Saluen gleichbedeutend ist) residierte und dessen Pflicht es war, alle
Karawanen zu untersuchen und alle Reisenden, Pilger und Wanderer, die
sich Lhasa auf der großen Straße von Zaidam und über Tang-la nähern,
zu visitieren. Jetzt, da wirklich Gefahr im Anzug zu sein schien und
eine große europäische Karawane sich näherte, mußte er, um nicht
sein Amt und vielleicht auch das Leben zu verlieren, seine Autorität
nachdrücklich wahren. Ganz gewiß hatte er auch durch besondere Kuriere
von Lhasa Befehl erhalten, seinen Posten auf einige Tage zu verlassen
und sich nach Dschallokk zu begeben, um dort die Sachlage genau zu
untersuchen.
Tatsächlich war es auch nicht reiner Oppositionsgeist, der unsere
Antwort so unfreundlich ausfallen ließ. Aber ringsumher hatte die
ganze Zeit über Kriegsstimmung geherrscht, die Tibeter waren mobil
gemacht und hatten ihre Streitkräfte gesammelt, und ich meinerseits
würde ihnen verziehen haben, wenn sie über unser Unterfangen, das
ja darauf ausging, sie zu überlisten, böse geworden wären. Keiner
hätte es ihnen verdenken können, wenn sie erklärt hätten: „Hier ist
ein Europäer, der sich als Burjate verkleidet hat, um nach Lhasa zu
gelangen, und hier ist ein Lama, der seine Studien in Lhasa gemacht hat
und jetzt als Führer des ersteren auftritt; laßt uns ein für allemal
ein Exempel statuieren und den beiden zeigen, daß solche Versuche
übel ablaufen!“ Noch am 9. August ahnten wir nichts von unserem
Schicksal; das einzige, was man uns mit absoluter Sicherheit gesagt
hatte, war, daß man uns unter keinen Umständen erlauben würde, uns
nach der Hauptstadt zu begeben. Jetzt grübelten wir auch darüber nach,
ob die heutigen Vorbereitungen und die Unruhe, die unter den Tibetern
geherrscht hatte, etwas Besonderes zu bedeuten hätten. War die
Einladung ein Versuch, uns in eine Falle zu locken? Zu einem Gastmahl
geht man unbewaffnet; sollten die Tibeter nur einen Vorwand suchen,
um uns von unseren Waffen, vor denen sie gehörigen Respekt hatten, zu
trennen? +Wenn+ es wirklich ihre Absicht war, uns nicht lebendig aus
der Gefangenschaft kommen zu lassen, so wollten wir wenigstens erst
die fünfzig scharfen Patronen, die wir bei uns hatten, benutzen. Es
waren schon Europäer in Tibet verschwunden -- zuletzt Dutreuil de Rhins
und Rijnhard -- wenn auch nicht so nahe bei Lhasa, wie wir uns jetzt
befanden. Ein verkleideter Europäer mußte noch viel größeren Gefahren
ausgesetzt sein; denn sollten die Tibeter hinterher je zur Rechenschaft
gezogen werden, so konnten sie mit vollem Recht sagen. „Wir haben nicht
gewußt, daß er ein Europäer war; er sagte selbst, er sei ein Burjate.“
Von diesem Gesichtspunkte aus hielt ich unsere Lage für ziemlich
unsicher, obgleich mehrere unserer neuen Freunde uns versichert hatten,
daß wir für Leib und Leben nichts zu fürchten hätten. Da ich mich aber
keinen Augenblick bedacht hatte, mein Leben einer so großen Gefahr
inmitten eines den Europäern feindlich gesinnten Volkes auszusetzen,
da ich das Abenteuer bis auf die Spitze getrieben hatte und so weit
gegangen war, wie es überhaupt möglich war, wollte ich das Spiel auch
auf ehrenvolle Weise beenden!
Unseren eigenen Betrachtungen überlassen, saßen wir ein paar Stunden
am Feuer und tauschten unsere Ansichten über die kritische Lage aus.
Keine Menschen zeigten sich in unserer Nähe, nur in dem Zeltdorfe des
Gouverneurs herrschte Leben und Bewegung; dort wurde augenscheinlich
über uns Rat gehalten. Aber was sagte man, in welcher Richtung gingen
die Beschlüsse? Wir ahnten, daß eine Entscheidung nahe bevorstand.
Vielleicht hatte unsere unhöfliche Antwort Kamba Bombo beleidigt, und
er schickte sich jetzt an, uns eine ordentliche Lektion zu geben. Es
war ein entsetzlich unbehagliches Warten; ich erinnere mich dieser
langen Stunden, als wäre es gestern gewesen.
Zwei volle Stunden waren vergangen, als es um die weißen Zelte wieder
lebendiger wurde; es gab ein Laufen und Hinundherreiten, die Tibeter
bewaffneten sich und stiegen zu Pferd. Ein ganzer Wald von Reitern
sprengte in einer schwarzen Linie auf uns los (Abb. 257). Es regnete
nicht, und wir konnten dieses in Wahrheit prächtige Schauspiel
ungestört genießen. Sie näherten sich in schnellem Tempo, die Pferde
liefen in starkem Galopp. Ein undeutliches Sausen ertönt, bald
unterscheidet man das schnelle Aufschlagen der Pferdehufe. Wir hatten
das Gefühl, als stürze eine Lawine auf uns herab, um uns im nächsten
Augenblick zu begraben. Die Gewehre und der Revolver lagen geladen
bereit, wir aber standen vor dem Zelt, und keiner sollte die Unruhe
ahnen, die sich unserer bemächtigt hatte.
Die Tibeter ritten in einer Linie heran. In der Mitte ritt der
Gouverneur auf einem großen, schönen Maulesel; sonst ritten alle
Pferde. Er war von seinem Stabe begleitet, der aus Militär-, Zivil-
und geistlichen Beamten in prachtvollen Festgewändern bestand. Die
Flügel bildeten Soldaten, die bis an die Zähne mit Gewehren, Säbeln und
Lanzen bewaffnet waren, als handle es sich um einen Feldzug gegen einen
feindlichen Stamm. Wir konnten 67 Mann zählen.
Jetzt trennten sich einige Reiter von der Schar, erhöhten die
Geschwindigkeit und gewannen einen Vorsprung von einigen Minuten,
dann saßen sie ab und grüßten. Einer von ihnen war unser Freund, der
Dolmetscher, der nur anmeldete, daß Kamba Bombo uns in höchsteigener
Person mit einem Besuche beehre. Als dieser in der Nähe des Zeltes
anhielt, sprangen einige des Gefolges aus dem Sattel und breiteten auf
der Erde einen Teppich aus, auf dem der Gouverneur abstieg. Dann nahm
er auf gleichfalls bereitgehaltenen Kissen und Decken Platz, und Nanso
Lama, ein vornehmer Priester aus Nakktschu, setzte sich neben ihn.
Jetzt ging ich ruhig zu ihm heran und bat ihn, ins Zelt zu treten,
wohin er sich sofort begab und wo er nach einigem Zieren den Ehrenplatz
-- auf einem nassen Maissack -- unter unseren übelriechenden, beinahe
schimmeligen Effekten annahm. Er sah listig und schelmisch aus,
blinzelte mit den Augen und lächelte oft. Er mochte 40 Jahre alt sein,
war klein und bleich, sah abgezehrt und müde, aber doch entzückt aus,
daß er uns jetzt endlich in der Falle hatte; er wußte ganz genau,
daß er in Lhasa großen Ruhm ernten würde, wenn er seinen geschickten
Schachzug dorthin berichtete.
Sein Anzug war geschmackvoll und elegant; er hatte ihn entschieden
eigens für die Visite angelegt, denn er war ganz neu und fleckenlos.
Die Überkleider, einen großen roten Radmantel und ein rotes Baschlik,
nahmen ihm die Diener ab. Nachdem dies geschehen war, präsentierte
er sich in einem kleinen blauen chinesischen Käppchen und in einem
weitärmeligen Gewande von schwerer gelber Seide; er trug grüne
mongolische Samtstiefel und war mit einem Wort wie zu einem Feste
geschmückt.
[Illustration: 257. Tibetische Kavallerie. (S. 223.)]
[Illustration: 258. Tibetische Soldaten. (S. 231.)]
Nun wurde dem Kamba Bombo ein Tintenfaß, Feder und Papier gebracht,
worauf das Verhör begann. Für uns interessierte er sich weniger als
für das Hauptquartier und die Stärke der Karawane. Alle Antworten
notierte er selbst, denn er sollte einen ausführlichen Bericht nach
Lhasa schicken. Dann wurden unsere Habseligkeiten untersucht, aber
merkwürdigerweise sprach er nicht einmal den Wunsch aus, unsere
Kisten besichtigen zu dürfen. Die Mitteilung, daß sie Proviant
enthielten, genügte ihm vollständig. Über mich schien er ganz im
reinen zu sein und er hielt es sogar für überflüssig, mir persönliche
Fragen vorzulegen. Schagdur gebärdete sich, als er gefragt wurde, wie
ein Feldmarschall; er sei russischer Untertan, aber auch Burjate und
berechtigt, nach Lhasa zu reisen. Die russischen Behörden würden es als
eine Beleidigung betrachten, wenn man uns friedliche Pilger hindere,
die Wallfahrt zu machen; niemand, wer es auch sei, dürfe uns antasten.
Doch Kamba Bombo erwiderte lachend:
„Du glaubst, mir Furcht einjagen zu können; ich tue meine Pflicht,
gerade hinsichtlich eurer habe ich meine Befehle vom Dalai-Lama
erhalten und weiß selbst am besten, was ich zu tun habe. Nach Lhasa
dürft ihr nicht reisen, nicht einen Tag mehr in dieser Richtung, nein!
Einen Schritt weiter, -- und es kostet euch den Kopf!“ (Titelbild zum
2. Band.) Und dabei fuhr er mit der flachen Hand, die er wie eine
Klinge hielt, um den Hals herum. Und er fügte hinzu, daß es ihm selbst
ebenfalls ans Leben gehen würde, wenn er uns durchließe:
„Es ist ganz einerlei, wer ihr seid und woher ihr kommt, aber ihr
seid im höchsten Grade verdächtig; ihr seid auf einem Schleichweg
hierhergekommen und ihr sollt nach eurem Hauptlager zurückkehren.“
Wir sahen ein, daß hiergegen nichts zu machen war. Schagdur erzählte
nun von dem Pferdediebstahl. Anfangs machte Kamba Bombo Ausflüchte
und sagte, er sei für das, was außerhalb der Grenzen seiner Provinz
passiere, nicht verantwortlich. Schagdur erwiderte:
„So, dies ist also nicht euer Land; ist es denn vielleicht russisches
Gebiet?“ Da wurde aber Kamba Bombo ärgerlich und erklärte, daß das
ganze Land dem Dalai-Lama gehöre. Schagdur war nachher sehr stolz auf
seine Erwiderung. Nun erhob sich der Gouverneur, nahm Schagdur mit
und setzte sich draußen auf den Kissen nieder; nach einer Weile wurde
ich zu ihm gerufen. Er sei bereit, sagte er, uns zwei neue Pferde
zu besorgen, eines davon müsse ich aber bezahlen. Ich lachte ihm
gerade ins Gesicht und ging wieder ins Zelt hinein, nachdem ich ihm
geantwortet hatte, daß wir derartige Geschenke nicht annähmen: entweder
zwei Pferde oder gar keins. Da versprach der Bombo, daß er uns am
folgenden Morgen zwei Pferde für die gestohlenen schenken würde.
Schließlich erklärte Kamba Bombo, daß wir aufbrechen könnten, wann wir
wollten, daß er jedoch Dschallokk nicht eher zu verlassen gedenke, als
bis wir fort seien. Um keine Zeit zu verlieren, beschlossen wir, den
Rückweg schon am folgenden Morgen anzutreten. Eine besondere Eskorte
sollte uns bis zur Grenze am Satschu-sangpo begleiten, und als wir,
um nicht der Tiere wegen nachts Wache halten zu müssen, darum baten,
von der Eskorte bis ins Hauptquartier gebracht zu werden, versprach
er uns dies. Während der Reise sollte uns alles, was wir an Proviant
brauchten, kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Auch jetzt schenkte
uns Kamba Bombo eine ganze Menge nützliche Eßwaren.
Im großen ganzen war er sehr freundlich und artig und gar nicht
ärgerlich darüber, daß er durch uns Arbeit und Mühe gehabt und
selbst hatte hierherreiten müssen. Er war ein rechtlich denkender
und handelnder Mensch und wußte genau, was er wollte. Wer ich war,
ist ihm wohl nie völlig klar geworden; doch muß er wohl geglaubt
haben, daß hinter meiner abgetragenen mongolischen Tracht etwas
Außergewöhnliches verborgen sei, sonst wäre er schwerlich mit solchem
Pompe und Hofstaate angezogen gekommen. Mit China stehen die Tibeter
beständig in Berührung; ihr Land ist nominell ein Vasallenstaat jener
Macht, die in Lhasa einen Vertreter und ein „Yamen“ hat, welches in der
Nähe von Potala, dem Tempelpalaste des Dalai-Lama, liegt. Ohne Zweifel
hatten die Behörden in Lhasa Kenntnis von allem, was kürzlich in China
geschehen war, und wußten, wie schwer der Mord des deutschen Gesandten
von Ketteler in Peking bestraft worden war. Sie mochten sich daher
sagen, daß es klüger sei, sich nicht an einem Europäer zu vergreifen.